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Jedes Jahr fangen in Deutschland rund 120.000 Menschen eine Kinderwunschbehandlung an. Zwei davon sind Simone Widhalm und Flora Albarelli - eine medizinische Fachfrau und eine Bloggerin. Die beiden haben sich zusammengetan und ein Buch geschrieben, in dem es nicht nur jede Menge Informationen zu den unterschiedlichen Behandlungsmöglichkeiten gibt, sondern auch einen authentischen Erfahrungsbericht aus der merkwürdigen Welt der Spritzen, Warteschleifen und des hormongesteuerten Kopfkinos.
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Seitenzahl: 433
Veröffentlichungsjahr: 2010
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eiertanz
Das Kinderwunschbuch
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.
Für Fragen und Anregungen:
3. Auflage 2015
© 2010 by mvg Verlag, ein Imprint der FinanzBuch Verlag GmbH, München,
Nymphenburger Straße 86
D-80636 München
Tel.: 089 651285-0
Fax: 089 652096
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Umschlaggestaltung: Melanie Maddedu, München
Umschlagabbildung: Getty Images
Satz: Grafikstudio Foerster, Belgern
Druck: CPI books GmbH, Leck
Printed in Germany 2010
ISBN Pint 978-3-86882-206-9
ISBN E-Book (PDF) 978-3-86415-208-5
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-86415-171-2
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Für meine Mutter, die seit ungefähr 37 Jahren ständig zu mir sagt, ich sollte doch mal ein Buch schreiben, und niemals, ich sollte doch mal ein Kind kriegen.
Und für meine Mädchen, die mir gezeigt haben, dass Familie nicht immer Vater-Mutter-Kind sein muss.
Flora Albarelli
Für Oliver, weil wir unendliches Glück miteinander haben – auch ohne Pünktchen.
Und für meine geliebte Oma Ida, die mir so viel über das Leben beigebracht hat.
Simone Widhalm
Ein Buch, zwei Autorinnen:
der Erfahrungsbericht von Flora Albarelli ist im Buch durch diese Schrift gekennzeichnet.
Der Ratgeberteil von Simone Widhalm ist dagegen so geschrieben.
Eine Art Vorwort
Seit dem Tag, an dem meine erste In-vitro-Fertilisation (IVF) in die Hose ging, schreibe ich meinen Eiertanz-Blog. Er handelt vom Kinderwunsch, von der Behandlung und von allem, was diese merkwürdige, hormongeschwängerte Zeit ausmacht. Ich wollte damit die Enttäuschung verarbeiten, die Wartezeit bis zum nächsten Versuch überbrücken, und ich dachte, darüber zu schreiben würde mir helfen, den Kopf über Wasser zu halten. Außerdem kannte ich damals niemanden, der eine ähnliche Behandlung erlebt hatte, und das, was in den Foren gemunkelt wurde, war nicht besonders aufbauend. Ich dachte, ein IVF-Tagebuch im Netz könnte vielleicht anderen Unfruchtbaren dabei helfen, sich auf das einzustellen, was sie erwartet. Also habe ich geschrieben. Anfangs habe ich das … jaja, jetzt kommt das, was alle Blogger sagen: Ich hab’s für mich getan. Und das stimmt auch. Denn erstens schreibe ich gerne, zweitens habe ich ein ziemliches Mitteilungsbedürfnis in den meisten Lebensbereichen, das auch vor dem Kinderwunsch nicht haltmacht, aber drittens – und das ist fast das Wichtigste – merkt man während einer Kinderwunschbehandlung schnell, wie frustrierend es ist, dass man im Grunde so wenig tun kann. Man kann brav die Medikamente genau wie angeordnet einnehmen, man kann auf seine Ernährung achten (ähämm), man kann sich entspannen, man kann sich nicht zu viele Hoffnungen machen, aber ehrlich, die Wartezeiten sind so lang, und sie kommen, wie sich zeigt, immer wieder, und ich hatte von Anfang an das Gefühl, der Blog war das bisschen mehr, das ich getan habe. Er hat bestimmt nichts dazu beigetragen, die Erfolgswahrscheinlichkeit hochzuschrauben (da hat er vielleicht mehr gemein mit »wenig Kaffee trinken« und »hochwertige Proteine«, als uns allen lieb ist), und manchmal hatte ich auch über Sachen zu schreiben, bei denen das Schreiben mir nicht ganz so viel Spaß gemacht hat. Aber der Blog hat mir trotzdem geholfen, diese lange, lange Zeit zu strukturieren und Bodenkontakt zu halten. Mein Mann L. war sich da manchmal nicht ganz so sicher, aber ich mir schon: Der Blog war gut für mich und ist es immer noch. Aber erst als es passiert ist, wurde mir klar, dass ich wohl doch ein bisschen gehofft habe, dass eines Tages mehr daraus wird.
Letzten Sommer bekam ich irgendwann Post von einer anderen Frau in Kinderwunschbehandlung, diesmal einer vom Fach: einer Medizinerin, die das alles gerade auch erlebte, schrieb mir, dass sie gerne ein Buch mit mir zusammen machen würde. Mein Blog und ihr Fachwissen zusammen, eine Mischung aus Erfahrungsbericht, Spaß (ja, den kann man während all des zähen Spritzens, Testens und Wartens nämlich auch haben) und einer dicken Portion Informationen, die wirklich weiterhelfen und nicht nur kirre und unbehaglich machen. Ich hatte schon nach den ersten vorsichtigen Kontakten den leisen Verdacht, ich hätte klammheimlich eine gespaltene Persönlichkeit entwickelt, deren eine Hälfte so tut, als würde sie in Düsseldorf leben, so gern hatten wir uns auf Anhieb und so viel hatten wir gemeinsam.
