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"Ich bin nur eine von Millionen", sagt Lijana. In diesem Buch geht es also nicht nur um ein Einzelschicksal, sondern um ein Massenphänomen. Der immer weiterwachsende Hass im Netz ist zu einem Spiegelbild für die Zerrissenheit unserer Gesellschaft geworden. Diskussionen auf Social-Media-Kanälen arten oftmals in Beschimpfungen, Beleidigungen und sogar Bedrohungen aus. Der Suizid der österreichischen Ärztin Lisa-Maria Kellermayr in diesem Sommer war ein trauriger Höhepunkt. Auch Lijana hat bis heute mit den Folgen von Cybermobbing zu kämpfen. Durch ihren immensen Mut und dank professioneller Hilfe, hat sie es geschafft, sich zu rehabilitieren. Doch statt sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen, will sie kämpfen, aufklären und verhindern, dass es anderen so ergeht wie ihr. Lijana geht auf eine Interviewreise durch Deutschland und redet mit Betroffenen, Prominenten und Nichtprominenten, mit Psychologen, Polizisten sowie Experten zum Thema "Cybermobbing". Dabei sammelt sie Stimmen und fachkundige Aussagen, Informationen und Hintergründe. Sie will als Cybermobbing-Expertin und Botschafterin für einen neuen Umgang mit dem Thema "Kommunikation im Netz" werben. Verwoben mit ihrer persönlichen Geschichte kommen all diese Stimmen im Buch zu Wort. Eines wird dabei schnell klar: Schweigen ist keine Option. Für keinen von uns. Lasst uns laut sein gegen Hass im Netz!
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Seitenzahl: 300
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Aufgrund der besseren Lesbarkeit haben wir uns in diesem Buch gegen das Gendersternchen entschieden. Dafür verwenden wir abwechselnd und ausgewogen sowohl die weibliche als auch die männliche Form, um anzuzeigen, wie wichtig uns ein diverses Bild unserer Gesellschaft ist. Anderweitige Geschlechteridentitäten werden dabei ausdrücklich mitgemeint.
Originalausgabe
1. Auflage 2023
Verlag Komplett-Media GmbH
2023, München
www.komplett-media.de
E-Book ISBN: 978-3-8312-7143-6
Lektorat: Katharina Theml, Wiesbaden
Korrektorat: Redaktionsbüro Diana Napolitano, Augsburg
Umschlaggestaltung: FAVORITBUERO, München
Umschlagmotiv: © Lars Ternes
Illustration: illuform.de/mwi.one (S. 47)
Layout: Heike Kmiotek, Düsseldorf
Satz: Daniel Förster, Belgern
E-Book-Herstellung und Auslieferung: Bookwire, Gesellschaft zum Vertrieb digitaler Medien mbH, Frankfurt am Main
Dieses Werk sowie alle darin enthaltenen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrecht zugelassen ist, bedarf der vorherigen schriftlichen Zustimmung des Verlags. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das Recht der öffentlichen Zugänglichmachung.
EINLEITUNG
KAPITEL 1: »DIE NÄCHSTE BITTE!«
Was die Generation GNTM ausmacht und wie das Millionengeschäft mit den Emotionen funktioniert
KAPITEL 2: »DU BIST DER GRÖSSTE FICKFEHLER VON ALLEN!«
Wie sich der Hass im Netz multipliziert und warum Menschen und Familien daran zerbrechen können
KAPITEL 3: »DU HAST ES DOCH VERDIENT!«
Wie digitale Gewalt die Seele und den Körper krank macht und warum es so wichtig ist, sich Hilfe zu suchen
KAPITEL 4: LASS DICH NICHT VON JEDEM PFEIL TREFFEN!
Warum Hoffnung so wichtig ist und wie Betroffene ihr Schutzschild stärken können
KAPITEL 5: ICH BIN EINE UNTER MILLIONEN!
Wie Cybermobbing jeden treffen kann und warum wir Diversity besser verstehen und leben müssen
KAPITEL 6: »DAS IST NUR SPASS, DAS BRINGT MIR LIKES!«
Wer die Cybermobber sind und warum Aufmerksamkeit und Applaus ihr Antrieb sind
KAPITEL 7: »TÄTER KONNTE NICHT ERMITTELT WERDEN!«
Warum die Strafverfolgung so schwer ist und was wir alle dafür tun können, damit die Hater vor Gericht kommen
KAPITEL 8: DAVID KANN GEGEN GOLIATH GEWINNEN!
Warum es sich immer lohnt, für die Wahrheit zu kämpfen, und wie Netzwerkbetreiber vor Gericht in die Knie gehen
KAPITEL 9: »DAS IST DOCH NUR MEINE MEINUNG!«
Warum die Stimme Jugendlicher mehr zählen muss und wie politischer Hatespeech unsere Demokratie gefährdet
KAPITEL 10: »DU FÄRBST AB!«
Wie gefährlich es ist, Rassismus zu ignorieren, und warum wir auf rechten Hass im Netz reagieren sollten
KAPITEL 11: ES GEHT NICHT NUR UM MEDIENKOMPETENZ
Warum Prävention an Schulen viel wichtiger sein sollte und wieso Eltern Verantwortung übernehmen müssen
KAPITEL 12: LOVE ALWAYS WINS! DER WEG NACH VORN
Warum wir nur gemeinsam den Kampf gegen Cybermobbing gewinnen und wie Selbstliebe ein Schlüssel dafür sein kann
EPILOG
AUFKLÄREN, BERATEN, HELFEN: Anlaufstellen für Cybermobbing
GLOSSAR
DANK
ANMERKUNGEN
Ich wurde in den vergangenen Jahren oft gefragt, warum ich ausgerechnet im Finale von »Germanys Next Topmodel« freiwillig ausgestiegen bin, so nah am Ziel. Woche für Woche hatte ich mich in der Castingshow von Heidi Klum vor einem Millionenpublikum gegen die anderen Teilnehmerinnen durchgesetzt, um dann eben nicht die Chance auf eine Modelkarriere zu ergreifen. Was die meisten Zuschauerinnen und Zuschauer nicht wussten: Ich hatte Monate der tiefsten Verzweiflung hinter mir. Nie war ich weiter von mir und meinem Traum entfernt als in dieser Zeit. Mich hatte etwas getroffen, das ich mir nie hätte vorstellen können.
