Ein Deutscher - Otto Ruppius - E-Book

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Otto Ruppius

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Beschreibung

In "Ein Deutscher" entfaltet Otto Ruppius eine eindrucksvolle Erzählung über Identität und das Streben nach Zugehörigkeit in der sich wandelnden Landschaft der deutschen Gesellschaft. Der literarische Stil zeichnet sich durch eine präzise Sprache und subtile Beobachtungen aus, die das Innenleben der Protagonisten eindrucksvoll einfangen. Eingebettet in den historiografischen Kontext des frühen 20. Jahrhunderts, reflektiert dasWerk die Spannungen und Hoffnungen einer Generation, die zwischen Tradition und Moderne steht. Ruppius gelingt es, mit seiner ergreifenden Prosa die komplexen Fragen nach Nationalität und persönlicher Identität zu beleuchten. Otto Ruppius, ein bedeutender Vertreter der deutschen Literatur, wurde im Kontext der politischen Veränderungen seiner Zeit geprägt. Sein Leben und seine Erfahrungen als Teil einer sich schnell verändernden Gesellschaft beeinflussten maßgeblich seine schriftstellerische Tätigkeit. Mit einem tiefen Verständnis für die sozialen Herausforderungen seiner Epoche gelingt es ihm, die inneren Kämpfe seiner Figuren authentisch darzustellen. Ruppius' Werke reflektieren oft das Spannungsverhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft und erheben die Stimme derer, die zwischen den Stühlen sitzen. "Ein Deutscher" ist eine eindringliche Lektüre für alle, die sich mit Fragen der Identität und des Selbstverständnisses auseinandersetzen möchten. Es fordert die Leser auf, über die eigene Herkunft und den Platz in der Gesellschaft nachzudenken. Ruppius' meisterhafte Narration und die Thematik machen dieses Buch zu einem unverzichtbaren Teil der deutschen Literatur, das auch zukünftige Generationen zum Nachdenken anregen wird.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Otto Ruppius

Ein Deutscher

Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2024
EAN 8596547843160

Inhaltsverzeichnis

Cover
Titelblatt
Text

Ein Deutscher (Die Gartenlaube 1861)

Inhaltsverzeichnis
Roman aus der amerikanischen Gesellschaft.
Von Otto Ruppius.

An der Quarantaine vor New-York lag der Dreimaster Adelheid von Bremen mit 274 Einwanderern. Er war zu spät angekommen, um der Prüfung der Gesundheitsbeamten unterworfen zu werden, und so war jetzt die warme, sternenhelle Nacht über dem Schiffe aufgestiegen. Von den Passagieren schliefen nur wenige. Die Meisten von ihnen hatten beim Anblick der nahen Küste schon Nachmittags eine Generalreinigung mit sich vorgenommen, hatten die Koffer geöffnet und sich in sonntäglichen Staat geworfen, damit sie mit Anstand ihren Fuß an das neue Land setzen könnten; jetzt mochte fast Niemand noch einmal die alten Schlafplätze aufsuchen, und wo ein freier Raum auf dem Verdeck war, lag Gruppe an Gruppe bei einander, die Männer rauchend und die oft ausgesponnenen Pläne und Hoffnungen noch einmal durchsprechend, die Frauen mit ihren Kindern beschäftigt oder mit erhöhtem Interesse der Weisheit der Männer lauschend.

Unweit der beschränkten Kajüte, welche die Wohnung des Capitäns bildete, hatte sich eine kleine Anzahl junger Leute gelagert. „Immer nur laufen lassen, was sich nicht halten läßt,“ sagte eine joviale Stimme, wie in Fortsetzung des stattgefundenen Gesprächs, „es soll mir nicht einfallen, mir schon einen halben Gedanken über das, was dem Menschen hier passiren kann, zu machen; ich sage, wir kommen morgen hier noch einmal zur Welt, und Keiner weiß mehr von dem, was aus ihm werden wird, als das Wickelkind in der Wiege. – Immer laufen lassen, was sich nicht halten läßt, Herr Professor,“ wandte er sich mit erhöhtem Tone und einem launigen Augenzwinkern nach einem jungen Manne, der, etwas abseits auf das Verdeck gestreckt, eine einsame weibliche Gestalt an der Brüstung des Schiffes zu beobachten schien, und unter dem leichten Gelächter der Uebrigen fuhr der Angeredete, wie auf unrechten Wegen ertappt, in die Höhe. „Predigt der Kupferschmied einmal wieder?“ lachte er, als wolle er eine leichte Verlegenheit verbergen.

„Ja wohl, aber immer nur tauben Herzen!“ erwiderte der Andere, „ich denke, wir probiren es jetzt einmal mit dem Singen und lassen unser Lied los; ’s ist gerade eine Nacht, wie dafür gemacht!“

Der abseits Liegende richtete sich auf und warf einen Blick über das Verdeck. „Ich denke selbst, es ist jetzt die rechte Stimmung dafür da, und es muß gut in der Stille klingen,“ sagte er. „Los denn, wir sind ja bei einander!“

Die Umliegenden erhoben sich und formirten einen Halbkreis; der junge Mann gab mit leiser Stimme den Ton, bezeichnete ein paar Taktschläge mit dem Finger, und in kräftigen Accorden begann es nach Mendelsohn’s Weise „wer hat dich du schöner Wald“:

Sei gegrüßt, Amerika, Vaterland, das wir erkoren, Gieb uns, was wir fern verloren, Sei mit deinem Segen nah! Sei gegrüßt, sei gegrüßt, Sei gegrüßt, Amerika!

Schon bei dem Beginne des Quartetts waren die Gespräche unter den übrigen Gruppen verstummt, und in prachtvoller Wirkung zogen die Klänge durch die nächtliche Stille über die schlummernden, unbewegten Wasser; die einsame Mädchengestalt an der Brüstung hatte sich langsam umgewandt und lauschte, den Kopf leicht geneigt, bis die Schluß-Accorde des zweiten Verses verklungen waren; dann wandte sie den Blick nach dem Lande, auf welchem sich aller Orten schimmernde Lichter erkennen ließen, und blieb wieder so unbeweglich, als sie es bis jetzt gewesen.

„Jawohl, gegrüßt wäre es; jetzt wollen wir auf den Dank warten,“ sagte der als „Kupferschmied“ Bezeichnete, als die Sänger auseinandertraten; „ich hole meine Matratze herauf und mache mir es bequem, bis wir das neue Vaterland bei besserem Lichte besehen können.“ Er verschwand, und die Uebrigen, von dem geäußerten Gedanken sichtlich angesprochen, beeilten sich, lachend seinem Beispiele zu folgen. Nur der zuletzt Herbeigetretene nahm langsam seinen frühern Platz wieder ein, wo sich von dem einzelnen Mädchen ein Theil ihres mattbeschienenen feinen Gesichtes beobachten ließ. Wie heute, hatte er sie an manchem Abende der langen Reise, wenn der größte Theil der Passagiere schon schlief, stehen sehen, und es hatte ihm Vergnügen gemacht, aus diesen jugendlichen, bleichen Zügen ganze Geschichten herauszulesen. Sie war die Einzige auf dem Fahrzeug, welche trotz des engen Zusammenlebens in Zwischendeck und „Steerage“ noch heute allen Uebrigen so fremd gegenüberstand, als am Tage der Ausfahrt; sie hatte sich in Bremen einer Familie, welche Steerage-Passage genommen, angeschlossen gehabt; von dieser aber wußte auch Niemand mehr über sie, als daß sie Mathilde Heyer heiße und zu Verwandten gehe, welche irgendwo in New-York wohnen sollten; im Zwischendeck, wo jede Besonderheit sofort ihre Bezeichnung fand, war sie nur als das „gnädige Fräulein“ bekannt; weiter indessen war der Spott nicht gegangen, da selbst auf rohere Gemüther das bleiche schöne Gesicht in seiner Zurückhaltung einen eigenthümlichen Einfluß ausübte. Der jetzige Beobachter hatte, wie alle übrigen jungen Leute, beim Anfang der Reise ein reges Interesse an der ungewöhnlichen Erscheinung genommen, er hatte aber, als er bei Andern jede versuchte Annäherung vereitelt sah, sich fern gehalten und „bewunderte von Weitem, ganz Ritter Toggenburg,“ wie der Kupferschmied sich ausdrückte. Er mußte jetzt unwillkürlich lächeln, als er sich seiner augenblicklichen Stellung inne ward,

Blickte nach der Liebsten drüben, Blickte stundenlang,

und doch konnte er sich nicht helfen, in dieser geheimen Beobachtung einen ganz eigenthümlichen Genuß zu finden.

Da richtete sich das Mädchen aus ihrer gebeugten Stellung auf und warf einen Blick auf ihre Umgebung; bei dem Anblicke des jungen Mannes, welcher allein an die Kajütenwand gelehnt dasaß, schien sie einen Augenblick zu zaudern, that dann aber einige Schritte ihm entgegen. „Herr Reichardt –!“ sagte sie halblaut.

Der Angerufene war im Nu auf seinen Füßen.

