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In "Mary Kreuzer" entfaltet Otto Ruppius eine vielschichtige Erzählung, die das Leben einer faszinierenden jungen Frau in einem von sozialen Spannungen und Herausforderungen geprägten Umfeld beleuchtet. Mit einem präzisen und detaillierten literarischen Stil schildert Ruppius den inneren Kampf der Protagonistin und bietet dabei einen tiefen Einblick in die psychologischen Aspekte ihrer Existenz. Der Roman, der in der Tradition des modernen deutschen Realismus verankert ist, erforscht Themen wie Identität, Beziehungsdynamik und die Suche nach persönlicher Freiheit vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Umbrüche seiner Zeit. Otto Ruppius, ein herausragender Vertreter der deutschen Literatur, hat durch seine persönlichen Erfahrungen und seine akademische Ausbildung in der Soziologie eine einzigartige Perspektive entwickelt. Geboren in einer Zeit rasanter Veränderungen, spiegelt sein Werk häufig die Komplexität menschlicher Beziehungen und das Ringen um individuelle Entfaltung wider. Seine gesellschaftskritische Haltung und die Auseinandersetzung mit den Herausforderungen der Moderne zeigen sich deutlich in "Mary Kreuzer", einem Werk, das sowohl aus literarischer als auch aus sozialer Perspektive von Bedeutung ist. "Mary Kreuzer" ist ein fesselnder Roman, der den Leser mit einer tiefgründigen Charakterstudie konfrontiert und zum Nachdenken über die eigene Identität anregt. Durch eine spannende und emotional aufgeladene Erzählweise zieht Ruppius die Leser in die Welt der Protagonistin hinein, sodass sie deren Kämpfe und Triumphe hautnah erleben. Dieses Buch ist nicht nur für Liebhaber der zeitgenössischen Literatur empfehlenswert, sondern auch für all jene, die sich für die Themen Identität und gesellschaftliche Herausforderungen interessieren.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Vor einem der zahlreichen Emigranten-Kosthäuser, mit welchen Greenwich-Street in New-York im Jahre 1849 noch besetzt war, hielt an einem Juni-Morgen ein einspänniger, ärmlicher Leichenwagen. Das Haus, obgleich kleiner, als viele der übrigen, zeichnete sich vor diesen durch eine gewisse Respectabilität der Erscheinung aus, die indessen mehr in der äußeren Reinlichkeit und Ordnung, als in andern Unterschieden, ihren Grund fand.
Der Leichenfuhrmann schwang sich eben auf den Bock, um den einsamen Todten, der in dem ringsum pulsirenden Leben nirgends eine Lücke verursacht zu haben schien, der wie so Viele vor ihm und so viele Tausende nach ihm unbekannt in unbekannter Erde ruhen sollte, hinwegzuführen, als aus dem Innern des Hauses ein junges Mädchen in die offene Hausthüre stürzte und hier in die Kniee brach. Eine ältliche Frau, die ihr gefolgt war, fing sie auf und schien in gutmüthigem Eifer ihr zuzureden, bis mit verdrießlichem Gesichte, die Hausmütze auf den Hinterkopf schiebend, eine wohlbeleibte Wirthsfigur hinzutrat.
„Du kannst nicht mit, Mädchen,“ sagte der Mann, als streite sich Unmuth und eine Regung von Mitleid in ihm, „der Wagen fährt viel zu schnell, und Du könntest ohnedies den Weg nicht wieder hierherfinden. ’s ist traurig, aber doch nicht zu ändern.“
Der Wagen fuhr im Trabe davon, das Mädchen stieß einen Schrei und streckte die Arme dem schwarzen Gefährt nach, alle Bemühungen der Frau zu ihrer Beruhigung von sich weisend, bis der Mann mit einem: „Bring sie in’s Hinterzimmer!“ die Hausthür schließen wollte.
