Rudolph - Dieter Gerhard - E-Book

Rudolph E-Book

Dieter Gerhard

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Beschreibung

Primär wurde der Schlitten des Weihnachtsmannes seinerzeit von nur einem Rentier gezogen. Doch da immer mehr Kinder auf die Welt kamen und damit auch eine kontinuierliche Steigerung bei der Herstellung von Spielwaren zu verzeichnen war, wurde der Schlitten zunächst von zwei Rentieren gezogen, dann von vier, von sechs und schließlich von acht. Letztendlich reichte auch das nicht aus und so suchte man nach geeigneten Rentieren, brachte sie zum Nordpol, wo sie in Konkurrenz zueinander an einem Wettbewerb teilnehmen sollten. Unter ihnen befand sich ein kleines Ren, dass wahrscheinlich aufgrund seiner leuchtenden Nase von der Herde verstoßen wurde. Der Stallwichtel verheimlichte das Wesen, kümmerte sich um ihn, nannte es Rudolph und lehrte ihm sogar das Fliegen. Als in der Endausscheidung des Wettbewerbes, die auf ungewöhnlicher Art und Weise stattfand und nicht ganz den Regeln des Crazy Reindeer Race entsprachen, keines der Rentiere das Ziel erreichte, trat plötzlich Rudolph mit seiner leuchtenden Nase in Erscheinung.

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Seitenzahl: 160

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Eine Weihnachtsgeschichte wie Rudolph zum Frontier des weihnachtliche Schlittengespannes wurde

Foto Umschlagseite: Gerhard Voss

"Rudolph"

Inhaltsverzeichnis:

Willkommen in der arktischen Toskana

Ein Motorrad mit dynamischem Auftrieb für Santa oder lieber ein neues Rentier?

Ein Wettlauf sollte stattfinden, wo Rentiere um die Wette laufen

Wir sind keine Zwerge! Wir sind Wichtel, allein schon zu erkennen an den spritzen Ohren

CRC sollte das Event heißen, die Crazy Reindeer Championship

Nordic Walking? Ist das nicht die Gangart, wenn man starken Harndrang hat?

Ein Rentier, mit einer leuchtenden Schnauze?

Selbst bei außerordentlichen Anstrengungen kann es zu einer Erdbeernase kommen

Kalte Füße kann man auch durch einen Fluchtreflex warm laufen

Auch am Nordpol werden Wetten abgeschlossen, sogenannte Trau-Dich-Doch Wetten

Manche kommen mit Drohungen sympathischer rüber, als andere mit Anmachsprüchen

Es kam der Tag, wo man Wetten gewinnt oder verliert

Um den Hügel zu besteigen, hätte man auch eine Treppe mit Geländer anbringen können

Was für eine Gaudi, was für ein Spektakel, was für eine Dramatik, ja hier ist Spannung garantiert

Und so wurde Rudolph, das neue Fronttier des weihnachtlichen Schlittengespannes

1. Willkommen in der arktischen Toskana

Willkommen in der arktischen Toskana, dem Nordpol, der nördlichsten Stelle überhaupt, an der Drehachse der Erde, wo man von jeder Seite aus Richtung Süden schauen kann, wo alle Längengradlinien sich kreuzen und wo es nur zwei Jahreszeiten gibt, den Polarsommer und den Polarwinter.

In dieser Schnee-, Eis- und Geröllwüste ist - durch die Wanderung der Sonne - die nördliche Halbkugel mal etwas mehr und mal etwas weniger der Sonne zugeneigt, sodass man einen sechs Monate langen helllichten Tag und im Gegenzug eine sechs Monate lange düstere Nacht im Jahr hat.

