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Carsten bereitet sich auf einen Marathon vor. Beim Waldlauf entdeckt er zufällig eine Frau, die eine Leiche vergräbt. Er geht nicht zur Polizei, sondern geht selbst den Dingen nach. Das sollte sich als Fehler herausstellen, den der tritt damit Folgen los, die über seine Kraft gehen...
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Seitenzahl: 165
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Michael Aulfinger
Laufender Tod
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Impressum neobooks
Allmählich senkte sich die Sonne hinter den Baumzipfeln am Horizont. Dennoch würde es noch einige Stunden hell sein. Zeit genug also, um seinen Lauf in der erwarteten Zeit zu beenden. Die Zeit war ihm wichtig, denn er wollte seine Leistung unbedingt verbessern. Der Marathon stand schließlich vor der Tür.
Sein Blick fiel derweil auf seine GPS-Sportuhr, welche er seit Monaten ständig beim Laufen am Handgelenk trug.
Wunderbar.
Carsten war zufrieden. Das Tempo stimmte. Einen guten Schnitt legte er hin. Sein Schnitt lag derweil unter fünf Minuten auf dem Kilometer.
Ja, beim Laufen war er zufrieden. Das tat ihm unendlich gut. Ein herrliches Lebensgefühl breitete sich stets in ihm aus. Dabei war seine, in letzter Zeit, ansteigende Laufintensivierung nicht nur wegen des kommenden Marathon begründet. Es gab noch speziellere Gründe, welche, in ihm unbewußt oder bewußt, als Antriebsfeder fungierten.
Natürlich gab es einerseits diesen Gesundheitsaspekt: Bleibe gesund, achte auch deine Fitness und deine Figur.
Bla,bla, bla... und so weiter.
Das war aber nicht sein eigentlicher Antrieb. Auch nicht seine Arbeit, die ihn selbstverständlich in hohem Maße beanspruchte. Schließlich betrieb er mit einem Kompagnon zusammen, ein florierendes Steuerberatungsbüro. Für zehn Angestellte war er Brötchengeber. Das bedeutete immer viel Arbeit und dementsprechend Verantwortung. Aber die Zeit für seine Ausdauerläufe nahm er sich wie selbstverständlich. Es war gleichermaßen ein guter Ausgleich für die anstrengenden Tage mit Kunden und dem studieren und analysieren der staubtrockenen Zahlen.
Aber all diese Gründe zusammen genommen, gereichten nicht an die eigentliche Ursache seiner kontinuierlichen Flucht auf die Laufstrecke, heran. Denn in erster Linie war seine Frau dafür verantwortlich. Es war wie eine Entkommen vor ihr. Ihr ständiges Genörgel an ihm trieb ihn dazu ein langandauerndes Hobby auszuüben, welches ihn für lange Zeit von dieser Furie auf zwei Beinen trennte. Jede Minute, die er nicht in ihrer Nähe verbringen mußte, hatte die Aura und Atmosphäre eines paradiesischen Urlaubs. Da kam dem fünfundvierzigjährigen Mann eine Marathonvorbereitung gerade recht.
Sie war aber nicht immer so gewesen. Früher gab es Zeiten des perfekten Glücks. Das hatte sich leider im Trott des Alltags gewandelt. Schade, sagte er zu sich. Er hatte sie einst so sehr geliebt. Das hatte sich leider ebenfalls geändert.
Er lief so geistig dümpelnd vor sich hin. Hin und wieder fiel sein Blick auf seine Uhr. Ein leichtes Augenzwinkern ließ seine Zufriedenheit aufflackern.
Noch eine Stunde.
Ja, eine Stunde würde er noch laufen. Dann hätte er über zweieinhalb Stunden Lauf, und an die dreißig Kilometer, hinter sich. Das würde für den heutigen Tag reichen.
Ohne einem gewissen Gedanken zu verfolgen, setzte er kontinuierlich einen Fuß vor dem anderen. Automatisch zog die Landschaft mit nahezu zwölf Stundenkilometer an ihm vorbei. Bald war der Waldrand erreicht, und er belief den Waldweg.
Es ist eine Eigenart des Laufens, daß sich trotz des Schwitzens die Blase und der Darm füllt. Nach weiteren zwei Kilometern konnte er es nicht mehr unterdrücken. Es galt sich schleunigst zu entleeren.
