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Deutschland steckt in einer tiefen Strukturkrise. Doch woran liegt es wirklich? Günther Schöffner geht den Ursachen auf den Grund: fehlende Leistungsbereitschaft, einseitiges Anspruchsdenken, falsche Vorstellungen von Arbeit und Missverständnisse auf beiden Seiten. Dieses Buch ist ein leidenschaftlicher Appell für mehr Miteinander, Augenhöhe und Verantwortung von Führungskräften wie von Mitarbeitenden. Denn wer Arbeit als Beziehung versteht, weiß: Nur wo beide Seiten das Bestmögliche geben, entsteht bedeutender Wert. Eine Partnerschaft gelingt nur, wenn sie wechselseitig getragen wird - auch im Berufsleben. Provokant, faktenreich und unbequem ehrlich. Ein Impulsgeber für alle, die Arbeit wieder als faires Geben und Nehmen gestalten wollen.
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Seitenzahl: 347
Veröffentlichungsjahr: 2025
Günther Schöffner
Ein Arbeitsplatz ist keine Einbahnstraße
Für ein faires Geben und Nehmen zwischen Unternehmern und Mitarbeitern
Verlag W. Kohlhammer
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1. Auflage 2026
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Heßbrühlstr. 69, 70565 Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-045703-4
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-045704-1
epub: ISBN 978-3-17-045705-8
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Cover
Vorwort
Prolog
1 Diagnose einer Schieflage
1.1 Zwischen Boom und Bruch: Übergang von satten Jahren zur Ernüchterung
1.1.1 Von der Vollbeschäftigung zur Verunsicherung
1.1.2 Der Fachkräftemangel – Realität oder Resultat?
1.1.3 »Made in Germany« im Sinkflug: Symptome und Ursachen
1.2 Anspruch statt Anstrengung? Generationendiskurs als Symptom, nicht als Ursache
1.2.1 Generation Z: Projektionsfläche oder echte Herausforderung?
1.2.2 Der Mythos Work-Life-Balance: Lebenskunst oder Leistungsverweigerung?
1.2.3 Zwischen Chillkultur und Burnout – die Zerrissenheit der Moderne
1.3 Leistung in der Krise: Zahlen, Studien, Alltagssymptome
1.3.1 Krankenstand, Arbeitszeit und Produktivität: Zahlen und Fakten mit Sprengkraft
1.3.2 Die stille Erosion der Leistungsbereitschaft
1.3.3 Warum »satt« gefährlicher ist als »erschöpft«
2 Was aus dem Lot geraten ist
2.1 Die falschen Verdächtigen: Klischeezertrümmerung als Aufklärung
2.1.1 Schlechte Chefs? Die einfache Antwort ist oft die falsche
2.1.2 Wertschätzung als Währung – aber nur einseitig?
2.1.3 Das Märchen vom immer bösen Unternehmen
2.2 Anspruchsdenken als Falle: Konsummentalität in der Arbeitsbeziehung
2.2.1 Warum Wunschlisten keine Verträge sind
2.2.2 Die Gratwanderung zwischen Selbstverwirklichung und Selbstverweigerung
2.2.3 Über das »Recht auf Faulheit« und seine Kosten
2.3 Arbeit und Haltung: Tugenden im Sinkflug
2.3.1 Loyalität, Engagement, Respekt: Vom Ausverkauf klassischer Tugenden
2.3.2 Der Verlust von Stolz auf Arbeit – Ein stiller Kulturbruch
2.3.3 Der Mitarbeiter als Konsument des Arbeitgebers?
3 Arbeit ist Tausch – und kein Almosen
3.1 Der Arbeitsvertrag in der Praxis: Rechte mit eingebautem Risiko für Arbeitgeber
3.1.1 Rechte mit Risiko: Was Arbeitgeber wirklich schultern
3.1.2 Kündigungsschutz als Kuscheldecke?
3.1.3 Wer trägt was, wenn nichts läuft?
3.2 Mindestleistung und Anstandsdenken: Der feine Unterschied zwischen »können« und »wollen«
3.2.1 Die stille Halbtagsmentalität bei Vollzeitgehalt
3.2.2 Vom Blaumachen zum Dienst nach Vorschrift
3.2.3 Betrug durch Unterlassung? Eine unbequeme Frage
3.3 Fairness neu verhandeln: Wo endet Nachsicht, wo beginnt Selbstbetrug?
3.3.1 Was ist »gerecht« – und wer entscheidet das?
3.3.2 Die Moral des Gebens: Warum Pflicht kein Schimpfwort ist
3.3.3 Arbeit als Beziehung – und nicht als Dienst nach Vorschrift
4 Ursachen und Kontext
4.1 Komfortgesellschaft und Vollkaskomentalität: Entlastungsstaat als Entmündigungsstaat?
4.1.1 Die Vollkaskomentalität – gefährliche Fürsorge
4.1.2 Die Rolle der Politik: Wer verteilt, verdrängt Verantwortung und weckt Ansprüche
4.1.3 Vom Erben statt Arbeiten – neue Wohlstandsillusionen
4.2 Bildung, Medien, Erziehung: Das Fundament wackelt
4.2.1 Pisa, Praxis, Poesie: Was wir noch können – und was nicht
4.2.2 Die Tyrannei des Besonderen: Warum Kinder nicht Chef sein sollten
4.2.3 Apps statt Anstrengung: Wenn Technologie Denken ersetzt
4.3 Narrative der Bequemlichkeit: Opfergeschichten, die Selbstverantwortung lähmen
4.3.1 Die Heldengeschichten der Übertreibung und Überforderung
4.3.2 Die Schuldzuweisung als Reflex
4.3.3 Wenn man über Leistung nicht mehr reden darf
4.3.4 Das neue Feindbild: Besserverdienende, Reiche, Unternehmer
5 Wege aus der Sackgasse
5.1 Mitarbeiterkultur neu denken: Followership als vergessene Disziplin
5.1.1 Vom Opfer zum Akteur: Warum Followership eine Tugend ist
5.1.2 Engagement ist keine Überforderung
5.1.3 Respekt und Wertschätzung als zweiseitige Verhaltensweise
5.2 Führung neu definieren: Führungskraft als Haltung, nicht als Titel
5.2.1 Leadership oder Kuschelmanagement?
5.2.2 Führung bedeutet auch Zumutung – und Verantwortung
5.2.3 Was gute Chefs von guten Mitarbeitenden unterscheidet
5.3 Neue Allianzen: Loyalität, Respekt, Anstand – neu codiert
5.3.1 Was Unternehmen jetzt wirklich brauchen
5.3.2 Die stille Kraft von Selbstmanagement, Mitdenken und Loyalität
5.3.3 Aufbruch statt Abrechnung: Warum wir uns wieder anstrengen dürfen
Anmerkungen
