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Exzellent – das ist er im wahrsten Sinne des Wortes: einzigartig, schlagfertig und natürlich auch unangenehm schlagfähig. Wer ihn unterschätzt, hat schon verloren. Sein Regenschirm ist nicht nur sein Markenzeichen, sondern auch die beste Waffe der Welt. Seinem Charisma, Witz und Charme kann keiner widerstehen. Der exzellente Butler Parker ist seinen Gegnern, den übelsten Ganoven, auch geistig meilenweit überlegen. In seiner auffallend unscheinbaren Tarnung löst er jeden Fall. Bravourös, brillant, effektiv – spannendere und zugleich humorvollere Krimis gibt es nicht! E-Book 1: Parker stöbert den "Fuchs" auf E-Book 2: Parker pflückt das "Kleeblatt" ab E-Book 3: Parker fährt mit den Ganoven Schlitten E-Book 4: Parker steuert schnelle Flitzer E-Book 5: Parker nimmt die Ballerina hoch
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Seitenzahl: 617
Veröffentlichungsjahr: 2022
Parker stöbert den "Fuchs" auf
Parker pflückt das "Kleeblatt" ab
Parker fährt mit den Ganoven Schlitten
Parker steuert schnelle Flitzer
Parker nimmt die Ballerina hoch
»Darf ich Sie bitten, mir in mein Büro zu folgen?« Der Unbekannte, der Agatha Simpson respektlos auf die Schulter tippte, zählte schätzungsweise fünfundvierzig Jahre und machte einen ausgesprochen smarten Eindruck. Die reiche Witwe, die gerade in Begleitung ihres Butlers durch die Schmuckabteilung von »Wellwoods Warenhaus« bummelte, reagierte sofort. »Finger weg, junger Mann!« fuhr sie den elegant gekleideten Schönling an. »Sonst muß ich Ihnen Manieren beibringen.«
»An Ihrer Stelle würde ich jedes Aufsehen vermeiden«, gab ihr Gegenüber ungerührt zurück und zückte ein Plastikkärtchen, das ihn als Warenhausdetektiv auswies. Hämisch grinsend deutete er auf ein Stück Bernsteinkette, das unübersehbar aus Myladys Jackentasche schaute.
»Das ist doch die Höhe!« fauchte die passionierte Detektivin. »Ausgerechnet mir einen Ladendiebstahl anhängen zu wollen! Als ob eine Lady Simpson das nötig hätte!«
»Einzelheiten können wir in meinem Büro besprechen«, drängte der Detektiv. Schon bildete sich einen Traube neugieriger Kunden ...
»Ich bestehe darauf, sofort den Geschäftsführer zu sprechen, damit ich mich wegen dieses dreisten Übergriffs beschweren kann«, grollte die ältere Dame. Angesichts der wachsenden Zahl von Schaulustigen zog sie es dann aber doch vor, dem Detektiv wütend zu folgen. Josuah Parker begleitete seine Herrin – in würdevoller Haltung und mit undurchdringlicher Miene.
»Wir können die Sache bereinigen, ohne die Polizei einzuschalten«, bot der Smarte an, nachdem man in einem bescheiden eingerichteten Büro Platz genommen hatte. »Sie geben den gestohlenen Schmuck heraus, unterschreiben eine Schuldanerkenntnis und zahlen eine Bearbeitungsgebühr von hundert Pfund ...«
»Hundert Pfund?« unterbrach Lady Agatha und stimmte ein Hohngelächter an. »Keinen Penny werde ich zahlen. Schließlich waren Sie es ja, der mir die Kette heimlich in die Tasche gestopft hat.«
»Unerhört!« entrüstete sich nun der Detektiv. »Sie wollen im Ernst behaupten, daß ich ...«
»In der Tat, junger Mann«, bekräftigte Mylady. »Deshalb will ich jetzt unverzüglich den Geschäftsführer sprechen. Wird’s bald? Meine Zeit ist kostbar.«
»Wenn Sie derart uneinsichtig sind, bleibt mir keine Wahl«, entgegnete der Mann. »Ich werde den Geschäftsführer hinzuziehen und anschließend die Polizei einschalten.«
Kopfschüttelnd griff er zum Telefonhörer. »Mister Wellwood? Hier ist Pool. Wäre es Ihnen möglich, für einen Augenblick herüberzukommen?«
Kaufhauschef Fred Wellwood war noch ein junger Mann. Parker schätzte ihn auf höchstens fünfunddreißig. Er war sportlich-salopp gekleidet. Die blaßblauen Augen im gebräunten Gesicht blickten offen und freundlich.
»Ich habe diese Dame auf frischer Tat ertappt, als sie eine Bernsteinkette in ihrer Jackentasche verschwinden ließ, Mister Wellwood«, trug Detektiv Pool seine Anklage vor.
»Unverschämtheit!« fuhr die resolute Lady dazwischen. »Der dreiste Lümmel hat mir die Kette eigenhändig in die Tasche geschmuggelt! Als ob eine Lady Simpson es nötig hätte, eine Bernsteinkette zu stehlen, der man schon von weitem ansieht, daß sie nicht mal echt ist.«
»Lady Simpson?« wiederholte Wellwood überrascht. »Sie sind Lady Simpson, die berühmte Privatdetektivin?«
»So ist es«, bestätigte Agatha Simpson geschmeichelt.
»Das läßt den bedauerlichen Zwischenfall natürlich in einem anderen. Licht erscheinen«, lenkte Wellwood ein. »Könnte es nicht sein, daß Sie sich geirrt haben, Mister Pool? Jeder Mensch macht mal einen Fehler.«
»Ausgeschlossen, Mister Wellwood«, beharrte der Detektiv. »Ich habe genau gesehen ...«
»Unsinn!« fuhr Mylady ihm über den Mund. »Gar nichts haben Sie gesehen, junger Mann. Dafür habe ich eindeutig bemerkt, wie Sie mir dieses läppische Kettchen in die Tasche geschoben haben.«
»Haben Sie denn einen Zeugen, der Ihre Darstellung bestätigen kann, Mister Pool?« erkundigte sich Wellwood.
»Natürlich nicht«, brummte der Detektiv.
»Aber ich habe einen Zeugen, Mister Smellgood«, triumphierte Agatha Simpson. »Mister Parker wird Ihnen bezeugen, daß sich alles so zugetragen hat, wie ich es Ihnen dargestellt habe.«
»Nicht mal im Traum würde es meiner bescheidenen Wenigkeit einfallen, Myladys Schilderung zu widersprechen«, versicherte Parker durchaus wahrheitsgemäß.
Pools Gesicht nahm allmählich die Farbe einer vollreifen Tomate an. Nervös tupfte er sich mit einem weißen Spitzentuch die Schweißperlen von der Stirn.
»Ihr Eifer in allen Ehren, Mister Pool«, wies Wellwood ihn ebenso höflich wie bestimmt zurück. »In diesem Fall haben sie aber mit Sicherheit den Falschen erwischt.«
»Oh, mein Kreislauf!« wimmerte Agatha Simpson plötzlich mit schwacher Stimme. »Die Aufregung war Gift für meine sensible Natur.«
»Um Himmel willen, Mylady«, rief Wellwood besorgt. »Soll ich einen Krankenwagen bestellen?«
»Nein, nein«, wehrte die Detektivin mit einer müden Handbewegung ab. »Nur einen Schluck zu trinken. Dann geht es gleich wieder besser.«
»Ich lasse Ihnen ein Glas Wasser bringen, Mylady«, bot der Kaufhauschef an.
»Nein, kein Wasser!« stöhnte die ältere Dame und rang entsetzt die Hände. »Das macht alles noch schlimmer.«
»Mylady pflegt ihren Kreislauf mit alkoholhaltigen Stärkungsmitteln französischer Provenienz zu therapieren, falls die Anmerkung erlaubt ist«, setzte Parker Wellwood ins Bild.
»Ach so«, lächelte der Chef. »In meinem Büro habe ich einen hervorragenden Kognak, Mylady. Schaffen Sie die paar Schritte, oder soll ich ihn herbringen lassen?«
»Es wird schon gehen«. Lady Agatha erhob sich schnaufend.
Im Weggang bedachte sie den Kaufhausdetektiv noch mit einem triumphierenden Blick. In den Augen des Mannes glomm der Haß ...
*
»Geht es Ihnen jetzt besser, Mylady?« erkundigte sich Wellwood.
»Es kommt so langsam wieder«, entgegnete die Detektivin und schob ihm das Glas zum Nachfüllen hin. »Etwas besser ist es schon, Mister Sellgood.«
»Verzeihung, Mylady. Wellwood«, korrigierte der Warenhausbesitzer.
»Was meinten Sie, junger Mann?« fragte die ältere Dame irritiert.
»Mein Name lautet Wellwood, Mylady«, wurde der Hausherr deutlicher.
»Richtig, Smellgood«, nickte Lady Agatha und hob ihr Glas zum drittenmal. »Sagte ich das nicht?«
»Möglicherweise habe ich mich nicht deutlich genug vorgestellt, Mylady«, nahm Wellwood die Schuld auf sich und überreichte seine Karte.
»Wie auch immer«, schaffte Agatha Simpson die Sache mit einem verbindlichen Lächeln aus der Welt. »Namen sind Schall und Rauch, mein Lieber.«
»Man ist überrascht, diesen Satz aus dem Mund einer Angehörigen des britischen Hochadels zu vernehmen, Mylady«, sagte Wellwood und schenkte unaufgefordert nach, was die ältere Dame mit deutlichem Wohlwollen quittierte. »Aber Sie sind eben eine ungewöhnliche Frau.«
»Eigenlob liegt mir natürlich fern, Mister Smellgood«, antwortete Agatha Simpson geschmeichelt. »Aber Sie haben wirklich den Kern der Sache getroffen. Ihre Auffassungsgabe ist beachtlich.«
»Danke für das Kompliment, Mylady«, sagte Wellwood. »Im übrigen möchte ich es aber nicht versäumen, mich noch mal bei Ihnen für Mister Pools pflichtwidrigen Übereifer zu entschuldigen.«
»Der Mann kann von Glück reden, daß ich nicht nachtragend bin«, behauptete die passionierte Detektivin.
»Es hätte nicht vorkommen dürfen«, erklärte Wellwood. »Obwohl ich verstehe, daß der Mann nervös ist.«
»Darf man möglicherweise um Aufklärung darüber bitten, wie Sie diese Äußerung verstanden wissen möchten, Mister Wellwood?« schaltete Parker sich in das Gespräch ein.
»Bei der letzten Inventur vor zwei Tagen sind geradezu unglaubliche Fehlbestände herausgekommen«, erläuterte der Kaufhausbesitzer.
