Ein gerechter König - Michael Aulfinger - E-Book

Ein gerechter König E-Book

Michael Aulfinger

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Beschreibung

Mesopotamien im 24. Jahrhundert v. Chr.. In dem Stadtstaat Lagasch herrschte der Tyrann Lugalanda. Urukagina wurde der erste Sozialreformer der Weltgeschichte. Auf dem Höhepunkt seiner Macht musste er feststellen, dass der Neid – er genoß den Ruf als gerechter König - seine Widersacher herausforderte. Freundschaften, sowie die Liebe werden auf eine harte Probe gestellt. Ein Krieg scheint unausweichlich ... In einem spannenden und unterhaltsamen Roman wird die Geschichte des historischen Urukagina erzählt. Ein fesselnder, authentischer Roman!

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Seitenzahl: 500

Veröffentlichungsjahr: 2018

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1

Impressum:

Michael Aulfinger

Carl-Diem-Str. 18

78120 Furtwangen

Alle Rechte vorbehalten.

November 2018

Kontakt:

[email protected]

www.facebook.com/MichaelAulfingereBook/?skip_nax_wizard=true

www.michaelaulfinger.de

Coverdesign:

Giusy Arne /Magicalcover.de

Bildquelle: Depositphoto / Pixabay

Vorwort

Mesopotamien war im Jahre 2385 vor Christi ein Kleinstaatengebilde. Jede Stadt besaß ihren eigenen Ensi - Stadtkönig. Dazu gab es in jeder Stadt einen eigenen Stadtgott, der angebetet wurde, welches den Zusammenhalt der sumerischen Kultur um ein Weiteres erschwerte. Eine offizielle Bestrebung zu einem vereinten Sumerland gab es nicht. Doch taten sich immer wieder einzelne Ensis hervor, die davon träumen Herrscher eines vereinten Sumer zu sein.

Zu dem jeweiligen Herrschaftsbereich gehörten die umliegenden kleineren Städte und Dörfer.

Die Rivalität zwischen den vielen Stadtstaaten entlud sich in unzählige Kleinkriege. Unter anderem war Uruk mit Kisch verfeindet und Lagasch mit Umma. Die Gründe hierfür lagen neben Grenzstreitigkeiten unter anderem in der Machtgier der einzelnen Herrscher.

1. Kapitel

Das Volk jubelte dem Herrscher zu. Der Bereich vor dem Tempel des Stadtgottes Ningirsu war bis auf dem letzten Platz gefüllt. Jeder Einwohner von Lagasch wollte dabei sein, wenn der Oberpriester seinen Sohn krönt, und ihm somit zu seinem Nachfolger als Ensi - zum Stadtkönig - einsetzt.

Utu, der Sonnengott, ließ seine Sonnenstrahlen zu dieser Mittagszeit mit einer großen Kraft herniederstrahlen. Die zuschauenden Männer sahen trotz der Sonnenkraft und ihrer deshalb leidenden kahlgeschorenen Häupter, erwartungsvoll zu den Tempelstufen hinauf, auf deren sich die Krönungszeremonie abspielte. Das Volk war der Meinung, wenn Utu schon zu der Zeremonie mit solcher Intensität strahlen würde, so müsste der neue Ensi sich der Unterstützung Utus sicher sein können, denn Utu war ihm demnach wohlgesonnen.

Vor dem Tempel standen die Soldaten, um bei möglichen Übergriffen der Bevölkerung sofort eingreifen zu können. Auf dem ersten Podest standen die vornehmen Einwohner von Lagasch und die Heerführer. Auf der zweiten Stufe blieben die festlich gekleideten Bürger stehen. Auf dem dritten Podest standen die Oberen der Stadt, Vorsteher und Verwalter. Unter ihnen befand sich der Getreideverwalter Urukagina. Auf der fünften Stufe blieben die Priester stehen und blickten dem Oberpriester und seinem Sohn Lugalanda nach, die auf der sechsten Stufe standen. Die siebte Stufe war nur für die Eingeweihten des Gottes Enlil und dem Stadtgott Ningirsu selbst vorgesehen.

Die Paukenschläge dröhnten über den Platz. Die Priester stimmten in die Lieder ein, welche die Götter priesen und gnädig stimmen sollten. Als sie geendet hatten, erhob der Oberpriester und Ensi Enlitarzi mit zittrigen Händen die heilige Binde, trat auf seinen Sohn zu, und band es ihm um die Stirn. Just in diesem Moment war Lugalanda Ensi.

Das Volk jubelte jetzt wieder, doch verhaltener als gewöhnlich. Lugalanda stand breitbeinig auf der Spitze des Tempels und rief mit offenen Handflächen, die Arme weit ausgebreitet.

„Ningirsu.“ Er wollte den Stadtgott gnädig stimmen. Das Volk antwortete:

„Lugalanda.“

Wie ein grollender Donner hallte der Ruf durch die Stadt.

Jetzt wollte Lugalanda den Gott der Erde ehren.

„Enlil“

Das Volk rief wiederum:

„Lugalanda“

„Volk von Lagasch.“ Lugalandas Stimme dröhnte über die Köpfe der Menschen in den vorderen Reihen hinweg. Seine Arme weit ausgebreitet, mit den Handflächen nach oben zeigend, sprach er zum Volk.

„Dies ist ein großer Tag für mich. Dies ist ein großer Tag für euch. Ningirsu ist auf unserer Seite und wird uns schützen. Die anderen Götter sind für uns. Wir dürfen nur mit den Opfergaben nicht nachlassen. Dann können wir immer dem Wohlwollen der Götter sicher sein. Das erwarten die Götter von uns. Geht nach Hause und spendet nachher den Göttern. Auch Enlil wird es euch danken. Gebt den Priestern in den Tempeln mehr als früher. In unserem Kampf gegen Umma, dürfen wir nicht nachlassen. Wir dürfen nicht zulassen, dass diese Stadt uns besiegt. Alle würden sterben. Eure Kinder, Frauen, unser ganzes Volk wäre des Todes und unser geliebtes Land zerstört. Kein Stein würde auf dem anderen stehen bleiben. Deshalb bedarf es unser aller Anstrengung, diesen Feind endgültig zu vernichten, bevor er es mit uns macht. Dazu brauche ich euer aller Hilfe. Die Götter brauchen eure Opfer. Deshalb geht jetzt nach Hause und sammelt und spendet für unsere Stadt. Die Götter werden es euch danken.“

Seine Arme sanken hinab und er genoss die Rufe des Volkes, die seinen Namen aus kräftigen Kehlen riefen. Aber nicht alle waren begeistert. Dies bemerkte Lugalanda.

Dann verebbten langsam die Rufe. Die Priester stimmten erneut ihre Hymnen an, und der neue Ensi trat stolz die Treppen hinab, bis er den Boden erreicht hatte. Das Volk hatte ihn ständig im Auge behalten, doch war ihn ihnen kein Vorschuss an Zuneigung zu lesen. In mancherlei Gesichtern konnte man Verhaltenheit, ja sogar ängstliche Erwartungen erkennen.

Um geliebt zu werden, hätte Lugalanda bisher einen anderen Lebensstil leben müssen. Beim größten Anteil des Volkes war er unbeliebt. Umgekehrt mochte er das einfache Volk nicht. Sein Vater, der Oberpriester, hatte aus gutem Grund zu Lebzeiten seine Nachfolge geordnet. Es war ihm bewusst, dass sein Sohn unbeliebt war. Sein Gesundheitszustand hatte ihn dazu veranlasst vorzeitig die Krönung Lugalandas durchzuführen. Seine körperliche Kraft hatte in den letzten Wochen ständig nachgelassen. Er zitterte seit längerem am gesamten Körper. Die Hände blieben nicht mehr still. Die Stufen des Tempels zu besteigen war für ihn eine ungeheure Kraftanstrengung. Doch erschien es für ihn dringend notwendig, seinen Nachfolger so schnell wie möglich zu festigen. Er vertraute seinen Untergebenen nicht, und war sich deshalb nicht sicher gewesen, ob Lugalanda nach seinem Dahinscheiden Ensi geworden wäre. Enlitarzi hatte gespürt, dass die Lebenskraft aus seinem Körper entwich, und deshalb kurzfristig die Krönungszeremonie anberaumt.

Auf welch unsicheren Füßen ein Herrscher in diesen Zeiten stand, war ihm selbst nur allzu bewusst. Enlitarzi selbst hatte in jungen Jahren seinen Vorgänger Eannatum II gewaltsam verjagt und sich als Oberpriester zum Ensi ausgerufen. Damit hatte er die erste Priesterdynastie von Lagasch gegründet. Priester hatten schon seit jeher versucht, nicht nur religiösen Einfluss auszuüben, sondern gleichermaßen die weltliche Macht mitzugestalten. Die tägliche Macht zu haben, war ein unsichtbarer Anziehungspunkt, der auch die Priester reizte. Oft überschritten sie ihre Grenzen. Aber jetzt war für Enlitarzi der Zeitpunkt gekommen, diese weltliche Macht an seinen Sohn abzugeben. Er brachte die Kraft nicht mehr auf und ahnte, dass er bald in die Stätte der Toten wandeln werde. Langsam ging er mit kleinen vorsichtigen Schritten die Treppen hinab und folgte seinem Sohn im Abstand in den Palast, wo der neue Ensi seine Krönung ausgiebig zu feiern gedachte.

Urukagina folgte der Spitze des Festzugs. Als Verwalter war er zu dem folgenden Empfang und dem zu erwartenden ominösem Festschmaus eingeladen worden. Er ahnte, dass der neue Ensi das beste an kulinarischen Genüssen auftischen würde, was es in Sumer gab. Sein Vater hatte schon nach der Devise gelebt und regiert und seinem Sohn ging der Ruf voran, dass er von seinem Vater das ausschweifende Leben übernahm.