Abgrundtiefer Hass.
Ich war ein Opfer von Cybermobbing geworden, und das vor laufender Kamera. Ein wütender Mob fiel im Netz über mich her. Auch wenn mich die Hasswelle überrollt und mitgerissen hat, sie hat mich nicht zerstört. Doch was ich erlebt habe, ist kein Einzelfall. Millionen anderer Menschen in Deutschland passiert es täglich.
Mein Ausstieg aus GNTM war aber alles andere als ein Rückzug, ein Einknicken vor den gesichtslosen Angreifern aus dem Netz. Es war ein Befreiungsschlag, der mein Leben verändert hat. Ich wollte ein Zeichen setzen gegen Cybermobbing. Ich habe den schweren Mantel der Häme, den ich auch auf diesem Buchcover trage, im Finale abgelegt, um zu zeigen, dass Hass besiegbar ist.
Meine Geschichte soll allen Betroffenen Mut machen und zeigen, dass es einen Weg aus der Spirale gibt. Aber sie ist auch ein Weckruf.
Nach GNTM habe ich mich in den vergangenen Jahren auf den Weg gemacht, um zu verstehen, wie gefährlich Cybermobbing wirklich ist, was es mit dem einzelnen Menschen, aber auch mit unserer Gesellschaft macht. Wir brauchen mehr Awareness. Mich trifft es schon nicht, denken die meisten.
In diesem Buch begebe ich mich auf eine Reise quer durch Deutschland, führe Gespräche mit Betroffenen, anderen Cybermobbing-Aktivistinnen, Influencern, Expertinnen, Psychologen und Politikerinnen, denn Cybermobbing ist ein Problem mit vielen Facetten, das nur ganzheitlich gelöst werden kann. Längst zeigt sich die zersetzende Wirkung an den Pfeilern unserer Demokratie. Die Zeit der Pandemie wirkte dabei wie ein Brandbeschleuniger.
Wenn wir die perfiden Mechanismen hinter diesem digitalen Hass-System erkennen, können wir gemeinsam dagegen angehen. Das Netz ist keine virtuelle Welt, sondern es ist real und greift direkt in unser Leben ein. Genau das müssen wir alle endlich begreifen.
Es ist Zeit für eine Gegenbewegung. Dies ist ein Buch der Hoffnung. Lasst uns alle laut sein gegen Hass im Netz.
Love
always wins!
Julia (17) steht hilflos in der Garderobe und wartet auf Anweisungen.
»Ich hatte noch nie was mit so einer Fashion Show zu tun (…) das war alles so Neuland.«
Kurz vor der Show erklärt Julia dem Modedesigner Julien Macdonald, dass sie noch kein Kleid bekommen hat.
»Sometimes I am afraid to say – models are not the most intelligent of creatures.« (Tut mir leid, das zu sagen, aber manchmal glaube ich, dass Models nicht die intelligentesten Kreaturen sind.)
Nina-Sue läuft wackelig über den Catwalk und rutscht in den High Heels. Eine bekannte Hollywood-schauspielerin sitzt im Publikum neben Heidi Klum:
»She needs to stop it, otherwise she is going to hurt herself.« (Sie muss aufhören, sie wird sich noch selbst verletzen.)
Heidi Klum:
»I am not supposed to laugh but I don’t know what to do. Och, die Arme!« (Ich darf nicht lachen, aber ich weiß nicht, was ich sonst tun soll.)
Nina-Sue kommt zurück in den Backstage-Bereich. Nikeata Thompson:
»Da ist Öl auf deinen Füßen, Schatz. Das geht nicht. Leute, ihr dürft eure Füße niemals einölen.«
Nina-Sue im Interview:
»Ich hoffe natürlich, dass die Jury weiß, dass das irgendwie an den Schuhen gelegen hat.«
Heidis Stimme:
»Ausreden zählen heute nicht, es gilt zu überzeugen.«
Bei der Entscheidung stehen Lijana und Nina-Sue vor Heidi Klum.
»Also, es war ganz schlimm, nicht zu lachen, man will ja auch nicht lachen, weil ich fühle ja auch mit dir. Aber das war wie so eine ulkige Comedyshow.«
»Du wusstest doch, worauf du dich einlässt.« Diesen Satz habe ich ständig gehört, so oft, dass ich es kaum noch zählen kann. Habe ich es wirklich gewusst? Noch heute denke ich an den Sommermorgen, als ich in den kleinen weißen Fiat mit dem roten Dach gestiegen bin. Meine Mutter saß aufgeregt hinter dem Steuer, um mich zum ersten Casting zu fahren. Germanys Next Topmodel. Davon träumen doch jedes Jahr Millionen junge Mädchen und junge Frauen, und keine von ihnen empfindet dabei Angst und Schrecken. Ganz im Gegenteil. Ich war hoffnungsvoll und auch voller Vorfreude und Neugier. Dass mir in wenigen Monaten tausendfach der Tod an den Hals gewünscht werden sollte, war in diesem Moment außerhalb meiner Vorstellungskraft. Und hätte es meine Mutter nur im Ansatz geahnt, wäre sie postwendend nach Kassel zurückgefahren.
