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"Ein echter Wiener geht nicht unter" begann 1975 mit einem Skandal. So ordinär wie der Prolet Edmund "Mundl" Sackbauer aus Favoriten hatte im österreichischen Fernsehen davor niemand gesprochen. Die TV-Serie, die heuer ihren 50. Geburtstag feiert, ist freilich längst zum nationalen Kulturgut avanciert, das Filmexperte Bert Rebhandl einer umfassenden Neubetrachtung unterzieht. Er stellt die Menschen vor, die sich den Mundl ausdachten und zum Leben erweckten, und zeichnet zugleich das Porträt eines umfassenden gesellschaftlichen und kulturellen Aufbruchs, der Österreich bis heute prägt. Ein Buch für Fans und Philologen und zugleich das erste Standardwerk über einen Höhepunkt der österreichischen Kulturgeschichte.
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Seitenzahl: 189
Veröffentlichungsjahr: 2025
Bert Rebhandl
Familie Sackbauer und Österreichs Aufbruch in die Moderne
Bert Rebhandl
Familie Sackbauer und Österreichs Aufbruch in die Moderne
Czernin Verlag, Wien
Gedruckt mit Unterstützung der Stadt Wien, Kultur
Rebhandl, Bert: Ein echter Wiener geht nicht unter. Familie Sackbauer und Österreichs Aufbruch in die Moderne / Bert Rebhandl
Wien: Czernin Verlag 2025
ISBN: 978-3-7076-0870-0
© 2025 Czernin Verlags GmbH, Kupkagasse 4, 1080 Wien, Österreich, [email protected]
Autorenfoto: Matthias Lüdecke
Lektorat: Joe Rabl
Umschlaggestaltung und Satz: Mirjam Riepl
Umschlagabbildung: First Look / picturedesk.com
Druck: Finidr, Český Těšín
ISBN Print: 978-3-7076-0870-0
ISBN E-Book: 978-3-7076-0871-7
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Unserem VaterFranz Rebhandl
(1938–2013)
VORWORT
IM WOHNZIMMER DER NATION
DER VOLKSSCHRIFTSTELLER
DER FREIE REDAKTEUR
ALLES IN DER FAMILIE
ROSENHÜGEL, HALLE 5
HOCHHEBEN UND DRAUFZAHLEN
ERSTE UND LETZTE NULL
HALLUZINAZIVAGABUNDUS
SCHWARZE HAAR, BRAUNE HAUT
KATZENMENSCHEN
PENSIONSSCHOCKS
DIE 24 FOLGEN
DANK
ANMERKUNGEN
LITERATUR
Die Wiener Familie Sackbauer im Fernsehen und die oberösterreichische Familie Rebhandl vor dem Fernseher: das hatte Mitte der 1970er Jahre viele Aspekte eines Spiegelverhältnisses. Zwar war unser Vater kein »Prolet«, er hatte in jungen Jahren als Holzknecht gearbeitet, dann in einem Lagerhaus, und schließlich eine Chance ergriffen und war 1970 Angestellter bei einer Versicherung im Außendienst geworden. In der bündischen Logik der frühen Zweiten Republik war er damit beim ÖAAB (Österreichischer Arbeiter- und Angestelltenbund) gelandet, als Katholik war er sowieso ein »Schwarzer«, und seine Frau, unsere Mutter, als Bauerntochter auch. Unser Vater machte 1975 gerade Karriere, er hätte also Gründe gehabt, auf den Handwerker Edmund Sackbauer herabzuschauen. Er wird aber sicher auch Parallelen bemerkt haben. Der Mundl war nach den ersten beiden Sendungen für einen Moment ein Skandal, er wurde aus dem Stand zu einem »Synonym für den primitiven, einfachen, polternden Wiener«1. Ebenso schnell aber wurde aus der Skandalfigur ein Sympathieträger, und die Serie Ein echter Wiener geht nicht unter ein nationales Kulturgut. Wir Kinder konnten uns über ihn abhauen, wenn er Silvesterraketen in die Wohnung auf der Straßenseite gegenüber schoss, oder