Wir haben stundenlang telefoniert und gemailt, und dann haben wir zusammen ein Buchkonzept geschrieben und sind im Herbst auf die Buchmesse nach Frankfurt gefahren, um unseren Buchembryo an den Mann zu bringen. Das war schwerer und frustrierender als gedacht, und jeder, der eine Kinderwunschbehandlung macht, weiß, mit wie viel Frust wir alle jederzeit rechnen. Wir haben uns eine Menge Abfuhren geholt und Wurschtigkeit erlebt und unverbindliches Gelaber angehört. Trotzdem hatten wir am Ende zwei Eisen im Feuer, doch aus beiden wollte nicht so richtig was werden. Bei einem kam die endgültige Absage erst im Januar, als die nette Lektorin uns schreiben musste, dass ihr Verlagschef mit der Begründung dagegen sei, bei anderen Babybüchern komme immerhin am Ende ein Baby raus, während bei uns … der Verlag lege doch Wert darauf, grundsätzlich positiv zu bleiben. Da habe ich mir fest vorgenommen, dass mein Kind eines Tages mal ohne die fröhlichen pinken Glitzerpublikationen dieses Verlags aufwachsen wird. Und dann hatte ich irgendwann wieder Post, diesmal von einer Lektorin, deren Verlagschef schon mal davon gehört hat, dass das Leben nicht immer nur pink und glitzernd ist, und jetzt ist es tatsächlich passiert: Wir haben ein Buch aus dem Blog gemacht, und eigentlich ist das Buch sogar ein Zwilling, denn der Blogteil hat ein schlaues Geschwisterchen mitgebracht. Nach über einem Jahr weiß ich zwar immer noch nicht mit letzter Sicherheit, ob es »das Blog« oder »der Blog« heißt, aber ich weiß, dass man es/ihn jetzt auch am Strand, in der Badewanne, im Swinger-Club oder im ICE Bordrestaurant lesen kann.
Die Kehrseite dieser funkelnden Medaille ist, dass dieser Tage mein kuscheliges Inkognito flöten geht. Aber dafür war es wohl sowieso irgendwann mal Zeit.
Wenn das kein Happy End ist? Ich wollte ein Baby, und jetzt bekomme ich zwei. Viel pinker und glitzernder kann es doch kaum werden. In den letzten Monaten haben die zwei täglich die Windeln vollgeschissen und uns um den Schlaf gebracht, denn es war so unendlich viel zu tun. Aber Babys machen trotzdem so viel Freude! Und ich bin ziemlich glücklich.
Wie ich zu diesem Buch kam
Mit 20 war ich schon sehr nahe dran an Kinderkriegen und Kinderwunschbehandlungen. Als Medizinstudentin habe ich viele Jahre in einer Universitätsfrauenklinik gearbeitet – übrigens derselben, an der ich viele, viele Jahre später auch behandelt wurde. Dort habe ich in unzähligen Nachtdiensten Neugeborene in den Schlaf gewiegt, in Vollmondnächten gerne mal ein, zwei Dutzend. Bei Studentenjobs im OP habe ich dann die ersten IVFs mitbekommen. Meine Aufgabe war es, die Patientinnen für die Follikelentnahme vorzubereiten. Das war meist eine aufregende Angelegenheit, denn vor fast 25 Jahren waren künstliche Befruchtungen noch nicht so gängig wie heute: Louise Brown, das 1978 geborene erste »Retortenbaby«, war damals gerade acht Jahre alt.
Ich wiegte meinen Bauch und mich mit jener jugendlichen Arroganz, die man in diesem Alter hat, in fruchtbarer Sicherheit: Die vier Kinder, die ich mir für mein Leben gewünscht hatte, würde ich bestimmt ganz einfach so bekommen. Mit viel Spaß rein in den Bauch und schnell und schmerzlos ans Licht der Welt. IVFs und dieses ganze Theater drum herum waren mir so suspekt, dass ich mit mir damals die Vereinbarung traf, dass ich niemals irgendetwas unternehmen sollte, wenn ich mal nicht so einfach schwanger werden würde. Zumindest eine IVF würde für mich nie in Frage kommen.
Die nächsten zwanzig Jahre verbrachte ich wie so viele Frauen in meinem Alter mit Studium und Job. Beziehungen haben sich nicht so entwickelt, wie ich mir das dachte. Aber wie es ist, kleine Kinder im Alltag um sich zu haben, konnte ich dabei als Ersatz- oder Stiefmama von zwei kleinen Mädchen schon mal üben – mit allem Zauber und Generve, durchwachten Nächten und vielen Glücksmomenten. Es war nach wie vor klar: Ich würde Kinder haben.
Gegen Ende meiner Dreißiger fand ich meine große Liebe. Als ich vierzig wurde, waren mein Mann und ich uns sicher, dass wir gerne unser Leben miteinander verbringen würden. Und dass wir nun schleunigst mit dem Kinderkriegen anfangen sollten. Wir taten also weiter, was wir immer gerne taten. Und es tat sich nichts.
Wir sind beide gesund, mein Mann hat drei wunderbare Kinder – also sollte es doch irgendwie noch klappen mit dem gemeinsamen Kind. Auf der Suche nach Möglichkeiten, Studien und Infos verfing ich mich im Netz – bei Floras www.eiertanz.blogspot.com. Ich las mich fest und dachte ziemlich bald, dass man daraus ein Buch machen sollte. Aus meinem beruflichen Alltag weiß ich, wie hilfreich es sein kann, von Patienten hautnah zu erfahren, wie sich eine Therapie anfühlt: Ob man Erfolg haben kann, welche Tricks es gibt, wo man Hilfe von Experten, die diese Bezeichnung auch verdient haben, bekommt. Deshalb dachte ich mir: »Eiertanz«, ergänzt durch einen Ratgeberteil, der auch ein bisschen anders ist, könnte eine perfekte Kombination sein. Anders auch deshalb, weil ich Medizinerin bin (gut für die Richtigkeit der Fakten), seit vielen Jahren für Patienten schreibe (meistens gern gelesen) – und selbst eine Kinderwunschpatientin bin: Ich weiß also aus eigener Erfahrung, wie sich das alles anfühlt, wenn auch nicht jede einzelne Form der Kinderwunschbehandlung. Und ich habe obendrein alles Mögliche ausprobiert, um schwanger zu werden. Dazu werde ich kein Blatt vor den Mund nehmen. Übrigens auch nicht, wenn es dabei um die »unappetitlicheren« oder »schlüpfrigeren« Dinge geht: Sexualmedizinische Themen, urologische (Erektionsstörungen, Blasenschwäche, Prostataerkrankungen und mehr) und unterschiedlichste gynäkologische Erkrankungen von Scheidenpilz bis Brustkrebs gehören seit vielen Jahren zu meinem beruflichen Alltag.