Urukagina kannte den neuen Stadtkönig Lugalanda gut. Dieser war zwar etlich jünger, doch da sein Vater schon viele Jahre regiert hatte, war sein Sohn bei allen bekannt. Lugalanda verfügte über keinen guten Ruf. Er war es gewohnt seinen Willen zu bekommen. Sollte dies nicht geschehen, vermochte er aufbrausend werden. So könnte es gefährlich werden, sich seinem Willen zu widersetzen. Urukagina war nicht der einzige, der schwere Zeiten für das alltägliche Leben in Lagasch zukommen sah.

Gemächlich folgte er dem langsam dahin ziehenden Tross, der dem neuen Herrscher hinterher schritt. Nach wenigen Minuten war der Palast des Machthabers erreicht. Hinter ihm hatte sich auf dem Tempelvorplatz die Menge des Volkes aufgelöst und war in ihre Behausungen zurückgekehrt. Doch die oberen der Stadt mit ihren Anhängen zwängten sich in den Palast, um die besten Plätze zu ergattern.

Die anschließende Feier war ein willkommener Anlass neue Kontakte zu schließen, alte Bekanntschaften zu pflegen und dem neuesten Klatsch auszutauschen. Die Erwartungen waren groß. Kulinarische Genüsse und sehenswerte Kunststücke waren zu erwarten.

Urukagina nahm neben den anderen Verwaltern Platz, dort wo es seinem Rang in der Hierarchie entsprach. Sofort huschten Sklaven mit Krügen umher, um die Gäste mit frischem Bier zu versorgen. Es waren nicht mal alle der zweihundert Personen versorgt, da waren die ersten Becher schon geleert. Rufe nach Nachschub an Gerstensaft erscholl zwischen dem ständigen Palavergeräusch der Gäste.

Plötzlich erstarb jedes Gespräch und die angefangenen Sätze wurden abrupt abgebrochen. Aller Blicke wanderten zu dem Podest, welcher vor der Wand aufgebaut war, hinter der sich die Privatgemächer des Ensis befand. Lugalanda hatte sie schon von seinem Vater Enlitarzi übernommen. Dieser war direkt nach der Zeremonie zurück in die Priesterunterkünfte gezogen, wo es ihm an nichts mangelte. Dafür würde sein Sohn schon sorgen.

Lugalanda stellte sich auf dem Podest. Er wartete nicht lange, sondern begann gleich mit seiner Rede an die versammelte Festgemeinde. Wieder hob er seine Arme, um mit dieser Gestik seine Worte zu unterstreichen, und ihnen das nötige Gewicht zu geben.

„Freunde, hört mich an. Heute ist ein großer Tag. Jetzt bin ich euer neuer Ensi. Vieles wird sich ändern. Das kann ich heute schon sagen. Deshalb berufe ich für morgen Mittag eine Versammlung aller Verwalter und Städtevertreter in den Palast ein. Ich habe euch einige Änderungen zu befehlen. Mir sind einige Missstände aufgefallen, die mit meinen neuen Gesetzen geregelt werden. Aber jetzt genug der Politik. Dafür ist der morgige Tag da. Jetzt wollen wir feiern. Doch bevor die Köstlichkeiten der Küche uns gereicht werden, habe ich eine Überraschung für euch. Was ist schon ein König ohne Königin. Deshalb habe ich mich entschlossen, meine geliebte Barnamtarra zu meiner Frau zu machen. Komm herauf meine Geliebte und zeige dich den Untergebenen.“

Seine Hand zeigte nach links, wo sofort eine Frau erschien, die wie aus dem Nichts auftauchte. Die Männer hielten die Luft an, als sie die wunderschöne Frau erblickten. Sie trug ein rot gefärbtes Kleid aus feinstem Leinen. Ihre langen schwarzen Haare waren zu einem Zopf hochgesteckt. Sie hatte ein liebliches Gesicht, in dem eine kleine Nase prangte und sinnliche dunkle Augen hervorstachen. Es war ihr die Nervosität anzusehen, als sie dem Podest erklommen, und die Hand ihres Mannes ergriffen hatte. Barnamtarra war in der Hauptstadt Lagasch unbekannt. Lagasch bestand aus siebzehn größeren Städten, davon acht Gebietshauptstädten und fünfzig Dörfern. Die drei größten dieses Flächenstaates Lagasch waren die Städte Girsu, Nina und dem namengebenden Lagasch selbst. Girsu war die Residenz der Ensis von Lagasch. Barnamtarra selbst kam aus Nina, wo sie als wohlbehütete Tochter eines Großgrundbesitzers aufwuchs. Lugalanda hatte sie auf einer seiner Reisen im Tempel von Nina kennengelernt und mitgenommen, um sie am Tag seiner Amtsübernahme seinen Untergebenen präsentieren zu können. Er war sogleich von ihrer Anmut befangen und wollte sie zu seiner Frau nehmen. Ihr Vater, ein knurriger alter Mann, willigte augenblicklich ein, da er für sich selbst, und seiner Stadt, enorme Vorteile witterte.

Barnamtarra stand unbeweglich neben ihrem Mann. Das Unwohlsein dieser zur Schaustellung war in ihrer Gestik und Mimik abzulesen. Sie war erst siebzehn Jahre alt. Ihre Finger spielten unruhig miteinander. Doch war das Repräsentieren eine der Aufgaben der Frau eines Stadtkönigs. Sie würde sich daran gewöhnen. Lagasch war schon eine andere und größere Stadt, als das verträumte Nina.

„Barnamtarra ist eure neue Königin.“

Laut rief der Ensi in den prunkvollen Saal hinein.

Der Jubel der Gäste erscholl und ließ sie hochleben, während Lugalanda ihr eine kleine rundliche Mütze auf ihr Haupt setzte. Augenblicklich verließ sie dem Podest und wanderte zu ihrem Platz am Tisch, wo sie auf ihren Mann warten würde.

„Jetzt wollen wir feiern. Das Essen soll aufgetischt werden. Leert die Becher auf mein und Barnamtarras Wohl. Trinkt so viel Bier und Wein wie ihr wollt. Es soll euch heute an nichts Fehlen. Sollte euch nach den Gelüsten des Beischlafs zumute sein, so ist dafür gesorgt. Einige Kadischtu-Priesterinnen stehen dafür bereit. Sie sollen eure Wünsche erfüllen und euch willig dienen. Jetzt vergnügt euch und trinkt alle auf mein Wohl.“

Er hob den ihm gereichten Becher Bier, welches in Sumer Kasch genannt wird und trank ihn in einem Schluck leer. Die Gäste taten ihm gleich. Lugalanda ging zu seinem Platz und setzte sich neben seine Frau. Er klatschte laut in die Hände und eilends wurde das Essen aufgedeckt.

Der Duft des Essens war den Leckereien vorausgeeilt. Der Zug der Sklaven, die das Essen auf großen Tabletts hereinbrachten, brach nicht ab. Eilends waren die Holztische mit den größten Köstlichkeiten des sumerischen Tieflandes gedeckt. Es gab heißes Schaffleisch, gebratene Vögel mit Füllungen und Fisch aus dem Tigris. Gekochtes Schlangenfleisch lag zerkleinert neben Ochsenzungen, umgeben von Verzierungen. Früchte und Obst aus den Gärten von Lagasch und den angrenzenden Dörfern waren in Hülle und Fülle vorhanden.

Alle gaben sich der Völlerei hin. Die Priester waren für ihre unbegrenzte Fresssucht bekannt. Die dicken Bäuche zeugten davon. Die Verwalter und Gesandten aus den anderen Städten stopften das Essen mit den Fingern in sich hinein, als wäre es ihre letzte Mahlzeit.

Es dauerte nicht lange und die Wirkung des Bieres und des Weines spiegelte sich im allgemeinen Benehmen der Gäste wider. Einige die zu viel gegessen und getrunken hatten, übergaben sich. Plötzlich drehten sie sich um und entleerten ihre Mägen. Bald lag ein säuerlicher Geruch im Raum. Da nützte es nichts, dass die Sklaven sogleich herbeieilten und den Boden aufwischten.

Andere hatten gleich eine oder zwei Kadischtu-Priesterinnen in den Armen. Die Hände wanderten gierig an dem weichen Fleisch entlang. Unsittliche Ausschweifungen folgten sobald. Einige verschwanden mit ihren Gespielinnen, andere konnten es nicht mehr abwarten ihren Trieben freien Lauf zu lassen. Alsbald fielen sie über die jungen Frauen her, so dass bald ein Gekeuche und Gestöhne das dominierende Geräusch war, welches sogar die Gespräche übertönte.

Urukagina hatte sich den Bauch mit dem servierten Mahl vollgeschlagen, aber beim Konsum des Bieres maßgehalten. Er war sich seiner Wirkung bewusst und hatte früher schon öfters über die Stränge geschlagen und kein Maß halten können.

Sobald er betrunken war, wurde er aggressiv und es konnte zu Handgreiflichkeiten kommen. Dies war schon einige schmerzliche Male passiert. Deshalb hatte er lernen müssen, mit wenig auszukommen. Auch dem anderen dargebotenem fleischlichen Genuss, konnte er momentan nichts abgewinnen. Nicht, dass er nicht von Zeit zu Zeit das Bedürfnis unter dem Lendentuch verspürte. Doch hatte er eine Frau, die zu Hause wartete. Dieses Fest glitt bald in eine einzige Orgie ab, bei der sich fast alle beteiligten. Ein leichtes Ekelgefühl überkam ihn.

Urukagina fühlte sich unwohl und verabschiedete sich von den wenigen Leuten, mit den er sich bisher unterhalten konnte. Diese stürzten sich alsbald auf die freien Kadischtu-Priesterinnen, die ihnen sogleich zu Diensten waren.