Ich gehöre zur Generation GNTM. Wie eine Bombe schlug damals »Germanys Next Topmodel« in unsere Kinderzimmer ein. Ich war keine zehn Jahre alt, als die erste Staffel lief. Cinderella war out, meine Tagträume galten dem Laufsteg. Täglich plünderte ich den Kleiderschrank meiner Mutter, schlüpfte in übergroße Pullis und Klamotten. Vor dem Spiegel machte ich eine Drehung, stolperte über die zu großen High Heels, konzentrierte mich aber aufs Posen. »Auch wenn du umknickst, nichts anmerken lassen«, das hat doch Heidi immer ihren »Meedchen« eingeprägt. Schmerzen muss man ertragen lernen. Ich erinnere mich noch, wie Lena Gercke damals gewonnen hat. Mit ihren kurzen blonden Haaren im knappen weißen Westchen zum Minijeansrock knallte sie damals vom quietschgelben Cover der Cosmopolitan der Welt entgegen und läutete so eine neue Ära ein. Was Lena war, wollten plötzlich alle sein: ein GNTM. Yvonne Schröder und Jennifer Wanderer holten in den Jahren danach den Titel. Wie Lena waren sie allesamt 17 Jahre alt. Also kaum älter als ich. Meine kindlichen Augen saugten alles ein, hinterfragten nichts. So sehen Siegerinnen und moderne Prinzessinnen aus, dachte ich nur. Sie alle drei sind berühmt geworden, einfach nur durch das, was und wie sie sind, davon war ich überzeugt.
Nach Los Angeles, New York, Berlin oder in die Karibik jetten, die neuesten Kreationen berühmter Modedesigner tragen, erschien mir als das große Los. Und GNTM war ansteckend. Auf Klassenfahrten haben wir Catwalks und Challenges inszeniert. Selbst die Jungs in meiner Klasse hatten keine Scheu, mitzumachen. Ich war mir sicher, das ist keine Traumwelt, sondern eine Chance auf Ruhm. Warum darauf warten, dass sich ein Modelscout nach Kassel verirrt und mich auf der Straße oder im Club entdeckt, wenn man doch nur zu einem Casting hinfahren muss? Heidi hatte für uns das bisher Unmögliche greifbar gemacht. Nebenwirkungen waren damals nicht zu erahnen.
Mit dem Startschuss von GNTM begann noch eine andere Revolution. Denn in dem Jahr, als Lena das erste GNTM-Model wurde, kam das iPhone auf den Markt. Es eröffnete intuitiv per Touchscreen ein neues Universum der Bilder, Videos und kurzen Worte. Schon 2008, ein Jahr danach, warnten Apple-Investoren in einem offenen Brief vor der Sogkraft dieses Smartphones und der Social-Media-Nutzung auf Jugendliche.2 Damals interessierte es kaum jemanden. Warum auch? Social Media versprach ein Riesengeschäft. In der Zeit, als Marc Zuckerberg mit Facebook an die Börse ging, für eine Milliarde Dollar den Fotodienst Instagram und wenig später auch WhatsApp aufkaufte, schalteten regelmäßig rund drei Millionen Zuschauer ein, wenn GNTM wöchentlich im Fernsehen lief.3 Und ich war auch immer dabei. Irgendwann hatte jeder Teenie ein Handy mit Kamera, mit der jedes Mädchen seine GNTM-Show drehen und in die digitale Welt posten konnte. Stylen, Schminken, Shooten und Selfies für Snapchat, Insta und TikTok sind seitdem fest in unseren Alltag zementiert.
Ich war 17 Jahre alt, als ich endlich durchstarten wollte. Ich stach schon damals mit meinen 1,80 Meter aus der Masse heraus, war immer die Größte. Sportlich, schlank, eine wilde dunkle Lockenmähne, sprich gute Voraussetzungen, um entdeckt zu werden. Und so meldete ich mich spontan bei einer Misswahl an. Da stand ich nun auf einer Bühne mit rotem Teppich, mitten in einem fünfstöckigen Einkaufszentrum in Kassel. Menschen hasteten mit vollen Einkaufstüten vorbei, Eltern beruhigten auf der Rolltreppe ihre weinenden Kinder, während wir in Bademäntel eingehüllt vor einer Reihe von Spiegeln geschminkt wurden. Auch wenn es nicht die Bretter der Welt waren, war ich fest davon überzeugt, jetzt geht es um was.
Jede von uns Teilnehmerinnen hatte einen Zettel mit einer Zahl bekommen. Ich hielt ihn fest in meiner Hand. Die Nummer »12« war für mich wie die Eintrittskarte zu etwas Neuem und Aufregendem. Der Choreograf, ein Mittvierziger in Lederblouson, wies uns forsch ein: »Alle ungeraden Zahlen bitte nach links, wer eine gerade Zahl hat, der geht nach rechts.« Die junge Frau neben mir schaute hilflos umher. »Was ist denn eine gerade oder ungerade Zahl? Woran merke ich das«, fragte sie schüchtern. Der Mann schaute sie nur ratlos an und sagte knapp: »Wie? Steht da doch.« Ich erklärte ihr leise, wenn sie eine Zahl durch zwei teilen könne, dann sei es eine gerade Zahl. Sie bedankte sich. Erst da verstand ich, dass sie diese einfache mathematische Grundregel wirklich nicht kannte. Sie kam nicht aus Kassel, sondern gehörte zu den vielen jungen Frauen, die jeden Frühling umherreisten, von Stadt zu Stadt, um an Misswahlen teilzunehmen. Monatelang zog sie wie eine Nomadin im Tüllkleid dem Komitee hinterher, getrieben von der unbestimmten Hoffnung, endlich als Erstplatzierte ein glitzerndes Krönchen tragen zu dürfen.
Wir liefen eine nach der anderen den Laufsteg vor einer vierköpfigen Jury auf und ab, jede von uns musste ihren Plan fürs Leben in zwei Sätze packen. Als die Kandidatin neben mir dran war, verschwand ihre Unsicherheit auf Knopfdruck, sie lächelte mit ihren gebleachten Zähnen und sprach mit fester Überzeugung: »Ich will Medizin studieren und Leben retten.« War das wirklich die junge Frau, die ungerade von geraden Zahlen nicht unterscheiden konnte? Ich war perplex und verstand, hier geht es gar nicht um die Wahrheit. Das hier war Show. Und alle wollten mindestens den Weltfrieden herbeiführen oder den Hunger auf der Welt abschaffen.
