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Bernd lebt glücklich mit seiner Familie zusammen. Eines Abends kehrt er vom Freund nicht mehr heim. Alle sind verzweifelt und die Nerven liegen blank. Wo ist der Vater und Ehemann? Warum ging er? Selbstmord, Entführung, Mord, oder hat er eine andere Frau? Eine Affäre? Will er irgendwo ein neues Leben beginnen? Geschah ein Unfall? Niemand weiß was mit Bernd geschah, bis ... Ein spannendes Buch!
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Seitenzahl: 146
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Michael Aulfinger
Der verschwundene Vater
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Impressum neobooks
Der Schlüssel drehte die Verriegelung zurück. Die Tür öffnete sich mit einem leisen quietschendem Geräusch. Dies tat sie in letzter Zeit häufiger. Ein Tropfen Öl könnte sicherlich dauerhaft Abhilfe schaffen.
„Hallo Liebling. Wie war dein Tag? Wo sind die Kinder?“
Bernd traf seine Frau Cordula in der Küche, und gab ihr einen Kuß, noch bevor sie antworten konnte. Ihr strahlendes Gesicht verriet eindeutig, daß sie sich über ihren frohgelaunten Mann freute, auch wenn er sicherlich einen schweren Arbeitstag hinter sich gebracht hatte. Sie waren glücklich miteinander, und ihre zwei wohlgeratenen Kinder ließen ihr Glück nahezu perfekt erscheinen. Es herrschte ein harmonisches Familienleben.
„Soweit ganz gut. Die Kinder müßten in einer Stunde vom spielen zurück kommen. Dann können wir essen. Du hast sicherlich einen Bärenhunger.“
„Oh ja. Das kannst du wohl laut sagen. Was gibt es denn schönes zum Essen. Da bin ich aber gespannt.“
Bernd lugte mit glänzenden Augen in den Kochtopf, obwohl er vorher schon gerochen hatte, daß sein Lieblingsessen zum Abendessen kredenzt wurde.
„Hmmm,“ gab er lechzend von sich, während seine Finger schon dabei waren ein Stück vom Fleisch abzuzweigen. Wie gewohnt reagierte Cordula, und schlug ihm reaktionsschnell auf die Finger, wie sie es immer bei Kochtopflangfingern tat. Denn das Spiel kannte sie zur Genüge. Sie spielten es oft und gerne.
„Finger weg du ungezogener Bengel. Du bekommst schon genug. Kannst du nicht warten bis wir essen?“
Wie immer gab er ihr einen Klaps auf ihr rundes Gesäß, und ging grinsend in das Wohnzimmer. Cordula wedelte mit gespielter Aufgebrachtheit ihm mit der Kelle hinterher.
So entspannt ging es immer bei der Familie Pfaff vonstatten. Eine lockere Atmosphäre war stets zu spüren. Die Kinder wuchsen frei und ungezwungen auf. Dies hatte zur Folge, daß es auch in der Schule wenig Probleme mit dem Sohn Dennis und der zwei Jahre älteren Tochter Sonja gab. Die Familie Pfaff war überaus beliebt, und konnte sich daher über einen großen Bekannten- und Freundeskreis freuen. Ihre gelebte Lockerheit, und das daraus resultierende Glück, rief sogar einige wenige Neider auf den Plan. Das lag wohl daran, weil es in deren familiärem Umfeld nicht so harmonisch zuging.
Aber das störte die Pfaffs wenig. Sie lebten so, wie sie es für richtig hielten, und schlossen die Neider aus ihrem Leben aus.
Eine Stunde später saßen die vier in fröhlicher Runde am Tisch. Es wurde geredet, was der Tag an Erlebtem hergab. Cordula war in ihrer Kindheit noch so erzogen worden, daß am Tisch nicht gesprochen wurde. Da sie diese Tischregel damals schon als langweilig und überflüßig empfand, ließ sie ihre Kinder reden, wie sie wollten. Und sie nutzten es aus. Sie aßen trotzdem und hatten spürbar viel mehr Spaß dabei.
„... und da hat Kevin sich auf sein Skateboard gestellt. Er nahm Schwung, und wollte uns Mädels zeigen, was er drauf hat. Das er halt ein toller Kerl ist. Ihr wißt doch wie die Jungs in dem Alter sind. Aber das ging voll in die Hose. Ihr könnt es euch gar nicht vorstellen. Er kriegte die Kurve nicht und knallte voll … .“
An dieser Stelle konnte die dreizehnjährige Sonja nicht mehr vor Lachen weitererzählen. Sie bog sich feixend. Die anderen taten es ihr gleich, denn ihr Kopfkino ließ den Film vor ihren eigenen inneren Auge abspielen.
