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Es ist die wahre Geschichte über einen jungen Mann, der sich mit kleineren Diebstählen und Betrügereien durch das Leben schlägt. Doch nirgends findet er ein wahres Heim, welches ihm Halt und Liebe gibt. Harry baut sich eine eigene Welt auf, und lebt in seinem eigenen Rechtssystem, in dessen Gebilde er niemals die Schuld bei sich selber sucht. Durch seine unscheinbare und äußerst nette Erscheinung erschleicht er sich das Vertrauen von Freunden und Bekannten. Doch im Laufe ihrer Freundschaft nützt er sie immer wieder aus. Er lernt auch Sabine - die Liebe seines Lebens - im Zug kennen, doch auch sie belügt er indem er sich ihr als Student ausgibt, und ihr seine Lebensgeschichte erzählt, die ausschließlich seiner Phantasie entsprang. Zu seinem Repertoire gehört Unterschriften fälschen, EC-Kartenbetrug, Einbrüche und verschiedene Arten des Betruges. Er mietet sich in Pensionen ein, die er niemals bezahlen wird, weil er sich rechtzeitig absetzt. Doch dann holt ihm sein Leben ein.
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Seitenzahl: 289
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Michael Aulfinger
Sie wollen doch betrogen werden!
Erlebnisse eines jungen Betrügers
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Impressum neobooks
Wer ist Harry? Sie werden sich fragen, warum sollte gerade ich die authentische Geschichte dieses jungen Mannes lesen? So viel kann er ja in seinem jungen Leben noch gar nicht erlebt haben. Sie mögen normal Recht haben, aber dieser Harry ist anders. Seine Lebenseinstellung macht seine Geschichte so interessant, auch wenn unser normales Rechtsempfinden ihn als Betrüger abstempelt. Nach dem Rechtssystem ist er es auch, aber der Weg dahin, wie es so weit kommen konnte, ist doch aufschlußreich, und der Roman hinterfragt die Ursachen, deckt dabei außerdem einige Unzulänglichkeiten in der freien Marktwirtschaft auf.
„Sie wollen doch beschissen werden. Ich nutze es nur konsequent aus.“
Die Handlungen im folgenden Roman sind so geschehen, deshalb mußten die Namen der beteiligten Personen geändert werden.
Die heiße Sommerluft durchflutete das Ingolstädter Gefängnis, als Harry seinen ersten Schrei von sich gab. Da er in der Strafanstalt geboren wurde, weil seine Mutter einsaß, begann seine Kindheit nicht gerade viel versprechend. Sie verlief im weiteren auch nicht gerade besser. Es blieb ihm nicht verborgen, daß er nicht erwünscht war. Seine Schwester auch nicht. Die ersten Jahre verbrachte er dann bei seinen Eltern. Sein Vater war ein Alkoholiker. Deshalb wurde Harry in ein Kinderheim gebracht.
Für Harry begann eine Odyssee, die ihn von einem Kinderheim zum nächsten Kinderheim in der größeren Umgebung Ingolstadts führte. Er fühlte sich überall unwohl, und konnte keine gefühlsmäßige Verbindung, die aus Vertrauen und Freundschaft bestand, zu dem Personal oder zu anderen Kindern aufbauen. Dafür waren die Zeiten des jeweiligen Aufenthaltes zu kurz. Niemandem gelang es zu ihm durchzudringen, und so das nötige Vertrauen aufbauen zu können, um für Harry eine Bezugsperson in allen Lebenslagen sein zu können. Er entwickelte sich zu einem Einzelkind, welches in seiner eigenen Welt von Recht und Ordnung lebte. Dies äußerte sich auch des öfteren darin, daß er Geschichten erfand, und sie wiederum so glaubhaft erzählte, daß ihm anfänglich zwar geglaubt wurde. Sie entbehrten jeglicher wahren Grundlage. Das Erziehungspersonal nannte es schlicht Lügen, und so war ein unsteter Weg zu verschiedenen Kinderheimen und Erziehungsanstalten vorgezeichnet.
Sein Schicksal schien sich zum besseren zu wenden, als er von einem Doktor der Wirtschaft nach Augsburg adoptiert wurde, als er neun Jahre alt war. Seine Adoptiveltern versuchten ihr möglichstes dem Jungen eine wohnliche Atmosphäre und eine Familie zu geben, da sie merkten, daß er viel Liebe benötigte. Aber Harrys Gier war als Kind schon so ausgeprägt, daß er damals schon Wertgegenstände an sich zu bringen versuchte, die nicht sein Eigentum waren. Kurz gesagt bestahl er damals schon seine Adoptiveltern, die Klassenkameraden und seine übrige Umwelt. Dabei stellte er sich noch nicht einmal plump und dumm an. Eine gewisse Intelligenz war ihm nicht abzusprechen. Wie ein Adler umkreiste er das von ihm ausgesuchte Objekt der Begierde. Er hat sich eine Taktik zurecht gelegt, nachdem er erst mal sondierte, die äußeren Umstände beobachtete, und dies in seinen Plan einfließen ließ, um dann im richtigen Moment zu zuschlagen. Natürlich war dies auch einem Lernprozeß unterzogen. Einige Aktionen gingen anfangs schief, so daß er erwischt wurde.