„Ich möchte mir eine Frage erlauben,“ sagte sie halblaut nach ihrem früheren Platze zurücktretend. „Wir werden morgen früh in New-York sein, und ich muß einen ziemlich entfernten Theil der Stadt aufsuchen, weiß aber kaum, wie ich meinen Weg dahin werde finden können. Sie sprechen bereits geläufig englisch, wie ich gehört habe –“

„Ich stelle mich mit allen meinen schwachen Kräften vollkommen zu Ihrer Disposition, Fräulein!“ erwiderte er eifrig, und die Nacht verbarg die in seinem Gesichte aufsteigende Röthe.

Ein Gepolter unterbrach das Gespräch. Aus der Luke zum Zwischendeck wälzten die Sänger ihre Matratzen herauf, und mit einem eiligen: „Ich rechne auf Sie!“ fühlte der junge Mann seine Hand gefaßt – nur leicht wie die Lüftchen um sie, nur einen einzigen Moment, aber er meinte die Berührung in allen Nerven zu spüren. Dann war sie wie ein Schatten an der Brüstung hingeglitten und verschwunden.

„Jetzt, ehrenwerther Professor, sprechen wir noch ein Wörtchen,“ sagte der Kupferschmied, zwei Matratzen zu Boden werfend, während die Uebrigen sich an der andern Seite der Kajüte Raum für ihr Lager suchten; „hier habe ich für Ihre Bequemlichkeit mit gesorgt, und nun sagen Sie mir, was Sie morgen nach der Landung zu thun gedenken. Sie sind zwar mit Ihrem blondwallenden Haare und rothen Backen noch etwas sehr jung gegen mich, aber ich habe mir so eine Idee gemacht, daß Sie gerade deßwegen Glück haben müssen in Amerika, und da ich vor der Hand meinem künftigen Schicksale durchaus nichts vorschreiben will, so habe ich beschlossen, mich Ihnen anzuschließen, bis unsere Wege von der unbegreiflichen Macht, die wir nicht kennen und nicht erklären können, von einander geschieden werden.“

„Kupferschmied, Sie fangen wieder an zu predigen!“ unterbrach ihn der Andere, sich behaglich auf die hingeworfene Matratze streckend.

„Ruhig! Des Menschen Bestimmung zeigt sich am ersten, wenn das volle Herz aus ihm spricht – und ich will Ihnen sagen, daß ich Sie lieb habe, Reichardt. Sie sind allerdings Kaufmann und haben noch andere Kunstfertigkeiten, wozu der Kupferschmied schlecht paßt; Sie können aber nicht sagen, was aus mir noch Alles werden kann – immer laufen lassen, was sich nicht halten läßt! Sie wissen ja! – und so sagen Sie mir, ob Sie schon einen bestimmten Plan für Ihr erstes Unterkommen haben, damit ich mich danach richten kann!“

„Wir werden uns jedenfalls in irgend ein Gasthaus werfen müssen, zu der Auswahl ist aber morgen noch Zeit,“ erwiderte der Jüngere gähnend – „aber warten Sie, Meißner,“ unterbrach er sich, „wir wollen im Shakespeare-Hotel zusammentreffen; ich werde erst nach einigen Stunden bei Ihnen sein können – das Warum lassen Sie sich einmal nicht kümmern – und dann mögen wir berathen, was weiter werden soll!“

„Ich glaube wahrhaftig, der Mensch hat schon eine Bestellung in der neuen Welt!“ rief der Kupferschmied kläglich, „ich würde mich kaum wundern und hätte auch nichts dawider – immer laufen lassen, was sich nicht halten läßt! – im Shakespeare-Hotel also, gut, und bis dahin gute Nacht!“ Er legte sich auf die Matratze zurück, und nach Kurzem deutete ein gewichtiges Schnarchen den Ernst an, mit welchem er sich dem Schlafe übergeben.

Reichardt sah noch eine Weile in den sternbesäeten Himmel über sich und grübelte, warum das „gnädige Fräulein“ gerade ihn, der ihr doch die wenigsten Aufmerksamkeiten erwiesen, zu ihrem Begleiter auserwählt, bald aber wurden seine Gedanken verworren und auch über ihn war der Schlummer gekommen, ehe er es nur vermuthete. – –

Am andern Morgen um zehn Uhr lag das Schiff im New-Yorker Hafen, und in buntem Gewühle, an allen Seiten bepackt, strömten die Einwanderer an’s Land. Während der ganzen morgendlichen Fahrt hatte sich Reichardt in der Nähe von Mathilde Heyer gehalten, ohne sich indessen bemerkbar zu machen; er sah, daß das Mädchen noch bleicher war als gewöhnlich, daß oft, wenn sie den Blick nach dem Lande wandte, es wie eine peinliche Spannung durch ihre Züge ging, und erst, als sie während des Durcheinanders der Schiffsbevölkerung von ihren bisherigen Begleitern Abschied nahm und, ihren Koffer fassend, einen suchenden Blick um sich warf, trat er heran, trug ihr Gepäck zu dem seinigen und reichte ihr dann den Arm. „Wir werden jedenfalls einen Wagen in der Nähe finden, der Sie schnell nach irgend einem Stadttheile bringt; natürlich begleite ich Sie!“ sagte er. „Wollen Sie Ihren Koffer gleich mit sich nehmen, so laden wir ihn auf!“

„Lassen Sie Alles vorläufig, bis ich sichere Auskunft erlangt habe!“ erwiderte sie und drückte seinen Arm leise, als wolle sie ihn zur Eile treiben. Reichardt schuf Bahn durch das Gewühl der Menschen; als er aber die Landungsbrücke erreicht hatte, brummte eine Stimme in seine Ohren: „Der Toggenburg ist gegen den Schiller’schen Text – aber nur immer laufen lassen. Drei Stunden werde ich im Shakespeare warten!“

Es hatte unter den landenden Zwischendeck-Passagieren wohl noch selten ein so bemerkenswerthes Paar das Ufer betreten, als Reichardt mit seiner Begleiterin. Beide mochten von gleichem Alter sein; während aber unter seinem Pariser Hute üppiges dunkelblondes Haar hervorquoll und ein Gesicht einsäumte, dessen märchenhafte Frische nur durch ein Paar blitzender, leicht zusammengezogener Augen einen Anstrich männlicher Bestimmtheit erhielt, bildete ihr Kopf in der Blässe des feingeschnittenen, von reichen schwarzen Flechten eingerahmten Gesichtes den lebendigsten Gegensatz. Und während in der Kleidung des jungen Mannes trotz ihrer Eleganz eine Art künstlerischer Nonchalance vorherrschte, zeichnete das einfache Kleid des Mädchens jede Linie des schlanken Oberkörpers ab, lag es über ihrer ganzen Toilette wie ein Duft von Ordnung und Sauberkeit.

Beide hatten die Reihe der wartenden Miethkutschen erreicht, und Mathilde zog einen Zettel, bezeichnet mit einem Namen und einer Straßennummer hervor. Reichardt versuchte unter den herandrängenden Kutschern sein Englisch, und bald befanden sich Beide in einem der geschlossenen Wagen, der angegebenen Richtung zurollend.

Das Mädchen saß, gerade aufgerichtet, mit einem Blick voll so viel Spannung auf ihrem Platze, daß es Reichardt für zudringlich hielt, jetzt ein Gespräch mir ihr zu beginnen; bald indessen schien sie selbst sich ihres Sichgehenlassens bewußt zu werden. Sie wandte den Kopf und lächelte ihrem Begleiter zu, während sich, alle ihre Züge verklärend, ein leises Roth über ihr Gesicht verbreitete.

„Ich habe mich noch nicht einmal entschuldigt, daß ich Sie so ohne Weiteres Ihren eigenen Angelegenheiten entreiße,“ begann sie, und durch Reichardt’s Kopf schoß es, welche wunderschöne Stimme in des Mädchens Kehle stecken müsse, die schon in den gesprochenen Worten ihm wie Musik in die Ohren klang, „ich bin aber in einer so eigenthümlichen Lage, daß ich selbst die allernächsten Dinge vergessen könnte –“

„Thun Sie sich in keiner Weise Zwang an, Fräulein,“ erwiderte er, „ich habe nichts zu versäumen und wäre glücklich, acht Tage lang zu Ihren Diensten zu sein. Haben Sie sich über irgend etwas auszusprechen?“ fuhr er mit einem Anfluge von Verlegenheit fort, „– ich bin freilich der Unbedeutendste von Ihren bisherigen Bekannten auf dem Schiffe –“

Ein leichtforschender Blick traf das Auge des Sprechenden, dann aber blitzte ein so eigenthümlich neckisches Lächeln in ihrem Gesichte auf, daß sich plötzlich der ganze Charakter desselben verwandelt zu haben schien. „Halten Sie sich wirklich selbst für so unbedeutend?“ fragte sie; schon im nächsten Augenblicke aber trat der frühere, sorgenvolle Zug wieder zwischen ihre Augen, und sie streckte dem jungen Manne die kleine behandschuhte Hand entgegen. „Ich danke Ihnen von Herzen – ich möchte Ihnen allerdings ein paar Worte sagen, die ich zu Keinem von den Andern hätte äußern mögen; that doch Jeder, als habe er nur die Aufgabe, genau zu ergründen, was ich sei und habe, oder als komme ich ihm gerade recht zur Vertreibung seiner Langeweile.“ –

„Ich glaube, Sie sind nicht ganz gerecht, Fräulein Mathilde,“ erwiderte der junge Mann lächelnd. „Mochte auch die Neugierde ihr Theil zu thun haben, so war doch Ihre ganze Erscheinung so abstechend von den Uebrigen, und – ich will jetzt nicht anfangen Schönheiten zu sagen –“

Sie hatte während des Sprechens den Handschuh von ihren Fingern gezupft. „Nein, um Gotteswillen nicht, wenn ich weiter zu Ihnen reden soll; lassen Sie mir den Glauben, daß Sie nicht sind, wie die Andern,“ unterbrach sie ihn und streckte ihm von Neuem die Hand entgegen. Reichardt sah in ein Auge, das im vollen, bittenden Vertrauen ihn anblickte, er fühlte den Druck dieser weichen, zierlichen Finger und hätte in diesem Augenblicke auch das halb Unmögliche zugesagt.