Urukaginas Kopf genoss die Kühle der schon hereingebrochenen Nacht. Die Luft hatte er dringend nötig, denn sein Schritt war vom Kasch nicht mehr der sicherste. Aber bis er sein Haus erreicht hatte, verflüchtigte sich der Schleier zusehends. Bald war er wieder nüchtern.

Das Haus, das er bewohnte war aus braunen, luftgetrockneten Ziegeln, wie die meisten Häuser. Das Dach war mit Schilf gedeckt. Es hatte zwei Geschosse, wobei der untere als Vorratsraum, und Kornspeicher diente. Hinter dem Eingang schloss sich ein Vorhof an. Das obere Geschoss war mit vielen offenen Fenster versehen, in dem sich zwei Räume befanden. Diese wurden als Wohnbereiche genutzt.

Sein inzwischen wieder sicherer Schritt ließ ihn vom Vorhof die Treppe hinauf in den Wohnbereich steigen. Ardala saß mit ihrer Schwester Seydala am Tisch. Sie redeten belanglos. Seine Frau war keine dreißig Jahre alt. Sie war eine Schönheit, wobei ein Leberfleck auf ihrer linken Wange ihrem Gesicht eine besondere Note verlieh. Ihre zarten Hände waren ineinander verschlungen, als sie sich mit ihrer jüngeren Schwester unterhielt. Ardala stand prompt auf, als sie ihren Mann kommen sah, und begrüßte ihn liebkosend.

„Wie war es?“

Ihre Augen leuchteten. In ihnen war das Glück, welches sie in ihrer Ehe mit ihrem Mann empfand, abzulesen.

„Zuviel zu essen und trinken und zu wenig Verstand.“ Er setzte sich an den Tisch, neben seine Frau. Sein Körper sackte erleichternd auf den Stuhl, welcher unter dem plötzlichen Druck gleich knarrte. Seine Schwägerin saß gegenüber.

„Schläft Turruken schon?“

„Ja, wir waren vorhin am Fluss und haben uns gewaschen. Er wollte schwimmen, doch ist die Strömung hier zu stark. Du kannst es ihm ja mal beibringen.“

„Das kann ich machen“, antwortete ihr Mann, „wenn der Tafelvorsteher es den Kindern nicht lehrt.“

Turruken war Urukaginas einziges Kind. Er war jetzt fünf Jahre alt und sollte bald in das Tafelhaus gehen, wo ihm alles beigebracht werden würde, was er im späteren Leben benötigte. Sie lernten dort das schreiben, indem sie mit ihren Griffelspitzen in die feuchten Lehmtafeln Zeichen ritzten. Ebenso ein Leben voller Demut vor den Göttern wurde ihnen gelehrt.

Seydala hörte interessiert zu. Sie war drei Jahre jünger als Ardala und nicht weniger hübsch anzusehen. Sie waren beide schlank und wohlproportioniert. Mit einer lässigen Handbewegung schlug Seydala ihr offen getragenes Haar wieder hinter die Schulter zurück. Sie hörte, wie ihre Schwester weiter sprach.

„Im Tafelhaus lernen sie viel. Der Nachbarssohn berichtete neulich, was ihnen der Tafelvorsteher beigebracht hatte. Er soll viel gereist sein und erzählt fesselnde Geschichten aus fernen Ländern. Er sprach von den Schwarzhäuptigen, den Sumerern in Melucha hinter dem Meer. Außerdem sah er schon die gelbhaarigen Elamiter im Zagrosgebirge. Auch die Insel Dilmun (Bahrain) kannte er und er hat den Berg gesehen, auf dem Utnapischtim, der Schöpfer der Arche, seit Enlils Sturmflut in ewiger Weisheit wohnt. Dort wo Gilgamesch ihn einst aufgesucht hatte. Ich habe gehört, dass er sogar im staunenerregenden Zederngebirge war. Fast am oberen Meer kurz vor dem einem Ende der Weltgegend. Ist das nicht unglaublich, wo er schon überall war?“

Als Ardala endete, meldete sich Seydala mit einer Geschichte.

„Sicherlich bringt er ihnen viel bei. Aber es gibt im Tafelhaus nicht nur Freude. Ein Vater erzählte mir neulich, dass er Ärger mit seinem Sohn habe. Er hätte die Schule geschwänzt. Als er ihn fragte, wo er gewesen sei, antwortete der Sohn: nirgends. Darauf sagte ihm der Vater:

Wenn du nirgends gewesen bist, warum gibst du dich dann dem Müßiggang hin? Geh zur Schule, stelle dich vor deinen ‚Schulvater’, sag deine Schularbeit auf, öffne deine Schultasche, beschreibe deine Tafel, lass dir von deinem ‚großen Bruder’ eine neue Tafel schreiben. Wenn du mit deiner Aufgabe fertig bist und dich bei deinem Tutor gemeldet hast, komm zu mir, statt auf der Straße herumzulungern. Nun also hast du dir gemerkt, was ich gesagt habe? Der Vater redete dem Sohn weiter ins Gewissen und machte ihm schließlich bittere Vorhaltungen. Er nannte ihn missraten und sagte, er könne das ewige Genörgel seines Sohnes absolut nicht ausstehen. Dein Murren geht über meine Kräfte, du wirst mich damit noch ins Grab bringen, sagte er weiter zu ihm.

Es sei ja nicht so, sagte der Vater weiter, dass er seinem Sohn zwinge, wie andere Knaben auf dem Feld zu arbeiten. Nein, alles, was er von ihm verlange, sei, dass er sich darauf vorbereite, einmal ein Schreiber zu werden wie sein Vater. Es bereitete dem Vater großen Kummer, dass sein Sohn sich weigerte, den gleichen Beruf des Vaters zu erlernen.“

„Mir hat einmal eine Mutter erzählt“, sprach Ardala darauf hin, „dass ihr Sohn an ein und demselben Tage Prügel von mehreren Lehrern bezogen hatte, für Vergehen, die von Schwatzen im Unterricht bis zu schlecht erledigten Schularbeiten reichten.“

Die Schultage in Sumer waren anstrengend und eintönig. Es konnten wahrhaft endlose Tage werden. Deshalb versuchten nicht so begabte Schüler mangelnden Fleiß und Lerntalent, anderweitig auszugleichen.

„Aber unser Tafelhaus hat einen guten Ruf und ehrliche Lehrer“, verteidigte Seydala das Lagascher Tafelhaus.

„Dann ist ja gut.“ Das Völlegefühl ließ Urukagina ermüden. „Turruken soll bald ins Tafelhaus. Aber dazu später, ich bin jetzt müde und will schlafen.“

„Einen Augenblick. Seydala ist hergekommen, um uns etwas mitzuteilen.“ Ardala warf hastig die Mitteilung ein, die ihr Sorgen bereitete. Da sie ihren Mann kannte, hielt sie diesen Moment für den günstigsten. Seine Müdigkeit ließ sie auf kein langes Streitgespräch hindeuten.

„Was gibt es denn Wichtiges? Aber erzähl schnell.“

„Du kannst gleich schlafen gehen.“ Seydala machte eine Pause, holte tief Luft, und sprach das aus, was ihr Anliegen war. Es war ihr leicht unwohl zumute, vor allem, weil sie vorausahnte, was ihr Schwager auf ihre Mitteilung antworten würde. Alles andere als eine Ablehnung seinerseits, wäre eine Überraschung.

„Ich nehme mir noch einen Mann.“

„Du weißt, wie ich darüber denke.“ Zerknirscht gab er seinen kurzen Kommentar ab. Seine Lippen drückten sich unter dem Druck der Verärgerung zusammen. Sein Verdruss spiegelte sich augenblicklich in den durch den Druck aufgeblähten Wangen wider.

„Aber warum nur, die Priester haben nichts dagegen.“

Sichtlich nervös versuchte Seydala, sich zu erklären. Es klang eher wie ein verzweifelter Versuch, wie eine Entschuldigung, aber dennoch darum wissend, dass trotzdem jeder Versuch aussichtslos war.

„Die Priester haben zu viel schlechten Einfluss. Es verstößt gegen die guten Sitten. Ein Mann sollte nur eine Frau haben und eine Frau nur einen Mann.“

Der Streitpunkt ging um Seydalas zukünftigen zweiten Mann. Ihr erster Gatte war ein fleißiger Handwerker, ein Bäcker. Aber da es äußerst viele Männer in Lagasch gab und Seydala ihre Reize offen zur Schau stellte, war sie von vielen begehrt. Dann ergab es sich nach und nach, dass sie mit einem allein nicht zufrieden war. Außerdem hatte sie die Liebesgöttin Inanna mit einem Überschuss an Lust ausgestattet. Dieser war schwerlich von einem Mann alleine zu bewältigen. Deshalb wollte sie das vom Ensi und der Priesterschaft geduldete Recht eines zweiten Mannes in Anspruch nehmen. Diese Polyandrie war im sumerischen Tiefland keine Seltenheit. Der Männerüberschuss war einer der Gründe, so dass die Vielmännerei geduldet war. Der alte Ensi hatte nichts gegen die Mehrehe vorzubringen. Es war nicht zu erwarten, dass Lugalanda diesen Zustand in Zukunft ändern würde. Doch war dieses Recht, sich einen zweiten Ehemann nehmen zu dürfen, nicht unumstritten. Im Volk begehrten dagegen einige auf und es war als Verwahrlosung der Sitten bei manchen verpönt. Die sich am meisten dagegen wehrten, waren diejenigen Männer, die glücklich und verliebt mit ihren Frauen lebten und sie nicht mit anderen teilen wollten. Urukagina war einer von diesen. Seydala wollte sich damit nicht abfinden.