Seine Pflegeeltern hatten viel mit ihm mitgemacht, doch war bald der Punkt des Endes der Toleranzgrenze erreicht, als er sich eines Nachmittags so darüber erzürnte, weil seine Pflegemutter ihm Stubenarrest verhängt hatte. Zum wiederholten Male hatte er seine Hausaufgaben nicht gemacht, und da er störrisch und uneinsichtig war, wollte sie zu einer härteren Erziehungsmethode greifen. Diese kostete ihr beinahe das Leben, weil Harry spontan in einem Wutanfall ein fünfundzwanzig Zentimeter langes Küchenmesser aus der Küchenschublade ergriff, und auf seine Pflegemutter losging. Er fuchtelte ihr gebieterisch mit der Waffe vor ihrem Hals herum, so daß sie in Todesangst verharrte, und zu keiner Handlung fähig war. Sie sah ihr Ende gekommen, denn so weit war Harry bis dato noch nicht gegangen. In seinen Augen funkelte der Wahnsinn. Für einen kurzen Moment genoß er das Machtgefühl über Leben und Tod, das ihm diese 25 Zentimeter Solinger Stahl in seiner Hand gegeben hatten. Als sie aber keine Gegenwehr mehr leistete, sich hilflos ihrem Schicksal hingab, und ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert schien, sah er sein Ziel erreicht, und sein Zorn ebbte ab. Befriedigt ließ er von ihr ab, und wandte sich anderen Dingen zu.
Alsbald legte er die Waffe weg, als er zur Besinnung kam. Er griff nach seiner Jacke und verschwand aus dem Haus in Richtung Innenstadt. Der Pflegevater wurde sofort von dem Vorfall von seiner Frau in Kenntnis gesetzt, als er kurze Zeit später von der Arbeit kam. Sie fiel ihm schluchzend und zitternd um den Hals. Ihre Tränen flossen, und sie konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten. Als Harry sich wieder nach Hause traute, rutschte dem Pflegevater die Hand mehrmals aus, so daß Harry eine Prügelstrafe verabreicht bekam, die er sein ganzes Leben nicht vergessen sollte. Somit waren seine Tage bei seinen Pflegeeltern gezählt, und er kam wieder ins Kinderheim, wo er die letzten Jahre seiner Kindheit verbrachte.
Bald galt er als schwer erziehbar. Er kam von Heim zu Heim, wo er sich wegen einigen Jugendstraftaten zu verantworten hatte. Diebstahl und Betrug waren seine häufigsten Vergehen in Jugendjahren. Binnen kurzem kam auch noch fahren ohne Führerschein hinzu. Er wurde so oft erwischt, daß seine Adoptiveltern sich bald von ihm ganz abwendeten, nicht mehr besuchten, und ihn sogar verleugneten. Mit dem wollen wir nichts mehr zu tun haben. Anderen gegenüber erzählte er ganz frei, daß sein Adoptivvater es gerne sehen würden, wenn Harry bei ihm arbeiten würde, er dies Angebot aber dankend abgelehnt habe. Dem war aber nicht so, denn es verhielt sich andersrum. Sie hatten ihn jäh verstoßen, weil er sie zu oft belogen und betrogen hatte. Dem wollten sie Einhalt gebieten.
So wuchs er später im Heim für schwer erziehbare Jugendliche auf. Danach kam er in der Aktion „Betreutes Wohnen“ unter. Er war weiterhin unter Aufsicht. Sein Geld wurde verwaltet, und wie Taschengeld ihm zugeteilt. Damit war er überhaupt nicht einverstanden. Es drängte ihn nach Freiheit. Er konnte es nicht mehr erwarten endlich achtzehn Jahre alt zu werden. Dann war der Tag der Erlösung endlich gekommen. Er packte sein Hab und Gut, und fuhr mit der Eisenbahn nach Ratzeburg, weil er dort seinen leiblichen Vater wußte, der sich in Gelegenheitsarbeiten dingte, und sein Leben mehr recht als schlecht fristete. Zuerst verstanden sie sich gut, aber nach einer gewissen Zeit, gab es Probleme in finanzieller Hinsicht, und sie konnten miteinander nicht viel anfangen. Außerdem fing Harry an, sich von seinem Vater bevormundet zu fühlen. Dies ließ er sich ungern gefallen. So ging bald jeder weiterhin seinen Weg, die beiderseits nicht allzu vielversprechend waren. Jetzt war er in Ratzeburg, und da er ohnehin nicht wußte wohin er sich wenden sollte, blieb er in dieser Kleinstadt, die durch ihre Insellage eine gewisse Anziehungskraft ausübt.
Auf dem ersten Blick war er äußerst freundlich. Ständig hatte er ein gewinnendes Lächeln auf den Lippen. Seine Art wirkte auf dem zunächst sehr ruhig, und ließ ihn erscheinen, als wenn er überlegt handeln würde. Er war zwar mittelmäßig groß, aber seine hagere Gestalt, prägte sein Äußeres. Sein Gang wirkte immer, als ob sein Oberkörper zuerst nach vorne fällt. Es war kein aufrechter Gang. Seine Knochen prangten unter der Haut hervor, und wirkten spitz. Ein schlanker Kopf saß auf einem langen Hals. Sein schwarzes Haar war auffallend, und betonte die lange Nase, die spitz endete.
Seine Freundlichkeit war bestechend. Immer nett und zuvorkommend. Damit war bei naiveren Menschen zu punkten. Schnell merkte er, das dies ein Kapital war, aus dem man nutzen ziehen kann.
Trete Vertrauen erweckend auf, und es ist bereits die halbe Miete.
