DuMont Reiseabenteuer Leseprobe 2015 - Gerald Drißner - kostenlos E-Book

DuMont Reiseabenteuer Leseprobe 2015 E-Book

Gerald Drißner

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Beschreibung

<p>Vorab als Leseprobe erhältlich.<br /><br />Die DuMont Reiseabenteuer beginnen dort, wo die Nachrichten aufhören: Sie zeigen aus erster Hand das wirkliche Leben und die Welt, die hinter den Daten, Fakten oder Schlagzeilen liegt. Die Autoren dieser frisch erzählten Reiseimpressionen sind Auslandskorrespondenten, hochkarätige Journalisten und international renommierte Schriftsteller. Mit diesen Reportagen kann der Leser die Welt in ihrer ganzen Vielfalt und Faszination neu erlesen, erfühlen und verstehen.<br /><br />Folgende Reiseabenteuer erscheinen im Mai 2015 als gedrucktes Buch und als E-Book ab 11,99 € (D):<br /><br />Daniel Metcalfe: Blaue Dahlie, Schwarzes Gold<br />Stefan Tomik: Unter Engeln und Wasserdieben<br />Christoph Wöhrle: Stadt im Rausch<br /> </p>

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EPUB
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Seitenzahl: 171

Veröffentlichungsjahr: 2015

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»Mit den neuen DuMont Reiseabenteuern, mit diesen frisch erzählten Reiseimpressionen und Reportagen, erlese, erfühle und verstehe ich die Welt neu, in ihrer ganzen Vielfalt und ihrer ganzen Faszination. Sofort selbst losfahren oder einfach weiterlesen – das sind die einzigen Alternativen.»

Maria Anna Hälker, Chefredakteurin DuMont Reiseverlag

© 2015 DuMont Reiseverlag, Ostfildern

Alle Rechte vorbehalten

Titelfoto: Agnes Fazekas

www.dumontreise.de

DUMONT

REISEABENTEUER 2015

INHALT

Dschungelfieber und Wüstenkoller

Wolf-Ulrich Cropp

Auf dem Fluss Sangha

In einem Land, das neu beginnt

Gerald Drißner

Ellouza

Insel ohne Wasser, Vogel ohne Flügel

Agnes Fazekas

Zwei Sofas, zwei Welten

Hymnus – Die Suche nach Amerika

Dennis Freischlad

Mississippi

Unter dem Schutz des heiligen Gaucho

Christoph Gurk

Der Moses von Amerika

Vierzig Tage Armenien

Constanze John

Der Erstbeste

Blaue Dahlie, Schwarzes Gold

Daniel Metcalfe

Luanda: Von Seekühen und großen Banken

Indonesien und so weiter

Elizabeth Pisani

Einheimische Fremde

Unter Engeln und Wasserdieben

Stefan Tomik

Wasser in die Wüste

Stadt im Rausch

Christoph Wöhrle

Mein Kater im Himmel

Mehr Abenteuer geht nicht!

Als kleiner Junge hatte Wolf-Ulrich Cropp bei seinem Großvater den ›Urwalddoktor‹ Albert Schweitzer kennengelernt. Der Wunsch, dessen Hospital in Lambaréné zu besuchen, ist der Anlass für eine große Reise durch West- und Zentralafrika. Cropp reist von Gabun in den Urwald des Kongobeckens, geht mit Pygmäen sammeln und jagen, beobachtet Elefanten und Gorillas aus nächster Nähe und erfährt Erstaunliches über unsere nächsten Verwandten, die Bonobos. Eine Pirogenfahrt auf dem Kongo bringt ihn ins dunkle Herz Afrikas, wo er mit Kindersoldaten konfrontiert wird. In N’Djamena schließt er sich einer Expedition an, die die kaum erforschte Wüste des Nord-Tschad erkunden soll. Die Sorge reist auf der Off-Road-Strecke durch Rebellengebiet ständig mit. Im Dünensand liegen Panzerminen aus der Zeit des Bürgerkriegs und des Kampfes mit Libyen …

Hier brodelnde Metropolen, in denen die Menschen bis heute einer Geister- und Dämonenwelt ergeben sind, dort fiebriger Dschungel mit unberechenbarer Urnatur oder die Einsamkeit der Wüste unter sengender Sonne, die den Menschen läutert oder in den Wahnsinn treibt: Stets geht es dem Autor darum, das Afrika hinter den Kulissen zu entdecken. Es bringt Faszinierendes und Überraschendes, bisweilen auch Groteskes und Erschreckendes zum Vorschein und ist für den Autor nicht immer ganz ungefährlich …

