Ein Geist in der Kehle - Doireann Ní Ghríofa - E-Book

Ein Geist in der Kehle E-Book

Doireann Ní Ghríofa

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Beschreibung

Der internationale Bestseller aus Irland. Erstmals im Taschenbuch. "Dies ist eine Geschichte vom Sichverlieren und vom Finden ... von einem Echo durch die Jahrhunderte. Dies ist ein weiblicher Text. Und wir brauchen ihn unbedingt." Mareike Fallwickl, Autorin und Influencerin

ZWEI SCHRIFTSTELLERINNEN, durch Jahrhunderte voneinander getrennt, verbunden durch »Erfahrungen, die ein Mann nicht machen kann« (Frankfurter Rundschau). »Als wir uns zum ersten Mal begegneten, war ich ein Kind und sie schon seit Jahrhunderten tot.« So beschreibt Doireann Ní Ghríofa das erste Zusammentreffen mit Eibhlín Dubh Ní Chonaill, eine der letzten Edelfrauen des alten irischen Adels, die einst im 18. Jahrhundert ein legendäres Trauergedicht für ihren brutal ermordeten Mann schuf - inzwischen Schullektüre in Irland. Langweilig für die elfjährige Doireann, aber auch: »Wie sehr ich sie auch zu vertreiben versuche, die Verse lassen mich nicht in Ruhe.« Besessen von den Parallelen zu ihrem eigenen Leben macht sie sich als junge Mutter und Lyrikerin schließlich auf die Suche nach dem verschwiegenen Rest des Geschehens.

In ihrem ungewöhnlichen Prosadebüt, das in 20 Sprachen übersetzt wurde und inzwischen Kultcharakter angenommen hat, verbindet Doireann Ní Ghríofa literarische Recherche, Autofiktion und Biografie zu einem Buch voller Poesie, in dem jahrhundertealte weibliche Erfahrung und Selbstfindung im Mittelpunkt stehen. »Ein Gesang auf die Liebe, den Schmerz und weibliche Schaffenskraft« (WDR).

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 349

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Zum Buch:

ZWEI SCHRIFTSTELLERINNEN, Jahrhunderte voneinander getrennt: In ihrem ungewöhnlichen Prosadebüt verbindet Doireann Ní Ghríofa Essay und Autofiktion, um das Innenleben und die tiefe Verbundenheit zwischen zwei schreibenden Frauen aus zwei verschiedenen Epochen zu erkunden. Es ist eine Feier des Lebens, der Liebe und des rechten Umgangs mit Leiden.

Im 18. Jahrhundert trinkt eine irische Adelige, als sie erfährt, dass ihr Mann ermordet wurde, eine Handvoll seines Blutes und verfasst ein außergewöhnliches Gedicht, das zum nationalen Mythos werden wird. In der Gegenwart entgeht eine junge Mutter nur knapp einer Tragödie und stößt auf ein Gedicht, das sie bereits als Schulkind gelesen hat. Besessen von den Parallelen zu ihrem eigenen Leben macht sie sich auf die Suche nach dem verschwiegenen Rest des Geschehens.

Eine große Geschichte über eine Frau, die ihre Stimme befreit, indem sie in die Vergangenheit vordringt und die einer anderen findet.

Zur Autorin:

DOIREANN NÍ GHRÍOFA ist eine irische Dichterin und Essayistin. Ihre Themen kreisen um Mutterschaft und Begehren, Tod und Familie, in ihrem Schreiben überbrückt sie die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Sie ist vielfach preisgekrönt, und ihre Werke sind in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Für ihre Texte erhielt sie unter anderem das Lannan Literary Fellowship (USA), den Ostana-Preis (Italien), ein Seamus Heaney Fellowship (Queen›s University), den Hartnett Poetry Award und den renommierten Rooney Prize for Irish Literature. Mit Ein Geist in der Kehle gelang ihr ein international gefeierter Bestseller und der vielfach beachtete Durchbruch auf literarischer Ebene, sie gewann damit u.a. den An Post Irish Book of The Year Prize.

DOIREANN NÍ GHRÍOFA

Ein Geist in der Kehle

Übersetzt von Cornelius Reiber (Text)und Jens Friebe (Lyrik)

Die Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel »A Ghost in the Throat« bei Tramp Press, Dublin.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Deutsche Erstausgabe März 2023

Copyright © 2020, Doireann Ní Ghríofa

All rights reserved

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2023 by btb Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: semper smile, München

nach einem Umschlagentwurf von Fiachra McCarthy

unter Verwendung eines Motivs von PEXELS

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-28296-7V002www.btb-verlag.de

www.facebook.com/btbverlag

Den drei Eileens, die die Laterne anzündeten, durch deren Licht ich sehe:Eileen Blake, Eileen Forkan und Eibhlín Dubh Ní Chonaill.

Inhalt

1. ein weiblicher text

2. ein flüssiges echo

3. andernorts atmen

4. im melksaal

5. ein unwissenschaftlicher mischmasch

6. der sektionsraum

7. kalte lippen auf kalte lippen

8. kerker

9. blut im matsch

10. zwei straßen, beide verschwommen

11. klecks. klecks.

12. omen – von flugzeugen und staren

13. die oberfläche zersplittern

14. jetzt, damals

15. eine folge von schatten

16. wildbienen und ihre summende wissbegier

17. wie verschwommen der ginster

caoineadh airt uí laoghairethe keen for art ó laoghaire

klagelied für art ó laoghaire

DANK

LITERATUR

Zu den Übersetzern

Wir sind ein Echo, das schwirrend dahinjagt durch eine Reihe von Räumen.

Czesław Miłosz

Dá dtéadh mo ghlao chun cinn go Doire Fhíonáin mór laistiar

Should my howl reach as faras grand Derrynane

Reichte mein Schmerzensschrei bis nach Derrynane

Eibhlín Dubh Ní Chonaill

1. ein weiblicher text

thug mo shúil aire duit,

thug mo chroí taitneamh duit,

how my eye took a shine to you,

how my heart took delight in you,

mein Aug’ hell erleuchtet,

mein Herz voller Freude,

Eibhlín Dubh Ní Chonaill

DIESISTEINWEIBLICHERTEXT.

Dies ist ein weiblicher Text, erdacht beim Falten der Kleidung anderer. Ich trage ihn bei mir im Geist und er wächst, allmählich und sacht, während meine Hände Tausende Pflichten verrichten.

Dies ist ein weiblicher Text, entstanden aus Schuld und Begehren, verwoben mit einem Soundtrack von Kinderreimen aus Zeichentrickfilmen.