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Vor knapp drei Jahren hat sich in Deutschland eine seit dem Zweiten Weltkrieg noch nie dagewesene Wirtschaftskrise breitgemacht. Drei Rezessionsjahre in Folge. Schon allein das weist darauf hin, dass es sich diesmal um eine andere Qualität handelt als bisher. Und das Ende ist noch nicht abzusehen. Obwohl sich die Problematik erst im Jahr 2023 so richtig bemerkbar gemacht hatte, waren im Jahr 2019, im Zenit der Boomjahre, schon ihre ersten Anzeichen erkennbar. Die darauffolgenden Corona-Jahre haben deren Weiterentwicklung etwas gebremst und die Symptome zugedeckt. Doch danach merkten viele schnell, dass die deutsche Wirtschaft diesmal nicht nur konjunkturelle, sondern auch strukturelle und gesellschaftliche Probleme hat. Gerade sie machen die Krise so besonders, weshalb sie allein mit den bislang üblichen Maßnahmen nicht überwunden werden kann. Darum dauert die Rezession auch schon so lange. Die gesellschaftlichen Probleme, die auch zu einer spürbaren Veränderung der politischen Landschaft geführt haben und dadurch die Überwindung abermals erschweren, haben sich in den letzten 10 bis 15 Jahren schleichend eingestellt. Ein deutliches Zeichen hierfür ist der drastische Wertewandel, der in diesem Zeitraum stattgefunden hat. Er hat bei den Menschen und speziell bei den Beschäftigten ein Anspruchsdenken erzeugt, das zu einem erheblichen Teil für die derzeitigen Schwierigkeiten mitverantwortlich ist. Dies ist bislang aber kaum zu hören, weder in der Öffentlichkeit noch im Privaten. Wie in den vielen Krisen und Jahren zuvor werden in den Köpfen vieler Menschen auch jetzt wieder überwiegend dieselben Gruppen für die Malaise verantwortlich gemacht: Die Manager und ihre sprichwörtlichen Fehler, die Politiker, die nicht die richtigen Weichen stellen und die Wohlhabenden, die sich nur am »kleinen Mann« bereichern. Aussagen dieser Art konnte man schon in den Achtzigern hören. Doch Schuldzuweisungen dieser schnellen Art reichen in der derzeitigen Lage nicht mehr zur Problemlösung. Dieses Buch will aufzeigen, wie und warum auch viele Beschäftigte mitverantwortlich an der momentanen Situation sind und wie sie durch die Veränderung von Verhalten und Ansprüchen zur Verbesserung beitragen können. Dieser Ansatz ist unbequem und zieht schnell Kritik nach sich, wenn man ihn anspricht. Man hört dann auch meist sofort Ratschläge und Patentrezepte, wer stattdessen kurzfristig was tun müsste, damit das Problem schnell gelöst würde. Doch erstens haben Patentrezepte noch nie gewirkt und zweitens gibt es bei systemischen Problemen wie den derzeitigen fast nie nur einige wenige Ursachen und damit auch fast nie einen oder zwei einfache Lösungsansätze, die schnell zum Erfolg führen würden. Dementsprechend sollten sich jetzt auch die Arbeitnehmer an die eigene Nase fassen und fragen, welchen Anteil sie selbst an der Krise haben und was sie zu deren Lösung tun können und müssen. Natürlich haben Unternehmen, Staat und Führungskräfte wie so oft auch ihren Anteil daran, dass Deutschland in der Zwickmühle steckt. Die Beschäftigten aber eben auch. Wie erwähnt: Auch wenn das vielleicht unangenehm sein mag, so muss es trotzdem ausgesprochen und diskutiert werden. Denn in schweren, existenziellen Krisen darf es keine Tabus geben. Die Mitverantwortung der Arbeitnehmerseite muss also thematisiert werden. Denn die Schieflage muss überwunden werden, wenn Deutschland in den nächsten Jahrzehnten auch nur halbwegs das gleiche Maß an Wohlstand und sozialer Sicherung finanzieren möchte wie in der Vergangenheit. Und dazu müssen wegen ihrer Schwere diesmal auch alle zur Verbesserung beitragen, auch wenn sie das vielleicht nicht gewohnt sind oder es entsprechende Ansätze bislang nicht oder kaum gab.
Dieses Buch ist zum Beginn meines vierzigsten Berufsjahrs fertig geworden. All die verschiedenen Perspektiven meiner Berufserfahrung sind darin eingeflossen. Die des Azubis, des Facharbeiters, des Ingenieurs, des Managers, des CEOs, des Geschäftsführers, des Aufsichtsrats, des Beraters oder des Trainers. Es sind auch die Erkenntnisse aus unzähligen Gesprächen und Diskussionen eingeflossen. Erst durch diese Vielzahl an persönlichen Begegnungen, Erfahrungen, Erfolgen und Misserfolgen, Fehlern und richtigen Entscheidungen ist es mir möglich geworden, in einem Buch meine Sichtweise des beschriebenen Themas sowie meiner Meinung nach geeignete Maßnahmen zur Krisenüberwindung niederzuschreiben. Denn es handelt sich hier nicht wie bei meinen bisherigen Büchern um ein Fachbuch, das sich an Fachleute wendet, sondern um ein Sachbuch, das für die »breite Masse« gedacht ist. Dementsprechend gebührt unzählig vielen Personen mein Dank für ihre Inputs, ihre Meinungen und ihre Unterstützung, ohne die dieses Buch wahrscheinlich so nicht entstanden wäre. Auch wenn ich möchte, kann ich sie alle hier gar nicht aufzählen. Weil ich aber weiß, wie wichtig es ist, sich bei anderen für ihre Mühe zu bedanken, möchte ich dies hier kurz in einer eher allgemeinen Form tun. So geht mein Dank an alle meine Kollegen und früheren Chefs, die mich in meinen Lehr-, Lern- und Erfahrungsjahren auf die aus heutiger Sicht richtigen Pfade lenkten. An alle Menschen, mit denen ich mich über Berufliches austauschen durfte, denn sie haben zur Bildung meiner Meinung beigetragen. An die vielen Menschen, die mir so viel beigebracht haben, denn durch sie hat sich mir erst so vieles erschlossen. Des Weiteren danke ich den vielen Zeitzeugen, die ihre Erlebnisse der Zeit von 1949 bis in die 1990er-Jahre mit mir geteilt haben. Diese sind für dieses Buch besonders wichtig gewesen. Ein expliziter und ganz besonderer Dank geht, und deswegen möchte ich ihn auch namentlich erwähnen, an Dr. Uwe Fliegauf vom Kohlhammer Verlag in Stuttgart. Nur durch seine großartige Unterstützung konnte dieses Buch erst zustande kommen.
Für den Leser erschließt sich das Buch mit seinem Anliegen am besten, wenn er es von vorne bis hinten durchliest. Wie alle meine Bücher ist auch dieses im generischen Maskulinum verfasst, weil dies die Lesbarkeit vereinfacht. Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit sind für mich nie Dinge gewesen, die es zu diskutieren gibt. Weil sie für mich seit jeher Selbstverständlichkeiten sind, die nicht infrage zu stellen sind und daher auch sprachlich nicht explizit berücksichtigt werden müssen. Ich bitte die Vertreterinnen und Verfechter der geschlechtergerechten Sprache hierfür um Verständnis und Rücksichtnahme auf andere Meinungen. Dies gehört auch zur Vielfalt dazu.