Wolf-Ulrich Cropp aus Hamburg lernte schon als Manager von Unternehmen im In- und Ausland alle Kontinente kennen. Nebenher schrieb er Bücher und zahlreiche fachkundliche Abhandlungen. Seit 1997 widmet er sich ganz dem Reisen und Schreiben. Seine Erfahrungen und Erlebnisse verarbeitete er in einundzwanzig Büchern, darunter Bestsellern, sowie in Artikeln, Essays und Kurzgeschichten. Cropp ist Vorstandsmitglied der Hamburger Autorenvereinigung e. V. und Mitglied im Verband Deutscher Schriftsteller.

DSCHUNGELFIEBER UND WÜSTENKOLLERVON WOLF-ULRICH CROPP PAPERBACK, CA. 400 SEITEN eISBN 978-3-7701-9981-5 PREIS 12,99 € [D]/12,99 € [A]/sFR. 18,00

Erscheint im August 2015 auch als E-Book

Auf dem Fluss Sangha

Es regnet in Strömen. In Plastikplanen eingehüllt bin ich dennoch bis auf die Haut nass. Der Fahrtwind ist kalt und lässt die Augen tränen. Seit vier Stunden hocke ich nun im Bilgenwasser einer Piroge. Wir tuckern mit Vollgas auf dem Sangha stromab nach Süden, der Republik Kongo entgegen. Noch befinden wir uns zwischen der Zentralafrikanischen Republik und Kamerun. Bayanga liegt hinter uns. Die Piroge ist schmal, ein besserer Einbaum, dem ein Außenborder ans Heck gehängt wurde. Vor mir hocken hintereinander aufgereiht sechs Afrikaner. Unter ihnen zwei Typen in Fantasieuniformen, die für Söldner oder Milizionäre gehalten werden können. Eine Frau kauert ganz vorn. Ihr schwappen von Zeit zu Zeit Bugwellen ins Gesicht. Im Wasser, das sich mit Dieselöl angereichert hat und stinkt, liegt unser Gepäck. Ich ziehe einen Plastikfetzen über den Kopf, versuche zu schlafen, das gelingt nicht. Stattdessen lasse ich Revue passieren, was in Bayanga geschah: Spätabends wurde der Ort erreicht. Im Hospiz kümmerte sich ein Notdienst um Ngoma. Während ein Teil seiner Familie ins BaAka-Dorf bei der Bantu-Siedlung zog, blieb Mutoma mit Kind und ihren Eltern im Krankenhaus. Alex organisierte für den nächsten Tag den Pirogentransport. Nun rückte auch für uns die Stunde des Abschieds heran. Er musste zurück nach Yaoundé. Ich in den Süden zum Kongo, will mich ein Stück auf Henry Morton Stanleys Spuren begeben, des Mannes, der David Livingstone suchte, schließlich fand und der für Leopold II., König der Belgier, das riesige Gebiet Kongo ›aufbereitete‹. Afrikas dunkles Herz scheint sich im Bürgerkrieg zu zerfleischen und von allen guten Geistern verlassen zu sein.

Mich lässt der Gedanke an die Zukunft der Pygmäen nicht los. Mögen es achtzigtausend sein, die in der grünen Lunge Zentralafrikas leben, bedroht von Kettensägen, Harvestern, Rohstoffsuchern, Landnehmern und Investmentmultis. Alle rücken erbarmungslos heran. Beschnitten in ihrem Lebensraum, fremden Einflüssen ausgesetzt, verlieren die Waldmenschen ihre Identität, finden sich wieder, entwurzelt, versklavt in den Slums großer Städte. Wo sie den Bodensatz der Ärmsten der Armen bilden. Doch wie kann die immer bemühte Weltgemeinschaft die letzten Naturgesellschaften vor dem Untergang bewahren? Durch hermetisch abgeriegelte Gebiete? Durch einen Menschenzoo? Durch behutsame Integration? Es ist das Fehlen probater Lösungen, was so tieftraurig macht.