Dies ist ein weiblicher Text, und es ist ein kleines Wunder, dass es ihn überhaupt gibt, wie jetzt in diesem Augenblick, da er in ein anderes Bewusstsein dringt durch das gewöhnliche Wunder gedruckter Schrift. Gewöhnlich auch die Splitter von Gedanken, wie sie von meinem Körper zu deinem schießen.

Dies ist ein weiblicher Text, geschrieben im einundzwanzigsten Jahrhundert. Wie spät es ist. Wie viel sich verändert hat. Wie wenig.

Dies ist ein weiblicher Text, der auch ein Caoineadh ist: ein Trauergesang und Klagelied, eine Hymne, ein Choral und eine Totenklage. Stimm ein.

2012

Mein Morgen verläuft jeden Tag weitgehend gleich. Ich küsse meinen Mann und fühle dabei einen Stich – egal, wie oft wir uns morgens so verabschieden, vermisse ich ihn bereits, wenn er das Haus verlässt. Noch während man sein Motorrad in die Ferne davondonnern hört, beginne ich rasch meinen Tag. Erst füttere ich unsere Söhne, dann räume ich die Spülmaschine ein, hebe Spielzeug vom Boden auf, wische Flecken weg, schaue auf die Uhr, bringe unseren Ältesten zur Schule, gehe wieder nach Hause mit dem Kleinen und dem Baby, seufze und schlafe, lache und küsse, sinke aufs Sofa, um den Jüngsten zu stillen, schaue wieder auf die Uhr, lese Die Raupe Nimmersatt ein paarmal nacheinander vor, versuche, im Bad über dem Waschbecken Babyspeichel auszuwaschen, scheitere, baue einen Turm aus Klötzen zum Umstoßen, versuche, den Boden zu wischen, gebe auf, als das Baby schreit, küsse die Knie des Kleinen, der auf dem halb gewischten Boden ausgerutscht ist, schaue wieder auf die Uhr, wische verschütteten Saft auf, setze den Kleinen an einen Tisch vor ein Puzzle und trage den Kleinsten nach oben ins Bett.

Das Baby schläft in einer Wiege aus dritter Hand, zusammengehalten mit schwarzem Klebeband, und die Wände des Schlafzimmers unserer Mietwohnung schmücken keine pastellfarbenen Wandgemälde, sondern Gebilde aus schwarzem Schimmel. Mir fällt immer kein Schlaflied ein, also greife ich auf die Lieder von Mixtapes aus meiner Jugend zurück. Ich habe »Karma Police« so oft zurückgespult, dass ich schon oft befürchtete, das braune Band könnte reißen, aber jedes Mal, wenn ich Play drückte, spielte das Gerät das Lied wieder ab. Jetzt, in meiner Erschöpfung, kehre ich zu dieser Melodie zurück und summe sie leise, während das Baby glucksend von meiner Brust trinkt. Sobald sich sein Kiefer entspannt und sich seine Augen nach hinten verdrehen, schleiche ich mich davon, erneut fasziniert vom Gedanken, wie oft einzelne Augenblicke meines Tages von unzähligen anderen Frauen in unzähligen anderen Wohnungen durchlebt werden, verbunden mit mir im Text unserer Tage. Ich frage mich, ob sie ihre Schufterei genauso lieben wie ich, ob sie die gleiche Freude daran haben, langsam Listen wie meine abzuarbeiten, auf der so einfache Dinge stehen wie:

Zur Schule bringen

Wischen

Oben staubsaugen

Milch abpumpen

Mülleimer

Geschirrspüler

Wäsche

Klo putzen

Milch/Spinat/Huhn/Porridge

Von Schule abholen

Bank + Spielplatz

Abendessen

Baden

Ins Bett bringen

Ich trage meine Liste so nah bei mir wie mein Handy, und es verschafft mir große Befriedigung, wenn ich wieder einen Punkt von der Liste streichen kann. Diese Art Auslöschung gefällt mir. Doch egal, wie viel meiner Energie in die Erledigung der Pflichten fließt, löst sich die Ordnung jedes Zimmers hinter mir direkt wieder auf, als legte eine Schattenhand schon die noch ungeschriebene Liste für die nächsten Tage an: wieder aufräumen, wieder staubsaugen, wieder abstauben, wieder wischen und fegen und wienern. Wenn mein Mann zu Hause ist, teilen wir die Aufgaben im Haushalt auf, aber wenn ich allein bin, arbeite ich alleine. Ich sage es ihm nicht, aber mir ist es lieber so. Ich habe gerne die Kontrolle. Trotz aller Aufgaben auf meiner Liste und trotz meiner Hingabe an ihre Erledigung sieht das Haus so munter durcheinander aus wie jedes andere Haus mit kleinen Kindern, nicht sauberer, nicht schmutziger.

Heute Morgen habe ich bislang erst Zur Schule bringen von der Liste gestrichen, was auch einschließt, dass ich die Kinder wecke, anziehe, wasche und ihnen Essen mache, den Frühstückstisch abräume, die Jacken, Mützen und Schuhe suche, Zähne putze, mehrfach das Wort »Schuhe« rufe, eine Brotdose fülle, eine Schultasche kontrolliere, erneut »Schuhe« rufe und dann, endlich, zur Schule und zurück laufe. Seit ich wieder zu Hause bin, habe ich den Geschirrspüler bislang erst halb eingeräumt, meinem Sohn halb beim Puzzeln geholfen und halb den Boden gewischt – nichts, was ich von meiner Liste streichen könnte. Ich klammere mich an meine Liste, da sie es ist, die mich an der Hand durch meine Tage führt und die Stunden in eine Abfolge kleiner, bewältigbarer Aufgaben unterteilt. Nach dem Abarbeiten einer guten Liste, wenn ich wieder in den Armen meines schlafenden Mannes liege, ist ihr Text zu einer Reihe von Kritzeleien geworden, eine Auslöschung, auf die ich mit Freude und Genugtuung schaue, da das schrittweise Ausstreichen dieses handgeschriebenen Dokuments mir das Gefühl gibt, dass ich den Tag über Wertvolles geleistet habe. Die Liste ist meine Landkarte und mein Kompass zugleich.

Ich merke, wie ich in Verzug gerate, also überfliege ich den Text der heutigen Aufgaben, um mir Überblick zu verschaffen, stelle dann den Geschirrspüler an und ziehe einen Strich durch das Wort. Ich lächle, als ich dem Kleinen helfe, das fehlende Puzzleteil zu finden, klatsche, als es vollständig ist, und hole schließlich die Fernbedienung. Ich kuschle nicht mit ihm, während er Die Oktonauten anschaut. Ich setze mich nicht mit ihm aufs Sofa und schließe dort nicht für zehn Minuten meine müden Augen. Stattdessen eile ich in die Küche, wische den Boden fertig, leere die Mülleimer und streiche diese Aufgaben dann schwungvoll von der Liste.