„Sprechen Sie, Fräulein, sprechen Sie und denken Sie, daß Sie neben einem Bruder säßen,“ sagte er, und in seinem Händedrucke, wie in seinem Tone sprach sich Alles aus, was er nur hätte sagen mögen.

„Es ist mit einigen Worten gethan, Sie mußten es zum Verständniß unserer vielleicht längern Fahrt wissen,“ erwiderte sie. „Ich habe in New-York nur einen einzigen Anhalt, einen Bruder meiner Mutter – ob er aber noch da ist, wohin mich die Adresse, die schon einige Zeit alt ist, weist, ist eine Frage, die mich während der ganzen langen Reise gepeinigt hat – und doch habe ich diese auf jede Gefahr hin antreten müssen. Finde ich ihn nicht sogleich, so muß ich weiter suchen, und Gott gebe dann nur, daß ich schnell den rechten Weg finde.“

„Und weiß er nicht, daß Sie kommen werden?“ fragte ihr Begleiter, „haben Sie ihm nicht vorher geschrieben?“

„Ich habe geschrieben, einmal vor vier Monaten, aber ohne Antwort zu erhalten, und das zweite Mal bei meiner Abreise!“ erwiderte sie, die Augen nach ihm aufschlagend, als wolle sie Hoffnung oder Furcht aus seinen Mienen schöpfen.

Reichardt nahm seinen Hut ab und fuhr mit den Fingern durch das reiche Haar. „Wir werden ja sehen – Briefe gehen eher verloren als Menschen,“ sagte er. „Jedenfalls aber,“ setzte er mit einem hellen Blicke hinzu, „rechnen Sie auf mich, Fräulein, soweit Sie nur von meinen Kräften Gebrauch machen wollen.“

„Ich danke Ihnen!“ versetzte sie mit einem tiefen Athemzuge, wandte dann aber, als wolle sie seinem Blicke ausweichen, das Auge nach der belebten Straße.

Nur einige Minuten noch waren sie schweigend weiter gefahren, als der Wagen hielt, der Kutscher vom Bock sprang und den Schlag öffnete. „Dies ist der Platz!“ sagte er nach einem Hause zeigend, dessen Thür auf schwarzlackirtem Blech die Worte „Private Boarding“ zeigte. Reichardt sprang auf die Straße, hob seine Begleiterin aus dem Wagen und gebot dem Kutscher zu warten. Als er die Klingel zog, fühlte er den Arm des Mädchens in dem seinen zittern.

„Wohnt ein Mr. Jung hier im Hause?“ fragte er, sein Englisch bestens aufstutzend, das Dienstmädchen, welches die Thür öffnete. Die Befragte überflog erst das Aeußere des Paares und sagte dann, sie wisse es nicht, sie wolle Mistreß fragen, Beide möchten so lange in den Parlour treten.

Es dauerte eine kurze Weile, in welcher Mathilde, ohne sich niederzusetzen, die Augen starr auf die offene Thür gerichtet hielt, bis die Gerufene erschien und Reichardt seine Frage wiederholen konnte. Die Hauseigenthümerin schien nachzudenken. „Mr. Jung,“ begann sie endlich langsam, während des Mädchens Augen jedes Wort aus ihrem Munde, von dem sie doch keins verstand, aufzufangen schien, „das war der deutsche Gentleman, ich besinne mich; er bekam, wohl sechs Monate zurück, die Pocken, wurde in’s Hospital geschafft und starb dort.“

Reichardt fühlte bei der kurzen, gleichgültig gegebenen Nachricht selbst wie eine Art Stich im Herzen, und er mußte seine ganze Herrschaft über sich wach rufen, um dem Mädchen, welches in Erwartung der deutschen Übersetzung den Blick nach ihm gewandt, nicht die Wahrheit auf einmal zu verrathen. „Hier ist er nicht mehr, kommen Sie, Fräulein, wir sprechen im Wagen weiter!“ sagte er; aber in diesem Augenblick sah er, wie eine tiefe Blässe ihr Gesicht überlief und fühlte ihre Hand an seinem Arme, als wolle sie sich daran festhalten. „Sagen Sie mir gleich Alles,“ sprach sie in sichtlicher Anstrengung, ihre Schwäche zu überwinden, „es ist besser für mich, glauben Sie mir!“

„Sie geben der jungen Dame wohl ein Glas kaltes Wasser!“ wandte sich Reichardt besorgt nach der Wirthin. „Sie ist die nächste Verwandte des Mr. Jung, und eben erst von Europa angelangt, um ihn hier zu finden!“ und als die Angeredete mit einem bedauernden Kopfschütteln davon geeilt war, führte er das Mädchen nach dem Sopha. „Fassen Sie sich, Fräulein Mathilde,“ sagte er, ihre beiden Hände ergreifend, „denken Sie, daß Sie einen Bruder in mir haben sollen, wenn Sie ihn nur annehmen, der alle seine Kräfte für Sie bereit hat.“

„Sagen Sie mir nur das Eine – ist er todt?“

„Er ist todt, bereits seit sechs Monaten!“

Sie sah eine kurze Weile, ohne zu sprechen, vor sich hin und erhob sich dann, trank das ihr entgegengebrachte Wasser und schritt mit einem leichten Gruße, dem jungen Mann voran, zur Thür hinaus; als der letztere indessen den Wagenschlag öffnete, um ihr in den innern Raum zu helfen, blieb sie stehen und fragte mit einem rathlosen Blicke: „Wohin aber nun?“

„Das findet sich, jetzt kommen Sie nur!“ erwiderte er, rief dem Kutscher zu, nach dem Hafen zu fahren, wo sie eingestiegen, und bald saßen sich Beide wieder einander gegenüber. „Sie sagen, Fräulein, es war Ihr einziger Anhalt, welchen Sie in Amerika hatten?“ begann er in ihr ängstlich erwartendes Gesicht blickend.

„Ich habe Niemanden weiter – auch des Onkels, den ich hier suchte, erinnere ich mich nur aus meinen Kinderjahren; aber ich weiß, daß ich eine so sichere Stütze an ihm gehabt hätte, als ich jetzt rath- und hülflos in der fremden Stadt stehe.“

Reichardt sah eine Secunde lang vor sich nieder. „Ich habe keinen Begriff von den Ansprüchen, welche Sie hier an das Leben machen –“ sagte er langsam wieder aufblickend.

„Ansprüche?“ erwiderte sie wie verwundert, „ich will jetzt gern für den Unterhalt meines Lebens arbeiten, wenn ich nur dafür Gelegenheit und den nöthigen Schutz finde – das ist Alles –“

„Gut, Fräulein, so sind Sie um kein Haar schlimmer daran als ich selbst, und ich sehe nirgends eine Ursache zu Sorge und Bangigkeit,“ erwiderte er, sich gerade aufsetzend. „Ich habe Ihnen gesagt, daß ich Ihr Bruder sein werde; wollen Sie mich dazu annehmen, so nehmen Sie mein ehrliches Wort, daß ich Ihr Vertrauen rechtfertigen werde, geben Sie mir Ihre Hand und lassen Sie unsere Schicksale zusammenwerfen. Geschwisterpaare, die hier ankommen, sind etwas Gewöhnliches und Niemand wird ein Arg hegen – nehmen Sie meinen Vorschlag wenigstens so lange an,“ setzte er hinzu, als er ein hohes Roth in des Mädchens Gesicht treten und eine eigenthümliche Befangenheit sich über ihre Züge verbreiten sah, die ihn fast selbst aus seiner Sicherheit brachte, „bis irgend eine Gelegenheit Ihnen einen bessern Schutz verschafft – es muß ja nun einmal jedes Verhältniß der Welt gegenüber einen Namen haben –“ in Mathildens Gesicht begann aber schon ein hellaufsteigendes Lächeln jeden andern Ausdruck zu verdrängen, ihr Auge glänzte auf, und wie einen Entschluß in sich zu Ende bringend, legte sie langsam ihre Hand in die Reichardt’s. „Es ist gut, ich will Ihre Schwester sein,“ sagte sie mit dem vollen Klange ihrer tiefen, wohlklingenden Stimme, „ich breche mit Allem, was hinter mir liegt, und bilde mir meine eigene Zukunft – ich werde Ihnen nicht zur Last fallen, sobald ich nur im Stande sein werde, einen freien Blick über dies Meer von Häusern und Menschen zu gewinnen –“

„Zur Last oder nicht – Alles gemeinschaftlich und gegenseitig,“ erwiderte der junge Mann, ihre Hand festhaltend, „zuvörderst habe ich selbst noch keine Beschäftigung; für einige Zeit ist indessen gesorgt, und dann getheiltes Glück oder getheiltes Leid, wie das Schicksal will. Aber etwas Anderes!“ fuhr er angeregt fort, „wenn wir auch Stiefgeschwister mit verschiedenen Namen sind, muß doch das geschwisterliche Du zwischen uns herrschen, und der nöthigen Uebung halber sollten wir wohl gleich damit beginnen!“

Wieder wollte das frühere Roth in ihrem Gesichte aufsteigen, wurde aber im Entstehen von ihr bemeistert. „Nennen Sie mir Ihren vollen Namen!“ sagte sie ruhig.