Ich wünsche den Lesern neben dem Lesevergnügen, das sich hoffentlich auch einstellt und auch ein wenig dazugehört, gute Erkenntnisse aus den Fakten und Argumentationen. Jene, die meine Meinung nicht teilen können, bitte ich um Toleranz bezüglich meiner Ansichten und um angemessenen Respekt vor Menschen, die eventuell ganz andere Vorstellungen vom Zusammenwirken von Arbeitnehmern und Arbeitgebern in den Betrieben haben. Wir leben ja zum Glück in einer freien Gesellschaft, die andere Meinungen zulässt, auch wenn uns diese nicht gefallen. Daher muss ich mich ja Gott sei Dank auch nicht der Sichtweise derer anschließen, die die Verantwortung für wirtschaftliche Krisen nur auf einer Seite sehen. Für mich ist und bleibt aber ein ausgewogenes Geben und Nehmen zwischen den Menschen allgemein und zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer im Speziellen die Grundlage für ein zukunftsfähiges gedeihliches Miteinander.
Ingolstadt, im November 2025
Günther Schöffner
Deutschland hat sich in den letzten 10 bis 15 Jahren so spürbar verändert wie zuletzt nach der Wiedervereinigung 1990. Die politische Landschaft ist vielfältiger geworden, der politische Diskurs schärfer und gegensätzlicher. Ähnlich sieht es im gesellschaftlichen Leben aus, in dem verstärkt zwar Vielfalt gefordert, aber abweichende Meinung scheinbar immer weniger toleriert wird. In der deutschen Wirtschaft ist spätestens seit dem Ende der Pandemie 2023 der Lack ab. Es herrscht eine noch nie dagewesene, strukturelle Wirtschaftskrise mit einer sich im dritten Jahr fortsetzenden Rezession. Trotz der demografischen Entwicklung und des Fachkräftemangels ist die Arbeitslosigkeit nach Jahren der Vollbeschäftigung wieder spürbar angestiegen. Großunternehmen bauen Personal ab oder kündigen sogar Beschäftigungssicherungsverträge, zahlreiche Traditionsunternehmen gehen in die Insolvenz, eine Pleitewelle dünnt die industrielle Basis unseres Landes unaufhaltsam aus. Die Menschen hören und spüren es nun selbst, dass die deutsche Wirtschaft schwerwiegende Probleme dabei hat, ihren Spitzenplatz in der Weltwirtschaft zu halten. »Modell Deutschland ist am Ende« tönt es, »Deutschland im Sinkflug« oder »Made in Germany ist out«. Plötzlich merken die Menschen wieder, dass eine florierende Wirtschaft für Deutschland wichtig ist, denn ohne sie können weder Sozialstaat noch Wohlstand finanziert werden. Zugleich ist es schwierig, die Spaltung, die sich schleichend eingestellt hat, zu überwinden: Die angeblich raffgierigen Unternehmer hier, die ausgenutzten Mitarbeiter und der sie scheinbar schützende Staat dort. Die Reichen und Wohlhabenden hier, die übervorteilten und hilflosen kleinen Bürger da. Es scheint kaum mehr eine Mitte zu geben, kein Miteinander, kein Geben und Nehmen, kein Leben und leben lassen, kein sowohl als auch. Dagegen fast nur noch gegeneinander, nur mehr ein Nehmen, »das steht mir zu«, ein entweder oder. Infolgedessen scheinen viele trotz ausgewiesener Krise am Arbeitsplatz immer mehr zu fordern und immer weniger leisten zu wollen. Mehr als die Hälfte der Beschäftigten gibt laut Umfragen regelmäßig nicht ihr Bestes im Job, macht nur noch Dienst nach Vorschrift oder sieht sich nicht mehr an ein Unternehmen gebunden. Sie leisten also nicht die 100 Prozent, die sie leisten könnten, wollen aber alle im Gegenzug 100 Prozent ihres Einkommens – kaum mehr geben, aber alles nehmen. Was würde passieren, wenn es andersherum wäre? Nicht auszudenken. Und trotz der beschriebenen Schwierigkeiten der deutschen Wirtschaft fordern viele immer noch mehr: Vier-Tage-Woche mit 32 Wochenstunden bei vollem Lohnausgleich, obwohl bei Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit vieles im Argen liegt. Mehr Freizeit, mehr Homeoffice, mehr Mitsprache, mehr Benefits, mehr Arbeiten ohne Zeitdruck. Aber mehr geben wollen viele nicht. Die Arbeitsbeziehungen im Unternehmen scheinen sich zu einer Einbahnstraße hin zu entwickeln bzw. entwickelt zu haben, in der die Arbeitgeberseite nur gibt und die Arbeitnehmerseite überwiegend nur nimmt. In der die gesunde Balance zwischen Geben und Nehmen, bei der jeder seinen ausreichenden Nutzen und beide Partner gemeinsam Vorteile haben, verloren gegangen ist. Und die Forderung nach immer mehr verschiebt diese Balance auch immer mehr in diese Richtung. Doch so kann Wirtschaft auf Dauer nicht funktionieren. So können Unternehmen im Wettbewerb nicht länger erfolgreich sein. Wenn sich an diesem Ungleichgewicht nichts ändert, wird es mit der deutschen Wirtschaft auch weiterhin nicht wieder bergauf gehen, wenn nicht ein Wunder geschieht.
Wirtschaftskrisen hat es in den letzten Jahrzehnten immer wieder gegeben. Mit staatlichen Konjunkturprogrammen und durch Reformen konnten sie stets relativ schnell überwunden werden. Doch die derzeitige Krise ist anders, wie man schon an ihrer Dauer sehen kann, wir treten in das dritte Rezessionsjahr. Mit den bisher erfolgreichen Werkzeugen lässt sich diese Krise auch aufgrund der geänderten politischen Konstellationen nicht mehr so einfach überwinden. In Anbetracht der globalen wirtschaftlichen und technologischen Veränderungen wird die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen ohne spürbare Verbesserungen bei Produktivität, Qualität und Veränderungsfähigkeit kaum mehr in die Spitzengruppe zurückfinden können. Hierzu können aber Staat und Unternehmen nur beschränkt etwas beitragen. Es kommt auch entscheidend auf die Mitarbeiter an, die hier entscheidende Beiträge leisten müssen, denn Unternehmenslenker und Führungskräfte können nur die Weichen stellen. Und genau darum geht es: Die Mitarbeiter müssen wieder verstärkt ihr Bestes für den Unternehmenserfolg geben, gemeinsam mit den Führungskräften. Es muss wieder ein verstärktes Miteinander geben, ein ausgewogeneres Geben und Nehmen zwischen Unternehmen und Mitarbeitern. Denn das ist in den letzten Jahren verloren gegangen. Zweifellos hat es in den letzten Jahren auch die in solchen Fällen immer schnell genannten Managementfehler gegeben. Aber es hat auch definitiv Fehlentwicklungen auf der Beschäftigtenseite gegeben. Die gilt es nun durch richtiges Handeln wieder zu korrigieren. Genau dazu soll dieses Buch dienen. Es zeigt die Entwicklungen auf und versucht, die Gründe dafür zu identifizieren. Dabei ist zu beachten, dass es sich beim Beschriebenen nicht um einen Kontext handelt, der einer Maschine gleicht, die genau untersucht und bei der Fehler exakt lokalisiert werden können. Es handelt sich vielmehr um Prozesse, die sich auf Menschen beziehen, es geht um Belegschaften und um die ganze Gesellschaft. Dort gibt es viele Ursachen für bestimmte Entwicklungen, die an verschiedenen Stellen alle mal mehr, mal weniger auftreten und unterschiedlich zusammenwirken. Bei näherer Betrachtung und Analyse der verfügbaren Fakten lassen sich Ursachen erkennen, die diesen Entwicklungen zugrunde liegen. Auf dieser Grundlage werden Handlungsempfehlungen für den Ausweg aus der Einbahnstraße, die auch zu einer Sackgasse werden kann, gegeben. Diese richten sich an alle Berufstätigen, damit sie ihr berufliches Tun und Denken reflektieren und eventuell auch daran Korrekturen vornehmen. Es handelt sich dabei nicht um besserwisserische Vorschriften. Denn die haben sich im Laufe der letzten zehn Jahre stark gehäuft, seitens verschiedener selbsternannter Expertengruppen, Interessensvereinigungen oder sonstiger Institutionen.