Über der Spüle schrubbe ich meine Hände, Nägel und Handgelenke und dann noch einmal. Ich nehme Teile von Trichtern und Filtern aus dem Dampfsterilisator, um die Milchpumpe zusammenzusetzen. Solche Geräte sind nicht billig, und da ich keiner bezahlten Arbeit mehr nachgehe, habe ich sie gebraucht gekauft. Die Anzeige wirkte auf meinem Bildschirm fast so anrührend wie die Geschichte mit den Babyschuhen, die meist Ernest Hemingway zugeschrieben wird –

Gekauft für 209 €, zu verkaufen für 45 € VB.

Einmal benutzt.

Seit Monaten vollführen diese Maschine und ich jeden Morgen das gleiche kleine Ritual, um Milch für die Babys von Fremden abzupumpen. Ich öffne meinen BH und schiebe meine Brust in den Trichter. Es ist immer die rechte Brust, da meine linke Brust eine faule Sau ist: einen Monat nach der Geburt hat sie die Produktion weitgehend eingestellt, sodass sowohl das Baby als auch die Maschine ausschließlich von der rechten Brust versorgt werden müssen. Ich drücke den Schalter, zucke zusammen, wenn sie unangenehm an meiner Brustwarze ruckelt, setze mich richtig hin und drehe dann am Regler für die Intensität, mit der die Maschine am Fleisch zieht. Zunächst sind die Züge des Mechanismus schnell getaktet und fest und ahmen das schnelle Saugen des Babys nach, bis sie glaubt, dass die Milch zu fließen begonnen haben muss. Wenig später pendelt sich die Pumpe auf einen gleichmäßigen Rhythmus ein: längeres Ziehen, Loslassen, wieder Ziehen. Das Gefühl an der Brustwarze ist wie eine Reihe kleiner Stromstöße oder ein seltsam stechendes Kribbeln. Im Gegensatz zum Stillen des Babys brennt dieser Vorgang immer, er ist nie angenehm, aber der Schmerz ist erträglich. Schließlich setzt sich die Milch wie von der Maschine gefordert in Bewegung, von irgendwo unter meiner Achselhöhle. Ein Tropfen fällt von der Brustwarze herab und wird direkt in die Maschine gesaugt, dann noch einer, und noch einer, bis sich eine kleine Pfütze am Boden der Flasche bildet. Ich wende meinen Blick ab.

Wenn ich morgens besonders müde bin, träume ich dabei manchmal eine Weile vor mich hin oder vertiefe mich für zehn Minuten in ein Buch aus der Bibliothek, aber heute nehme ich, wie an so vielen anderen Tagen, meine zerlesene Fotokopie von Caoineadh Airt Uí Laoghaire zur Hand und heiße die Stimme einer anderen Frau willkommen, eine Weile in meiner Kehle zu spuken. So fülle ich die einzige kleine Stille meines Tages, indem ich die Lautstärke ihrer Stimme aufdrehe zur Begleitung des Keuchens und Surrens der Pumpe, bis ich nur noch dieses Geräusch höre. Auf dem Rand der Seiten tritt mein Bleistift ins Gespräch mit vielen früheren Versionen meiner selbst, ein sich wandelndes Gedankenprotokoll, in dem jedes Fragezeichen nach dem Leben der Dichterin fragt, die das Caoineadh verfasst hat, aber nie mein eigenes hinterfragt. Einige Minuten später schrecke ich auf und sehe, dass sich die Pumpe mit blasser, warmer Flüssigkeit gefüllt hat.

Als wir uns zum ersten Mal begegneten, war ich ein Kind und sie schon seit Jahrhunderten tot.

Das Bild: Ich bin elf, ein Mädchen, das schlecht in Mathe und in Sport ist, ein Mädchen, das dazu neigt, aus dem Fenster zu starren, ein Mädchen, dessen einzige echte Begabung das Tagträumen ist. Die Lehrerin ruft meinen Namen und reißt mich mit einem Ruck zurück in den dünnwandigen Fertigbau. Ihre Stimme lässt einen schönen Tag des Jahres 1773 erstehen und englische Soldaten in einem Graben auf der Lauer liegen. Ich füge Wasser hinzu, das ihnen bis über die Knie reicht. Ihre Musketen sind auf einen jungen Mann gerichtet, der jetzt aus dem Sattel stürzt, in sehr langsamer Zeitlupe. Eine Frau reitet heran und kniet sich über ihn, ihre Stimme erhebt sich mit einer altertümlichen Formel aus Atem und Silben, die die Lehrerin ein ›Caoineadh‹ nennt, eine Totenklage. Ihre Stimme erzeugt ein Echo, das stark genug ist, um ein Mädchen mit dunklen Haaren und abgekauten Nägeln in der Ferne zu erreichen. Mich.

Im Unterricht wird uns ein Bild gezeigt von dieser Frau, wie sie allein dasteht, malerisch im Wind als kerniges irisches Mädchen mit rosigen Wangen. Dies, so sagt man uns, ist Eibhlín Dubh Ní Chonaill, eine der letzten Edelfrauen des alten irischen Adels. Ihre Geschichte klingt traurig, ja, aber schon auch öde. Schullektüre. Langweilig. Mein Blick schweift schon wieder mit den Krähen in die Ferne, während mir mein meistgehasster Popsong in Dauerschleife durch den Kopf geht, »and you give yourself away …«. Wie sehr ich sie auch zu vertreiben versuche, die Verse lassen mich nicht in Ruhe.

Zu der Zeit, als ich ihr wiederbegegne, erinnere ich unser erstes Treffen nur noch dunkel. Als Jugendliche schwärme ich wie verrückt für dieses Caoineadh, hingerissen von der tragischen Liebesgeschichte, die diese Verse erzählen. Als Eibhlín Dubh beschreibt, wie sie sich auf den ersten Blick verliebt und dann ihre Familie verlässt, um einen Fremden zu heiraten, liebe ich sie dafür, wie jedes jugendliche Mädchen Geschichten liebt, die vom Weglaufen für immer erzählen. Als sie ihren ermordeten Geliebten findet und händeweise von seinem Blut trinkt, male ich durchbohrte Herzen an den Rand. Obwohl ich es noch nicht verstehe, gerät jedes Mal irgendetwas in mir in Aufregung, wenn ich wieder dieses Bild einer Frau vor mir sehe, die über dem toten Körper ihres Geliebten kniet und aus ihm trinkt, etwas, das sich ähnlich anfühlt wie das innere Glitzern, wenn ein Freund seine jugendlichen Hüften an meine und seine Lippen an meinen Hals presst.