Neben ihr machte ich eher eine unglückliche Figur und kam mir wie in einer Sitcom vor. Die Stylistinnen hatten sich an meinen Locken ausgetobt und mir eine absurde Frisur mit drei roten Zacken verpasst, die mit Tonnen Haarspray fixiert worden waren. Ich fühlte mich wie ein Alien zwischen den ganzen Glamourgirls und zupfte ständig an meinem zu engen Kleid herum. Umso überraschter war ich, als ich zur Siegerehrung auf die Bühne kommen sollte. Ich? Vize-Miss-Kassel? Ich war ganz außer mir. Meine Mutter jubelte mir aus der ersten Reihe zu, als ich die royalblaue Scherpe umgelegt bekam. Auf der Treppe zum Podest fragte mich eine der anderen Siegerinnen: »Du hast ja eine schöne Bräune. In welches Solarium gehst du?« Ich war völlig irritiert, denn das war sicher die letzte Frage, mit der ich in diesem Moment gerechnet hatte. »Ich habe noch nie ein Solarium von innen gesehen«, entgegnete ich lachend. »Mein Vater kommt aus Uganda.« Und erst als ich diese Worte sagte, fiel mir auf, dass ich die einzige dunkelhäutige Teilnehmerin war, ich war eine Schwarzhaarige unter lauter Blondinen und Brünetten.
Als Zweitplatzierte hatte ich mich automatisch für die Miss-Hessen-Wahl qualifiziert. Und so fand ich mich ein paar Monate später auf einem roten Teppich in einem Einkaufszentrum wieder, diesmal in Wiesbaden. Hier war nichts mehr freundlich, es herrschte ein scharfer Ton zwischen den Bewerberinnen. Keine gönnte der anderen die Butter auf dem Brot, denn die Gewinnerin zog in den Wettbewerb für »Miss Germany« ein. Der Ehrgeiz stand jeder auf die Stirn geschrieben. Eine schicke Brünette ergatterte schließlich den ersten Platz. Sie hatte die ganz Zeit vor ihrem Auftritt stocksteif hinter der Bühne gesessen. Vor Aufregung lief ihr der Schweiß herunter, und sie hatte sich in der Not Papiertaschentücher unter die Achseln geklemmt. Kurz vor ihrem Auftritt schmiss sie diese gekonnt in den Müll und lief strahlend locker auf die Bühne. Ich war damals die Jüngste unter den zwölf Anwärterinnen und wieder die Einzige mit dunkler Hautfarbe. Den ganzen Tag musste ich grinsen, Bühne rauf und runter. Vor lauter aufgesetztem Lachen zitterte bereits mein Gesicht, und ich hatte einen Tag später Wangenschmerzen. Ich wusste gar nicht, dass man auch an diesem Köperteil Muskelkater bekommen kann. Danach beschloss ich, nie wieder zu einem Schönheitswettbewerb zu gehen. Denn Persönlichkeit zu zeigen, war wohl eher unerwünscht.
Erst Jahre später, ich studierte bereits Mathe und Deutsch in Kassel, war ich auf einer dieser angesagten GNTM-Partys. Jeden Donnerstag traf man sich, trank Cocktails, aß Quiche und lästerte über die »Meedchen« und Heidi. Thomas Gottschalk war damals Gastjuror, und als Heidi den »Wetten, dass …«-Moderator fragte, was er vom Finale halte, sagte er nur knapp: »Das ist doch alles Kinderfasching.«4 Er tat uns leid. Das einzig Erstaunliche an diesem Abend war, dass diejenige, die am meisten während der Staffel einstecken musste, zu Germanys Next Topmodel gekürt wurde. Simone Kowalski, auch Simi genannt, wurde monatelang von ihren Mitbewerberinnen gemobbt. Gegenüber der Presse gab sie später zu, dass mit allen Mitteln gegen sie geschossen wurde. »Ich weiß bis heute nicht, wie ich das ausgehalten habe.«5 Später erst erzählte sie mir, dass sie in dieser Zeit psychisch und physisch am Ende war. »Ich kam gesund in die Show und wurde krank«, postete Simone in ihren Instagram-Account. Außer ein paar unterstützenden Worten von Heidi Klum wäre vom Sender nicht viel gekommen.
Doch damals beim Finale war mein erster Gedanke nur: Heute Abend ist ein junger Modelstar geboren. Ich fand Simi mit ihren wilden Locken nicht nur bildschön, ich hatte auch enormen Respekt vor einer Frau, die trotz starker Dauerschmerzen und Dauermobbing eisern durchgehalten hatte. Ich gönnte ihr den Triumph. Denn was hatte sie schon getan? Sie war ehrgeizig. Und? Das ist doch definitiv noch kein Grund, sie auszugrenzen oder zu beschimpfen. Starker Wille wird doch normalerweise belohnt. Ist das nicht das Prinzip unserer Leistungsgesellschaft?
Damals war Simis Story keine Warnung, sondern eine Heldinnengeschichte. Und so dachte ich mir nichts, als ich wenige Monate später in den Fiat stieg. Wenn nicht jetzt, wann dann, dachte ich mir. Und so setzte ich mich mit nassen Haaren, im Jogginganzug, ungeschminkt und mit einer Tasche voll Büchern zum Lernen auf die Hinterbank und büffelte während der Fahrt Formeln für eine Matheprüfung. Es fühlte sich eher wie ein Sonntagsausflug an. Erst kurz vor der Ankunft zog ich mich um und verwandelte mich auf den viel zu engen Rücksitzen in ein Model in spe.