„Du vergisst, das Inanna selbst uns mit der Lust ausgestattet hat. Also ist es etwas Göttliches und wir sollten das bedenken. Es wäre gegen den Willen der göttlichen Inanna, wenn wir uns unserer weiblichen Lust widersetzen würden. Und nirgends steht es geschrieben, dass Inanna die Mehrehe als unsittlich empfindet.“

„Das sehe ich anders. Das sagt doch schon der gesunde Menschenverstand.“

Seydala Augenränder wurden feuchter. Ihre Augen blitzen dabei verärgert auf. Ihre zierlichen Hände spielten immer nervöser miteinander.

„Aber bedenke doch, das das Opferfest der großen Göttin Inanna zuliebe ein Opfer von uns Jungfrauen verlangt. Das erste Mal ist der großen Göttin gewidmet. Das erste Mal mit einem Mann, hat nichts mit Lust und Liebe zutun, sondern ist nur ein Opfer für Inanna. Die Frau sieht den Mann nie wieder. Sie liegt unbekleidet auf einer Bettstätte im Dunkeln. Kein Wort wird gesprochen. Die Gesichter sind nicht zu erkennen. Es kann theoretisch jeder sein, sogar der Nachbar. Er besteigt sie und verschwindet später im dunkeln wieder aus dem Raum.“

„Das mag schon sein, aber das ist etwas anderes. Es ist ein uraltes Ritual. Was du eben meintest, ist ein Opfer für Inanna, das eine Jungfrau gibt. Überall in Sumer wird es praktiziert. Was du vorhast, ist aber etwas völlig anderes. Hier geht es aber, um einen zweiten Mann für den Rest des Lebens zu nehmen, nur darum um deine eigene Lust zu stillen, aber keineswegs um einen göttlichen Dienst.“

Seydala spürte, dass ihr Schwager unnachgiebig war. Sie kannte seine konsequente Ansicht. Deshalb verstockte sie und wurde weinerlich.

„Das sagst du ja nur, weil du mir das nicht gönnst. Du magst mich nicht und deshalb bist du dagegen. Ich liebe ihn so sehr.“

„Das glaube ich dir nicht.“

„Doch, ich liebe ihn, seit ich ihn das erste Mal sah. Du aber hasst mich, seit wir uns kennen. Das habe ich immer gespürt.“

„Aber nein, Seydala. Ich mag dich. Nicht nur, weil du die Schwester meiner Frau bist. Was du vorhast, ist ungerecht, und verstößt gegen die Sitten. Nimm es nicht persönlich. Auch bei anderen Frauen, die dies vorhaben, bin ich dagegen.“

„Du hasst mich.“ Sie schluckte ergriffen. Dann stand sie wortlos da. Jäh drehte sie sich um. Sie lief mit verweinten Augen die Treppe hinab. Schnell war sie verschwunden.

Eine bedrückende Stille erfüllte den Wohnraum. Ardala stellte sich hinter ihren Mann und legte die rechte Hand auf seine Schulter. Sie seufzte schwer.

„Es ist nicht leicht mit euch beiden. Müsst ihr euch jedes Mal streiten?“

„Sie sieht aber nicht ein, dass sie etwas Unrechtes tut. Es ist mein gutes Recht ihr das zu sagen.“

„Das mag vielleicht sein, aber sie meint, dass die zweite Ehe von den Göttern und den Priestern geduldet wird.“

„Bist du auf ihrer Seite?“ Urukaginas Ton verschärfte sich.

„Nein, natürlich nicht. Hier geht es nicht darum, ob ich auf deiner oder Seydalas Seite bin. Ich kann euer beider Argumente verstehen. Aber es stört mich, dass ihr euch jedes Mal streitet.“

„Wenn sie nicht immer so bockig wäre, bräuchten wir das auch nicht.“

Ardala strich ihrem Mann über den Kopf und seufzte wiederum.

„Bist du nicht auch ein wenig verbohrt?“

„Vielleicht. Aber wenn ich das Richtige sage, halte ich es nicht für verbohrt. Sie sollte dennoch einsehen, dass sie etwas unrechtes sowie Unsittliches tut.“

„Es ist spät, ich geh schlafen.“

Ardala gab ihm einen Kuss und betrat die Schlafkammer. Ardala war eine so sanfte Frau, die es nicht ertrug, wenn sich zwei Menschen stritten. Zu groß war ihre Sehnsucht nach Harmonie. Zwist war ihr zuwider. Schon gar nicht, wenn es zwei waren, die ihr so nahe standen wie ihr Mann und ihre Schwester. In ihrem Wesen war sie so sanft, dass sie sogar Scheu hatte eine der Mücken oder Fliegen zu töten, die die Sumerer umkreisten, um sich an ihnen zu beleben. Dies war einer der Gründe dafür, warum Urukagina sich in sie verliebt und geheiratet hatte. Er liebte ihre Sanftheit.

Urukagina saß noch eine Weile alleine und starrte vor sich hin, bevor er sich dann auf sein Lager legte.

Die Sonne schickte ihre ersten Strahlen durch die Fenster, die nicht behangen waren. Urukagina stand auf und zog sich an. Er trug einen leinenen, knielangen Rock, ein sogenannter kaunakes, der kunstvoll gefaltet und mit Fransen besetzt war. Die Webkunst in Sumer war schon von hoher Qualität. Wie die meisten Sumerer trug er einen langen Bart und die Kopfhaut war kahlgeschoren. Dann machte er sich auf den Weg zu seinem Freund, der schon im Palast auf ihn wartete.

Enkilum erblickte Urukagina sofort, als dieser den Saal im Palast betrat. Er ging auf seinem Freund zu und umarmte ihn.

„Dann wollen wir uns mal anhören, was Lugalanda von uns will.“

Enkilum lächelte. Sein ganzes Wesen war auf Freundlichkeit aufgebaut und sein Optimismus grenzenlos. Urukagina konnte dessen Zuversicht nicht teilen. Er sah viele Schwierigkeiten in nächster Zeit auf Lagasch und seiner Bevölkerung zukommen. Doch wollte er nicht schon im Voraus unken. Er schwieg und wartete schweigend mit Enkilum auf das Erscheinen des Ensi.

Enkilum war seit jeher sein bester Freund. Er war ebenfalls Verwalter. Eine Frau und Kinder hatte er nicht. Wenn er deswegen angesprochen wurde, gab er in seiner bekannten lustigen Art zu wissen, dass er die richtige Frau noch nicht fand. Seine Art zu sprechen war stets so fröhlich, dass die anderen immer lachten. Sein Frohsinn war ansteckend. Enkilum war der beste Freund, den man sich wünschen konnte. Selbstlos, humorvoll und hilfsbereit waren seine charakterlichen Eigenschaften.

Es dauerte nicht lange und Lugalanda betrat den Saal, der mit über 400 Verwaltern und Repräsentanten der verstreuten Ortschaften des Stadtstaates Lagasch gefüllt war. Einige davon waren in der vergangenen Nacht mit bei der Orgie gewesen. Deren Augen erschienen klein und übermüdet. Sie ließen auf wenig Schlaf hindeuten.

DieGirnitas, die als Abgeordnete ihrer Orte darunter waren, sahen gespannt auf den Ensi. Jeder wollte wissen, welche Ziele die Politik des neuen Ensi verfolgte. Denn dies hatte Auswirkungen auf jegliche Ortschaft und jeden Einwohner, wenn es auch ein so kleines Dorf war. Gespannt folgten alle Augenpaare auf Lugalanda gerichtet, als er aus einer Tür trat und sicheren Schrittes die drei Stufen erklomm, auf deren anschließendem Podest sich ein edel verzierter Thronsessel befand. Dieser war aus feinstem Zedernholz aus dem fernen Libanongebirge geschnitzt worden. Verschönt war er mit den feinsten Edelsteinen aus blauem Lapislazuli und roten und gelben Karneolen aus dem Land, welches weit im Osten lag.

Lugalanda setze sich und sein Blick wanderte stolz und erhaben über die Köpfe seiner Untergebenen hinweg. Zufriedenheit spiegelte sich in seinen Augen wider. Lange hatte er auf diesen Augenblick gewartet. Es war schon immer das Ziel seines Lebens gewesen einmal Ensi zu werden. Er genoss den Augenblick, als sich alle vor ihm verneigten.

Links von ihm hatte sich sein Vater aufgestellt. Enlitarzi sah kränklich aus. Zweifelsohne bedurfte er eines Stuhles, doch wollte er vor dem Volk sich nicht die Blöße einer Schwäche geben. Tapfer stand er aufrecht und hielt durch. Rechts vom Ensi stand seine Frau Barnamtarra, die sich sichtlich unwohl fühlte. Sie wusste nicht, wohin mit ihren Händen. Nervös spielte sie mit ihnen.

„Girnitas, Verwalter, Untergebene. Hört mich an. Ab heute werde ich eine andere Politik für unser Land und unsere Stadt verfolgen. Ich danke meinem Vater Enlitarzi, der neben mir steht, für die viele und gute Arbeit, die er für unser Volk geleistet hat. Ich bin ihm dankbar. Alle Bürger sind es. Unserer Stadt ging es noch nie so gut wie jetzt. Dafür zollen wir ihm all unser Dank und Anerkennung.“

Lugalanda hob die Arme und wie auf Befehl jubilierten und klatschten die anwesenden Beifall. Er senkte die Arme wieder, der Applaus ebbte sofort ab und er fuhr in seiner Rede fort.