Durch heftiges Schneegestöber hat sich in dieser rauen unberührten Landschaft ein weißes Tuch gelegt, wo, von Eisbären und Robben abgesehen, kein menschliches Leben existiert; wo lange Dunkelphasen, Extremkälte im Winter und relativ kühle Temperaturen im Sommer diese Region zu einem Lebensraum mit ganz besonderen Herausforderungen macht; wo man lieber an Malediven, Karibik oder Kanarischen Inseln denkt, als in der nordischen Eis-Oase zu bibbern.

Hier am nördlichsten Ende der Welt, in einem lebensfeindlichen Gebiet, in einer der letzten abgeschiedenen Gegenden, hier liegt die magische Welt von unserem heutigen Santa Claus und seinen Helfern.

Es ist ein Dorf, wo gejubelt und gelacht, gesungen und musiziert wird, wo jeder etwas erleben und seinen Spaß haben möchte, wo jeder jeden Streich und Scherz versteht und für jeden Klamauk zu haben ist und wo man doch den Ernst des Lebens versteht.

Für Santa und seine Vorfahren war bisher der Heiligabend immer der schönste Tag im ganzen Jahr gewesen, denn wohin sie auch kamen, sahen sie das strahlende Lächeln von Kindern; von Kindern, die an Geschichten und Märchen und an den Weihnachtsmann glaubten. Er bringt ihnen Geschenke und auch wenn sie eines Tages im Schrank verschwinden, gegen anderen getauscht oder gar im Internet versteigert werden, so verschwinden zwar die Geschenke, aber der Glaube an den Weihnachtsmann wird von Generation zu Generation weiter bestehen bleiben.

Inmitten dieser Idylle steht wohl die größte Spielzeugwarenfabrik überhaupt, in der ständig ein reges Treiben herrscht. Es sind Elfen und Wichtel, die nicht nur Wünsche erfüllen, sondern auch Probleme lösen. Sie arbeiten das ganze Jahr, damit zum Weihnachtsfest alle artigen Jungen und Mädchen erfreut werden. Dieses von Elfen und Wichteln geführte Haus ist das Herzstück von Christmas Village, der Stadt des Mannes mit der roten Kutte, den Schlitten und den Geschenken.

Ihm zur Seite steht Melvin, der Spielzeug-Direktor, Weihnachtsingenieur, Office Commander, auch Top-Manager Wichtel genannt oder einfach schreibkundiger Sekretär. Er übernimmt zwar bedeutende und verantwortungsvolle Aufgaben, steht aber in der Hierarchie immer unter dem Geschäftsführer.

Insbesondere sind seine Aufgaben, sich um die korrekte Abwicklung der Produktion zu kümmern, bei der Belegschaft Disziplin und Gehorsam zu schaffen und sämtliche Spezialaufgaben des Chefs zu erledigen.

Angefangen hatte das alles vor vielen, vielen Jahren. Damals hieß der Weihnachtsmann noch Father Christmas und war der Nachkomme von Väterchen Frost. Er war mit seinen Elfen und Wichteln auf dem Weg, ein geeignetes Zuhause zu finden, um seiner Idee nachzukommen, Geschenke herzustellen und den besonders braven Kindern damit eine Freude zu bereiten. Dabei zogen sie immer weiter Richtung Norden, in der Hoffnung bald auf ein annehmbares Domizil für sein Vorhaben zu stoßen.

Monate waren sie unterwegs und je nördlicher zu kamen, umso höher lag der Schnee. Father Christmas versank bis über die Knöchel in dem kalten Pulver, dass in seinen Schuhen zu Eiswasser wurde. Und auch seinem Gefolge ging es nicht anders. Sie bewegten sich stampfend durch den fast kniehohen Schnee, immer noch auf der Suche nach einem geeigneten Plätzchen.