Meine Hausaufgabe bekomme ich mit einem großen roten X zurück, und, schlimmer noch, der daruntergekritzelten Ermahnung der Lehrerin: »Lass deine Fantasie nicht mit dir durchgehen!« Ich habe diese Verse so tief empfunden, dass ich mir sicher bin, dass meine Antwort richtig ist, und blättere, mit selbstgerechter Empörung und großem Unmut, nach vorne zum Gedicht zurück. Bei der Aufgabe »Beschreibe die erste Begegnung der Dichterin mit Art Ó Laoghaire« hatte ich geschrieben: »Sie springt auf sein Pferd auf und reitet mit ihm für immer fort«, sehe jetzt aber mit Erstaunen, dass die Lehrerin recht hat: Das Bild kommt im Text nicht vor. Wenn nicht aus dem Gedicht, wo kam es dann her? Ich sehe es genau vor mir: Eibhlín Dubhs Arme um die Hüfte ihres Geliebten geschlungen, die Hände über seinem warmen Bauch verschränkt, das Trommeln der Hufe, und das lange Band ihrer Haare hinter ihr her flatternd. Vielleicht ist es nicht real für meine Lehrerin, für mich schon.

Wenn mein Verständnis des Gedichts als Kind, nun ja, kindlich war und meine Interpretation als Jugendliche nicht viel mehr als Schwärmerei, dann las ich es noch mal anders als Erwachsene.

Es gab keinen Unterricht mehr, den ich zu besuchen hatte, ich musste keine Schulbücher mehr lesen oder Gedichte analysieren, hatte mir aber selbst einen neuen Lehrplan erstellt. Da wir versuchten, den Unterhalt unserer Familie mit nur einem Gehalt zu bestreiten, brachte ich mir bei, Sparsamkeit zu üben. Ich studierte sorgfältig Kleinanzeigen und die Angebote im Supermarkt. Ich traf irgendwelche Fremden aus dem Internet und überreichte ihnen Münzen im Tausch gegen Stapel ihrer Babykleidung. Ich verkaufte Stapel unserer eigenen. Ich durchstöberte Flohmärkte und feilschte um Kinderspielzeug und Treppengitter. Kindersitze fürs Auto kaufte ich ausschließlich im Sonderangebot. Man konnte bei dieser Sparsamkeit eine gewisse Hartnäckigkeit lernen, und ich machte sie mir schnell zu eigen.

Meine ersten Jahre als Mutter, mit all ihrer Müdigkeit, Ehrfurcht und Reizbarkeit, fanden in verschiedenen Mietwohnungen in der Innenstadt statt. Auch wenn ich auf dem Land aufgewachsen war, liebte ich es dort: die Terrassen mit lächelnden Nachbarn und ihren vielen Katzen und Terriern, unsere nebeneinander aufgereihten Mülltonnen, die Schreie vor Wut oder Lust im Dunkel der Nacht, und die Partys am Wochenende mit ihren fröhlichen, betrunkenen Chören. Unsere Wasserhähne tropften, es gab Ratten in dem winzigen Hof, und das nächtliche Flimmern der Stadt machte die Sterne unsichtbar, aber wenn ich aufwachte, um meinen ersten Sohn zu stillen, und dann meinen zweiten, konnte ich die Vorhänge öffnen und den Mond zwischen den Türmen stehen sehen. In diesen Zimmern in der Stadt schrieb ich ein Gedicht. Ich schrieb noch eins. Ich schrieb ein Buch. Sofern man die Gedichte, die mir in diesen Nächten kamen, als Liebesgedichte bezeichnen kann, galt ihre Verliebtheit dem Regen und den Alpenblumen, dem eigenartigen Vokabular eines schwangeren Körpers, den Wolken und den Großmüttern. Kein einziges Gedicht kam mir zur Feier des Mannes, der neben mir schlief, während ich schrieb, des Mannes, dessen mondbeschienene Haut immer meine Lippen anzog. Die Liebe, die ich für ihn empfand, fühlte sich zu umfassend an, um sie in das begrenzte, ordentliche Gefäß eines Gedichtes zu gießen. Ich konnte sie nicht in Worte fassen. Ich kann es noch immer nicht. Während er träumte, sah ich Gedichte durch das Dunkel auf mich zuschnellen. Die Stadt hatte etwas in mir entzündet, etwas, das pulsierte, verletzlich wie eine Fontanelle, etwas, das bebte, wie ich, zwischen Glück und Erschöpfung.

Wir waren in drei Jahren bereits zweimal umgezogen, und die Schlagzeilen vermeldeten weiterhin, dass die Mieten stiegen. Unsere Vermieter sahen in solchen Meldungen immer eine Chance, und wer konnte es ihnen verdenken? Ich. Ich gab ihnen jedes Mal die Schuld, wenn wir wieder mit einem Achselzucken vertrieben wurden. Ganz gleich, wie überschwänglich ihre Empfehlungsschreiben waren, ich nahm es ihnen jedes Mal übel, wenn wir uns schon wieder gezwungen sahen, eine Wohnung zu verlassen. Jetzt standen wir erneut vor einem Umzug. Ich hatte wochenlang gesucht, bis ich schließlich eine nahe gelegene Kleinstadt mit niedrigeren Mieten fand. Wir unterschrieben einen neuen Mietvertrag, packten unser Auto voll und verließen die Stadt. Ich wollte nicht weg. Ich fuhr langsam, konnte kaum schalten, da mein Arm zwischen unserem alten Fernseher und einer Mülltüte voller Teddys eingeklemmt war, während meine Stimme unseren Chor durch »Five little ducks went swimming one day« trug. Ich fand den Weg über mir unbekannte Straßen, »over the hills and far away«, hielt Ausschau nach Wegweisern Richtung Bishopstown und Bandon, Macroom und Blarney, während ich »Mammy Duck said Quack, Quack, Quack …« sang, bis mein Blick an einem Straßenschild nach Kilcrea hängen blieb.