Ich riskiere einen Blick auf den Fluss, der sich von Regenwald und Mangroven umsäumt gen Süden wälzt, um dann nach sechshundert Kilometern im Sumpf bei Mossaka den Kongo zu speisen. Rechts liegt auf Kamerungebiet der Nationalpark Lobéké, auch ein Refugium für Elefanten- und Gorillabeobachtungen. Links wird jetzt der Regenwald von Sandstrand mit anschließenden Gebäuden verdrängt. Wir haben Lidjombo am zentralafrikanischen Ufer des Flusses erreicht. Im Ort ist Waschtag. Eine Hundertschaft Frauen steht knietief im Wasser, schrubbt Hosen, Hemden, Unterwäsche. Unser Steuermann lässt den Motor aufheulen, damit ihm die Waschfrauen Platz zum Anlegen machen. Es nieselt aus grau verhangenem Himmel. Steifbeinig begeben wir uns an den Strand. Eine Meute Mopedfahrer rauscht heran, wittert ein Geschäft. Ich stehe ratlos herum, muss erst checken, was da abgeht.

»He, Mann, das sind die Taxis hier«, ruft mir einer der Söldner zu. »Hotel Diba hat vielleicht noch was frei. Lidjombo is’n heißes Pflaster, ha, ha.«

Damit schwingt er sich auf den Sozius eines Mopeds. Ab geht’s. Ich mache es ihm nach. Schnell wird klar, warum die Taxis nur zwei Räder haben. Der Knüppeldamm, der zum Flussufer führt, ist katastrophal. Eventuell noch mit einem Panzer befahrbar. Wie ein Klammeraffe hänge ich auf der Sitzbank, auf dem Rücken hüpft der Rucksack, der Fahrer balanciert durch Furchen, an Trichtern vorbei und prescht durch einen quirligen Ort, der auf den ersten Blick nur aus Bars und Gotteshäusern aller Religionen besteht. Abgesehen von Ansammlungen heruntergekommener Häuser und Müllberge. Ziemlich am Ende von Lidjombo kratzt mein tollkühner Fahrer eine Rechtskurve und stoppt vor einem Eisentor mit dem verrosteten Schild »Diba«. Das Tor ist noch angelehnt, da kurz zuvor jemand hineingeschlüpft sein muss. Von einer eineinhalb Zentner Mami, grell geschminkt und mit Haaren wie ein Bettvorleger, werde ich kritisch gemustert. Nach Zahlung einer Vorkasse von achtzig Dollar führt mich ein spindeldürrer Schwarzer in eine Kammer: fensterlos, ohne Waschbecken, weder mit Tisch noch Stuhl, dafür einem Lager, mit Sicherheit weniger hygienisch als das bei den BaAka. Immerhin, ich habe eine Unterkunft. Mit Grausen denke ich an morgen, spätestens dann sind die Einreiseformalitäten für den Kongo zu überstehen. Ein gültiges Visum kann ich wenigstens vorweisen.

Hunger meldet sich. Ich begebe mich in einen ungemütlichen Raum, in dem von der Wand ein Fernseher flimmert und plärrt. Auf Plastikgestühl hocken Bantu und schaufeln sich Spaghettiberge hinein. Dachte ich’s mir doch, in einer Ecke sitzen die beiden Landsknechte aus dem Boot. Der mir den Tipp gab, grinst breit, winkt mich heran. Ich zögere. Ob das der richtige Umgang ist? Was soll schon passieren? Ich begrüße die beiden und lasse mich nieder. Sie stellen sich mit Moïse und Kasinga vor. Moïse ist redselig. Tiefschwarz, Glatze, rundes Gesicht mit Schmucknarben, zynische Mundwinkel. Ein Bild, das gut einen Steckbrief zieren könnte. Der andere hat etwas feinere Gesichtszüge. Einen Gebrauchtwagen würde ich ihm dennoch nicht abkaufen. Ist es als vertrauensbildende Maßnahme zu bewerten, dass sie erzählen, Unteroffiziere einer Armee zu sein? Welcher bleibt ein Geheimnis. Sie seien auf dem Weg nach Brazzaville. Sehr mysteriös, die Stadt liegt im Kongo. Das trifft sich aber nicht schlecht, die Hauptstadt der Republik Kongo ist auch mein Etappenziel. Moïse beugt sich vor, sodass ich seinen sauren Atem rieche.