Seit Tagen schon hatten sie weder Menschen noch Straßen noch Häuser oder andere Bauwerke gesehen. Plötzlich blieb Father Christmas stehen, schaute sich nach allen Seiten um und blickte dann nach oben. Genau über ihn befand sich einer der hellsten Sterne des Sonnensystems, der Stella Polaris oder auch Polarstern genannt und so sprach er:

»Wir sind angekommen.«

Alle Elfen und Wichteln fingen an zu jubeln, strahlten, lachten und triumphierten. Es war wie der hysterische Beginn einer Party, wie die zwanglose Sause ohne Alkoholgenuss. Ihre lange Reise hatte nun ein Ende gefunden, ihr neues Zuhause liegt vor ihnen.

Gemeinsam bauten sie die Fabrik auf und schon nach kürzester Zeit stellte Father Christmas fest, wie glücklich doch Geschenke machen können und so machten sie immer weiter und weiter und letztendlich wurde die Herstellung und Schenkerei zu einem Fulltime-Job.

Ja lange ist es her, dachte sich Melvin, als er seinen abendlichen Spaziergang an der frischen Luft, machte. Father Christmas ist leider nicht mehr, aber sein Sohn Santa Claus führt nun die Fabrik weiter und nach ihm wird Little Santa den Job übernehmen. So werden die Merkmale der geheimen Identität von Generation zu Generation an die männlichen Nachkommen weitergegeben, damit die Weihnachtsdynastie nicht ausstirbt.

Es ist dunkel draußen, kalt und manchmal auch ein wenig gruselig, doch es schneit nicht. Eigentlich nicht gerade das beste Klima, um hier am Nordpol spazieren zu gehen, aber mit ein paar warmen Klamotten ist es dennoch die perfekte Art, den Tag mal so richtig gut abzuschließen.

Viele Elfen und Wichteln tun es und so trifft man immer wieder einige seiner Artgenossen.

»Guten Abend Melvin.«

»Guten Abend Candise.«

Candise ist in der Logistik tätig, wo sie Kuli, den Koordinator für die Planung, Abstimmung, Durchführung und Kontrolle des Güterflusses, kreativ zur Hand geht. Und kaum drüber nachgedacht war auch schon die nächste Verneigung zu beobachten:

»Hallo Melvin.«

»Hallo Skip.« Sein Job befindet sich im Funkortungsgebäude, wo er sich in Satelliten einloggt, um unter anderem auch die Schornsteinmaße herauszufinden, damit Santa Claus ganz genau weiß, wie stark er seinen Bauch einziehen muss, um durchzupassen.

Melvin marschierte weiter, kam an einem Wichtel mit seiner Elfe vorbei, die wie besessen in den Himmel schauten.

»Weißt du«, sprach der Wichtel zu seiner Elfe, »es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass dieses "Ich-wünsch-mirwas Sternschnuppen-Phänomen" wirklich funktioniert.«

»Also bei mit hat es immer noch hingehauen«, antwortete sie.

»Wirklich?«

»Na ja, meistens.«

»Hm …, tja vielleicht sollte ich es auch mal versuchen, schaden kann es ja nicht.«

»Bei dir wird es nicht funktionieren.«

»Wieso nicht?«

»Ist doch klar, du musst mit dem ganzen Herzen daran glauben. Sterne lassen sich nicht hereinlegen. Du musst bereit sein dir etwas zu wünschen und du musst bereit sein, daran auch zu glauben.«

Schmunzeln schlich Melvin sich an den Beiden vorbei, um sie ja nicht bei ihren Mutmaßungen zu stören und schon vernahm er, dass Gespräch zweier anderer Elfen war:

»Mensch ich habe gestern einfach zu viel gegessen und du?«

»Auch, einfach viel zu viel.«

»Sag bloß. Ich hatte gestern noch eine zusätzliche Schicht einlegen müssen, aber als ich mit meiner eigentlichen Arbeit fertig war, hatte ich mir ein paar Stücke von diesem leckeren Kürbiskuchen einverleibt. Mann war ich anschließend fertig. Es sollte ein Grundsatz dafür geben.«

»Wofür denn, dass die Mittagspause abgeschafft wird.«

»Nein, nur das Gusteau nicht immer so lecker kocht oder backt.«

Ja Gusteau war der Gourmet-Wichtel, der Küchenchef, der mit seinem Team von Commis jeden Tag aufs Neue aus einer traditionellen und kreativen Küche eine kulinarische Verbindung zaubert, die jeden empfindlichen Gaumen in eine Sinnesexplosion verwandelte. Selbst bei seiner selbst gemachten Marmelade wünscht man sich, eine Scheibe Brot zu sein.