wenn er Wörter verwendete, die offensichtlich anstößig waren. Unsere Eltern waren viel zu eingespannt in das anstrengende Leben einer sechsköpfigen Familie, um sich nähere Gedanken darüber zu machen. Diese Gedanken mache ich mir nun, fünfzig Jahre später. Ich werde die Fernsehserie Ein echter Wiener geht nicht unter als ein Dokument des österreichischen Aufbruchs in die Moderne lesen – de facto war es ein zweiter Aufbruch, nach dem früheren in der Gründerzeit. Als ich vor ein paar Jahren ein Buch über den Film The Third Man geschrieben habe, habe ich es unserer Mutter, der Zitherspielerin, gewidmet. Der Vater, der Rebhandl Franz von der Wiener Allianz, wie er halb ironisch, halb anerkennend genannt wurde, war 2019 schon tot. Seinem Andenken soll nun dieses Buch gewidmet sein. Er hatte, wie so viele Männer seiner Generation, viele Züge von Edmund Sackbauer, aber er war in den Jahren, in denen die Serie zum ersten Mal lief, 1975 bis 1979, auch schon auf einem Weg, auf dem Österreich insgesamt war: zu einer offeneren, individualisierteren Gesellschaft. Er spielte sich als Patriarch auf, aber die Bildungswege in seiner Familie ließen ihn begreifen, dass seine Autorität brüchig war, wenn er sie bloß aus Selbstverständlichkeit oder Gottgegebenheit oder Männlichkeit ableiten wollte. Auch eine gewisse Anarchie, die für die Sackbauers charakteristisch ist, gab es in unserer Familie. Nicht alles muss eins zu eins eine Entsprechung finden zwischen dem Fernsehen und dem »wirklichen« Leben. Aber nie zuvor war das, was im »Kastl« zu sehen war, dem Alltag vieler Menschen so nahe gekommen wie im Juni 1975, als ein Wohnzimmer mit Küchenzeile und Nasszelle in Favoriten plötzlich genauso für Österreich stand wie das Hotel Sacher oder das Burgtheater. Von diesen Veränderungen ist das Land bis heute geprägt. Und bevor am Ende politische Kräfte in die Lage kommen, diese Veränderungen zu einer liberalen Gesellschaft mit halbwegs funktionierender Chancengleichheit und sozialer Absicherung zu zerstören, wollen wir sie uns noch einmal genauer anschauen. Mit den Sackbauers als Beispiel.
»Geh, Mundl!« Die ersten Worte in der Fernsehserie Ein echter Wiener geht nicht unter kommen von Antonia Sackbauer, zärtlich (aber eben auch verkleinernd) Tonerl genannt. Sie trocknet Geschirr ab, während ihr Mann Edmund sich wäscht und dabei eine Wirtschaft macht. »Muasst a so umanandspritzen?« Mundl trägt eine weiße Unterhose, er befindet sich in der Nasszelle der Sackbauer-Wohnung, die eigentlich die Küche ist. Durch einen Vorhang ist sie vom Wohnzimmer abgetrennt. Andere Familien haben längst eine »Brausekabine« angeschafft, wie Tonerl mit einem leichten Vorwurf in der Stimme feststellt. Aber Mundl übergeht ihre Andeutung einfach. Die Nachbarn, die mit der Zeit gehen und schon zu Hause duschen, sind »Deppen«. Wozu braucht ein Mensch eine Duschkabine, wenn doch das Städtische Brausebad nur »a paar Gassn weida weg« ist? Jahrzehntelang sind Menschen in Wien ins Tröpferlbad gegangen. So nannte man die Volksbäder, mit denen Wien auf den enormen Bevölkerungszuwachs vor dem Ersten Weltkrieg reagierte. Eine soziale Errungenschaft, die nun durch die Privatisierung der Hygiene obsolet werden soll. Als Toni das Linoleum aufwischt und sich dafür hinunterbeugen muss, kriegt sie von Mundl einen Klaps auf den Hintern. Der kleine Dialog über das »umanandspritzen« bekommt in diesem Moment eine Facette des Anzüglichen: »Wann aner so an Körper hat wia i, dann muass er ganz afoch spritzen.«