»Holz, Diamanten, Gold? Was führt Sie hierher?«

Ich verstehe nicht gleich. Er grinst dreckig.

»Weiße sind selten hier. In kleinen Grüppchen tauchen mal Touristen auf, die in die Parks gehen. Alleinreisende haben Geschäfte im Sinn, trübe Geschäfte. Dies ist ein idealer Platz dafür.«

Aha, denke ich. So zwischen Zentralafrika und dem Kongo lässt sich trefflich schmuggeln oder alles Mögliche verschieben.

»Na, rücken Sie schon raus, was sind ihre Absichten?«, fragt Kasinga in einem Ton, der mir nicht gefällt.

Ich antworte: »Land und Leute, die Geschichte des Kongo …«

»Mann, sagen Sie’s doch gleich: Journalist, Spion!«, erklärt Moïse und fixiert mich mit stechenden Augen.

Schon bedaure ich, mich mit den Burschen eingelassen zu haben. Wir bestellen etwas zu essen. Ich versuche die Situation zu entspannen und ordere drei 33-Export. Bier, das die Afrikaner hier gern trinken. Moïse schlägt mir auf die Schulter, entblößt ein Raubtiergebiss zu einem Lachen und meint:

»Nichts für ungut, Mann, sollte ein Witz sein. – Sind Sie eigentlich offiziell eingereist?«

Schon wieder so eine Anspielung.

»Selbstverständlich!«

»Nur so ‘ne Frage. Bei Grenzformalitäten können wir Ihnen helfen.«

Die beiden werden immer geheimnisvoller. Oder war das eben eine Falle? Teller mit Nudeln, Soße, Kochbananen, Zwiebeln und das Bier werden gebracht.

»À votre santé!«, brummen die beiden. War das ernst gemeint?

Nach einer Weile sagt Kasinga, man wolle noch etwas durch den Ort gehen. Wenn ich Lust habe, könne ich mich anschließen. Allein herumzulaufen, sei in Lidjombo nicht ratsam. Natürlich beschleicht mich Skepsis. Die beiden haben die Statur mittlerer Gorillas, könnten mir höchst unangenehm werden, sollten sie Böses im Schilde führen. Andererseits bin ich nach Afrika gereist, um nahe am Geschehen zu sein, und dazu gehört nun mal etwas Risiko. Sicherheitshalber greife ich in die Hosentasche und prüfe das Vorhandensein des Pfefferspraydöschens.

»Gut, ich bin dabei, machen wir uns auf«, verkünde ich frei heraus.

Auf der Hauptstraße empfängt uns quirliges Leben und schreiende Musik. Tapfer ruft ein Muezzin gegen den Krach zum Gebet. Wir wenden uns nach rechts, passieren Bars, in denen Männer und Frauen Bier trinken und gelangweilt einer Fernsehsendung folgen. Für verruchtes Nachtleben ist es noch zu früh. Hinter einer Kirche der Siebten-Tags-Adventisten führt der Weg in eine Senke. Der Ort ist zu Ende. Vor uns befindet sich eine Kohlenhalde. Beißender, schwarzer Qualm quillt aus unzähligen Schloten über bauchigen Öfen. Dazwischen wuseln barfüßige Arbeiter, die Holz heranschleppen, um die Öfen zu beschicken. Ein skurriles Bild schwarzer, rauchender Erde, das an einen Vulkanausbruch erinnert. Ich zücke meine kleine Kamera, will die eindrucksvolle Holzkohlenproduktion aufnehmen. Eine Schar Arbeiter winkt mit der Faust. Nein, sie drohen, sogar äußerst aufgebracht. Moïse stellt sich vor mich.

»Keine Fotos. Die Leute werfen mit Steinen, zerschlagen Ihre Kamera!«, mahnt er.

»Warum das?«

»Die fürchten um ihren Arbeitsplatz. Vor nicht langer Zeit haben Umweltschützer Aufnahmen gemacht und kritische Berichte in Frankreich und anderswo veröffentlicht. Auf Fremde reagieren die Arbeiter höchst aggressiv«, warnt der Söldner.

Wir schlendern weiter und geraten an ein mit hohem Stacheldrahtzaun abgesichertes Areal, auf dem sich Pyramiden von Holzstämmen und Bretterstapel befinden. Von Westen her donnern pausenlos Trucks heran, beladen mit uralten Stämmen, und verschwinden auf dem Hochsicherheitsgelände eines großen Sägewerks.

