ein Kater sucht den Weihnachtsmann - Dieter Gerhard - E-Book

ein Kater sucht den Weihnachtsmann E-Book

Dieter Gerhard

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Beschreibung

Es war die Neugier, die den Kater auf die Straße trieb, um zu prüfen, ob es noch andere Räume gibt, die er kolonisieren könnte. Dabei wurde er von einem Schäferhund erblickt, der Jagd auf ihn machte, ihn in ein offenstehendes Kurierfahrzeug trieb, der daraufhin wegfuhr. Viele Kilometer weiter hielt der Wagen wieder an, die Hecktür wurde geöffnet und der Kater sah seine Chance, zu türmen. Er befand sich nun in einer für ihn unbekannten Gegend und wusste nicht, wie er nach Hause kommen sollte. Auf seiner Suche begegnete er Menschen, die eine sehr eigenartige Ansicht über das Weihnachtsfest haben. Fast schon resigniert traf er einen weihnachtlich kostümierten Mops, der ihm erzählte, das jedes Jahr ein Mann mit einem von Rentieren gezogenen Schlitten reist, großzügig Geschenke verteilt und somit alle Adressen kennen müsste. Solche Informationen setzten enorme Kraftreserven frei und so kämpfte er sich weiter durch ein Schneegestöber, das ihn immer wieder bis zum Halse begrub.

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Seitenzahl: 105

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Inhaltsverzeichnis:

Ein Kater sucht den Weihnachtsmann

Das Zuhause

Neugier kann gefährlich sein

Auf zu neuen Ufern

Ein Schlafplatz mit Waldaroma und dem Citus-Geruch frisch geschlagener Bäume

Gibt es den Weihnachtsmann wirklich

Geben ist ein Gefühl der Freude und Dankbarkeit

Menschen glauben gerne das, was sie wollen

Jeden Tag da zu sein und was Gutes zu tun, der Rest ergibt sich dann von ganz alleine

Und es gab ihn tatsächlich …, den Weihnachtsmann

Ein Kater sucht den Weihnachtsmann

1. Das Zuhause

Es ist sieben Uhr dreißig, als der Radiowecker angriff und den Mann aus seinen kühnsten Träumen riss. Last Christmas wurde gerade gespielt, ein Lied von George Michael komponiert und von der Gruppe Wham! vertont. Ein Christmas Song, der mittlerweile dreißig Jahre alt ist.

Es werden kaum noch neue Weihnachtslieder komponiert, die uns aufs Fest einstimmen sollen. Das liegt wohl daran, dass der Zyklus viel zu gering ist. Weihnachtslieder hört man zwischen Oktober und Dezember, Schlager und Popmusik das ganze Jahr. So muss man sich mit den wenigen Klassikern der populären Weihnachtsmusik begnügen wie Driving Home for Christmas von Chris Rea, Do they know it's Christmas von Band Aid und eben das Last Christmas von Wham!.

»Ein Ohrwurm für die Ewigkeit, der zu Weihnachten gehört wie Tannenbaum und Plätzchen«, unterbrach die Moderatorin den Ausklang des Liedes. »Von dieser poppigen Besinnlichkeit kann man in diesen Tagen nicht genug bekommen. Selbst Nachwuchsmusikern fällt bei dem Stichwort Weihnachten nur George Michael ein. Pro Tag wird der Song allein in Deutschland fünfhundert Mal gespielt. George Michael bekommt dafür jedes Jahr rund acht Millionen Dollar Tantiemen, somit hat er mit nur einem Song fast dreihundert Millionen Dollar verdient. Nur wenigen gelang es bisher einen solchen Hit zu platzieren, wie Bing Crosby 1947. Fünfzig Millionen Mal verkaufte sich sein Traum von der weißen Weihnacht.«

Und schon erklang:

»I'm dreaming of a white Christmas

just like the ones, I used to know

where the treetops glisten

and children listen

to hear sleigh bells in the snow«

Schwerfällig bewegte der Mann seinen Kopf in Richtung Radiowecker und schalte ihn mit geschlossenen Augen aus. Dann knipste er das Licht an, öffnete langsam seine Lider und sah, wie zwei große runde bersteinfarbige Augen ihn Angst einflößend ansahen. Sie sind delinquent nach vorn gerichtet und für ein optimales räumliches Sehen ausgerichtet. In den Augenwinkeln sind noch einige Krümel zu erkennen, die auf eine getrocknete Tränenflüssigkeit hinweisen, die nicht abtransportiert wurde, da nachts die Augen nicht so aktiv sind. Die Ohren sind spitz nach vorn gerichtet und besonders gut ausgebildet. Die Nase dagegen ist zwar klein, doch sind die Nasengänge erheblich verbreitert, um eine erhöhte Sauerstoffzufuhr und eine rasche Akklimatisierung zu gewährleisten.