„Max Reichardt.“

„Gut, Max, nun sei mein rechtschaffener Bruder!“

„Du sollst mit ihm zufrieden sein, Mathilde!“

Zwei Secunden noch hingen die Augen Beider wie unbewußt in einander, dann zog sie leise ihre Hand aus der seinen und wandte den Blick nach der Straße hinaus.

Sie waren schweigend weiter gefahren, der junge Mann mit den Gedanken an das, was jetzt die nächste Zukunft nöthig machte, beschäftigt, bis der Wagen wieder am Hafendamme hielt. Reichardt bedeutete das sich erhebende Mädchen ihren Platz zu behalten und sprang allein in’s Freie. Ein rascher Blick durch den Wald von Masten zeigte ihm die Adelheid mit ihrer kleinen aufgesetzten Kajüte, und befriedigt wandte er sich an den Kutscher, zuerst den bedungenen Preis bezahlend und sich dann nach einem anständigen deutschen Boardinghause im Innern der Stadt, in welchem er mit seiner Schwester eine Zeitlang wohnen könne, erkundigend. Trotz allen Nachdenkens hatte er keinen andern Weg entdecken können, um für das Mädchen schnell ein Unterkommen zu finden und zugleich den übrigen mit ihnen angelangten Einwanderern aus dem Auge zu kommen. Bediente sie der Zufall schlecht, so war es am nächsten Tage noch immer Zeit, sich nach etwas Besserem umzusehen. Indessen versprach der Kutscher, sie nach einem Hause, das ihnen zusagen werde, zu bringen; die Koffer Beider waren schnell an’s Land geschafft und äußerlich auf dem Fuhrwerk placirt, während Reichardt einen fein polirten Violinkasten sorgfältig auf den Vordersitz in das Innere stellte, und bald rollte das Paar wieder in die Stadt hinein.

„Weißt Du wohl, Bruder Max,“ begann Mathilde mit einem hellen Lächeln zu dem jungen Manne aufsehend, „daß es meine liebsten Stunden auf dem Schiffe waren, wenn Du Abends Deine Geige herausholtest und zu phantasiren begannst? Da ist ein Lied von Proch: „Ziehn die lieben goldnen Sterne“, das sich ganz wunderbar schön in der Durcharbeitung machte, und ich habe oft das Thema secundirt, natürlich nur zwischen den Lippen – ich meinte erst, Du müßtest Musiker sein, bis es später hieß, Du wärst Kaufmann –“

„Und das schien Dir sich nicht mit einander zu vertragen? hat auch anderen Leuten schon so geschienen!“ lachte Reichardt auf, „ich glaube, die Violine trägt eine Hauptschuld, daß ich mich über das große Wasser gemacht habe, um einmal hier mein Glück zu versuchen. Wenn es mir auch nicht einfällt, meinem eigentlichen Berufe untreu zu werden, so ist man doch wenigstens außerhalb des Geschäfts sein freier Herr und kann so viel Musik und andere Alfanzereien, wie mein guter Prinzipal meine Studien titulirte, treiben, als man will. Brod ist vor der Hand natürlich die Hauptsache, aber ich denke, es soll nicht lange fehlen; ich bin doch in meinem Geschäfte gewiß ebenso taktfest als in dem, was ich zum Vergnügen treibe!“

Ueber Mathildens Gesicht ging es bei den letzten Worten ihres Begleiters wie eine trübe Wolke; sie wandte das Gesicht der Straße zu, und auch Reichardt’s Aufmerksamkeit wurde durch das niegesehene Treiben von Fuhrwerken und Menschen, wie es den Geschäftstheil der großen Stadt bezeichnet, in Anspruch genommen.

Vor einem leidlich anständig aussehenden Hause hielt endlich der Wagen, und der Kutscher lud ohne Weiteres das Gepäck ab. Ein warmer Speisegeruch empfing die Ankommenden beim Eintreten und vor ihnen öffnete sich ein großes, von vieler Benutzung zeugendes Zimmer, in dessen Hintergrunde sich ein abgebrauchtes Billard und ein mit Gläsern besetzter Schenktisch zeigten. Was den jungen Mann indessen mit dem ersten unangenehmen Eindrucke aussöhnte, war eine junge, knappe Frau, welche ihnen mit freundlichem Gesicht entgegentrat, und ein Piano, unweit des Fensters. Seine Fragen über ein passendes Logis waren bald zur Zufriedenheit beantwortet; für die „Schwester“ gab es ein hübsches Zimmer dicht neben der Schlafstube der Wirthsleute, Reichardt aber fand sein Unterkommen eine Treppe höher, und als nach Besichtigung der Räumlichkeiten ihm Mathilde bejahend zunickte, übergab er das Mädchen und das gemeinschaftliche Gepäck der Wirthin zur besten Fürsorge, ließ sich Straße und Nummer der neuen Heimath bezeichnen und machte sich dann nach dem Shakespeare-Hotel auf den Weg.

„Das ist mir ein sauberer Anfang für die amerikanische Cameradschaft,“ rief ihm der Kupferschmied entgegen, als er nach manchem Irregehen und Wiederzurechtfragen endlich am rechten Orte in das allgemeine Gastzimmer trat; „jetzt hierher, es giebt ganz erträgliches Bier, was mich schon einigermaßen über die Zukunft tröstet, und nun ordentlich mit der Sprache heraus – wenn sich das nämlich thun läßt, sonst mag meinetwegen laufen, was sich nicht halten läßt!“

Reichardt ließ sich nach einem unbesetzten Tische führen, erfrischte sich und sah dann lächelnd in das gespannte Gesicht des Andern. „Haben Sie schon ein festes Logis, Meißner?“ fragte er.

„Sie wissen doch, daß ich seit drei Stunden hier auf Sie warte?“

„Gut, so kommen Sie nach dem obern Theile der Stadt; ich weiß dort etwas Passendes – ich wohne schon dort mit meiner Schwester.“

Der Kupferschmied sah ihn eine Weile mit weit aufgerissenen Augen an und ließ dann einen leisen, langen Pfiff hören. „Mit der Schwester – so?“ sagte er endlich; „ich will Ihnen sagen, Professor, jetzt gebe ich den Glauben an die Menschheit auf und nenne mich selber einen Esel!“

Reichardt faßte halb lachend, halb ärgerlich seinen Arm. „Denken Sie denn, ich käm’ zu Ihnen, wenn in der Sache Schlimmeres wäre, als der ersten Klatscherei unter den Uebrigen aus dem Wege zu gehen? Ihnen sage ich’s, weil Sie eine treue Haut sind, Meißner, und wir möglichst lange bei einander zu bleiben gedachten.“ Er begann in kurzen Umrissen den Sachverlauf seit seiner Bestellung am Abend zuvor zu erzählen und die verlassene Stellung der Verwaisten, die von selbst seine Unterstützung beansprucht, darzulegen.

