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Ihr letztes Treffen endete im Streit: Franz wollte Geld von seinem Bruder Christoph und dessen Bedingungen für die Leihgabe nicht akzeptieren. Nach zwanzig Jahren ohne Kontakt lädt Franz Christoph unvermittelt zum Essen ein. Lebte er etwa all die Jahre in Christophs Nähe, der seit seiner Pensionierung in einer kleinen Wohnung am Hallwilersee wohnt? Gegen den Willen seiner Frau, die Franz die Drohungen und Erpressungsversuche nicht verzeihen kann, fährt Christoph zu seinem Bruder – und findet ihn tot in seiner Wohnung. Sind ihm seine krummen Geschäfte zum Verhängnis geworden? Als wenig später Franz' Nachbarin aufgefunden wird, ebenfalls erstochen, und die Tatwaffe in dem Reitstall auftaucht, in dem Christophs Pferde stehen, gerät er in den Fokus der Ermittlungen. Wer will ihm etwas anhängen? Schwebt er selbst in Gefahr? Christoph realisiert, dass der Grund für die Taten in seiner Vergangenheit zu suchen ist. Um seine Unschuld zu beweisen, muss er sich seinen traumatischen Erinnerungen stellen, beginnend mit den Luftangriffen auf Dresden.
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Seitenzahl: 309
Veröffentlichungsjahr: 2026
Ina Haller
Kriminalroman
Atlantis
Die Männerstimme des Navis vermeldete, er habe sein Ziel erreicht. Christoph parkte seitwärts zwischen zwei Kombis unter einer Linde und blieb einen Moment sitzen. Hier in Buchs bei Aarau war er noch nie gewesen.
Er schaute zum Mehrfamilienhaus auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Niemand war zu sehen. Kein Wunder bei dieser Hitze. Über dem Asphalt flimmerte die Luft und es hatte Spiegelungen, die einer Mini-Fata-Morgana gleichkamen.
Er holte ein Stofftaschentuch aus seiner Hosentasche und fuhr damit über die schweißnasse Stirn. Gegen Sommer hatte er nichts einzuwenden, aber der, den das Jahr 2003 bis anhin bot, war für ihn zu viel. Wie in den letzten Tagen sollten die Temperaturen heute bis fast vierzig Grad klettern. Und das im Aargau.
Zum Glück war er pensioniert und musste nicht bei diesen Temperaturen arbeiten.
Christoph schaute auf die Uhr. Er war zwanzig Minuten zu früh. Wohl oder übel würde er warten müssen. Zum Glück spendete die Linde Schatten. Er ließ das Fahrerfenster herunter. Ein Windstoß streifte sein Gesicht. Kühle verschaffte er nicht. Im Gegenteil, es fühlte sich wie das Gebläse einer Elektroheizung an.
Das Rauschen einer Schnellstraße drang an sein Ohr. Es musste von dem Autobahnzubringer, der T5, stammen, das der Wind bis hierher trug.
Christoph blieb sitzen. Inzwischen war er sich nicht mehr so sicher, ob es eine gute Idee war, herzukommen. Er musste sich nichts vormachen. Ihn zog es nicht zu seinem Bruder, der ihn zum Mittagessen eingeladen hatte. Es kam ihm verdächtig vor, dass Franz sich nach über zwanzig Jahren bei ihm gemeldet hatte. Nach dieser langen Funkstille konnte es nur eines bedeuten – er steckte in Schwierigkeiten.
Bei ihrem letzten Treffen war es ähnlich gewesen. Franz hatte um Geld gebeten, das Christoph ihm ohne Bedingungen nicht hatte geben wollen. Das Treffen hatte mit wütenden Beschimpfungen geendet, und Franz war aus dem Raum gestürmt. Am nächsten Tag war er verschwunden. Spurlos. Niemand wusste, wo er sich seither aufhielt oder ob er noch am Leben war.
Bis vor einer Woche, als abends das Telefon geklingelt hatte. Franz hatte mit ihm geplaudert, als ob die Funkstille und die Differenzen zwischen ihnen nie existiert hätten. Am Ende des Gesprächs hatte sein Bruder ihn und seine Frau zum Essen eingeladen. Nie hatte Christoph damit gerechnet, Franz würde in der Schweiz leben – und das gar nicht so weit von ihm selbst entfernt.
Sie hatten beschlossen, er solle zuerst die Lage sondieren, und Regula war zu Hause geblieben.
Die Uhr zeigte fünf Minuten vor der abgemachten Zeit. Wohl oder übel musste er sich dem stellen. Vielleicht wurde es nicht so schlimm, wie er befürchtete, und sein Bruder war der, der er vor dem großen Zerwürfnis gewesen war.
Schwerfällig ging Christoph über die Straße. Die Hitze schien ihn niederzudrücken. Auch die Müdigkeit setzte ihm zu. Seit dem Anruf seines Bruders hatte er schlecht geschlafen, und das Defizit machte sich bemerkbar.
Auf dem Weg zum Haus begegnete ihm kein Mensch. Nach wie vor war alles wie ausgestorben. Christoph betrachtete die Schilder mit den Klingelknöpfen: kein Franz Schneider. Dafür gab es einen Franz Meyer. Hatte er sich im Haus geirrt? Christoph trat einen Schritt zurück und kontrollierte die Hausnummer. Sie stimmte. Das Gleiche galt für die Beschreibung des Eingangsbereiches und die Lage des Klingelknopfes auf der Leiste.
Hatte sein Bruder den Namen gewechselt? Davon hatte er nichts erzählt. Aber es würde zu ihm passen – wer wusste, was er getan hatte, nachdem er aus Christophs Leben verschwunden war. Er würde seinem Bruder einiges zutrauen, das ihn zu einem solchen Schritt veranlasst haben könnte. Oder gab es eine unverfänglichere Erklärung: Hatte er geheiratet und den Namen seiner Frau angenommen? Das hatte Franz nicht erwähnt, und es würde Christoph erstaunen, wenn sein Bruder eine Frau gefunden hätte.
Klingeln oder nicht? Christoph wollte sich nicht nachsagen lassen, er habe einen Grund gesucht, sich zu drücken.