Als sie sich endlich alle beruhigt hatten, gab Bernd seinen Kommentar ab, obwohl ihm noch eine Lachträne an seiner Wange herabkullerte.
„Geht nicht so hart mit Kevin ins Gericht. Es ist für einen pubertierenden Jungen schwer pubertierenden Mädchen zu imponieren. Es ist ein Vorspiel zur späteren Balz. Glaubt mir. Ich weiß wovon ich rede.“
Ein zurechtweisender Seitenblick seiner Frau, ließ ihm unzweifelhaft wissen, daß er nicht weiter reden sollte. Cordula war es peinlich, doch Bernd konnte nur schwer ein Grinsen unterdrücken. Schließlich war er ja auch mal jung.
Bald beruhigten sich alle wieder. Nachdem das Essen beendet und der Tisch abgeräumt war, gingen die Kinder in ihre Zimmer, in das obere Stockwerk des Einfamilienhauses.
Cordula setzte sich auf ihre Couch. Sie nahm die Fernbedienung und schaltete den Fernseher ein. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, das es kurz vor halb acht Uhr Abends war. Zeit für ihren Krimi, der um diese Zeit lief. Der Film lief gerade erst wenige Minuten, als Bernd in das Wohnzimmer trat. Er trug seine Lederjacke und Straßenschuhe.
„Willst du nochmal weg?“
„Ja. Ich gehe nochmal kurz zu Stefan. Er hat mir eine Nachricht geschickt. Sein Computer funktioniert wieder nicht. Wahrscheinlich hat er sich im Internet irgendeinen Virus eingefangen. Mal sehen, ob ich es hinbekomme. Bis später.“
Stefan wohnte einen knappen Kilometer entfernt. Er war ein guter Freund der Familie. Ein lieber Kerl, doch von technischen Geräten hatte er keine Ahnung. Es war deshalb nicht ungewohnt, daß er Bernd um Rat anflehte.
„Alles klar. Schließe dann später die Tür ab, wenn du wieder da bist. Ich sehe solange fern,“ sprach Cordula und wandte sich sogleich der Serie wieder zu. Sie bekam deshalb nur unbewußt mit, wie die Tür sich mit dem typischen quietschen schloß.
Cordula erwachte. Der Fernseher lief noch. Inzwischen wurde eine andere Geschichte gesendet. Verschlafen registrierte sie, daß sie während des vorherigen Films eingeschlafen war. Sie sah auf die Uhr. Schon kurz vor elf Uhr. Sie sah sich um. Von Bernd war keine Spur. Er wird wohl schon im Bett liegen, dachte sie während des Gähnens. Mit verschlafenem, tapsigen Schritt ging sie die Treppe zum Schlafzimmer hinauf. Dort angekommen knipste sie leichthändig den Lichtschalter an. Sie wollte gerade zu ihrer Bettseite gehen, als ihr Bewußtsein verstand, daß Bernds Seite unbenutzt war.
Wo mochte er sein?
Sonst war er nie so lange unterwegs. Schon gar nicht mitten in de Arbeitswoche. Und wenn, rief er vorher an. Das kam aber höchst selten vor. Die Telefone zeigten keinen Anruf an. Sie setzte sich in das Wohnzimmer und wartete. Als sie meinte, lang genug gewartet zu hatte, griff sie nach dem Telefon und wählte die bekannte Nummer von Stefan. Als sie auf die Uhr sah, bekam sie sogleich ein schlechtes Gewissen, denn Stefan mußte am nächsten Morgen sicherlich wieder früh auf der Arbeit erscheinen.
Nach fünfmaligem läuten, meldete sich eine verschlafen klingende Stimme.
„Jaaa....“
„Stefan, bist du das? Hier ist Cordula.“
„Ja, ich bin’s. Was gibt’s. Ich habe schon geschlafen.“
„Oh, das tut mir leid. Ich wollte nur wissen, ob Bernd noch bei dir bastelt. Weil er noch nicht zu Hause ist.“
„Natürlich ist ist er nicht mehr hier. Die Reparatur des Computers ging schnell und war ein kleines Problem. Ich hatte mir da einen blöden Virus beim surfen eingefangen. Aber für Bernd kein Problem. Du kennst ihn ja. Er bekommt sowas schnell wieder hin.“
„Dann ist ja gut. Wann ist er denn gegangen?“
„Das ist schon lange her. Er war nur eine Stunde bei mir. So gegen neun ist er wieder los. Ist er noch nicht zurück?“
„Nein, ich dachte er wäre noch auf ein Bier bei dir geblieben. Das ihr euch einfach fest gequatscht habt, und darüber den Sinn für die Zeit verloren hättet. Hast du sonst eine Ahnung wo er sein könnte? Hatte er was gesagt?“
„Es tut mir leid, aber ich weiß wirklich nicht, wo er ist.“
„Dann entschuldige die Störung. Schlaf weiter. Gute Nacht.“ Noch bevor Stefan sich am anderen Ende verabschiedete und auflegte, beschlich Cordula ein enorm schlechtes Gefühl. An Schlaf war von nun an nicht mehr zu denken. Panik ergriff sie.