Und noch etwas zu Ihrer und meiner Sicherheit: Dieser Ratgeber kann keinen Anspruch auf Vollständigkeit haben. Es gibt so viele unterschiedliche Möglichkeiten, weshalb eine Frau, ein Paar nicht schwanger wird. Auch nur annähernd alle zu beschreiben würde den begrenzten Rahmen zwischen diesen Buchdeckeln sprengen. Auch mit der Aktualität ist es so eine Sache: Derzeit gibt es gesetzliche Änderungen bei der Präimplantationsdiagnostik, über Kostenerstattung bei der Kinderwunschbehandlung wird ebenfalls hitzig diskutiert. Heißt: Was heute richtig auf dem Papier steht, kann übermorgen schon falsch sein. Geht es um Dinge, die für Sie besonders wichtig sind, fragen Sie bitte nach: und zwar Ihre Ärztin oder Ihren Arzt*!
Nun wünsche ich Ihnen viel Spaß beim Eiertanz: Auf dass Sie alle ganz schnell schwanger werden und gesunde Kinder zur Welt bringen!
Simone Widhalm
* Ich werde in meinem Teil dieses Buches der Einfachheit halber meist nur eine Form benutzen: also z. B. Arzt und Patientin … aber auch Kinderwunschzentrum, Kinderwunschpraxis und Kinderwunschklinik werde ich im Text nicht aufzählen: Lesen Sie einen Begriff, gilt der (meist) synonym für alle.
Die Gebrauchsanweisung für dieses Buch
Wieso die beiden verschiedenen Schriften?
Dieses Buch haben wir zu zweit geschrieben: Simone ist die Frau fürs medizinische Fachwissen, ich bin die Frau für Wortschwälle. Wer gerade schreibt, erkennt man an der Schrift:Simone schreibt so, Flora schreibt so. Weil wir zwei unterschiedliche Personen mit unterschiedlicher Geschichte sind, schreiben wir nicht beide das Gleiche (dann hätte ja auch wunderbar eine allein das Buch schreiben und die andere sich solange ein paar nette Tage machen können). Trotzdem haben wir uns gern, verstehen uns gut und hoffen, dass auf die gleiche Art, auf die wir zusammenpassen, auch die beiden Hälften des Buches zusammenpassen.
Wieso so viel Hü und Hott?
Das Buch hat sein Leben als Blog begonnen, der von Tag zu Tag entstanden ist, während ich eine Kinderwunschbehandlung gemacht habe. Weil eine Kinderwunschbehandlung eine emotionale Achterbahnfahrt ist, steht in dem Blog mal dies und mal das, und teilweise widersprechen sich dies und das ziemlich deutlich. Mal steht da, dass das alles schrecklich sei, dann steht da, es sei eigentlich ganz gut auszuhalten. Mal steht da, die Medikamente würden dick und traurig machen, dann steht da wieder, die Medikamente seien schon in Ordnung. Mal steht da, Alternativmedizin sei die Pest, dann steht da wieder, man könne es ja mal versuchen. So geht das andauernd. Kaum eine Spur von klarer Linie, eindeutiger Handlungsanweisung oder Konsequenz. Und weil ich diese Zeit nun mal so erlebt habe und das Buch möglichst authentisch zeigen soll, wie sich eine Kinderwunschbehandlung anfühlt, ist das hier genauso.
Was soll das mit den Eiern im Text?
Ein Blogbuch bringt es mit sich, dass man oft in einem Schwung liest, was im Blog über viele Wochen hinweg passiert ist. Damit nicht jeder zweite Absatz mit »Drei Tage später« beginnt, habe ich mir etwas ausgedacht: Immer dann, wenn wir es mit einem Zeitsprung zu tun haben, sieht man das an ein paar kleinen Eiern zwischen den Zeilen.
Wie kommt die überhaupt dazu?
Ich habe keine Qualifikation als Ärztin, Pharmazeutin oder Heilpraktikerin. Meine einzige Berechtigung dazu, über Kinderwunsch und Kinderwunschbehandlung zu schreiben, ist, dass ich mir ein Kind wünsche und deshalb in Behandlung bin. Darum kann es gut sein, dass an manchen Stellen dieses Buches bei Experten die Hand nach dem Rotstift zuckt. Für Hinweise in dieser Richtung bin ich dankbar, aber noch dankbarer bin ich dafür, wenn die Korrektoren Verständnis dafür haben, dass ich nicht stante pede ein Dankestelegramm aufsetze, die Auflage aufkaufe, einstampfen lasse und sofort eine neue, verbesserte Auflage veranlasse, am besten mit Erwähnung in der Widmung.
»In meinem Forum steht aber ...«
Ich wollte nie hauptberuflich unfruchtbar sein. Darum treibe ich mich nur sehr selten in Internetforen herum, schreibe normalerweise keine Leserbriefe an Zeitschriften, die mich mit Kinderwunschartikeln geärgert oder glücklich gemacht haben, sehe mir nicht dauernd Talkshows zum Thema an und bin auch nicht immer auf dem neuesten Stand, was Erfolgsquoten von Kliniken, die Gesetzeslage zu Kinderwunsch und Adoption oder die neueste Möglichkeit betrifft, meine Chancen auf ein Kind zu verbessern. Ich finde, das alles frisst schon genug von meinem Leben, den Rest hätte ich gerne für mich. Für sauber recherchierte und gründlich abgesicherte Informationen verweise ich auf Simone.
Wieso steht hier nichts zu …?
Auch Simone ist nicht hauptberuflich unfruchtbar und hat es sich trotzdem zur Aufgabe gemacht, vor dem Schreiben dieses Buches sehr viel über Kinderwunschbehandlungen herauszufinden. Nur zeigte sich, dass gerade vieles im Fluss ist. Die gesetzliche Lage kann sich täglich ändern und tut genau das. Die Frage, welche Unterstützung unfruchtbare Paare von Staat und Krankenkassen bekommen, wird heiß diskutiert. Und was ist mit unverheirateten Paaren, die sich ein Kind wünschen? Auf diesen und anderen Gebieten bewegt sich gerade sehr viel. Die Informationen, die gerade jetzt, in diesem oder im nächsten Jahr am unbeständigsten sind, hat sie darum vorsichtshalber lieber weggelassen, weil sie schon zum Zeitpunkt des Drucks wertlos sein können.