Der Vorfall hatte einige der Vorübergehenden veranlaßt stehen zu bleiben; die Scene aber endete rasch, als sich die Thüre schloß und bald Jeder wieder gleichgültig seinen Geschäften nachging. Nur auf der entgegengesetzten Seite der Straße stand noch ein Zuschauer, dessen reges Interesse an der Scene sich selbst dann noch unverhohlen in seinen Mienen aussprach, als sich das Haus bereits geschlossen hatte, eine hohe, viereckige Gestalt, deren ganze Erscheinung, von dem faltigen, wetterbraunen Gesichte unter dem breiten Hute bis zu den riesigen Händen und der groben Fußbekleidung herab, sogleich den Mann aus dem Hinterwalde verrieth.
Er schien einige Secunden lang mit einem Entschlusse nicht fertig werden zu können und besah nachdenklich das Zeichen über der Thür, das Kost und Logis verhieß, schritt dann aber fest über die Straße und trat in das Haus.
In dem offenen Gastzimmer stand der Wirth hinter dem Schenktische, eben beschäftigt, ein großes Glas mit Branntwein zu füllen.
„Das ist gut und stärkt ein trauriges Herz!“ sagte der Fremde, mit einem kurzen Blicke durch das leere Zimmer herantretend, „ich nehme aber auch so einen Tropfen, und Sie trinken mit mir!“
Der Wirth ließ schweigend einen musternden Blick über den Gast gleiten; als dieser aber aus einem ledernen Beutel eine Silbermünze zwischen einer Anzahl Goldstücken hervorsuchte und auf den Tisch warf, schob Jener Glas und Whiskeyflasche her, und schweigend ward mit einem Stampfen der Gläser gegenseitiger „Bescheid gethan.“
„Seid auch ein Deutschländer?“ fragte der Fremde, sich den Mund wischend.
„So ist es, Landsmann!“ nickte der Andere, die Flasche wegstellend.
„Seid dann aber auch maulfaul genug, und ich möchte mich doch über eine Sache befragen!“
„Ich spreche gerade so viel als nothwendig ist, was manchmal auch für andere Leute gut wäre, die zum ersten Male nach New-York kommen,“ erwiderte der Wirth, seinen Gast mit einem Ausdrucke von halbem Humor betrachtend. „Wenn Ihr etwas zu fragen habt, so kommt nur heraus damit!“
„So – na denn geradezu! Ich möchte wissen, wie es mit dem Mädchen ist, das eben so ganz desperat that, ob sie zu Euch in’s Haus gehört, oder ob sie sonst Jemanden hat –“
Der Wirth sah dem Frager einen Augenblick scharf in’s Gesicht, schien aber schnell einen aufgestiegenen Verdacht zu beseitigen. „Wollt Ihr mir wohl sagen, Landsmann, woher Ihr seid und was Ihr in New-York thut?“ fragte er dann.
„Das kann Jeder wissen,“ erwiderte der Fremde, gutmüthig nickend, „ich habe eine Farm in Iowa, heiße Michel Kreuzer, über den jedes Kind in unserm County Bescheid geben kann, und habe in New-York mit den Advocaten wegen einer Erbschaft zu verhandeln. Und wenn Ihr wissen wollt, weshalb ich gefragt habe, so ist es das: Es ist mir gewesen, als habe das Kind seine einzige Hoffnung in dem schwarzen Wagen fortfahren sehen, und wenn es so ist, könnte ich vielleicht etwas für sie thun!“
Der Wirth rückte an seiner Hausmütze und kam langsam hinter dem Schenktische vor. „Wir wollen uns einmal setzen!“ sagte er, nach einem der von Stühlen umgebenen Tische deutend.