Melvin ging weiter. Plötzlich vernahm er die Stimme von Jari, einem schüchternen, zurückhaltenden, gehemmten Wichtel, der bei Komplimenten gleich rot wird und bei einer harmlosen Bitte um eine Gefälligkeit in Schweißausbrüchen verfällt.

»Elina?«, sprach er.

»Ja!«

»Alles Okay bei dir?«

»Ja alles Okay und bei dir?«

»Oh ja, es ist … ähm …, ja ist alles Okay, ja. Ähm, heute Abend ist doch Tanz und …, und …, wahrscheinlich hast du schon Pläne und so …«

»Nein eigentlich nicht«, unterbrach sie seine verworrene Ausdrucksform.

»Oh … nun … ähm …, wenn du willst, können wir uns da treffen. Elias, Mika und Jonne sind auch da, du weißt doch die Pistenreiniger aber wenn du …«

»Das wäre nett«, unterbrach sie ihn abermals.

»Ja? Toll.«

»Aber leider muss ich heute noch spät arbeiten. Ich habe nämlich die Spätschicht übernommen.«

»Oh, ähm, aber das ist kein Problem, du kannst …«

»Das würde ich wirklich gerne«, brach sie erneut sein Gerede ab.

»Nun, du kannst … jederzeit dort hinkommen. Ich meine, ich bin da und das sehr lange. Ich werde heiße Schokolade trinken und selbst gebackene Kekse essen, du weißt doch, es ist Weihnachtszeit.«

»Das ist so lieb von dir, dass du mich gefragt hast.«

Ja im Endeffekt sind Elfen und Wichtel nicht viel anders gelagert wie die Menschen auf den verschiedenen Kontinenten.

Melvin ging zurück in die Fabrikhalle. Für ihn ist die Arbeit noch nicht ganz zu Ende. Der Papierkrieg muss noch erledigt werden. Doch zuvor noch ein Abstecher bei Anni. Anni ist mit ihren Getränken für das leibliche Wohl der Mitarbeiter zuständig. Ihre Spezialität ist heiße Schokolade. Schon von Weitem steigt einem der Geruch von gerösteten Macadamianüssen, fruchtigen Beeren, feinstem Marzipan, edlen Zedernhölzern, orientalischen Gewürzen und einer ausgewogenen Orangenblüte in die Nase.

Sie schafft es immer wieder, beim Erwärmen der Milch keine Haut zu erzeugen. Ihr Trick ist es, die Milch im Kochtopf langsam zu erwärmen und sie dabei ständig umzurühren. Dabei verhindert sie das Entstehen der lästigen Haut.

»Elfe Anni«, rief Melvin, als er vor dem Ausschanktresen stand.

»Komme sofort«, antwortete sie lautstark aus der Küche. Kurze Zeit später erschien sie, bekleidet mit einer kakaoverschmierten exotischen Schürze und einen Kochlöffel in der Hand.

»Anni, so bezaubernd wie eh und je«, entgegnete Melvin ihr.

»Oh, du hast meine neue Strumpfhose bemerkt? Ich habe sie selbst genäht.«

Melvin beugte sich vorsichtig über den Tresen, linste hinunter, und während Anni ihren Kopf in den Nacken warf, dabei sich im Kreis drehte, Melvin auffordernd anschaute, sah er ihre langen, langen Beine, die von einer rot/grün geringelten Strumpfhose umhüllt waren.

