Folge der Sonne - Dieter Gerhard - E-Book

Folge der Sonne E-Book

Dieter Gerhard

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Beschreibung

Nach dem Tod seiner geliebten Frau, quälen ihn Fragen, auf die es eigentlich keine Antwort gibt; will es nicht wahrhaben, dass ein so sehr am Herzen liegenden Mensch ihn für immer verlassen hat. Die Wohnung ist leer und still und diese Stille ist fatal. Emotionen treten zum Vorschein, die mächtig und beängstigend sind und die Hoffnung schwindet, seine große Liebe jemals wieder zu sehen. In Einsamkeit gehüllt, geschützt von Fragen, vor Mitleid und schrecklichen Gefühlen, wiegte er sich in Erinnerungen an schöne Zeiten, an Zeiten die so lebendig wurden, als wären sie gegenwärtig, als würde er sie eine zweites Mal erleben. Romantische Abende, gemeinsame Neckereien, Witz und Charme traten zum Vorschein, gepaart mit der Entführung zu einem außergewöhnlichen Dinner auf einem Parkplatz, zu einem magischen Aussichtpunkt über die Elbe, zu einer persönlichen Botschaft auf einem ungewöhnlichen Weg und zu dem unverzeihlichen Umstand, den Valentinstag vergessen zu haben. Erinnerungen, ... doch irgendwann führte das Schicksal sie wieder zusammen.

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Seitenzahl: 157

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhaltsverzeichnis:

Gedanken die mich quälten

Ein außergewöhnliches Dinner

Du warst etwas Besonderes

Bindungsängste

Valentinstag, Tag der Liebenden

Liebe braucht mehr, als nur Freiraum

Eine Nachricht per Flaschenpost

Geld allein macht nicht glücklich

Eine romantische Atmosphäre

Eigentlich sollte alles gut sein

Du sagtest nicht einmal Lebewohl

Mein Leben als Schatten

Ein Fataler Unfall

Willkommen Zuhause

1. Gedanken die mich quälten

Es sind die Gedanken, die mich quälten, hilflos da zu sitzen und nach dir zu greifen, um dich in die Arme zu nehmen; dir zu zeigen, dass du nicht allein bist. Doch alles, was ich tun kann, ist an dich zu denken und zu hoffen, dass du meine Gedanken verstehst.

Tränen bildeten sich in meinen Augen und machten mich hilflos, weil ich nicht wusste, ob ich es dir oft genug gesagt hatte, wie sehr ich dich liebe, dich verehre; dass du mein ein und alles bist; das Ich das Gefühl von Leere in mir spüre, wenn du nicht bei mir bist.

Ich bin der Einsamkeit ausgeliefert, fühle mich hilflos gelähmt, wie ein Opfer. Im Supermarkt werden –wenn überhaupt- nur noch Fertiggerichte gekauft und in der Küche nur noch ein Messer, ein Brettchen und eine Tasse benutzt. Es ist die Tasse, die du mir zuletzt geschenkt hattest, eine Tasse mit einem aus Fingern geformten Herz und der individuellen Botschaft "365 Tage Liebe für dich". Sie wird, wie die anderen Sachen, sofort nach der Benutzung abgespült, damit ich sie am nächsten Tag wieder benutzen kann.

Der Kühlschrank, einst gefüllt mit vielen Leckereien, kennt heute nur noch Margarine, abgepacktes Brot und ein bis zwei Flaschen Bier.

Gewaschene Wäsche wird so wieder angezogen, wie sie aus der Waschmaschine oder aus dem Trockner kommt. Nur keine Umstände machen.

Bücher habe ich mir sogar angeschafft, um sie zu lesen und mich mit dem Inhalt ein wenig abzulenken. Sie sind geduldig und stellen keine Fragen.

Sogar die Werbung, die wöchentlich den Briefkasten überfüllte, lese ich neuerdings aufmerksam. Manchmal spreche ich sogar dabei unmerklich, sanft und leise. Den Blumen zumindest schienen meine Selbstgespräche zu gefallen, sie fingen auf einmal an, üppig zu blühen.