Dieses Buch will aber zur Reflexion des eigenen Denkens und Handelns animieren, um im besten Falle eine Veränderung des Verhaltens der Menschen am Arbeitsplatz zu erreichen. Damit die deutsche Wirtschaft wieder einen Spitzenplatz in der Weltwirtschaft erreichen kann, für dauerhaften Wohlstand in Deutschland. Dabei ist eine Sache sehr wichtig: Die Ansätze und Handlungsempfehlungen dieses Buches sind nur ein Ansatzpunkt unter vielen anderen. Es gibt auch andere Wege zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit. Doch auch diese werden nicht umhinkommen, den Beschäftigten die Notwendigkeit von Veränderungen in ihrem Denken und Handeln aufzuzeigen. Denn die Mitarbeiter haben entscheidenden Einfluss auf die Prosperität eines Unternehmens, einer Branche und einer Volkswirtschaft. Die Unternehmenslenker, die Führungskräfte oder gar der Staat können es ohne die Mitwirkung der Beschäftigten nicht richten. In den 1970er- und 1980er-Jahren warb der Mineralölkonzern Esso in einer ähnlichen Krisensituation mit einem Slogan, der es in diesem Zusammenhang auf den Punkt bringt: »Es gibt viel zu tun. Packen wir’s an.« Genau das will dieses Buch bewirken.
Nach dem Ende der Pandemie schlitterte Deutschland 2023 nach gut zehn Boomjahren plötzlich in eine Wirtschaftskrise. Diese entwickelte sich zu einer handfesten Rezession, die in den Jahren 2024 und 2025 andauert.[1] Zwei Jahre in Folge mit wirtschaftlichem Rückgang statt des gewohnten Wachstums hinterließen in den Köpfen der Menschen ihre Spuren. Die Gefahr der Arbeitslosigkeit ist nach vielen Jahren der Vollbeschäftigung zurückgekehrt. Fast schlagartig war nicht mehr der Klimaschutz das Thema Nummer eins in der politischen Diskussion. Es war neben den Folgen des Ukraine-Kriegs vor allem die wirtschaftliche Lage in Deutschland. Immer mehr Bürger erkannten oder erinnerten sich wieder daran, dass der Wohlstand in Deutschland nur dann erhalten werden kann, wenn die Wirtschaft floriert. Das war anscheinend für lange Zeit aus dem Bewusstsein vieler Menschen verschwunden. Die sich nach der Finanzkrise ab 2010 entwickelnde Vollbeschäftigung hatte die Menschen zu dem Glauben verleitet, dass darin ein Automatismus läge, dass sich wirtschaftliche Prosperität quasi von selbst einstellt: Dass die deutsche Wirtschaft immer florieren müsse, dass sich der Wohlstand fast wie von selbst einstelle oder der Staat dafür sorgen könne und es dementsprechend immer genügend gut bezahlte Arbeitsplätze geben würde, sodass sich die Menschen ihren Job nach Belieben und ganz nach ihren persönlichen Bedürfnissen aussuchen oder einrichten könnten.
Doch für viele überraschend rollte 2024 eine Pleitewelle durch Deutschland, die sich auch im Jahr 2025 fortsetzt.[2] Es vergeht kaum ein Tag, an dem man in den Zeitungen keine Meldungen über Insolvenzen oder Schließungen von Unternehmen mit teilweise langer Tradition lesen kann. Zugleich musste der damalige Wirtschaftsminister Robert Habeck die Wachstumsprognose für 2025 auf null setzen. Es schien und scheint immer noch keine wirkliche Besserung in Sicht zu sein. Es folgt der in solchen Situationen übliche Ruf nach staatlichen Gegenmaßnahmen wie sie nach der Finanzkrise 2008/09 folgten. Damals war es eine staatliche Abwrackprämie für Altfahrzeuge, die für einen schnellen Aufschwung sorgen sollte.[3] Das war damals auch in gewisser Hinsicht erfolgreich, nun sollten in ähnlicher Manier Prämien für den Kauf von E-Autos oder Investitionen in die deutschlandweite Ladeinfrastruktur die entscheidenden Impulse geben.[4] Dass der aktuellen Krise auch andere Ursachen zugrunde liegen könnten und dass der Staat diese nicht durch ein paar punktuelle wirtschaftspolitische Maßnahmen, vor allem in Form von Geld und Subventionen, würde beseitigen können, wurde Politik, Wirtschaft und Bevölkerung erst später klar.
Es zeigte sich nun, dass es im globalen Vergleich nicht nur vielen deutschen Produkten, sondern auch dem Wirtschaftsstandort Deutschland insgesamt an Wettbewerbsfähigkeit mangelt.[5] Als vermeintliche Ursache konnte nicht länger die Corona-Pandemie genannt werden, die reflexhaft immer angeführt wurde, wenn es um die Erklärung von Fehlentwicklungen und Missständen ging.[6] Dazu kamen strukturelle Probleme wie die jahrzehntelange Vernachlässigung von Straßen, Brücken oder Schienenwegen.[7] Dazu kamen im Vergleich mit anderen Ländern hohe Lohn- und Lohnnebenkosten bei gleichzeitig geringerer Wertschöpfung, die deutsche Wirtschaft war auch im Hinblick auf die Produktivität zurückgefallen.[8] Mit einem Mal war Deutschland nicht mehr der Wirtschaftssuperstar der Boomjahre. Viele waren plötzlich verunsichert: Ist in Deutschland im internationalen Vergleich doch nicht alles so glänzend, wie man lange glaubte? Können wir die aktuelle Krise vielleicht doch nicht so schnell überwinden? Hat das kurz- oder mittelfristig vielleicht sogar wirtschaftliche Auswirkungen auf mich und mein Leben? Diese und ähnliche Frage trieben die Leute auf einmal um. Deutschland war nach dem Ende der Pandemie als Wirtschaftsstandort und als Exporteur von Spitzenprodukten offenbar nicht mehr so gefragt. Doch obwohl diese Erkenntnis erst im Laufe des Jahres 2024 publik wurde, zeigten sich diese Entwicklungen schon in den Jahren zuvor deutlich.[9] Bereits vor Corona waren erste Anzeichen dafür erkennbar, dass Deutschland hinsichtlich seiner globalen Wettbewerbsfähigkeit nicht mehr das war, wofür es jahrzehntelang weltweite Bewunderung genossen hatte. Die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie hatte dies dann überdeckt, sodass diese Entwicklung kaum wahrgenommen worden und nicht hinreichend in die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit gerückt war. Dementsprechend stark waren Überraschung und Verunsicherung der Menschen, als sich diese Erkenntnis als herrschende Meinung etablierte.