»Fotografieren verboten«, erinnert Kasinga.

Ich versuche zu ergründen, wer das Werk betreibt. Kann kein Firmenschild noch sonst einen Hinweis entdecken. Meine Begleiter tippen auf ein chinesisches oder französisches Unternehmen. Auf dem Weg zurück in den Ort frage ich mich die ganze Zeit, ob es Absicht war, mir den Raubbau an Edelholz zu zeigen, oder zufällig geschah. Falls Absicht, zu welchem Zweck? Wieder im Trubel Lidjombos mit seinen Shops, den schlecht nachgemachten Uhren und sonstigen Imitationen. Eine Verkäuferin hängt mir ein Schweinsteiger-Trikot um die Schulter, dann eine Handtasche ›von Hermes‹ – meilleur marché – an den Arm. Eine andere stülpt mir einen Fez auf den Kopf. Es geht zu wie auf dem Jahrmarkt. Und immer wieder wechseln sich Bars mit Gebetshäusern von Protestanten, Katholiken, Muslimen, Buddhisten und christlichen Sekten ab. Sicher gibt’s auch Synagogen, die ich aber nicht erkenne. Im Pionier- und Schmugglernest ein Schmelztiegel von Religionen. Geht es um eine rasche Abbitte, eine beruhigende Beichte nach unsauberen Geschäften? Mafiabosse sind bisweilen gläubig, vor und nach dem Morden sind sie in Kirchen anzutreffen.

Die beiden Söldner steuern eine Bar an, die sich Jardin d’Eden nennt. Sie ist im Wildweststil gehalten. Vorn eine Balustrade, dann folgt eine Loggia, dahinter von Schwingtüren getrennt ein dunkler Kontaktsaal mit langem Tresen. Bei kreischender Musik dreht sich eine Lichtorgel. Mädchen mit meterlangen Busen räkeln sich gelangweilt auf Barhockern. Moïse tätschelt einem attraktiven Geschöpf, das kurz vor dem Einschlafen ist, den Po. Kasinga nimmt neben einer anderen Platz und gibt mir Zeichen, es ihm gleichzutun. Ich halte den Krach nicht aus, schüttle bedauernd den Kopf und bestelle auf der Loggia ein Bier. Als die beiden nach einer halben Stunde immer noch mit den ›Damen‹ beschäftigt sind, suche ich das Hotel auf, taste mich ins Zimmer. Der Strom ist ausgefallen. Wunderbare Ruhe, für Minuten nur, dann dröhnt eine Liveband. An Schlafen ist nicht zu denken. Die beiden Typen beschäftigen mich. Was haben die wirklich vor?

Unser Wassertaxi, die fast lecke Piroge, ist startklar. Wir nehmen unsere nassen Plätze ein und tuckern davon. Die Söldner sitzen vor mir, sind offenbar gut gelaunt, geben Zeichen, alles im Griff zu haben. Der Skipper steuert in Strommitte, damit beginnt die zweite Etappe einer langen, zermürbenden Flussfahrt in den Süden, mit dem Ziel Bomassa in der Republik Kongo, auch Kongo-Brazz genannt. Eine stundenlange Fahrt im engen, unbequemen Boot übersteht man am besten in der Meditation oder schlafend, wie es die Afrikaner beneidenswert beherrschen.

In Bomassa befindet sich das Hauptquartier der Wildlife Conservation Society (WCS), die ein Forschercamp in der Mbeli Bay, ein anderes in Mondika unterhält. An der Anlegestelle treffe ich Marie, eine Biologin, und Ijana, ihre Assistentin. Im Laufe des Gesprächs bekomme ich mit, dass man im Camp übernachten und am nächsten Tag mit ihnen zur Mondika-Station gelangen könne. Welch ein Angebot! Noch einmal in die ›grüne Hölle‹ tauchen. Vielleicht ein letztes Mal? Michael ›Nick‹ Nichols, einer der großen Fotografen von National Geographic, beschreibt das Gebiet Nouabalé-Ndoki, als »den letzten Platz der Erde«. Und meint damit ein letztes Plätzchen unberührter Natur, das er mit fantastischen Fotos dokumentiert.