Das Gesicht war mit einem Frucht einflößenden Killerblick gewappnet, der Menschen in ähnlichen Situationen in Todesangst versetzen kann, doch der Mann lag recht entspannt da.

Ein Wesen, das mit verschiedenen Retuschierwerkzeugen ausgestattet ist wie zum Beispiel mit kräftigen Kiefermuskeln und Reißzähnen, mit denen Muskelstränge, Sehnen, Knorpel und Knochen durchtrennt werden können, sowie messerscharfe Krallen, die man auch als den einzigen Problemlöser ohne Waffenschein bezeichnen kann.

Es ist Tommy, der vor dem Bett saß und den Mann, sein Herrchen, hypnotisierend anstarrte. Ein achtjähriger selbstbewusster Kater, der die Meinung vertritt, dass die Wohnung, in der er sich aufhält, ausschließlich ihm gehört. Sein Herrchen dagegen ist nur dafür zuständig, ihm das Futter zu reichen, wenn er hungrig ist, ihn zu streicheln, wenn er es will und seine Toilette zu säubern, wenn sie dreckig ist.

Er saß bestimmt schon seit mindestens zwanzig Minuten vor dem Bett und wartete, dass sein Herrchen endlich wach wird, damit er aufs Bett springen kann, um sich seine morgendlichen Streicheleinheiten abzuholen.

Der Mann stieß zwei grunzende Worte aus, die schlecht verständlich waren aber sich anhörten wie:

»Morgen Kater« oder aber auch wie »wirrer Vater.«

Tommy sprang sofort aufs Bett, tretelte in die Daunendecke und kam dem Gesicht seines Herrchens mit lautstarkem Schnurren immer näher.

»Uaaaaah«, gähnte der Mann den Kater an, als dieser ihm tief in die Augen sah und seine Nase beschnüffelte. Dabei berührten seine Vibrissen die Wangen des Mannes und fingen an zu kitzeln. Eine physische Foltermethode, wie das Empfinden von Lust und Leid, wie die perfide Art des Quälens, wie das Verabreichen knisternder Elektroschocks.

Eigentlich ist das Kitzeln nur ein Warnsignal unseres Körpers, der darauf hinweist: Vorsicht, da nähert sich etwas Unbekanntes. Naja vielleicht nicht gerade unbekannt, vielleicht mehr eine unerwartete Gefahr. Und gerade im Gesicht, wo man sehr verletzlich ist, reagiert der Körper besonders empfindlich auf derartige Berührungen.

Der Mann drehte seinen Kopf zur Seite und streichelte erstmal ausgiebig den Rücken von Tommy. Manchmal stupste Tommy mit seiner Stirn die streichelnde Hand an, was so viel heißt wie: "Ey Alter, den Kopf nicht vergessen" oder er drückt seinen Hals gegen seine Fingerspitzen, womit er andeuten wollte: "Wenn schon Ganzköperwellness, dann auch hier".

»Uaaaaah«, gähnte der Mann abermals und streckte sich dabei nach allen Seiten. Ein Hinweis für Tommy, das Bett zu verlassen, denn der Mann will aufstehen. Schwungvoll rappelte er sich aus dem zerknüllten Bett hoch, fuhr mit den Fingerspitzen durchs zerzauste Haar und blickte dabei verwirrt in der Gegend umher.

Es ist noch dunkel draußen. Kein Wunder es ist Dezember, der letzte Monat in einem normalen Haushaltskalender. Der Mann blicke durchs Fenster hinaus auf die Straße, wo einzelne Straßenlaternen die Gehwege beleuchteten.

Die Bäume sind alle kahl und weit und breit kein Schnee. Es sieht eher nach einem beschissenen Herbst aus, als nach Winter. In drei Tagen ist Weihnachten und die Hoffnung auf weiße Weihnachten wird immer unwahrscheinlicher.

Laut reicher Wortwahl des Wetterdompteurs, der sich jeden Tag erstmal mit den Worten "Guten Morgen, liebe Hörer und Hörerinnen" einschleimt und dann von Regen, Sonne, Sonnenschein, schönem Wetter, schlechtem Wetter, viel zu heiß, viel zu kalt, Schnee, Hagel und Graupelschauer spricht, soll sich die weiße Pracht noch dieses Jahr zeigen.