Sekunden verstrichen. Nichts passierte. Christoph klingelte ein weiteres Mal. Hatte Franz die Verabredung vergessen? Zu dem Franz von ganz früher passte es nicht, aber zu dem, zu dem er geworden war, seitdem er mit dem Studium angefangen hatte, schon. Grundsätzlich hatte er sich für etwas Besseres gehalten und Christoph spüren lassen, dass er in seinen Augen nie etwas Großes zustande bringen würde.
Sollte Franz nicht da sein, würde er nicht böse darüber sein, musste Christoph einräumen, obwohl er ärgerlich war, sich umsonst herbemüht zu haben. Am liebsten würde er umkehren, doch er wollte sich nicht nachsagen lassen, er scheue eine persönliche Begegnung.
Christoph drückte gegen die Tür, die sich zu seinem Erstaunen öffnete. Unschlüssig blieb er stehen. Kühle Luft strömte aus dem Treppenhaus und nahm ihm die Entscheidung ab. Er brauchte einen Moment, bis sich seine Augen an das schummrige Licht gewöhnt hatten. Es war stickig und roch unangenehm nach Zwiebeln und Knoblauch, nach Schweiß und kaltem Zigarettenrauch.
»Ich wohne im zweiten Stock«, hatte Franz gesagt.
Christoph lief die grauen Treppenstufen nach oben. Je höher er stieg, desto wärmer wurde es. Im zweiten Stock herrschten beinahe die gleichen Temperaturen wie draußen. Er erblickte zwei dunkelbraune Wohnungstüren, die einander gegenüberlagen. Auf der Linken stand der Name einer Frau. Gegenüber wohnte Franz Meyer.
Christoph klingelte erneut. Das schrille Geräusch im Inneren der Wohnung ließ ihn zusammenfahren. Christoph überlegte, was er sagen sollte, falls es nicht sein Bruder war, der die Tür öffnete.
Nichts geschah.
Offenbar hatte sich nichts geändert, und sein Bruder war unzuverlässig, wie er es immer gewesen war.
Christoph wollte sich abwenden, als er bemerkte, dass die Tür einen Spalt offen stand. Hatte Franz ihn kommen gesehen und die Tür geöffnet, damit er eintreten konnte? Das hatten sie als junge Burschen so gehandhabt.
Christoph stieß die Tür auf. Heiße Luft schlug ihm mit einer Geruchsmischung entgegen, die er nicht identifizieren konnte.
»Pfui Teufel!«, stieß er hervor und wich ins Treppenhaus zurück.
Es war einleuchtend, wenn man bei dieser Hitze nicht unbedingt lüftete, um die Kühle in der Wohnung zu behalten. Bei dem Glutofen da drin brachte diese Maßnahme nichts. Er hielt die Luft an, als er in die Wohnung zurückkehrte, und klopfte gegen den Türrahmen.
»Franz? Ich bin es, Christoph«, presste er hervor.
Stille.
Er schaute sich in dem engen Entree um. Eine Garderobe, an der mehrere Jacken hingen. Darunter standen vier Paar Schuhe. Auf der gegenüberliegenden Seite befand sich ein schmaler Schrank. Daneben, auf dem Wandtablar, lagen ein Schlüssel und ein Portemonnaie. Die vier Türen, die vom Entree wegführten, waren zu.
Christoph klopfte gegen die Tür, die ihm am nächsten auf der linken Seite war.
Keine Reaktion.
»Franz?«
Vorsichtig öffnete er sie und erblickte eine schmale Küche, die nicht mehr als zwei Meter in der Breite maß. Rechts hatte es eine dunkelbraune Küchenzeile mit Hängeschränken. Die letzte Renovation musste mehrere Jahre her sein, und Christoph fühlte sich in die siebziger Jahre zurückversetzt. An einigen Türen löste sich das Furnier. Zwei Schränke hatten keinen Griff mehr, und auf der Arbeitsfläche hatte es zwei Brandflecken in dem beigen Plastikfurnierüberzug. Im Spülbecken stapelte sich benutztes Geschirr, und der anthrazitfarbene Plastikkübel vor dem kleinen quadratischen Fenster am Ende des Raumes quoll über mit schmutzigen Verpackungen von Fertiggerichten. Drei oder vier Plastikschachteln lagen auf dem Boden daneben. Auf dem Herd standen zwei Töpfe, an denen Essensreste klebten. Die Tür der Mikrowelle war offen. Christoph erkannte im Inneren eine Plastikschale mit einer Mischung aus Teigwaren und einer braunen Soße. Das Chaos musste der Grund für den üblen Geruch sein.
»Ich möchte dich gerne zum Essen einladen«, hallte Franz’ Stimme in seinem Kopf nach, und Christoph rümpfte die Nase. Auf Fertigmenüs, die in diesem Chaos zubereitet wurden, konnte er verzichten. Nach Kochvorbereitungen sah das zudem nicht aus, oder wollte Franz ihm das undefinierbare Gericht in der Mikrowelle servieren?
Der Gedanke daran ließ ihn schaudern. Gleichzeitig überkam ihn Traurigkeit. Was war aus seinem Bruder geworden? Aus dem Geschäftsführer eines Tochterunternehmens eines Kaffeekonzerns, der pingelig auf Ordnung und Sauberkeit bedacht war. Es durchzuckte ihn heiß. War dies vielleicht doch nicht Franz’ Wohnung?
Hastig trat Christoph den Rückzug an. Nicht auszudenken, was passierte, wenn der Bewohner nicht sein Bruder war und ihn entdeckte.
Als er die Wohnung verlassen wollte, blieb sein Blick an dem Portemonnaie hängen. Bevor er wusste, was er tat, hatte er es in der Hand. Das Kunstleder war klebrig. Er widerstand dem Drang, es loszulassen, und klappte es auf. Im Notenfach fand er einen deutschen Personalausweis. Der Name, auf den der Ausweis lautete, war Franz Meyer, aber der Mann, der ihm auf dem Foto entgegenblickte, war eindeutig sein Bruder. Franz hatte zwar weniger Haare, dafür mehr Falten, aber er war unverkennbar.
Christoph legte das Portemonnaie zurück und schaute in den kleinen runden Spiegel, der neben dem Schrank hing. Er schien sich besser gehalten zu haben als Franz. Seine schneeweißen Haare waren nicht so strähnig wie die wenigen seines Bruders. Auch war sein Gesicht weniger zerfurcht.