Kilcrea – Kilcrea – das Wort hallte in meinem Kopf nach, als ich die neue Tür aufschloss, hallte weiter nach, während ich Dreck von den Fliesen schrubbte und das Gesicht verzog über die Biografie der Blut- und Spermaflecken auf den Matratzen. Kilcrea, Kilcrea, das Wort verfolgte mich tagelang, während ich Bücher und Mäntel und Babyphone auspackte, Löffel und Handtücher und verhedderte Ladekabel, bis mir endlich einfiel – achja! –, dass Kilcrea der Name des Friedhofs in dem Gedicht aus meiner Schulzeit war, wo die Dichterin ihren Geliebten begrub. Ich zuckte innerlich zusammen bei der Erinnerung daran, wie ich für dieses Gedicht damals geschwärmt hatte, so wie ich zusammenzuckte, wenn ich mich an all die dürren Rockstars erinnerte, deren Bilder ich als Jugendliche aus Heften ausgerissen und an die Wände geklebt hatte, an das Vokabular, das ich mir wegen ihnen erschloss, um mein aufkeimendes Begehren in Worte zu fassen. Allgemein zuckte ich innerlich zusammen, wenn ich an mein jugendliches Ich dachte. Es war mir unangenehm, dieses Mädchen, das ihre Wünsche so unverfroren zeigte, das Mädchen, das ihre mit Tipp-Ex auf die Schultasche gepinselten Sehnsüchte so offen zur Schau trug, das ihre eigenen Markierungen über all die Schichten von Graffiti an Häuserwänden kritzelte, das Fremde aus Busfenstern schamlos anstarrte, das ihnen direkt in die Augen blickte und den Blick so lange hielt, bis sie ihre eigene Lust in ihnen aufsteigen sah. Das Mädchen, das bei verbotenen Handlungen hinter der Schule erwischt wurde und dem ein Schulverweis drohte. Das Mädchen, das als Luder, Nutte und frigide Schlampe bezeichnet wurde. Das Mädchen, dem man mit Schweigen begegnete. Das Mädchen, das bestraft und nochmals bestraft wurde. Das Mädchen, dem das egal war. Ich war jetzt hier und sang einem Kind Lieder vor, während ich die Scheiße aus der Toilette eines Fremden kratzte. Und wo war sie?

Auf dem Schulparkplatz war ich etwas zu früh dran, als ich meinen älteren Sohn abholte, und suchte unter einem Baum Schutz vor dem Regen. Mein jüngerer Sohn träumte unter der Regenhaube in seinem Kinderwagen, und ich bewunderte seine speckigen Ärmchen mit ihren Grübchen, als ich sie zurück unter die Decke schob. Dort. Im kümmerlichen Gras neben dem Asphalt brummten Hummeln umher – wenn ich einen eigenen Garten hätte, dachte ich, würde ich ihn mit niedrigen Kleewäldern und all dem hässlichen Unkraut bepflanzen, das sie so lieben, und ich würde mich auf die Knie werfen, den Bienen zu Diensten. Ich blickte über sie hinweg zu den Hügeln in der Ferne und kramte, da ich wieder an das Straßenschild dachte, nach meinem Handy. Das Caoineadh hatte viel mehr Strophen, als ich in Erinnerung hatte, dreißig oder mehr. Die Landschaft des Gedichts erwachte beim Lesen zum Leben, sie war lebendig überall um mich herum, lebendig und voller Regengeprassel, und ich fühlte mich in ihr lebendig. Unter dem tropfnassen Baum sah ich ihre Söhne: »Conchubhar beag an cheana / is Fear Ó Laoghaire, an leanbh« – was ich mir als »der süße kleine Conchubhar / und Fear Ó Laoghaire, das Baby« übersetzte. Ich stellte erschrocken fest, dass Eibhlín Dubh damals gerade schwanger war, mit ihrem dritten Kind, genau wie ich. Bei meinen früheren Lektüren hatte ich sie mir nie als Mutter vorgestellt, oder vielleicht hatte ich diesen Teil ihrer Identität einfach ausgeblendet, da die Kollision von Mütterlichkeit und Begehren nicht zu dem gepasst hätte, wie mein jugendliches Ich sie sehen wollte. Als meine Fingerspitzennarbe jetzt über den Text fuhr, sah ich es fast vor mir, wie sie in der Dunkelheit ihr Wiegenlied summte. Ich ging den Text ganz durch, von Anfang bis Ende, scrollte dann zum Anfang zurück und las alles noch mal von vorne. Dieses Mal langsamer.

Das Gedicht begann aus der Perspektive Eibhlín Dubhs, wie sie einen Mann beobachtete, der über einen Markt schlenderte. Sein Name war Art, und wie er so ging, wollte sie ihn. Nachdem sie zusammen durchgebrannt waren, führten sie ein Leben, das man nur als opulent bezeichnen konnte: ach, die prächtigen Schlafgemächer, ach, die köstlichen Mahlzeiten, ach, die Mode, ach, die endlos langen Morgenstunden in üppigen Daunendecken. Als Arts Frau fehlte es ihr an nichts. Ich beneidete sie dafür, wie sie lebte, und fragte mich, wie viele Bedienstete wohl nötig waren, um alles am Laufen zu halten, wie viele Schattenfrauen ihre Schattenarbeit verrichteten, die Art von Schattenfrauen, von denen ich abstamme. Eibhlín widmet Vers um Vers der Beschreibung ihres Geliebten, die so lebhaft ist, so vibriert von tiefer Liebe und Sehnsucht, dass sie noch immer mitreißend wirkt, doch dass das Gedicht nach seiner Ermordung verfasst wurde, bedeutet auch, dass die Trauer ihren düsteren Schatten über jede Zeile der Feier wirft. Wie intensiv sich solche Beschreibungen nach seiner Ermordung angefühlt haben müssen, als jedes hingeschriebene Detail ihn wieder heraufbeschwor, lebendig und tadellos gekleidet, mit einer glänzenden Brosche am Hut und dem »Anzug nach feinster Mode, für dich im Ausland genäht und gewoben«. Sie zeigt uns Art, wie sie ihn begehrte, und nicht nur sie, sondern auch andere, wie zum Beispiel die vornehmen Frauen der Stadt, denn –

Wenn du in der Stadt

durch die Prachtstraßen liefst,

knicksten die Frauen

der Kaufleute tief.

Denn sie erkannten in dir gleich den Mann,

mit dem man das Bett

und den Sattel gern teilt

und Kinder zeugt.

Obwohl das Paar unter dem Regime der Angst und Grausamkeit der Strafgesetze gegen die katholische Bevölkerung lebte, war ihr Mann unbeugsam. Trotz seiner vielen Feinde schien Art Eibhlín irgendwie unverwundbar, bis zu dem Tag, an dem »sie zu mir kam, deine Stute, / die Zügel hingen zu Boden, / verschmiert war dein Herzblut von ihrer Wange / bis zu dem Sattel«. In diesem furchterregenden Moment zögerte Eibhlín nicht und suchte auch keine Hilfe. Sie sprang in den blutverschmierten Sattel und ließ sich vom Pferd ihres Mannes zu dessen Leiche tragen. In ihrem Schmerz und ihrer Trauer stürzte sie sich auf ihn, weinte und trank händeweise von seinem Blut. Selbst in diesem Augenblick blanken Grauens war sie noch voller Begehren – über seinen Leichnam gebeugt, brüllte sie, er solle von den Toten auferstehen und zurückgehen mit ihr in die Betten »mit weißem Linnen / und verzierten Quilts, / die lassen den Schweiß dir rinnen«. Aber Art war tot, und der Text, den sie verfasste, wurde zu einem sich entwickelnden Protokoll der Feier und des Leides, der Lust und der Erinnerungen.