Mit dieser Szene lernte das österreichische Fernsehpublikum im Juni 1975 das Ehepaar Sackbauer kennen. Vater und Mutter in einer Wiener Arbeiterfamilie, zu der noch der Sohn Karli und die Tochter Hanni gehören. Wohnhaft in der Hasenstraße 13 in Favoriten in eher beengten Verhältnissen, wie sich bald herausstellt: Neben dem Wohnzimmer und der Küche, die zugleich Bad ist, gibt es nur noch ein Schlafzimmer für das Ehepaar, ein winziges Vorzimmer und ein Kabinett. Die Räumlichkeiten kann man sich im Verlauf der ersten paar Folgen aus verschiedenen Kamerawinkeln allmählich zusammenreimen. Karli schläft auf der Couch (der »Bettbank«) unter den Wimpeln, die von der Karriere des Sportlers Edmund Sackbauer zeugen. Er ist Stemmer in einem Verein und hält sich viel auf seine Kraft zugute. Hanni schläft anfangs im Kabinett.
Die erste von 24 Folgen der Serie trägt den Titel Salz der Erde. So heißt auch der Roman von Ernst Hinterberger, der 1966 erschien, und in dem die Sackbauers zum ersten Mal auftraten. Knapp zehn Jahre lagen zwischen einem Produkt der Literatur und einer Produktion des österreichischen Fernsehens. Mit diesen zehn Jahren gingen entscheidende Veränderungen einher, von denen einige sich schon in dieser ersten Szene erkennen lassen. Denn im Buch ist die Sexualität des nur scheinbar vitalen Proleten Edmund Sackbauer ein bedeutender Aspekt, wie auch die der Kinder, die in einer Zeit ihr Glück suchen, in der Sex noch stark schambehaftet war. Im Fernsehen konnte man das nicht ganz so offen ansprechen, auch wenn die Sendung anfangs spät am Abend lief und es insgesamt an Deutlichkeit des Ausdrucks nicht mangeln ließ. Aus einem Roman wurde ein Fernsehspiel, in dem sich Österreich auf eine Weise wiedererkennen konnte, die bis in die Gegenwart nachhallt. Sind wir so? Wie sind wir? Wer ist wir? Oder »mia«, wie der Autor Ernst Hinterberger lieber sagte, der ein breites Wienerisch sprach. »Des san mia.« Die Sackbauers waren tatsächlich »wir« für eine ganze Generation in der Zweiten Republik, die sich von der Familie im Fernsehen auf unterschiedliche Weise angesprochen fühlen konnte. Figuren wie in der Familie Sackbauer gab es damals quer durch die Republik: aufbrausende Väter, duldsame Mütter, Söhne, die wie eine Kopie des Vaters sein sollten, Töchter, die eher still nach eigenen Wegen suchten. Ein bürgerliches Österreich sah sich mit seinen proletarischen Gegenübern konfrontiert. Das geschmeidige, kakanische Wienerisch, das davor im ORF dominiert hatte, traf nun auf einen harten Dialekt, dem es an deftigen Worten nicht mangelte. »Ordinär« fanden das viele, ein Wort, das mehr Bedeutungen enthält, als sie sich klarmachen wollten. Denn das »Ordinäre« ist ja zuerst einmal einfach das Gemeine, das, was viele gemeinsam haben. Es steckt schon ein Stück bürgerliche Arroganz in der Geschichte des Wortes »ordinär«, das nun vor allem für die niedrigeren Schichten verwendet wurde.