»Mann du hast aber auch Beine«, bemerkte er.

»Ach was du alter Schmeichler, das sagst du bloß so. Schließlich bin ich kein Junghuhn mehr. Also, was kann ich für dich tun?«

»Kannst du mir eine heiße Schokolade machen, mit zwei Stück Zucker bitte?«

»Eine Schoki extra heiß mit zwei Stück Zückerchen, kommt sofort.«

Während er auf die frisch zubereitete Schokolade wartete, beobachtete er das Geschehen in der Halle. Eine Elfe stürmt herein und frohlockte:

»Guten Morgen ist das nicht ein wunderschöner Tag? Es liegt Schnee in der Luft, ich kann es förmlich fühlen.«

»Toll«, entgegnete ihr ein Wichtel. »Das bedeutet, dass ich wieder Schnee schippen muss.«

»Es wird schneien?«, fragte ein weiterer Wichtel, »und das mitten im Winter?«

Schon fingen alle an, zu lachen. Es sind diese lockeren Sprüche, die immer wieder auftauchen und zum Lachen anregen, aber eigentlich lachen sie immer.

»Wo kein Schnee liegt, kann gerannt werden«, bemerkte dann ein weiterer Wichtel.

»Schnee kann auch schwere Folgen verursachen, zum Beispiel rote Nasen«, schoss ein weiterer Wichtel hinterher und schon erhob sich das Gelächter von Neuem.

Plötzlich befand sich die Send-to-Claus-Postelfe Kristeen in Melvins Blickfeld. Mit großen, langen Schritten kam sie auf ihn zu.

»Hier sind die neuen Wunschlisten, kannst du sie mir abzeichnen?«, sprach sie.

»Leg sie mir auf den Schreibtisch, ich schaue sie mir später an.«

»Später? Kein Problem. Wir könnten Weihnachten auch dieses Jahr einfach verschieben. Ich bin sicher, das merkt keiner. Wie wäre es denn mit Silvester oder mit deinem Geburtstag? Du hast doch einen Geburtstag, oder?«

»Ja natürlich, jeder hat einen Geburtstag und fast jeder feiert dieses Wiegenfest. Allerdings liegt meins noch weit in der Zukunft.«

»Gut! Kinder pustet die Kerzen wieder aus, Weihnachten wird sich um Wochen, wenn nicht sogar um Monate verschieben.«

Dabei drehte sie sich um, erhob den Arm, und während sie fortging, wedelte sie die Liste mit dem erhobenen Arm.

»Ist ja gut. Gib her, ich schaue sie mir kurz an.«

Daraufhin machte Postelfe Kristeen kehrt und ließ sich die Liste, nachdem Melvin sie kurz durchstöbert hatte, abzeichnen.

Inzwischen war auch die Schokolade mit Orangengeschmack und gekrönt mit einem Sahnehäubchen fertig. Mit dem Becher in der Hand ging Melvin durch die Fabrikhalle hin zu seinem Büro.

Es ist ein spartanisch eingerichteter Raum mit einem Schreibtisch, der übersät ist mit unerledigten Notizen und noch ausstehenden nicht zu realisierbaren Wünschen; sowie ein Regal, also ein Schrank ohne Türen und ohne Rückwand, in dem Ordner stehen, in denen wiederum chronologisch, alphabetisch und thematisch sortierte Vorgänge abgeheftet wurden.

Melvin setzte sich an seinen Schreibtisch, schob sämtlich Unterlagen beiseite, lehnte sich zurück und legte dabei seine Füße auf den Tisch.

Mit geschlossenen Augen und in Gedanken versunken, erinnerte er sich an früher.