Mit einem Blick nach vorne und zurück vergewisserte er sich, daß sich kein weiterer Läufer, oder Forstarbeiter, in der Nähe aufhielt. Aber man wußte ja nie. Er hatte schon alles erlebt. Vor ihm zeichnete sich eine Waldwegkreuzung ab. Seine Absicht war, gerade aus zu laufen. Direkt im rechten Winkel bog noch ein Weg ab. Ein weiterer Weg zweigte sich ebenfalls rechts ab, welcher anscheinend parallel zu jenem verlief, für welchen er sich entschieden hatte.
Nachdem er einige hundert Meter weiter gelaufen war, konnte er nicht mehr an sich halten. Schnurstracks enterte er den Wald, und lief gebückt unter den tief hängenden Ästen und Zweigen hindurch. Als er meinte, genügend Pietätsabstand zwischen sich und dem Waldweg gelassen zu haben, hielt er an, und erleichterte sich hinter einem dicken Baum. Nachdem der letzte Tropfen die Baumrinde berührte, meinte er ein Geräusch vernommen zu haben.
Tiere, herabfallende Äste und der Wind, welcher durch die Zweige und Wipfel wehte, mochten als Urheber gelten. Die Ursache vermag mannigfaltig zu sein. Er zog seine Laufhose gerade wieder zurecht, als er erneut das Geräusch vernahm. Das machte ihn neugierig. Es klang nicht wie ein knickender Ast, sondern eher wie ein menschliches Fluchen. Das erkannte er sofort, denn im Fluchen war er ungekrönter Meister.
Deshalb wagte er eine Blick um den Stamm des dicken Baumes herum. Täuschte er sich, oder stand dahinten zwischen den Bäumen – es mochten keine fünfzig Meter sein – ein blau glänzender Gegenstand? Ein Auto vielleicht sogar?
Wenn ja, was hatte dieser in dem Wald verloren, wo doch hier ein striktes Verbot für diese Art von Vehikel galt?
Angestrengt versuchte er sich davon zwischen den Baumstämmen hindurch zu vergewissern, als er von einer Bewegung abgelenkt wurde. Zwischen ihm und dem Gefährt tauchte nämlich eine Gestalt auf. Das es sich dabei um eine Frau handelte, erkannte er trotz der beeinträchtigten Sicht umgehend. Sie war blond und trug eine blaue Sportjacke. Ihre Harre hingen ihr wirr herunter, denn sie war damit beschäftigt, etwas schweres zu ziehen. So war ihr Gesicht nicht zu erkennen. Sie zerrte und hievte irgend etwas, so gut es ging. Schwer ging ihr Atem. Das hörte er. Was sie bewegte, war ein schwarzer Plastiksack, wie er beim näheren hinschauen erkannte. Soweit konnte Carsten das schon deuten.
Endlich war der Sack verschwunden. Anscheinend war er der Länge nach in ein vorbereitetes Loch geplumpst. Die Frau stützte sich nach dieser anstrengenden Arbeit mit den Händen auf ihren Oberschenkeln ab. Endlich verbreitete sie keinerlei hechelnde Geräusche mehr und richtete sich auf.
So hatte Carsten von seinem Versteck aus eine gute Aussicht auf ihr Gesicht. Ihre verschwitzten Haare fielen zurück.
Ein wissender Ruck ging durch seinen Körper.
Er kannte sie!
Nun, das war nicht ganz korrekt. Er kannte ihr Gesicht. Nur ihr Namen war ihm nicht geläufig. Carsten hatte sie aber schon öfters gesehen. Nur wo? Das mochte sich ihm beim besten Willen und trotz angestrengtem Nachdenken nicht offenbaren.
Aus dieser Phase der inneren Rückblende wurde er jäh gerissen, weil sich die Frau nach der Erholungsphase bewegte. Sie wurde wieder aktiv, indem sie eine bereitliegenden Schaufel in die Hand nahm. Dann begann sie zu schaufeln. Aber die Aktion dauerte nicht lange. Bald war das Loch geebnet, da es vorher schon nicht tief war. Die übrige Erde verteilte die Frau mit schnellen Schaufelbewegungen in der Umgebung. Sie ebnete alles. Zum Abschluß verteilte sie noch Laub und Äste in loser Anordnung auf dem geschlossenen Loch. Es sollte wohl niemandem auffallen.