Nun sollte man wissen, dass in den Medien häufig übertrieben wird. Dahinter steckt nicht selten politisches Kalkül oder einfach nur das Ziel, in der Informationsflut wahrgenommen zu werden und eine möglichst hohe Auflage bzw. Reichweite zu erzielen. Im Digitalzeitalter ist das mit der Zahl der Klicks gleichzusetzen. Langweilige Meldungen werden kaum angeklickt und gelesen. Emotionale, ärgerliche oder beängstigende Informationen hingegen wesentlich mehr. Spätestens seit der Rückkehr Donald Trumps als US-Präsident konnte jeder feststellen, welchen Raum solche Berichte in den Medien eingenommen haben. Gute Dinge oder unspektakulär normale Meldungen scheinen mehr und mehr zu Randerscheinungen zu werden. Eine schwächelnde Wirtschaft, die Wohlstand, Arbeitsplätze und soziale Sicherung in Deutschland gefährdet, verkauft sich zwangsläufig besser als ein sachlicher Bericht über ein im Zeit- und Kostenplan gebliebenes Projekt. Doch selbst wenn man diese Effekte ausblendet, muss man schon allein anhand der verfügbaren Zahlen und Fakten eingestehen, dass die Probleme in der Wirtschaft und die gesunkene Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands wirklich gravierend und einschneidend sind. Neben dem sinkenden bzw. stagnierenden Bruttoinlandsprodukt der letzten Jahre manifestiert sich dies trotz des stets gebetsmühlenartig vorgetragenen Befunds, dass es an Fachkräften mangele, vor allem auch durch die Entwicklung der Arbeitslosenzahlen der letzten Jahre. Vor allem diese statistische Kennziffer sorgt mittlerweile für große Verunsicherung, weil sie für viele Jahre in den Augen der Menschen kein drängendes Problem mehr gewesen ist. Dabei war dies nicht immer so.
Nach der Währungsreform 1948 stellte sich in den westlichen Besatzungszonen, die im Folgejahr zur Bundesrepublik Deutschland vereinigt wurden, wieder Wirtschaftswachstum ein. Mit Ausnahme der Jahre 1966/67 dauerte dieser Aufschwung bis zur ersten Ölpreiskrise 1973 an und brachte großen Teilen der Bevölkerung ansehnlichen Wohlstand. Von 1973 an stieg die Arbeitslosigkeit zunächst in Westdeutschland, nach 1990 auch im wiedervereinigten Deutschland kontinuierlich von Rezession zu Rezession weiter an. Die Arbeitslosenquote erreichte nach 1,2 Prozent im Jahr 1973 im Anschluss an die zweite Ölpreiskrise (1979/80) mit 9,3 Prozent einen ersten Höhepunkt.[10] Arbeitslosigkeit und Lehrstellensuche waren damals zu einem der drängendsten Probleme in Westdeutschland geworden. Die Quote verbesserte sich bis zum Mauerfall 1989 nur auf 7,9 Prozent. In den Jahren 1990/91 sank die Arbeitslosenquote aufgrund der Nachholeffekte der Wiedervereinigung zwar auf 7,1 Prozent. Doch nach dem ersten Boom der Wende stieg sie wieder stetig bis zum nächsten Höchststand 1997 mit 11,4 Prozent an.[11] Der wirtschaftliche Aufschwung Asiens und allen voran Chinas, die voll einsetzende Globalisierung und der Kraftakt zum Aufbau in den neuen Ländern setzten Gesamtdeutschland und insbesondere den ostdeutschen Unternehmen stark zu. Nach dem Machtwechsel 1998 sank die Arbeitslosenquote zwar bis 2001 kurzzeitig auf 7,2 Prozent. Sie stieg daraufhin jedoch weiter an und erreichte 2005 das bisherige Maximum von 11,7 Prozent.[12] Rekordarbeitslosigkeit. Nach dem Regierungswechsel im Jahr 2005 erholte sich die Wirtschaft wieder, und die Arbeitslosenzahlen sanken deutlich auf eine Quote von 7,8 Prozent im Jahr 2008. Die darauffolgende Finanzkrise erhöhte diese zwar leicht, jedoch nur kurzzeitig. Denn die seitens der damaligen Bundesregierung eingeleiteten Maßnahmen, halfen der deutschen Wirtschaft aus dem Tief. Auch die Regelungen des Europäischen Binnenmarktes nach der Finanzkrise 2010 und die zunehmende Globalisierung der Lieferketten mit starkem Wachstum in Asien, vor allem in China, beflügelten den Aufschwung der deutschen Wirtschaft bis 2020 stark. Deutschland war infolgedessen im europäischen Vergleich 2010 nicht nur am schnellsten, sondern auch am wirtschaftlich stärksten aus der Krise herausgekommen. Es folgte ein Boomjahrzehnt, sodass die Arbeitslosenquote bis 2019 kontinuierlich auf etwa 5 Prozent sank und nahezu Vollbeschäftigung erreicht werden konnte. Auch die anschließende Corona-Krise konnte dem lange als robust bezeichneten deutschen Arbeitsmarkt scheinbar nichts anhaben. Doch dies änderte sich 2023/24 spürbar. Die deutsche Wirtschaft lahmte so sehr, dass sie nicht wie bisher mit wirtschaftspolitischen Standardmethoden schnell wieder flott gemacht werden konnte. Auch der klimapolitische Umbau der Wirtschaft durch die damalige Ampel-Regierung war der wirtschaftlichen Erholung zunächst nicht förderlich. Dementsprechend hielten sich viele Unternehmen mit Investitionen und Einstellungen mehr und mehr zurück. Von da an stieg auch die Arbeitslosenquote wieder deutlich auf durchschnittlich 6 Prozent im Jahresverlauf 2024 an und liegt aktuell bei 6,2 Prozent.[13]
Mit dieser Situation wissen derzeit viele nicht richtig umzugehen, umso größer ist nun ihre Verunsicherung. In den Boomjahren zwischen 2011 und 2020 hatte sich aufgrund der demografischen Entwicklung mehr und mehr ein Fachkräftemangel eingestellt. Jahrelang wurden händeringend Mitarbeiter gesucht, um die Wachstumschancen des Marktes nutzen zu können. Deshalb wurden Stellen häufig auch mit Personen besetzt, denen dafür eigentlich die Qualifikation fehlte. Zudem wurden Gehälter bezahlt, die sowohl den Stellenanforderungen als auch der Qualifikation der jeweiligen Stelleninhaber nicht angemessen waren, knappheitsbedingt teilweise in absurder Höhe. Doch dies war damals billiger als die sich aus einer Vakanz ergebenden Kosten für das Unternehmen. Das vermeintlich große Angebot an offenen Stellen ist dabei vielen zu Kopf gestiegen. Man ließ sich von Führungskräften nichts mehr gefallen, wenn man unzufrieden war oder einem etwas nicht passte, folgte der Wechsel in einen neuen, besseren Job. Wer damals Kraft und Willen zur Veränderung aufbrachte, konnte sich verbessern. Die Balance zwischen Angebot und Nachfrage am Arbeitsmarkt hatte sich in den Boomjahren eindeutig verschoben, mit allen negativen Seiten, die eine solche Entwicklung mit sich bringt. So herrschte in den 1950er- und frühen 1960er-Jahren, in der Wirtschaftswunderzeit, eine vergleichbare Situation; wer mit Zeitzeugen spricht, der kann Sätze hören wie: »Heute konntest Du an einer Stelle aufhören und morgen an drei anderen anfangen. Und dann hast Du sogar noch die Hälfte mehr verdient.« Dass grobe Ungleichgewichte solcher Art, egal auf welcher Marktseite sie auftreten, weder für die Arbeitgeber noch für die Arbeitnehmer und erst recht nicht für die Volkswirtschaft von Vorteil sind, bedarf keiner Erklärung. Denn dies verleitet zu überzogenen Forderungen und Handlungen, die sich in der ökonomischen Langfristperspektive meist rächen. Inzwischen sind die fetten Jahre vorbei und trotz der demografischen Entwicklung und des zwar nicht mehr so starken, aber 2024/25 immer noch bestehenden Fachkräftemangels scheuten viele Firmen auf einmal davor zurück, neue Mitarbeiter einzustellen. Das Gespenst der Arbeitslosigkeit und des sozialen Abstiegs, das viele jüngere Arbeitnehmer noch nie kennengelernt haben, ist mit einem Mal wieder greifbar. Von der Vollbeschäftigung zur Verunsicherung innerhalb weniger Jahre und keine Aussicht auf Besserung!