Nach der Arbeit gehe ich immer gleich nach Hause, es reicht, wenn ich im Job funktioniere. Zu Hause lebe ich in meiner eigenen Welt, liebe es in lotterhaften Klamotten herumzulaufen und mich selbst am Sonntag nicht mehr richtig anzuziehen, lieber im Schlafanzug durch die Wohnung zu wandeln, unrasiert, ungekämmt. Dazu kannenweise Kaffee trinken, den ganzen Tag Glotze sehen und für die Ernährung zwischendurch ein paar Kekse, statt eines üppigen Mittagessens.

Mein Leben, das ich nun führe, ist still, ruhig und geschützt. Geschützt vor Fragen, vor Mitleid und vor schrecklichen Gefühlen.

Es ist die Einsamkeit, ein Waldbrand dem man mit einem Gegenfeuer bekämpft, der einen weltfremd, seltsam und menschenscheu macht und im Austausch mit der Welt, ist man auf ein Minimum heruntergefahren. Das Telefon schweigt, im Briefkasten nur noch Tageblätter und Reklame und E-Mails checken, das reicht, wenn man es einmal im Monat macht. Es sind so und so nur Spams, die erscheinen, Werbeaktionen, die in Massen versendet werden. Sie landen alle ungelesen im Papierkorb.

Ich selber brauche keine Menschen mehr, keine Freunde, keine Verwandten. Wenn ich allein durch die Stadt gehe und wieder nach Hause komme, weiß ich, dass man ganz gut auf dieser verödeten Erde leben kann, ohne an dem Alleinsein zugrunde zu gehen.

Werde also weiterhin mit meinen Selbstgesprächen zusammenleben, mit den Worten, die mir sehr vertraut sind und nicht widersprechen; werde meinen Blick weiterhin zurückwerfen und Resümee der Vergangenheit ziehen, darüber nachdenken, welche Vorhaben und Ziele wir uns vorgenommen hatten.

Doch wenn man mit jemand jahrelang zusammengewohnt hatte und nun allein lebt, dann ist es eigentlich schon ein qualvoller Zustand. Man hört die Stille in einem von Kerzen erhellten Zimmer, das unvorhersehbare Ticken einer Uhr; das Rauschen des Windes auf dem Balkon; sieht das unruhige bewegen von Schatten, an der gegenüberliegenden Wand; spürt die Leere einer Wohnung, die vorher gefüllt war mit Harmonie, Liebe und Fröhlichkeit.

Leider ist jetzt alles anders geworden. Der schöne Traum ist beendet, das Glück hat mich verlassen, eine endlose Zeit ohne dich hat begonnen. Die schönen Stunden, die Erinnerungen, jeder noch so kleine Moment, alles Vergessen, alles wertlos, alles Scheiße. Besser wäre es, mit seinem Todfeind zusammenzuleben, als sich dem Grauen des Alleinseins auszuliefern. Doch ich habe mich so entschieden und muss diesen Weg gehen.

Es ist langweilig ohne dich, eine gähnende Langeweile, fühle mich unzufrieden. Eine innere Unzufriedenheit, die mich lustlos macht und wo ich nichts mit mir anzufangen weiß.

Keine Ideen im Kopf, die einem reizen, sie umzusetzen und auch kein Ziel im Auge, dass man womöglich erreichen will.

Vielleicht ist sie auch nur eine Botschaft, die mich anregen will, eine Antwort auf meine Fragen zu finden; auf meine Fragen was ich will, was ich mit meiner Zeit anfangen soll; was mir wichtig ist. Doch was hat die Zukunft für einen Wert, wenn du nicht dabei bist.

Das Fernsehen ist auch nicht mehr so unterhaltsam wie früher. Nur noch Menschen die Anekdoten aus ihrem besonders aufregenden Leben erzählen und diese vornehmlich leidvoll in die Länge ziehen.

Kann mich gar nicht mehr daran erinnern, wann ich das letzte Mal einen guten Film gesehen hatte, nicht das es keine guten Filme gibt, doch alles, was über den Bildschirm flimmert, sind Wiederholungen zweit- und drittklassiger Filme und volksverblödende Unterhaltungsshows. Vielleicht sehe ich das auch nur so, … ich weiß es nicht.

Abends liege ich im Bett, schaue zu deiner Seite und taste nach dir. Dein Platz ist kalt und leer, kein Atem, den ich spüre, sehe nur ein Bild von dir und verfalle in Traurigkeit.