Der Wirth erzählte nun Folgendes: „Es mögen jetzt drei Wochen her sein, da kam mit einem der Emigrantenschiffe ein Mann mit seiner Tochter und quartierte sich bei mir ein. Es war etwas Feines an ihm, wie an dem Mädchen, was wir selbst bei den besseren Einwanderern nicht gewohnt waren, und von Andern, die mit ihm auf dem Schiffe gewesen, aber sich billigeres Logis und ein Bett voll Wanzen in der Nachbarschaft gesucht, vernahm ich nachher, daß er Regierungsbeamter oder so etwas gewesen sein soll. Ich habe ihn selber nie darum gefragt, denn er war fast niemals hier im Bar-Room, und ich hörte nur so viel von ihm, daß er schnell nach dem Westen wolle. Am vierten Tage wurde der Mann krank und mußte sich legen; er bezahlte prompt und gut, und wir thaten für ihn, was wir konnten – in der letzten Woche hat meine Frau selbst abwechselnd mit dem Mädchen bei ihm gewacht. Aber die Doctoren und alle Pflege konnten ihm nicht helfen; gestern am frühen Morgen starb er und heute ist er begraben worden. Das Mädchen war von Anstrengung und Gram so herunter, daß sie bei der Leiche selbst wie todt eingeschlafen war; wir legten sie auf’s Bett und dachten, sie solle nichts von dem Begräbniß merken, wenn wir’s rasch machten; aber sie war aufgewacht und schrie, sie müsse wissen, wo ihres Vaters Grab sei – und das Uebrige habt Ihr ja wohl mit angesehen. Nun ist die Sache so: Ob der Mann etwas Vermögen mitgebracht hatte, weiß ich nicht; viel kann es aber nicht sein, denn er klagte schon den dritten Tag über die Kosten, die ihm der unvermeidliche New-Yorker Aufenthalt verursache. Jetzt muß das Kind also irgendwo untergebracht werden. Sie ist zu eigentlicher Arbeit noch zu schwach, so herzhaft und flink sie auch sonst sein mag, und wir selbst können sie nicht behalten. Finden wird sich wohl etwas für sie, aber sie muß es nehmen, wie es kommt, und darf bei dem mancherlei Elende unter der Masse von Einwanderern, die Hülfe beansprucht, nicht wählen.“
Der Farmer hatte ernsthaft zugehört und nur durch einzelnes halbes Nicken seine Theilnahme geäußert.
„Ich möchte einmal mit dem Dinge reden,“ sagte er, als der Wirth geendet, „und wenn sie nicht gar zu schlimm traurig ist, könnet Ihr sie wohl einmal holen!“
„Will sehen,“ erwiderte der Wirth, sich zögernd erhebend, und ging.
Es mochten zehn Minuten vergangen sein, als sich eine Seitenthür öffnete und das junge Mädchen mit einem Ausdrucke scheuer Zurückhaltung, die durch das leidende, verweinte Gesicht eine noch erhöhte Wirkung erhielt, in’s Zimmer trat. Sie konnte kaum über fünfzehn Jahre sein; demohngeachtet lag etwas in ihrer Erscheinung und der Weise, wie sie ihren schlanken Körper trug, das auf früh errungene Selbstständigkeit deutete, und der alte Kreuzer setzte sich bei ihrem Anblicke wie unwillkürlich aus seiner nachlässigen Stellung aufrecht.
„Das ist der Gentleman!“ sagte der Wirth, welcher ihr gefolgt war, und der Farmer hustete einige Male, als wisse er nicht recht, wie seine Worte einzuleiten.
„Sie brauchen sich nicht zu fürchten, Miß, weil Sie einen rauhen Bären hier sitzen sehen,“ begann er endlich, „bei uns auf dem Lande tragen sie keine feinen Handschuhe, sie meinen’s aber darum vielleicht desto aufrichtiger!“
„Ich fürchte mich nicht!“ erwiderte sie leise, während ihr großes, trauriges Auge in den treuherzigen Zügen des Fremden hängen blieb.