In der Dunkelheit der Trauer ist ihre Wut ein Streichholz, entzündet und funkensprühend. Sie verflucht den Mann, der die Ermordung Arts angeordnet hat: »Morris, du Gnom, dir soll Qual widerfahren! / Schweres Blut soll dir sprotzen aus Herzen und Leber! / Der Star soll dich plagen! / Deine Knie sollen splittern!« Solche Wutausbrüche lodern auf, legen sich und lodern wieder auf, da das Gedicht vom doppelten Feuer der Wut und des Begehrens genährt wird. Eibhlín verflucht alle, die in den Verrat an Art verwickelt sind, einschließlich ihres eigenen Schwagers, den »kleinen, gemeinen, / nichtsnutzigen Clown«. Wut. Wut und Leid. Wut und Leid und Liebe. Sie empfindet Verzweiflung für ihre beiden kleinen Söhne, und ein ungeborenes Kind, das »dritte, das ich in mir trag’, / wird, fürchte ich, niemals atmen«. Welche Verluste diese Frau erlitten hat. Welche Verluste ihr noch bevorstehen. Sie leidet, wie auch das Gedicht selbst; der Text ist ein leidender Text. Er schmerzt. Als die Schulglocke läutete, fand mich mein Sohn im Regen stehend, das Gesicht den Hügeln zugewandt, in denen Eibhlín Dubh einst lebte.

In dieser Nacht strampelte das Baby in meinem Bauch so stark, dass ich irgendwann den Versuch zu schlafen aufgab und nach meinem Handy griff. Mein Mann schmiegte sich instinktiv mit seinem schlafenden Körper von hinten an meinen; obwohl er schon schnarchte, spürte ich, dass er unten gegen meinen Rücken eine Erektion bekam. Ich hielt ganz still, bis ich sicher war, dass er schlief, und rückte dann von ihm weg, um mir flüsternd das Gedicht vorzusprechen, eine Stimme über Hunderte von Jahren hinweg zu beschwören, von ihrem schwangeren Körper zu meinem.

Als alle anderen träumten, lag ich mit offenen Augen im Dunkeln.

Als ich endlich einschlief, erwachte eine andere Mutter. Während sie spürte, wie ein Maul fest an ihrer Milch sog, schwang sie sich auf, mit Krallen und Sehnen, streckte sich und öffnete dann ihre Flügel, glatt wie ein Cape. Ein Junges klammerte sich an ihr Fell, während sie zuckte und sich für den Flug heraus aus steinernen Gebilden bereit machte, welche lange zuvor von Menschen erträumt, entworfen und gebaut worden waren. Dann war sie in der Luft, schoss herab und stieg auf, stürzte wieder nach unten und verschlang jede Wassermücke, die sie über dem Lough fand, während ihr Junges sich festklammerte, still und säugend, die Augen geschlossen, versunken im Schwung der Mutter. Wenn man eine fliegende Fledermaus sieht, spürt man es als Flimmern am Rande des Gesichtsfelds, Phantome hingeschwungener Anführungszeichen in der Dunkelheit. Ein komplexes System der Echoortung ermöglicht es ihr, sich in der Nacht zurechtzufinden, geleitet von den Echos, die auf ihre Stimme antworten.

Die Monate vergingen, wie Monate so vergehen, in einem Kreislauf aus Einkaufslisten, Magen-Darm-Infekten, Ostereiern, Staubsaugen und Stromrechnungen. Mein Bauch wurde dicker und dicker, bis sich mein dritter Sohn eines morphiumhellen Tages im Juli langsam seinen Weg aus meinem Bauch zu meiner Brust bahnte und ich wieder in die brutale Erschöpfung des nächtlichen Stillens geriet. In diesen Wochen der gelben Windeln, in denen sich alles um die erratische Welt der Bedürfnisse anderer drehte, waren die Zeilen des Caoineadh der einzige dauerhafte Halt. Indem ich mich in den Strudel jener Tage stürzte, hatte ich mich eines Gefühls beraubt, so kostbar und ungreifbar allgegenwärtig, dass ich ohne es nicht ich selbst war. Begehren. Nach der Geburt war jedes Flackern der Lust so vollständig in mir erloschen, dass ich mich völlig leer fühlte. Um sein Bedürfnis nach Intimität zu befriedigen, diente mein Körper dem kleinen Körper eines anderen und bekam sie von ihm zurück. Ich verspürte weiterhin starke körperliche Bedürfnisse, aber sie waren nie sexuell. Ich wurde jetzt von Milch beherrscht, einem Ozean, dessen Wellen nach den Gesetzen seiner eigenen Gezeiten wogten und brandeten.