»Fehlbestände?« wiederholte die Detektivin gedehnt.
»Die Ladendiebstähle müssen in beängstigendem Maß zugenommen haben, wenn die Zahlen stimmen«, fuhr Wellwood fort. »Und das ist ausgerechnet in der Zeit passiert, seit Archibald Pool hier arbeitet.«
»Daß der Bursche zum Detektiv ein Talent hat wie eine Kuh zum Fliegen, hätte ich Ihnen sofort sagen können, Mister Sellgood«, verkündete Lady Agatha überlegen. »Hätten Sie eine Detektivin von Format eingeschaltet – mich zum Beispiel...«
»Ich hätte es nicht gewagt, Sie darum zu bitten, Mylady«, gestand der Warenhausgewaltige. »Aber das Haus Wellwood würde sich außerordentlich geehrt fühlen.«
»Honorar ist selbstverständlich nur bei Erfolg fällig, Mister Sellgood«, wurde die ältere Dame geschäftlich.
»Nur bei Erfolg?« wiederholte Wellwood beeindruckt.
»Natürlich habe ich immer Erfolg«, lächelte Lady Agatha selbstzufrieden.
»Die Höhe spielt keine Rolle«, versicherte Fred Wellwood leichtsinnigerweise. »Ich muß die Sache in den Griff bekommen, wenn ich nicht in naher Zukunft den Laden schließen will. Die Verluste gehen schon in die Hunderttausende.«
»Eine wirklich beträchtliche Summe, wenn die Anmerkung gestattet ist«, ließ Parker sich vernehmen.
»Merkwürdigerweise scheinen sich die Ladendiebe im letzten halben Jahr auf Dinge spezialisiert zu haben, die kein Mensch unbemerkt wegtragen kann«, fuhr Wellwood fort. »Auf Waschmaschinen, Herde, Kühlschränke.«
»Möglicherweise dürfte es für diesen Umstand eine Erklärung geben«, wandte der Butler ein.
»Selbstverständlich gibt es eine Erklärung«, schob Agatha Simpson sich wieder in den Vordergrund. »Mister Parker, erläutern Sie Mister Smellgood, was ich damit meine.«
»Falls man sich nicht gründlich täuscht, gehen Mylady von der Annahme aus, daß es sich um einen Fall von organisiertem Bandendiebstahl handelt«, kam Parker der Aufforderung nach.
»Richtig, eine skrupellose Bande«, bekräftigte die ältere Dame. »In solchen Dingen ist mein Instinkt untrüglich.«
»Auch eine Bande kann Gegenstände dieser Größenordnung nicht ungesehen aus den Verkaufsräumen schaffen«, wandte Wellwood ein. »Und eingebrochen wurde bei uns seit Jahren nicht.«
»Müßte man unter Umständen auch in Erwägung ziehen, daß das Diebesgut gar nicht aus den Verkaufsräumen entwendet wurde, Mister Wellwood?« hakte der Butler nach.
»Sie meinen, aus dem Lager?« tippte der Hausherr, und Parker nickte.
»Dann können es doch nur Einbrecher gewesen sein, die nach Geschäftsschluß kamen«, hielt Wellwood entgegen. »Und wir haben einen absolut zuverlässigen Nachtwächter, dem bestimmt etwas aufgefallen wäre.«
»Gegebenenfalls wäre noch eine weitere Möglichkeit zu erwägen, Mister Wellwood«, sagte Parker.
»Das liegt doch auf der Hand – jedenfalls, wenn man meine Erfahrung hat«, schaltete Mylady sich wieder ein. »Mister Parker, erläutern Sie Mister Sellgood, an welche Möglichkeit ich dabei denke.«
»Mylady dürften in Betracht ziehen, daß die Diebe auf Ihren Gehaltslisten stehen, Mister Wellwood«, teilte der Butler seine Vermutung mit.
»Ich weiß nicht, ich weiß nicht«, zweifelte der Kaufhausbesitzer. »Mein Personal hat sich eigentlich nie etwas zuschulden kommen lassen. Abgesehen von zwei Lagerarbeitern, die Pool ganz zu Anfang seiner Tätigkeit beim Stehlen erwischt hat. Aber die habe ich natürlich sofort entlassen.«
»Eine Mitteilung, die man keineswegs unbeachtet lassen sollte, Mister Wellwood«, merkte Parker an.
»Ich glaube kaum, daß meine Informationen Ihnen viel weiterhelfen können«, entgegnete der Hausherr. »Sie müssen schon selbst wissen, wie Sie vorgehen. Und wenn Sie meinen, mein Personal überprüfen zu müssen, haben Sie natürlich auch da freie Hand. Nur möchte ich Sie bitten, so diskret wie möglich vorzugehen.«
»Sie können völlig unbesorgt sein, junger Mann«, versicherte Agatha Simpson mit treuherzigem Augenaufschlag. »Diskretion ist meine Spezialität.«
»Dann will ich noch Mister Pool darüber informieren, daß Sie sich bereit gefunden haben, die Ermittlungen zu übernehmen, Mylady«, sagte Wellwood. »Anschließend entschuldigen Sie mich bitte. Wir haben noch Abteilungsleiterkonferenz, und die Herren erwarten mich.«
Zwei Minuten später war Archibald Pool, von Wellwoods Sekretärin herbeizitiert, zur Stelle.
»Ich wollte Sie nur davon in Kenntnis setzten, Pool«, sagte der Chef, »daß Lady Simpson und Mister Parker sich freundlicherweise bereit erklärt haben, die Ursache unserer unglaublichen Verluste aufzudecken.«
In Pools Gesicht zuckte es.
»Von Ihnen erwarte ich«, fuhr Wellwood fort, »daß Sie sich kooperativ verhalten und das Team nach Kräften bei seiner Arbeit unterstützen. Verstanden, Pool?«
»Okay, Mister Wellwood«, gab der Detektiv düster zurück.
»Dann können Sie jetzt gehen, Pool«, beschied der Chef seinen Angestellten.
Archibald Pool verneigte sich kurz, setzte ein etwas verkniffen wirkendes Lächeln auf und verließ den Raum.
»Wann werden Sie mit Ihren Ermittlungen beginnen, Mylady?« wollte Wellwood wissen, während man sich erhob.
»Ich denke morgen, Mister Smellgood«, gab die Detektivin zur Antwort. »Heute abend muß ich erst mal mein taktisches Konzept ausarbeiten. Danach geht dann alles sehr schnell.«
»Ich hoffe, Sie behalten recht, Mylady«, sagte der Kaufhausbesitzer. »Würden Sie es übrigens für sinnvoll halten, wenn ich die Herren Abteilungsleiter über Ihren Einsatz informiere?«
»Davon sollte man nach Möglichkeit absehen, Sir«, antwortete der Butler an Myladys Stelle. »Schon im Interesse der Diskretion, falls der Hinweis gestattet ist.«
Während Agatha Simpson hocherhobenen Hauptes durch die Verkaufsabteilungen dem Ausgang zustrebte, hielt Parker vergeblich nach Detektiv Archibald Pool Ausschau. Vermutlich befand er sich in seinem Büro und spülte den Ärger mit einem Schnaps hinunter.
»Falls man sich nicht gründlich täuscht, dürften Mylady seit heute nachmittag einen Feind mehr haben«, äußerte der Butler, als er sein hochbeiniges Monstrum aus dem Parkhaus auf die Straße lenkte.
»Sie meinen diesen erbärmlichen Burschen, der die Dreistigkeit besitzt, sich Detektiv zu nennen?« vergewisserte sich die ältere Dame.
»Mylady sagen es.«
»Um so besser, Mister Parker«, reagierte Agatha Simpson gut gelaunt. »Viel Feinde, viel Ehr!«
*
Gelassen steuerte Josuah Parker sein hochbeiniges Monstrum durch den dichten Feierabendverkehr der Londoner City in Richtung Shepherd’s Market. Das schwarze, eckige Gefährt hatte lange als Taxi gedient, ehe der Butler es erwarb und nach seinen Vorstellungen umbauen ließ. Seitdem sprachen Freund und Feind respektvoll von einer »Trickkiste auf Rädern«.
»Noch ahnt die Bande nicht, daß ich ihr auf der Spur bin«, frohlockte Agatha Simpson, die es sich in den weichen Polstern im Fond bequem gemacht hatte. »Aber ich werde die feigen Kerle schon aus ihren Schlupflöchern jagen.«
»Diese Mühe dürfte sich erübrigen, falls meine bescheidene Wenigkeit sich nicht gründlich täuscht, Mylady«, meldete Parker über die Sprechanlage nach hinten.
»Wie soll ich das verstehen?«
»Mylady dürften davon ausgehen, daß man bereits auf Mylady aufmerksam geworden ist.«
»Wollen Sie damit sagen, daß ich verfolgt werde, Mister Parker?«
»Nichts anderes gedachte man mitzuteilen, Mylady.«
»Das überrascht mich keineswegs, Mister Parker. Der blaue Volvo fiel mir schon vor einer Weile auf.«
»Meine Wenigkeit bedauert zutiefst, im Moment keinen blauen Volvo ausmachen zu können, Mylady. Dagegen möchte man Myladys Aufmerksamkeit gern auf einen grünen Daimler lenken...«
»So groß ist der Unterschied nicht, Mister Parker«, wischte Lady Agatha den Einwand souverän beiseite. »Vier Räder haben alle Autos.«
»Eine Feststellung, der kaum zu widersprechen sein dürfte, Mylady«, räumte der Butler ein. »Darf man im übrigen höflich um Auskunft bitten, wie Mylady mit dem Verfolger zu verfahren gedenken?«
»Ich werde die Lümmel stellen und ihnen erst mal Manieren beibringen«, entschied die resolute Dame. »Über die Details dürfen Sie sich Gedanken machen, Mister Parker. Darum kann ich mich bei der Last meiner Verantwortung nicht auch noch kümmern. Aber machen sie sich darauf gefaßt, daß Sie es mit einem eiskalten Killerkommando zu tun haben, Mister Parker«, warnte sie.