Christoph zwang sich, die nächste Tür zu öffnen, und fand sich in einem engen Badezimmer wieder, in dem es knapp Platz für ein WC, ein Lavabo und eine Dusche hatte. Dieser Raum hatte wie die Küche eine Renovation mehr als nötig. Mehrere Kanten der weißen Wandfliesen waren abgesplittert. Der graue Linoleumboden wies Löcher auf, und am Rand der Duschwanne war Lack abgesplittert. Auf dem Duschvorhang und den Fugen erkannte Christoph dunkle Schimmelflecke.
Der Gestank war ähnlich wie der in der Küche.
Die dritte Tür führte in ein Schlafzimmer, in dem sich ein ungemachtes Bett befand. Auf dem Boden lagen Hosen, Hemden und Unterwäsche verstreut. Von seinem Bruder keine Spur. Hatte Franz es sich mit der Aussprache anders überlegt und in letzter Minute gekniffen?
Christoph beschloss, einen Blick in das letzte Zimmer zu werfen. Sollte er seinen Bruder dort nicht antreffen, würde er nach Hause fahren. Vorwerfen, einer Begegnung ausgewichen zu sein, konnte ihm keiner. Die Lust auf ein Treffen war ihm ohnehin beim Anblick dieser verwahrlosten Wohnung vergangen. Länger als nötig wollte er sich hier nicht aufhalten.
Christoph öffnete die vierte Tür. Das war eindeutig das Wohnzimmer, das zu Christophs Erstaunen in einem passablen Zustand war. Die Storen der Fenster waren bis auf einen schmalen Spalt heruntergelassen. Obwohl die Möbel nicht zusammenpassten, machte der Raum einen gepflegten Eindruck. Kein Staubkorn war auf den dunklen Oberflächen der Möbel zu sehen, und der Teppich unter dem kleinen viereckigen Esstisch sah frisch gesaugt aus, soweit Christoph das in dem schummrigen Licht erkennen konnte.
Christoph blickte auf die andere Seite und stutzte. Sein Kopf brauchte einige Sekunden, um zu verarbeiten, was die Augen sahen. Er schrie auf und taumelte nach hinten. Er ruderte mit den Armen und konnte sich knapp am Türrahmen festhalten. Mit der linken Hand tastete er nach dem Lichtschalter und musste blinzeln, als es hell wurde. Gebannt starrte er auf die Stelle vor dem Sofa. Seine Augen hatten sich nicht getäuscht. Auf dem zerkratzten Holzboden lag ein Mann auf dem Bauch. Der Kopf war abgewandt und die Arme an den Körper gepresst. Der Mann hätte schlafen können, wenn nicht das weiße blutdurchtränkte Hemd gewesen wäre.
Trotz der Hitze fror Christoph. Er saß auf einer halbhohen Mauer im Schatten der Linde neben seinem Auto. Der süßliche Duft des Baumes, den er als angenehm empfunden hatte, als er angekommen war, verursachte nun Übelkeit. Zu gerne hätte er sich an eine andere Stelle begeben, doch die Anweisungen des Polizeibeamten waren unmissverständlich gewesen.
Die Straße war mit Bändern abgesperrt. Vor dem einen Band hielt ein blauer Wagen an. Der Mann ließ das Fenster auf der Fahrerseite herunter. Ein Polizeibeamter beugte sich zu ihm. Er sprach auf den Mann ein. Christoph konnte die aufgebrachte Stimme des Fahrers hören, ohne die Worte zu verstehen. Die Gesten des Beamten waren unnachgiebig. Das schien der Fahrer einzusehen. Er setzte rückwärts, wendete und entfernte sich.
Ein weiterer dunkler Wagen hielt vor dem Band. Auf dem Dach zuckte das mobile Blaulicht. Zwei Männer in Zivil stiegen aus. Nachdem sie mit dem Beamten gesprochen hatten, bückten sie sich und gingen unter dem Band hindurch und verschwanden im Wohnhaus. Ein hoch aufgeschossener Mann, der einen weißen Ganzkörperanzug trug, folgte ihnen mit einem silbrigen Koffer.
»Sind Sie Herr Schneider?«
Christoph stand erschrocken auf. Er hatte nicht bemerkt, wie sich der hagere Mann genähert hatte, der Anfang vierzig sein musste und wieder aus dem Haus gekommen war.
»Ja.«
»Martin Graber, Kantonspolizei Aargau.« Er reichte Christoph die Hand. Sein Lächeln sollte wohl freundlich gemeint sein, doch Christoph empfand das Gegenteil. Der Beamte mit den blonden kurz geschnittenen Haaren und der Brille mit dem dunklen Rahmen wirkte unnahbar. »Sie haben den Toten entdeckt?«
»Ja«, erwiderte Christoph abermals.
»Bitte schildern Sie, wie Sie die Leiche gefunden haben.« Er holte ein Notizbuch hervor.
Christoph tat wie ihm geheißen. Graber unterbrach ihn nicht und schrieb stichwortartig mit.
»Haben Sie am Tatort etwas verändert oder angefasst?«
»Nein. Das heißt, ich habe die Türklinken angefasst, als ich in den Räumen nachgeschaut habe.«
»An der Lage des Toten haben Sie nichts geändert?«, hakte Graber nach.
»Nein. Mir war klar, dass er nicht mehr lebte.«
»Wieso?«
Christoph bekam einen Schrecken. Hatte er einen Fehler gemacht, und Franz hatte zu dem Zeitpunkt noch gelebt, als er ihn entdeckt hatte? Wenn der Polizist von einem Toten sprach, hatte er sich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig gemacht. Schuldgefühle brandeten auf. »Bei dem ganzen Blut dachte ich, er sei tot.«
»Es handelt sich dabei um Ihren Bruder, sagten Sie.«
»Ja.«
»Wie haben Sie das erkannt, ohne ihn umgedreht zu haben?«
»Was?«
»Wenn ich Sie richtig verstanden habe, sind Sie bei der Wohnzimmertür stehen geblieben. Von dort konnten Sie das Gesicht des Mannes nicht erkennen.«
»Wer soll es sonst sein?«
War der Tote nicht Franz? Hoffnung verdrängte die Schuldgefühle. Angst gesellte sich dazu. Er wollte sich nicht ausmalen, was es bedeutete, wenn eine tote Person in Franz’ Wohnung lag. Nicht nur einfach tot, sondern offensichtlich ermordet.