All das beobachtete Carsten aus seinem sicheren Versteck heraus. Ein verdammt ungutes Gefühl stieg in ihm auf. Was war in dem Sack gewesen? Ein innerer Skrupel widersetzte sich dem, was ihm ein Gefühl des Wissens anzeigte. Denn eigentlich war er sicher, daß der Inhalt des schwarzen Plastiksacks nur eine Leiche gewesen sein konnte.
Bitte nicht, betete er innerlich, mit dem Blick nach oben, wo sein Blick sich zwischen den Baumwipfeln verlief.
Bitte, bitte, lieber Gott. Laß es Sondermüll oder sonst irgend etwas Verbotenes sein. Aber keine Leiche. Das könnte ich nicht vertragen.
Dennoch war sich Carsten sicher, daß sein Gebet unerhört bleiben würde.
Es war geschehen.
Während sein Körper ein gruselndes Schütteln durchlief, wurden seine Augen wieder von jener Frau abgelenkt, deren Namen ihm immer noch ein Rätsel aufgab.
Sie war mit ihrer Arbeit fertig, und ging zu ihrem blauen Auto zurück. Die Heckklappe fiel mit einem Knall ins Schloß. Sekunden später sprang der Motor an, und der Wagen fuhr zunächst rückwärts, bis er eilig wendete, und bald zwischen den Bäumen verschwand. Das Motorengeräusch ebbte Sekunden später ab.
Mindestens zwei Minuten vergingen, bis sich Carsten aus seinem Versteck hervortraute. Er hatte zwar gesehen, daß die Frau alleine war, aber er traute in dieser Sekunde nicht mal der Stille des Waldes. Immer noch konnte jemand aus dem Dickicht der Bäume auftauchen, und ihm das Leben zur Hölle machen.
Oder es sogleich beenden. Welch schrecklicher Gedanke.
Angst stieg ihn ihm auf. Eine stärker werdende Angst.
Was sollte er tun?
Verschwinden?
Vielleicht war es das Beste. Das war aber nicht so einfach. Neugierde trieb ihn an. Neugierde, welche befriedigt sein wollte, ob sein schrecklicher Verdacht der Wahrheit entsprach. Das zerriss ihn innerlich. Auch wenn die Vernunft ihm innerlich vehement riet, das Weite zu suchen, so unterlag sie schließlich dem inneren Zwist. Die Neugierde obsiegte.
Langsamen Schrittes verließ er die Deckung des Baumes und tastete sich vor. Der Blick war auf den Fleck gerichtet, den er hinter zwei weiteren Buchen wußte. Bald hatte er ihn erreicht. Seine anfängliche Angst vor einem Hinterhalt war vorbei und gänzlich der Neugierde gewichen. Binnen Kurzem stand er vor dem vermeintlichen Grab.
Mit bloßen Händen hub er die lockere Erde an jener Stelle aus, an der er den vermeintlichen Kopf wähnte. Das dauerte eine geringere Zeit als er vermutete, denn bald schon stieß er auf eine schwarze Folie.
Mit einem Mal wurde ihm schwarz vor Augen. Es drückte ihm aufs Gemüt, denn er ahnte Böses. Vier kräftige Ein- und Ausatmungen später nahm er sich ein Herz, und riß mit einem Ruck die schwarze Folie auf.
Kein Ton wurde seinen Lippen entlockt.
Still starrte er auf den leblosen Kopf, welcher mit geschlossenen Augen da lag, als wenn er sich gerade zu einem Mittagsschlaf hingelegt hätte. Aber dieser Mittagsschlaf würde länger dauern, das wußte Carsten nur zu gut.
Ewiglich.
Sein Verdacht war bestätigt worden. Vor ihm lag eine männliche Leiche. Sie mochte Mitte bis Ende der dreißiger Jahre alt sein.