Die Geschichte dieser Serie hat viele Protagonisten. Da war zuerst der Autor Ernst Hinterberger, der Mitte der sechziger Jahre zu veröffentlichen begann, und der im Lauf der Jahre eine bemerkenswerte Karriere mit eigenen Büchern und Drehbüchern für den ORF hatte. Ein echter Wiener geht nicht unter brachte ihm den Durchbruch, einen weiteren Höhepunkt erreichte er mit den 64 Folgen des Kaisermühlen Blues als großem Epos des Wienerischen, eine Forsythe Saga im Gemeindebau. Im ORF begann Ende der sechziger Jahre der innovative, aus der Steiermark in die Hauptstadt gekommene Redakteur Hans Preiner nach Wegen zu suchen, wie er die »Avantgarde« – ein zunehmend selbstbewusstes künstlerisches Milieu in Österreich – in die nationale Sendeanstalt integrieren könnte. Er nutzte Freiräume für Überlegungen, wie das Fernsehen als populäres Medium seine Massenwirksamkeit für andere Zwecke einsetzen könnte als bloß für leichte Unterhaltung oder gar für illusionären Trost angesichts einer problematischen Wirklichkeit. Er band dafür eine ganze Generation junger Filmemacher an sich, in erster Linie Reinhard Schwabenitzky, der bei den ersten 13 Folgen von Ein echter Wiener geht nicht unter Regie führte. Der junge Regisseur Schwabenitzky suchte damals nach neuen Formen eines österreichischen Kinos, nachdem die traditionelle Filmindustrie zusammengebrochen war. Er fand im Fernsehen eine überraschende Möglichkeit und probierte nebenbei aus, wie ein sozialkritisches, alltagsnahes Kino aussehen könnte. Das Fernsehspiel vom echten Wiener entstand in dieser Dreierkonstellation eines Redakteurs mit einem Autor und einem Regisseur. Dazu kam ein perfekt aufeinander abgestimmtes Ensemble vor der Kamera. Der Schauspieler Karl Merkatz hatte mit Ernst Hinterberger entscheidende Generationenerfahrungen gemeinsam. Beide erlebten das Erwachsenwerden in der Krise der Befreiung vom Nationalsozialismus. Merkatz war vor allem in Deutschland auf dem Theater tätig, bevor er Mitte der siebziger Jahre mit der riskanten Rolle des Mundl zu einer Verkörperung der österreichischen Seele wurde, zu einem Archetyp, vergleichbar dem Herrn Karl – mit dem Bockerer fand er später noch eine zweite Figur, mit der er ebenso eng verwuchs. Karl Merkatz, Ingrid Burkhard als Toni Sackbauer, Klaus Rott als Sohn Karli, Erika Deutinger als Tochter Hanni, dazu eine ganze Riege von Charakterdarstellern in tragenden Nebenrollen und viele Kurzauftritte von späteren Legenden der österreichischen Kultur – die Serie wurde zu ihrem eigenen Starsystem.
Im Hintergrund sind dabei immer die Versuche der Regierungen von Bruno Kreisky präsent, Österreich moderner zu machen. Der Bundeskanzler aus der SPÖ, der bei den Nationalratswahlen 1975 und 1979 eine absolute Mehrheit erhielt, hat das Land mit seinen Kabinetten stark verändert. Fristenlösung, UNO-City, Zwentendorf, alle diese Stichworte für große Projekte in der Gesetzgebung oder im realen Raum fallen auch im Hause Sackbauer. Zugleich haben Ernst Hinterberger und Hans Preiner mit ihrem Fernsehspiel der Politik eine Figur gegenübergestellt, die man gern als Karikatur abgetan hätte: einen Wutbürger, der seine Informationen in der Kronen Zeitung und im »Fernsehkastl« findet, und der zwischen Aufbegehren und Resignation schwankt (»mit uns kennans des ja machen«). Ein toxischer Mann, wie man heute sagen würde, dessen wichtigster Stehsatz eine Gewaltandrohung ist: Konflikte würde er am liebsten mit einer »Watschen« regeln, nach der einem »vierzehn Tage der Schädel wackelt«. Eine solche Ankündigung kann aber auch rhetorisch werden, wenn man tatsächlich eben doch nicht zuschlägt, und so wird die latente Brutalität von Mundl auch zu einem Running Gag, den irgendwann die Kinder parodistisch nachbeten. Sie verliert aber nie vollständig ihre Bedrohlichkeit.