„Sagen Sie mir nur,“ frug der Andere, das Kinn in die Hand stützend, „sind Sie in das Mädchen verliebt?“

Reichardt sah zwei Secunden wie nachdenkend vor sich hin. „Verliebt nicht, Meißner, auf mein Wort nicht,“ erwiderte er dann, „ich hatte vom Anfange ein lebendiges Interesse an ihr genommen, weil sie etwas so Besonderes war; das ist aber auch jetzt noch Alles!“

„Gut, so ist sie verliebt in Sie – glauben Sie mir! und ich möchte Sie doch fragen, was am Ende daraus werden soll. Haben Sie denn noch nicht an die schwachen Stunden gedacht, die bei einer solchen Bruder- und Schwester-Geschichte ganz von selber kommen werden? Laufen lassen, was sich nicht halten läßt, nicht wahr? Es möchte Ihnen freilich für den Anfang schmecken; aber was denn dann? Heirathen in Ihren jungen Jahren und sich aus purer Menschenliebe die ganze Zukunft verderben?“

Reichardt schüttelte den Kopf; „’s ist keine Gefahr von der Seite, Meißner,“ erwiderte er; „wenn ich auch einmal schwärme, so bin ich doch im nähern Umgang mit Frauen mehr als kalt, und ich kann Ihnen sagen, daß ich, trotz meiner zwanzig Jahre und trotz mancher gebotenen Gelegenheit, es noch nicht zu einem einzigen wirklichen Liebesverhältniß habe bringen können.“

„Auch gut, wenn Sie das auch einem Andern nicht erzählen dürften!“ brummte der Kupferschmied, „ich will’s Ihnen glauben, und um so eher kann ich Sie fragen: Haben Sie denn schon an den Lebensunterhalt über die nächsten paar Wochen hinaus gedacht? Sie selber haben mir einmal gesagt, daß bei Ihnen das Geld eben so wenig dick sitze, als bei mir, und daß Ihre Empfehlungsbriefe Ihr Haupthalt seien - wissen Sie denn, ob sie etwas hat und ob sie irgend eine Arbeit versteht, die hier zu Lande sich bezahlt? Ich habe in beiden Punkten meine leisen Zweifel; sie war auf dem Schiffe so wenig verproviantirt, daß ich eigentlich kaum weiß, wie sie hat durchkommen können – und wenn die andern Frauenzimmer die faule Zeit benutzten, um zu stricken oder sonst für sich etwas zu arbeiten, war sie immer das „gnädige Fräulein“, das spazieren ging oder die Sterne bei hellem Tage suchte – wollen Sie sich denn aus purer Gutmüthigkeit eine Last auf den Hals laden, der Sie, wenn Sie nicht sehr viel Glück haben, kaum gewachsen sein können?“

„Werden das Alles sehen, Meißner; heute wenigstens will ich mir noch keine Sorge darüber machen!“ erwiderte Reichardt, seine Haare zurückstreichend, „jetzt ist nur die Frage: wollen Sie mit mir zusammenwohnen, bis jedes seinen rechten Weg gefunden hat?“

„Soll mich der Himmel bewahren, ich bin kein Mensch für Frauenzimmer und würde der Gnädigen meine Meinung gleich ganz grob heraussagen!“ erwiderte der Kupferschmied in sichtlichem Aerger; „man geht nicht nach Amerika, ohne daß man nur weiß, was dort anfangen, und hängt sich endlich an den ersten hübschen, jungen Menschen –“

Reichardt griff nach seinem Hute und erhob sich. „Lassen Sie das Schimpfen!“ sagte er, „ich hatte Sie für einen andern Menschen genommen, als der Sie sind, Meißner, und es ist nichts weiter nothwendig, als daß wir uns Adieu sagen –“

„Sein Sie meinetwegen böse, ich kann mir nicht helfen!“ unterbrach ihn der Andere, „ich muß mich ärgern, daß mir das Frauenzimmer meine erste Freude im neuen Lande verdirbt. Leben Sie wohl, Professor, denn zu rathen ist Ihnen doch nicht; glauben Sie aber, daß mir die Stunden immer die liebste Erinnerung sein werden, in denen Sie uns auf dem Schiffe die Quartetten einpaukten!“ Er hatte sich erhoben, faßte mit einem lebhaften Drucke Reichardt’s Hand und wandte sich dann dem Hintergrunde des langen Raumes zu, unter den übrigen Gästen verschwindend.

Reichardt hatte ihm mit einem Kopfschütteln nachgesehen und wandte sich dann langsam dem Ausgange zu. Er war sich vollkommen klar, daß der Kupferschmied für die Dauer keine Gesellschaft für ihn gewesen wäre, demohngeachtet that ihm der rasche Abschied fast leid, und je weiter er den Weg nach seiner neuen Wohnung verfolgte, je mehr wollten einzelne Aeußerungen des Reisegefährten einen Schein von absoluter Vernunft annehmen. Seine Baarschaft war auf kaum mehr als zwei Monate Unterhalt berechnet und von Mathildens Verhältnissen kannte er durchaus nichts – demohngeachtet, wenn er sich ihre ganze Haltung zurück rief, erschien es ihm unmöglich, daß sie sich einzig auf seine Sorge für ihren vorläufigen Unterhalt verlassen haben konnte; und je mehr er sich des Mädchens ganzes Wesen vergegenwärtigte, je mehr empfand er auch wieder den Zauber, den sie während der langen Reise auf ihn ausgeübt, und des Kupferschmieds Voraussetzungen begannen sich in wahre Lästerungen zu verwandeln.

Ein Bratenduft, der aus einer der unterirdischen Restaurationen herausdrang, erinnerte ihn endlich, daß er seit dem letzten Schiffsfrühstücke noch nichts genossen habe, und was noch von der Begegnung mit dem Kupferschmied Störendes in ihm zurückgeblieben war, ging in der ersten kräftigen Mahlzeit nach den langen Entbehrungen der Seereise unter.

Als er sein Boardinghaus wieder erreicht, sandte ihn die Wirthin nach dem Zimmer der „Schwester“, die längst auf ihn warte, und den Eintretenden empfing dort bereits der süße Duft, welcher mit jeder eleganten Frau in ihre Wohnung einzuziehen scheint. Mathilde, welche die Straße beobachtet zu haben schien, eilte mit einem klaren Lächeln auf ihn zu und führte ihn nach dem zweiten Stuhl am Fenster. Ihr Gesicht hatte an Frische und Lebendigkeit gewonnen, ihr Auge leuchtete ihm in einem ungewohnten Glanze entgegen, und Reichardt meinte erst jetzt den Reiz, der in ihrer Erscheinung lag, ganz zu empfinden.

„Ich denke, wir sind hier recht gut angekommen,“ begann sie, „wenigstens scheint mir die Wirthin eine so gutmüthige Seele, daß sie Alles thun wird, um mir die Wege für eine künftige Existenz zu zeigen – und jetzt, Bruder Max, wollen wir gleich miteinander voll in’s Klare kommen. Du wirst mich nicht fragen: woher kommst Du, und was bist Du gewesen? Ich habe seit heute Morgen abgeschlossen mit der Vergangenheit und bin nichts als Deine Schwester!“ Sie reichte ihm die Hand, zog sie aber mit einem Lächeln voll leichten Erröthens zurück, als Reichardt fest seine beiden Hände darum schloß. „Brod, sagtest Du, ist vor Allem die Hauptsache,“ fuhr sie fort, „und ich will gleich gestehen, daß mich damals über die Frage, wie es zu erwerben, eine Art Bangigkeit überlaufen hat – ich will arbeiten mit allen Kräften, ich verstehe Mancherlei; aber ich weiß, daß ich bei Beschäftigungen, die aus dem Menschen eine halbe Maschine machen, zu Grunde gehen würde. Ich habe nie mit der Nadel in der Hand auf dem Stuhle aushalten können – es mag das schlimm scheinen in einer Lage, wie meine jetzige, aber ich denke, ich werde darüber hinauskommen. Ich verstehe französisch, ich habe als vorzügliche Vorleserin gegolten, ich habe eine Schulausbildung, die mich wohl zu einer Lehrerin befähigt – wir werden ja sehen, heute will ich mir den Kopf noch nicht damit schwer machen. Es ist, seit ich mir bewußt geworden bin, von keinen Banden beengt in dem großen freien Lande zu stehen, mein eigenes Schicksal ganz in meiner Hand zu haben, ein Hochgefühl über mich gekommen, das ich mir wenigstens den ersten Tag nicht verderben will. – Aber hier eine noch größere Hauptsache,“ fuhr sie aufspringend fort und nach einigen Goldstücken auf der Kommode greifend, „hier ist mein Kostgeld für die ersten vier Wochen, damit sind diese Sachen erledigt – und nun, Bruder Max, dort ist die Violine, die ich habe hersetzen lassen; jetzt noch einmal zum Abschied von Allem, was hinter uns liegt: „Zieh’n die lieben gold’nen Sterne,“ ich möchte mich gern ein einziges Mal dabei so gehen lassen, wie es mir schon lange im Herzen liegt und ich es auf dem Schiffe nicht durfte.“

Für Reichardt war es fast, als sei eine graue Nebelhülle, welche bisher über dem Mädchen gehangen, von ihr gefallen; er gab sich dem Eindrucke, welchen die eigenthümliche Veränderung ihres ganzen Wesens auf ihn machte, hin, ohne lange nach dem Grunde derselben zu forschen, legte das ihm in die Hand gedrückte Geld bei Seite und nahm die Geige aus dem Kasten. Hätte ihn Mathilde nicht dazu aufgefordert, so hätte er es, unter dem Eindrucke seiner augenblicklichen Empfindungen, wahrscheinlich freiwillig in seinem Zimmer gethan. Er begann in der rechten Stimmung die in großartigem Style gehaltene Einleitung; als er aber jetzt in das einfache, reizende Thema überging, erhob sich mit diesem die Stimme des Mädchens als Begleitung, anfänglich wie ein leiser Hall aus der Ferne in wunderbar süßem Klange, bald aber mit jeder Strophe an sonorer Fülle gewinnend und der Vortragsweise in allen Schattirungen sich anschmiegend, als hätten Beide schon wochenlang die Melodie zusammen studirt. Reichardt’s Auge begann mit jedem Takte mehr aufzuglänzen, und wie in lebhafter Spannung begann er jetzt die Durcharbeitung; Mathilde aber schien fast nur darauf gewartet zu haben und nahm jetzt das Thema in Tönen so klar wie Silber auf:

Zieh’n die lieben gold’nen Sterne Auf am Himmelsrand, Denk ich dein in weiter Ferne, Theures Heimathsland.