»Zweifellos haben die Gangster erkannt, wie gefährlich ich bin. Deshalb wollen Sie mich natürlich bei nächster Gelegenheit kaltmachen.«
»Ein Ereignis, das es auf jeden Fall zu verhindern gilt, Mylady«, versicherte Parker. »Allerdings dürfte die von dem Verfolgerfahrzeug ausgehende Gefahr für Myladys Leib und Leben denkbar gering sein, falls der Hinweis gestattet ist.«
»Ihnen fehlt eben meine Menschenkenntnis, Mister Parker, Ich habe den vier Typen sofort an der Nasenspitze angesehen, daß es sich um kaltblütige Berufsmörder handelt, die mir nach dem Leben trachten.«
»Verzeihung«, wandte Parker vorsichtig ein. »Möglicherweise darf man sich erlauben, Mylady auf einen kleinen, aber durchaus gewichtigen Irrtum hinzuweisen.«
»Ich sollte mich geirrt haben, Mister Parker?«
»Bedauerlicherweise konnte man außer dem Lenker des Fahrzeugs keine weiteren Insassen ausmachen, Mylady.«
»Wie auch immer, Mister Parker«, antwortete Agatha Simpson mit einer ungeduldigen Geste. »Jedenfalls hat mein Gegner die Herausforderung angenommen.«
»Mit gewissen Verwicklungen dürfte in nächster Zeit fraglos zu rechnen sein, Mylady.«
Im Rückspiegel registrierte der Butler, wie sich eine steile, nachdenkliche Falte auf der Stirn seiner Herrin bildete.
»Wenn das kein Killer ist«, fragte sie mit unüberhörbarem Bedauern in der Stimme. »Was will der Lümmel dann?«
»Mylady dürften es als wahrscheinlich ansehen, daß der Herr lediglich den Auftrag hat, Myladys Anschrift zu ermitteln.«
»Soll er ruhig, Mister Parker.«
»Ungebetene Besucher dürften die nahezu unausweichliche Folge sein, Mylady.«
»Das ist es doch gerade, was ich will, Mister Parker.«
»Darf und muß man Myladys Äußerung dahingehend deuten, daß Mylady planen, den Verfolger ungeschoren entkommen zu lassen?«
»Den Lümmel werde ich mir später kaufen, Mister Parker.«
»Myladys Wünsche sind meiner bescheidenen Wenigkeit Befehl.«
»Ich sehe schon, daß die Gedankengänge, auf denen mein taktisches Konzept beruht, zu subtil sind«, dozierte die Detektivin. »Wenn ich die Gangster dazu bringe, mich in Shepherd’s Market anzugreifen, spare ich viel Zeit und vor allem Benzinkosten, Mister Parker. Jedermann muß wirtschaftlich denken heutzutage.«
»Eine Feststellung, die man nur mit allem Nachdruck unterstreichen kann, Mylady«, gab Parker seiner Herrin recht.
»Gerade als alleinstehende Dame muß ich mit dem Pfennig rechnen«, behauptete die Detektivin, deren Reichtum ebenso sprichwörtlich war wie ihre betuliche Sparsamkeit.
»Man hat also korrekt vernommen, daß Mylady zum gegenwärtigen Zeitpunkt davon abzusehen geruhen, dem Verfolger eine Lektion zu erteilen?« vergewisserte sich der Butler. Konnte es wirklich sein, daß Agatha Simpson eine Gelegenheit zu handfestem Meinungsaustausch passieren ließ, um ein paar Schilling Benzingeld zu sparen?
»Außerdem ist mein Kreislauf noch immer nicht in bester Verfassung, Mister Parker«, ließ Agatha Simpson die Katze aus dem Sack. »Ich werde mir noch eine kleine Stärkung genehmigen müssen, ehe ich die Gangster in die Knie zwinge.«
»In einer Minute dürfte Myladys Haus erreicht sein«, teilte Parker mit und bog in die stille Wohnstraße ein, an der Agatha Simpson ein zweistöckiges Fachwerkgebäude von repräsentativem Zuschnitt bewohnte. In den Kellergewölben, die auf den Grundmauern einer geheimnisumwitterten Abtei errichtet waren, lagerten noch ausreichende Mengen von »Kreislaufbeschleunigern« der erlesensten Provenienzen.
Der Fahrer des grünen Daimler hatte sein Fahrzeug in respektvollem Abstand am Beginn der Straße gestoppt, als er Parkers schwarzes Monstrum in die Einfahrt einbiegen sah.
Als der Butler kurze Zeit später noch mal zum Tor ging, um nachzuschauen, war der Wagen verschwunden.
*
Nach ausgiebiger Meditation, die von Schnarchgeräuschen untermalt wurde, war Agatha Simpson in die weitläufige Wohnhalle zurückgekehrt und widmete sich einem Imbiß.
Gewandt häufte Parker seiner Herrin eine Portion Geflügelsalat auf den Teller, schob das Körbchen mit den knusprig gerösteten Toastscheiben näher und trat anschließend in seiner unnachahmlichen Art einen halben Schritt zurück.
»Bei den Gangstern, die ich im Moment jage, scheint es sich um überdurchschnittlich intelligente Exemplare zu handeln«, murmelte die Detektivin mit vollem Mund.
»Darf man um Aufklärung darüber bitten, wie Mylady zu dieser Einsicht gelangt sind?«
»Weiß der Teufel, wie die Lümmel so schnell spitzgekriegt haben, daß ich ihnen auf der Spur bin.«
»Der Personenkreis, der über Myladys bevorstehende Ermittlungen unterrichtet ist, dürfte mit Sicherheit als eng umgrenzt gelten, falls der Hinweis gestattet ist.«
»Ich errege eben ständig Aufsehen, Mister Parker. Meine Auftritte sprechen sich schnell herum.«
»Mylady sind eine Erscheinung, die man nur als außergewöhnlich bezeichnen kann und muß.«
»Ich weiß, Mister Parker, ich weiß. Das ist ja auch der Grund, warum man schon im Kaufhaus Sellgood von mir redet.«
»Ein Umstand, der Myladys bevorstehenden Ermittlungen nicht unbedingt förderlich sein dürfte.«
»Im Gegenteil, Mister Parker. Die Gangster, die zweifellos Verbindungsleute im Kaufhaus haben, werden gewarnt und gehen wie Bestien auf mich los. Und schon sitzen sie in der Falle.«
Lady Simpson hatte manchmal eine beneidenswerte Art, Dinge nicht komplizierter zu sehen, als es für sie nötig war. Die sogenannten Details erledigte ja in gewohnter Zuverlässigkeit Butler Parker.
»Es hat geläutet, Mylady«, meldete Parker mit einer angedeuteten Verbeugung. »Falls Mylady keine Einwände erheben, würde meine Wenigkeit sich zur Tür begeben, um nachzusehen, wer Einlaß begehrt.«
»Wenn es Killer sind, sagen Sie mir Bescheid, Mister Parker«, ließ sich Lady Agatha vernehmen. »Sollten es die Kinder sein, führen Sie sie bitte herein.«
»Man wird bedacht sein, nach Myladys Wünschen zu verfahren«, versicherte Parker, ehe er seine Schritte in Richtung Diele lenkte.
Mit routinierten Handgriffen öffnete er den Wandschrank neben der Haustür und schaltete die hauseigene Fernsehüberwachungsanlage ein.
Das gestochen scharfe Bild, das kurz darauf auf dem Monitor aufleuchtete, veranlaßte den Butler, ohne Zögern die Haustür zu öffnen.
»Hallo Parker!« grüßte Anwalt Mike Rander in seiner lässigen Art.
»Guten Abend, Mister Parker«, setzte Kathy Porter etwas förmlicher hinzu.
Der Butler erwiderte den Gruß und nahm die Regenschirme des Paares in Empfang, ehe er die Besucher in die Wohnhalle führte.
Parker und Rander kannten sich noch aus der Zeit, als der Anwalt einige Jahre in den Staaten verbrachte. Damals hatte Parker in Randers Diensten gestanden und ihm geholfen, manchen brisanten Fall aufzuklären.
Später war Parker jedoch nach London zurückgekehrt und hatte die Stellung im Hause Simpson angetreten. Als Rander einige Zeit später folgte und an der nahegelegenen Curzon Street eine Kanzlei eröffnete, hatte der Butler ihn im Haus seiner Herrin eingeführt.
Mylady hatte den blendend aussehenden Anwalt – eine betont sportliche Erscheinung mit braungebranntem Teint – unverzüglich in ihr Herz geschlossen und ihn sogar mit der Verwaltung ihres schwer zu beziffernden Vermögens betraut.
In der Villa in Shepherd’s Market war Mike Rander auch zum erstenmal Myladys Gesellschafterin, der attraktiven Kathy Porter, begegnet. Daß er die junge Dame mit dem Kastanienschimmer im dunklen Haar und den leicht mandelförmig geschnittenen Augen mindestens schätzte, war nicht zu übersehen. Myladys Traum, die »Kinder« bald vor den Traualtar führen zu können, hatte sich bisher jedoch nicht erfüllt.
»Ist das wieder ein Sauwetter!« schimpfte Mike Rander, noch ehe er die Hausherrin begrüßte.
»Mir kann das Wetter nichts anhaben, mein Junge«, verkündete Agatha Simpson strahlend.
»Wirklich nicht, Mylady?« wunderte sich Kathy Porter, die auf dem Sofa neben der älteren Dame Platz genommen hatte.
»Mir tun die armen Leute leid, die keine sinnvolle Beschäftigung haben und nur noch vor dem Fernseher hocken, wenn es draußen so ekelhaft ist«, fuhr Agatha Simpson fort.
»Das hört sich fast so an, als hätten Sie schon wieder mit einem Kriminalfall zu tun, Mylady«, mutmaßte Mike Rander und zog seinen Sessel näher heran.
»Und ob!« warf Lady Agatha sich in die ohnehin voluminöse Brust. »Killerkommandos trachten mir nach dem Leben, meine Lieben.«
»Nicht möglich!« riefen Kathy Porter und Mike Rander in gespieltem Entsetzen und wie aus einem Mund. Beide wußten aus Erfahrung, daß die ältere Dame in ihrem angeborenen Hang zur Dramatik manchmal zu Übertreibungen neigte.
»Alles fing damit an, daß ein unverschämter Lümmel mir einen Ladendiebstahl in die Schuhe schieben wollte«, berichtete Mylady eifrig.
Empört deutete sie auf die schöne Bernsteinkette, die ihren Hals umspannte. »Der Gauner wollte doch allen Ernstes behaupten, ich hätte die Kette heimlich in meine Jackentasche gesteckt.«
»Dabei würden Sie so etwas nie im Leben tun«, warf Rander mit todernster Miene ein.
»Der unverschämte Kerl hat mir das Ding eigenhändig in die Tasche geschmuggelt, um eine Fangprämie von mir kassieren zu können«, setzte die Detektivin ihren Bericht fort. »Aber da war er bei mir natürlich an der falschen Adresse.«
»Sie hatten die Kette schon bezahlt, Mylady?« vergewisserte sich der Anwalt.
»Bezahlt? Wo denken Sie hin, mein Junge!« entrüstete sich die Hausherrin. »Die habe ich so mitgenommen. Strafe muß eben sein.«
»Und wie hängt das mit den Killerkommandos zusammen?« fragte Kathy Porter.