Österreich machte in diesen Jahren wichtige Schritte in Richtung einer ausgewogeneren Demokratie. Die Generation der Kinder von Edmund und Antonia Sackbauer eilt ihren Eltern manchmal schon voraus: Tochter Hanni, mit Vorliebe als »de Gurken« bezeichnet, ist mit einem »Dichter« zusammen, die Beziehung ist naturgemäß kompliziert wie die neuen sozialen Verhältnisse allgemein; Sohn Karli, »der Trottel«, wie Mundl ihn meistens nennt, macht eine kleine Karriere im »Konsum« (der »roten«, genossenschaftlichen Ladenkette) und versucht, seiner Irmi, die aus einer Familie von Kleingewerbetreibenden kommt, ein gutes Leben zu ermöglichen.
Das alles spielt sich im Wesentlichen in einem typischen Zinshaus in Favoriten ab, mit einem Hausmeisterpaar (Kurti und Fini Blahovec), mit keifenden Nachbarn (einer Frau Quapil, die man bis auf einen ganz kurzen Gag-Moment nie zu Gesicht bekommt) und auf dem beengten Raum, der noch deutlich an die Wohnverhältnisse nach dem Krieg erinnert. Die Befreiung ist 1975 eine Generation entfernt, die Not der ersten Jahre ist noch nicht vergessen, die Zeit unter Hitler ist aber auch schon historisch – man möchte nun nach vorne schauen, außerdem gibt es mit den »Fremdarbeitern« neue Herausforderungen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Was ein »echter Wiener« ist, steht mehr denn je zur Disposition.
In Folge 3, Die Wohnung, sitzt die erweiterte Sackbauer-Familie um das Radio versammelt. Von Franzi, dem Freund von Hanni, wird das Hörspiel Brennpunkte ausgestrahlt. Zum ersten Mal macht er sich damit im literarischen und intellektuellen Betrieb des Landes bemerkbar. Schon in Folge 2, Der Urlaub, hatte Franzi an der »Krotenlacke«2, wo die Familie einen Ferientag verbringt, nachdem es mit Jesolo nichts geworden ist, mit ein paar Sätzen angedeutet, worum es in seinem Text geht: Er spielt »in einem Staat wie dem unseren, jedenfalls in einer Demokratie. Trotzdem sind hinter den Kulissen Kräfte am Werk, die sind antidemokratisch, weil sie die Bürger bespitzeln und überwachen.« Ein junger Mann, der Protagonist des Hörspiels, versucht, »aus diesem geheimen Terror auszubrechen«, indem er die Organisation infiltriert.