Hinter diesem freundlichen Gesicht verbarg sich aber ein durchtriebener Charakter, der berechnend war. Die Berechenbarkeit bezog sich aber neben dem anfallenden Profit darauf, anderen einen Streich zu spielen, um auf diese Weise seine Grenzen ausloten zu können. Wie weit kann ich gehen? Wie ein Adler kreisen, sondieren, und im richtigen Moment zuschlagen, immer das Ziel der Begierde vor Augen. Harry konnte sehr nett sein.
Durch das Jugendamt bekam er eine Ausbildungsstelle zum Altenpfleger, die er in einem Seniorenwohnsitz in Ratzeburg absolvierte. Harry hatte Schwierigkeiten, sich den Regeln anderer anzupassen, sich der Allgemeinheit zu beugen, aber zuerst wirkte er durch seine zurückhaltende und stille Art sehr anpassungsfähig. Das lag daran, daß er bald gemerkt hatte, daß es für seine Unternehmungen wichtig ist, nicht gleich unangenehm aufzufallen. Dies praktizierte er auch auf seiner neuen Arbeitsstelle. Freundlich wie immer verkehrte er mit den Senioren und Kollegen. Bald wurde er akzeptiert. Wenn einem Kollegen oder einem Senioren mal etwas fehlte, so hatte man nicht gleich den netten jungen Mann in Verdacht. Mit Unschuldsmiene wies er jeden Verdacht von sich, und zuckte unwissend mit den Schultern.
Es war ein regnerischer Tag. Herr Wenzel, ein zittriger Mann von nahezu achtzig Jahren, war ein Senior, dem Harry zugewiesen wurde. Sie hatten sich des öfteren unterhalten, und Herr Wenzel fand Gefallen an diesem dünnen und freundlichen jungen Mann, der ihm half die Zeit zu vertreiben. Sie spielten mal Mühle und Dame, und unterhielten sich über Gott und die Welt.
Dabei erwähnte der alte Herr einmal beiläufig, daß er kein Vertrauen zu den hiesigen Banken und Sparkassen habe. Harry merkte sich das im Stillen, ohne weitergehend nachzufragen. Ein anderes Mal sprach Herr Wenzel von einigen tausend Mark, die er noch habe. Auch dieses Mal forschte Harry nicht weiter nach. Doch schlußfolgerte er daraus, daß sich das Geld in diesen Räumen befinden müsse. Da er den netten alten Herrn, der außerdem keinen Kontakt mehr zu seinen zwei Kindern hatte, nicht brutal niederschlagen und berauben wollte, nahm er sich vor die Angelegenheit zu beobachten, und im geeigneten Moment nach dem Geld zu forschen.
Einige Wochen später erlitt Herr Wenzel einen Schlaganfall. Er wurde sofort in das städtische Krankenhaus eingeliefert. Harry wurde von seinen Vorgesetzen beauftragt aus seinem Zimmer einige benötigte Artikel, wie Schlafanzüge, Kulturtasche, Morgenmantel und anderes zu besorgen. Flugs machte er sich auf, und bald befand er sich auch in Herrn Wenzels Zimmer. Da die Zimmer nicht sehr groß waren, und sich auch nicht all zuviel Mobiliar darin befand, benötigte er nicht allzu lange, um alles gründlich zu durchforschen. Dabei suchte er auch noch die benötigten Utensilien zusammen, hatte aber hauptsächlich das Geld im Visier. Er sah auf dem Schrank nach, unter dem Teppich, hinter der Gardine. Er vergaß auch nicht hinter den Bilderrahmen zu schauen. Ihm fielen die unmöglichsten Verstecke ein, wo das Geld sein könnte, weil er davon ausging, wo er selber es sicher deponiert hätte. Er versuchte sich in einem alten Herrn hinein zu versetzen. Wo hätte er es versteckt? Als die Zeit drängte, und er wieder zurück erwartet wurde, fiel sein Blick unter dem Schrank. Er bückt sich weiter. Dort hatte er noch nicht nachgesehen. Es war nichts zu sehen. Schade. Aber einer Eingebung folgend fuhr er seinen rechten Arm aus, und tastete auf dem Boden liegend den Schrank, der auf vier Stützen stand, von unten ab. Plötzlich knisterte etwas, als er mit den Fingern an der Schrankunterwand entlang strich. Gespannt drückte er seinen Körper dichter an den Schrank heran, um das Gefühlte ergreifen zu können. Als er es mit den Fingern fassen konnte, riß er mit einem Schwung die Plastiktüte vom Holz ab. Sie war mit Tesafilm von unten angeklebt. Schnell sah er nach, und freute sich über dreitausendfünfhundert Mark. Hastig steckte er das Geld ein, und griff nach der fertig gepackten Tasche für Herrn Wenzel. Nachdem er die Tasche seinen Vorgesetzen übergeben hatte, und dieser mürrisch nachgefragte, warum es so lange gedauert hatte, ging Harry zu seinem Spind, und versteckte das Geld. Zuerst hatte er ein schlechtes Gewissen. Was ist wenn Herr Wenzel bald wiederkommt, wieder gesund ist, und nach dem Gelde sehen will? Dann wäre viel Ärger vorprogrammiert.