Seit ungefähr 10 Jahren hemmt der Fachkräftemangel die deutsche Wirtschaft. Unternehmen suchten lange Zeit mit allen Mitteln Fachpersonal, doch der Mangel hat sich krisenbedingt abgeschwächt. Eine aktuelle Studie zeigt, dass im Februar 2025 nur noch 28,3 Prozent der befragten Unternehmen zu wenig qualifizierte Arbeitskräfte bekommen.[14] Demnach waren es laut der Umfrage im Oktober 2024 noch 31,9 Prozent. Dieser Trend deckt sich mit den Darstellungen des Fachkräftereports 2024/25 des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK). Demnach konnten Ende 2024 43 Prozent der Unternehmen offene Stellen teilweise nicht besetzen, weil sie keine passenden Arbeits- und Fachkräfte fanden. Ende 2022 wären dies laut dem DIHK-Report noch 10 Prozent bzw. Ende 2023 noch 7 Prozent mehr gewesen – es zeigt sich also ein spürbarer Rückgang im Jahr 2024. Doch damit ist das Problem des Fachkräftemangels nicht aus der Welt, denn der Rückgang sei der weiterhin schwachen Konjunktur und den strukturellen Wirtschaftsproblemen in Deutschland geschuldet. Und diese machten sich eben zunehmend auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar und führten dazu, dass die Unternehmen ihre Beschäftigungspläne mehr und mehr »zurückschrauben«, so der DIHK.[15] Man kann also festhalten: Aktuell gibt es eine gewisse Entspannung beim Fachkräfteproblem, bedingt durch die nach wie vor in Deutschland herrschende Konjunkturflaute. Das Problem wird sich schon allein wegen der demografischen Entwicklung in absehbarer Zeit wieder verschärfen. Dies verursacht bei den Unternehmen und in der gesamten Wirtschaft trotz der angesprochenen Entspannung auf dem Arbeitsmarkt auch aktuell nach wie vor große Probleme. Denn für den Fall, dass Unternehmen Stellen nicht besetzen können, können sie sich auch nur eingeschränkt weiterentwickeln. Sie können dadurch die trotz schlechter konjunktureller Randbedingungen nach wie vor bestehenden Chancen des Marktes nicht oder nicht voll nutzen und bleiben dadurch hinter ihren Möglichkeiten zurück. Sie können nicht so wachsen, wie dies bei einer hinreichenden Zahl von Fachkräften möglich wäre. Das wirkt sich dann natürlich auch auf das ersehnte Wachstum aus, das Deutschland nach den Jahren der Rezession wieder voranbringen soll, und dadurch eben ausbleibt oder geringer ausfällt. Denn, so der DIHK-Fachkräftereport 2024/25, die Personalengpässe betreffen häufig Branchen, die für Zukunftsaufgaben wie Energiewende, Digitalisierung sowie Infrastrukturausbau eine große Rolle spielen.[16] Dies sei besonders alarmierend, denn dadurch könne der nötige Fortschritt gefährdet werden. Der Fachkräftemangel belastet demnach nicht nur aktuell die Wirtschaft, sondern gefährdet auch ihre zukunftsorientierte Weiterentwicklung.
Fachkräftemangel ist aber nicht gleich Fachkräftemangel. Dazu sollte man sich erst einmal die Bedeutung des Begriffs Fachkraft vor Augen führen. Laut Duden ist eine Fachkraft »jemand, der innerhalb seines Berufs, seines Fachgebiets über die entsprechenden Kenntnisse, Fähigkeiten verfügt«.[17] Demnach kann eine Fachkraft auch jemand sein, der sich die notwendigen Kenntnisse autodidaktisch angeeignet hat oder der von jemandem im betreffenden Metier zunächst nur angeleitet wurde und im Laufe der Zeit ohne tiefergehende Aus- oder Weiterbildung die entsprechende Expertise erworben hat. Das Bundesamt für Flüchtlinge und Migration (BAMF) definiert eine Fachkraft hingegen »im Sinne des Gesetzes als eine ausländische Person, die (1) eine deutsche qualifizierte (mindestens 2-jährige) Berufsausbildung oder eine ausländische Berufsausbildung, die mit einer qualifizierten (mindestens 2-jährigen) deutschen Berufsausbildung als gleichwertig anerkannt wurde, besitzt oder die (2) einen deutschen, einen anerkannten ausländischen oder einen mit einem deutschen Hochschulabschluss vergleichbaren ausländischen Hochschulabschluss besitzt«.[18] Weil man sich von Zuwanderung und Migration in Deutschland einen Beitrag zur Abwendung des bestehenden Fachkräftemangels versprochen hat, ist diese Betrachtung lohnend. In der Perspektive des BAMF ist also jemand Fachkraft, wenn er in Deutschland eine Berufsausbildung mit einer gewissen Mindestdauer oder ein entsprechendes Pendant in einem anderen Staat absolviert hat oder einen Hochschulabschluss vorweisen kann, der einem deutschen äquivalent ist. Hier geht es im Gegensatz zum Duden-Eintrag weniger um die vorhandenen Kenntnisse als vielmehr um die förmliche Ausbildung und den zugehörigen Abschluss. Wenn man sich rein an die jeweiligen Erklärungen halten würde, so wäre der Fachkräftemangel im BAMF-Verständnis eigentlich ein »Mangel an Personen mit Ausbildungsabschlüssen« und nicht wie im Duden-Verständnis ein Mangel an Personen mit hinreichenden Fachkenntnissen. Beides ist aber nicht das gleiche, denn es gibt viele Menschen, die zwar einen Berufsabschluss, jedoch nur ganz wenige Fachkenntnisse haben und umgekehrt. Das Problem der Unternehmen liegt jedoch eigentlich darin, dass sie eben keine hinreichende Zahl an Mitarbeitern bekommen, die der jeweiligen Aufgabe gewachsen sind und die dazu notwendigen Kenntnisse, Fertigkeiten und Erfahrungen mitbringen. Wichtig ist also die mitgebrachte Kompetenz. Denn nur damit können Mitarbeiter Probleme lösen, Aufgaben bewältigen und Arbeitsergebnisse erzielen. Das reine Vorweisen eines Zertifikates reicht hierzu in der Regel nicht aus.