Wie zwei Lerchen schwangen sich die Töne der Geige und der Stimme nebeneinander auf, einander durchkreuzend, sich fliehend und wieder findend; Reichardt’s Wangen brannten und Mathildens Augen strahlten wie in lichter Verklärung. Als aber im Echo des Schlusses die Stimme wieder zur Begleitung übergegangen und die Klänge leiser und leiser wie in weiter Ferne verhallt waren, als Reichardt, Blick in Blick mit dem Mädchen, sein Instrument sinken ließ, da trat sie langsam auf ihn zu und legte wie in voller Selbstvergessenheit ihre beiden Hände fest an seine Arme. „War es nicht schön?“ sagte sie mit einem Blicke des Glücks, „und geht wohl etwas im Leben über die Kunst?“

Beide wurden aus ihren Empfindungen durch ein Rasseln an der Thür geschreckt, und Mathilde that, wie jetzt erst sich ihrer Stellung bewußt werdend, zwei rasche Schritte zurück.

„Ach was, das sind auch Musiker, da braucht’s nicht die vielen Umstände!“ klang es durch den geöffneten Eingang, in welchem sich jetzt neben der Wirthin eine kleine ältliche Männergestalt mit zwei runden Brillengläsern auf der weit hervorspringenden Nase zeigte und, wie etwas betroffen von der Erscheinung des Paares, abwechselnd den Kopf nach dem jungen Mädchen und dem jungen Manne drehte. „Sind doch Musiker, nicht wahr?“ sagte er endlich, an den letzteren herantretend.

„Nicht ganz, lieber Herr!“ erwiderte dieser, welchen die formlose Unterbrechung unangenehm berührt hatte, „ich gehöre zum Kaufmannsstande, wenn Sie es durchaus wissen müssen, und das hier ist meine Schwester.“

„Kaufmannsstand – sind doch erst von Deutschland gekommen und werden also wohl eine Stelle suchen wollen – Kaufmannsstand bei so einem Striche auf der Geige!“ schüttelte der Alte den Kopf, ohne anscheinend Reichardt’s verdrießliche Miene zu bemerken. „Wegen der Lady habe ich freilich nichts zu sagen; Sie wissen aber wohl noch nicht, wie lange Sie hier laufen können, ehe Sie einmal einen Platz mit ein paar Dollars bekommen? Jedes Schiff bringt deutsche Handlungs-Commis, sie müssen aber fast Alle zu einem andern Geschäfte greifen, und die Klügsten thun es, ehe ihr Geld aufgezehrt wird. Wenn Sie gescheidt sind, so nehmen Sie gleich jetzt mit, wo Sie einen Verdienst finden. Ich habe viele Tanz-Parties zu spielen – nur in reichen Familien, verstehen Sie – und wenn Sie mit mir gehen wollen, so haben Sie für jeden Abend einen Dollar. Wir sind auch jetzt dran, ein ordentliches Corps für Blasmusik zusammenzubringen; das Althorn können Sie geschwind lernen, und bis dahin schlagen Sie beim Ausrücken die Trommel –“

„Ich denke, nicht, lieber Mann!“ unterbrach ihn Reichardt, dessen Unmuth sich vor der sonderbaren Weise des Sprechenden in einen halben Humor verwandelt hatte; um Mathildens Mund aber hatte es bei dem Trommel-Anerbieten zu zucken begonnen, als halte sie nur mühsam ein lautes Lachen zurück.

Der „Musiker“ warf einen neuen Blick in die Gesichter des jungen Paars und zuckte dann mit den Achseln. „’s ist kein Geschäft zu verachten in Amerika, das Geld einbringt; werden’s vielleicht auch erst noch ausfinden müssen wie Andere,“ sagte er, die Nase hebend, „im Uebrigen will ich nichts Böses gesagt haben!“ Er nickte mit dem Kopfe und wandte sich wieder zurück, von der Wirthin gefolgt, deren Gesicht die heitere Laune ihrer jungen Gäste widerzuspiegeln schien.

„Jedenfalls doch eine Aussicht!“ rief Reichardt launig, die Violine wieder in den Kasten bergend, „wollen’s als ein gutes Zeichen nehmen, das uns der erste Tag sogleich entgegenbringt!“

„Mir hat der Mensch, trotz seiner Tollheit, die ganze schöne Stimmung verscheucht,“ erwiderte Mathilde, ohne doch das hervorbrechende Lachen unterdrücken zu können; „er kam mir fast mit seiner langen Nase wie ein Rabe vor, der seine Unglücksprophezeiungen in unsere Freude hineinkrächzen mußte – aber mag’s drum sein, ich habe mir vorgenommen, mich heute nicht zu kümmern! – Laß Dich jetzt in Deiner Bequemlichkeit nicht weiter aufhalten, Bruder Max,“ fuhr sie fort, die zur Seite geschobenen Goldstücke auf seinen Kasten legend, „wie wir es uns überhaupt zur Regel machen wollen, uns niemals gegenseitig zu geniren!“ Sie reichte ihm mit offenem Blicke die Hand, und Reichardt verließ das Zimmer, um nach der Unterbringung seiner eigenen Habseligkeiten zu sehen. – –

Vier Wochen waren verstrichen. Reichardt hatte seine Empfehlungsbriefe an ihre Adressen, unter denen sich Handelshäuser von Bedeutung befanden, abgegeben, war freundlich begrüßt und zu weiterem Besuche eingeladen worden; so hoch sich aber auch seine Hoffnung in der ersten Woche gehalten hatte, so schien doch jeder folgende Tag nur dazu gemacht zu sein, um ein Stück nach dem andern davon wegzubrechen. Er hatte offen seine Verhältnisse, die ihn auf baldige Beschäftigung anwiesen, dargelegt und Versprechungen für Berücksichtigung und Verwendung erhalten; bei seinen spätern Besuchen waren es aber nur dieselben allgemeinen Worte wieder, welche er hörte, und als er endlich sich nach der Möglichkeit einer einigermaßen bestimmten Aussicht erkundigte, wurde ihm hier ein Achselzucken, dort eine Klage über Ueberfüllung an jungen Leuten und am dritten Orte eine Vertröstung auf den Zufall, welcher jeden Tag eine Vacanz herbeiführen könne. In der dritten Woche schienen seine fortgesetzten Besuche schon lästig zu werden; es ward ihm bedeutet, daß man ihm wissen lassen wolle, sobald sich etwas finde, daß er aber jedenfalls gut thue, sich, ehe er sein Geld aufzehre, nach irgend einer andern Beschäftigung umzusehen. Von diesem Augenblicke an hatte er seine täglichen Rundgänge unterlassen, aber seine Dienste durch mehrere Zeitungen unter Namhaftmachung der Häuser, welchen er empfohlen war, angeboten. Acht Tage lang hatte er sich vorgenommen zu warten, ehe er auch diese Hoffnung aufgäbe; aber die vierte Woche war verstrichen, ohne daß es nur schien, als habe Jemand seine sechsmal wiederholte Anzeige gelesen. Oft hatte er während dieser Zeit gewünscht, einen Freund zu haben, gegen den er sich wenigstens aussprechen könne, und er hatte sogar einmal den Versuch gemacht, den Kupferschmied wieder aufzusuchen, ohne indessen eine Spur des Wegs, den dieser beim Verlassen des Shakespeare-Hotels genommen, finden zu können.

Zu Mathilden mochte er nicht reden; sein Verhältniß zu dieser hatte weder an Vertraulichkeit gewonnen, noch an der Eigenthümlichkeit, wie es der erste Tag geschaffen, verloren; in ihrer ganzen Haltung gegen ihn schien sie trotz des äußern geschwisterlichen Tons und einzelner Momente des Sichgehenlassens eine feine Schranke aufrecht erhalten zu wollen, die ihm jede herzliche Annäherung verbot. Auch eine Stunde wie am ersten Tage in ihrem Zimmer war nicht wiedergekommen. Er hatte wohl bisweilen gesehen, wie sie während des allgemeinen Zusammenseins der Kostgänger in dem untern großen Zimmer sein Gesicht und die darin unwillkürlich hervortretende Sorge beobachtete, aber nie hatte sie ihm wieder Gelegenheit zu einem vertraulichen Gespräche geboten. Daneben wußte er in einer andern Weise nicht, wie er das Mädchen zu beurtheilen hatte. Nur selten ward das Haus von Fremden besucht und die abendlichen Zusammenkünfte der Kostgänger in der untern Stube trugen deshalb eine Art Familien-Charakter; so sehr sich auch Mathilde von jeder nähern Berührung mit der übrigen Gesellschaft zurückhielt, deren Aufmerksamkeit sie in ähnlicher Art wie die der Schiffsbevölkerung erregt hatte, so schien das geöffnete Piano sie doch der Gesellschaft, in welcher sie sich befand, ganz vergessen zu lassen, und es bedurfte nur einer Aufforderung, um sie zum Vortrage eines oder auch mehrerer Lieder zu bewegen. Ihre Stimme war immer dieselbe, silberklar, warm und seelenvoll, und fast schien es oft, als singe sie nur zu ihrer eigenen Genugthuung. Demohngeachtet meinte Reichardt, sie werfe ihre Perlen vor die Säue, eine Laune, die er sich in keinem Zusammenhange mit ihrem übrigen Wesen denken konnte, und als ihn die Wirthin eines Abends bat, seine Violine zu holen und das Stück noch einmal zu spielen, was sie am ersten Tage belauscht, stand er mit einer kurzen Ablehnung von seinem Platze aus und verließ das Zimmer. Es wäre ihm gleich einer Profanirung seiner besten Gefühle gewesen.