Ein gedrungener Mann in einem weißen Ganzkörperanzug näherte sich ihnen. Als er sie erreichte, streifte er die Kapuze ab, und ein blonder Wuschelkopf kam zum Vorschein.
»Martin, ist das dein Fall?«, fragte er.
»Ja.« Graber klappte das Notizbuch zu.
»Dein erster Fall? Das nenne ich Feuertaufe. Kann ich dich kurz sprechen?«
Die Männer entfernten sich und blieben einige Meter weg von Christoph stehen, offenbar in der Annahme, außer Hörweite zu sein. Mit ein wenig Anstrengung konnte er sie verstehen.
»Kannst du sagen, wann er gestorben ist?« Graber öffnete sein Notizbuch und nahm einen Stift aus der Brusttasche seines Hemdes.
»Anhand der Ausbildung der Totenstarre und der Totenflecke sowie der Körpertemperatur gehe ich von einem Eintritt des Todes vor zwischen fünf und dreizehn Stunden aus.«
Graber machte eine Notiz. »Was ist die Todesursache? Der Stich in den Rücken?«
»Es sieht so aus. Die Kleidung ist durchstochen. Aufgrund der Lage der Verletzung würde ich sagen, die Lunge wurde getroffen. Der Tote weist zudem blutigen Schaum vor dem Mund auf, was diese These stützen würde.«
»Blutigen Schaum?«
»Die blutige Flüssigkeit vermischt sich mit Luft und der Beschichtung der Lungenbläschen. Er entsteht, wenn der Sterbende nach dem Stich noch geatmet hat.«
»Das heißt, er war nicht sofort tot?«, hakte Graber nach.
»Aussagen, wie lange er nach dem Zufügen der Verletzung noch gelebt hat, kann ich nicht machen. Er muss zudem gehustet haben, wie du an den feinen Blutspritzern auf dem Boden und am Sofa gesehen hast. Aufgrund der Totenflecke gehe ich davon aus, dass er dort gestorben und nach Eintritt des Todes nicht mehr bewegt worden ist.«
»Also ist das Wohnzimmer der Tatort. Kannst du mir Angaben zur Stichwaffe machen?«
»Die Verletzung sieht nach einem Messer mit einer glatten Klinge aus. Von der Größe her könnte es sich um ein großes, einseitig geschliffenes Messer handeln, wie man es zum Beispiel zum Zerteilen von Fleisch braucht.«
»Ein Metzgermesser? Elektrisch?«
»Nicht unbedingt. Ich habe ein solches Küchenmesser zu Hause, um einen Braten in Tranchen zu schneiden. Genaueres zur Tatwaffe und welche weiteren Organe getroffen wurden, kann ich dir nach der Obduktion sagen.«
Graber notierte weitere Stichworte. »Hat der Tote Abwehrspuren?«
»Nein.«
»Nein?«
»Die einzige Verletzung, die ich feststellen konnte, ist eine Platzwunde an der Stirn, die er sich zugezogen haben muss, als er auf den Boden sackte und mit dem Kopf auf die Kante des Salontischchens schlug.«
»Wird er ins Rechtsmedizinische Institut nach Bern gebracht?«
»Ja. Ich melde mich bei dir, wenn ich Genaueres weiß.«
Die Männer verabschiedeten sich, und Graber kehrte zu Christoph zurück. »Können Sie bitte morgen für weitere Fragen ins Polizeikommando in Aarau kommen?«
»Bitte warten Sie hier«, sagte die blonde Beamtin und zeigte auf einen länglichen Tisch, um den sechs Stühle standen. »Möchten Sie etwas zu trinken? Einen Kaffee oder Wasser?«
»Bitte ein Glas Wasser«, antwortete Christoph.
Nachdem die Frau ihm das Gewünschte gebracht und den Raum verlassen hatte, stellte Christoph sich an das geöffnete Fenster und schaute auf die stark befahrene Tellistraße. Warme Luft strömte herein. Wenigstens war sie kühler als die Temperatur in dem Raum. Zumindest noch.
Es klopfte, und die Tür öffnete sich keine Sekunde später. Martin Graber und eine Frau, die Mitte fünfzig sein musste, betraten den Raum. Sie hatte er gestern nicht bei Franz’ Wohnung gesehen. Gestern … Das war nicht einmal vierundzwanzig Stunden her.
»Renate Schürch«, sagte Graber, nachdem er Christoph die Hand gereicht hatte, und wies auf die hagere Frau.
Graber und Schürch setzten sich Christoph gegenüber.
»Darf ich zunächst um Ihre persönlichen Angaben bitten?«, begann Schürch. »Wie ist Ihr Geburtsdatum?«
»Ich bin am 24. Dezember 1941 in Dresden geboren.«
»Wie lange leben Sie bereits in der Schweiz?«
»Seit fünfunddreißig Jahren.«
»Sie wohnen in Meisterschwanden, ist das richtig?«
»Ja.« Christoph nannte die Adresse, die Schürch notierte.
»Was sind Sie von Beruf?«
»Ich bin gelernter Konditor und Reitlehrer.«
Die Beamtin senkte den Stift. »Das ist eine interessante Kombination. Welchen der beiden Berufe üben Sie zurzeit aus?«
»Zuletzt habe ich einen Reitbetrieb geführt.«
»Zuletzt? Heute nicht mehr?«
»Ich habe mich frühpensionieren lassen.«
»Können Sie uns bitte ein weiteres Mal schildern, wie Sie gestern den Toten aufgefunden haben?«, übernahm Graber, nachdem Schürch ihm zugenickt hatte.
Wozu, dachte Christoph. Das habe ich bereits gestern ausführlich getan.
Die beiden Beamten schwiegen.
Sie wollen testen, ob du bei deiner Geschichte bleibst, wurde ihm bewusst. Wieso? Hatten sie ihn als Verdächtigen ins Auge gefasst? Schließlich war bei vielen Verbrechen der Täter im Familienumfeld zu finden.
Christoph konzentrierte sich, nichts auszulassen oder hinzuzufügen, was er gestern nicht erwähnt hatte. Graber warf hin und wieder einen Blick auf sein Notizbuch, das aufgeschlagen vor ihm lag.