Bei Fachkräften mit Ausbildung spricht man zunächst einmal, unabhängig davon, ob die Ausbildung gewerblich, kaufmännisch oder handwerklich bzw. im Rahmen eines Hochschulstudiums vollzogen wurde, immer von Fachkraft. Bei genauerer Betrachtung spielt es dann aber doch eine Rolle, welcher Art die Ausbildung war, weil sich eben Inhalte und Niveau unterscheiden, auch wenn beide im selben Fach stattgefunden haben. Wenn ein Unternehmen einen Elektromonteur für die Baustelle braucht, ist ihm mit einem Elektroingenieur nicht unbedingt weitergeholfen. Auch diese Qualität hat der Fachkräftemangel in Deutschland. Das heißt also, dass in den verschiedenen Fachbereichen auch ein Mangel von genügend verfügbaren Mitarbeitern hinsichtlich des jeweiligen Qualifikationsniveaus besteht. Denn in den Unternehmen werden verschiedene Qualifikationsstufen der Fachleute benötigt. Dazu zählen auch die verschiedenen Formen der Weiterbildung von Fachkräften mit Berufsausbildung wie Meister, Techniker oder Fachwirte. Laut des DIHK-Fachkräftereports 2024/25 leiden unter solchen Engpässen oftmals Betriebe aus bestimmten Schlüsselbereichen für Investitionen, Innovationen und technischem Fortschritt.[19] Besonders gefragt, aber häufig kaum zu finden sind dem DIHK-Report zufolge Fachkräfte mit dualer Ausbildung. Dies gelte branchenübergreifend sowohl in kleinen als auch in großen Unternehmen. Das einstige Aushängeschild der deutschen Ausbildung, um das uns lange Zeit viele Staaten der Welt beneidet hatten, bringt offensichtlich nicht erst seit dem digitalen Zeitalter nicht mehr genügend Fachkräfte auf den Arbeitsmarkt. Bereits nach dem Ende der Finanzkrise 2010 ist die Zahl dual ausgebildeter Absolventen stetig zurückgegangen (2010: 553.857 Ausbildungsverträge, 2020: 463.311, 2023: 479.790).[20] Jenseits der beschriebenen Problematik, dass Fachkräfte auf den verschiedenen Ausbildungsniveaus fehlen, also Facharbeiter, Meister oder Ingenieure, wenn man mal auf der technischen Schiene bleibt, kommt erschwerend noch die Tatsache hinzu, dass in Deutschland immer mehr junge Menschen gar keine berufliche Ausbildung haben. Laut einem Bericht hat sich der Anteil der »nicht formal Qualifizierten (nfQ)«, also derjenigen ohne abgeschlossene Berufsausbildung, bei den Erwerbstätigen zwischen 20 und 34 Jahren von knapp 10 Prozent im Jahr 2013 auf 13 Prozent im Jahr 2024 erhöht.[21] Die Quote junger Fachkräfte ist demnach zurückgegangen. Dabei liegt die Arbeitslosenquote bei der Gruppe nfQ bei über 20 Prozent, denn drei Viertel aller offenen Stellen erfordern eine abgeschlossene Ausbildung. Doch auch Arbeitskräfte ohne abgeschlossene Ausbildung haben laut dem erwähnten DIHK-Report durchaus Chancen auf Beschäftigung, vor allem im Bereich von Dienstleistungen wie Reinigung, Sicherheitswirtschaft, Gastronomie oder Verkehr. In der Realität zeigt sich jedoch, dass gerade in diesen Sektoren die Möglichkeiten für ein auskömmliches Einkommen, mit dem man eine Familie ernähren kann, begrenzt sind.
Der Fachkräftemangel ist also Realität. Doch die Fachkräfteproblematik der letzten zehn Jahre hat eine andere Qualität erreicht. Wenn man in den zuvor erwähnten Berichten die Ursachen für den Fachkräftemangel betrachtet, stellt man erstens fest, dass diese zu ähnlichen Ergebnissen kommen, und sich zweitens viele der genannten Punkte über etliche Jahre hinweg in zahlreichen Unternehmen beobachten lassen und sich damit drittens die obige These bestätigt, dass der Fachkräftemangel eben auch das Ergebnis gesellschaftlicher und nicht nur politischer Veränderungen ist. Als bereits lange bekannter Punkt lässt sich hier schnell die demografische Entwicklung nennen. Die Generation der (Baby-)Boomer geht in Rente und es kommen weniger junge Menschen nach, die dafür ins Berufsleben einsteigen. Durch die 2014 geschaffene Möglichkeit des unter bestimmten Bedingungen möglichen Renteneintritts mit 63 Jahren wurde diese Entwicklung (arbeitsmarkt-)politisch noch beschleunigt. Hier kommt die weitere Entwicklung hinzu, dass mehr und mehr Arbeitnehmer, vor allem in größeren Unternehmen, die Möglichkeit der Altersteilzeit nutzen und somit oft bereits mit Anfang 60 aus dem Arbeitsprozess ausscheiden. Die seit vielen Jahren bestehende Forderung nach der – demografisch gebotenen – Rente mit 67 ergibt sich allein schon aus der Kluft zwischen Beitragszahlern und -empfängern. Die durchaus breite Akzeptanz der Altersteilzeit und die vehementen Proteste gegen die vorgeschlagene Abschaffung der Rente mit 63 im Jahr 2024 zeigen, dass Teile der Gesellschaft eben nicht so lange arbeiten möchten.[22] Der daraus resultierende Fachkräftemangel ist also, wie erwähnt, zum Teil auch das Resultat gesellschaftlicher Entwicklungen. Ein weiterer oft genannter Grund für die Schieflage ist der seit vielen Jahren ungebrochene Trend zum Studium anstatt einer Berufsausbildung. So zeigte sich im Jahr 2023, dass sich der Anteil von Hochschulabsolventen unter den 25- bis 64-Jährigen von 15 Prozent im Jahr 2005 über 20 Prozent im Jahr 2014 auf 24 Prozent im Jahr 2022 entwickelt hat.[23] Gleichzeitig ist, wie bereits erwähnt, die Zahl derjenigen ohne berufsqualifizierenden Abschluss gestiegen. Das Bundesinstitut für Berufsbildung BIBB sprach bereits 2013 von der Akademisierung der Berufswelt und konstatierte, dass »die traditionell klare Trennung von beruflicher Ausbildung und Hochschulbildung in Deutschland ihre Selbstverständlichkeit verloren« hat.