So war das Ende der vierten Woche herangekommen. Reichardt hatte nach dem Mittagessen das wöchentliche Kostgeld für sich und die „Schwester“ bezahlt und schritt, trübe Gedanken durch sein Gehirn wälzend, nach seiner Wohnung hinauf, als sich die Thür von Mathildens Zimmer öffnete und ein Wink des Mädchens ihn herbeirief. „Komm herein, wir müssen ein paar Minuten mit einander reden!“ sagte sie mit gedämpfter Stimme, sorgfältig hinter dem jungen Manne den Eingang wieder schließend. Sie deutete auf einen Stuhl, zog leicht einen zweiten herbei und setzte sich ihrem Gaste unmittelbar gegenüber.

„Es sind heute vier Wochen vorüber, Max, die erste Frist, die wir uns setzten, seit wir hier ankamen, und wir wissen jetzt wohl, was wir von unsern Aussichten zu halten haben,“ begann sie, ihm wie in stiller Sorge in das umwölkte Auge sehend; „Du hast wenig Glück gehabt, ich konnte es jeden Abend in Deinem Gesicht lesen – hat sich gar nichts geboten?“

„Nichts, Mathilde!“ erwiderte er finster den Kopf senkend, „Versprechungen, die nirgends gehalten wurden, und Vertröstungen, die mir nichts nützen können.“

„Und hast Du Dir jetzt irgend einen andern Plan für die Zukunft gemacht?“

„Einen Plan? O ja!“ erwiderte er bitter lachend. „Es wird mir eben nichts übrig bleiben, als zum Tanze zu geigen, da, wo ich mit wenig ganz gewöhnlichem Glücke selbst hätte tanzen können; dazu Tambour zu werden und so weiter.“

„Und zuletzt wäre das gar so schlimm nicht – ich habe in diesen vier Wochen mancherlei gesehen und gelernt.“ Als Reichardt überrascht aussah, blickte er in ein Auge, das ihm ermuthigend zulächelte und doch den Ueberrest einer herben Empfindung nicht ganz unterdrücken zu können schien. „Vielleicht ist aber das noch nicht einmal nothwendig,“ fuhr sie fort und legte ihre Hand leicht auf seinen Arm. „Ich habe etwas Anderes, das weniger Anstoß bei Dir finden wird.“

„Für mich?“ fragte er lebhaft, den Kopf hebend.

„Für uns Beide – erst aber zwei Worte voraus, damit Du mich verstehst. Ich bin manchen Weg gegangen, seit wir hier im Hause sind, um eine Existenz für mich zu schaffen, ich hatte Tag für Tag Enttäuschungen zu ertragen und mochte doch Deinem sorgenvollen Gesichte gegenüber es zu keiner Erklärung kommen lassen, die uns Beide nur vorzeitig entmuthigt hätte. Ich hatte zuerst an die Stelle irgend einer Lehrerin gedacht – aber was ist bei den Deutschen hier eine Person ohne Empfehlung und ohne jedes Zeugniß? Der Zudrang der Einwanderung mag Vorsicht nöthig machen, ich begriff das, und doch war es mir immer, als müßte ich als Ausnahme gelten, und erst nach manchem vergeblichen Versuche und mancher Demüthigung begann ich die Nutzlosigkeit meiner Bemühungen einzusehen. Da erzählte mir die Wirthin von einer Bekannten, die arm hierher gekommen, jetzt aber ein brillantes Geschäft habe und mich vielleicht gern beschäftige, wenn ich einiges Geschick habe. Ich ging hin – es war eine Kleidermacherin. Da saßen eine Reihe junger Mädchen, bleich eine wie die andere, Stich für Stich sich ihr kärgliches Brod verdienend, und ich wußte, daß ich wohl den Muth haben konnte zu sterben, aber nicht ein solches Leben zu verbringen. An demselben Abende aber erhielt ich ein anderes Anerbieten. In der Bowery ist ein amerikanisches Concertlocal; wahrscheinlich hat irgend Jemand, der damit in Verbindung steht, mich singen hören – ich weiß nur, daß nur die Wirthin einen deutsch sprechenden Mann vorstellte, der mir zehn Dollars die Woche offerirte, wenn ich wöchentlich an drei bestimmten Abenden in dem Locale meine Lieder vortragen wolle. Am nächsten Abend ging ich mit der Wirthin, um mich von den Verhältnissen zu unterrichten. Es war ein sonderbarer Styl von Musik, mit welchem die Amerikaner tractirt wurden, aber das Publicum war trotz seiner heitern Ausbrüche anständig, und ich konnte mir recht gut den Effect vergegenwärtigen, den eine deutsche Composition hier machen mußte. Ich forderte eine Frist zur Ueberlegung, zugleich aber für jeden Fall auch Dein Engagement, das für die Pianobegleitung unumgänglich nothwendig werde. Es wurde mir zugesagt, und das Interesse für Dich schien sich noch zu vermehren, als ich von Deiner Fertigkeit auf der Violine sprach. Jetzt entsteht also nur die Frage, ob Du bereit bist, auf eine derartige Beschäftigung einzugehen.“

Reichardt hatte mit steigender Spannung den Bericht des Mädchens angehört. „Und Du willst wirklich in einem dieser Bowery-Locale öffentlich singen, Mathilde?“ fragte er, als könne er noch kaum die Möglichkeit eines solchen Schrittes glauben.

In des Mädchens Gesicht stieg, sichtlich durch den Ton seiner Frage hervorgerufen, ein helles Roth. „Ich werde es nicht thun, wenn Du für Dich ein passenderes Unterkommen weißt,“ erwiderte sie; „für mich gäbe es wohl noch einen andern annehmbareren Vorschlag, der aber Deine Mitwirkung ausschließt und für mich deshalb ganz außer Frage lag. Im Uebrigen aber denke ich, daß die Kunst jeden Ort, an dem sie ausgeübt werden mag, veredelt, und es lag ein großer Reiz für mich in dem Gedanken, diese Menschen, die noch kaum andere Klänge als Negerlieder und dergleichen gehört zu haben scheinen, aufzuwecken. Sage mir nur jetzt, wenn Du nicht durch die Straßen trommeln willst, was Du zu thun gedenkst, und meine ersten Bedenklichkeiten, die ich hatte, werden sich wohl auch wieder finden.“

Reichardt sprang von seinem Stuhle auf und durchmaß einige Male rasch das Zimmer. „Mein Interesse also ist es,“ sagte er endlich, vor dem Mädchen stehen bleibend und ihre beiden Hände fassend, „das Deinen Entschluß bestimmt hat?“

„Und wenn es sich so verhielte, wäre denn etwas Außerordentliches dabei?“ erwiderte sie, mit einem Blicke zu ihm aufsehend, der ihm warm bis in’s Herz drang. „Hattest Du es denn nicht als Bedingung unserer Geschwisterschaft gesetzt: getheiltes Glück und getheiltes Leid?“

Er sah einige Secunden lang in ihre Augen, die sich voll seinem Blicke hinzugeben schienen, und nahm dann seinen Gang durch das Zimmer wieder auf.

„Und wann soll das Engagement seinen Anfang nehmen?“ fragte er, wie noch immer nicht mit sich einig.

„Morgen Abend schon, Bruder Max; ich habe eben Alles bis zum letzten Termine verschoben, um unserm Schicksale in keiner Weise vorzugreifen,“ erwiderte sie, den Kopf nach dem Wandernden drehend. „Uebrigens will ich Dir, wenn es Dich beruhigen kann, mittheilen, daß ich, nicht unter eigenem Namen, sondern als eine irgend beliebige unbekannte Größe auftreten werde, deren Namen und Qualitäten bis zum morgenden Zetteldruck noch Geheimniß der Concert-Unternehmer sind.“

Reichardt schüttelte den Kopf und blieb wieder stehen. „Ich soll Dich nicht fragen: wer warst Du, und was trieb Dich hierher? Mathilde,“ sagte er, „aber ich darf wohl fragen: wohinaus soll es gehen, wenn Du einmal einen Weg wie den beabsichtigten eingeschlagen hast?“

Sie bog das lächelnde Gesicht über die Lehne des Stuhls nach ihm. „Weißt Du nicht, was der Kupferschmied auf dem Schiffe sagte: immer laufen lassen, was sich nicht halten läßt? Aber,“ fuhr sie fort, sich langsam erhebend und auf ihren Gesellschafter zutretend, „willst Du uns Beiden einen tröstlicheren Weg zeigen – ich folge, wenn er auch vorläufig nur zur Bezahlung des Kostgeldes führt! Hier ist indessen die große Aufgabe, die wir zu erfüllen haben; was darüber hinausliegt, darf uns im Augenblick nicht einmal kümmern!“

Reichardt sah vor sich nieder. „Nur ein Funken ganz ordinäres Glück, und es hätte nicht dahin kommen dürfen,“ sagte er unmuthig; „los denn, in Gottes Namen! Wann werde ich gebraucht?“

„Morgen früh zum Einstudiren, damit wir wenigstens unsere eigene Genugthuung am Abend haben!“

Er nickte und hob dann den Kopf. „Es ist ein Anfang, wie ich ihn mir nicht habe träumen lassen, aber es ist doch ein Anfang, und – hier ist die Bruderhand, Mathilde!“ sagte er, dem Mädchen, das ihm mit dem klaren Lächeln eines frischen Entschlusses in die Augen blickte, die Rechte entgegenstreckend.