Schürch schob ein Foto über den Tisch, nachdem Christoph seinen Bericht beendet hatte. »Ist das Ihr Bruder?«
Christoph senkte den Kopf und sog die Luft ein. Er war hagerer als früher, hatte wie auf dem Bild seines Personalausweises weniger Haare auf dem Kopf, dafür mehr Falten im Gesicht, aber es war eindeutig Franz. Sein Gesicht, das fast das gesamte Bild ausfüllte, war unnatürlich grau. Die Lippen wirkten blutleer. Auf der Stirn hatte er eine verkrustete Platzwunde. Im Hintergrund erkannte Christoph eine glänzende Fläche, auf der Franz lag. Ein Stahltisch. Das Foto musste aus der Rechtsmedizin stammen.
»Das ist mein Bruder«, brachte er hervor.
Graber zog das Bild zu sich. »Gestern gaben Sie an, Sie hätten Ihren Bruder länger nicht gesehen. Wie lange genau?«
»Das müssten zwanzig Jahre sein«, erwiderte Christoph.
»Das ist eine lange Zeit«, sagte Graber erstaunt. »Gibt es einen Grund für diese lange Funkstille?«
Ja, dachte Christoph. »Nein«, sagte er laut. Es war schwer, dem Blick des Beamten standzuhalten. »Franz ist umgezogen, und der Kontakt wurde seltener, bis er aufhörte.«
Graber war anzusehen, dass er ihm diese Erklärung nicht abnahm.
»Umgezogen? Lebte er bis zu diesem Zeitpunkt in der Schweiz?«
»Nein, bei Wien – in Klosterneuburg.«
»Hat er Sie besucht, bevor er wegzog?«
»Ungefähr einen Monat davor.«
»Wussten Sie damals, wohin er ziehen wollte?«
»Nein.«
Grabers Augenbrauen schnellten nach oben. »Er hat nichts davon erzählt?«
»Nein«, wiederholte Christoph. »Ich erfuhr von dem Umzug nach Deutschland durch meine Mutter. Mein Bruder lebte damals bei meinen Eltern.«
»Wohnen Ihre Eltern weiterhin in Österreich?«
»Nur meine Mutter. Gisela Schneider. Mein Vater ist inzwischen verstorben.« Christoph nannte die Adresse, die Graber notierte.
Die gestochene, leicht nach links geneigte Handschrift konnte er gut auf dem Kopf lesen: »Muttersöhnchen. Mit Mutter Kontakt aufnehmen.«
»Hat Ihr Bruder sich nach seinem Besuch bei Ihnen in der Schweiz nochmals gemeldet?«, fuhr Graber fort.
»Nein.«
Graber blätterte durch sein Notizbuch.
»Wieso kamen Sie nun in Kontakt?«
»Franz rief mich letzte Woche an.«
»Wieso?«
»Das hat er nicht gesagt.«
»Waren Sie nicht erstaunt, nach dieser langen Zeit etwas von ihm zu hören?«
»Ich muss zugeben, ja. Aber ich habe mich darüber gefreut.« Das stimmte nicht. Von dem Unbehagen, das sich eingestellt hatte, mussten die Beamten genauso wenig wissen wie den Grund für die Funkstille. Christoph wollte vermeiden, in den Fokus der Ermittlungen zu rücken. Das würde er unweigerlich, wenn die Beamten die Wahrheit erfuhren.
»Wie lange haben Sie miteinander gesprochen, als Ihr Bruder anrief?«
»Fünf, vielleicht zehn Minuten.«
»So kurz? Nach dieser langen Zeit?«
»Wir wollten uns alles persönlich erzählen und haben zum Mittagessen abgemacht.« Weiterhin hielt Christoph dem Blick des Polizisten stand.
»Wohin in Deutschland zog Ihr Bruder damals?«
Das hatten sie eben schon. »Das weiß ich nicht. Das Gleiche gilt für meine Mutter.«
»Sie hatten keine Ahnung, dass er heute in der Schweiz lebt?«
Christoph wurde das Gefühl nicht los, die Befragung drehe sich im Kreis.
Er will prüfen, ob du dich in Widersprüche verwickelst. Christoph begann, stärker zu schwitzen. Hör auf, dich wild zu machen. Du hast nichts getan.
»Nein«, sagte er und war froh, wie ruhig er klang. »Es erstaunte mich, dass er im Aargau wohnt.«
Stille setzte ein, die sich in die Länge zog. Graber begann, mit dem Ende des Kugelschreibers auf den Tisch zu klopfen. Das Geräusch wurde zunehmend nervtötend. Am liebsten hätte Christoph ihn gebeten, damit aufzuhören.
»Lebte Ihr Bruder allein?«, fragte Graber unvermittelt.
»Sie meinen, ob er eine Beziehung hatte?«
»Zum Beispiel.«
Achtung, Fangfrage, dachte Christoph. »Als er damals wegzog, war Franz alleinstehend und lebte bei meinen Eltern, wie ich bereits erwähnt habe. Ob sich das in den letzten Jahren geändert hat, kann ich nicht beantworten. Darüber haben wir nicht am Telefon gesprochen.«
»Wie war Ihr Verhältnis, bevor Ihr Bruder wegzog?«
»Neutral.«
»Neutral? Das ist eine seltsame Formulierung.«
»Wir hatten kein enges Verhältnis, aber respektierten einander.«
»Wieso zog Ihr Bruder nach Deutschland?«
Um sich den Verpflichtungen zu entziehen, dachte Franz. »Keine Ahnung. Womöglich hat er einen neuen Job angenommen.« Auch dieses Mal schaffte er es, nicht auf die Seite zu schauen.
»Haben Sie bei der Hochzeit den Namen Ihrer Frau angenommen?«
»Ich?«, fragte Christoph erstaunt. »Nein, wieso?«
»Ihr Bruder ist unter dem Namen Meyer gemeldet. Welchen Grund könnte dies haben?«
»Eine Hochzeit, von der ich nichts weiß?«
Graber beugte sich vor. Nur mit Mühe gelang es Christoph, nicht zurückzuweichen. »Wo waren Sie vorgestern Nacht in den frühen Morgenstunden?«
»War es schlau, ihnen das zu verheimlichen, was damals bei seinem letzten Besuch zwischen euch vorgefallen ist, und was Franz für ein Mensch war?«, fragte Regula, als sie auf den Balkon trat.