Die nächsten Tage waren nervenbelastend für Harry. Ständig lebte er in der Furcht, daß eine Nachricht von Herrn Wenzel käme, daß er wieder gesund wäre. Aber auf das Geld, das sich bereits in seinen Händen befand, wollte Harry auch nicht verzichten. Bald kam aber eine Nachricht die von Herrn Wenzel handelte. Nach einer Woche wurde ihm bekannt gegeben, daß Herr Wenzel nicht mehr wiederkomme, da er am gestrigen Tage verstorben sei. Äußerlich ein betroffenes Gesicht machend, aber innerlich hoch erfreut, vernahm Harry diese Meldung. Jetzt konnte er entspannt das Geld ausgeben. Herr Wenzel brauchte kein Geld mehr, und seine Kinder wußten nichts davon. Ergo gehörte ihm das Geld alleine. Wo kein Kläger ist, ist auch kein Richter. Keiner vermißte es, so daß Harry nun beruhigt war. Nun war es ganz sein Eigentum. Dreitausendfünfhundert Mark waren für einen achtzehnjährigen viel Geld. Er sah es als seine Erbschaft an. Kein schlechtes Gewissen hatte ihn ergriffen. Warum auch? Wenn das Geld beim ausräumen der Wohnung gefunden worden wäre, hätte es sich eben jemand anderes in die Tasche gesteckt. Da war er sich sicher. Dann nahm er es lieber. Er gab das Geld bald aus.
In den nächsten Wochen war der Alltag wieder eingekehrt, und es kamen dann die zu erwartenden Probleme mit den Vorgesetzen hinzu. Zunehmend kritisierte er die an ihn gerichteten Weisungen. Und seine Kollegen ließen sich auch nicht alles von diesem Anfänger gefallen.
Es war nicht die richtige Arbeit für ihn. Täglich arbeiten, für so wenig Geld, und sich dann noch das Gemeckere von den Vorgesetzen anzuhören, daß war nicht sein Geschmack, war nicht seine Welt. Es mußte doch andere und bequemere Wege geben, sein Leben genießerisch zu gestalten. Wenig arbeiten, dafür aber an leicht zu beschaffendes Geld kommen, wie beim alten Wenzel. Das hatte ihm gefallen. Wenn sich wieder die Gelegenheit bot an so viel Geld zu gelangen, wollte Harry erneut zugreifen. Das nahm er sich ernsthaft vor. Er kündigte sein Arbeitsverhältnis im Seniorenwohnsitz, als er verdächtigt wurde einer Dame ihre Handtasche entwendet zu haben. Entrüstet über diesen unglaublichen Vorwurf blieb er von einem Tag auf den nächsten der Arbeit fern.
Das Burgtheater in Ratzeburg war ein Kino mit zwei Sälen und einer dazugehörenden Gastronomie. Dort konnten die Kinobesucher vor und nach dem Film Getränke und Essen zu sich nehmen. Der Besucheransturm hielt sich in Grenzen, aber das kulinarische Angebot war doch umfangreich.
Harry hatte dort eine Anstellung als Kellner mit 18 Jahren bekommen. Der Chef führte ihn herum, und zeigte ihm alles. Dann machte er ihn mit den Kollegen bekannt.
„Harry, du arbeitest mit Thomas zusammen. Versteht Euch gut, damit mir keine Klagen kommen. Thomas wird hinterm Tresen arbeiten, und Du wirst bedienen.“
Er zeigte auf Harry, und damit war die Einweisung schon fast beendet. Danach zeigte er Harry noch, wo die Vorräte und die Gläser standen, worauf er auch bald verschwand. Bald darauf kam der Chef noch mal wieder, um die Benutzung der Kasse zu erklären. Es wurde auch Zeit, da die ersten Gäste zur Nachmittagsvorstellung schon eintrafen.
Thomas erklärte Harry noch verschiedene Betriebsvorgänge, und dann ging es auch gleich los. Sie verstanden sich auf Anhieb gut miteinander. Thomas war gebürtiger Österreicher, Mitte 20 und ebenfalls von schlanker Gestalt. Seine Gesichtsform wirkte rundlich, obwohl er kein Gramm Fett zuviel hatte. Was Thomas gleich an Harry auffiel, war dessen penetranter Geruch, der eine Beleidigung für jede Nase war. Auch sonst machte Harry einen ungepflegten Eindruck. Thomas bemerkte für sich, daß Harry zwar menschlich einen guten Eindruck auf ihn machte, aber das dem Chef das ungepflegte Äußere sicherlich auch nicht entgangen sei.
In den nachfolgenden Wochen hatten sich Harry und Thomas so gut verstanden und angefreundet, daß sie privat viel zusammen unternahmen. In der privaten Zeit besuchte Harry öfters Thomas zu Hause.
Während einer Kinovorstellung, als im Lokal gar nichts los war, ging Harry zu seinem Kollegen, lehnte sich locker mit dem Rücken an den Kühlschrank und hatte dabei die Hände in den Taschen. Thomas merkte sofort, daß seinem Kollegen etwas drückte. Trotzdem wartete er, und sprach ihn nicht darauf an, während er gespülte Gläser in den Schrank einräumte.
„Wir sind doch Freunde, oder?“ Harrys Frosch im Hals war nicht zu überhören.