Sex war ein Problem. Er tat weh, jedes Mal. Nach der Geburt fühlte es sich monatelang so an, als ob eine innere Tür zugeschlagen worden wäre. Ich wollte vom Leben nichts weiter, als mit meiner animalischen Erschöpfung irgendwie durch den Tag kommen, bis die Dunkelheit mich schließlich ins Bett und in eine weitere Nacht mit zerrissenem Schlaf führte. Wie schnell es ging, dass mich das Begehren verließ – mit einem Schlag und unsichtbar verdunstet, wie eine Pfütze wieder in den Himmel aufsteigt. Ich war nicht ich selbst. Ich war ein großer, zerlumpter Pullover, mit aufgelösten und ausgefransten Nähten, und doch war dieses Kleidungsstück so bequem, so weich und so leicht, dass ich mir nichts sehnlicher wünschte, als für immer in seine sanfte Masse gehüllt zu sein. Ich war völlig erschöpft, ja, doch auch weitgehend zufrieden. Aber ich fand diese Enthaltsamkeit zu schrecklich, um sie dem Mann, den ich so sehr liebte, aufzuerlegen. Mein Mann beteuerte zwar, dass alles in Ordnung sei und er gerne warte, bis die Erschöpfung vorüber sei und ich ihn wieder wolle, aber ich konnte dieses sanftmütige Geschenk nicht annehmen. Also log ich. Ich machte aus dem Verlangen eine weitere lästige Pflicht, eine ungeschriebene Aufgabe, unsichtbar unten als letzter Punkt auf meinen Listen. Jedes Mal, wenn ich mich dazu zwang, entschied ich mich für einen doppelten Zwang, zum einen, weil es so schmerzhaft war, die verschlossene Tür aufzustoßen, zum anderen für einen emotionalen Zwang, weil er ein guter Mann ist und ich ihn absichtlich täuschte. Was den Sex selbst anbelangt, so tat es weh, derart weh, dass ich irgendwann anfing, mir währenddessen vor Schmerz in den traurigen Hautlappen zwischen Daumen und Zeigefinger zu beißen. Noch Tage, nachdem die Bissspuren verschwunden waren, zeichnete sich ein Muster aus blauen Flecken auf der Haut ab. Ich redete mir ein, dass es gut sein müsse, solche Schmerzen zu ertragen, wenn es der Lust eines anderen diente. Erst jetzt erkenne ich, dass ich seinen Körper zu einem weiteren Punkt auf meiner Liste mit Pflichten machte und dass ich es ohne seine Zustimmung tat. Ich schämte mich so sehr für mein Versagen – sowohl was die Ehrlichkeit als auch den Körper betraf –, dass ich versuchte, dieses Unglück zu verbergen. Stattdessen verabschiedete ich mich jetzt früh ins Bett. Ich erfand Ausreden. Ich schlief am Rande des Bettes. Dort bewahrte ich das Caoineadh unter meinem Kopfkissen, und wann immer ich mich bewegte, um das Baby zu stillen, drangen Eibhlín Dubhs Worte durch den schlaftrunken-tripartigen Nebel meiner Erschöpfung zu mir. Ihr Leben und ihre Sehnsüchte waren weit von meinem entfernt, und doch fühlte sie sich nah an. Es dauerte nicht lange, bis das Gedicht auch in meine Tage eindrang. Meine Neugierde wuchs, bis sie mich schließlich aus dem Haus und zu den einzigen Räumen trieb, die Abhilfe verschaffen konnten.

Das Bild: Es ist ein Dienstagmorgen, und ein Wachmann in einer zerknitterten blauen Uniform schließt eine Tür auf und tritt mit einer leichten Verneigung zur Seite, denn da komme ich, die Haare zu einem groben Dutt zusammengebunden, mit milchverschmierter Bluse, einem Baby im Tragetuch, einem Kleinkind im Kinderwagen, einer Windeltasche, aus der Bücher quellen, und etwas in den Augen, das man nur als gefährliches Leuchten bezeichnen kann. Ich weiß, dass ich bestenfalls ein Zeitfenster von sechs Minuten habe, bevor das Schreien losgeht, also schnalle ich den Kleinen im Buggy ab, schnell, schneller jetzt, und dränge ihn die Treppe hinauf. »Komm, weiter.« Ich werfe einen Blick in das Tragetuch, wo winzige Augenlider im Schlaf zucken, setze den Kleinen neben meine Füße und drücke ihm – nachdem ich mich rasch nach der Bibliothekarin umgesehen habe, die mich mal scharf zurechtgewiesen hat – eine verbotene Banane in die Hand. »Bitte«, flüstere ich, »bitte, bleib einfach still sitzen, während Mama einfach – einfach –?« Ich ziehe eine zerknitterte Liste aus der Windeltasche, meine Fingerspitzen rasen über die Buchrücken. Nur zwei Minuten, denke ich, nur zwei. Das Tragetuch windet sich, und das Baby haut einen gewaltigen Stoß in seine Windel. Ich lächle (wie könnte ich nicht?) und reiße die letzten beiden Bücher aus dem Regal. Ich lächle, als ich das Haar des Kleinen küsse, ich lächle, als ich meine Last seitwärts, Schritt für Schritt, die Treppe hinunterhieve, mit einer klebrigen kleinen bananenverschmierten Hand in meiner und einem sehr vertrauten Geruch, der aus dem Tragetuch aufsteigt.

Auf diese Weise also kommt eine Frau in meiner Lage dazu, jede Übersetzung von Eibhlín Dubhs Worten aufzuspüren, von denen es viele gibt, was wiederum viele solcher Bibliotheksbesuche erforderlich macht. Es gibt so viele Menschen, die den Versuch einer Übersetzung dieses Gedichts unternommen haben, dass es fast scheint, als handele es sich dabei um einen Initiationsritus, oder eine Reihe von Coverversionen eines beliebten alten Liedes. Viele der Übersetzungen finde ich schwach – tote Texte, die vergeblich versuchen, den pochenden Puls von Eibhlín Dubh zu finden –, aber einige bleiben mir im Gedächtnis. Nur wenige kommen ihrer Stimme nahe genug, um mich zu sättigen, und die begleitenden Seiten über sie sind oft so spärlich, dass sie mich hungrig zurücklassen. Und nicht nur hungrig. Ich sterbe vor Hunger. Ich sehne mich danach, mehr über ihr Leben zu erfahren, sowohl vor als auch nach der Zeit, als sie das Gedicht schrieb. Ich will wissen, wer sie war, woher sie kam und was dann geschah. Ich will wissen, was aus ihren Kindern und Enkelkindern wurde. Ich will genau wissen, wo sie bestattet ist, damit ich Blumen auf ihr Grab legen kann. Ich will alles über sie und ihr Leben wissen, und da ich faul bin, will ich all diese Antworten bequem vor mir ausgebreitet bekommen, am besten in einem einzigen Buch aus der Bibliothek. Die Literatur, die ich bekommen kann, scheint jedoch meist kein Interesse an solch nebensächlichen Fragen zu haben. Ich suche trotzdem weiter, weil ich überzeugt bin, dass es irgendwo einen Text geben muss, der meine Wissbegierde teilt.

Als ich die öffentlichen Bibliotheken durchhabe, bitte ich Freunde an der Universität um einen Gefallen und schleiche mich unter falscher Identität in die Unibibliotheken, um heimlich Kopien diverser Historiendarstellungen, Texte über das Übersetzen und Zeitschriftenartikel zu machen, wobei jede Quelle ein oder zwei Pinselstriche zu dem Porträt von Eibhlín Dubh hinzufügt, das in meinem Kopf entsteht. Ich benutze sie, um mein geheimes Lager von Informationen über sie mit neuen Wörtern zu füllen, und verstecke Kopien unter unserem Bett, im Auto und neben der Milchpumpe. Meine Wochen teilen sich zwischen den beiden Kräften von Milch und Text auf, Wochen, die bald schon in Monate und dann in Jahre übergehen. Ich richte mir mein Leben so ein, dass ich immer, wenn ich mal sitze, gleichzeitig blasse Silben aus Milch von mir gebe und selbst dunkle Nahrung aus Tinte trinke.