»Die Details kann Ihnen mein Butler erläutern, Kindchen«, spielte Mylady den Ball weiter.
In präzisen Sätzen berichtete Parker über das rätselhafte Verschwinden von voluminösen Haushaltsgeräten aus dem Kaufhaus Wellwood und baute auch eine Schilderung des eleganten Hausdetektivs ein. Er schloß seinen Bericht mit der Erwähnung des unbekannten Verfolgers im grünen Daimler, der offenbar nur Myladys Adresse herausbekommen wollte.
»Das kann doch nur dieser Pool gewesen sein, der Ihnen den Wagen hinterhergeschickt hat«, meinte Rander sofort. »Außer dem Chef weiß doch sonst niemand, daß Sie Ihre Ermittlungen aufgenommen haben, Mylady.«
»Falls Sie gestatten, Sir, möchte auch meine Wenigkeit sich dieser Sicht der Dinge vorbehaltlos anschließen«, pflichtete Parker dem Anwalt bei. »Im übrigen dürfte Mister Pools Stellung es gestatten, gewisse illegale Vorgänge zu decken, falls man diese Formulierung benutzen darf.«
»Papperlapapp, Mister Parker!« entrüstete sich Agatha Simpson. »Der Lümmel kann doch nicht bis drei zählen. Für ein derart raffiniertes Verbrechen kommt er überhaupt nicht in Frage.«
»Aber wer denn sonst, Mylady?« wandte der Anwalt überrascht ein. »Ich denke, bei Ihrer Unterredung mit Mister Wellwood war sonst niemand zugegen?«
»Fool kommt jedenfalls nicht in Betracht«, stellte die Hausherrin in einem Ton fest, der nicht den leisesten Widerspruch duldete. »Eher schon Mister Smellgoods Sekretärin, dieses neugierige Luder.«
»Wellwoods Sekretärin?« wiederholte Rander überrascht.
»Ich habe mitbekommen, wie das Biest an der Tür gelauscht hat«, erinnerte sich die Detektivin plötzlich. »Sie war es, die die Gangster auf mich gehetzt hat. Deshalb werde ich mir das saubere Früchtchen gleich morgen früh vornehmen.«
»Denkbar wäre ja auch, daß Pool dafür gesorgt hat, ohne es zu wollen«, warf Kathy Porter ein.
»Das ist nicht logisch, Kindchen«, belehrte Lady Simpson ihre Gesellschafterin, aber Kathy Porter wollte sich nicht so ohne weiteres belehren lassen.
»Pool hat sich bestimmt schwarz geärgert, als sein Chef ihm eine Privatdetektivin vor die Nase setzte«, erklärte die junge Dame. »Außerdem hat er wahrscheinlich Angst um seinen Job. Da ist es doch nur zu verständlich, wenn er in Gegenwart von Kollegen seinem Ärger Luft macht.«
»Auf diese Möglichkeit wollte ich auch gerade hin weisen, Kindchen«, schwenkte die Hausherrin geistesgegenwärtig um. »Irgend jemand, der zu der Bande gehört, hat es aufgeschnappt und Alarm geschlagen.«
»Alles denkbar«, stimmte der Anwalt zu. »Wenn die Burschen sich aber schon an Ihre Stoßstange hängen, ehe Sie mit den Ermittlungen richtig begonnen haben, ist auf jeden Fall mit entschlossener Gegenwehr zu rechnen.«
»Das will ich hoffen, mein Junge«, verkündete die Detektivin unternehmungslustig. »Sonst macht es ja keinen Spaß.«
»Eine Feststellung, der man nur in vollem Umfang beipflichten kann, Mylady«, ließ Parker sich vernehmen.«
»Ob die Burschen noch heute abend zur Sache kommen wollen, Parker?« wandte Rander sich an den Butler, der gerade das Kaminfeuer nachgeschürt hatte.
»Diese Möglichkeit sollte man keinesfalls ausschließen, Sir«, sagte Parker. »Die Herren dürften sich vergebliche Hoffnungen machen, Mylady beeindrucken zu können.«
»Vielleicht sind sie das schon«, scherzte der Anwalt, als plötzlich das Telefon schrillte. Er konnte nicht ahnen, wie nahe er damit der Wahrheit kam...
*
»n’ Abend, Mister Parker«, sagte eine fremde Stimme, nachdem der Butler sich gemeldet hatte. »Ich hab’ gehört, daß Sie wegen der Diebstähle im Kaufhaus Wellwood ermitteln.«
»Darf man die Bitte äußern, sich zunächst vorzustellen, Sir?« unterbrach Parker.
»Mein Name tut nichts zur Sache«, entgegnete der Anrufer.
»Wichtig sind die Informationen, die ich Ihnen liefern kann.«
»Meiner Wenigkeit ist nicht bekannt, welche Informationen Sie zu meinen belieben, Sir.«
»Ich weiß alles über die Diebstähle bei Wellwood«, behauptete der Unbekannte. »Wer die Sache organisiert, wo die Klamotten hinkommen, wie sie abgesetzt werden ...«
»Gegebenenfalls könnte man von der Annahme ausgehen, daß Sie bereit sind, Ihr Wissen gegen klingende Münze preiszugeben, Sir?« vergewisserte sich der Butler.
»Kluges Kerlchen«, stellte der Fremde ironisch fest. »Das und nichts anderes ist der Grund meines Anrufes.«
»Vermutlich haben Sie bereits konkrete Vorstellungen vom pekuniären Gegenwert Ihrer Informationen, Sir?«
»Was für Vorstellungen?« erkundigte sich der Anrufer irritiert.
»Meine Wenigkeit war bemüht zu erfahren, welchen Preis Sie fordern, Sir.«
»Fünftausend«, antwortete der Anrufer wie aus der Pistole geschossen. »Gemessen an dem Schaden, der Wellwood entstanden ist, ist das wirklich nicht viel Geld.«
»Eine Behauptung, die als durchaus zutreffend gelten dürfte«, stimmte Parker zu. »Gestatten Sie noch eine Frage, Sir, ehe man sich konkret zu Ihrem Angebot äußert?«
»Welche?«
»Wer war so freundlich, Sie darüber zu informieren, daß Mylady im Warenhaus Wellwood Ermittlungen aufzunehmen gedenkt?«
Eine Sekunde trat Schweigen ein, aber der Unbekannte war um eine Antwort nicht verlegen.
»Davon redet doch schon die ganze Belegschaft«, behauptete der Mann am anderen Ende der Leitung. »So etwas spricht sich herum.«
»Eine Feststellung, die man keinesfalls bezweifeln möchte«, antwortete der Butler. »Dennoch kommt man nicht umhin, eine Verbindung zwischen Ihnen und Mister Pool zu vermuten, falls der Hinweis erlaubt ist.«
»Pool?« wiederholte der Anrufer. Seine Stimme klang überrascht, aber das konnte eine Täuschung sein.
»Natürlich stammt die Information von Pool«, redete der Mann unbefangen weiter. »Wenn er sich in der Kantine seinen Frust von der Seele redet, weiß es bald das ganze Haus.«
»Darf man die Vermutung äußern, daß Sie zu den Beschäftigten des Warenhauses Wellwood gehören, Sir?«
»Sie wollen mich wohl aushorchen?« wurde der Unbekannte mißtrauisch. »Das läuft bei mir nicht. Ich bin für klare Geschäfte.«
»Eine Eigenschaft, die man nur als löblich bezeichnen kann und muß«, sagte der Butler.
»Also sind Sie interessiert an den Informationen?« fragte sein Gesprächspartner. »Ich verspreche Ihnen: Sie kriegen was geboten für Ihr Geld.«
»Was meine Wenigkeit nicht im mindesten bezweifelt.«
»Okay«, sagte der Anrufer. »Dann kommen Sie morgen um Mitternacht in den ›Blue Star‹. Das ist eine kleine Bar an der Shadwell Street, falls Sie wissen, wo das liegt.«
»Die erwähnte Gegend ist meiner Wenigkeit nicht unbekannt, sofern der Hinweis erlaubt ist.«
»Bestens. Dann gehen sie an die Theke und fragen nach dem ›Fuchs‹. Jemand wird Ihnen einen Zettel mit der Anschrift geben, unter der ich mich um diese Zeit aufhalten werde.«
»Darf man die Hoffnung äußern, bei dieser Gelegenheit auch Mister Pool antreffen zu können?« versuchte Parker noch mal, seinen Gesprächspartner aus der Reserve zu locken, doch der »Fuchs« ging nicht darauf ein.
»Was wollen Sie nur immer mit diesem verdammten Mister Pool?« entgegnete er ärgerlich. »Mit dem Mann habe ich nichts zu tun.«
Es knackte in der Leitung. Der Anrufer hatte das Gespräch beendet.
*
»Wenn das keine Falle ist, fresse ich ’nen Besen«, kommentierte Mike Rander, sobald der Butler die Dreierrunde am Tisch über den Inhalt des Telefonats ins Bild gesetzt hatte.
»Dieser Einschätzung möchte auch meine Wenigkeit sich anschließen, Sir«, bemerkte Parker.
»Natürlich«, nickte auch die Detektivin. »Ich habe schon längst damit gerechnet, daß die Schurken versuchen werden, mich in eine Falle zu locken und unschädlich zu machen. Aber da haben sich die Lümmel gründlich verrechnet.«
»Sie wollen also nicht in die Blue-Star-Bar gehen, Mylady?« fragte Kathy Porter.
»Doch, Kindchen«, erwiderte die Hausherrin. »Warum denn nicht? Ich werde die Herausforderung der Gangster annehmen und sie anschließend mit ihren eigenen Waffen schlagen.«
»Das heißt, daß Sie selbst eine Falle planen, Mylady?« vergewisserte sich die junge Dame.
»Selbstredend, Kindchen«, bestätigte Agatha Simpson. »Doch davon später.«
»Glauben Sie denn, daß die Bande den Anrufer vorgeschickt hat, Parker?« kam der Anwalt wieder auf das Telefongespräch zurück.