„Ja, denk ich schon. Wie kommst Du jetzt darauf?“
„Ach nur so. Ich meine nur Freunde sollten doch einander helfen.“
„Das find ich auch Harry, also sag schon. Was liegt Dir auf dem Herzen?“
„Mein Vermieter hat mich gekündigt. Er will, daß ich sofort die Wohnung verlasse. Weißt Du, da sind noch cirka 4000,- Mark Mietschulden drauf, und ich habe nicht das Geld. Könnt ich erst mal bei dir unterkommen?“ Sein treuherziger Blick, dessen Ausdruck seine Wirkung nicht verfehlte, ließ Thomas Herz vor Mitleid erweichen. Zwar hatte er für den Bruchteil einer Sekunde, das Gefühl, das die Wohngemeinschaft ein Fehler sein könnte, aber sein gutes Herz ließ jeden schlechten Gedanken gleich verblassen. Sie gaben sich die Hand, und gleich am nächsten Tag zog Harry bei seinem Freund ein. Der Vermieter hat die ausstehende Mietschuld bis heute noch nicht gesehen.
Die nächsten Wochen vergingen. Sie verstanden sich prächtig. Ein Grund des Ärgernisses war nur, daß Harry zum wiederholten mal beim fahren ohne Führerschein ertappt wurde. Thomas wurde dabei so wütend, daß er ihm eine gehörige Standpauke hielt. Harry hatte nämlich sein Auto zum fahren, ohne dessen Wissen, benutzt.
„Mach das nicht noch einmal, sonst kannst Du dir eine andere Bleibe suchen.“ Seine Wut stieg, wenn er daran dachte das die Polizei, Harry, in seinem Golf erwischt hatte. Denn er war nun mal EU-Ausländer, und durfte sich in Hinblick auf eine Arbeitsgenehmigung nicht allzu viel Negatives zu Schulden kommen lassen.
„Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist,“ Harry mußte innerlich selber über seinen Wortwitz lachen. Aber Thomas sollte es nicht wissen, so daß er schnell eine bereuende Miene aufsetzte.
„Ich mach es nie wieder, versprochen. Ich will doch nicht, daß Du Ärger bekommst.“ Sein Blick verfehlte auch diesmal wieder nicht seine Wirkung.
Es war Sommer, als beide die Hiobsbotschaft zusammen erhielten.
„Ihr seid sofort entlassen. Hier ist Euer restliches Geld, und jetzt verschwindet, ich will Euch nicht mehr sehen.“ Der Chef hatte sich in seiner kurz angebundenen Art schon umgedreht, und war im Begriff zu gehen, als Thomas ihn ansprach.
„Warum denn, Sie können wenigstens sagen, was los ist, und uns nicht einfach so kommentarlos rausschmeißen.“
„Na gut, wenn ihr es wirklich wissen wollt. Harry hab ich öfters drauf hingewiesen, daß er sich mal waschen sollte, aber seht ihn Euch mal an. Und stinken tut er immer noch. Die Kunden haben mich deswegen öfters schon angesprochen. Und der andere Grund ist, daß in letzter Zeit Ware verschwindet. Da mir handfeste Beweise fehlen, kann ich nur Mutmaßungen anstellen, aber ich habe da meinen Verdacht. Also verschwindet jetzt.“ Das war eine der längsten Reden, die der Chef je gehalten hatte. Er duldete auch keine Widerrede und war gleich verschwunden. So ließ er die beiden verdutzt zurück, die sich kommentarlos umdrehten und nach Hause gingen.
Thomas lehnte sich zurück. Er war für diesen Tag geschafft. Bald ging er ins Bett, und schlief sofort ein. So bekam er nicht mit, daß Harry noch mal die Wohnung verließ. Seine Wut auf dem Chef ließ ihm keine Ruhe. Er konnte sehr rachsüchtig sein. Der Chef hatte ihn nicht umsonst rausgeworfen. Das ließ er ungern auf sich sitzen. Ein Grinsen spiegelte sich um seinen Mund wieder, als er daran dachte, daß er noch einen Schlüssel für das Burgtheater hatte, was dem Chef nicht bekannt war, da Harry vorgesorgt hatte. Man weiß ja nie, was man noch gebrauchen kann. Es war spät in der Nacht, als er in seiner alten Arbeitsstätte einbrach, und so 60 Dosen Red Bull, Lebensmittel verschiedener Art wie Snickers, Alkoholika und Gummibärchentüten mitgehen ließ. 2 Laptops im Wert von 1500,- DM sowie 500,- DM aus der Kinokasse, die sich noch unvorsichtigerweise dort befunden hatten, ließ er außerdem gerne mitgehen. Das war seine erste Beute.
Das Diebesgut verstaute er in seinem Zimmer. Als Thomas sah, was sich dort befand, stellte er ihn zur Rede, doch Harry winkte ab.
„Du hast damit nichts zu tun. Ich war es alleine, und werde auch dafür sorgen, daß es verschwindet. Okay?“
Thomas, der froh war davon ausgeschlossen zu sein, ließ es damit bewenden. Sehr wohl war ihm nicht in der Haut, aber den Mut seinen Freund anzuzeigen, hatte er auch nicht.
So sagte er auch nichts zu Harry, als dieser zwei Wochen später wieder dem Burgtheater einen nächtlichen Besuch abgehalten hatte. Wieder wurde Harry nicht erwischt, und er hatte reichlich Beute gemacht, die sich in seiner Art nicht vom ersten Beutezug unterschied. Außer, daß sich diesmal 400 Gutscheine und dreißig M & M Tüten darunter befanden. Das Geld, gab er genauso schnell aus, wie beim ersten Mal. Da er nicht kochen konnte, ging er regelmäßig bei McDonalds essen.