Wenn Carsten gedacht hätte, daß ihm beim Anblick seiner ersten Leiche im Leben schwarz vor Augen, oder gar schlecht, werden würde, so hatte er sich geirrt. Selbst von sich überrascht verspürte er in sich eine gewisse Abgeklärtheit und vor allem Ruhe. Das war schon immer eine Eigenschaft von ihm gewesen, in brenzligen Situationen die Ruhe zu bewahren. Als Geschäftsmann wurde von ihm des öfteren die notwendige Eigenschaft abverlangt. Das passierte öfters. In diesem Fall kam es es ihm zu Gute.
Deshalb war er nicht verwunderlich, als er mit einer ungespielten Ruhe in seine Tasche griff, die er über einen Gürtel am Gesäß baumeln ließ. Die hatte er bei langen Läufen immer dabei. Es konnte ja viel Geschehen. Neben einer Trinkflasche, Traubenzucker, einem Energieriegel und dem Haustürschlüssel beherbergte sie außerdem noch ein Handy für den Notfall. Das hatte er ständig dabei, seit er vor zwei Jahren mitten im Wald einmal umknickte, und seinen rechten Knöchel verstauchte. Da er damals niemanden anrufen konnte, blieb es ihm drastisch im Gedächtnis, wie er sich die letzten acht Kilometer bis zu seinem Haus vor Schmerzen humpelte und schleppte. Aus Fehlern oder unterlassenem lernt man.
Carsten aktivierte das Handy, und wählte die Fotofunktion. Dann hielt er die Kamera direkt vor das Gesicht des Toten, und löste die Aufnahme aus. Das Foto der Leiche war geschossen.
Ohne Eile verstaute er das Handy wieder, und schloß die Folie über das Gesicht, so gut es ging. Mit wenigen Handgriffen war das Loch wieder geebnet. Kurze Zeit später erinnerte nichts mehr daran, daß er soeben ein provisorischen Grab geöffnet hatte.
Carsten stand auf, und schlug jene Richtung ein, die ihm zurück auf den Weg führte, auf dem er seinen Lauf beenden wollte.
Zuerst verfiel er in ein hohes Tempo. Die verständliche innere Unruhe trieb ihn dazu. Sein Schnitt pro Kilometer war deutlich unter fünf Minuten. Das Tempo war keineswegs die letzten Kilometer aufrecht zu halten.
Das war die Zeit, als die Gedanken der Realität noch nicht Besitz von seinen Überlegungen genommen hatten. Da beherrschten ihn noch die Emotionen.
Nach und nach trat dieser Zustand des Denkens aber ein. Der Verstand war wieder wach. Seine erste Frage war: Was mach ich mit dem Wissen über die Leiche?
Die Polizei. Natürlich.
Carsten hielt plötzlich an. Er überlegte weiter. Was wäre, wenn er zunächst sein Wissen über den grausigen Fund zurück halten würde? Ihm konnte selbstverständlich niemand auf der Welt einen Vorwurf darüber machen. Wer denn schon? Denn wirklich niemand wußte von seinem Fund.
Auch die Frau nicht.
Bingo.
Das saß.
Richtig, sagte er zu sich. Er hat sie schon mal gesehen. Den Namen wußte er zwar nicht, aber irgendwann und irgendwie würde er ihn herausfinden. Sein Vorteil, war, daß die Frau gar nichts von ihm wußte. Sie wußte nicht, daß sie an ihrem kriminellen Tun beobachtet worden war. Sie wußte nicht, daß er, Carsten, ihr auf den Fersen war.
Je weiter Carsten nun lief, umso mehr manifestierte sich ein Gedanke in ihm. Es war wie ein Plan, der reifen mußte. Aber die Basis dafür war gelegt. Ein schelmisches Grinsen überzog beim Laufen sein Gesicht.
Carsten Willun war bereit, sein schreckliches Wissen für seine eigenen Ziele konsequent auszunutzen.
Für seine beinahe teuflischen Ziele.
„Nein, das mache ich nicht. Ich habe jetzt keine Zeit.“ Energisch drehte sich Carsten um, bevor er die Treppe nach oben bestieg. Er hatte schon wieder genug von seiner Frau.
Ute Willun sah es aber eindeutig anders.