Es liegt nahe, diese Skizze auf den Roman zu beziehen, mit dem Ernst Hinterberger zehn Jahre davor sein Debüt im österreichischen Literaturbetrieb gegeben hatte. Beweisaufnahme erschien 1965 im renommierten Zsolnay Verlag. Hinterberger begriff sich später ausdrücklich als Volksschriftsteller und war nie Teil des literarischen Betriebs im engeren Sinn. Sein erster Roman weist allerdings noch viele Charakteristika auf, die man der sogenannten anspruchsvollen Literatur zuschreiben würde. Hinterberger erzählt von einem nicht mehr ganz jungen Mann namens Wehofer, der unerwartet eine »graue Karte« per Post erhält: eine Vorladung zu einer »Beweisaufnahme«. Er muss sich einen Tag frei nehmen und findet sich bei einem Amt ein, in dem ihn zwei Männer erwarten: Horak und Kirchpichler, klassische Verwaltungschargen, die bald deutlich machen, dass sie überraschend viel über Wehofer wissen. Sie schalten ein Tonband ein und lassen ihn erzählen. Es handelt sich nicht ausdrücklich um ein Verhör, die Beamten erwarten aber fortwährend so etwas wie Geständnisse. Wehofer verspürt wohl die Reflexe, die zu erwarten sind, wenn sich jemand mit einer Überwachungssituation konfrontiert sieht. Aber das Misstrauen ist nicht groß genug, um ihn zu einem Ausweichmanöver zu inspirieren. Er beginnt zu reden, und was er sich in der Folge und den ganzen Roman hindurch von der Seele redet, betrifft eine beispielhafte österreichische Kriegs- und Nachkriegsbiografie. Die latent kafkaeske Stimmung ergibt sich daraus, dass die beiden Beamten (»Kreaturen einer unfaßbaren, immer im Hintergrund bleibenden Organisation oder Persönlichkeit«) von vornherein wissen, was die wichtigsten Momente in Wehofers Leben waren. Sie wollen nun seine Darstellung hören und verstricken ihn dadurch zumindest in Ansätzen in eine Reflexion auf sein Verhalten.
Der Moment, in dem er zum ersten Mal aus der Anonymität hervortritt, ist während der Pogrome gegen Wiener Juden gleich nach dem »Anschluss«. Von da an durch die Kriegsjahre und die Zeit der Besetzung durch die »Russen« erweist sich der heranwachsende Wehofer als einer, der sich manches richtet, viele Gelegenheiten wahrnimmt, weitgehend aber immer nur auf wechselnde Umstände reagiert. Ein Eindruck von Persönlichkeit stellt sich nicht ein.
Beweisaufnahme hat Aspekte einer Beamtensatire. Horak und Kirchpichler sind »Typen«, und auch Wehofer (dessen Name auf den wienerischen Ausdruck »ein Weh« anspielt, ein erbärmlicher oder jämmerlicher Mensch) ist einer. Hinterberger hat Details seiner frühen Arbeitsbiografie eingearbeitet und konnte auf eigene Erfahrungen zurückgreifen. Als Jahrgang 1931 gehörte er selbst der Generation Wehofer an. Einer Generation, die gerade noch zu jung war, um sich Fragen über ihr verantwortliches Handeln im Nationalsozialismus stellen zu müssen. Das Ende der Kindheit fiel für Hinterberger mit dem Ende des Nationalsozialismus zusammen. Hinterberger wollte aber auf einen weiter gefassten Begriff von Schuld hinaus, wie er mit einem Zitat von Jean-Paul Sartre deutlich machte, das er als Motto voranstellte: »Es ist die Funktion des Schriftstellers, so zu wirken, daß keiner die Welt ignorieren und keiner sich in ihr unschuldig nennen kann.«