Wir waren fast die Letzten. Hunderte hübscher junger Frauen standen in einer Linie vor mir. Immer wieder hatte Heidi im Fernsehen betont, dass man doch möglichst neutral zu einem Casting kommen solle. Doch das hatte ich wohl verdrängt. »Lijana, du siehst so anders aus als die anderen«, meinte meine Mutter ganz nervös. Und so stand ich in einem kurzen Schwarzen, bauchfrei und mit High Heels in einer ewig langen Schlange mit jungen Frauen, die fast ausnahmslos Jeans mit weißen T-Shirts trugen. Das sind die Momente, wo man noch nicht weiß, ob man sich wohl oder unwohl fühlt. Ich bin zumindest aufgefallen, so wie ein schwarzer Elefant zwischen lauter blauweißen Zebras.
Es wurde Nachmittag. Die Schlange wurde langsam kürzer, die meisten kamen nach nur wenigen Minuten wieder aus dem Hotel heraus, einige fingen an zu weinen. Ermutigend war das nicht. Langsam rückte ich vor, und wir gingen schließlich in einer Fünferreihe in den Castingraum, wo hinter einem weißen Tisch zwei Frauen und zwei Männer saßen. »Hallo, ich bin Anna«, sagte das junge Mädchen rechts außen mit schüchterner Stimme. »Danke, Nächste bitte«, sagte eine der beiden Frauen und legte eine Akte beiseite. Dann kam ich dran. »Ich heiße Lijana.« Ich erzählte einfach drauflos, von meiner Patchworkfamilie, der Misswahl und meinem Hund. »Lijana nach rechts, alle anderen können gehen«, unterbrach mich eine der Frauen.
Ich verstand sofort. Mir blieben nur wenige Momente, um sie komplett von mir zu überzeugen. Also legte ich los mit allem, was mir interessant erschien. Während ich erzählte, blickte ich in vier starre Gesichter. Ihre Blicke wanderten von oben nach unten, zwischendurch machten sie Notizen. »Wenn man die Jüngste von fünf Geschwistern ist, lernt man, laut zu sein, damit man gehört wird«, sprudelte es aus mir heraus. Es war nur ein leises Zucken im Mundwinkel, ein schiefes Lächeln, das ich erst viel später richtig verstehen sollte. »Wo warst du all die Jahre?«, meinte einer der beiden Männer. In dem Moment war mir klar, ich bin weiter.
Danach folgten stundenlange Telefongespräche. Ich wurde genau ausgefragt, durchleuchtet. Mit welchen Typen kommst du nicht zurecht? Warum würdest du dich mit anderen streiten? An welchen Stellen wirst du laut? Wen mochtest du gar nicht in den letzten Staffeln? Wann bist du richtig zickig? Ich fragte mich die ganze Zeit, was das eigentlich mit Modeln zu tun hat. Es klang eher so, als ob man ein Psychogramm von mir erstellen wolle. Es ging nicht nur um meine Ex-Freunde oder ob ich Angst vor Kakerlaken habe, sondern um meine Verhaltensmuster. »Ich fange an zu streiten, wenn ich Ungerechtigkeiten sehe«, antwortete ich. Zu der Zeit glaubte ich ernsthaft, dass ich die Rolle der großen Schwester zugewiesen bekomme, die anderen hilft.
Einen Monat später stand ich mit gefühlt tausend jungen Frauen bei elf Grad und Regen im Münchener Olympiastadion. Manche bibberten in bauchfreien T-Shirts vor sich hin. Wieder einmal sollten wir in Fünferreihen zum Ausmustern auf den Laufsteg auf Heidi Klum und den Modedesigner Julien Macdonald zulaufen. Sie saßen auf diesen berüchtigten Castingstühlen. Interessanterweise war Heidi für mich der normalste Mensch in der ganzen Menge. Sie erschien mir nicht wie der Star, den wir seit zig Jahren über den Bildschirm verfolgt hatten, sondern eher wie eine freundliche Tante, mit der ich mich zu Kaffee und Kuchen treffen könnte. Sie hatte Falten wie jede andere Endvierzigerin auch, versprach sich ab und zu und saß auch im Nieselregen wie wir alle. Es fühlte sich schon da wie eine Parallelwelt an, als sie schließlich zu mir sagte: »Dann sehen wir uns morgen zur Entscheidungsshow.« Ab da war es wie ein Sog, der mich in die GNTM-Welt hineinzog. Wir waren 38 junge Kandidatinnen, die am nächsten Abend zum ersten Mal gegeneinander antraten. Am Set schwirrten zig Menschen um uns herum. Kamerateams, Aufnahmeleiter, Lichttechniker, Stylisten. Überwiegend Männer. Saß ich gestern noch mit meinen Kommilitoninnen im Hörsaal, hatte ich heute die Hand von einem Tontechniker im Dekolleté, der mich verkabelte. Gefühlt waren überall Männerhände. Darauf war ich nicht vorbereitet. Und Zeit zum Nachdenken gab es auch nicht. Auf Knopfdruck musste ich meine Scham abstellen, als ich mich vor Macdonald bis auf die Unterwäsche auszog, um mich in eine schillernde Figur zu verwandeln. Ich musste für ihn wie eine leere Leinwand sein. Er, der doch als weltbekannter Designer ansonsten nur Stars vor Augen hat.
Das hatte nichts mehr mit den Misswahlen im Einkaufszentrum zu tun. Jetzt war ich drin in dieser Glitzerwelt. In mir stieg ein Gefühl von Überforderung auf. Denn ab da klebten Kameras im wahrsten Sinne an meinem Arsch. Ich kann mich nicht mehr erinnern, dass wir jemals gebrieft wurden. Die Kamera ging einfach an, und wir mussten auf das reagieren, was gerade passierte. Jedes Mal, wenn mir klar wurde, dass alles, was ich jetzt mache, später Millionen Menschen sehen, stieg Nervosität in mir auf. Doch ich selbst musste am Eingang mein Handy abgeben, damit ich nichts filmen oder aufnehmen konnte. Aber ich war auch abgeschnitten. In dieser Blase dreht sich alles nur um eins: GNTM! Es existiert nichts anderes. Am Set durften wir nicht einmal auf Toilette, ohne zu fragen.