Ein Abstecher ist auch eine passende Gelegenheit, mich von den beiden sonderbaren Söldnern – oder sind es Milizen? – auf elegante Weise zu distanzieren.

Am nächsten Vormittag trifft ein Land Rover mit BaAka ein, Angestellte des WCS. Auf schmalem Pfad rumpeln wir in nordöstlicher Richtung durch den Wald, bis der Weg endet. Jetzt heißt es aussteigen, zu Fuß geht’s weiter. Erst über durchweichten Waldboden, dann vier Stunden durch schweres Gelände, in dem sich Sumpf und hüfthohes Wasser abwechseln.

Endlich steigt der Dschungel an. Das Camp Mondika auf einer Anhöhe erscheint wie eine Erlösung. Nach einer kurzen Stärkung begleiten uns BaAka auf einem Pfad ins Gorillagebiet. Primatenforscherin Marie, ein achtundzwanzigjähriger blonder Lockenkopf aus Belgien, bat zuvor zwei Amerikaner, einen Japaner und mich zu einem Briefing. Es gilt eine der sechzehn Primatenfamilien zu finden und zu beobachten. Das Schutzgebiet beherbergt einhundertfünfzig Gorillas, darunter den legendären Silberrücken Kingo, der schon einige Revierkämpfe und Leopardenangriffe überstanden hat. BaAka nennen den Pascha seines furchterregenden Brüllens wegen Kingo, was »Mächtige Stimme« bedeutet. Ja, Kingo ist eine Legende im Urwaldreservat Nouabalé-Ndoki. Er soll zwei allzu leichtsinnigen Wissenschaftlerinnen Finger ausgerissen haben, als sie versuchten, ihn mit Bananen zu füttern. Ein Husarenstück erlaubte sich Kingo mit einem Kamerateam, das unbedingt einen zornigen Silberrücken filmen wollte. Kingo wurde geneckt und verdammt wütend. Während ein Filmer die Szene in den Kasten bekam, tobte Kingo dem Ärgernden nach und biss ihn in den Schädel, wobei er ihn glatt skalpierte.

Geführt von BaAka, begeben wir uns auf die Pirsch. Es regnet wieder so heftig, dass wir selbst unter dem dichten Blätterdach nach kurzer Zeit durchnässt sind. Von Gorillas oder sonstigem Wild keine Spur. Langsam vergeht uns der Spaß, Affen zu suchen, die sich bei dem Sauwetter verkrochen haben. Einer der BaAka spricht ein paar Brocken Französisch. Ich frage ihn, wo sich die Familien aufhalten mögen. Er sei sicher, im Umkreis von fünf bis zehn Kilometern. Jim, einer der Amerikaner, versteht »dix kilomètres« und schimpft: »Shit, I have enough!« Dennoch arbeiten wir uns weiter durchs Strauchwerk.

Aus dunkler Tiefe taucht da ein anderer Aka auf, hält die Hände vor den Mund, dann deutet er nach rechts. Schleichend folgen wir ihm. Wow, da sitzt er, an die Brettwurzeln eines Baumriesen gelehnt. Wir brauchen keine Erklärung, es ist Kingo, die Legende!

Längst hat er uns gewittert und gesehen. Wie versteinert stehen wir vor ihm, nur durch wenige Zweige getrennt. Der Abstand beträgt keine fünf Meter. Unglaublich einen ›King Kong‹ aus einer solchen Nähe im Wald zu sehen! Lässig greift er hier ein Blatt, dort einen saftigen Stängel, mampft in aller Gelassenheit. Ab und zu würdigt er uns eines raschen Blickes. Ich sehe seine schwarzen, tiefliegenden Augen unter wulstigen Jochbeinen vergraben. Staune über die platte Nase mit den trichterförmigen Löchern, die breite, flächige Visage, von tiefen Falten durchzogen. Oder sind es Narben? Dann das Maul, mit schmalen Lippen, die Mundwinkel verächtlich herabgezogen. Der ganze Koloss ein furchterregendes Muskelpaket. Und die Hände bestehen aus Fingern, dick und schwarz wie verkohlte Bratwürste. Neben mir knackt es. Kingo stiert böse in unsere Richtung. Plötzlich lässt er einen irren Laut ab, ein tiefes Brüllen, das durch Mark und Bein geht. Dabei reißt er sein Maul auf und zeigt Reißzähne von vier Zentimetern Länge. Ein Pflanzenfresser mit solchen Eckzähnen! Erschrocken will ich zurückweichen, flüchten. Zum Glück steht ein Aka, der mich packt und zurückhält, hinter mir. Kingos Drohgebärde hat mich alle Verhaltensweisen vergessen lassen. Den anderen ging’s ebenso. Nach der Unmutsäußerung tritt Ruhe ein. Trotz schummerigen Lichts können wir fotografieren. Gebannt beobachten wir den Pascha gut eine Stunde. Bis etwas Erstaunliches passiert: Er legt sich hin, kuschelt sich ins Laub und streckt die Beine in die Luft. Vorsichtig ziehen wir uns zurück.