»Diese Möglichkeit sollte man keineswegs von vornherein ausschließen, Sir«, antwortete der Butler. »Andererseits wäre auch denkbar, daß es sich um jemanden handelt, der sich an der Bande rächen und dabei gleichzeitig ein Geschäft machen will, falls der Hinweis erlaubt ist.«
»Egal, ob es sich bei dem ›Fuchs‹ um einen Komplizen der Einbrecher handelt, oder ob er mit Ihrer Hilfe eine Rechnung begleichen will – gut informiert ist er auf jeden Fall«, schaltete Kathy Porter sich ein. »Wie sollte er sonst in diesem frühen Stadium von Ihren Ermittlungen erfahren haben?«
»In der Tat dürfte ein Bluff mit ziemlicher Sicherheit ausscheiden, Miß Porter«, gab Parker der jungen Dame recht. »Man sollte deshalb von der Annahme ausgehen, daß der unbekannte Anrufer über Informationen von beträchtlichem Wert verfügt.«
»Sollen wir Sie denn morgen abend in die Bar begleiten?« erkundigte sich Rander. »Ich könnte dringend mal wieder ’ne Abwechslung gebrauchen.«
»Ihr freundliches Angebot erfüllt meine Wenigkeit mit Freude, Sir«, antwortete Parker mit einer angedeuteten Verbeugung.
»Okay, Parker«, bekräftigte der Anwalt. »Fahren wir zusammen hin oder treffen wir uns dort?«
»Möglicherweise dürfte es sich empfehlen, Sir, sich schon vor Mitternacht in der Nähe des fraglichen Lokals aufzuhalten«, schlug der Butler vor. »Wenn Sie und Miß Porter dann die Freundlichkeit besitzen würden, wenige Minuten nach Mylady und meiner Wenigkeit das Lokal zu betreten ...«
»Abgemacht, Parker«, willigte Rander ein und sah auf seine Armbanduhr. »Oje, schon zehn vorbei«, stellte er überrascht fest. »Es wird höchste Zeit. Ich muß noch mal in die Kanzlei, um mich auf einen wichtigen Gerichtstermin vorzubereiten, der morgen früh ansteht.«
»Ich werde mich jetzt auch zurückziehen, ihr Lieben«, verkündete Lady Simpson und erhob sich ächzend. »Die Pflicht ruft. Ich muß noch ein wenig an den Feinheiten meines Konzepts feilen.«
Parker brachte seiner Herrin noch die gewünschten Stärkungsmittel ins Studio im Obergeschoß, bevor er die Besucher zur Tür geleitete.
»Ich würde Mylady zu gern mal über die Schulter sehen, wenn sie an ihrem Konzept arbeitet«, meinte Kathy Porter mit verschmitztem Lächeln. »Wie macht sie das eigentlich, Mister Parker?«
»Man bedauert ausdrücklich, auf diese Frage keine detaillierte Antwort geben zu können, Miß Porter«, entgegnete der Butler. »Unter Umständen dürfte jedoch der Hinweis hilfreich sein, daß im dritten Fernsehprogramm soeben ein Kriminalfilm begonnen hat.«
Als gleich darauf der Fernseher im Obergeschoß losplärrte, sahen Kathy Porter und Mike Rander sich an und brachen wie auf Kommando in Lachen aus.
In Parkers glattem Pokergesicht regte sich jedoch kein Muskel, als er mit routinierten Handgriffen den Wandschrank öffnete und die Videoanlage einschaltete.
»Da werden wir unsere Abfahrt wohl noch etwas verschieben müssen, Kathy«, meinte der Anwalt, als wenig später ein kristallklares Bild auf dem kleinen Monitor aufflimmerte.
»Eine Feststellung, der man keinesfalls widersprechen möchte, Sir«, bestätigte Parker und schaltete auf die zweite Kamera um ...
*
Bei der chromblinkenden Limousine, die in einiger Entfernung von Myladys Einfahrt auf der anderen Straßenseite parkte, schien es sich um den dunkelgrünen Daimler zu handeln, der dem Butler schon am Nachmittag aufgefallen war. Zwei Männer waren gerade damit beschäftigt, im offenen Kofferraum zu kramen.
Wortlos fuhr Parker die Zoomoptik der hochempfindlichen Kamera auf maximale Brennweite aus und trat näher an den Bildschirm heran. Die Gesichter der Unbekannten waren jedoch wegen der ausgesprochen ungünstigen Lichtverhältnisse nicht zu erkennen.
Gleich darauf machte sich einer der Männer, der einen gewichtigen Gegenstand aus dem Kofferraum gehoben hatte, auf den Weg. Der immer noch heftig prasselnde Regen schien ihn nicht zu stören.
Deutlich konnten die drei im Hausflur auf dem Bildschirm verfolgen, wie sich die dunkel gekleidete Gestalt dicht an der Mauer entlangpirschte, die Myladys Anwesen zur Straße hin begrenzte. In Höhe des Torpfostens spähte der Mann argwöhnisch um die Ecke.
Er schien sich unbeobachtet zu fühlen, denn im nächsten Moment gab er seinem Komplizen, der am Auto gewartet hatte, ein Zeichen.
Unvermittelt brach heftiges Trommelfeuer los. Grelle Mündungsblitze zuckten, Geschosse klatschten gegen die Hauswand, prallten von gepanzerten Fensterscheiben ab und pfiffen als Querschläger über den Vorplatz.
Genauso plötzlich, wie das Inferno begonnen hatte, brach es auch wieder ab. Nur das Rauschen des Regens war noch zu hören. In diesem Augenblick holte der Mann hinter dem Torpfosten aus und schleuderte einen kantigen Gegenstand über das stählerne Rolltor hinweg auf den Vorplatz des Hauses.
Mit dumpfem Knall schlug das Wurfgeschoß auf das Pflaster und blieb wenige Schritte neben der Haustür liegen.
»Eine Bombe?« fragte Kathy Porter mit unsicherem Blick zu Josuah Parker hin.
»Eher dürfte es sich um eine Art Botschaft handeln, falls man die Vermutung äußern darf, Miß Porter«, antwortete der Butler. Ihm war nicht entgangen, daß das Wurfgeschoß ein weißes, flatterndes Fähnchen hinter sich hergezogen hatte.
Im Laufschritt kehrte der Werfer jetzt zum Wagen zurück. Sein Komplize hatte bereits die Maschinenpistole auf dem Rücksitz verstaut und schwang sich hinter das Lenkrad. Türen klappten. Der Motor wurde gestartet.
Mit röhrender Maschine und aufgeblendeten Scheinwerfern jagte die schwere Limousine an der Auffahrt vorbei und verschwand in der Dunkelheit.
»Das ganze Affentheater hatte vermutlich nur den Zweck, Sie auf die Botschaft aufmerksam zu machen«, wandte Rander sich an den Butler. »Jetzt bin ich wirklich gespannt, was die Ganoven Wichtiges mitzuteilen haben.«
Parker hatte inzwischen wieder auf die Kamera über der Tür zurückgeschaltet. Das Bild auf dem Monitor zeigte eindeutig einen Ziegelstein, an dem mit grobem Bindfaden ein zusammengefalteter Zettel befestigt war.
»Wenn Sie mir meinen Schirm geben, Parker, gehe ich raus und hole das Briefchen rein«, bot der Anwalt an.
Vorsichtshalber bremste Parker ihn. »Sir, man sieht sich veranlaßt, von einem derartigen Vorhaben dringend abzuraten.«
Rander zog die Hand von der Türklinke zurück, als hätte er einen elektrischen Schlag erhalten.
»Sie rechnen mit Scharfschützen?« vergewisserte er sich.
»Gegebenenfalls sollte man erwägen, daß es sich auch bei der angeblichen Botschaft nur um ein Ablenkungsmanöver handelt, Sir.«
»Sie haben recht, Parker«, gestand der Anwalt mit betretener Miene. »Ich habe reagiert wie ein Greenhorn.«
»Unter Umständen darf man daran erinnern, Sir, daß es keinen Menschen gibt, der frei von Fehlern ist«, erwiderte der Butler.
»Außer Mylady«, setzte Rander grinsend hinzu und löste dadurch bei seiner Begleiterin heftiges Kichern aus. Parker verzog keine Miene.
»Und wie bekommen wir jetzt heraus, ob tatsächlich Scharfschützen draußen sind?« wollte Kathy Porter wissen. »Ich habe jedenfalls keine Lust, mich als Testperson zur Verfügung zu stellen.«
»Ihre Abneigung dürfte bei jedermann auf vollstes Verständnis stoßen, Miß Porter«, gab Parker der jungen Dame recht. »Deshalb würde meine bescheidene Wenigkeit einen weniger gefährlichen Test vorschlagen, sofern keine Einwände geboten erscheinen.«
»Wollen Sie denn nach draußen, Parker?« erkundigte sich der Anwalt.
»Keineswegs und mitnichten, Sir«, gab der Butler zur Antwort. »Man gedenkt lediglich, einen kurzen Abstecher auf den Dachboden zu unternehmen, um sich durch den Einsatz handelsüblicher pyrotechnischer Erzeugnisse Gewißheit zu verschaffen.«
»Was meinen Sie denn mit handelsüblichen pyrotechnischen Erzeugnissen, Mister Parker?« fragte Kathy Porter entgeistert.
»Möglicherweise dürften Ihnen die erwähnten Produkte eher unter Bezeichnungen wie Knallfrösche, Heuler, Kanonenschläge und Feuerwerksraketen bekannt sein, Miß Porter«, erläuterte Parker, bevor er seine Schritte zur Treppe lenkte, die ins Souterrain des Hauses führte.
*
Gleich neben seinen privaten Räumen hatte sich der Butler ein kleines Labor eingerichtet. In den wenigen freien Stunden war er fast regelmäßig dort anzutreffen und widmete sich elektronischen oder sonstigen Tüfteleien.
Die angrenzende Abstellkammer hatte Parker zu einem Magazin umfunktioniert, in dem neben säuberlich sortierten Elektronik-Bauteilen und Tonbandkassetten mit den verschiedensten Geräuschen auch allerlei Kuriosa lagerten, deren Sinn und Zweck Uneingeweihten verschlossen blieb.
Hier versorgte sich der Butler mit einem Vorrat an Knallkörpern und Raketen, der für ein mittleres Silvesterfeuerwerk gereicht hätte. Anschließend stieg er in würdevoller Haltung die steile Treppe zum Speicher empor.
Ohne das Licht einzuschalten, durchquerte Parker den weitläufigen Dachboden und legte seine Mitbringsel unterhalb der Fensterreihe ab, die der Straße zugewandt war. Lautlos öffnete er die kleinen Dachfenster.
Draußen geschah nichts. Falls in einem Baum an der Straße wirklich ein Scharfschütze lauerte, galt seine Aufmerksamkeit vor allem dem beleuchteten Vorplatz. Das im Dunkeln liegende Dachgeschoß beachtete der Mann wahrscheinlich gar nicht.
Gelassen zog der Butler seine stählerne Gabelschleuder aus der Tasche und nahm den ersten Knallfrosch zur Hand. Sorgfältig plazierte er den Feuerwerkskörper in der ledernen Schlaufe und spannte zur Probe die kräftigen Gummistränge.