Auch ich habe manche Themen einfach unter den Tisch fallen lassen, IUI (Intrauterine Insemination) z. B. oder ICSI (Intracytoplasmatische Spermieninjektion). Das liegt daran, dass ich so etwas selbst nicht erlebt habe. Ich habe mir aber sagen lassen, die Kinderwunschbehandlung fühle sich für Menschen, die eine ICSI machen, nicht viel anders an als für IVFler. Ich hoffe also, auch für andere Abkürzungen ist etwas dabei.
Wo bleibt das Ärzte-Bashing?
Ich finde nichts Verwerfliches, Gruseliges, Mafiöses oder sonst wie Verurteilenswertes an Schulmedizin. Darum schreibe ich auch nicht, dass Kliniken nur Geld machen wollen, dass Ärzte unter einer Decke stecken, dass man uns unfruchtbaren Paaren im Zweifel bestimmt mit anderen, natürlicheren Methoden viel besser helfen könnte, wenn man nur wollte, oder dass uns Behandlungen aufgenötigt werden, die wir gar nicht brauchen.
Warum wird hier nicht mehr geweint?
Vieles in diesem Buch ist ein bisschen flapsig. Wenn irgendjemand beim Lesen denkt: Das geht aber nicht, dass über solche Themen so geschrieben wird, dann muss ich antworten: doch, das geht. In den letzten zwei Jahren, während meiner Kinderwunschbehandlung, hatte ich unterm Strich mehr Grund zum Lachen als zum Heulen. Das muss nicht bei jeder von Euch so sein, aber es muss eben auch nicht umgekehrt sein.
Kennen wir uns?
Ich habe als Bloggerin angefangen, die ihre Leser duzt und zurückgeduzt wird. Simone hat als Autorin von medizinischer Fachliteratur angefangen, die ihre Leser siezt und zurückgesiezt wird. Das ist in diesem Buch genauso. Würde ich jetzt zur Feier des Buches etwas daran ändern, dann käme ich mir ungefähr so krampfig vor wie damals in der Schule beim Wechsel in die Oberstufe, als Lehrer, die uns seit der fünften Klasse kannten, uns plötzlich siezten und Fräulein nannten.
Bleiben Sie dran!
Auch wenn das Buch längst gedruckt ist, wird es im Blog weitergehen. Im Moment bereite ich mich gerade auf meine nächste IVF vor, die dritte, und Simone arbeitet auch weiter an ihrem Wunschkind. Natürlich wäre es schön gewesen, zum Abschluss des Buches verkünden zu können, jetzt seien wir beide schwanger. Sind wir aber noch nicht. Wer wissen will, wie es weitergeht, kann den Blog lesen.
Im Blog gibt es außerdem zum Erscheinungstermin jede Menge Downloads: Listen mit Fragen an den Arzt, die man sonst in der aufregenden Sprechstunde vergessen würde. Listen mit Adressen, Goodies und anderem, was helfen könnte.
Eine repräsentative Umfrage des Allensbach-Instituts hat gezeigt, dass mehr als 80 Prozent der deutschen Bevölkerung die Fruchtbarkeit von Frauen völlig falsch einschätzen: Viele Menschen denken, dass Frauen lange fruchtbar sind. Auch das scheint ein Grund zu sein, weshalb viele Paare Kinderwunschhilfen brauchen: Sie fangen mit der praktischen Umsetzung ihrer Familienplanung oft zu spät an. Viele Paare wissen auch nicht so richtig, wann im Bauch die beste Zeit dafür ist, ein Kind zu zeugen – und noch weniger, wie man diesen Zeitpunkt herausfindet.
Liebe nach Plan, geplanter Sex
Wer weiß, wann der Eisprung kurz bevorsteht, kann in der Kinderwunschzeit durchaus selbst dazu beitragen, dass sich Nachwuchs einstellt. Mit einer Maßnahme, die in Kinderwunschforen flapsig gerne als »Zielpoppen« beschrieben wird: Damit ist nichts anderes gemeint als Geschlechtsverkehr zum richtigen Zykluszeitpunkt.
Liebesspiele, die der Eisprungkalender diktiert, sind für viele Paare mit der Zeit alles andere als spaßig. Solcher Kinderwunschsex nach Plan ist oft mit Müssen, Funktionieren, Bangen und Hoffen verbunden. Mit der Frage nach der richtigen Stellung und allen möglichen Gefühlen, die nicht immer positiv sind.
Ein Mann hat dazu mal angemerkt:
Sex auf Kommando sei so, dass man denkt: Bringen wir’s schnell hinter uns. Und danach haben wir noch mal richtig guten Sex. Ein anderer meinte, man wüsste dann nie, ob die Liebste wirklich Lust hat oder nur mit den Wimpern klimpert, weil der Eisprung naht.
Sex nach der Uhr setzt viele Paare ganz schön unter Druck: Manche Frauen reagieren mit trockener Scheide, was Schmerzen beim Sex verursachen kann. Gleitmittel wiederum können einen negativen Effekt auf die Spermien haben, weil sie den pH-Wert in der Scheide mitunter ungünstig verändern. Was tun, wenn Sie sich so ausgetrocknet fühlen wie die Wüste Gobi? Gynäkologen und Apotheker können bei der Suche nach dem richtigen Liebesglibber weiterhelfen. Fragen Sie nach – es ist ja für einen guten Zweck …
Stante penis: Wenn ER schwächelt
Auch Männern kann der Zeugungsdruck so zusetzen, dass sie Erektionsprobleme (erektile Dysfunktion (ED) oder Impotenz) bekommen – und ohne Erektion bekanntlich keine Ejakulation … Liebevolle Geduld der Partnerin ist zwar fein. Mitunter ist es jedoch sinnvoller, den Urologen um Rat zu fragen. So kann die kurzzeitige Einnahme von Medikamenten (»PDE-5-Hemmer« wie Levitra®,Viagra®, Cialis®) helfen, wenigstens in puncto »Standhaftigkeit« zu entlasten.