Der Ausschnitt des weißsilbrigen Bodys ging mir bis zum Bauchnabel. Extrem viel nackte Haut, dachte ich nur kurz. Ein Zurück gab es aber eh nicht mehr. Wir standen auf der Treppe, die zum Catwalk hochführte. Das war kein Casting wie gestern, sondern da saß Publikum, alles wurde gefilmt und dokumentiert. Die Kandidatinnen waren extrem angespannt, mir schlug das Herz bis zum Hals. Ausgerechnet jetzt kamen noch einmal mehrere Stylisten und cremten einigen Kandidatinnen die Füße ein. Wir waren so mit uns beschäftigt, dass wir dem Vorfall erst keine Aufmerksamkeit schenkten. Später im Gerichtsverfahren wird es heißen: »Das war nur Bräunungscreme.«6 Wir dachten, das müsse so sein. Zu mir kam niemand. Als ich hinaustrat, traf mich das gleißende Licht der Scheinwerfer, es war so, als ob du ins Fernlicht eines Autos reinschaust und nicht sehen kannst, was links und rechts ist. Ich lief los und dachte an nichts, hatte nur Angst, das Ende des Laufstegs zu verpassen.
Eine der Teilnehmerinnen mit den eingecremten Füßen war Nina-Sue. Sie hatte einen Traum in Schwarz an und High Heels mit Silber. Als sie auf den Laufsteg ging, konnte sie kaum einen Schritt vor den anderen setzen, so wenig Halt fand sie in ihren Schuhen. Es tat weh, ihr zuzuschauen, wie verkrampft ihre Füße Halt suchten und wie sie versuchte, nicht auszurutschen. Heidi konnte sich ein Lachen nicht verkneifen, während ihre Sitznachbarin, eine bekannte Hollywood-Schauspielerin, Angst hatte, dass sich Nina-Sue verletzen könnte. Die Kameras hielten direkt auf Nina-Sues Füße. Und Millionen Menschen vor dem TV-Bildschirm sollten genau diese Szene in ein paar Monaten sehen. Doch Nina-Sue blieb standhaft, zog es durch, stakste unelegant, aber tapfer über den Catwalk. Innen drin hätte sie nur tiefe Scham empfunden, erzählte sie mir später. Ich dachte nur, das hätte auch mit Schmerzen enden können.
Es war zwei Uhr nachts, als Nina-Sue und ich nach einer gefühlten Ewigkeit zur Entscheidung vor Heidi antreten sollten. Nina-Sue war sehr niedergeschlagen, hatte das Gefühl, sich vor ganz Deutschland blamiert zu haben. Trotz allem war ich froh, weiterzukommen. Ich dachte, ich muss mich doch glücklich schätzen. Dabei wurde ich nur zu einem Teil einer lukrativen Traumfabrik, eines Bombengeschäfts einer Werbetrommel für die Mode- und Kosmetikbranche. Wenn man den veröffentlichten Zahlen glauben darf, kassiert der Fernsehsender Pro 7 rund vier Millionen Euro mit den fast 90 Werbeclips während einer Sendung. Eine Staffel spült angeblich bis zu acht Millionen Euro auf das Konto von Heidi Klum.7 Teilweise pilgerten in den Jahren zuvor bis zu 15 000 Frauen und Teenager zu den bundesweiten Vorcastings, angetrieben von der Hoffnung auf eine Modelkarriere. Doch wenn die Träume junger Menschen das Kapital dieser Sendung sind, warum wird nicht mehr in den Schutz der Teilnehmerinnen gesteckt? Ein Gärtner schaut doch auch auf seine Blumen, deckt das Beet ab, um es vor Ungeziefer zu schützen. Wir waren ja nicht nur im Fernsehen, sondern sind auch dauerhaft im Internet präsent. Jede Szene ist abrufbar, selbst heute kann ich mir Lena Gerckes Sieg beim Frühstücken auf YouTube anschauen. Nur Lena hatte damals noch keinen Instagram-Account. Heutzutage bekommt jede, die es bis auf den GNTM-Laufsteg geschafft hat, auch ein GNTM-Profil auf unterschiedlichen Social-Media-Kanälen. Der direkte Draht zum Zuschauer ist zeitgleich ein Barometer für die Beliebtheit der angehenden Models.