Die ausladende Krone des Baumes gleich gegenüber der Einfahrt stellte ein ideales Versteck dar und bot den besten Blick auf Myladys Anwesen. Einen besseren Platz konnte ein Heckenschütze sich eigentlich gar nicht wünschen.
Kurz entschlossen setzte Parker die Lunte in Brand und visierte das dunkle Blätterdach an.
Seelenruhig wartete er ab, bis der knisternde Funke nur noch wenige Millimeter zurückzulegen hatte. Erst dann schickte er seinen Gruß auf die Reise.
Das Geschoß zog eine dünne Funkenspur hinter sich her, als es über Vorplatz und Straße hinweg auf sein Ziel zuglitt. Zischend tauchte der Knallfrosch zwischen den Blättern unter, um gleich darauf seinem Namen alle Ehre zu machen ...
Krachend hüpfte der Feuerwerkskörper durchs Geäst und verwandelte die Baumkrone augenblicklich in ein Inferno von Lärm, Funken und Pulverqualm.
Die Antwort kam postwendend.
Mit heiserem Bellen meldete sich ein Automatikgewehr zu Wort. Der Schütze saß tatsächlich in der Baumkrone, wo Parker ihn vermutet hatte.
Ein Hagel von Geschossen ließ die Dachpfannen scheppern. Einzelne Projektile zischten durch die offenen Fenster herein und bohrten sich ins Dachgebälk Parker, der längst hinter der Brüstung in die Hocke gegangen und zu einem anderen Fenster hinübergewechselt war, hatte seine Schleuder schon mit einem sogenannten Heuler nachgeladen. Die Salve war kaum verstummt, als schon der nächste Flugkörper funkenknisternd in die Baumkrone segelte.
Diesmal duckte sich Parker keine Sekunde zu früh.
Noch während der Feuerwerkskörperjaulend und pfeifend durchs Blattwerk jagte, eröffnete der unsichtbare Schütze das Feuer. Und er zielte besser als beim erstenmal.
Ein ganzer Schwarm von Geschossen prasselte durch die Fensteröffnung und bohrte sich in die Dachsparren.
Mittlerweile hatte der Butler erneut in gebückter Haltung das Fenster gewechselt und bereitete eine Silvesterrakete von eindrucksvollem Format für den Start vor. Zischend schoß der Feuerwerkskörper davon, während der Heckenschütze noch immer auf das falsche Fenster zielte.
Auf einem Feuerschweif umrundete die Rakete zweimal in atemberaubendem Tempo den Baum, bevor sie sich durch das Blätterdach bohrte und verschwand.
Der gellende Schrei, der gleich darauf hörbar wurde, schien zu signalisieren, daß der Flugkörper den getarnten Schützen an einer ausgesprochen empfindlichen Stelle erwischt hatte. Knallend zerplatzte die bunte Leuchtmunition. Rote, grüne, goldene Fontänen schossen aus der Baumkrone und tauchten die Umgebung in grelles, unwirkliches Licht.
Das war offenbar zuviel für die sensiblen Nerven des Scharfschützen. In heilloser Panik ließ sich der Mann von Ast zu Ast gleiten und tauchte in Parkers Blickfeld auf, als er hastig am Stamm zu Boden rutschte.
Seelenruhig spannte der Butler noch mal seine stählerne Schleuder. Diesmal legte er allerdings eine hartgebrannte Tonmurmel in die Lederschlaufe.
Der Heckenschütze hatte sich gerade vom Boden aufgerafft und seine Waffe gepackt, als der Butler die Gummistränge fast bis zum Zerreißen spannte. Lautlos glitt die kleine Kugel hinter dem Unbekannten her, der mit langen Sätzen in die Gärten jenseits der Straße zu entkommen suchte.
Spontan entschloß sich der Flüchtende zu einem Luftsprung und griff instinktiv nach seinem verlängerten Rücken, als ein brennender Schmerz in der Hosenbodengegend ihm die Ankunft von Parkers Gruß signalisierte.
Jetzt war dem Mann auch seine Waffe gleichgültig. Das Gewehr fiel polternd zu Boden und blieb auf dem Gehweg liegen, während sein Besitzer sich mit einem Hechtsprung zwischen Hecken und Sträuchern in Sicherheit brachte.
»Ein Glück, daß in der Nachbarschaft niemand mehr wohnt«, schmunzelte Mike Rander, als Parker in die Diele zurückkehrte, wo Myladys Besucher das ungleiche Duell am Monitor verfolgt hatten. »Die Dame des Hauses hätte sonst mit tödlicher Sicherheit eine Anzeige wegen Störung der Nachtruhe zu erwarten.«
»Seit Mylady alle umliegenden Grundstücke käuflich erworben und die Bewohner zum Auszug bewogen hat, sind meiner Wenigkeit keine Beschwerden mehr zu Ohren gekommen, Sir«, sagte Parker.
»Das war das Klügste, was Mylady tun konnte«, meinte der Anwalt. »Nebenbei bemerkt handelt es sich um Liegenschaften, deren Wert wegen ihrer zentralen Lage in den letzten Jahren geradezu atemberaubend gestiegen ist.«
Kathy Porter und Mike Rander verabschiedeten sich. Josuah Parker ließ die Besucher hinaus und ging noch die wenigen Schritte bis zu der Stelle mit, wo der Ziegelstein lag.
Sein glattes Gesicht zeigte nicht die mindeste Spur von Überraschung, als er den Zettel auffaltete. Das Blatt war leer...
*
»Darf man der Hoffnung Ausdruck verleihen, daß Mylady eine erholsame und ungestörte Nachtruhe hatten?« fragte Parker mit einer angedeuteten Verbeugung, als er seiner Herrin im Salon das Frühstück servierte.
»Danke, Mister Parker, ich habe wieder mal durchgearbeitet«, antwortete die ältere Dame gut gelaunt und widmete sich mit Feuereifer den mit Spargel gefüllten Schinkenröllchen, die der Butler ihr vorgelegt hatte. »Allerdings muß ich irgendwann doch ein Weilchen eingenickt sein, denn ich hatte einen merkwürdigen Traum.«
Parker schenkte Kaffee nach und trat einen halben Schritt zurück. Nach dem Inhalt des Traumes zu fragen, erschien ihm zu indiskret.
»In diesem Traum stand ich plötzlich unserem guten, alten König Edward gegenüber, Mister Parker«, fuhr Agatha Simpson nach einer kleinen Pause munter fort. »Seine Majestät lächelte, faßte mich an der Hand und geleitete mich die Stufen zu einer Ehrentribüne hinauf.«
»Ein Traum, den man nur als außerordentlich bemerkenswert bezeichnen kann und muß, Mylady«, warf der Butler ein, während er als nächsten Gang geräucherte Fasanenbrust servierte.
»Er ist ja noch gar nicht zu Ende, Mister Parker«, reagierte Mylady leicht ungehalten. »Oben auf der Tribüne setzte seine Majestät mir einen goldenen Lorbeerkranz aufs Haupt. Während das Volk jubelte, wurde zu meinen Ehren ein gigantisches Feuerwerk abgebrannt. An dem Knallen bin ich dann wieder aufgewacht und habe meine Arbeit fortgesetzt.«
Josuah Parker zog es vor, Mylady nicht darüber aufzuklären, wie das Feuerwerk in ihren Traum geraten war. Vermutlich hätte sie den Hinweis nur zum Anlaß genommen, sein eigenmächtiges Handeln aufs Schärfste zu kritisieren.
»Darf man sich übrigens erkundigen, ob Mylady trotz des geringen Schlafpensums an der Absicht festhalten, die Ermittlungen im Warenhaus Wellwood aufzunehmen?« fragte er statt dessen.
»Aber selbstredend, Mister Parker«, erwiderte die Detektivin entrüstet. »Sofort nach dem Frühstück breche ich auf und werde erst mal das Lager auf den Kopf stellen.«
Daß die Ankündigung wörtlich zu nehmen war, ahnte Parker aus Erfahrung.
»Je weniger ich schlafe, desto frischer fühle ich mich, Mister Parker«, plauderte Agatha Simpson in aufgeräumter Stimmung weiter.
»Mylady verfügen über eine Konstitution, die man nur als beneidenswert bezeichnen kann und muß«, warf der Butler ein, während seine Herrin mit ungebrochenem Elan zu Rehmedaillons im Kräutermantel überging.
»Man muß sich ständig Höchstleistungen abverlangen, Mister Parker«, verriet die ältere Dame bereitwillig das Geheimnis ihrer manchmal geradezu jugendlichen Frische. »Der Mensch wächst mit den Aufgaben, denen er sich stellt.«
»Eine Weisheit, die auch meine bescheidene Wenigkeit nach Kräften beherzigt, Mylady.«
»Leider hat die Natur Sie etwas stiefmütterlich behandelt«, stellte die Hausherrin mitleidig fest. »Wären Sie mit meinen Talenten gesegnet, hätten Sie es vielleicht sogar zu etwas bringen können, Mister Parker.«
Einen Moment lang blickte Mylady nachdenklich zur Decke und vergaß sogar das Kauen.
»In Ihrem Sinn war es schon eine glückliche Fügung, daß Sie in meine Dienste treten durften, Mister Parker«, verkündete sie dann mit einem gedankenverlorenen Lächeln. »Was würde denn geschehen, wenn ich nicht ständig meine schützende Hand über Sie hielte?«
Das Telefonklingeln entband den Butler von der unangenehmen Pflicht, eine Antwort auf diese Frage zu geben. Nach einer kurzen Verbeugung lenkte er seine Schritte in Richtung Diele.
Am Apparat war Horace Pickett, den Parker schon am frühen Morgen angerufen und gebeten hatte, ein wachsames Auge auf die Umgebung des Wellwoodschen Warenhauses zu werfen.
Der ehrenwerte Mister Pickett, wie der Butler ihn meistens nannte, hätte als pensionierter Offizier gelten können. Er war schätzungsweise 60 Jahre alt, hochgewachsen und drahtig. Der akkurat gestutzte Schnauzbart im gebräunten Gesicht, der korrekt sitzende Trenchcoat und das Travellerhütchen auf dem Kopf gaben ihm einen überaus seriösen Anstrich.
Dabei war Pickett früher ein prominenter Londoner Taschendieb gewesen. Seine geschickten Finger hatte er jedoch nur dort eingesetzt, wo der Verlust einer prall gefüllten Brieftasche nicht besonders schmerzte. Das war der Grund, weshalb er seine frühere Tätigkeit mit einer gewissen Berechtigung als »Eigentumsumverteiler« angab.