„Aber wir dürfen nicht stehen bleiben. Das Erreichte darf uns nicht zur Untätigkeit verführen. Unser aller Feind aus Umma wartet nur darauf, dass wir nachlassen und schwächeln. Wie ein Heuschreckenschwarm werden sie über uns herfallen und uns alle erbarmungslos töten, sobald wir Schwäche zeigen. Deshalb müssen wir all unsere Anstrengungen auf allen Gebieten verstärken, um stärker zu werden. Jetzt werde ich einige Anordnungen bekannt geben, die das Ziel verfolgen unser Lagasch mächtiger zu gestalten. Sicherlich wird der ein oder andere den Sinn nicht sofort verstehen, aber ich sage euch, dass sie notwendig sind. Für unser aller Wohl.“

Ein Raunen ging durch die Reihen der Zuhörer. Sie waren gespannt, welche Opfer von ihnen verlangt werden. Denn dies konnte nur drastische Opfer und Einschränkungen bedeuten, die alle angingen.

„Als Erstes muss die Steuer erhöht werden. Genaueres wird später bekannt gegeben. Die Rekrutierung der unter dem Feldherrn Kadanda stehenden Armee wird vorangetrieben. Wir benötigen mindestens zwei zusätzliche Sechshundertschaften. Es wäre fahrlässig, wenn wir gegen Umma nicht rechtzeitig aufrüsten. Jederzeit ist mit einem Angriff zu rechnen. Besser wäre es, sie selbst zu überraschen, damit der heiße Wüstensand sie bedeckt und für immer verschluckt.

Außerdem werde ich ein Gesetz erlassen, welches erlaubt, dass Priester Land aufkaufen dürfen. Da gibt es einen großen Nachholbedarf. Ich habe gesehen, wie einige Pächter ihr Land verkommen lassen, und sich nur dem Müßiggang hingeben. Wir brauchen mehr tatkräftige Männer, wie die Priester.

Soweit die ersten Änderungen. In den nächsten Tagen werde ich mit meiner Frau Barnamtarra nach Girsu fahren, um dort im Palast zu leben. Aber ich warne euch. Von Zeit zu Zeit komme ich vorbei. Sollte ich dabei den Eindruck haben, dass meine Befehle nicht ordnungsgemäß ausgeführt werden, und hier ein lockeres Leben Einzug hielt, dann werde ich die nötigen Maßnahmen erwirken. Ningirsu sei mit uns.“

Ruckartig erhob er sich und wollte, von seiner Frau und seinem Vater gefolgt, die Stufen hinabsteigen, als ein Verwalter aus Badtibira aufgereckt mit den Armen fuchtelte. Er rief dem Ensi hinterher.

„Die Steuern können nicht schon wieder erhöht werden. Enlitarzi tat dies erst vor nicht allzulanger Zeit. Sie sind zu hoch. Da bleibt für uns ja nichts mehr zu essen übrig. Wovon sollen wir leben? Habt Mitleid mit den Armen.“

Alle Anwesenden richteten ihre Augen auf den Zwischenrufer. Jeder war gespannt, wie Lugalanda mit dieser neuen und ungewohnten Situation umgehen würde. Dieser bleib stehen und wirkte ruhig, als er sich umdrehte und mit gedämpfter Stimme zu seinem Vater sprach.

„Wer ist das?“

„Ich glaube, er heißt Suburat aus Badtibira. Nicht dumm, aber er hat ein loses Mundwerk.“

Lugalanda überlegte kurz. Dann richtete er sich an seine zur Verfügung stehenden Wachen.

„Holt mir den Mann da raus. Der macht mir die anderen ja noch alle rebellisch. Bringt ihn in meinen Verhörraum.“

Sofort machten sich die Wachen auf den Weg. Suburat ließ sich widerstandslos fortführen. Er ahnte schon, welchen Schaden ihn sein Zwischenruf einbringen und was mit ihm geschehen würde. Sogleich bereute er seine lose Zunge. Wäre er doch still gewesen. Dies taten dafür die übrigen viehundert öffentlichen Vertreter. Keiner wagte jetzt laut Kritik zu üben. Nachdem Lugalanda mit seinem Anhang verschwunden war, leerte sich der Saal schnell. Jeder hatte es eilig davon zu kommen. Niemand blieb freiwillig länger an diesem Ort.

„So was habe ich erwartet.“

„Ach, du wieder. So schlimm wird es schon nicht werden. Du musst nicht gleich alles so schwarz sehen.“

„Doch, denn ich glaube, dass das erst der Anfang ist.“ Urukagina fasste sich nachdenklich an die Stirn. In seinem Gesicht bildeten sich nachdenkliche Falten.

„Du siehst immer alles so schlecht. Natürlich war zu erwarten, dass Lugalanda sich bereichern wird. Das haben vor ihm alle Ensis gemacht und er wird es genauso machen. Jeder, der die Macht hat, nutzt sie aus und lebt in Saus und braus. Du würdest es genauso machen, wenn du Ensi wärst. Das ist normal. Oder anders gesagt, du wärst schön blöd, wenn du die Chance vertun würdest, um einmal voll aus dem Honigtopf zu schlürfen.“

Enkilum schlug seinem Freund lachend auf die Schulter. Leicht glättete und entspannte sich sein Gesicht wieder.

„Da hast du recht. Das meinte ich aber gar nicht, Enkilum. Was mir Sorgen macht, ist die Art und Weise, wie Lugalanda mit Suburat umgegangen ist. Es würde mich nicht wundern, wenn er in die Stätte der Toten einzieht. Wovor ich Angst habe, ist der Gedanke, dass wenn jeder der einmal seine Meinung sagt, gleich weggebracht wird, und sein Leben verliert. Dieser Zustand ängstigt mich. Man darf doch die Wahrheit verkünden, ohne gleich den Kopf zu verlieren.“

„Das ängstigt mich ebenso, aber wir wissen doch gar nicht, was mit Suburat geschah. Wir haben eben gesehen, wie ihn die Wache weggebracht hat. Aber wohin, wissen wir nicht. Vielleicht hebt der Ensi einmal den Zeigefinger, droht ihm, und schickt ihn dann nach Badtibira zurück. Davon gehe ich aus.“

Enkilums lächeln entwaffnete seinen Freund.

„Deine Frohnatur und deinen Glauben an das Gute im Menschen möchte ich haben.“

„Das liegt daran, weil ich glaube, dass die Götter die Menschen lieben, und wir Abbilder von ihnen sind. Enki, der Wassergott, hat uns seinem Abbild gleich aus Lehm geformt. Dann hat er die Lehmfiguren mit seinem Speichel benetzt und durch diesen Speichel des Lebens wurden die Menschen lebendig. Und solange es Götter gibt, wird es auch immer tadellose Menschen geben, denn die Götter sind gut.“

„Auch der kriegerische Ningirsu?“

„Ebenfalls er. Denn durch den Krieg wird unsere Stadt vor den Feinden geschützt. Wir führen in Ningirsus Namen nur Krieg, um unsere Stadt zu verteidigen.“

Enkilum hob wie zur Bekräftigung seiner Worte beschwörend die Arme.

„Dann gehen wir erst mal nach Hause ein Bier trinken. Hoffen wir das beste für Suburat.“ Urukagina gab sich erst einmal damit zufrieden.

„Na dann mal los. Ich habe schon so einen Durst, bei der Hitze.“

„Suburat wartet im Verhörraum auf dich, Ensi.“ Ur-Ulman nahm eine ehrerbietende Haltung ein, als er die Meldung überbrachte. Ur-Ulman war der Oberverwalter und oberste Minister des Stadtstaates Lagasch und somit die rechte Hand des Ensi. Er hatte schon Enlitarzi treue Dienste geleistet und war die personifizierte Zuverlässigkeit. Auch Lugalanda vertraute ihm von Anfang an und hatte ihn als Oberverwalter - ohne dessen Person auch nur einen Augenblick in Frage zu stellen - übernommen. Sein Gesicht war rundlich, der Kopf kahlgeschoren. Eine kleine Hakennase prangte in der Mitte seines Gesichts hervor. Aber das Individuellste an seinem Erscheinen waren seine Augen. Sie stachen hervor und jedermann hatte das Gefühl, dass sie ihn durchbohrten. Freundlichkeit war in ihnen nicht zu lesen. Verstärkt wurde dieser Eindruck von den buschigen schwarzen Augenbrauen, die langsam eine graue Farbe annahmen.

Ur-Ulman hatte viele Fähigkeiten. Ein großes Organisationstalent war ihm gegeben. Er wusste über viele Dinge Bescheid und seine Ohren waren überall. Gefüttert wurden sie von einer Anzahl bezahlter Spitzel, die ihm Informationen über allerlei Vorgänge in Lagasch kundtaten. So konnte er schnell reagieren und Gefahren abwenden. Ursprünglich war auch er Priester gewesen. Aber der reine Gottesdienst war ihm nicht aufregend genug, und so hatte er sich ein Betätigungsfeld gesucht, wo er seine Talente anbringen konnte und sie mit Luxus belohnt wurden. Denn er war kein Kostverächter und liebte das ausschweifende Leben, gepaart mit Macht. Dies war die perfekte Kombination für ihn. Er tat alles dafür, das dies so blieb.

„Dann hören wir uns mal an, was Suburat zu seiner Entschuldigung vorzubringen hat.“

Lugalanda ging langsam voran. Sein Oberverwalter folgte ihm in kurzem Abstand, aber seitlich versetzt.

Beide betraten den Verhörraum, in dem es nur einen Stuhl gab. Dieser war dem Ensi vorbehalten. Davor kniete Suburat und ließ demütig den Kopf hängen. Die Hände waren auf dem Rücken mit einem Strick gebunden. Bewacht wurde er von zwei Soldaten, die ihre Lanzen in der rechten Hand hielten, jederzeit bereit einzugreifen. Ihre Schwerter baumelten in der Scheide an der linken Seite herab.