Damals habe ich mir keine Sorgen gemacht, wohin das führen könnte. Doch heute beschäftigen mich viele Fragen. Sollte man nicht schon vor dem ersten Walk die Teilnehmerinnen mental vorbereiten? Bräuchten sie mehr Zeit zum Überdenken? Wer klärt sie über Mobbinggefahren wie bei Simi und mir auf? War ich vielleicht nur ein Kollateralschaden? Diese Gedanken schwirren mir jedes Mal durch den Kopf, wenn wieder eine neue Staffel von GNTM anläuft. Doch um Antworten zu finden, muss ich mehr über die Mechanismen von Realityshows wissen. Als ich mit der Medienwissenschaftlerin Claudia Töpper spreche, wird mir bewusst, dass hinter diesem Format eine eigene Logik steckt, ein Geschäft mit den Gefühlen der Teilnehmerinnen und der Zuschauer. Töpper hat ihre Doktorarbeit über »Affektökonomie« am Beispiel von GNTM im Rahmen eines Sonderforschungsprojekts an der FU Berlin geschrieben und dafür die GNTM-Staffel von 2016 analysiert. Ich will von ihr wissen, wie die Wechselwirkung zwischen der Sendung und den Zuschauerreaktionen im Netz ist:
Im medienwissenschaftlichen Kontext verstehen wir unter Affekt etwas, das zwischen Fernsehsendung und Zuschauenden entsteht und sie körperlich berührt. Fernsehsendungen wie GNTM können sehr unterschiedliche körperliche Empfindungen wecken, wie beispielsweise Ekel oder Gänsehaut. Durch das Zusammenspiel bestimmter filmischer Mittel – also zum Beispiel Musik, Großaufnahmen, Dialoge –, können beim Publikum körperliche Reaktionen entstehen. Das bedeutet nicht, dass alle Zuschauenden gleich reagieren. Vielmehr wird ihnen damit ein Interpretationsangebot gemacht. Ob man sich dann tatsächlich ekelt oder beispielsweise gruselt, hängt mit individuellen Erfahrungen zusammen. Sendungen wie GNTM versuchen also nicht nur, Emotionen auszustellen, sondern auch beim Publikum zu erzeugen und es körperlich zu bewegen, beispielsweise damit Zuschauende auch über die Sendung hinaus in sozialen Medien über die Sendung reden. Dabei geht es dann vor allem um Bewertungen des Gesehenen. Die Inhalte werden mit bestimmten Attributen auf- oder abgewertet. Das führt wiederum zu Interaktion in sozialen Medien. Je mehr Bewertungen vorgenommen werden, je mehr die Inhalte geklickt und geteilt werden, desto mehr Aufmerksamkeit und Profit wird generiert. Auf diese Weise entsteht etwas, das wir als »mediale Affektökonomie« bezeichnen.
Die Zuschauer sehen 13 Wochen lang zu, wie sich junge Frauen in Models verwandeln. Es ist ein offenes Geheimnis, dass eine Show wie GNTM ohne Konflikte langweilig ist. Entsprechend sorgen unterschiedliche dramaturgische Mittel dafür, dass die Sendung für Zuschauende spannend bleibt. So leben die Kandidatinnen für die Show beispielsweise räumlich abgeschottet in einer Villa. Dort müssen sie sowohl miteinander kooperieren als auch konkurrieren. Das erzeugt Stress und Druck. Ziel ist es, möglichst starke emotionale Ausdrücke und Verhaltensweisen der Kandidatinnen zu provozieren. Im besten Fall münden diese dann in sogenannten »money shots«. Der Begriff kommt eigentlich aus der Pornografie, bedeutet aber nichts anderes, als dass Kandidatinnen möglichst emotional zusammenbrechen, ihnen die körperliche Kontrolle entgleiten und Tränen fließen sollen. Dahinter steckt ein ökonomisches Kalkül, denn diese Szenen lassen sich als »Affektgeneratoren« wiederum über soziale Medien vermarkten.
GNTM lebt von der Inszenierung und Erzählung der Transformation. Um Models zu werden, müssen die Kandidatinnen unterschiedliche Aufgaben bewältigen. Diese sind jedoch bewusst paradox angelegt. So sollen die Teilnehmerinnen beispielweise einerseits selbstbewusst und mutig sein, aber nicht zu viel. Sie sollen freizügig sein, aber nicht zu sexy. Diese Paradoxien sind es, die dazu führen, dass die Zuschauer die Kandidatinnen genau beobachten, wie sie sich in diesen unvereinbaren Widersprüchen verhalten und damit auseinandersetzen. Dabei geht es auch um Regeln des Emotionsausdrucks und des emotionalen Verhaltens. Vor allem verhandelt werden dabei die Emotionen Scham, Neid, Enthusiasmus und Angst. In der Staffel 2016 und auch 2020 wurde besonders Neid thematisiert. Innerhalb der Wettbewerbslogik von GNTM ist Neid ein Garant für Konflikte. Denn trotz des enorm hohen Konkurrenzdrucks soll man den anderen jeden Erfolg gönnen. Dies führt jedoch zu unauflösbaren Widersprüchen. Diese nicht zu vereinbarenden Anforderungen stellen nicht nur ein dramaturgisches Erzählprinzip der Sendung dar, sondern sollen auch Zuschauende bewegen, das Verhalten der Kandidatinnen zu bewerten.
Im Rahmen meiner Analyse hat sich gezeigt, dass vor allem die Inszenierung von »Spielverderberinnen« viele Reaktionen in sozialen Medien hervorruft. Wenn sich Kandidatinnen zum Beispiel nicht den für das Format festgelegten Spielregeln und Emotionsregeln entsprechend verhalten, werden sie als »Spielverderberinnen« wahrgenommen und auch so bewertet. In der Staffel, die ich untersuchte habe, gab es zum Beispiel eine Muslima, die sich nicht vor der Kamera ausziehen wollte. Damit stellte sie die für das Format festgelegten (Spiel-)Regeln infrage. Doch wenn man in GNTM für seine Haltung einsteht wie diese junge Frau, kann es passieren, dass man als »Spielverderberin« dargestellt wird. Wiederkehrend werden dabei manche Kandidatinnen als diejenigen inszeniert, die die Regeln nicht einhalten, lustlos sind oder überambitioniert. Interessant ist, dass die für das Format geltenden Regeln von den Zuschauenden bei ihren Reaktionen auf Facebook überwiegend übernommen werden. Die Kommentierenden mögen es also gar nicht, wenn eine Kandidatin nicht den festgesetzten GNTM-Regeln wie beim Nacktshooting oder Umstyling folgt. Das Verhalten der »Spielverderberin« wird dann abgewertet.
Es gab in Staffel 2016 eine Szene, in der der Freund einer Kandidatin schockiert auf die neue Kurzhaarfrisur nach dem Umstyling reagiert hat. Auf Facebook haben sich die Zuschauenden über ihn lustig gemacht und ihn verspottet. Das wiederholte sich, und die Kommentierenden sorgten so für eine Verbreitung der Sendungsinhalte. Auch wenn es sich nicht um Hasskommentare handelt, aber Spott ist abwertend und wirkt extrem negativ. Die User werden so zu Kommentatoren und Co-Produzenten der Show, die das Bild einer Kandidatin festigen.