Weitere drei Wochen später – es war inzwischen August, wurde Harry übermütig, und brach zum dritten Mal mit seinem Schlüssel im Burgtheater ein. Als das Schloß aufging, lachte er sich ins Fäustchen. Sind die dumm, sagte er sich, daß sie das Schloß noch nicht ausgewechselt hatten. Siegesgewiß nahm er das Geld, wieder 500,- DM, und die Lebensmittel an sich und machte sich gleich davon, unwissend allerdings das er diesmal nicht so viel Glück hatte. Sein Chef war nämlich nicht ganz so untätig gewesen, wie er gedacht hatte. So wurde er von einer neu installierten Kamera auf frischer Tat beim Griff in die Kasse gefilmt.
Am nächsten Tag klingelte es. Da Thomas ein Langschläfer war, rieb er sich die Augen, als er zur Tür ging und sie öffnete. Sekundenschnell, wurde er jedoch hellwach, als er 5 Männer vor der Wohnungstür erblickte. Die vorderen drei outeten sich sofort als Kripobeamte. Die hinteren zwei erkannte er als Angestellte vom Kino. Nachdem die Kripobeamten sich ausgewiesen hatten, verlangten sie Harry zu sprechen, der auch kam. Sie wedelten mit einem Haftbefehl vor seinem Auge herum. Dann sahen sie sich in der Wohnung um.
Thomas verstand die Welt nicht, denn er hatte den Eindruck, das die Kripobeamten das Diebesgut aus dem Kino gar nicht wahrnahmen, beziehungsweise nicht wahrnehmen wollten, denn obwohl die Gummibärchen Tütenweise, der Alkohol, und die Laptops offen herumlagen, gingen sie daran vorbei, als wenn es nicht da wäre.
Nach fünfzehn Minuten verabschiedeten sie sich wieder und nahmen Harry mit. Thomas ging nun doch davon aus, daß er erst mal wieder allein sein würde. Aber weit gefehlt. Es vergingen gerade mal drei Stunden, als Harry mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht in der Türzarge stand.
Mit stolz geschwellter Brust versuchte er vor Thomas alles herunter zu spielen.
„Es war nichts. Typisch Beamten. Die hatten keine Lust, und waren froh als ich wieder weg war. Ich wollte ihnen nicht die Pause verderben.“
Er versuchte es als Lappalie hinzustellen, und ein Gefühl der Unantastbarkeit und der Unbesiegbarkeit machte sich allmählich in ihm breit. Er grinste über das ganze Gesicht. Langsam merkte er, daß er anstellen konnte, was er wollte. Nach ein paar Stunden war er wieder frei. Keiner konnte ihm was. Hatte er einen Freischein? Selbst die Polizei wollte sich nicht mit ihm abmühen. Konnte er sich erlauben was er wollte? Das war nicht schwer heraus zu bekommen. Phantasie hatte er ja, und es fiel ihm eine ganze Menge Möglichkeiten ein, um das zu erfahren.
Das Altersheim lag am Rande der Möllner Altstadt. Es war im Villenstil gebaut, machte aber im ganzen einen etwas herunter gekommenen Eindruck. Ein neuer Außenfarbanstrich hätte Wunder gewirkt, und das Gebäude würde gleich viel freundlicher erscheinen. Aber dem Betreiber war eine Renovierung zu kostspielig, so daß er es lieber ließ wie es war. Daher übergriff die trostlose Stimmung die von dem Gebäude ausging, auf die Stimmung der Senioren und Beschäftigten. Die älteren Leute machten auch dadurch einen apathischen Eindruck.
Harry hatte hier eine Anstellung als Altenpfleger gefunden. Harry kam mit seiner netten Art gut an. Auch mit dem Pflegerpersonal gab es zuerst keine Probleme. Doch es sollte nicht allzu lange dauern, und Harry hatte wieder das Gefühl, daß er sich mehr rausnehmen konnte, als ihm zustand. Petra, seine Kollegin von der Frühschicht hatte sich eines Tages gewundert, daß ihr Handy verschwunden war. Eine intensive Suche blieb erfolglos, einen Verdacht hatte sie auch nicht. An Ihre Kollegen hatte sie nicht gedacht. Auch Harry, der Neue, machte doch einen netten Eindruck. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als sich ein neues Handy zu kaufen.
Petra kam morgens um 6 Uhr zur Frühschicht, als sie die Gartenpforte aufmachte, um die fünf Meter bis zur Eingangstür des Altersheim zurück zulegen. Die Eingangstür befand sich in einem kleinen Wintergarten, wo die älteren Leute nachmittags saßen, und aus dem Glasfenster dem Treiben auf der Straße zusahen. Rattanmöbel waren aufgestellt, ein Dreisitzer, ein Zweisitzer, mehr Platz war nicht vorhanden. Auf dem Dreisitzer lag friedlich eingeschlafen der neue Kollege Harry, der die Nachschicht hatte. Als Petra die Tür aufschloß, drang ihr sein Schnarchen an das Ohr. Wütend darüber, daß Harry in seiner Nachtschicht geschlafen, und nicht seiner Arbeit nachgegangen war, sprang sie wie ein Pantherin auf Harrys Ruhelager zu, und weckte ihn unsanft indem sie seine Schulter schüttelte.
„Harry, aufwachen. Du pennst während der Arbeit. Frechheit. Was machen die Alten?“ Petra war wirklich erbost.
„Uaaaaah“, er streckte sich, öffnete überrascht seine Augenlider, und fragte die Augen reibend:
„Was ist, wo bin ich?“
Petras Wut wurde immer größer.