Sie stellte eine Karaffe mit Wasser und zwei Gläser auf den kleinen Tisch und setzte sich.
Christoph erwiderte nichts und starrte weiter zum Hallwilersee, auf den sie von ihrem Balkon aus freie Sicht hatten. Nach seiner Pensionierung hatten sie das Haus neben dem Reithof in Bremgarten räumen müssen und waren in diese Dreizimmerwohnung in Meisterschwanden gezogen.
»Mehr brauchen wir nicht«, hatte Regula gesagt.
Zunächst war es eine Umstellung gewesen, aber inzwischen musste Christoph seiner Frau zustimmen. Es war eine gute Entscheidung gewesen, diese kleine Wohnung zu nehmen.
Es war nach wie vor heiß, aber wenigstens wehte heute ein leichter Wind, der die Temperaturen erträglich machte. Auf dem See tummelten sich Segelboote. Die Badi beim Hotel Seerose würde wie in den vergangenen Tagen aus allen Nähten platzen.
»Warum hast du nichts gesagt?«, hakte Regula nach, als Christoph weiterhin schwieg.
»Ich wollte nicht den Verdacht auf mich lenken.«
Das war trotz allem geschehen. Christoph dachte an die Frage nach seinem Alibi. Zufriedenstellend war es nicht. »Geschlafen im Bett neben meiner Frau«, klang sogar in seinen Ohren lahm.
»Den Verdacht auf dich? Du hast nichts getan.«
»Erklär ihnen das mal. Wie viele Delikte geschehen im engeren Familienumfeld? Ich hätte genügend Gründe.«
»Wenn herauskommt, dass Franz dich vor seinem Verschwinden damals bedroht und versucht hat, dich zu erpressen, wird das Verschweigen nicht förderlich sein und deren Aufmerksamkeit erst recht auf dich lenken.«
Zu diesem Schluss war Christoph ebenfalls gekommen, als er nach Hause gefahren war. Er hatte sich dumm verhalten. Unverzeihlich dumm. Allerdings war es zu spät, um das zu ändern.
»Erpressen ist übertrieben. Unter Druck setzen passt besser. Er wollte Geld. Wieder einmal.«
»Das du ihm nicht gegeben hast.«
»Wohlweislich.«
»Ich habe es gewusst.« Regula stellte die Ellenbogen auf den Tisch und stützte das Gesicht auf den Handflächen ab. »Du hättest nicht zu Franz gehen sollen. Wie früher, du warst zu gutgläubig.«
»Nur weil ich ihm eine Chance geben wollte? Immerhin ist er mein Bruder.«
»Ich weiß, ihr habt euch früher als Kinder und Jugendliche einiges bedeutet. Das ist lange her, und dieses tiefe Verhältnis hat er kaputtgemacht. Bereits lange vor seinem Verschwinden.«
»Jeder macht Fehler.«
»Dieses Mal hat er einen begangen, der ihn das Leben gekostet hat. Wer weiß, mit welchen zwielichtigen Leuten er zu tun hatte. Ich bin überzeugt, er wollte dich in krumme Geschäfte mit hineinziehen.« Sie hob die Hand, als Christoph zu einer Erwiderung ansetzte. »Die Tatsache, dass er seit zwanzig Jahren verschwunden ist, plötzlich auftaucht und unter einem anderen Namen hier lebt, sagt in meinen Augen alles.«
War es so, wie Regula vermutete?
»Versprechen hin, Versprechen her, das ihr euch als Kinder gegeben habt. Jeder ist selbst verantwortlich für das, was er tut. Franz hat seinen Weg gewählt und ist untergegangen. Aber es ist nicht sein Recht, dich mit in den Sumpf zu ziehen.«
Christoph dachte an die heruntergekommene Wohnung, in der Franz offenbar seit einigen Jahren gelebt hatte. Erneut stellte er sich die Frage, wie es so weit hatte kommen können, dass sein Bruder so tief gesunken war. Traurigkeit senkte sich über ihn. Er hatte das Gefühl, versagt zu haben. Sowohl vor zwanzig Jahren als auch heute. Nun war es zu spät, um das zu korrigieren.
Christoph erwachte von einem Donnern und setzte sich benommen auf. Er brauchte einen Moment, bis er begriff, nicht zu Hause im Bett zu liegen.
Nachdem seine Mutter, Franz und er vor zwei Tagen überstürzt aus ihrer Wohnung in der Dresdner Innenstadt aufgebrochen waren, waren sie heute Nachmittag auf dem weitläufigen Bauernhof angekommen. Er lag ungefähr fünfzig Kilometer von Dresden entfernt auf einem Hügel mit wunderbarer Aussicht. Sogar bis Dresden konnte man von hier schauen.
Lichtblitze zuckten, begleitet von einem Dröhnen und Donnern. Christoph erkannte die Silhouette einer Person vor dem Fenster.
»Franz?«, fragte er leise.
Die Gestalt drehte sich um.
»Gewittert es?«
»Nein«, sagte sein zweieinhalb Jahre älterer Bruder.
Der dreijährige Bub schlüpfte aus dem Bett und lief zu Franz ans Fenster und spähte über den Hof. Er erkannte die Umrisse eines Stalls und eines Schuppens auf der anderen Seite des Hofes.
Lichter explodierten in der Ferne über Dresden am Himmel, und Sternenfunken fielen herab.
»Was ist da los?«, fragte Christoph.
»Keine Ahnung«, sagte Franz. »Schau mal, die vielen Flugzeuge.« Er zeigte zum Himmel, und Christoph konnte die dunklen Umrisse gegen den Sternenhimmel erkennen. Sie flogen tief in Reihen Richtung Dresden, und es war ihm, als würden sie gleich landen. Neue Blitze in der Ferne am Himmel. Erneutes Donnern ließ die Fensterscheiben erzittern.
Die Tür wurde aufgerissen, und ihre Mutter rannte ins Zimmer. »Schnell in den Keller!«
Sie hob Christoph auf den Arm und griff nach Franz’ Hand. Sie eilte aus dem Raum und zerrte Franz hinter sich her.
»Ich will weiter rausschauen«, protestierte Franz.