Erektionsprobleme sind übrigens weitaus verbreiteter, als viele Menschen glauben: Eine deutsche Studie mit 10.000 Männern fand heraus, dass vier Prozent aller 30- bis 39-Jährigen, knapp zehn Prozent aller Männer zwischen 40 und 49 und fast zwanzig Prozent aller 50- bis 59-Jährigen mehr oder weniger ausgeprägte Erektionsprobleme haben. Zu den Ursachen einer ED zählen übrigens auch Diabetes oder Gefäßerkrankungen wie arteriosklerotische Veränderungen – und davon sind auch jüngere Männer betroffen.
Was Mann mit Kinderwunsch und Erektionsproblemen nicht tun sollte:
PDE-5-Hemmer sind hochwirksame Arzneimittel, die Nebenwirkungen haben können. Bei unsachgemäßer Einnahme kann das wirklich gefährlich werden. Also auch nicht frei nach dem Motto »Viel hilft viel« eine Tablette mehr einnehmen. Heraus käme eventuell eine schmerzhafte Dauererektion, die einer Ejakulation und damit der erwarteten Spermagewinnung sprichwörtlich im Wege steht. Dumm gelaufen, wenn gerade Eizellen reif wären …Im Internet werden Viagra® und Co. an jeder virtuellen Ecke angeboten. Hände weg – das sind häufig Fälschungen!Temperatur und Co.: Zyklusmonitoring
Eine einfache Methode für das richtige Timing ist »Zyklusmonitoring«: den eigenen Zyklus zu beobachten, um den optimalen Zeitpunkt für eine Befruchtung herauszufinden. Hierfür gibt es Zykluscomputer, Ovulationstests und »Natürliche Familienplanung umgekehrt«.
Natürliche Familienplanung (NFP) ist eigentlich eine Form der Verhütung, wie das Wort Familienplanung diskret andeutet. Kurz zusammengefasst: Man kombiniert bei dieser Methode die Beobachtung des Zervikalschleims (siehe oben) mit der Körpertemperatur (Basaltemperatur) und trägt beides in ein spezielles Kurven- oder Zyklusblatt ein. Die Temperatur wird jeden Morgen direkt nach dem Aufwachen gemessen – am einfachsten im Po und mit einem digitalen Thermometer. Die Aufzeichnungen eines normalen Zyklus zeigen im Verlauf meist zwei Phasen: In Phase eins vor dem Eisprung ist die Temperatur ein wenig niedriger als nach dem Eisprung. Phase zwei bleibt dann meist bis kurz vor der Periodenblutung erhöht und fällt dann ab. Um den Eisprung herum verändert sich auch der Zervikalschleim und gibt Hinweise darauf, dass die Ovulation bevorsteht. Dabei verändert sich auch der Muttermund: Er wird weicher und öffnet sich, der Gebärmutterhals verkürzt sich ein wenig nach oben. Mit etwas Übung lassen sich diese Unterschiede sehr einfach mit ein, zwei Fingern ertasten und dann im Zyklusblatt notieren. Aber – so aufgeklärt wir alle in Zeiten medialer Übersexualisierung sein mögen: Ich bin mir nicht sicher, wie viele Frauen diese Selbstuntersuchung ohne Vorbehalte durchführen würden – auch wenn sie kaum aufwendig und mit ähnlich großem »Körperkontakt« wie Tamponeinführen verbunden ist. Was es bei der natürlichen Familienplanung und dem Zyklusmonitoring zu beachten gibt, was man außerdem notieren sollte und wie sich das alles interpretieren lässt, kann man in Kursen oder aus einem Buch lernen.
Nach einigen Zyklen und entsprechender Übung messen viele Frauen nur noch an wenigen Tagen, und zwar so lange, bis der Eisprung stattgefunden hat. Kleiner Nebeneffekt:
Man lernt, Zervikalschleim von behandlungsbedürftigem Ausfluss (z. B. Pilze und Co.!) zu unterscheiden.Frauen, die an jedem Zyklustag ihre Basaltemperatur messen, wissen mit dem Temperaturabfall gegen Ende des Zyklus, dass die Periodenblutung bevorsteht.Eine solche »Zyklusbuchhaltung« gibt dem Arzt erste Hinweise auf mögliche Zyklusstörungen oder Besonderheiten.Informationen zur NFP bietet die Universität Düsseldorf unter diesem Link an: http://www.uni-duesseldorf.de/NFP/nfpkurs.pdf.
Meine allerersten Erfahrungen mit der natürlichen Familienplanung habe ich in der Sexta, so wurde die erste Klasse im Gymnasium damals genannt, gemacht. Unsere Biolehrerin hat uns den Zyklus und seine Beobachterei so genau ins Hirn gebimst, dass wir noch vor der ersten Menstruation perfekt verhüten konnten. Theoretisch zumindest. Ich habe mich Jahre danach gefragt, ob das wohl die kleine Rache dieser weltoffenen und eleganten Lehrerin an unserer oberspießigen katholischen Mädchenschule war oder gar an der Leibfeindlichkeit der Kirche? Hat sie sich wohl ins Fäustchen gelacht, als sie uns das diskrete Rüstzeug für folgenlosen Sex mit auf den (Schul-)Weg gab? Wie auch immer – dank dieser Trockenübung waren für mich Feuchtgebiete, auch die neueren literarischen, nichts Ungewöhnliches.