Ich denke an dich und frage mich, wie es dir wohl gerade ergeht, ob ich wieder mal ein Zeichen von dir sehe. Ich weiß, dass meine Gedanken ab und an bei dir landen, du hast es mir oft genug bestätigt.

Erst letztens hattest du mich wieder besucht, als ich zur Arbeit war. Ich kam nach Hause und es brannte Licht im Schlafzimmer. Zuerst hatte es mich ein wenig verwundert, zumal es helllichter Tag war. Doch dann wusste ich, dass es nur du sein konntest. Es war die Nachttischlampe auf deiner Seite, die angeschaltet war. Auch am nächsten Tag besuchtest du mich und machtest das Licht an, sowie an den darauffolgenden Tagen. Manchmal kamst du, wenn ich zu Hause im Wohnzimmer war und ich es nicht bemerken konnte. Erst als ich ins Schlafzimmer ging, sah ich, dass wieder das Licht an war.

Ich hatte mich gefreut, über deinen Besuch, weil ich wusste, dass du damit zeigen wolltest, dass du mich auch vermissen würdest.

Du hattest mich vor einigen Monaten schon mal besucht, da hattest du eine von den drei Hockerleuchten im Wohnzimmer angemacht, immer die gleiche, rechts hinten in der Ecke. Sie wird normalerweise wie die anderen per Fernbedienung über Funksteckdosen geschaltet.

Ab und zu kamst du auch nachts, hattest wieder die Lampe im Wohnzimmer angeschaltet, von dessen Schein ich dann wach wurde. Auf der Couch saßen wir dann und unterhielten uns, vielmehr tauschten unsere Gedanken aus, fiktiv natürlich.

Damals, als das erste Mal die Lampe leuchtete, als ich nach Hause kam, dachte ich an Einbrechern, schwarz gekleidet mit schwarzer Farbe im Gesicht. Sofort griff ich nach einem Gegenstand, einem Schirm und schlich Richtung Wohnzimmer. Um mich herum war eine Stille, eine unheimlich Stille. Es war nicht die Stille, die entsteht, wenn alle in einem Haus schliefen, nein, es war eine andere Stille, eine bedrohliche Stille.

Mein Herz pochte wild und unregelmäßig. Ich schlich schweißgebadet voran, wagte nicht zu atmen und versuchte meine Gedanken zu ordnen. Durst überkam mich, mein Mund war wie ausgetrocknet, ein unangenehmes Gefühl mit einem widerlichen Geschmack auf der Zunge. Was ist, wenn der Einbrecher bewaffnet ist, wenn es ein Mörder oder gar ein Kidnapper ist, dachte ich mir.

Mit dem Regenschirm könnte ich ihn wahrscheinlich nicht mal erschrecken, dennoch nahm ich meinen ganzen Mut zusammen, um mich dem Eindringling zu stellen, ihn vielleicht zu vertreiben, was mir bei genauer Überlegung eher zweifelhaft erschien.

Ich überlegte kurz, ob ich den Regenschirm wieder zurückstellen und stattdessen vielleicht eine effektivere Waffe nehmen sollte, ein Messer, ein großes Fleischermesser.

Nein! Jetzt war ich so weit gekommen, wenn ich jetzt umkehre, hätte ich es nicht noch mal gewagt; wahrscheinlich wäre ich vor Angst abgehauen.

Langsam schlich ich weiter, lugte um die Ecke durch die geöffnete Wohnzimmertür, konnte jedoch nichts erkennen, nur die Hockerleuchte, die in der Ecke Helligkeit ausstrahlte. Ich umklammerte den Schirm noch fester mit der Hand und stürzte mich ins Zimmer. Doch es war niemand da, auch keine durchgewühlten Schubladen und offene Schränke, keine aufgeschlitzten Sofakissen und herausgerissene Kabel, wie man es aus Gangsterfilmen her kennt.

Am nächsten Tag war wieder das Licht an und so verfielen meine Vermutungen auf den Nachbarn unter mir, der seine Wissenschaft gerne an Funkfernsteuerungen ausprobiert. Womöglich stören seine Funkfrequenzen meine Fernbedienung, lösen immer wieder ein Signal aus, was von den Funksteckdosen aufgenommen wird. Doch eine Rückfrage bei meinem Nachbarn bewies das Gegenteil.