„Du spinnst, wenn das der Chef sieht, kannst du fliegen. Du hast aber auch Nerven, dich hier so offen auf den Präsentierteller hinzulegen, wo jeder von außen reinsehen kann.“
„Mach dir mal nicht ins Hemd.“ Harry hatte sich allmählich gesammelt. Mühsam war er dabei sich aufzurichten. Grinsend fügte er hinzu „Du mußt ja nichts sagen. Wie soll der Alte es denn rauskriegen.“
„Indem der Alte es selbst gesehen hat. Herr Flosbol, sie sind in zehn Minuten in meinem Büro.“
Harrys Herz blieb fast stehen, als er aus der Richtung der Tür den Chef sprechen hörte. Dieser hatte noch von der Straße her, durch das große Glasfenster mitangesehen, wie Petra ihn geweckt hatte, und sich dann der Tür genähert.
Zehn Minuten später fand sich Harry im Büro des Alten ein, um seine fristlose Kündigung entgegen zu nehmen. Seine Arbeitspapiere konnte er auch gleich in Empfang nehmen.
In diesem September des Jahres 2001 fand er noch einen Job in der Kleinstadt, als Konfektionierer. Seine Aufgabe bestand nur darin Werbeartikel zusammen zustellen. Da er nicht sehr unter Aufsicht stand, konnte er seinen Rucksack mit wertlosen Werbeartikeln füllen, die er mitgehen ließ. Einige verschenkte er, andere wiederum warf er nach kurzer Zeit weg. An seinem zweiten Tag, in der Mittagspause, als er sich unbeobachtet wähnte, huschte er eiligst in das Büro, welches sich gleich neben der Halle befand, und entwendete vom Schreibtisch einen einfachen Taschenrechner, der ihm vom Design her gefallen hatte. Da ihm diese monotone Arbeit keineswegs zusagte blieb er dem Job auch nach nur drei Tagen fern. Das war nichts für ihn.
Wenn er am Möllner Bahnhof den Zug verließ, ging er langsamen Schrittes an dem Fahrradunterstand entlang, der auf einer Länge von zwanzig Meter überdacht war. Da in der Schulzeit viele Berufspendler, Schüler und Berufsschüler ihre Fahrräder dort abgestellt hatten, war der Fahrradunterstand immer gut ausgenutzt. Harrys geübter und scharfer Blick erkannte sofort, welches Fahrrad abgeschlossen, und welches wegen fehlendem Schloß nicht mit einer Kette gesichert war. Wenn es sich um ein Fahrrad seiner Größe und seines Geschmackes handelte, so blickte er sich unauffällig um, ob er beobachtet wurde. War dies nicht der Fall, so griff er zielstrebig nach dem Fahrrad, zog es aus dem Ständer, und schwang sich auf dieses, um locker auf den Straßen zu seinem jeweiligen Ziel zu gelangen. An diesem angekommen, stellte er es wieder ab ohne abzuschließen, bis er es wieder benötigte. Sollte es mal der Fall sein - was auch vorkam – daß sein geklautes Fahrrad ebenfalls geklaut wurde, so weinte er ihm keine Träne nach. Es gab ja so viele Fahrräder die unabgeschlossen, unachtsam und gedankenlos abgestellt werden. Diese Menschen scheinen zu verwöhnt zu sein, weil sie es nicht als nötig erachteten, besser auf ihr Eigentum aufzupassen. Mit solchen Leuten hatte er kein Mitleid, und vergriff sich gerne an deren Fahrräder.
Einmal geschah es, als Harry eine breite Straße, den Wasserkrüger Weg, mit seinem geliehenen Fahrrad entlang fuhr. Da er sich auf der Vorfahrtstraße Richtung Süden befand, achtete er nicht auf den Verkehr, der von den Seitenstraßen einfloß. Ein dunkelbrauner Ford mißachtete die Vorfahrt des Radfahrers, um noch schnell vor diesem heraus scheren zu können, aber der Versuch scheiterte, indem Harry und sein Fahrrad von der linken Stoßstange erfaßt, und zu Boden gerissen wurden. Es krachte. Harry schrie erschrocken auf, um sofort das Fahrrad, welches auf ihm lag zur Seite zu schieben. Danach faßte er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht an sein Knie.
Der Autofahrer stieg sofort mit blassem Gesicht aus, und trat sogleich zu Harry, um ihn zu Hilfe zu kommen.
„Entschuldigung. Ist ihnen was passiert?“ Der junge Mann war sehr um Harrys Wohlbefinden besorgt. Erschrocken sah er, daß Harrys Hose im Kniebereich zerfetzt war, und ein großes Loch aufwies. Darunter schimmerte es rot, und ein paar Tropfen Blut kamen zum Vorschein.
„Aua.“ Harry versuchte aufzustehen, was ihm aber schwerlich gelang. Er wollte von der Straße runter, damit der Verkehr weiter ungehindert fließen konnte.
„Wie geht es Ihnen?“
„Es geht schon. Es schmerzt halt, und brennt. Ist die Polizei schon informiert?“ Harry sah den Autofahrer fragend an.
„Bitte keine Polizei.“ Der Autofahrer winkte ab, und in diesem Moment dämmerte es Harry. Aus irgendeinem Grunde wünschte der Verursacher keine polizeiliche Aufnahme des Verkehrunfalls. Sofort begriff er, daß aus diesem Umstand Kapital zu schlagen war. Er mußte nur das Gespräch in die nötige Bahn lenken. Schließlich war nicht sein kluges Köpfchen verletzt, sondern nur sein Knie. Das bekam er schon hin.