Parker hatte ihm vor Jahren in einer unverschuldeten Notlage das Leben gerettet. Seitdem bestritt Pickett seinen Lebensunterhalt auf legale Weise und rechnete es sich zur Ehre an, gelegentlich für den Butler und Mylady tätig werden zu dürfen. Seine intimen Kenntnisse der Londoner Szene hatten sich schon oft als ausgesprochen nützlich erwiesen.
»Bis jetzt hat sich nichts Bemerkenswertes ereignet, Mister Parker«, teilte Pickett aus einer Telefonzelle mit. »Auch bekannte Gesichter sind mir nicht aufgefallen.«
»Darf man hoffen, daß es Ihnen gelang, einen Standpunkt zu finden, der es erlaubt, unauffällig die Laderampe zu observieren, Mister Pickett?« erkundigte sich Parker.
»Die Sicht ist prachtvoll, Mister Parker«, schwärmte der Anrufer. »Ich habe mir erlaubt, zusammen mit einem guten Freund gleich gegenüber der Ausfahrt eine kleine Kanalbaustelle zu eröffnen.«
»Ihr Ideenreichtum dürfte als nahezu unerschöpflich gelten, Mister Pickett«, stellte Parker anerkennend fest.
»Ach, das ist doch nichts Besonderes«, wehrte Pickett bescheiden ab. »Sie werden es sehen, wenn Sie nachher kommen. Es bleibt doch dabei?«
»Mylady ist fest entschlossen, unmittelbar nach dem Frühstück aufzubrechen«, teilte der Butler mit, ehe er das Gespräch beendete.
*
Eine Stunde später ließ Parker sein hochbeiniges Monstrum an dem rotweißen Schutzgitter vorbeirollen, das einen offenen Kanalschacht umschloß. Den jungen Arbeiter im blauen Overall, der gerade aus der Tiefe emporstieg, hatte der Butler noch nie gesehen. Dafür war ihm der schon etwas ergraute Vorarbeiter, der gerade eine Pause eingelegt hatte und auf der Ladefläche eines kleinen Lastwagens die Morgenzeitung las, um so vertrauter.
Pickett nickte kaum wahrnehmbar, als Parkers eckiges Gefährt die Baustelle passierte und gleich danach in die Tiefgarage des Kaufhauses abbog.
Während der Butler wenig später seine Herrin zwischen den Verkaufstischen hindurchschleuste, fiel sein Blick wie zufällig in die Spielwarenabteilung. Was sich dort abspielte, ließ es ihm angeraten erscheinen, die passionierte Detektivin aufmerksam zu machen.
»Das ist wirklich die Höhe! Da muß ich unverzüglich einschreiten!« fauchte die resolute Lady und setzte sich postwendend in Bewegung.
Der smarte Archibald Pool, geschniegelt und gebügelt wie immer, hatte zwei etwa achtjährige Jungen ertappt, die angesichts eines ganzen Regals voll bunter Matchboxautos der übermächtigen Versuchung erlegen waren. Der Detektiv hatte die heftig widerstrebenden Kinder am Kragen gepackt und wollte sie gerade in sein Büro schleifen, als Agatha Simpson ihm mit unheilverkündender Miene in den Weg trat.
Mit einem langgezogenen Jaulton gab Pool davon Kenntnis, daß die gewichtige ältere Dame ihm nicht nur in den Weg, sondern auch auf die Hühneraugen getreten war.
»Verdammt, was soll das?« fluchte er mit Tränen in den Augen, hielt die beiden Jungen aber weiterhin eisern fest.
»Diese Frage wollte ich Ihnen auch gerade stellen, Mister Fool!« erwiderte Mylady. »Wenn Sie nicht sofort die schändliche Mißhandlung der armen Kleinen einstellen, werde ich Ihnen eine gründliche Lektion erteilen und Sie anschließend noch verklagen.«
»Was wollen Sie denn?« empörte sich der elegante Warenhausdetektiv. »Die Bengel haben gestohlen!«
»Unsinn, ich habe genau gesehen, daß die Kinder sich nur umgesehen haben«, behauptete Agatha Simpson in einem Ton, der jeden Widerspruch riskant erscheinen ließ.
»Kümmere dich um deinen eigenen Kram, du alte Fregatte!« wurde der smarte Pool plötzlich ausgesprochen ordinär.
Hätte der Mann im entferntesten geahnt, wie außerordentlich sensibel Lady Simpson auf Beleidigungen reagierte, hätte er sich mit Gewißheit gewählter ausgedrückt.
Pool wich instinktiv zurück, als die resolute Dame noch einen Schritt näher trat. Da er seine kleinen Gefangenen aber auf keinen Fall freigeben wollte, mußte er hilflos geschehen lassen, daß Agatha Simpson ihn mit der Zärtlichkeit einer Schraubzwinge bei den Ohren packte.
Genüßlich begann sie, an den fleischigen Hörorganen zu drehen, unschlüssig, welches neue Design sie ihnen geben sollte.
Der Detektiv jaulte wie ein Hund, der mit dem Schwanz in eine Drehtür geraten war, wurde leichenblaß und lockerte endlich seinen Griff.
»Nehmt euch so viele Autos wie ihr tragen könnt«, ermunterte Lady Agatha die kleinen Kerle, die aber nur ihrem Freiheitsdrang folgten und wie die Wiesel in Richtung Hauptausgang davonflitzten.
Pool atmete erleichtert auf, als die ältere Dame seine inzwischen feuerroten Horchtrichter losließ. Doch er hatte sieh zu früh gefreut. Agatha Simpson war noch nicht fertig. Neben der Beleidigung galt es auch, die Kindesmißhandlung zu sühnen. Und das tat die resolute Lady in der ihr eigenen Gründlichkeit.
Ehe der Detektiv sich aus der Gefahrenzone retten konnte, holte die Detektivin zu einer ihrer berüchtigten Ohrfeigen aus.
Pools Augen schienen aus den Höhlen zu springen, als Myladys muskulöse Rechte sich an seine Wange legte. Hustend und würgend taumelte er hin und her. Dabei massierte er vorsichtig die Gesichtshälfte, auf der sich die gespreizten Finger der temperamentvollen Dame als rote Streifen abzuzeichnen begannen.
Die Tanzschritte, die Pool im Anschluß daran probierte, hätte er besser unterlassen. Sie wirkten ausgesprochen linkisch und endeten damit, daß der ungeübte Mann unter aufsehenerregendem Getöse eine Stellage voll festlich herausgeputzter Puppen umriß.
Mißbilligend nahm Mylady das Chaos zur Kenntnis, das der ungeschickte Kaufhausdetektiv angerichtet hatte und wandte sich zum Gehen.
»Ich denke, das hat fürs erste gereicht«, grollte die ältere Dame selbstzufrieden. »Wo geht es zum Lager, Mister Parker?«
Während das Duo aus Shepherd’s Market vor dem Lift wartete, blickte der Butler noch mal zurück. Pool hatte sich wieder aufgerafft, bahnte sich einen Weg zwischen zeternden Verkäuferinnen hindurch und eilte zu einem der Haustelefone, die an den Wänden angebracht waren.
Das Gespräch war von kurzer Dauer. Als Mylady und ihr Butler den Aufzug betraten, hatte der Detektiv schon wieder eingehängt.
*
»Das ist ein Lift, wie ich ihn mir immer wünschen werde«, meinte Agatha Simpson anerkennend. »Hier kann man wenigstens durchatmen.«
In der Tat hatte der Fahrkorb die Ausmaße eines geräumigen Zimmers, wenn er es auch nicht mit Myladys weitläufiger Wohnhalle aufnehmen konnte.
»Falls man sich nicht gründlich täuscht, dürfte es sich um den Lastenaufzug handeln, der dazu dient, die Waren aus dem Lager in die Verkaufsabteilungen zu befördern«, erläuterte der Butler.
Kein Mensch begegnete dem skurillen Paar, als es im Tiefgeschoß den Aufzug verließ und den Weg zum Lager einschlug. Nach dem hektisch summenden Getriebe der Verkaufsräume wirkte die Stille hier unten regelrecht bedrückend.
Nur die Schritte hallten von den nackten Betonwänden wider, die im bläulichen Licht von Neonröhren flimmerten. Hin und wieder fiel ein Wassertropfen aus dem Gewirr der Installationsleitungen an der Decke zu Boden.
»Wollte ich mir nicht zuerst dieses neugierige Frauenzimmer vorknöpfen, Mister Parker?« erinnerte sich Agatha Simpson plötzlich.
»Eine entsprechende Absicht äußerten Mylady in der Tat«, bestätigte Parker. »Andererseits hatten Mylady auch den Wunsch, das Lager zu besichtigen, sofern man sich nicht täuscht.«
»Immer eins nach dem anderen«, entschied die Detektivin. »Also zuerst das Lager. Sie dürfen vorangehen, Mister Parker.«
Man hatte inzwischen eine doppelflügelige Feuerschutztür aus Stahl erreicht, die mit der Aufschrift ›Lager – Zutritt nur für Beschäftigte‹ versehen war. Lauschend preßte der Butler sein Ohr an das kalte Metall, ehe er vorsichtig die Klinke drückte.
Der weitläufige Lagerraum, der weiter hinten an eine ebenerdige Verladerampe grenzte, erwies sich als ausgesprochen unübersichtlich. Das lag an den deckenhohen Regalen, die mit Kisten, Kartons und Containern vollgestopft waren und alles enthielten, was ein Kaufhaus seinen Kunden zu bieten hat – von der Stecknadel bis zur Gefriertruhe.
Soweit es sich von der Tür aus beurteilen ließ, war der Raum menschenleer. Geräusche, die auf die Anwesenheit von Beschäftigten hingedeutet hätten, waren jedenfalls nicht zu hören.
Verlassen wirkte auch die Rampe. Die Lieferanten hatten ihre Fracht schon am frühen Morgen abgeladen. Wellwoods eigener Lastwagen war offensichtlich zum Ausliefern unterwegs.
»Ob hier schon Mittagspause ist?« wunderte sich Lady Agatha.
»Meine Wenigkeit würde eher einer anderen Vermutung zuneigen, Mylady«, antwortete Parker mit gedämpfter Stimme. Das Kribbeln in der Magengrube, das er plötzlich beim Betreten des Raumes verspürt hatte, wurde von Schritt zu Schritt deutlicher. Die geheimnisvolle innere Stimme, die ihn vor tödlichen Gefahren zu warnen pflegte, meldete sich wieder mal zu Wort.
Sekunden später wurde die Vermutung zur Gewißheit.
Der glatzköpfige Muskulöse, der plötzlich aus einem düsteren Seitengang sprang, hatte sich mit dem gewichtigen Keramikfuß einer Tischlampe bewaffnet. Blitzschnell holte der Angreifer aus und glaubte, den Butler schon ausgeschaltet zu haben.