Es war am folgenden Abend, und das Geschwisterpaar, der Bowery zuwandernd, sah bereits den Ort seiner Bestimmung vor sich. Reichardt trug eine leichte Notenmappe, während Mathilde unter dem Sommermantel das Gazekleid, in welchem sie vor ihren Zuhörern erscheinen wollte, aufgeschürzt hielt. An der Thür des von hellen Gaslaternen bezeichneten Locals bewegten sich bereits die verschiedenartigsten Menschengruppen, die Zettel, welche eine berühmte Primadonna mit fast unaussprechbarem Namen verkündeten, entziffernd, die Eintretenden musternd oder selbst Eintritt suchend.

Der Saal, in welchem die Vorstellungen stattfanden, zeigte ausser den Sitzen für die Zuhörer nichts als eine Erhöhung für die Vortragenden und einen Vorhang daneben, welcher den Zwischenraum bis zur Wand verdeckte. Hierhin begleitete Reichardt das Mädchen, das, als sie bereits mehrere als Neger costümirte „Künstler“ in dem Raume stehen sah, sich auf einen Stuhl in der hintersten Ecke niederließ.

Das versammelte Publicum schien bereits des Wartens genug zu haben, und Reichardt konnte sich nicht enthalten, bei einzelnen Ausbrüchen der Ungeduld den Kopf zu schütteln. Dieses Jolen, Pfeifen und Schreien war so roh und unbändig, wie es die niederste Kneipe in Deutschland ihm kaum geboten hätte. Er warf einen Blick nach Mathilden, die indessen, den Blick in ein Notenstück vertieft, kaum zu hören schien; den übrigen „Künstlern“ aber schien der Lärm etwas so Gewöhnliches, daß er nicht eine Secunde lang ihr halblautes Gespräch zu unterbrechen vermochte. Endlich trat der Director der Truppe, ebenfalls mit dem Teint Afrika’s versehen, in den Raum, grüßte mit einem verbindlichen Lächeln, das Reichardt in diesem schwarzen Gesichte ganz abscheulich fand, die junge Dame, und das Concert begann mit einer Ouverture, in welcher Banjo und Tamburin jedenfalls die Hauptrolle spielten.

Reichardt wollte Anfangs seinem Gehör nicht trauen, bis das Ohr sich an das wirre Durcheinander von Tönen gewöhnt hatte, und er endlich kopfschüttelnd ein Verständniß der tollen Eigenthümlichkeit des Stücks erlangte; das Publicum aber schien höchlichst erbaut davon und applaudirte, als solle der Boden des Saals durchaus hinunter gearbeitet werden. Ein Gesang, von welchem Reichardt kein Wort verstand, der aber den Grimassen des Vortragenden und dem Jolen und Lachen des Auditoriums nach äußerst komisch sein mußte, folgte, und nun war Mathildens erstes Lied an der Reihe. Reichardt fühlte die Hand des Mädchens in der seinen zittern, als er sie auf die Erhöhung vor das Publicum führte, aber er konnte ihr nur durch einen warmen Händedruck Muth zusprechen. Ueber die versammelten Menschen legte es sich wie ein Schweigen des Erstaunens, als die weißgekleidete bleiche Mädchengestalt, diese von den gewohnten Darstellungen so abweichende Erscheinung, hervortrat; einzelnes Klatschen erhob sich an verschiedenen Orten, das aber nirgends zünden wollte, und Reichardt fühlte eine eigenthümliche Beklemmung, als er sich an dem bereitstehenden Piano niederließ. Kräftig begann er das Vorspiel zu einem Liede, das der Sängerin im Boardinghause stets den ungetheiltesten Beifall eingetragen, und bei den bekannten Klängen schien Mathilde neuen Muth zu gewinnen; ihr Kopf hob sich und mit voller Sicherheit begann sie die ersten getragenen Töne. Ihre Stimme hatte eine Wirkung in dem weiten Saale, welche ihr Reichardt nie zugetraut; über den Zuhörern aber blieb dieselbe eisige Stille wie vorher liegen, und selbst bei einer am Schlusse des ersten Theiles eingelegten, glücklich durchgeführten Cadenz rührte sich nirgends eine Hand. Reichardt fühlte das Blut nach seinem Kopfe steigen, er hatte nicht den Muth, in Mathildens Gesicht aufzusehen – da, mit den ersten Tönen des zweiten Theils wurde eine Stimme laut: „Englisch!“ und als habe das eine Wort dem allgemeinen Gefühle Ausdruck gegeben, schrie es „Englisch“ von allen Seiten nach; einzelnes Zischen erhob sich wohl als Opposition der Störung, schien aber nur die ersteren Rufe in ihrer Zahl zu vermehren und in ihrer Ausdauer zu kräftigen. Mathilde hatte aufgehört zu singen und blickte geisterbleich über das Publicum hin, und wie beschworen von dem Ausdruck dieser großen schwarzen Augen begann sich der Lärm zu legen. Reichardt intonirte sein Zwischenspiel noch einmal, und wie mechanisch fiel das Mädchen an der rechten Stelle ein, aber schon nach ihren beiden ersten Noten brach unter den Zuhörern ein voller Sturm aus. „Englisch, Englisch!“ schrie es, lärmte, pfiff und tobte es – Reichardt sah sich vergebens nach dem Director der Truppe um, während Mathilde, starr wie eine Statue, ihren Platz behauptete – da sprang plötzlich hinter dem Vorhange eine grotesk aufgeputzte Negerin, eine Guitarre in der Hand, hervor, schlenkerte die großen, den verkleideten Mann verrathenden Beine in einigen carikirten Tanzpas und begann, sich an den äußersten Rand der Erhöhung vor die Sängerin stellend, in durchschneidender Fistelstimme:
„Miss Nelly was a Lady –“

In einen Sturm von Applaus, Gelächter und Hurrahs gingen die Zeichen der Unzufriedenheit über, Reichardt aber sah, wie Mathilde plötzlich wankte. Mit zwei Schritten war er an ihrer Seite und führte sie, die sich fest an seinen Arm klammerte, von der Bühne. „Nur fort, nur fort ins Freie!“ sagte sie gepreßt, als Beide hinter dem Vorhange angelangt waren. Er warf ihr den Sommermantel um, legte ihr den Schleier über den Kopf und führte sie, ohne einen Blick nach den übrigen Musikern zu werfen, die sich augenscheinlich aus ihrem Wege gestellt hatten, nach dem Corridor hinaus.

Sie hatten die Straße erreicht. „Nach Hause!“ flüsterte Mathilde, als drücke ihr eine Last die Brust zusammen, und Reichardt fühlte, während er ihrem raschen Schritte folgte, zeitweise ihren Arm in dem seinen zucken. Er konnte die ganze Aufregung und Bitterkeit ihres Herzens mitfühlen, aber er mochte auf der Straße und unter dem frischen Eindruck des Schlags, den sie erhalten, nicht zu ihr reden; nur durch die Art, wie er sie eng an sich geschlossen führte und ihr sichtliches Streben, rasch nach dem Boardinghause zu kommen, förderte, mochte er ihr andeuten, was er selbst empfand.

Sie ließ seinen Arm los, als sie ihre Wohnung erreicht hatten, und eilte ihm voran die erleuchtete Treppe hinauf; als sie aber ihr nur von einer außen brennenden Gaslaterne schwach erleuchtetes Zimmer geöffnet, und Reichardt, von Sorge für sie getrieben, ihr gefolgt war, wandte sie sich, wie ihrer nicht mehr mächtig, um und fiel in einem Thränenausbruche, der in seiner Leidenschaftlichkeit den jungen Mann erschreckte, an dessen Brust.

Reichardt’s erste Bewegung war, die Thür zu schließen; dann umfaßte er mit einem ihn seltsam durchrieselnden Gefühle die krampfhaft schluchzende, halb bewußtlose Gestalt und zog sie zu sich auf einen Stuhl nieder. „Mathilde, was ist es denn mehr als eine Erfahrung im fremden Lande, die Jeder hier machen muß?“ sagte er, ihr beruhigend zusprechend, während er doch unter dem Druck dieser weichen Glieder, die auf ihm ruhten, es heiß in sich aufsteigen fühlte; „Mathilde haben wir denn etwas verloren, sind wir denn nicht noch bei einander?“