„Moment mal, aua,“ Harry bildete ein schmerzverzerrtes Gesicht. „Die Polizei muß doch kommen, um den Unfall aufzunehmen. Schließlich bin ich auf dem Weg zur Arbeit. Bei Arbeitsunfällen muß die Berufsgenossenschaft informiert werden. Es kann ja ein bleibender Schaden werden.“ Harry log, um das schlechte Gewissen und die Zahlungsbereitschaft des Autofahrers zu vergrößern.
„Können wir uns nicht anders einigen. Nur bitte keine Polizei.“ Es war dem Autofahrer anzusehen, wie wichtig ihm das war. Das konnte er gut gebrauchen. Deshalb ging Harry darauf ein. Äußerlich gab er sich zwar schwerfällig, doch innerlich frohlockte er. Denn schließlich war sein Fahrrad auch geklaut. Das brauchte die Polizei nicht zu wissen, und der Autofahrer auch nicht. Deshalb ging er darauf ein.
„Darüber können wir gleich sprechen, aber wir sollten erst mal die Straße freimachen, weil es sonst noch einen größeren Stau gibt, und dann kommt die Polizei doch noch.“
Sofort machte sich der junge Mann auf, sein Auto an den Straßenrand abzustellen, und das ramponierte Fahrrad von der Straße zu bergen. Er wirkte sehr nervös. Harry hatte sich derweil auf dem Gehsteig mit schmerzverzerrtem Gesicht hin gesetzt. Er übertrieb ein wenig mehr, als es nötig gewesen wäre, aber er roch Geld, und dafür konnte man nun schon mal ein wenig leiden.
Bald kam der junge Autofahrer zurück, und setzte sich neben Harry. Der Verkehr floß nun wieder ungehindert.
„Ich weiß, daß es meine Schuld war. Sie waren auf der Vorfahrtstraße. Es tut mir leid, daß das passierte, nur brauchen wir keine Polizei. Wir können das doch auch so regeln. Das wäre mir lieb.“ Der Autofahrer brachte sein Anliegen merklich nervös hervor. Nach einigem vorgespieltem zögern ging Harry auf dessen Wunsch ein.
„Wenn sie meinen. Es scheint ihnen ja furchtbar wichtig zu sein, daß wir es ohne Polizei regeln.“ Harry stocherte noch ein wenig in der Wunde herum. Schaden konnte es nicht, sondern nur den Preis steigern.
„Oh ja, daß würde mir im Moment gar nicht passen, ehrlich gesagt. Also wie können wir uns einigen?“
Harry schien nachzugrübeln, und schlitzohrig wie er schon mit seinen neunzehn Jahren war, trieb er den ausstehenden Gewinn in die Höhe.
„Wie ich schon sagte. Sie sehen ja selbst. Es ist eine blutende Wunde. Das Knie kann ich nur unter Schmerzen bewegen. Von arbeiten kann die nächsten Tage keine Rede sein. Vielleicht wird es ein bleibender Schaden? Dann wäre es schon von Vorteil, wenn die BG es wüßte. Außerdem ist die Hose hinüber. Das Fahrrad ist Schrott. Nun, kurzum gesagt. Was ist es ihnen wert?“ Er sah den jungen Mann herausfordernd an. Dieser überlegte, und schien den Schaden abzuwägen.
„Hose, Knie, Fahrrad, Schmerzensgeld. Ich biete ihnen zusammen sechshundert Mark, und wir vergessen die Sache.“ Erwartungsvoll sah er Harry an.
„Na, das halte ich aber für untertrieben. Allein das Fahrrad hat mir schon vierhundert Mark gekostet. Darauf habe ich lange gespart. Die Hose kostete allein hundert Mark. Und wenn wir die Polizei aus dem Spiel lassen wollen, dann muß sich das auch noch lohnen, weil ich nämlich auch einen Verdienstausfall habe. Das haben sie nicht mit berechnet. Deshalb brauche ich eintausend Mark, oder ich ruf die Polizei an, und zwar augenblicklich.“ Harry konnte ein knallharter Verhandlungspartner sein.
„O.k, o.k...., schon in Ordnung. Dann machen wir es so. Ist mir trotzdem lieber. Sie brauchen dringend ärztliche Versorgung. Ich schlage vor, wir fahren an einem Geldautomaten. Ich hole das Geld, gebe es ihnen, und bringe sie dann ins Krankenhaus zur Notaufnahme, wo sie sich dann verbinden lassen können. Einverstanden?“
„Gut, das machen wir so.“ Harry versuchte unter Schmerzen auf zu stehen.
„Und was ist mit ihrem Fahrrad?“
„Das lasse ich erst mal hier. Ich hole es später ab. Ein demoliertes Rad klaut sowieso keiner. Das ist sicher.“ Er humpelte zum Ford, und stieg schwerfällig auf der Beifahrerseite ein. Das kaputte Fahrrad lehnte er an einem Zaun. Er sah es nie wieder.
Wie sie es besprochen hatten, so geschah es. Eine Stunde später hatte Harry einen ordentlich angelegten Verband um sein Knie, und freute sich über leicht verdiente eintausend Mark. Seitdem fuhr Harry mit dem Fahrrad nicht mehr auf Sicherheit bedacht. Vielleicht geschah so etwas ähnliches ja noch mal. Man weiß ja nie.
Das war nicht schlecht, schnell und leicht verdientes Geld. Verursachte zwar etwas Schmerzen, aber es lohnte sich allemal.