Der Mann hatte jedoch nicht mit der soliden Panzerung aus Stahlblech gerechnet, die Parkers schwarze Melone zu einem wirksamen Schutzhelm machte. Ein dröhnender Glockenton war zu vernehmen, als der Glatzköpfige den Lampenfuß auf Parkers steifer Kopfbedeckung plazierte.
Im nächsten Moment fuhr er allerdings jammernd zurück, da die tönerne Schlagwaffe in tausend Scherben zersprang, die ein eigenwilliges Muster kleiner Schnitte an Händen und Gesicht zurückließen.
Während Parkers Gegner sich von seiner Verblüffung erholte und wimmernd sein verstauchtes Handgelenk massierte, ging der Butler zum Gegenangriff über. Mit der bleigefüllten Spitze seines altväterlich gebundenen Regenschirmes tastete er eingehend den Solarplexus des Mannes ab, der auf diese Behandlung mit heftigem Luftschnappen reagierte.
Innerhalb von Sekunden nahm sein Gesicht die Farbe einer frisch gekalkten Wand an. Ein Zittern durchlief den massigen Körper. Röchelnd torkelte der atemlose Angreifer zur Seite. Ein helles Klingen wurde hörbar, als er unversehens mit der Stirn einen stählernen Regalpfosten rammte.
Die Darbietung, die der Mann nun anschloß, erinnerte lebhaft an die Hula-Hula-Tänze der Eingeborenen von Hawaii. Allerdings knickte der Tänzer unter lebhaftem Hüftschwenken immer tiefer in den Knien ein, bis er endlich die horizontale Lage erreicht hatte und sich von der Bühne des Geschehens verabschiedete.
»Den überlassen Sie mir, Mister Parker!« verlangte Lady Simpson, als sie den zweiten Angreifer aus seinem Versteck springen sah. Mit energischem Schwung schickte sie ihren perlenbestickten Pompadour auf die Reise.
Geistesgegenwärtig zog der Mann den Kopf ein, als der lederne Beutel leise rauschend ihn zu attackieren versuchte.
Was erst wenigen gelungen war – dem reaktionsschnellen Angreifer, der ein offenes Klappmesser umklammert hielt, glückte es: Er räumte rechtzeitig die Flugbahn des sogenannten Glücksbringers. Die Folge war, daß die ledernen Halteriemen des Beutels sich im Handumdrehen um den nächsten Regalpfosten wickelten.
Während Lady Agatha ebenso ungeduldig wie vergeblich an den Riemen zerrte, um ihren Glücksbringer freizubekommen und in den nächsten Einsatz zu schicken, warf sich der Messerheld mit verwegenem Satz in ihre Richtung.
Parker, der mit einer gewissen Zuspitzung der Situation gerechnet hatte, war jedoch auf der Hut und durchkreuzte die unfreundlichen Absichten des Mannes nachhaltig.
Fest umspannte die schwarz behandschuhte Rechte des Butlers die Spitze des schwarzen Regendachs, während der gebogene Bambusgriff dicht über dem Boden einen flachen Halbkreis beschrieb.
Der Angreifer ließ einen spitzen Schrei hören, als sich die bleigefüllte Bambuskrücke mit der Unerbittlichkeit einer Würgeschlange um seine Knöchel ringelte.
Mit seiner Körperbeherrschung war es augenblicklich vorbei. Auch der gestreckte Gleitflug, den er als humoristische Einlage darbot, ließ eindeutig die Eleganz vermissen.
Jammernd schurrte er bäuchlings über den Betonboden, vergaß seine Waffe, die ihm in hohem Bogen vorangeflogen war, und rutschte unter eins der Regale, bis nur noch die Füße heraussahen.
»Immer müssen Sie mir dazwischenfunken, Mister Parker!« beschwerte sich die Detektivin. »Ich wäre mit dem Lümmel schon allein fertig geworden.«
»Nichts liegt meiner Wenigkeit ferner, als dieser Feststellung zu widersprechen«, antwortete der Butler durchaus wahrheitsgemäß. Seine Höflichkeit kannte keine Grenzen.
»Bevor ich die dreisten Schurken verhöre, will ich mich noch ein wenig hier umsehen«, kündigte die reiche Lady an und entzifferte neugierig die Aufschriften einiger Kartons. Als sie aber auch nach dem dritten Versuch noch keinen Kognak entdeckt hatte, gab sie frustriert ihr Bemühen auf.
»Möglicherweise sollte man die Herren zunächst an einem sicheren Ort unterbringen, um unliebsamen Überraschungen vorzubeugen, Mylady«, schlug der Butler vor.
»Die Idee ist so hervorragend, daß sie fast von mir stammen könnte, Mister Parker«, lobte Agatha Simpson. »Dann kann ich mir die eitle Schnepfe in Mister Sellgoods Vorzimmer vorknöpfen, bis die Lümmel wieder vernehmungsfähig sind.«
Gelassen zog Parker eine Sackkarre heran und packte das kraftlose Muskelpaket darauf. Anschließend zog er den friedlich schlummernden Messerhelden unter dem Regal hervor und stapelte ihn noch dazu.
In aufrechter Haltung schob Parker die beladene Karre vor sich her wie einen Einkaufswagen im Supermarkt. Auf dem Herweg war ihm eine ungenutzte Abstellkammer aufgefallen, in der er die Galgenvögel fürs erste einschließen wollte.
Soweit es die gewichtige Fracht erlaubte, beschleunigte der Butler seine Schritte, als er einen Lastwagen an der Rampe vorfahren und gleich darauf die Fahrertür klappen hörte.
»Warum rennen Sie denn plötzlich wie ein Wahnsinniger, Mister Parker?« schnaufte Agatha Simpson. Sie hatte Mühe mitzuhalten, und Parker drosselte gehorsam sein Tempo. Es war ohnehin zu spät...
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»Die Flossen hoch!« kommandierte eine heisere Stimme. »Da bin ich ja gerade recht gekommen.«
Es war der Lkw-Fahrer, der die Situation mit einem Blick erfaßt hatte.
»Und keine falsche Bewegung!« knurrte der drahtige Mittvierziger. »Sonst knallt’s!« Der Trommelrevolver, den er in der Rechten hielt, unterstrich seine Worte auf ausgesprochen wirkungsvolle Weise.
»Leider sieht man sich durch Ihr Verhalten genötigt, auf die oft irreparablen Folgen hinzuweisen, die mit dem unbedachten Gebrauch von Feuerwaffen verbunden sind«, entgegnete der Butler ohne eine Spur von Nervosität in der Stimme. Bei seinem Gegenüber stieß die wohlmeinende Ermahnung jedoch auf taube Ohren.
»Quatsch keine Opern, Opa!« fauchte der Mann. »Das dämliche Gehabe wird dir bald vergehen.«
»Dick! Jim!« schrie der Fahrer die immer noch recht apathisch wirkenden Lagerarbeiter an. »Wird’s bald? Rafft euch auf, ihr Schlappsäcke!«
Wie elektrisiert fuhren die beiden auf und rieben sich verdutzt die Augen. Fassungslos starrten sie abwechselnd das Paar aus Shepherd’s Market und dann ihren bewaffneten Kollegen an.
»Los, helft mir«, kommandierte der Mann. »Wir müssen die beiden so schnell wie möglich wegschaffen.«
»Den Container da nehmen wir«, entschied der Drahtige mit der heiseren Stimme nach kurzem Überlegen.
Dick und Jim erhoben sich ächzend und fluchend. Sie standen ein paar Sekunden schwankend auf unsicheren Beinen, ehe sie sich in der angegebenen Richtung in Bewegung setzten.
Der Transportbehälter, den die Männer mit Hilfe eines hydraulischen Hubwagens heranschafften, war aus solidem Stahlblech gefertigt und besaß das Format eines geräumigen Kleiderschranks. Grinsend klappten die Lagerarbeiter eine Seitenwand herunter und luden das skurrile Paar mit ironischen Verbeugungen zum Einsteigen ein.
»Sie werden doch nicht im Ernst erwarten, daß eine Dame meines Standes sich eine derart entwürdigende Behandlung gefallen läßt«, ereiferte sich Lady Simpson. »Ich denke, ich werde Ihnen zuallererst Manieren beibringen.«
Wütend versetzte sie ihren Pompadour in hektische Schwingungen und machte Anstalten, auf den Fahrer loszugehen. Die ältere Dame verlor ihre Unbefangenheit auch im Angesicht entsicherter Schußwaffen nur selten.
»Sie sollten Marty nicht unnötig reizen, Madam«, riet Dick mit drohendem Unterton. »Der Junge ist furchtbar nervös. Da löst sich leicht ein Schuß.«
»Dieser Einschätzung würde auch meine Wenigkeit zuneigen, Mylady«, mahnte Parker zur Vorsicht. »Bedauerlicherweise kommt man nicht umhin einzuräumen, daß die Herren momentan über das Argument mit der stärksten Durchschlagskraft verfügen«
Grollend schickte sich die Detektivin ins Unvermeidliche und zog sich unter gemurmelten Flüchen in den Metallkasten zurück.
Hinter Parkers glatter Stirn arbeitete es fieberhaft. Alle Sinne waren bis zum äußersten gespannt. Gab es keine Möglichkeit zu entkommen?
Als Dick und Jim die offene Seitenwand hochklappten und ihm dabei gefährlich nahe kamen, hielt Parker seine Chance schon für gekommen. Aber unter den wachsamen Augen des bewaffneten Marty erschien ihm das Risiko eines Angriffs doch zu groß.
Sekunden später war der Container geschlossen und mit zwei schweren Vorhängeschlössern gesichert...
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»Was hat das zu bedeuten, Mister Parker?« erkundigte sich Mylady argwöhnisch, als die stählerne Kiste zu rumpeln und zu schaukeln begann.
»Die Herren dürften im Moment damit beschäftigt sein, Mylady und meine bescheidene Wenigkeit auf einen Lastwagen der Firma Wellwood zu verladen«, meldete Parker, der schon eine Ritze zum Hinausspähen entdeckt hatte.
»Und was schließe ich daraus, Mister Parker?«
»Falls man sich nicht täuscht, werden Mylady verschiedene Möglichkeiten in Erwägung ziehen.«
»Selbstverständlich, Mister Parker. Als Detektivin bin ich es gewohnt, alle denkbaren Möglichkeiten in meine Betrachtung einzubeziehen.«
»Eine Feststellung, der man keineswegs widersprechen möchte, Mylady.«
»Wahrscheinlich haben die Lümmel den Auftrag, mich zu ihrem Chef zu schaffen«, mutmaßte Agatha Simpson. »Aber der Bursche wird sich noch wundern.«