Lugalanda nahm gemächlich Platz. Hinter ihm stellte sich Ur-Ulman auf, die Arme vor der Brust verschränkt.

„Was hast du dir dabei gedacht?“

Suburat hob den Kopf und er stotterte ein wenig, als er dem Ensi antwortete. Seine Stimme klang unsicher.

„Es, ...es ist mir herausgerutscht, geliebter Ensi. Glaubt mir. Ich, hm .... ich wollte es nicht sagen. Verzeiht mir.“

„Ist dir klar, dass du damit Unruhe unter den anderen gestiftet hast?“

„Ja, Ensi. Verzeiht mir. Es kommt nie wieder vor.“

„Warum hast du das gesagt?“

„Es lag daran, weil die Steuern die dein Vater erhoben hatte, schon so eine große Last für uns sind. Es ist schwer, die bisherige Steuer aufzubringen. Und eine weitere Erhöhung wäre, wenn ich das sagen darf ehrwürdiger Ensi, eine unerträgliche Belastung. Falls die Ernte mickrig ist, reicht es manchmal nicht mal für uns. Das Land ist dürr und Enki der Wassergott segnet uns nicht immer mit Wasser. Verzeiht mir Ensi, wenn ich hier so offen spreche, aber ich meine, dass du die Wahrheit wissen sollst. Wenn wir selber nichts zu essen haben, sind wir zu schwach. Nur wenn wir genug haben, sind wir kräftig um für dich zu arbeiten.“

Seine Stimme war immer selbstsicherer geworden. Ihm war bewusst, dass sein Leben verwirkt war, deshalb fand er den Mut, dem Ensi die Wahrheit zu sagen. Meslamtaea, der Gott des Todes würde ihn in der Stätte der Trümmer bringen. Auf jeden Fall. Sein Schicksal war besiegelt. Dort würde er Ereschkigal, der Göttin der Unterwelt, begegnen. Aus Lehm war er geworden, zu Lehm würde er wieder werden. Der ewige Kreislauf, seit Enki die Menschen aus Lehm formte, hatte sich für ihn geschlossen.

Lugalanda schwieg einen Moment und fuhr sich mit der linken Hand durch den Bart. Er trug jetzt den Siegelring des Ensi an dem Unterarm. Es war ein aus gebranntem Lehm geformter Ring, der in Keilschrift Lugalanda als Ensi auswies. Siegel galten in Sumer als Besitzzeichen und Amulett zugleich.

„Du bist ein mutiger Mann Suburat.“ Mit ruhiger Stimme sprach er zu dem Untertan. „Nicht alle Untergebenen würden so mit mir sprechen. Die meisten würden sich vor Angst den Mund zukneifen. Du bist anders. Das imponiert mir. Deinem Mut und deiner Ehrlichkeit hast du damit dein Leben zu verdanken. Trotzdem kann ich es nicht zulassen, dass du für Unruhe sorgst und andere aufwiegelst. Höre mein Urteil. Du wirst mir in den nächsten Tagen als Sklave nach Girsu folgen, wo dir eine niedere Arbeit zugewiesen wird. Dort hast du Zeit über dein loses Mundwerk nachzudenken. Bringt ihn weg.“

Die Wächter befolgten den Befehl und Suburat war in diesem Moment unfähig seine Gefühle zu ordnen. Sollte er sich freuen, dass er am Leben blieb, oder sollte er traurig sein, weil er sein bisheriges, wohlbehütetes Dasein verloren hatte, um sein weiteres Leben als niederer Sklave zu fristen.

Lugalanda erhob sich und ging in sein Arbeitszimmer zurück. Ur-Ulman folgte ihm.

„Wer soll seine Nachfolge in Badtibira antreten?“

„Regel du das. Dir wird schon ein geeigneter Mann einfallen, auf dem Verlass ist. Jedenfalls soll er uns treu ergeben sein und nicht so eine lose Zunge haben.“

„Wie du befiehlst Ensi.“ Ur-Ulman verneigte sich und wollte sich abwenden, als er eine Handbewegung des Ensis wahrnahm.

„Da habe ich eine Idee. Als ich eben von einer losen Zunge sprach, fiel mir ein, dass es besser wäre, wenn Suburat seiner losen Zunge entledigt werden würde. Dann vermag er nicht mehr so viel Unheil damit anzurichten. Ein schneller Schnitt und wir haben unsere Ruhe. Ändere das Urteil dementsprechend. Als Sklave soll er mir trotzdem nach Girsu folgen.“

„Zu Befehl, mein Ensi.“

Ur-Ulman verließ den Raum des Ensis. Das Urteil konnte schnell geändert werden und wegen des Nachfolgers sah er keine Probleme. Es war nicht schwierig, die frei gewordene Stelle durch geeignete Männer zu besetzen. Es gab genug käufliche Untergebene ohne Rückgrat, die alles taten, was von ihnen verlangt wurde, wenn nur genug für sie abfiel.

Ur-Ulman wollte in seinen Raum gehen, als ihm auf den Weg dorthin Unnima begegnete. Dieser war ein treuer Untergebener, der ihn öfters mit Informationen belieferte.

„Was gibt es neues?“

„Einiges. Es hat sich viel getan in der letzten Nacht. Ich bin gerade dabei eine Liste mit den Namen zusammen zu stellen, die sich dem Ensi als kritisch gegenüber erwiesen haben. Sie wird von meinem Schreiber in feuchten Lehm geritzt. Wenn er trocken ist, bekommst du die Keilschriftplatte.“

„Das hört sich gut an. Wir wollen um ein ruhiges Lagasch wissen, wenn ich mit dem Ensi in Girsu bin. Du kannst dann zeigen, was du kannst. Ich verlass mich auf dich.“

„Du darfst getrost nach Girsu gehen. Ich bedanke mich für dein Vertrauen und werde dich nicht enttäuschen.“

„Schon gut, Unnima. Was macht die neue Liebe, von der du mir erzählt hast? Wie hieß sie gleich?“

Unnima lächelte, denn er freute sich jedes Mal, wenn er von seiner neuen Liebe erzählen konnte. Er hatte sich sofort in sie verliebt und wollte sie gleich heiraten. Jeder sollte an seinem Glück teilhaben. Freudig erzählte er.

„Seydala heißt sie. Sie ist wunderschön. Sie hat zwar schon einen ersten Mann, aber das stört mich nicht. Seydala will nach unserer Heirat nur noch bei mir leben.“

„Das ist schön zu hören, dass du glücklich bist. Wenn ihr erster Mann Schwierigkeiten machen würde, so brauchst du es mir nur zu sagen. Es gibt Mittel und Wege dafür zu sorgen, dass die Misslichkeit verschwindet. Was macht er?“

„Er ist Bäcker.“

„Es wäre eine Kleinigkeit, ihn verschwinden zu lassen. Das weißt du.“

„Das glaube ich, doch ist nicht er das Problem. Er hat sich nicht negativ geäußert. Seydala sagte mir, eher ist ihr Schwager gegen unsere Ehe. Er könnte Schwierigkeiten bereiten.“

„Wer ist ihr Schwager?“ Ur-Ulman wurde neugierig und horchte auf. Es war immer besser, seine Ohren aufzuhalten.

„Urukagina, du müsstest ihn kennen. Er ist der Getreideverwalter.“

Ur-Ulman nickte. Er kannte diesen Namen. Urukagina war ihm als treuer, aber doch als ein charaktervoller Mann bekannt, der seine eigenen Ansichten hatte, die konservativ waren. Er dachte kurz nach.

„Gut, dann bereite alles für deine Hochzeit vor. Ich werde Urukagina auf eine lange Inspektionsreise schicken. Wenn er zurückkommt, bist du schon verheiratet und er muss sich damit abfinden. Sollte es weitere Schwierigkeiten geben, so gib mir Bescheid.“

„Danke. Das wäre gut.“

Unnima verneigte sich leicht und schritt weiter. Er wusste, dass er sich auf Ur-Ulman verlassen konnte. Er würde sein Wort halten.

Urukagina war schlechter Laune. Der Wagen schüttelte ihn durch. Gezogen wurde er von vier Onagern. Diese halbwilden Esel wurden als Zugtiere in Sumer eingesetzt. Onager wurden aber auch vor Streitwagen eingespannt. Das Fahrzeug bot Platz für einen Lenker und einen Speerwerfer.

Dieses ständige Schütteln verbesserte seine Laune aber nicht. Vor vierzehn Tagen hatte er erfahren, dass er auf eine Inspektionsreise durch die Ortschaften, die zum Stadtstaat Lagasch gehörten, aufbrechen sollte. Diese Reisen an sich waren nichts Ungewöhnliches. Von Zeit zu Zeit hatte er sie in regelmäßigen Abständen durchgeführt. Doch jetzt war die Reise seines Ermessens gar nicht dran gewesen. Erst später.

Eigentlich gedachte er sich mehr, um seinen Sohn Turruken zu kümmern, bevor dieser in das Tafelhaus ging. Turruken war nicht glücklich gewesen, als er vernahm, dass sein Vater für lange Zeit weg wäre. Sein Vater hatte ihm versprochen, ihm das Schwimmen beizubringen. Sobald er in einigen Wochen wieder zurück war, wollte er dies nachholen. Durch das Versprechen ertrug Turruken die Abwesenheit seines Vaters leichter.

Ardala war ebenfalls nicht erfreut. Sie kümmerte sich inzwischen um den Haushalt. Nebenbei formte sie Figuren aus Lehm, die sie menschlichem Aussehen gab, dann im Ofen brannte und abschließend mit Farben bemalte. Aber auch Phantasiegestalten, Götterbildnisse, und Tiernachbildungen formte sie, die sie dann auf dem Lagascher Markt feilbot. Damit verdiente sie sich ein Zubrot.