2. Ein Motorrad mit dynamischem Antrieb für Santa oder lieber ein neues Rentier?

Ja damals. Damals, als Father Christmas noch die braven Kinder beschenkte, da hatte er nur ein einziges Rentier, hinter dem er einen leichten, zweisitzigen Schlitten angespannt hatte. Es war ein Holzschlitten mit weit nach vorn gezogenen skiartigen Kufen, Seitenschutz, Blattfedern, Sitzregulierung und als Zusatzposten, eine Kurbelfeststellbremse. Eine Mechanik, die aus Holz und Stahl gefertigt wurde und beim Betätigen sich an beiden Seiten des Fuhrwerkes mit je einer Kralle ins Eis oder in den Schnee grub. Ein Fortschritt, der begeisterte. Der Aufbau dieses außergewöhnlichen Fuhrwerkes war dunkelblau, die Kufen rot und die Polsterung der Sitzbank altrosa.

Dabei sollte die dunkelblaue Farbe des Fuhrwerkes die Kälte des Winters symbolisieren. So hatte auch Father Christmas damals schon einen langen weißen Rauschebart, eine Knollennase und trug einen mit weißen Pelz besetzten Mantel, allerdings in Blau.

Roter Mantel, Pudelmütze mit Bommel und einem langen weißen Bart, so kennt man ihn heute. Doch das Bild des Weihnachtsmannes, das sich stark an die Figur des Heiligen Nikolaus anlehnte, der in Myra als Bischof wirkte, hatte mit diesem Erscheinungsbild nichts zu tun, denn der Bischof trug zwar einen Mantel, doch dieser sollte keineswegs rot gewesen sein.

Wenn man der Limonadenhypothese nachgeht, so soll der amerikanische Getränkehersteller vor fast hundert Jahren seine größte Weihnachts-Werbe-Aktion gestartet haben, wobei er den Weihnachtsmann mit dem Pausbackengesicht, der dem lächelnden Kind auf der Zwieback-Packung von Carl Brandt ähnelt, in einem rot/weißen Outfit präsentiert haben. Diese Farbgebung hatte sich dann ganz schnell in den Köpfen der Menschheit eingeprägt und so erhielt auch der Schlitten eine neue Lackierung.

Der primäre Schlitten wurde seinerzeit von nur einem Rentier gezogen, die Pakete einzeln verstaut und die Auslieferung kurzerhand durchgeführt. Doch dann kamen immer mehr Kinder zur Welt und der Schlitten musste von zwei Rentieren in einer Tandemspannung gezogen werden. Dann baute man unter dem Sitz des Schlittens eine zusätzliche Ladefläche, um weitere Pakete befördern zu können.

Letztendlich reichte das auch nicht aus und so wurde aus einem zweisitzigen Zweispänner ein Viererzug, danach ein Wildgang mit zwei Stangen- und vier Vorderrentiere und zuletzt ein Gespann aus zwei Vorder- und sechs Stangenrentieren.

Dem Schlitten wurde ein besonders langes Kufen-Gestell angepasst. Dazu wurde er total entkernt, alles herausgenommen und auseinander geflext. Geeignete Vierkantrohre aus massivem Stahl mit einer rostfreien Oberflächenveredelung bildeten die Grundlage der Verlängerung. Der Schlitten brauchte solche Implantate, damit er nicht durch das Gewicht der Geschenke durchhängt.

Das Vorderteil wurde strömungsgünstig geformt und der Aufbau vergrößert. Neue Stellflächen wurden geschaffen. Hinzu kamen noch stärkere Federn, stabilere Kufen-Aufhängungen, eine verbreiterte Spur sowie breitere dickere Kufen für bessere Bodenhaftung und Landung.

Das Chassis verfügte über vier Kufen, wovon die vorderen zwei auf einer Pendelachse lagerten und die hinteren zwei starr verblieben. Eine Anhängerkupplung mit schwenkbarem Kugelhals wurde angebracht, um zukünftigen Erweiterungen vorzugreifen. Seitenteile wurden aerodynamischer gestaltet, um einen besseren beweglichen Auftrieb zu erzeugen.