Doch warum schauen wir uns Jahr um Jahr wieder GNTM an? Was macht die Faszination aus, frage ich mich. Ein Radio-Interview mit Professorin Margreth Lünenborg bringt es auf den Punkt: ›Wie der Zoff zwischen denen wohl ausgeht?‹ ›Ob die da noch mal so giftig reinspritzt?‹ ›Wie kann die sich das erlauben?‹ Alles das sind Reaktionen, die wir auf Seiten der Zuschauenden erleben«, erklärt die Kommunikationswissenschaftlerin. »Es geht also um das Ausleben der eigenen Gefühle.« Manchmal würden die Zuschauer sogar schon losjubeln, bevor die Models auf dem Bildschirm es tun. Es sei wie eine tiefe Prägung bis hinein in unsere Körper.8 Was das System GNTM mit meinen Emotionen und denen der Zuschauer macht und welche fatalen Folgen das haben kann, sollte mir in den Wochen danach erst richtig bewusst werden.
Lijana hat ein Gesicht wie ein Gaul.
Dich sollte man mal vermöbeln.
DICH KANN MAN NUR HASSEN!
DU WIDER-WÄRTIGER MENSCH!
Wenn ich dich mal auf der Straße treffe, werde ich dir ins Gesicht schlagen.
Egoistisches Schwein.
ICH SCHLAGE DIR IN DIE FRESSE, DU HURE!
Deine ganze Familie gehört in Therapie.
Bring dich einfach nur um!
Hasskommentare aus allen Social-Media-Kanälen, Nachrichten usw. und DM (Direct Message), die Lijana bekommen hat.
Stell dir vor, du machst dein Smartphone an, und nichts ist mehr so, wie es vorher war. »Ich habe noch nie einen so ekelhaften Menschen wie dich gesehen«, war der erste Kommentar, den ich las. Ich las ihn, aber verstand ihn gar nicht. Es war so, als ob dir jemand einfach so eine Ohrfeige gibt und du erst mal realisieren musst, dass du gerade geschlagen worden bist.
Zehn Stunden hatte der Flug nach Jamaika gedauert. Die Staffel war Anfang März abgedreht, und als Einstimmung auf die letzte große Show sollte ein Magazinbeitrag für die Sendung RED gedreht werden. Ich konnte es kaum glauben, ich gehörte zu den vier Finalistinnen. Vier Monate war ich in der GNTM-Blase versunken. Die letzten zwei Monate hatte ich nichts mehr von der Außenwelt mitbekommen. Ich hatte kein Handy, kein Internet, keine Nachrichten. Während ich in den Wolken unterwegs war, flimmerte in Deutschland die vierte Folge über die Bildschirme, und die Redaktion hatte einen neuen Post auf meinem Instagram-Kanal veröffentlicht. Jetzt stand ich mitten in der Nacht in einem verlassenen Flughafen, fühlte mich wie ein Stern, der vom Himmel gefallen und am Boden in Millionen Teile zersplittert ist, und schaute wie erstarrt auf das Smartphone. Es waren Tausende Meldungen. Ob Instagram, Twitter, Facebook, TikTok – aus allen Kanälen schoss gefühlt nur noch Häme und regelrecht Hass auf mich ein. Und ich wusste nicht, warum.
Zwei Wochen zuvor war meine Schwester noch am Set in L. A. gewesen, sie wurde extra für einen inszenierten Überraschungsbesuch bei GNTM eingeflogen. »Lijana, du bist momentan die Beliebteste in der Staffel, du bekommst nur positives Feedback. Mach weiter so«, hatte sie mich noch ermutigt. Warum war ich plötzlich beim Publikum in Ungnade gefallen? Im Kopf ging ich immer wieder die Filmaufnahmen für diese Folge durch, die vor drei Monaten gedreht worden war. Ich rief völlig verwirrt bei meiner Familie an. Sie erzählten mir, dass es eine Antwort von mir auf die Frage der Redaktion gewesen sein musste. Meine Mitkonkurrentin Maribel war dabei nicht gut rübergekommen. Viele Zuschauer hatten sich darüber aufgeregt. Meine Familie hatte den Eindruck, als hätten wir nur Streit in der Villa. Die Inszenierung der Szene transportierte eine Dramatik, die es hinter den Kulissen so aber gar nicht gab. Noch heute verstehe ich mich übrigens sehr gut mit Maribel, erst kürzlich waren wir gemeinsam auf einer Geburtstagsparty. Doch die Zuschauerinnen ergriffen danach zusehends Partei, und die Stimmung polarisierte sich. Auch die Formulierungen in den Kommentarleisten der GNTM-Accounts wurden ab jetzt zunehmend verletzender. Mit jeder weiteren Ausstrahlung der Staffel wurden die Worte derber. Je heftiger die Beleidigungen waren, umso mehr Likes gab es, und umso stetiger drehte sich auch die Niveauspirale nach unten.
Etliche Influencer äußerten sich ebenfalls. An einem Tag postete Nathan Goldblat in seiner Story einen Screenshot mit Hasskommentaren von meinem Account mit dem lapidaren Kommentar »Die liebe Lijana ist ja richtig beliebt mit ihrer Art. Lachsmiley«. Dazu stellte er die Verlinkung zu meiner Instagramseite. Ich habe ihn nie gefragt, ob er es bewusst gemacht hat, aber wie viele andere auch in dieser Zeit profitierte er vom gemeinsamen Lästern und den richtigen Hatern. Es war ein Interview mit meiner Konkurrentin Maribel, das er zur gleichen Zeit auf seinem You-Tube-Kanal postete, das das Fass zum Überlaufen brachte. Auch ich war darin ein Thema. »Warum ist Lijana so asozial«, fragte er meine Konkurrentin und sagte lachend in die Kamera »Digga, ich würde ihr einen Kackhaufen auf den Kopf setzen, Junge«.9