Urukagina war nicht alleine auf dem Wagen. Sein großer Gehilfe Kudur hatte die Zügel in der Hand und lenkte die Onager. Er war ein schweigsamer, aber brauchbarer Mensch. Neben Urukagina saß noch der Schreiber Metamal. Er war das genaue Gegenteil von Kudur. Ständig redete er, so dass sein Vorgesetzter ihn des Öfteren zum Schweigen auffordern musste. Doch diese Zeit der Stille überbrückte Metamal mit Pfeifen oder singen alter sumerischer Lieder. Urukagina tröstete sich damit, dass seine Stimme wenigstens erträglich war, denn Metamal war nicht unmusikalisch.

Die Stimmung auf dem Wagen hellte sich auf, als der nächste Ort in Sichtweite kam. Er lag weit ab vom Tigris, doch war ein Kanal dorthin gegraben worden, der die Getreidefelder mit Wasser versorgte. Der Ort trug den Namen Schatteken und war nicht groß. Höchstens dreißig ärmliche Lehmhütten standen in der prallen Sonne. Keine Sträucher oder Steppenbäume spendeten Schatten.

Einige armselig aussehende Männer waren auf den umliegenden Feldern und sahen kurz auf, als der Wagen in das Dorf fuhr. Ihre Bekleidung, die Kaunakes, war mit Löchern und Rissen übersät. Wenig Zuversicht spiegelte sich in ihren Gesichtern wider. Hoffnungslosigkeit regierte ihr Dasein im Angesicht der verdorrten Getreidehalme. Gering und klein waren die Anzahl der Gerstenkörner, die sie trugen. Dann drehten sich die Männer wieder um und fuhren in ihrer Arbeit fort. Sie hatten sich in ihr Los ergeben.

Ein alter Mann, ohne Kopfbehaarung, aber fast sechzig Jahre alt sein mochte, kam aus einer Hütte und trat auf die Neuankömmlinge zu. Gebückt war seine Körperhaltung sowie dünn seine Statur. Er begrüßte sie als seine Gäste und rief nach seiner Frau, die eiligst ein karges Mahl bereitete. Alle nahmen am Tisch Platz. Es gab nur selbstgebackenes Fladenbrot. Dazu selbstgebrautes Bier, das nicht schmeckte. Die Gäste waren besseres gewöhnt, doch wollten sie die Gastgeber nicht beleidigen. Metamal und Kudur hatten neben ihrem Vorgesetzten Platz genommen. Durstig tranken sie das ihnen in Bechern gereichte.

„Wie wird die Ernte?“

„Ach Herr, du hast ja die Felder gesehen. Sehen sie nicht erbärmlich aus? Die Sonne brennt so grausam nieder, als wollte sie alles Leben auf Enlils Erde zerstören. Enlil und Enki schicken uns keinen Regen. Das Wasser aus dem Kanal kommt nur spärlich zu uns. Ich weiß nicht, wie wir überleben sollen.“

Der alte Mann der Mattentu hieß, hob die Arme beschwörend zum Himmel, als ob er Enlil um Wasser anbeten würde. Verzweifelt und sehnsüchtig war sein Blick. Alt sowie ausgemergelt seine Gesichtszüge. Es waren arme Menschen und es tat Urukagina wahrlich im Herzen weh, als er das sagen musste, was seine Pflicht war. Das, wozu er herkam, war seine Arbeit.

„Das tut mir leid. Aber du kennst mich Mattentu. Alljährlich komme ich hierher und du weißt, was das bedeutet. Zeige mir zuerst euer Getreidesilo. Ich habe mit dir zu reden.“

Sie standen auf und bogen alleine um die Hütte herum zum Silo.

Was er da erblickte, überraschte ihn wenig. Das Silo war fast leer. Ein kümmerlicher Rest Getreide lag, von Lehmziegeln geschützt, in der Mitte. Es war zusätzlich von Lehmziegeln umgeben, damit nicht die Ratten das wenige, was verblieb, wegfressen würden.

Normalerweise kam Urukagina auf seiner Inspektionsreise erst, wenn die Ernte schon eingebracht war. Aber dieses Jahr war er früher geschickt worden. Er konnte sich keinen Reim darauf machen, warum Ur-Ulman ihn, entgegen der Tradition, dieses Jahr vorzeitig sandte. Die ausstehende Ernte sah nicht nach einer großen Verbesserung aus. Die Halme wirkten eher vertrocknet und waren nicht reich an Körner. Letztendlich hatten die Einwohner ein ganzes Jahr davon zu leben. Fischfang gab es hier nicht und von der Jagd war in dieser dürren Steppe nicht zu leben. Schlangen schlichen herum. Außerdem gab es Skorpione, Käfer und ähnliches krabbelndes Getier, welche aber nicht schmackhaft waren.

„Mattentu, ich weiß, dass ihr nicht viel habt. Aber du weißt, weshalb ich gekommen bin. Das lässt sich nicht vermeiden. Die Abgaben sind vom neuen Ensi erhöht worden. Wenn die Ernte eingebracht wurde, musst du fünf Talente (1 Talent 30,30 kg) mehr Abgaben für das Dorf bezahlen.“

„Aber Herr, du siehst doch selbst, dass wir nichts haben. Und da ist es egal, ob der Ensi Enlitarzi oder Lugalanda heißt. Wo nichts ist, vermag man nichts zu holen. Siehst du das nicht?“

„Das sehe ich, doch kann ich da nichts machen.“ Urukagina schmerzte es dies sagen zu müssen, doch war er selbst nur ein Werkzeug des Herrschers. Wenn er das nicht eigen durchführte, würde er von jemanden anderen ersetzt werden, der die Arbeit ohne Verständnis für die Hungernden ausführte. Er war austauschbar wie ein zerbrochener Becher.

„Herr, ich weiß, dass du nicht dafür verantwortlich bist. Du bist im Auftrag des neuen Ensi unterwegs. Versuche bitte beim Ensi für uns ein gutes Wort einzulegen. Wenn die Ernte wieder besser ist, werden wir alles nachzahlen. Doch brauchen wir was zum Leben.“

Der Getreideverwalter wollte Mattentu und somit dem gesamten Dorf, nicht die letzte Zuversicht nehmen. Deshalb entschloss er sich dazu, etwas Hoffnung zu säen. Ein kleiner Strohhalm, an dem sie sich festhalten konnte, auch wenn er sicher war, nichts Positives in Lagasch erreichen zu können. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Sonst hatten die armen Menschen nichts im Leben.

„Ich versuche, was ich vermag. Aber versprechen kann ich nichts.“

„Danke, danke Herr. Möge Inanna dich mit Liebe und viel Glück segnen. Du hast ein großes Herz.“

„Schon gut, Mattentu. Können wir bei dir wieder übernachten.“

„Aber natürlich Herr. Du bekommst die gleiche Hütte wieder, wie jedes Jahr. Warte, meine Frau wird sie gleich für dich herrichten.“

Eiligst verschwand er, um seiner Frau Anordnungen zu erteilen. Urukagina trat indes herum und betrachtete sich Schatteken. Die Armut war hier zu Hause. Er seufzte, als er sich ausmalte, wie er den ärmsten der sumerischen Bevölkerung ihr Getreide und somit ihre Lebensgrundlage entziehen musste. Und das gleichzeitig, während der Ensi und sein Gefolge, in Hülle und Fülle lebten, sich den Bauch vollschlugen und gar nicht genug bekommen konnten.

Als er hier die Armut erblickte, war dies der Moment, wo Urukagina bewusst wurde, was Elend bedeutete. Andere lebten in Überfluss. Jedes Mal, wenn er in der Zukunft sehen sollte, wie sich die Reichen den Bauch mit den größten Leckereien vollschlugen und sich mästeten, dachte er dann an Schatteken, und seine Bewohner. Diese Erinnerung reichte ihm aus, um keinen Appetit auf die dargebotenen kulinarischen Genüsse zu bekommen. Ein schlechtes Gewissen bemächtigte sich jedes Mal seiner. Mattentu und Schatteken wurden für ihn ein Inbegriff für Elend und Hunger.

„Metamal.“ In wenigen Sekunden stand sein Schreiber wie befohlen vor ihm.

„Ja Herr, was soll ich tun?“

„Schreibe auf: Schatteken, keine Ernte zu erwarten, alles verdorrt. Kann keine Abgabe leisten.“

„Aber Herr, das können wir jetzt nicht schreiben. Ich muss ...“ Missmutig unterbrach ihn sein Vorgesetzter.

„Schweig still. Tu das, was ich dir gesagt habe. Sage Kudur, dass wir morgen in aller Früh weiterfahren. Hier ist nichts zu holen. Hast du mich verstanden?“

Metamal druckste herum. Er wollte erst widersprechen, doch dann sah er den beharrlichen Blick seines Herrn und beugte sich dessen Anweisungen. In der Verfassung war es besser seinem Vorgesetzten nicht zu widersprechen. Er nahm seine Lehmtafel und ritzte den Bericht ein.

„Ja Herr, wie du befiehlst.“

Am nächsten Morgen war der Wagen bei Sonnenaufgang aufgebrochen. Es war angenehm kühl. Die Onager zogen die Wagen durch verschieden große Ortschaften. Auch die offensichtliche Armut variierte. Einigen Ortschaften ging es besser, anderen schlechter, doch war die ausstehende Ernte allgemein überall nicht als groß zu erwarten. Urukagina tat seine Pflicht und inspizierte allerorts die Silos, sowie die zu erwartende Ernte. Er besah sich die Felder, deren kargen Halme im frischen Steppenwind wehten.

Ihm war nicht allzu wohl dabei, doch konnte er daran nichts ändern. Sein Gewissen musste er ausschalten. Metamal ritzte diensteifrig mit seinem Schreibgriffel alle Ergebnisse in den Lehm.