Wettervorhersagen gehören zu den berühmtesten Sagen überhaupt und erreichen heutzutage sage und schreibe eine Trefferquote von nahezu fünfzig Prozent.

Schlurfend ging der Mann ins Bad, doch bevor er die Tür schloss, hörte er ein bitterböse klingendes mau oder mehr ein Mmmrrrrr, was so viel bedeutet wie:

»Halt-Halt-Halt soll ich die Tür mit der Nase bremsen? Ich will auch noch rein.«

Tommy hat sich einige Geräusche angewöhnt, die der Mann so im Unterbewusstsein von sich gab, wie zum Beispiel ein lang anhaltendes mit Seufzen verbundenes Ausatmen, wenn ihn ein Gemütszustand dazu bewegte. So liegt auch Tommy dann in seinem Bettchen, hat die Augen halb geschlossen, atmete die Luft tief ein und stieß sie dann mit einem kraftvollen laut hörbaren und stöhnenden "mmmmmhhhhh" wieder aus.

Das zeichnete die beiden männlichen Geschöpfe besonders aus. Sie lernen voneinander. Tommy versucht mit seinen Seufz-, Stöhn- und Ächzt-Geräusche Mensch zu werden, der Mann hingegen ist gewillt die Gesten, Mimik und Mienenspiel des Katers zu verstehen.

So öffnete er die Tür weiträumig und ließ den Chef, der jedes Tun und Handeln in dessen Zweisamkeit bestimmt, herein. Schließlich sitzen sie im gleichen Boot, wobei der eine rudert und der andere Wasserski fährt.

Erhobenen Schwanzes stolziert er an ihm vorbei, was man als eine Art Dank charakterisieren könnte und ging zielstrebig in seine Katzentoilette, die unter dem Waschbecken stand. Dort setzte er eine intensive Duftmarke ab, die jeglichen potenziellen Revierkonkurrenten vertreiben würde.

Während der Mann sein Geschäft im Sitzen erledigt, beobachte er, wie Tommy über dem Katzenklo an der gekachelten Wand scharrte. Ich glaube er riecht selbst seine verwesenden Ausdünstungen, schämt sich womöglich und würde deshalb gerne die Wand zum Einstürzen bringen, um die olfaktorische Wahrnehmung zu dezimieren.

Mit aufgerichtetem Schwanz bekundete der Kater seine Zufriedenheit und stolzierte auf sein Herrchen zu. Vor ihm sitzend, schaute er ihn an und fing an zu schnurren. Nach kurzer Überlegung erhob er sich, stützte sich mit einer Pfote auf dem Knie ab und versuchte mit dem Ballen seiner anderen Pfote das Gesicht seines Herrchens zu streicheln.

So was drückt eigentlich eine direkte intensive Zuneigung, Sympathie und Wohlwollen zu dem anderen gegenüber aus, etwas Vertrautes, Liebevolles, Fürsorgliches. Oder ist es nur eine unauffällige Art des Markierens, womit er nicht nur anzeigen will, dass das Herrchen sein Untertan ist, sondern dass er gleichzeitig seinen Duft annimmt, um ihn mit dem Seinigen zu vermischen.

Wissen ist Macht, aber man muss kein Koch sein, um zu wissen, dass die Suppe versalzen ist.

Danach verschwand er und überließ seinem Herrchen das Badezimmer. Der Mann stellte sich für eine gute halbe Stunde unter die Dusche. Ein Verhalten, das darauf schließt, dass er sich gerädert und antriebslos füllt, woran der Biorhythmus während dieser dunklen Jahreszeit schuld ist.

Die Tage sind kürzer, die Sonnenstunden weniger, am liebsten würde man wie die Waldtiere einen Winterschlaf abhalten. Doch nach dem Duschen fühlt man sich immer noch total durch den Wind, verwirrt, einfach derangiert. Duschen ob kalt oder warm, helfen einfach nicht, den eigenen Motor anzukurbeln.