»Das ist zu gefährlich.«
»Wieso? Das sind nur Flugzeuge.«
»Eben!«
Sie stolperten hinter Else, die ihr sechsmonatiges Baby auf dem Arm fest an sich drückte, die Stufen nach unten. Die übrigen Bewohner des Hofes hatten sich bereits in dem Keller versammelt.
Elses Eltern, die Mitte sechzig waren, wie ihre Mutter ihnen erzählt hatte, setzten sich auf die beiden einzigen Stühle.
»Die werfen Bomben auf Dresden ab«, rief Elses Vater.
»Was für Bomben?«, fragte Christoph, aber keiner antwortete.
Kurt, der Knecht, ließ sich vor ihnen auf den Boden nieder und hob den eineinhalbjährigen Ernst auf den Schoß. Der achtjährige Bruder Werner drängte sich an ihn.
»Sind oben alle Fenster abgedunkelt?«, fragte Kurt.
»Ja«, erwiderte Else mit zitternder Stimme.
Mutter setzte sich auf eine weitere Decke auf den Boden und drückte Christoph und Franz fest an sich. Elses zwölfjährige Tochter wimmerte.
Das Dröhnen der Flugzeuge schwoll an und wurde wieder leiser, bevor in der Ferne neue Donnerschläge und Explosionen zu hören waren. Die Gläser mit eingemachten Früchten und Gurken klirrten auf den Gestellen. Die einzelne Kerze erlosch, und Finsternis hüllte sie ein. Keiner sprach ein Wort.
Verunsichert presste Christoph sich gegen seine Mutter und spürte ihr Zittern.
Auf einmal herrschte Stille – Totenstille. Nicht einmal das Atmen der zehn dicht an- und aufeinanderhockenden Menschen war zu hören.
»Wer schaut nach?«, flüsterte Else.
Keiner antwortete. Das Schweigen lastete schwer auf ihnen. Die Dunkelheit wurde mit jeder Minute erdrückender, und Christoph wünschte, das Licht werde eingeschaltet. Nichts geschah. Die Zeit verstrich. Niemand rührte sich.
»Ich schaue nach«, erklang Kurts Stimme auf einmal. »Ihr anderen bleibt alle unten.«
Ein Fuß streifte Christophs Bein. Die Kiesel des Naturkellerbodens knirschten. Das Quietschen des Türgriffes. Schritte, die sich entfernten.
Neues Brummen war zu hören, das sich zu einem Dröhnen steigerte. Die Donnerschläge und Explosionen setzten augenblicklich von Neuem ein.
Hastige Schritte kehrten zurück. »Bleibt hier. Es geht von vorne los.«
Woher der Lichtschimmer kam, wusste Christoph nicht. Unruhe entstand, und alle standen gleichzeitig auf. Im Dunkeln tasteten sie wortlos hintereinander die Wand entlang und die Treppe nach oben. Durch einen Spalt der zugezogenen Vorhänge drang Tageslicht herein.
Kurt öffnete die Haustür einen Spaltbreit. Kalte Luft strömte herein, und Christoph fröstelte. Nacheinander traten sie aus dem Haus und blieben in einer Reihe davor stehen. Draußen sah es unverändert aus. Wie gestern war es leicht bewölkt. Dunst hing in der Luft. Glutrot ging die Sonne auf und tauchte den Hof in orangefarbenes Licht. Ein kalter Wind wehte.
»Mein Gott!«, stieß Mutter aus.
Alle schauten in die Richtung, in die sie zeigte. Der Himmel am Horizont war dunkel, beinahe schwarz. In dem Dunkeln erkannte Christoph einzelne hellrote Flecken. Es war, als würde dort eine weitere Sonne aufgehen.
»Da seid ihr gerade rechtzeitig rausgekommen«, wandte Elses Vater sich an Mutter.
Christoph blickte zu seiner Mutter hoch. Sie lehnte gegen die Hauswand und holte einen Zettel aus ihrer Tasche, den sie auseinanderfaltete. Christoph erkannte ihn sofort wieder. Das war die Nachricht, die ihnen der Mann mit den verfilzten Haaren und dem dichten Bart letzte Woche gebracht hatte. Er hatte sich als Kriegskamerad von Christophs Vater vorgestellt.
»Er ist beim Militär und muss als Funker arbeiten«, hatte Mutter Franz und ihm erklärt, als sie sich erkundigt hatten, ob sie wie die Nachbarsbuben einen Vater hätten.
Er solle die Nachricht überbringen, hatte der bärtige Mann erklärt. An den Wortlaut konnte Christoph sich deutlich erinnern, als seine Mutter die Nachricht vorgelesen hatte: »Verlasst sofort Dresden – ich liebe Dich, Gerhard.«
Darunter war die Adresse dieses Hofes notiert.
»Das ist mein Hof«, hatte der Mann erklärt. »Meine Familie wird euch aufnehmen.«
Zuerst hatte Else nichts von den dreien wissen wollen. Nachdem Mutter ihr den Zettel gezeigt hatte, hatte sie – eindeutig widerwillig – zugestimmt. Ihre Begeisterung, weitere Esser aufnehmen zu müssen, hatte sich unübersehbar in Grenzen gehalten.
Mutter starrte weiter Richtung Dresden. Ihre Unterlippe zitterte, und Tränen bahnten sich den Weg über ihre Wangen nach unten. Sie schien nichts um sie herum wahrzunehmen. Christoph zupfte an ihrem Ärmel. Sie reagierte nicht.
Er zupfte energischer. »Mama.«
Mutter blickte ihn an, und er erschrak, als er den starren Blick sah. So kannte er sie nicht. Normalerweise hatte sie ein Lächeln auf den Lippen. Sogar als er und Franz auf der Reise hierhin müder wurden und quengelten, hatte sie Späße gemacht.
»Mama, ich will nach Hause«, flüsterte er.
Mutters Augen weiteten sich.
Kurt griff nach Christophs Arm. »Lass uns nach den Tieren schauen. Ihr anderen geht am besten ins Haus zurück. Lasst die Vorhänge zugezogen.«
Bevor Christoph einen Einwand erheben konnte, zog Kurt ihn mit sich fort. In der Stalltür warf er einen Blick auf die einzelne Kuh, die Sau und die beiden Ziegen, die dem Hof geblieben waren, bevor er sich zu seiner Mutter umdrehte. Sie stand an der gleichen Stelle, den Blick starr auf Dresden gerichtet.