Als während meines Medizinstudiums natürliche Familienplanung als Kurs angeboten wurde, habe ich NFP bei einem der Pioniere dieser Methode, Professor Günter Freundl, gelernt. (Eine Buchempfehlung hierzu finden Sie in der Literaturliste.) Mir hat diese Selbstbeobachtung viel Spaß gemacht. So erfolgreich ich diese Methode jahrelang zum Verhüten angewandt habe, so dämlich habe ich sie umgekehrt in Sachen Kinderwunsch gehandelt: Das Thermometer hatte ich beiseite gelegt. Ich wusste ja, an welchem Zyklustag mein Eisprung bislang war. Und habe darauf vertraut, dass ich obendrein spüre, wann’s soweit ist. Dass es mit den Jahren Verschiebungen im Zyklus und damit bei der Ovulation geben kann, habe ich leider erst dann gemerkt, als mein Zyklus in der Kinderwunschstunde unter die Lupe genommen wurde: Unser Sex nach Kinderwunschstundenplan war also zeitlich mitunter glatt daneben …
Temperaturkurve, Maschinchen und Web 2.0
Zyklusmonitoring funktioniert auch mit speziellen Zykluscomputern: Das sind kleine, handliche Geräte, die die Temperatur oder zusätzlich noch den LH-Wert im Urin messen, speichern und auswerten. Solche Computer kosten zwischen150 € und 800 €, eventuell zuzüglich der erforderlichen Teststreifen für den Urintest. Nachteil: Manche Geräte benötigen zunächst über mehrere Monate Daten ihrer Besitzerin, bis sie zuverlässige Angaben zur fruchtbaren Zeit machen können.
Eine Software für Computer, Handy oder Palm ergänzen die Kinderwunschausstattung. Mit der Datenverarbeitung könnte übrigens auch der Papa in spe beschäftigt werden. Naht die Ovulation, sieht er’s selbst im digitalen Eisprungplan und kann zum häuslichen Don Juan mutieren. Inzwischen gibt es sogar eine App für das iPhone, mit der man ganz komfortabel Zyklusbuchhaltung betreiben kann und seine fruchtbaren Tage angezeigt bekommt.
Pipitest geht auch
Eine praktische Alternative zu all diesen Technik-Tools sind Teststäbchen, die wie ein Schwangerschaftstest funktionieren: Ab einem bestimmten Zyklustag wird ein Teststäbchen in den Morgenurin eingetaucht, das anzeigt, ob der LH-Spiegel auf den bevorstehenden Eisprung hindeutet. Bei positivem Ergebnis sollte man sich innerhalb von 48 Stunden mindestens ein Schäferstündchen gönnen, weil dann die Chancen auf Nachwuchs am größten sind. Der große Vorteil dieser Tests: Man kann sofort und ohne große Vorkenntnisse im ersten Zyklus den bevorstehenden Eisprung bestimmen. Einzige Pflichtlektüre: der Beipackzettel des Tests – ungefähr so lang und kompliziert wie der eines Schwangerschaftstests.
Ich habe unterschiedliche Tests ausprobiert: teure und günstige, Tests aus der Apotheke und aus dem Drogeriemarkt, digitale High-Tech-Tests und einfache »Pipistreifen« mit Balkenanzeige.
Bei den einfachen Streifen gab’s mitunter gar kein Ergebnis, besonders komfortabel fand ich digitale Tests. Diese zeigen mit einem Smiley an, ob man sich den Abend besser freihalten und das Telefon ausschalten sollte.
Dabei gilt: Hände weg von vermeintlichen Superangeboten auf eBay! So verlockend diese sein können – man hat keine Kontrolle, welche Sorte Teststreifen man da wirklich einkauft und ob diese überhaupt messen, was sie sollen. Ganz zu schweigen von der Angabe des Haltbarkeitsdatums …
Flegeljahre eines Unterleibs
Es ist noch gar nicht so lange her, da waren meine drängendsten Fragen bei der Gynäkologin: Wieso liegen hier eigentlich nur Quatschzeitschriften im Wartezimmer? Wie lange habe ich jetzt Ruhe, bis ich wieder antanzen muss?
Und: Dieses kleine Röllchen da um meinen Bauch, kommt das von der Pille oder den vielen Fritten in letzter Zeit?
Ich war immer ein bisschen unruhig, wenn ich auf den Stuhl geklettert bin, und habe in der Nacht vorher auch meistens nicht besonders gut geschlafen (genau wie jede andere Frau auch). Ich war froh, wenn es vorbei war ohne große Zwischenfälle. Aber kaum war ich wieder runter vom Stuhl und raus aus der Praxis, hatte ich die ganze Aufregung schon wieder vergessen. Es gab zwar einige Dinge, die mein Leben ziemlich durcheinanderbrachten, aber nichts davon hätte meine Frauenärztin weiter interessiert. Ich war eine stinknormale, langweilige Patientin, die sich jedes halbe Jahr ihr Pillenrezept abholte und einmal im Jahr die Hosen runterlassen und den Pulli heben musste.
Dann kam der Tag, an dem ein Abstrich nicht mehr langweilig war, sondern interessant. Zum ersten Mal in meinem Leben bekam ich Post von meiner Ärztin: Es habe sich ein diskussionswürdiger Wert ergeben, ich solle bitte noch mal anrufen. Gynäkologische Langeweile, wieso habe ich dich nicht zu schätzen gewusst, als es dich noch gab? Ich verbrachte eine gefühlte halbe Stunde in der telefonischen Warteschleife der Praxis (Die vier Jahreszeiten, gespielt auf einer Playmobil-Orgel), dann hatte ich meine Ärztin dran, die mir mit ihrer wohltuend nüchternen, erwachsenen Stimme erklärte, das sei im Grunde alles halb so wild. Kein Grund zur Aufregung! Nur ein leicht erhöhter PAP-Wert (ein Untersuchungsverfahren zur Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs), der sich sicher in den nächsten Wochen von ganz alleine normalisieren würde. Und nur weil wir so besonders gewissenhaft seien, solle ich in drei Monaten noch mal vorbeikommen.
Der Wert normalisierte sich nicht. Nicht nach drei Monaten, nicht nach sechs und auch nicht nach neun. Im Gegenteil, er wurde schlechter, und nach einem Jahr war kein Gedanke mehr an Langeweile. Ich hatte eine Krebsvorstufe und musste zur Konisation – einer Operation, bei der die innere Schicht des Muttermundes abgetragen wird, um verdächtiges Gewebe zu entfernen.