Im Spiegel betrachtete er sich, ließ seine Hand durchs Gesicht gleiten und stellte fest, dass er wohl langsam eine Heckenschere braucht, um sich zu rasieren. Camper empfinden eine derartige Verwahrlosung als Erholung, doch welche Frau wird mit einem schmusen, wenn man wie ein Stachelschwein sticht? Tommy kam zwischenzeitlich wieder ins Bad und maute:

»Ich weiß, dass du lahm bist, aber mir qualmt die Bluse! Mein Magen fragt schon, ob mir die Kehle zugeschnürt wurde.«

»Tommy ich bin gleich fertig, dann bekommst du dein Fressen«, sprach der Mann zu dem Kater, holte dabei den Rasierer aus dem Schrank und betrachtete ihn vorwurfsvoll. Es war ein Nassrasierer mit einer Druckvorrichtung am Ende des Griffs, für den Butterfly-Öffnungsmechanismus, um die Klingen auszutauschen. Asbach uralt ist das Gerät schon. Es war sein Erster und wird wohl sein Erster bleiben.

Während man solche Rasierer mit einer einzigen scharfen langlebigen Klinge bestückte, ringen heute die Hersteller um beste Klinkenkonstruktionen. Dabei werden bis zu sechs Klinken hintereinander verarbeitet, um eine porentiefe und hautschonende Bartentfernung zu garantieren. Ein Hautstraffer, eine Gummilamelle und ein Gleitstreifen neben dem Klingenblock gehören inzwischen zur üblichen Ausstattung.

Endlich ist es dann soweit. Tommys Herrchen kam in die Kühe, setze Wasser auf, um sich einen Kaffee zu kochen und fing an die Fressnäpfe zu reinigen, damit die über Nacht von Geisterhand leer gewordenen Näpfe, neu befüllt werden können. Schließlich erinnert Tommy regelmäßig mit einem vorwurfsvollen Miauen daran, dass es doch die Aufgabe seines Herrchens sein, seine Fressnäpfe ständig zu befüllen.

Unruhig läuft der Kater hin und her, um zu zeigen, dass er Hunger hat. Dann umschmeichelt er in einer Achtformation die Beine, um anzudeuten, dass er richtigen Hunger hat und schließlich versucht er durch Klimmzüge an der Küchenarbeitsplatte darauf hinzuweisen, dass sein Bauch knurrt und er nicht mehr die Kraft hat zurück zu knurren.

Sollte das alles nicht nützen so weiß er genau, wann er sich fallen lassen muss, sich am Boden herumrollt und so den sterbenden Schwan zu markiert.

»Tommy ist gut, gleich ist dein Fresserchen fertig.«

Mit einem kräftigen ächzt, mrrrrr und mau, was so viel bedeutet wie:

»Wartest du auf die Segnung vom Papst, oder warum dauert es solange«, ermahnte er sein Herrchen. Dabei benutzte er die Beine seines Herrchens als Pylonengasse, die er im Slalom umlief und ihn so fast zu Fall brachte.

Wenn Tommy für die Evolution des Menschen zuständig gewesen wäre, hätte man sechs Hände gehabt. Zwei, die ständig in der Küche die Fressnäpfe nachfüllen und der Rest für die Katzen-Tuningranch, für das vierhändige Kraulen.

Die Fressnäpfe wurden gefüllt, auf ein Tablett mit eingepassten Futterschalen abgestellt und an seinem Platz verbracht. Es ist ein Napf-Set mit integriertem Spritzschutz, eigentlich für kleine Hunde gedacht, aber da Tommy mangelhafte Tischmanieren hat und er seine Schlabbereien gerne an Wand und Boden verteilt, gehören Spitzer nun dank dieses neuen vollkommenen Diner-Erlebnisses der Vergangenheit an.

Wie jeden Morgen wurde erstmal am Trockenfutter und dann am Nassfutter geschnuppert. Ein Prüfen, ob ihm die Auswahl des Menüs genehm ist. Dabei überlegt er kurz, fängt an zu schnurren und verlässt dann frohen Mutes die Küche.

Ganz am Anfang, als Tommy einzog, da dachte sein Herrchen, dass er wohl ein kleiner Feinschmecker wäre, der nur liebevoll zubereitete Speisen an seinen empfindlichen Gaumen lässt, frisch gekocht und nicht aus der Massenproduktion. Viele Portionstüten und Menüschalen verschwanden unangetastet im Mülleimer bis dann festgestellt wurde, dass es dem nicht so sei.

Ein Feinschmecker ist er schon, doch obliegt es ihm, immer gefüllte Fressnäpfe vorzufinden. Ob das Fressen später weggeschmissen wird, weil es angetrocknet ist und jegliche Grenzen der Appetitanregung sprengt, tangiert dem Kater relativ peripher.