Eine der wichtigsten autobiografischen Parallelen betrifft eine Kinderlandverschickung nach Ungarn. Von diesen Monaten in der Nähe von Szeged handelt eines der Kapitel des Romans. Wehofer entdeckt dort seine Sexualität, wenn er mit anderen Jungen dabei zusieht, wie sich die Pflegeeltern »im Roßstall« paaren. Bald nach Kriegsende wird er in Wien mit einer älteren Frau (»scharf war die auf ein Hosentürl wie Gift«) seine ersten eigenen Erlebnisse haben. Der Übergang von der NS-Herrschaft in die Besatzungszeit wird vor allem mit den Plünderungen in Zusammenhang gebracht, also mit einer anarchischen Form von Selbstbehauptung. In diesem Zusammenhang fällt auch zum ersten Mal die Formulierung, die später in den Namen der Fernsehserie eingehen sollte: »Der echte Wiener ist auf alles gefasst.« Hinterberger ging es also schon damals darum, Wien durch einen repräsentativen Typus zu erfassen. Der echte Wiener ist demnach ein Mensch, der eher reagiert als agiert, und dem die Erfahrung sagt, dass es nichts Beständiges gibt. Wehofer erlebt die Regellosigkeit der Zeit der »Russen« (der sowjetischen Besatzer) als sexuell befreiend (er findet »in der Lobau ein freies Leben«3, auch hier wieder vorwiegend mit älteren Frauen). Die Gegenwart der jungen Zweiten Republik vermag ihn nicht aus seiner Uneigentlichkeit, die als eine Reaktion auf die Unbeständigkeit der historischen Erfahrungen in seinem jungen Leben gelesen werden kann, zu erlösen. Horak, ein »Erhebungsbeamter mit Pensionsberechtigung«, versucht ihn mit geläufigen Angeboten zu locken: Ein Parteieintritt würde Wehofer ein wenig Status verleihen und ihm einen Platz in der Gesellschaft zuweisen. Doch Hinterberger lässt den Roman drastisch enden: »Robert Wehofer, fünfunddreißig, mittelgroß, dicklich, zur Kahlköpfigkeit neigend, konnte nicht mehr viel gespürt haben.« Wehofer wirft sich vor eine Straßenbahn. Der Selbstmord wird von der Bürokratie als Unfall verbucht.
Noch im selben Jahr 1965 brachte Zsolnay den Roman noch einmal in einer Jubiläumsausgabe heraus, nun aber unter einem etwas befremdlichen neuen Titel: Ein gemütlicher Wiener. Damit verschiebt sich der Akzent. Wehofer wird zu einem Klischee-Typus, zu einem Vertreter einer Eigenschaft, mit der Wien auch für sich wirbt. Gemütlichkeit findet man beim Heurigen, wo man beim Wein und mit Musik die Widersprüche des Lebens vergessen kann. In Der Herr Karl von Carl Merz und Helmut Qualtinger, erschienen 1961, heißt es über den »Anschluss« an NS-Deutschland im Jahr 1938: »Endlich amal hat der Wiener a Freid g’habt … a Hetz (…).« Die Stimmung auf dem Heldenplatz wird so beschrieben: »Es war wia a riesiger Heiriger …! Aber feierlich. Ein Taumel.« Die Aneinanderreihung sehr unterschiedlicher Begriffe lässt erkennen, dass der Herr Karl sehr wohl Schwierigkeiten hat, das Erlebte zu verarbeiten – zumal er ja mit dem Wissen spricht, was danach kam. Das Stichwort Gemütlichkeit fällt in Der Herr Karl nicht, aber die Figur, zumal in der Interpretation durch Helmut Qualtinger, ist als eine ambivalente Verkörperung dieser vorgeblichen Wiener Grundeigenschaft zu sehen. Karl verzichtet auf die Medien der Auseinandersetzung: »I brauch des alles net … von mir aus brauchert’s ka Theater geben, ka Kino … a bisserl a Musi, des is alles, was i brauch.« Der Herr Karl wurde wenige Jahre vor Hinterbergers erstem Roman zum Grundtypus eines echten Wieners4, weil er von der Geschichte (»den Lebenskampf, wia mia ihn ham führn müssen«) nicht wirklich tangiert wird. Wehofer steht in einer entsprechenden Tradition der Immunisierung gegen das Zuviel, das er erlebt hat. Er ist eine Figur der Distanz, auch zu sich selbst. Das Verhör führt ihn zu sich selbst, allerdings kann er sich selbst nur gerecht werden, indem er sich umbringt.