Das war ein schöner Einstand für L., meinen neuen Freund: Wir kannten uns gerade erst ein paar Monate, und jetzt musste ich ihm eröffnen, dass ich da so eine kleine Sache … also, nichts Schlimmes … im Grunde harmlos … L. war damals für ein paar Wochen nicht in der Stadt und hat meine Angst vermutlich auch aus 600 Kilometern Entfernung gerochen. Auch wenn ich ihm gleich am nächsten Tag eine seitenlange Beschwichtigungs- und Beruhigungsmail schrieb, ließ er sich nicht beruhigen, weder schriftlich noch mündlich. Zur Operation war er da und brachte mich hin, und als ich aus der Narkose aufwachte, klebte da ein Post-it mit seiner Telefonnummer und einem mit Kuli gekritzelten Herzchen neben meinem Bett. Den Zettel habe ich heute noch immer im Portemonnaie, und bei jeder der vielen Operationen, die ich seitdem erlebt habe, klebt er wieder als Talisman neben meinem Aufwachbett. Im Nachhinein kommt mir eine Konisation wirklich nicht mehr besonders wild vor, aber damals war sie ein echter Schlag für mich: der Verlust meines Langweiler-Status’ in der Kartei meiner Frauenärztin und damit der endgültige Verlust meiner Sicherheit, mir könnte im Grunde genommen nichts passieren. Ich hatte zwar auch früher immer ein bisschen Sorge gehabt, irgend etwas könnte sein, aber das waren Luxussorgen, die Sorgen der Klassenbesten, die sich nach der Klausur einbildet, sie hätte diesmal bestimmt eine Fünf. Und jetzt hatte ich einen PAP von Vier minus geschrieben. Auf einmal war da was, was anders war, was zu einem echten Problem werden konnte und was beobachtet werden musste. Dabei hatte ich eigentlich weniger Angst vor dem konkreten Schreckensszenario (Krebs!!!!) als davor, dass jetzt der Ärger begann und nicht wieder aufhören würde. Fragt mich nicht, wieso, aber ich hatte das deutliche Gefühl, das sei erst der Anfang.
Und genauso war es. Ein Jahr nach der OP waren zwar meine PAP-Werte wieder langweilig wie eh und je, aber auf dem Rückflug aus einem New-York-Urlaub mit L. platzte mir eine neun Zentimeter lange Eierstockzyste. Schade nur, dass ich das in dem Moment noch nicht wusste. Alles, was ich wusste, war, dass ich aus dem Nichts die mörderischsten Bauchschmerzen meines Lebens hatte, dass ich wegen dieser Schmerzen innerhalb von fünf Minuten zwei Tüten, meinen Pullover und meinen halben Sitz vollgekotzt hatte, dass ich keine Luft mehr bekam, dass neben mir eine zauberhafte Stewardess saß und mir die Stirn streichelte (ein Hoch auf die Ausbildung bei Emirates) und dass zwei Reihen hinter mir eine schwäbelnde Frau zu ihrem Vierjährigen sagte: »Nein, Leon, die Frau stirbt jetzt ned.« L. saß blass und still neben mir und war sich da vermutlich nicht so sicher. Direkt vom Rollfeld ging es im Krankenwagen ins nächste freie Krankenhaus, wo kurz darauf ein paar Ärzte um mich herumstanden, auf einen Ultraschallschirm starrten und das taten, was mich bei Ärzten regelmäßig halb wahnsinnig macht: Sie murmelten und raunten, aber sprachen nicht mit mir. Unter anderem murmelten und raunten sie: »Das sind mindestens neun Zentimeter.«, »Das strahlt hier in den gesamten Bauchraum.« oder auch »Das ist ein Fall für die Gynäkologie.« und »Wann haben wir einen freien OP?«
Erst die Gynäkologin, die danach ran durfte, erzählte mir, was mit mir los war: Ich hatte eine Zyste am rechten Eierstock, vermutlich Endometriose (von der ich zwar schon gehört hatte, die mich aber nie interessiert hatte – so ähnlich wie Formel 1, Hoteltipps für Schanghai oder Atkins, das betraf mich alles nicht). Die dünne Haut der Zyste war gerissen, und der Inhalt der Zyste – eine dickflüssige, braune Schmiere – war in meinen Bauchraum geflossen. Am nächsten Tag sollte ich operiert werden, um das Ding zu entfernen – möglichst ohne meinen Eierstock dabei zu beschädigen. Das war dann meine erste Bauchspiegelung: drei kleine Schnitte, zwei Stunden Vollnarkose, viel unappetitliche Arbeit für die Chirurgin, zwei Monate Sportverbot und diffuse Schmerzen für mich. Und mit der Akte bei meiner Frauenärztin wuchs das dumpfe Gefühl in meinem Kopf, diesmal in eine Art von Ärger geraten zu sein, aus dem ich mit »Mühe geben« oder »sich höflich entschuldigen« nicht rauskommen würde.
Bei der Nachsorge hörte ich zum ersten Mal aus ihrem Mund, dass es eventuell für mich nicht ganz so leicht werden würde, Kinder zu bekommen. Die Endometriose sei schuld. Und dann war da auf dem Schirm auch noch zum ersten Mal ein Myom. »Ist das schlimm?«; »An sich nicht unbedingt, aber … gut ist das auch nicht.«
Ich fühlte mich gegenüber L. langsam wie eine Mogelpackung. Er hatte sich in ein Mädchen verliebt, das zwar 34 war, aber nicht aussah wie 34. Ich kannte mich mit Indie-Bands aus, stand gerne mit einem Bierchen in der Hand in Bars herum, hatte einen ziemlich jungen Job und fühlte mich wie 24, nur mit Kreditkarte und ohne blöde Unireferate. Und jetzt das. Die Ärztin sah mein verfinstertes Gesicht und steuerte gegen. »Das heißt jetzt nicht, dass Sie keine Kinder kriegen können. Die Chancen auf eine erfolgreiche Einnistung werden ein bisschen verschlechtert, genau wie durch die Endometriose. Sie können trotzdem eine völlig normale Schwangerschaft erleben, ein gesundes Kind austragen, alles gut. Nur steigt durch Myome eben auch das Risiko einer Fehlgeburt ein bisschen.« Seltsam, bis zu diesem Moment hatte es das Wort »Fehlgeburt« nie auch nur unter die Top 500 meiner Sorgen im Leben geschafft. Aber jetzt katapultierte es sich aus dem Nichts unter die ersten 50.