War ihm etwas passiert?
Sowas hat er noch nie gemacht.
Das war nicht Stefan, das sah ihm nicht ähnlich.
Sie versuchte sich zu beruhigen, indem sie sich einredete, daß er irgendwo in einer verqualmten Kneipe versackt wäre. Aber auch das tröstete sie wenig, weil sie ihn kannte. Spät Abends in einer stinkenden Kneipe zu saufen war gar nicht sein Stil.
Da fiel ihr etwas ein.
Mit einem Sprung ging sie zur Kommode im Flur. Wenn er zu Hause war, deponierte er immer in der zweiten Schublade seine Brieftasche mit allen Papieren, sowie sein Portemonnaie. Auch wenn es ihr widerstrebte ihn zu überprüfen, tat sie es dennoch.
Beides war vorhanden. Mit zitternden Fingern kontrollierte sie alle Fächer. Alles war ordentlich hinterlegt, wo es hingehörte. Personalausweis, Krankenversicherungskarte, EC-Karte, Visa-Karte, Bargeld, Führerschein, einfach alles. Es fehlte nichts. Was sie außerdem in der Schublade entdeckte, war etwas, womit sie gar nicht gerechnet hatte. Bernd hatte sein Handy liegen lassen.
Cordula Pfaff wurde immer nervöser. Dann fiel ihr nur noch ein Wort ein.
Polizei.
Mit zitternden Händen wählte sie die Nummer. Als der wachhabende Beamte sich gemeldet hatte, fing sie sogleich aufgebracht an, über das Vorgefallene zu erzählen.
„Beruhigen sie sich.“ Die Stimme des Polizisten am anderen Ende der Leitung wurde ein wenig forscher. „Ich nehme ihre Anzeige auf, kann aber nicht versprechen, daß wir fündig werden. Viele Leute verschwinden, und sind am nächsten morgen – nach einer irgendwie versumpften Nacht - mit dickem Kopf wieder aufgetaucht. Warten sie deshalb erstmal morgen früh ab. Dann klärt sich wahrscheinlich alles wieder auf.“
Der Polizeibeamte kannte Cordula aber nicht. So einfach abspeisen ließ sie nicht nicht.
„Hören sie einmal genau zu,“ rief Cordula laut in den Hörer. „Ich kenne meinen Mann genau, und kann ihnen mit Bestimmtheit sagen, daß er keiner ist der sich nachts in einer Spelunke den Frust über seine Frau herunter säuft. Wir führen eine überaus glückliche Ehe. Er wollte nur kurz zu seinem Freund, wo er auch war. Ab neun Uhr ist er verschwunden. All seine Papiere und sein Handy sind noch hier. Er irrt irgendwo ohne Geld herum. Oder es ist ihm etwas schlimmeres passiert. Können sie nicht nach ihm forschen? Wir zahlen schließlich auch Steuern.“
Das saß. Der Polizist wurde mit einem Mal dienstfreudiger.
„Wissen sie was? Ich prüfe nach, ob ihr Mann irgendwo aufgefunden, oder in einer umliegenden Notaufnahme eines Krankenhauses eingeliefert wurde. Ihre Telefonnummer habe ich hier auf dem Display. Ich rufe sie an, wenn ich näheres weiß. Ist das in Ordnung?“
„Ja,“ schluchzte Cordula. „Danke schön.“
Sie legte auf. Auch wenn sie krankhaft versuchte, sich zu beruhigen, es mochte ihr nicht gelingen. Irgend etwas in ihrem Innern sagte ihr fortwährend, daß schreckliches geschehen sei.
Die nächste Stunde wurde sie immer nervöser. An Schlaf war nicht zu denken, und die Ablenkung durch den Fernseher war so sinnlos, wie einen Eisblock in der prallen Sonne stehen zu lassen.