[24] Verschiedene Umfragen haben gezeigt, dass junge Menschen sich ihren zukünftigen Beruf anders als noch vor 20 Jahren stärker danach aussuchen, was ihnen Spaß macht und worin sie eine sinnvolle Betätigung sehen. Zwar spielen Kriterien wie die Verfügbarkeit von Stellen im gewählten Beruf oder eine ausreichende Vergütung nach wie vor eine Rolle. Jedoch ist deren Bedeutung im Vergleich zu früher geringer geworden. Wählten vor 20 Jahren noch viele einen technischen Beruf oder ein Studium in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik), weil sich dadurch gute Chancen am Arbeitsmarkt ergaben, ist dies inzwischen anders, was eben einer der Gründe für den Mangel in diesen Berufsfeldern ist. Die gesunkene Zahl von Fachkräften mit dualer Berufsausbildung liegt aber nicht nur daran, dass weniger junge Menschen dies attraktiv finden. Vor gut 20 Jahren hatte sich das verfügbare Ausbildungsplatzangebot merklich reduziert. So diagnostizierte der damalige Präsident des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen, Martin Baethge, dass zwischen 2007 und 2015 das Angebot um 13 Prozent zurückgegangen war, die Nachfrage gleichzeitig aber um 20 Prozent.[25] Die damals in allen Betriebsgrößenklassen eindeutig festzustellenden rückläufigen Auszubildenden- und Ausbildungsbetriebsquoten machte sich bereits 2017 in Form der Verknappung der Fachkräfteversorgung in den Unternehmen bemerkbar und dies wirkte sich am stärksten bei den Kleinbetrieben bis 50 Beschäftigte aus. Erst im Jahr 2017 überstieg laut Statistischem Bundesamt die Zahl der angebotenen Berufsausbildungsstellen die Zahl der Bewerber, ein Faktum, das in den Folgejahren bis 2025 angehalten hat.[26] Im Jahr 2023 kamen beispielsweise 422.059 Bewerber auf 545.039 angebotene Ausbildungsplätze – ein Überschuss von 29 Prozent! Auch wenn dieser Überschuss im Jahr 2024 auf gut 20 Prozent zurückgegangen ist, war das für die Suchenden eine sehr komfortable Situation. Doch der Trend zum Studium ist nach wie vor ungebrochen, wenn auch abgeschwächt. Martin Baethge führte bereits 2017 aus, dass der Trend zum Studium politisch nur schwer zu gestalten sei, denn die damals Fahrt aufnehmende Digitalisierung forcierte bereits vor Corona die Tendenz zu steigenden Qualifikationen. Also auch die Anforderungen aus der Wirtschaft haben sich geändert, sodass der Fachkräftemangel neben den genannten politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen eben auch den Veränderungen in der Wirtschaft geschuldet ist. Als Gründe für die Zunahme der Personen ohne Berufsabschluss liefert der IAB-Bericht vom April 2025 im Wesentlichen drei Gründe.[27] Durch Zuwanderung und Migration sind in den letzten zehn Jahren viele Menschen in den Arbeitsmarkt eingetreten, »deren Bildungshintergrund oft nicht in die deutsche Systematik der Ausbildungs- und Berufsabschlüsse passt«. Des Weiteren habe die 2022 erfolgte deutliche Erhöhung des Mindestlohns die Attraktivität von Beschäftigungen im Helferbereich erhöht. Und letztlich müsse es, damit mehr junge Menschen den Weg zu einer formalen Qualifizierung finden, sowohl gezielte niederschwellige Angebote zur Ausbildung geben als auch Berufsschulen und Betriebe müssten im Umgang mit Lernschwächeren befähigt werden.
Jahrzehntelang war »Made in Germany« international als Garant für erstklassige Produkte anerkannt. Im 19. Jahrhundert in Großbritannien als Hinweis auf potenziell minderwertige Ware zum Schutz der Bevölkerung gesetzlich auf den Weg gebracht, bahnte sich der Slogan vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg die Bahn. Auch heute noch als Qualitätssiegel anerkannt, schmücken viele Unternehmen sich und ihre Produkte mit dem Spruch und den oft dazu gehörenden Streifen in schwarz-rot-gold. Um dies tun zu dürfen, gibt die zugehörige »Initiative Made in Germany« über die gesetzlichen Vorgaben hinaus einen Anteil der in Deutschland erbrachten Wertschöpfungskette von 100 Prozent vor.[28] Das Label soll also zeigen, dass das Produkt in Deutschland entwickelt, entworfen, produziert und mit dem entsprechenden Qualitätsmanagement gesichert wurde. In Zeiten der Krise, beispielsweise in den 1990er-Jahren, als sich Asien im Rahmen der Globalisierung zu einer Wirtschaftsmacht entwickelte, oder in der Finanzkrise 2008/09, als es deutsche Produkte wegen der vergleichsweise hohen Preise auf den Weltmärkten besonders schwer hatten, setzten viele Unternehmen in ihrem Marketing besonders auf den Joker »Made in Germany«. Das sollte in diesen schwierigen Zeiten die Käufer davon überzeugen, dass er für den hohen Preis auch wirklich beste Qualität bekommt, die Hersteller anderer Nationen nicht so einfach hinbekommen. So weit, so gut.
In der Tat war die Herkunftsbezeichnung lange Jahre nicht nur ein zusätzliches Marketing-Attribut für die Unternehmen. Die Produkte waren überragend. Doch dieser Effekt hatte sich bis 2023 abgenutzt, vermehrt konnte man in der Presse Sätze lesen wie »Made in Germany ist nicht mehr so gefragt« oder »Export: Made in Germany weniger gefragt«.[29] Das legte sich auch mit den Jahren nicht einfach wieder. Auch im Jahr 2025 sind solche Sätze immer noch in der Fachpresse zu finden. Der Lack vom glänzenden Label »Made in Germany« war plötzlich ab. Denn jenseits der hohen Preise sind die Produkte auch hinsichtlich ihrer technischen Eigenschaften nicht mehr unangefochtene Weltspitze. Man denke aktuell an die Konkurrenz asiatischer E-Fahrzeughersteller. Die Deutschen wurden auch nicht mehr überall als fleißig und arbeitsam angesehen, wie dies lange Zeit der Fall war, vor allem im Ausland. Galt Deutschland früher als Land mit hohen Lohnkosten aber zugleich höchster Arbeitsleistung, Produktivität und Qualität, war auch hier auf einmal der Glanz weg. Nicht nur die Produkte selbst, sondern der gesamte Wirtschaftsstandort war plötzlich keine Weltspitze mehr. »Made in Germany« befindet sich seit Anfang 2023 im Abstieg. »Exportweltmeister im Sinkflug: Die Welt zweifelt zunehmend an ›Made in Germany‹«, so lautete im Sommer 2024 gar die niederschmetternde Überschrift eines Zeitungsartikels.[30] Stimmt das alles denn wirklich? Und wenn ja, wie konnte es dazu kommen?