„Du kommst sofort runter, und reparierst die Tür. Augenblicklich. Das habe ich dir schon vor Wochen gesagt. Immer hast du eine Ausrede, oder gehst zu diesem verdammten Laufen. Hier interessiert dich gar nichts mehr.“ Ute war äußerst verärgert. Das vernahm Carsten unverkennbar an dem schriller werdendem Klang ihrer Stimme. Es bedeutete für ihn sofort unterzutauchen. Denn Gefahr war im Verzuge.
Laß sie doch labern.
„Wie oft soll ich es dir noch sagen. Ich habe jetzt keine Zeit. Und das quietschen der Tür ist doch gar nicht so schlimm. Das kann warten.“
Carsten befand sich augenblicklich wieder an jener Stelle, an der er selber verärgert war. Nie konnte es für Ute schnell genug geschehen. Am Besten sollte schon am gestrigen Tag die Arbeit erledigt sein. Genervt stellte er sich unter die Dusche, um den schon vorher erwarteten Frust hinweg zu spülen.
Anschließend betrat er sein Arbeitszimmer. Um vor seiner Frau Ute geschützt zu sein, drehte er den Schlüssel um.
Endlich allein.
Dann war es soweit. Jetzt konnte die Suche beginnen. Dazu holte er sein Handy und schloß es an den PC an. Das gewisse Foto überspielte er gekonnt, und verbarg es unter einem unverfänglichen Tarnnamen als Datei. So weit so gut. Was er mit dem Bild später anstellen würde, wußte er noch nicht, denn er hatte keinen Anhaltspunkt des Opfers Identität herauszufinden.
Alles lief über die geheimnisvolle – bekannte – Frau. Da durchlief ihn ein Schrecken, als ihn die Erkenntnis traf, daß er einen Fehler begannen hatte. Richtig. Das Kfz-Kennzeichen wäre sicherlich eine verwertbare Spur gewesen. Er verfügte über gute Verbindungen. Die Adresse wäre somit leicht herauszufinden. So mußte er anders an die Herbeischaffung der Adresse gehen.
Wie sollte er nun weiter vorgehen?
Carsten lehnte sich zurück, nachdem er das Bild des Toten geöffnet hatte. So starrte er minutenlang darauf.
Wer bist Du?
Geheimnisvoller Mann.
Bist du etwa der Mann jener Frau die dich begrub?
Leicht schüttelte Carsten den Kopf. Auch wenn dies die leichteste Antwort wäre, so hielt er sie wahrscheinlich für fehlerhaft. Das wäre zu einfach.
Auch bei größter geistiger Anstrengung mochte das Bild keine Antwort geben. Schade. Als ob Carsten über parapsychologische Eigenschaften verfügte. Bei dieser Erwartung mußte er sogar grinsen.
Weiterhin starren auf das Bild.
Wer bist Du?
Seine rechte Hand massierte sein Kinn. Die Augen waren starr geradeaus gerichtet.
Eine Verbindung muß es doch zu der Frau geben. Wie komme ich nur auf diese?
Er hat sie schon mal gesehen. Beim Laufen im Wald zwar noch nicht, aber ….
Stopp.
Das war es doch.
Richtig. Er ahnte nun, woher er sie kannte. Im Wald war sie ihm beim laufen sicherlich niemals begegnet. Das war korrekt, aber er kannte sie dennoch vom Laufen. Langsam kehrte in ihm die Erinnerung zurück. Nach und nach.
Er hatte schon zweimal kurz mit ihr ein unverfängliches Gespräch geführt. Und dies war – soweit er sich erinnern konnte – bei zwei Halbmarathons gewesen. Beide waren in Bremen. Daran konnte er sich noch gut erinnern. Beinahe wie ein Film, lief die kurze Bekanntschaft bei ihm ab. Es war direkt vor dem Start. Sie stand neben ihm, bevor der Countdown begann. Es ist üblich unter Läufern, daß man sich gleich duzt, und dem anderen viel Erfolg wünscht. Darüber hinaus sprachen sie über die angestrebten Laufzeiten. Carsten gab damals an, unter einer Stunde und dreißig Minuten bleiben zu wollen. Für die Frau war es eine utopische Zeit. Sie hoffte dagegen, daß sie es unter einer Stunde und fünfzig Minuten schaffen könnte.