2. ein flüssiges echo

go ngeobhainn é im’ thaobh dheas

nó i mbinn mo léine,

is go léigfinn cead slé’ leat

I’d have seized it here in my right side,

or here, in my blouse’s pleats, anything,

anything to let you gallop free,

ich hätte sie mit meiner rechten Seite gefangen,

in den Falten meiner Bluse, hätte alles getan,

was freien Galopp dir beschert,

Eibhlín Dubh Ní Chonaill

ICHSCHWIRRE durch chaotische Vormittage mit Wäschewaschen, Lunchboxen und Impfungen, immer in Vorfreude auf die nächste Sitzung an der Milchpumpe, da es der einzige Moment der Ruhe und Erholung in meinem Tag ist. Wenn ich dasitze und lese, während ich an meiner unersättlichen Maschine hänge, lasse ich meine Listen hinter mir und schlendere stattdessen durch Türen, die Eibhlín Dubh mir öffnet. Das Lesen sorgt für die seltsame Balance dieser Momente – dazusitzen und wieder etwas von mir herzugeben, fühlt sich angenehm an, wenn ich gleichzeitig wieder ein wenig von ihrem Leben in mich aufnehmen kann. Sobald dem Gefäß ein flüssiger Deckel gewachsen ist, schalte ich die Pumpe aus, füge ein Lesezeichen ein, seufze und mache mich wieder an die Arbeit. Ich hebe die Pumpe auf die Arbeitsfläche, leere sie bis auf den letzten Tropfen in eine sterile Flasche, schraube den Verschluss fest zu und schreibe von Hand das Etikett: DOIREANNNÍGHRÍOFA – 03/10/2012 – 250 ml.

Durch eine Mutter-Kind-Gruppe hatte ich von der Milchbank erfahren. Als ich dann googelte, las ich, dass die Mägen von Frühgeborenen winzig und empfindlich sind und dass der Kontakt mit Babymilch zu Darmproblemen wie Nekrotisierender Enterokolitis oder einem Herz-Kreislauf-Kollaps führen kann. Manchmal, so las ich, kann das Trauma einer Frühgeburt dazu führen, dass die Milchbildung der Mutter abnimmt und sie kaum oder gar keine Muttermilch für das Stillen ihres Kindes hat. Als ich von diesen Schrecken las, hatte ich keine andere Wahl, als mich bei der Bank als Spenderin zu melden. Die unerlässliche Sorgfalt des Verfahrens wurde auf angenehme Weise ein wichtiges Element meines Tagesablaufs: das Desinfizieren, das Seifenwasser und der Dampf, die geschrubbte Haut, der makellose Motor. Da ich wusste, dass meine Milch bald von frühgeborenen und kranken Säuglingen getrunken werden würde, war ich sehr darauf bedacht, dass bestmögliche Bedingungen herrschten, und kühlte jede Flasche im Kühlschrank, bevor ich sie einfror.

Ich überprüfe jetzt die Thermometeranzeige meines Gefrierschranks und notiere sorgfältig die Ziffern, unterschreibe in meiner Tabelle und stelle die frisch gekühlte Flasche zu acht identischen gefrorenen Klötzen in den Gefrierschrank, die Ausbeute einer guten Woche. Um eine bestimmte Uhrzeit morgens ähnelt meine Küche einem Labor – hier die Temperaturtabelle, hier der Dampf spuckende Sterilisator, hier die Einzelteile meiner Maschine, hier die müde Frau und hier die Reihe der sterilen Gefäße. Hier ist ein Tag wie der andere.

Wenn der Gefrierschrank so voll ist, dass ich eine Tüte Erbsen nur noch mit Drücken und Schieben unterbringen kann, rufe ich bei der Milchbank in Irvinestown an, worauf sie mir eine Styroporbox schicken, die so groß ist, dass der Postbote sie mit beiden Armen umfassen muss. Ich fülle sie mit so vielen Flaschen wie möglich, unterschreibe die Formulare und verschließe den Karton, indem ich ihn mit dickem braunem Klebeband umwickle. Einmal. Zweimal. Jetzt muss das Baby eingemummelt, geküsst, im Buggy festgeschnallt und mit einem Teddy besänftigt werden. Sein Bruder muss von einem Duplo-Turm weggelockt, in seinen Mantel gesteckt und mit einem Lutscher bestochen werden, damit er mit in die Stadt kommt. Der Karton ist sowohl sperrig als auch schwer, sodass ich ihn nur transportiert bekomme, indem ich ihn auf den Griffen des Buggy aufbocke, unbeholfen mit Kinn und Ellenbeuge dort ausbalanciere und dabei noch versuche, die Hand des Kleinen zu halten. Das Ganze dauert zwanzig Minuten, sonst ein zehnminütiger Ausflug zur Post. Nach dieser Tortur stehe ich entnervt in der Schlange und schwöre mir, dass ich nächstes Mal meinen Mann bitten werde, den Karton aufzugeben.

Hinter der Scheibe am Schalter steht mein Lieblingspostbeamter. Ich habe sein wuscheliges graues Haar, seine schief sitzende Brille, sein Nikotinlächeln und die Art, wie er mich immer love nennt, lieb gewonnen. Er kommt zur Seitentür, und ich sehe ihm dabei zu, wie er Etiketten auf das Paket klebt – Express Post, Next Day Delivery. Er überreicht mir eine Quittung für die Erstattung der Portokosten, der einzige Moment bei diesem Verfahren, in dem es zum Austausch von Geld kommt.

Ich werde nie das weit entfernte Baby stillen, das als nächstes meine Milch trinken wird, noch werde ich jemals seine warmen Glieder an mich schmiegen, aber ich kenne die Route, die meine Milch auf ihrem Weg zu ihm zurücklegen wird. Ich habe Irvinestown in der Grafschaft Fermanagh gegoogelt und mir das Dorf mit seinem hübschen Park, drei Schulen, einem Pub namens The Necarne Arms und einem Fish-and-Chips-Shop namens Joe 90s angesehen. Auf einer gepflegten Anhöhe, zwischen Boutiquen und einem Friseursalon gelegen, weist ein dezentes Schild auf die Human Milk Bank des NHS Western Trust hin. Hier wird mein Karton mit Flaschen einen winzigen Beitrag zu den vielen Litern Muttermilch darstellen, die jedes Jahr sterilisiert, pasteurisiert und an Neugeborenen-Intensivstationen auf der ganzen Insel ausgeliefert werden: ein flüssiges Echo.