Erst zu einem wesentlich späteren Zeitpunkt kam mir die Erleuchtung, dass es nur du gewesen sein konntest. Ja, du besuchtest mich zu den verschiedensten Zeiten und ich wusste, wie sehr du mich vermissen tust, genauso wie ich es tue. Nur konnten wir uns nicht sehen, nicht umarmen, nur das Gefühl wahrnehmen, dass wir zusammen sind.

Deine sporadischen Besuche gaben mir das Gefühl von Nähe, egal, in welcher Situation ich mich gerade befand, mit dem Herzen bei seiner liebsten zu sein, ganz gleich, wo du dich auch befandst, auf immer und ewig verbunden.

Meine Tage zogen sinnlos dahin, als wärst du nie gewesen, als wäre das was wir erlebt haben nur eine Illusion, nur eine Einbildung, eine Sehnsucht. Ich bin allein, du bist nicht mehr bei mir, doch werden immer wieder Erinnerungen wach, die ich wie ein kostbares Geschenk in mir trage; Erinnerungen die zeigen, wie sehr ich dich vermisse, wie sehr ich dich bewunderte, wie sehr ich dich immer noch liebe.

Wenn ich einen Wunsch freihätte, würde ich mir kein Ruhm oder Reichtum wünschen, keine teuren Autos, keine große Villa, kein dickes Bankkonto. Ich würde mir nur wünschen, dass alles so wäre, wie es früher war.

Es ist schwer dich nicht mehr zu sehen, all die schönen Augenblicke mit einem so wunderbaren Menschen zu genießen. Es wird nie wieder so sein, es sind Erinnerungen, Erinnerungen an vollkommene Zeiten, Zeiten mit dir. Erinnerst du dich noch an unser Picknick auf dem Parkplatz?

2. Ein außergewöhnliches Dinner

Es war ein Montag, ein Tag, wo ich eigentlich schon früh morgens unterwegs bin, um mein Einsatzgebiet aufzusuchen. Als Außendienstmitarbeiters eines Großunternehmens bin ich meistens die ganze Woche unterwegs und übernachte regelmäßig im Raum Hannover.

Doch heute hatte ich noch eine Besprechung in meiner hiesigen Geschäftsstelle. Die Besprechung war schneller als geplant vorüber, und da man mich erst am späten Nachmittag erwartete, hatte ich das Bedürfnis, dich nicht nur mit meiner Anwesenheit zu erfreuen, sondern dies mit einem Essen zu verbinden, einem ausgefallenen Essen, einem Meals of Wheels auf einem kreativen Stellplatz.

Diese Überraschung bedarf einer gewissen Vorbereitung, und da ich in einer Einzelhausanlage wohne, wo Häuser so gebaut wurden, dass der Komplex einem Atrium ähnelte, war auch der Kontakt zu den anderen Nachbarn mit inniger Freundschaft verbunden, wo ein Nehmen und Geben mit sehr viel Selbstverständlichkeit verbunden war.

So rief ich die Frau meines Nachbarn an und bat sie, mir doch mal ihre Bistrogarnitur auszuleihen, da man sie fachgerecht fürs Auto zusammenfalten konnte.

»Suchst du Mobiliar für dein schlecht eingerichtetes Oberstübchen?«, fragte mich Denise.

»Nein! Ist nur für die Pause zwischendurch, denn wo kann man den Kopf besser abstützen als auf einem Tisch?«

»Und wozu zwei Stühle?«

»Na, falls einer kommt, ein Anhalter, ein Politiker oder ein Außerirdischer. Man ist ja höflich und bietet vorher Platz an, bevor man denjenigen übern Tisch zieht.«

»Kann das sein, dass du mich verarscht?«

Nicht das Denise neugierig ist, nein! Es interessiert sie nur brennend, was in der Nachbarschaft so alles passiert. Am liebsten würde sie sich noch nach den Gehältern der umliegenden Eigentümer erkundigen, einfach wissen zu wollen, wie man es schafft, neben einem Haus ein teures Auto zu besitzen und ob man eine Geliebte hat. Schon als Kind wurde es dem Menschen in die Wiege gelegt neugierig zu sein, worauf sie alles untersuchten und ausprobierten.