Sie lief auf und ab. Immer wieder erwischte sie sich dabei, wenn sie erwartungsvoll zum Telefon starrte.
Endlich klingelte es. Die Uhr zeigte inzwischen schon halb zwei an. Der vorherige Beamte war am Hörer. Nach einer kurzen Begrüßungsfloskel kam er gleich auf den Grund zu sprechen.
„Ich kann sie beruhigen. Nirgendwo wurde ein Mann nach ihrer Beschreibung aufgefunden. Schlafen sie jetzt erstmal. Morgen früh wird er bestimmt wieder auftauchen. Sie werden sehen. Dann war all die Aufregung umsonst.“
Trotz seiner beschwichtigen.Worten, konnte sich Cordula nicht beruhigen. Sie fühlte sich kraftlos, so daß sie dem Polizisten nicht antwortete. Mehr als einen kurzen Abschiedsgruß brachte sie nicht hervor. Ihre Sorgen machten ihr arg zu schaffen.
An Schlaf war nicht zu denken. Und dennoch vergingen die Stunden. Lang und zäh zogen sie sich hin, bis die ersten Sonnenstrahlen über die Baumwipfeln hervortraten.
Als die Morgendämmerung eintrat, weckte sie die Kinder. Cordula verschwieg ihnen absichtlich, daß deren Vater vermißt war. Dennis und Sonja waren nicht mit Dummheit geschlagen, deshalb merkten sie sofort, daß der Morgen nicht in geregelten Bahnen lief.
„Wo ist Vater?“
„Schon los.“
Mehr antwortete Cordula nicht. Sie war sich sicher, daß die Kinder ihr diese Notlüge nicht abnahmen. Dennoch schwiegen sie, aßen ihr Frühstück mit strengen Mienen und verabschiedeten sich zur Schule. Der Abschied fiel denkbar kühl aus. Was sollte Cordula denn sagen? Vielleicht klärte sich bald wirklich alles auf, und Bernd kam sogleich quietschfidel um die Ecke. Genauso wie der Polizist es ihr am Telefon geweissagt hatte. Vielleicht aber auch nicht, und für diesen Fall war es ihre verdammte Pflicht die Kinder soweit wie möglich vor Verlustängsten zu schützen. Es war schon schlimm genug, wenn sie davon reichlich gequält wurde.
Sobald die Kinder aus der Sicht waren, zog sie sich an, holte den Autoschlüssel, und fuhr mit ihrem Fiat Panda zur nächsten Polizeiwache. Sie wußte, daß diese gegen halb acht öffnete.
Wie erwartet war um jene frühe Zeit noch nicht viel Verkehr in der Amtsstube.
Dementsprechend brauchte sie nicht lange zu warten und wurde bald aufgerufen. Er junge Polizist mit blonden Haaren kam zu ihr. Er trug Koteletten, wie sie in einst in den siebziger Jahren Mode waren.
„Sie kommen wegen einer Vermißtenanzeige, Frau Pfaff?“
„Ja.“ Cordula erzählte ihm alles haargenau in chronologischer Reihenfolge wie es sich zugetragen hatte. Der Beamte tippte zeitgleich alles in den Computer. Als sie geendet hatte, lehnte sich der Polizist zurück.
„Ich habe noch ein paar Fragen, bevor die Suchmeldung heraus geht.“ Ein Nicken signalisierte ihm, daß er beginnen konnte.
„Wie sah es in ihrer Ehe aus. Hat ihr Mann einen Grund zu verschwinden? Stand die Scheidung ins Haus? Hat er vielleicht eine Affäre, bei der er sich in diesem Moment aufhalten könnte?“
Wenn es jemals im Leben der Cordula Pfaff einen Moment gegeben haben sollte, in dem sie beinahe vor Wut und Zorn platzen würde, so war es jener zu diesem Zeitpunkt. Ihr ansonsten eher bleicher Teint hatte nahezu die Farbe einer überreifen Erdbeere angenommen. Völlig aufgebracht stand sie rasch auf und stützte sich auf dem Schreibtisch des verdutzt zurück weichenden Polizisten ab.
„Guter Mann. Wir führen eine sehr gute Ehe. Da können sie fragen wen sie wollen. Und ich lasse mir von so einem jungen Mann, ohne jegliche Lebenserfahrung, nicht eine unmögliche Affäre ankreiden. Da liegen sie vollkommen falsch.
Niemals würde er sowas tun. Da muß etwas Schreckliches passiert sein. Nie wieder möchte ich aus ihrem Munde so eine infame Unterstellung hören. Haben wir uns verstanden?“
Beim letzten Satz knallte sie dermaßen die Faust auf den Schreibtisch, so daß der Beamte beinahe rücklings mit dem Stuhl umgekippt wäre.