Wieder verging ein halbes Jahr. In den ersten Wochen nach dem Termin dachte ich noch jede zweite Nacht zwischen zwei und fünf (meine bevorzugte Zeit zum sinnlosen Sorgen und Herumgrübeln) über meinen maroden Unterleib nach. Dann legte sich das allmählich. Ich hatte wieder andere Themen zu begrübeln und zu beseufzen: mein Job nervte, ich hatte mich am Telefon gestritten, ich hatte mich abends überfressen und lag jetzt die halbe Nacht im Verdauungskampf, und hatte mein Exfreund wirklich aufgehört, mich zu verfolgen, oder wiegte ich mich in falscher Sicherheit? Langsam, ganz langsam verschwanden die Myome und die Endometriose wieder aus meinem Gefühlsleben. Aber wie sich zeigte, waren sie nicht weg, sondern nur kurz nach nebenan gegangen. Dort warteten sie still und unauffällig auf meinen nächsten Gynäkologen-Termin, wo sie mit einem Feuerwerk der schlechten Laune ihr Comeback feierten. Ich hatte inzwischen nicht eines, sondern drei Myome, wieder eine schöne Eierstockzyste, diesmal auf der anderen Seite, und auch rund um die Gebärmutter sah es so aus, als hätte die Endometriose es sich gemütlich gemacht. Meine Ärztin räusperte sich und sagte: »Das wird mir jetzt zu bunt. Ich überweise Sie in eine Kinderwunschklinik. Es sei denn, Sie wollen keine Kinder?«
Doch, wollte ich. Und so kam es, dass ich vier Wochen später zum ersten Mal die Klinik betrat. Noch nie hatte ich ein so riesiges Wartezimmer mit so vielen Antiquitäten und einer so großen Auswahl an Zeitschriften gesehen. Es gab sogar die Vogue! Ich war weit gekommen seit meinen gynäkologischen Langweilertagen. Und ich wertete die Pracht als gutes Zeichen: Der Laden schien zu laufen, gut für sie, aber auch gut für mich und meine Aussichten auf ein Baby. In anderen Praxen hatte ich mich manchmal eine Stunde lang durch die Bild der Frau und ein paar Brustkrebs-Faltblätter gekämpft, wir hatten ja nüscht. Hier gab es zwar alles, aber bei diesem und späteren Terminen stellte ich immer wieder fest: Ich hatte kaum Zeit, den Bestand zu sichten und mich für eine Zeitschrift zu entscheiden, da ging es auch schon los, so straff war dieser Wunderladen organisiert. Fünf Minuten nach dem ersten Betreten der Klinik lag ich auf dem Stuhl, starrte gemeinsam mit meinem Arzt auf das für mich vollkommen undefinierbare graue Ultraschall-Gekrissel und nickte wissend zu allem, was er sagte. Er sagte, wir sollten eine zweite Bauchspiegelung machen – erstens, um die Zyste und möglichst auch die Myome loszuwerden, und zweitens, um zu prüfen, ob meine Eileiter überhaupt durchlässig seien.
Sie sind noch nicht schwanger und möchten gerne wissen, warum? Auf der Suche nach der Ursache werden unterschiedliche Dinge untersucht.
Bei Frauen zählen zum »normalen« Programm die gynäkologische Untersuchung, die Ultraschalluntersuchung und eine Blutuntersuchung zum Bestimmen von Hormonspiegeln und anderen Werten. Bei Verdacht auf Erkrankungen wie Endometriose, Verschluss der Eileiter oder Myomen können weitere Untersuchungen notwendig sein – zum Beispiel eine Gebärmutterspiegelung (Hysteroskopie) oder eine Bauchspiegelung (Laparaskopie). Beide können ambulant durchgeführt werden.
Bei einer Gebärmutterspiegelung wird das Innere der Gebärmutter mit einer Art Lichtstab, der mit einer Kamera und dem dazugehörenden Bildschirm verbunden ist, inspiziert: Der Gynäkologe kann so die Schleimhaut der Gebärmutter beurteilen und nach Fehlbildungen, Myomen oder Polypen suchen. Eine solche diagnostische Spiegelung kann auch in einen kleinen Eingriff münden: Um Gewebeproben zu entnehmen oder etwa ein Myom zu entfernen, das im Gebärmutterinneren sitzt. Eine Hysteroskopie kann mit oder ohne Narkose durchgeführt werden.
Eine Laparaskopie wird in Narkose durchgeführt und inzwischen meist »minimalinvasiv«: ohne Bauchschnitt und mit Geräten, die durch einen Schnitt in den Nabel und zwei, drei weitere Minischnitte (meist im Bereich der Schambehaarung oder dort, wo mal welche war) in den Bauchraum eingeführt werden. Finden sich dabei Endometrioseherde oder ein Myom, werden diese eventuell in einem Abwasch gleich mitentfernt. Die Durchgängigkeit der Eileiter wird mit einem speziellen Farbstoff geprüft, der mittels Katheter in die Gebärmutter injiziert wird: Fließt er aus den Eileitern in den Bauchraum, sind die Tuben durchgängig.
Endometriose: Gebärmutter überall
Bei Endometriose befinden sich Zellen aus der Gebärmutterschleimhaut an unterschiedlichsten Stellen, wo sie überhaupt nicht hingehören: z. B. auf der Blase, dem Darm, dem Bauchfell. Dort machen sie den normalen Zyklus mit und können Schmerzen verursachen – meist vor, während oder nach der Periode. Ausgeprägte Formen können das Schwangerwerden erschweren. Endometriose kann operativ entfernt oder mit Hormonen »kaltgestellt« werden.
Myome: Knubbel an der Gebärmutter
Myome sind eine Art wild gewordenes Gebärmuttergewebe. Der Uterus ist ja ein Muskel, Myome bestehen deshalb aus Muskelzellen. Jede fünfte Frau über dreißig hat solche Knubbel an oder in der Gebärmutter, die bei einer Bauchspiegelung die Gebärmutter reichlich verbeult aussehen lassen.