Carsten grinste bei der Erinnerung. Das war ein verwertbarer Hinweis.
An das zweite Treffen erinnerte er sich auch noch. Ein Jahr später war es der gleiche Lauf Anfang Oktober. Er lief an der Weser entlang, als er während des Rennens zwei Frauen überholte. Die eine sprach ihn an.
„Dich kenne ich doch. Genau. Letztes Jahr bist du doch hier auch schon gelaufen. Weißt du noch? Am Start hatten wir uns unterhalten.“
„Daran kann ich mich erinnern. Und, hat es geklappt mit der angestrebten Zeit?“
„Leider nicht. War knapp drüber. Aber diesmal werde ich es schaffen. Meine Freundin hier ist mein Hase.“
„Na, dann wünsche ich viel Glück diesmal. Auf das der Hase beim Tempo machen nicht vorher schlapp macht. Entschuldigt mich, aber ich muß weiter.“
„Na klar. Du wolltest doch damals unter neunzig Minuten den Halben bestreiten. Hat es geklappt?“
Er nickte und zeigte den rechten Daumen nach oben.
„Ja, ich blieb eine Minute drunter.“
„Super,“ rief ihr die Frau hinterher, denn Carsten hatte das Tempo kräftig angezogen. Bald war er unter den anderen Läufern verschwunden.
Das war das letzte Mal, das er sie sah. Aber das war nicht so schlimm. Zufrieden schnalzte er mit der Zunge. Sie hatte ihm durch ihre Angaben genug Anhaltspunkte gegeben, um ihre Identität zu erfahren. Mit flinken Fingern öffnete er seine Suchmaschine. Bald hatte er den Veranstalter des Bremer Halbmarathons gefunden. Die Ergebnislisten des betreffenden Jahres ebenso. In wenigen Sekunden war die Ergebnisliste der Frauen in der Halbmarathondistanz geöffnet. Nun brauchte er nur noch die passende Zeit zu der passenden Altersgruppe zuordnen.
Treffer.
Er hatte sie.
In der Zeit von 1:51:12 Stunden war in der Altersklasse W35 eine Katharina Drach eingetragen.
Das mußte sie sein. Das war sie auch, denn ihr Konterfei strahlte ihm kurz darauf auf Facebook entgegen. Dort gab es reichlich gepostete Fotos von ihr.
Zufrieden lehnte er sich zurück. Sein weiteres Vorgehen würde von nun an nicht mehr so schwierig sein. Es galt aber generalstabsmäßig geplant und durchgeführt zu werden. Sogleich machte er sich an die Arbeit.
Neun Tage später war es soweit. Zufrieden mit sich und seinem Plan, band er sich die Laufschuhe zu. Dann nahm er den bräunlichen, großen Briefumschlag, und klemmte ihn sich unter den linken Arm. Als er die Haustür erreichte, warf er noch einen Blick in das Wohnzimmer, in das er seine Frau wähnte.
„Ich bin dann mal weg.“
„Wohin gehst du, und wann kommst du wieder?“ Die Kraftanstrengung für diese zwei Fragen war unnötig gewesen, denn bevor Ute sie gänzlich aussprach, knallte die Haustür schon hinter Carsten ins Schloß. Er hatte es schon gar nicht mehr bewußt vernommen, und wenn, so wäre es ihm egal gewesen.
Carsten holte seinen Audi Q5 aus der Garage. Dann fuhr die die halbe Stunde zu jener Straße, die er als Anschrift der Katharina Drach wußte. Dort angekommen, hielt er in der Nähe der angegebenen Hausnummer an, und hielt somit das Haus im Blick.
Es erschien niemand. So früh hatte er damit auch noch nicht gerechnet. Seine Informationen besagten nämlich, daß Katharina erst in fünfundzwanzig Minuten mit ihrem Trainingslauf beginnen würde. Deshalb hatte er noch Zeit und Muße, die ihm zugeleiteten Informationen noch einmal durchzugehen. Carsten griff nach dem bräunlichem Briefumschlag neben sich. Langsam zog er die weißen Seiten, welche mit schwarzer Schrift bedruckt waren, heraus, und las sie zum zweiten Mal.
Das Dossier handelte von Katharina Drach und ihrem beruflichem und privatem Umfeld.