Fast eine Woche war seit den Tagen mit den verheerenden Bombenangriffen auf Dresden vergangen. Eine Woche, in der alle wie gelähmt gewesen waren und bei dem kleinsten Geräusch zusammengezuckt waren. Keiner traute der Ruhe, die seitdem herrschte. Die Nächte hatten sie weiterhin im Keller verbracht. Nur tagsüber wagten sie sich nach oben, wobei sie den Himmel im Auge behielten, ob nicht wieder Bomber zurückkehren und nun auch die Umgebung der Stadt angreifen würden.
»Ich gehe in den Westen«, sagte Mutter beim Mittagessen.
Alle, die sich um den Tisch versammelt hatten, starrten sie an. »Mein Zuhause ist zerstört, und ich weiß nicht, wo mein Mann ist. Ob er je zurückkommt und überhaupt noch lebt, weiß keiner.«
»Wo willst du hin?«, fragte Elses Mutter. »Die Städte im Westen sind wie Dresden zerbombt.«
»Das weiß ich nicht. Hier kann ich nicht bleiben und euch weiter auf der Tasche liegen.«
Else senkte rasch den Kopf, doch die Erleichterung über diese Aussage konnte sie nicht verbergen.
»Wie willst du nach Westen gelangen?«, fragte Elses Vater. »Die Russen rücken aus dem Osten vor und kontrollieren zunehmend die Verbindungsstraßen nach Dresden und haben Posten errichtet. Die Deutschen wollen einen Flüchtlingsstrom unterbinden und haben ebenfalls Kontrollstellen errichtet. Um von einer in die andere Stadt zu gelangen, brauchst du einen Passierschein. Ich nehme an, du hast keinen.«
Mutter schüttelte den Kopf.
»Eisfeld ist zudem zu weit weg, um zu Fuß dorthin zu gelangen«, warf Elses Mutter ein.
»Ich fahre euch«, sagte Kurt. »Am besten nachts.«
»Du?«, fragte Elses Vater erstaunt.
»Ich habe einen Passierschein.«
»Wo hast du den denn her?«
Kurt antwortete nicht und hob nur leicht die Schultern.
»Gisela und ihre Kinder aber nicht.«
»Vergiss nicht, ich habe Bekannte in Eisfeld, denen ich die aussortierten Möbel aus dem Schuppen bringen will, was ich bisher nicht geschafft habe. Der Passierschein ist noch gültig.« Kurt wandte sich Mutter zu. »Wenn wir uns dem Kontrollposten nähern, verstecken sich Franz und Christoph in einem Schrank. Du musst kurz vorher aussteigen und dich durch den Wald schlagen.«
»Das ist zu gefährlich«, rief Elses Mutter.
»Die Russen sind nicht so gut organisiert. Das müssen wir ausnutzen«, erwiderte Kurt.
»Das Risiko nehme ich auf mich«, sagte nun Mutter. »Hier ist es genauso gefährlich. Momentan ist es zwar ruhig, und es gab keine neuen Bombardierungen, aber wer weiß, was noch alles passiert.«
Nach dem Essen packte Else einige Brote ein und reichte sie Mutter.
»Die freut sich richtig, uns los zu sein«, flüsterte Franz Christoph zu.
»Sie mag uns nicht«, erwiderte er. »Und ich sie auch nicht.«
Kurt nahm Christoph und Franz in den Schuppen mit. Die Buben schauten ihm dabei zu, wie er Möbelstücke in den Lieferwagen hob. Elses Sohn Werner gesellte sich zu ihnen.
»Darf ich mitkommen?«
»Nein«, erwiderte Kurt und breitete eine Wolldecke auf dem Boden in einem der Schränke aus.
»Wieso nicht? Warum werden die bevorzugt?«
»Du bleibst hier!«
»Hier musst du aussteigen«, sagte Kurt.
Christoph öffnete ein Auge und war sofort hellwach, als seine Mutter die Tür des Lieferwagens öffnete.
»Geh nicht!«, rief er und klammerte sich an ihr fest.
»Es geht nicht anders«, sagte Mutter. »Ich mache einen Spaziergang. Ihr fahrt durch den Kontrollposten, und ich warte auf der anderen Seite auf euch.«
»Versprochen?« Christoph unterdrückte die Tränen.
»Versprochen.« Mutter gab Franz und Christoph einen Kuss und entfernte sich von dem Wagen. Bereits nach kurzer Zeit erreichte sie das Waldstück, das sich neben der Straße befand, und verschwand in der Dunkelheit.
»Ihr zwei versteckt euch nun im Schrank«, sagte Kurt.
Franz und Christoph schlüpften aus dem Lieferwagen. Kurt hob die Plane hoch und half ihnen auf die Ablagefläche. Er rückte eine Kommode auf die Seite und öffnete die Schranktür.
»Keinen Mucks«, sagte er und legte den Zeigefinger gegen die Lippen, als die Brüder in den Schrank krochen. Kurt schloss die Tür.
»Das ist eng«, sagte Franz.
»Es dauert nicht länger als zehn Minuten, bis ihr rauskönnt«, sagte Kurt.
Christoph hörte, wie Kurt die Kommode vor den Schrank zurückschob.
»Das ist unbequem«, sagte Christoph.
»Pst!«, herrschte Franz ihn an.
»Es ist dunkel«, flüsterte Christoph. »Ich mag es nicht.«
»Mach dich nicht so breit.«
Christoph zog die Beine an und suchte nach einer bequemen Position.
Der Motor sprang an, und der Lieferwagen setzte sich in Bewegung. Möbel schlugen gegen den Schrank. Der Lieferwagen fuhr um eine Kurve, und Christoph wurde gegen Franz gedrückt. Das rechte Rad traf ein Schlagloch, und Christoph stieß mit dem Kopf gegen die Rückwand des Schrankes. »Aua!«
»Sei still!«
»Ich muss mal.«
»Das geht nicht.«
»Warum?«
»Weil wir hier drin still sein müssen. Sonst finden sie uns.«
»Ich muss trotzdem mal.«
Der Lieferwagen verlangsamte die Fahrt und hielt an. Der Motor lief im Leerlauf.
»Ich …«
»Pst!« Franz stieß Christoph mit dem Ellenbogen in die Seite.