„Well, so denke ich, Sie kommen einmal zu mir her und hören, was ich Ihnen sagen möchte,“ fuhr der Letztere fort, den möglichsten Grad von Freundlichkeit in sein verwittertes Gesicht legend; „wissen Sie: hören soll der Mensch Alles, heißt’s in Amerika, das Thun steht nachher Jedem frei!“
Sie näherte sich, ohne eine Miene zu verändern, während der Alte rasch einen der Stühle am Tische zurückschob. „So, jetzt setzen Sie sich hierher,“ sagte er, „und nun,“ fuhr er fort, als das Mädchen ungezwungen seiner Aufforderung folgte, „nun geben Sie mir einmal Ihre Hand – Sie geben sie einem rechtschaffenen Manne und brauchen sich nicht zu scheuen!“
Es war ein eigenthümlicher Anblick, dieses jugendliche Gesicht, das regungslos kaum etwas von den Bewegungen des übrigen Körpers zu wissen schien. So legte das Mädchen, fast wie mechanisch, kalt und still ihre Hand in die des Farmers, und dieser sah eine Weile in ihr ausdrucksloses Auge, schloß dann warm seine Finger um die ihren und schüttelte endlich den Kopf.
„Wissen Sie, Miß, es ist ein schlimmes Land, das Amerika,“ begann er wieder, „es ist noch Keiner herübergekommen, der nicht irgend etwas, woran sein Herz gehangen, hat fahren lassen müssen – ich weiß ja wohl, Sie haben einen schweren Verlust gehabt; aber das Grämen thut’s hier nicht, und der Mensch muß immer vorwärts und nicht zurücksehen – hab’ es auch erst lernen müssen, so alt ich bin. Hier ist Jeder selber sein bester Freund, und wenn er nicht auf sich sehen will und sich an Verlorenes hängt, geht er selber mit verloren. Sie sehen so verständig aus, so jung Sie auch sein mögen, daß ich Ihnen das wohl sagen kann. Jetzt möcht’ ich aber doch einmal wissen, ob Sie wirklich das sind, was ich mir gedacht habe, eine starke, junge Lady, die einsieht, um was es sich handelt, oder ob Sie mit sich ungefragt thun lassen, was eben kommt. Haben Sie denn schon einen Gedanken wegen Ihrer Zukunft gehabt, Miß?“
Das Auge des Mädchen ruhte ernst und forschend in des Fragers Gesicht. „Mein Vater ist eben erst begraben worden, und ich weiß noch nicht einmal, wo!“ erwiderte sie mit einer leisen, tiefen Stimme, während es in ihrem Gesichte zuckte, als strebe sie mit Macht ihre Thränen zurückzudrängen.
Der Alte nickte einige Male rasch hinter einander. „’s ist so, und es könnte fast über die Kräfte eines alten Menschen gehen; aber es ist ein böser Lehrmeister, das neue Land, und das schärfste Mittel gegen nutzlose Trübsal sind neue Sorgen. Hier im Kosthause können Sie doch nicht bleiben; in Dienst zu gehen sind Sie auch noch zu schwach – und werden ohnedies nicht dazu passen, wenn auch Mancher in einen noch sauerern Apfel hat beißen müssen. Haben Sie denn Jemand in Deutschland, auf den Sie sich verlassen können?“
In dem Auge des Mädchens begann es sich zu regen, als ob neue Gedanken in ihrer Seele aufschössen. „Ich weiß Niemand in Deutschland, der sich groß um mich kümmerte,“ sagte sie nach einer Weile; „Mutter starb vor zwei Jahren und Vater ging fort, weil er es mit der Revolution gehalten hatte.“
Der Alte nickte wieder, als sie schwieg. „Und so müssen Sie jetzt doch allein an sich denken, trotz allen Kummers!“ versetzte er. „Hören Sie einmal ein Wort, das mir vom Herzen kommt. Ich weiß nicht, wer Sie sind, noch was Sie haben, aber ich wollte, Sie könnten so viel Zutrauen zu mir fassen, als ich Gefallen an Ihnen finde. Ich wohne, was sie hier „im Westen“ nennen und wo die meisten Einwanderer hingehen –“
„Vater wollte auch nach dem Westen!“ unterbrach sie ihn mit aufleuchtenden Augen.