Doch je älter man wird, desto mehr verliert man sie und erstickt in der Alltagsroutine. Bis auf einige wenige Auserwählte, die mit bohrender Indiskretion versuchen anderen auszuhorchen.

Wolfgang von Goethe sagte schon: Wer nicht neugierig ist, erfährt nichts.

»Niemals würde ich dich verarschen«, antwortete ich. »Und wenn du schon dabei bist, kannst du deinen Picknickkorb mit dazu stellen. Ich bringe dir alles heute noch zurück.«

»Na gut, dann viel Spaß damit.«

Nach dem Gespräch fuhr ich dann los, holte das Mobiliar ab und rief unterwegs beim chinesischen Lieferservice an. Kurz darauf befand ich mich auf dem Firmengelände deines Arbeitgebers. Der Parkplatz war nicht übermäßig besetzt und so wählte ich mir einen Platz aus, der einen direkten Blick zum Eingang bot.

Aus dem Kofferraum holte ich dann den runden Klapptisch und die zwei dazugehörigen Stühle heraus. Der Tisch bekam eine fast bodenlange weiße Tischdecke, auf der ich Teller und Bestecke genau gegenüberliegend platzierte sowie zwei Weingläser für den weißen trocknen Château Grand Vin, mit repräsentativ und qualitativ zuverlässigem Cuvée aus der Provinz Bordeaux. Eine wärmste Empfehlung des Verkäufers unserer dörflichen Weinhandlung für mein bevorstehendes Happening.

Ein Windlicht flackerte auf den Tisch, leise Musik von einer CD schallte aus den Lautsprechern des Autoradios und eine rote Rose drapierte deinen Teller. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, in zehn Minuten beginnt deine Mittagspause, zeit nochmal alles durchzuchecken.

Tischdecke war OK, Teller standen sich gegenüber, Löffel und Gabeln daneben, Weingläser waren an der Löffelspitze angebracht, Windlicht brannte von allen Seiten und alte Geigen spielten die schönste Musik aus dem Radio.

Der Wein ist auf Temperatur und …,

Scheiße dachte ich mir, kein Korkenzieher. Ich wühlte im Picknickkorb und fand weder einen Korkenzieher noch irgendwas anderes zum Öffnen. Dabei hatte ich immer gedacht, dass zu einem romantischen Picknick nicht nur Wolldecke, Teller und Gläser gehören, sondern auch ein Öffner für den verfaulten Traubensaft.

Meine Überlegung galt, wie ich die Flasche aufkriege. Dabei dachte ich an die Kantine. Ich könnte schnell in die Firma laufen, mich nach dem Weg zur Kantine erkundigen und dort die Flasche für mein Happening öffnen lassen. Hm, sicherlich würden die denken, ich hätte nicht alle Latten am Zaun oder, dass ich was an der Hauptsicherung hätte.

Vielleicht sollte ich die Indianermethode anwenden, den Korken hineindrücken, doch dann müsste er erstmal mit einem Sieb dekantiert werden, um damit eventuelle Korkenreste auffangen zu können.

Dann fiel mir ein Internetvideo ein, wie man einfach und schnellstmöglich einen Weinkorken ohne Korkenzieher aus der Flasche stoßen kann. Eine Alternative, die mich überzeugte und machbar erschien.

So nahm ich die Flasche, entfernte die Stanniolkapsel, polsterte die Flasche mit ein paar Papierservietten und schlug vorsichtig mit leichten Zügen auf die Parkplatzpflasterung. Die Schläge durften nicht zu kräftig sein, da sonst die Flasche sehr schnell zerspringen könnte.

Es dauerte und dauerte, doch dann wurde der Korken langsam aus dem Flaschenhals getrieben. Stück für Stück presste er sich aus der Innenwand des Flaschenhalses heraus, bis er letztendlich mit leichten hin und her Bewegungen herausgewippt werden konnte.

Ich war zufrieden, denn das Glück liegt in uns und nicht in den Dingen. Die Flasche war offen und der Wein konnte sich noch ein bisschen entfalten. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, gleich wird die wohlverdiente Mittagspause beginnen. Es wurde Zeit dich zu besuchen.