Der Anführer der Pygmäen erklärt, dass wir in des Gorillas Schlafstätte schauen konnten. Da es bald Nacht wird, habe der sich schon mal schlafen gelegt. Auf meine Frage nach den erstaunlichen Eckzähnen, erfahren wir: Es sind die Kampfzähne der Männchen.

In unmittelbarer Nähe des Silberrückens tollen noch zwei seiner Weibchen mit Jungen herum. Auch an sie kommen wir erstaunlich nah heran. Jim steht auf einem Trampelpfad und knipst im letzten Büchsenlicht. Ein Weibchen schwingt sich vom Baum, gibt Jim keck einen Klaps auf den Hintern und trottet mit ihrem Jungen auf dem Rücken den Pfad entlang, bis sich beide in die Büsche schlagen …

Wir treten in der anbrechenden Dunkelheit unseren Rückzug an. Eskortiert von den BaAka, um ja niemanden im Wald zu verlieren. Die Gorillabegegnung bewegt uns sehr und schwingt noch lange nach.

Im Mondika-Camp gibt’s nur ein Thema, das Erlebnis mit den wilden Menschenaffen, die sich uns von ihrer vertraulichen Seite zeigten. Dabei überhören wir beinahe, dass in Campnähe ein Elefant gesichtet wurde. Unterkünfte, einfache Bungalows mit zwei Feldbetten ausgerüstet, stehen verstreut im Wald. Ihre Lage muss man sich gut einprägen, anderenfalls findet man seine Hütte nicht und irrt im Wald umher. Toilettenhäuschen liegen versteckt abseits der Behausungen.

Nach dem Abendessen machen wir uns mit Stirn- und Taschenlampen auf die Suche nach den Unterkünften. Wegen der Schlangen, Ameisen und anderer Waldbewohner wurden die Bungalows auf Stelzen gesetzt. Was eigentlich ganz beruhigend ist. Meine Hütte ist die äußerste. Hinter ihr steht die Dschungelwand. Besorgt, die Umgebung ableuchtend, schreite ich den Weg zur Hütte hinauf. Er kommt mir sehr weit vor. Bin ich noch auf dem richtigen Pfad?

Plötzlich flattert neben mir etwas davon. Erschrocken springe ich zur Seite. Im Wald sehe ich Kingo wütende Grimassen schneiden. Herrje, jetzt werd nicht hysterisch! Merkwürdig, im BaAka-Jagdlager hatte ich mich sicherer gefühlt. Endlich erreiche ich den richtigen Bungalow, steige hastig die Treppen hinauf und verschließe die Tür. In Gedanken an »Traumatische Tropen«, schlafe ich ein.

Was ist denn das? Der Bungalow wackelt, als ob ihn jemand schüttelt. Da, wieder! Ein Griff zur Taschenlampe. Ich leuchte durch’s Fliegendrahtfenster. Ein Elefant macht sich an den Pfählen und am Boden der Hütte zu schaffen. Sein Rüssel züngelt an meiner Tür. Mit den Füßen steht er auf der Treppe. Licht aus. Was hat der Bursche vor? Will er die Hütte auseinandernehmen, sich nur kratzen oder neugierig umschauen?

Elefanten sehen schlecht, dafür können sie sehr gut riechen. Wenn der Dickhäuter tatsächlich einen Leckerbissen erschnuppert, wird er die Tür eindrücken. Und was passiert mit mir? Hinten durch die Bretterwand kann ich nicht verschwinden.

Ich leuchte vorsichtig von der Seite. Der Rüssel ist weg, sehe nur noch ein massiges Hinterteil, das davonwankt. Uff, das war ein Schreck in nächtlicher Stunde.