Das überraschende, forciert negative Ende des Romans Beweisaufnahme lässt sich auf das Motto von Sartre zu Beginn zurückführen. Im juristischen Sinn ist Wehofer freizusprechen, es war ja nicht einmal ein richtiges Verfahren, das gegen ihn geführt wurde. Im existenziellen Sinn aber hat er keine Rechtfertigung. Er hat Dinge erlebt, auf die er nur mit einer Authentizität antworten könnte, die er gerade nicht aufbringt – es ist das Übermaß an Geschichte, für das Wehofers reduzierte Persönlichkeit ein Symptom ist. Noch sein Selbstmord hat Züge einer »schwachen« Tat – er legt nicht »Hand an sich«, wie es Jean Améry 1976 in seinem Essay über den Freitod zu einem dezidierten Akt der Freiheit erklärte. Wehofer lässt sich überfahren.
Hinterberger bekam für den Roman Lob von unerwarteter Seite. Der Kollege Johannes Mario Simmel, der Mitte der sechziger Jahre bereits als Bestsellerautor etabliert war, schrieb ihm einen langen Brief, in dem er seiner Begeisterung Ausdruck verlieh. »Sie sagen die Wahrheit. Bitte, sagen Sie sie weiter. Dann werden Sie ein großer, ein ganz großer Schriftsteller, davon bin ich überzeugt. Denn begabt genug sind Sie. Ein guter Schriftsteller muss die Wahrheit aufschreiben. Dann ist er ein großer Schriftsteller. Und das müssen Sie werden, denn jetzt kehrt sich der Spieß um. Beweisaufnahme, das ist eine lebenslange Verpflichtung für Sie von nun an. Das liest sich vielleicht komisch, aber Sie werden bald merken, dass es gar nicht komisch ist. Sie sind nicht mehr im Stand der Unschuld. Sie haben Roulette gespielt und gewonnen. Man gewinnt nicht immer.«5
Simmels erster Roman Mich wundert, daß ich so fröhlich bin war 1949 ebenfalls bei Zsolnay erschienen. Er schrieb seinen Brief an Hinterberger also auch an einen Verlagskollegen. Bis 1960 war Simmel dem damals wichtigsten Wiener Literaturverlag verbunden. Der Roman Ich gestehe alles (1953) weist zahlreiche motivische Inspirationen für Hinterbergers Beweisaufnahme auf. Simmel war 1965 bereits ein Star und zu einem Münchner Großverlag gewechselt. Umso erstaunlicher, dass er sich für Hinterberger interessierte und ihm auch noch eine Art Programm übermittelte: »Wer die Wahrheit schreibt, hat es schwer. Aber er muss sie schreiben, wenn er sie weiß – wie Sie. Denn wenn er das nicht tut, dann begeht er damit eine von den Sünden, an die ich glaube – und die nicht im Religionsbuch stehen. Man kann die Wahrheit auf so viele verschiedene Weisen schreiben und den Leuten unter die Weste jubeln. Ernst, heiter, grotesk, spannend – aber man muss die Wahrheit immer mit List verbreiten, wie Herr Brecht sagte.«
Die List, für die Simmel sich auf Brecht beruft, ist im Grunde die der Populärkultur insgesamt. Seine Romane waren Schmöker, angereichert auch mit freizügig erzählten Sexszenen. Es ging ihm aber immer darum, die Dimensionen des Menschlichen in turbulenten Zeiten auszuloten. Es dauerte eine Weile, bis die Literaturkritik dieses neue Mischverhältnis zwischen Humanismus, Kolportage, Libertinage begriff – inzwischen wird Simmel nicht mehr bloß als Lesefutter gesehen, sondern auch als Chronist und als relevanter Schriftsteller. 1996 lud der Germanist Friedrich Aspetsberger nach Klagenfurt zu einem Simmel-Symposion, aus dem auch ein Buch wurde. Während Aspetsberger selbst in einem fulminanten Beitrag eine »souveräne Poetik« in den »komplexen« Romanen von Simmel freizulegen versucht6, war der damals schon legendäre Wiener außerordentliche Professor für Literaturwissenschaft Wendelin Schmidt-Dengler deutlich skeptischer: Er stieß sich an der letztlich dann doch trivialen Wirklichkeitsverdoppelung in Simmels Büchern, die »das Thema an den Handlungsüberschuß verraten«7.