„Beruhigen sie sich doch erstmal.“ Leicht schwitzend beugte er sich wieder nach vorne. Mit einer Handbewegung forderte er Cordula auf sich wieder zu setzen. Sie tat es schließlich, allerdings war sie innerlich immer noch völlig aufgewühlt.
Nach einigen Augenblicken des Beruhigens, beugte sich der Beamte nach vorne, die Hände auf dem Schreibtisch gefaltet.
„Frau Pfaff. Hören sie mir mal bitte zu. Es liegt mir fern sie aufzuregen, sowie ihrem Mann eine Affäre mit einer anderen Frau zu unterstellen. Weiß Gott nicht. Aber sie glauben gar nicht, was wir hier schon alles erlebten. Erst vor kurzem hatten wir hier eine Frau, die geschworen hat, daß ihr Mann glücklich mit ihr lebte, und sie niemals betrügen würde. Keine zwei Tage später stellte sich dann heraus, daß er genau dies getan hatte.
Meine Fragen dienen nur dazu, um ihnen zu helfen. Es liegt nicht in meiner Absicht sie zu kränken. Haben sie das verstanden?“
„Ja,“ antworte Cordula nun ruhiger. Ich verstehe sie ja auch. Sie wollen nicht unnötig alles aufwühlen. Aber eines kann ich ihnen versichern. Bei meinem Mann ist es nicht so gelaufen wie bei dem eben von ihnen erzählten Fall. Das mag ja schon mal vorgekommen sein. Mein Mann ist ein fürsorglicher Vater und lieber Ehemann. Für ihn geht die Familie über alles. Sein Verschwinden ist nicht mit Vernunft zu erklären.
Da muß wirklich was schreckliches passiert sein. Vor allem, weil er gar nichts mitgenommen hat. Das macht er nämlich niemals, wenn er zu Freunden alleine geht. Alles ist da.“
„Meinen sie, daß er über gar kein Bargeld, oder irgendwelchen Karten verfügt, mit denen er sich Bargeld verschaffen könnte?“ Der Beamte – sein Name war Metzer, wie das kleine Schild auf dem Schreibtisch bekundete - hörte nun deutlich konzentrierter zu.
„Richtig. Wie ich vorher schon angab, hat er gar nichts dabei. Wenn er durchbrennen würde, so hätte er doch sicherlich genügend Bargeld dabei, beziehungsweise würde er eine EC-Karte zum Geld abheben mitnehmen. Um halt genug zum Leben zu haben. Das ist es ja, was mich beunruhigt. Er hat nichts weiter dabei gehabt, als die Sachen die er am Leibe trug.“
„Das ist natürlich seltsam. Wenn jemand die Absicht hätte zu verschwinden, würde er doch im Vorfeld für ein angenehm finanzielles Polster sorgen. Auf welche Weise auch immer. Es gibt natürlich Fälle, in denen eine vermißte Person heimlich Geld beiseite schaffte, und so die zurückgebliebenen auch davon ausgingen, er wäre ohne Bargeld verschwunden. Na denen hat er aber eine lange Nase gezogen. Aber das sind alte Fälle. Jetzt wenden wir uns ihrem Mann zu, ohne ihm so eine hinterhältige Absicht zu unterstellen.
Die Beschreibung habe ich vor mir liegen. Frau Pfaff. Dann kann ich weiter nichts tun, als die sofortige Fahndung nach ihrem Mann an die Kollegen weiterzugeben. Gehen sie nach Hause und beruhigen sie sich. Vielleicht ist es alles nur ein Mißverständnis. Trotzdem rate ich ihnen, daß sie all ihre Bekannten anrufen, ob er sich nicht vielleicht dort gemeldet hat.“
Cordula nickte. Sie nahm sich vor, dies zu tun. Mehr konnte sie wahrlich nicht unternehmen.
Außer warten natürlich.
Warten und warten.
Sonja öffnete die Tür. Mit einem Schwung schleuderte sie achtlos ihre Schultasche in die Ecke. Dies war eine neue Angewohnheit, die von ihrer permanent schlechten Laune herrührte. Dementsprechend würde alleine schon ein kleiner Funke ausreichen, um bei ihr extreme Wutausbrüche hervor zurufen. Sie war einfach nicht mehr wieder zuerkennen. Seit ihr Vater vor zwei Wochen spurlos verschwand, hatte sich das Familienleben dramatisch in das Negative verändert.