Mit diesem stylistischen, nicht ungefährlichen Ungetüm von monströser Stärke flog Santa Claus jahrelang am Heiligabend durch die Weltgeschichte, um Kinder zu bescheren. Von Elfen und Wichtel gebaut, ist dieser Koloss entwickelt worden, um gute Laune, Glücksgefühl und Frohsinn zu verbreiten.

Eines Tages, Melvin hatte zur Mittagszeit sein Büro verlassen, um sich in der Betriebskantine auf die Suche nach was Essbarem zu machen. Der Speisesaal der Betriebskantine vermittelt durch seine hellen Wände und dem modernen Design ein besonderes Flair. Hier wird frisch gekocht und dabei mit einer Mischung aus Tradition und Kreativität eine kulinarische Verbindung gezaubert.

Derartige Betriebsrestaurants leisten einen wesentlichen Beitrag zur Kommunikation. Man kommt regelmäßig zusammen und hält auch kurze Meetings ab. Elfen und Wichtel haben hier, losgelöst vom Arbeitsplatz und in angenehmer Atmosphäre, die Möglichkeit, sich mit Kollegen zu besprechen.

Am Tresen eine Schlange von hungrigen Mäulern. Melvin reihte sich ein, stellte ein Servierbrett auf die Tablettrutsche sowie Besteck und Serviette und bewegte sich langsam voran. Als er an der Ausgabefläche ankam, erblickte ihn Elfe Elif.

Elfe Elif ist die Frau von Santa Claus, die an einem Heiligabend als Findelkind in Father Christmas Schlitten gelegt wurde, als er gerade während seiner Weihnachtstour eine Pause einlegte, um sich eine Pfeife mit wohlriechenden Kräutern zu stopfen. Da er aber zur gleichen Zeit Vater wurde, nämlich mit Santa Claus, übernahm Melvin die elterlichen Pflichten.

Erst Jahrzehnte später, als Santa Claus bereits den Job des Weihnachtsmannes übernommen hatte, fiel ihm auf, dass Elif aus einem Pulk von Elfen und Wichteln wie eine einzelne Blume auf einer grünen Wiese herausschaute und schon bemerkte er, wie nah Sex and the City an der Realität war, wie schnell Amor mit dem Pfeil an der Tür klopfte.

Melvin stand immer noch an der Essenausgabe als Elfe Elif heraneilte und wie ein Hund hechelte, als wenn sie gerade durch Joggen die dick machende Wirkung ihres Frühstücks ins Gegenteil versetzen wollte.

»Ich habe dich überall gesucht«, sprach sie.

»Was gibt es denn so Wichtiges?«

»Ich muss unbedingt mit dir reden.«

»Jetzt?«

»Ja jetzt!«

»Normalerweise wartet man stundenlang auf das Essen, aber hier wartet man stundenlang auf das Tablett eines Hungerleiders«, bemerkte die Ausschank-Elfe Melena und sah dabei vorwurfsvoll Melvin an, der sich gerade mit seinem Tablett von ihr abgewandt hatte.

»Wenn du die Teller schneller füllen würdest, würde sich die Schlange schneller bewegen«, entgegnete ihr Elif.

»Essen ist viel mehr als nur eine Nahrungsaufnahme. Essen ist Kultur und kann zu einem sinnlichen Geschmackserlebnis werden. Das Auge isst bekanntlich mit und wenn die Speisen ansprechend dargereicht werden, werden alle Sinnesorgane angesprochen. Dazu gehört auch eine auserlesene Dekoration. Und so was braucht nun mal eben seine Zeit.«

Beeindruckt von der Umschreibung stand Elfe Elif da und ließ sich die Worte auf der Zunge zergehen. Melvin hingegen sprach zu ihr:

»Willst du denn gar nichts essen?«

»Nein, ich bin schwer beschäftigt mit meiner These.« Daraufhin stellte Melvin sein Tablett zurück und ging ein Stück zur Seite.