Als ich gerade aus dem Treppenhaus kam und den Gang hinunter spähte, sah ich, wie dir gerade von einem anderen humanoiden Wesen, die Nackenmuskeln massiert wurden.

Ich schlug das Revers meines Sakkos hoch, setzte mir eine Sonnenbrille auf, schlich mich von hinten ran und sprach mit verhaltener Stimme:

»Hey!«

Erschrocken drehtest du dich um, sahst mich und plötzlich fingen deine Augen an zu leuchten.

Du kamst mir nahe, umarmtest mich und legtest sanft deinen Kopf an meine Schulter. Fröhlichkeit, Entspanntheit und Lebensfreude strahltest du aus. Dabei fragtest du:

»Hey Schatzi, ich dachte du wärst schon lange auf der Autobahn. Was machst du hier?«

»Ich bin Geheimagent und will dich ausspionieren, was du so den ganzen Tag machst, während dein Angebeteter sich auf dem bedrängten Highway to Hell befindet. Aber …?, wie hast du mich erkannt? Ich hab mich doch getarnt, mit hochgeschlagenen Trenchcoatkragen, den bis ins Gesicht gezogenen Panamahut und der coolen extra dunklen Sonnenbrille.«

»Ganz besonders gefällt mir dein bis ins Gesicht gezogener Panamahut, den du wohl unter Siegfried Tarnkappe trägst«, entgegnetest du mir.

Ich nahm dich zur Seite, um ein temporäres und permanentes Verhör über meine so eben wahrgenommen Beobachtungen zu starten. So flüsterte ich, um den lauschenden Ohren deines Kollegen zu sabotieren:

»Der Kerl, der gerade deine Schultern belästigt hatte, wer ist das?«

»Oh«, hörte ich dich sagen. »Bemerke ich da vielleicht eine leichte Eifersucht?«

»Was ich eifersüchtig, wie kommst du denn darauf. Ich bin nur ein wenig neugierig, weiter nichts. Eifersüchtig …, ich … haha … JA! Wer war der Kerl.«

»Schatzi, du brauchst dir keine Gedanken machen, das ist nur ein Arbeitskollege, der in festen Händen ist und sich vom eigenen Geschlecht angezogen fühlt«, flüstertest du mir ins Ohr.

»Ok, gut! Thema erledigt. Ich hab da mal eine andere Frage. Wie stehen die Chancen, dich zu einem kleinen Imbiss zu entführen?«

»Du im Moment hängen wir bis zum Hals in Arbeit und …«

»Das macht nichts«, unterbrach ich und führte dich am Arm nach draußen. Auf dem Parkplatz fuhr gerade rechtzeitig der Lieferservice vor, ein Roller, dessen Box auf dem Gepäckträger die Reklameaufschrift eines Chinesen trug. Aufmerksam folgten deine Augen den Fahrer, der direkt vor dem gedeckten Tisch anhielt und sich erwartungsvoll umschaute.

»Oh mein Koch ist da«, erwähnte ich, »ich muss da mal kurz rüber.«

Ich beglich die Rechnung, nahm das Essen entgegen, was einbettet, in einem Plastikbeutel war und erst, als der Roller das Sichtfeld wieder freigab, bemerktest du die Überraschung. Mit erstauntem Gesicht auf das Unerwartete kamst du hinüber und schütteltest dabei den Kopf:

»Hab ich irgendwas vergessen? Dein Geburtstag?, mein Geburtstag?, eine Verabredung?, oder musst du dich für was entschuldigen?«

»Nichts von alledem. Ist nur mal so.«

Ich öffnete die Decke der Alumenüschalen und legte vor:

»Knusperente Szechuan-Art, mit brauner Soße und wenig Gemüse.«

»Ich bin überrascht und finde keine Worte.«

»Du könntest sagen: Danke, du bist ein Gott unter den Männern, ein Held unter den Kriegern, ein Prinz unter den Dieben.«

»Das sieht hier so aus, wie eine Szene aus einem alten schwarz-weiß Film. Warte, Sekunde …, das ist eine Szene aus einem alten Film …, oder?«

»Kommt ganz darauf an. Kennst du die alten Filme mit Gerry Grant, aus den vierziger und fünfziger Jahren?«

»Hallo? Zwischen den Filmen und meiner Geburt liegen bequem zwanzig Jahre!«