Die Landschaft, durch die sie kamen, sah überall gleich aus. Endlose Steppe. Hin und wieder erblickte er kultivierte Felder. Steine in verschiedenen Größen, einzelne Büsche standen verstreut herum, die entweder mit wenig Feuchtigkeit auskamen, oder verdorrt waren. Einzelne Steppenbäume lockerten die triste Landschaft etwas auf und spendeten den Reisenden etwas Schatten.

Die Ebene zog sich unendlich hin. Unterbrochen war die Gegend neben den einzelnen Steppenbäumen, nur durch die von Menschenhand geschaffenen Bewässerungskanäle. Kleine Brücken aus Holz, die nur für einem Gefährt Platz hatten, ließen eine Überquerung trockenen Fußes zu.

Eines Abends gelangten sie in einen größeren Ort, der den Namen Upasch trug. Urukagina war schon des Öfteren hier gewesen. Upasch war einer der angenehmeren Orte. Es gab eine Schenke sowie eine Herberge. Sogar einen kleinen Tempel, der dem Gott Enlil gewidmet war, zierte die Ortsmitte. Upasch war deshalb nicht so ärmlich wie andere Ortschaften, durch die die Inspektoren kamen, weil es an einer Handelsstraße lag. Viele Händler kamen mit ihren Waren durch den Ort und ließen ihr Geld in der Schenke. Auch die ortsansässigen Kaufleute hatten ihren Nutzen von der Verbindungsstraße, die von Norden nach Süden führte. Zu dieser Tageszeit war auf der Straße kein Betrieb.

Kudur ließ den Wagen vor der Schenke halten. Auf der anderen Straßenseite war ein Stall, in dessen Nähe mehrere Händlerwagen ohne Zugtiere standen. Urukagina stieg ab und streckte sich zuerst nach der langen Fahrt auf dem unbequemen Holzsitz. Seine Muskeln und Gelenke sehnten sich nach Bewegung. Dann zeigte er auf dem Stall und gab Anweisungen.

„Bringt den Wagen unter, sowie die Tiere in den Stall. Versorgt unsere Sachen und wenn ihr fertig seid, kommt mir nach in die Schenke. Dort könnt ihr essen. Morgen in aller Frühe inspizieren wir die Felder und das Silo.“

Er betrat die Schenke und setzte sich auf eine einfache Holzbank am Tisch. Eine angenehme Kühle hatte ihn empfangen. Er wischte sich mit dem rechten Unterarm die Schweiß-Staub-Mischung aus der Stirn und rief den Wirt. Ein untersetzter Mann mit pickligem Gesicht erschien und fragte nach seinen Wünschen. Urukagina bestellte für sich Schafsfleisch mit Fladenbrot, dazu das allgegenwärtige Bier. Bald wurde ihm das Essen gebracht, welches er gierig in sich aufnahm. Zu groß war unterwegs der Hunger gewesen.

Als er gesättigt und zufrieden seine Hände auf den Bauch legte, vernahm er von der Straße her Geräusche. Es waren keine genauen Worte zu vernehmen, doch klang es wie ein Streit. Es wurde lauter. Zwei Männer schrien sich an, was nicht zu überhören war. Ein Schulterzucken war seine Reaktion darauf. Was ficht es ihn an? Sollten sie sich doch streiten. Dann beugte er sich wieder zum Tisch vor und wandte sich seinem Bier zu.

Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und Metamal stürmte durch die Türöffnung. Er schien aufgebracht. Hinter ihm wankte der große Kudur herein, dessen Gesicht Zeichen eines Faustkampfes aufwies. Aus der Nase tropfte Blut. Über dem rechten Auge prangte eine angeschwollene Platzwunde, aus der ebenfalls Blut hervortrat. Es waren deutliche Spuren eines Boxkampfes.

„Herr verzeiht, dass wir dich beim Essen stören, doch gab es eine Schlägerei.“ Metamal war aufgeregt. Fast verschluckte er einige Worte. Zu schnell wollte er die Worte hervorbringen.

„Kudur wurde angegriffen. Kümmere dich bitte darum, damit der Schuldige bestraft wird. Kudur ist unschuldig. Du kennst ihn, er ist so ein friedlicher Mann. Man darf ihn allerdings nicht reizen, denn sonst vermag er wütend zu werden und dann bricht er dem Gegner alle Knochen. Ich habe es selbst gesehen. Ich weiß, wovon ich rede. Jedem Streit mit ihm gehe ich aus dem Weg. Aber ...“

Urukagina kannte Metamals Art, ausschweifend zu erzählen. Deshalb unterbrach er ihn mit einem Lächeln im Gesicht, damit er zum eigentlichen Grund des Streites kam. Dabei schüttelte er die rechte Hand kurz aus.

„Komm endlich auf den Punkt. Was ist passiert? Kudur. Erzähle, was geschah.“

Doch bevor Kudur das Erlebte erzählen konnte, hatte Metamal erneut das Wort ergriffen, und ließ es sich nicht nehmen, das Vorgefallene wiederzugeben. Seine Augen glänzten vor Redseligkeit.

„Wie du gesagt hattest, haben wir die Tiere versorgt. Der Stallbesitzer war nett und wies den Onagern einen Platz zu. Dann ging er. Hab ich dir schon erzählt, dass es da drin so stinkt. Und dreckig ist es dort. Es ist ja fast nicht auszuhalten. Bei uns in Lagasch sind die Ställe aber sauberer. Da müssen die hier viel lernen. Es kann doch nicht so ...“

„Weich nicht ab. Erzähle endlich, was vorgefallen ist.“ Urukagina kannte seinen Metamal. Er musste grinsen.

„Ja Herr, ich bin ja schon dabei. Also, danach kam so ein Bursche, der zu den Händlern dessen Wagen wir gesehen haben gehört, und beleidigte unsere Tiere. Dabei haben wir gute Onager. Die besten in Sumer. Jawohl, das sind sie. Aber er beleidigte sie in einem fort. Heruntergekommene, lahme Halbesel seien sie, die nur als Braten nützlich wären. Er schimpfte weiter. Du kennst Kudur, Herr und du weißt, dass eine Menge passieren muss, bis er die Ruhe verliert. Aber gegen seine Tiere darf man nichts sagen. Natürlich ließ er sich das nicht gefallen. Dann fielen von dem anderen bösere Worte, die unsere Mütter in schlechtes Licht rückten. Es widerstrebt mir dank meiner guten Erziehung, die ich von meinen Eltern genossen habe, die bösen Worte hier zu wiederholen. Diese Beleidigungen ließ Kudur sich nicht mehr gefallen und es kam zu einer Schlägerei, aus der aber kein Sieger hervortrat, weil der Herr von dem Wüstling erschien und die Kampfhähne trennte. Aber Kudur hat tapfer gekämpft. Sein rechter Haken kam wie ein Schlag mit einem Hammer auf den Kopf des Gegners nieder. Klasse wie Kudur kämpfen kann. Du solltest ihn einmal sehen.“

Langsam beruhigte Metamal sich wieder, nachdem er sich offenbart hatte. Jetzt lächelte er sogar, als er an Kudurs Schlagkünste dachte.

„Wer war der Herr? Hat der andere angefangen?“

„Ja Herr, natürlich. Du weißt ja, wie ruhig Kudur allgemein ist. Und wer der Herr ist weiß ich nicht. Irgend ein Händler.“

Urukagina nickte. Kudur war ihm als ruhiger Mensch bekannt. Aber jeder hat seine Schmerzgrenze, bei dessen Verletzung die Ehre gebietet, sich zu verteidigen. Und dieses Recht hatte Kudur für sich in Anspruch genommen.

Wiederum öffnete sich die Tür und die Blicke der drei Männer aus Lagasch richteten sich sogleich auf die drei äußerst unterschiedlichen Personen, die hereintraten. Zuerst betrat ein älterer Mann mit grauem Haar die Wirtschaft. Sein Bauch war kugelrund und sein äußeres Erscheinungsbild zeugte von einer Ausgeglichenheit. Die Augen waren nicht streitsüchtig, sondern wirkten trotz des ernsten Gesichtes gütig.

Gefolgt wurde er von einer jungen Frau, die keine zwanzig Sommer zählen mochte. Ihr langes schwarzes Haar hing in Strähnen herab und war vom Staub der Steppe verdreckt. Aber dies tat ihrer Schönheit keinen Abbruch. Dazu leuchteten ihre Augen in einem Blau, wie man es vom Lapislazulistein kennt. Sie hatte einen aufrechten und stolzen Gang.

Zuletzt kam eine Person herein, die vom Äußeren nicht unterschiedlicher zu den vorangegangen sein konnte. Der Mann hatte die Statur eines in der Blüte seines Daseins stehenden Baumes. Seine Muskeln prangten hervor, als wenn sie jeden Augenblick platzen konnten. Dafür schien hinter seinem desinteressierten Blick wenig Geist zu stecken. Die drei kamen geradewegs auf Urukagina zu. Andere Gäste befanden sich zu Zeit nicht im Raum.

„Bist du der Herr von den beiden hier?“ Der Alte richtete seine Frage sogleich an Urukagina, nachdem die drei hereingetretenen auf der anderen Seite des Tisches stehen geblieben waren.

„Ja, wer will das wissen?“

„Ulan-Bator, so nennt man mich. Entschuldige meinen Diener Madurek. Er hat einen Streit mit deinem Mann angefangen. Er ist manchmal ein ungehobelter Kerl und liebt es, sich zu schlagen. Dabei ist er im Grunde ein herzensguter Mensch. Nur sucht er mitunter Streit. Er liebt es zu provozieren und sich zu prügeln. Ich bitte euch um Verzeihung.“

„Wenn Kudur damit einverstanden ist?“