Ein Koffer voller Träume - Hartmut Emrich - E-Book

Ein Koffer voller Träume E-Book

Hartmut Emrich

0,0
5,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Ein Koffer voller Träume: Gelegentlich muss man sich von Dingen trennen, die man eigentlich nicht mehr braucht, oder nie brauchte, die man sich aber irgendwann einmal anschaffte, weil man der irrigen Meinung war, sie vielleicht einmal brauchen zu können. Sortiert man nicht gelegentlich aus, platzt das Haus aus allen Nähten und man muss sich irgendwann überlegen, ob man nicht eine Lagerhalle anmietet. Als Anlass, um solche Wegwerf-Entscheidungen zu treffen, eignet sich zum Beispiel ganz hervorragend der bevorstehende 60ste Geburtstag, weil dieses Datum wie eine Zäsur für das Leben ist. 60 zu werden, markiert den Übergang vom älteren Mann reiferen Alters zum alten Mann. Das bedeutet, man ist dann wirklich so alt, wie man sich morgens direkt nach dem Aufstehen fühlt, wenn man die 20 Schritte vom Bett zur Kaffeemaschine zurücklegt und sich dabei vorkommt, als würde man die komplette Entwicklung des aufrechten Gangs auf dem Weg vom prähominiden Baumbewohner bis zum Homo Sapiens durchlaufen. Sperrige Gegenstände, wie zum Beispiel längst nicht mehr benutzte Rennräder, mit denen man in den letzten 15 Jahren keinen einzigen Meter mehr fuhr, eignen sich hervorragend, um Platz zu schaffen und sich vor allem von dem schlechten Gewissen zu befreien, das man jedes Mal beim Anblick jenes Rades hat, mit dem man einst ein paar tausend Kilometer fuhr und fit wie der sprichwörtliche Fahrradschuh war. Aber um an das Rennrad heranzukommen, das sperrig und Platz verschwendend auf dem Zwischenboden in der Garage liegt, muss ich erstmal jenen großen uralten Koffer aus dem Weg räumen, der sich seit dem Beginn meiner Lehre in 1978 in meinem Besitz befindet und der mit Erinnerungsstücken bis in jene Zeit vollgestopft ist, als es mich damals vor 27 Jahren ins Rheinland zog. Und der Koffer wurde seit 27 Jahren nicht mehr geöffnet und was ich in 27 Jahren nicht vermisste, oder nicht benötigte, werde ich schwerlich auch in den kommenden Jahren vermissen. Anstatt mein altes Rennrad einer Alternativverwendung zuzuführen, widme ich mich wenige Tage vor meinem 60sten Geburtstag diesem uralten Gepäckstück. Das ist vollgestopft, mit allerlei unnützem Kram, Erinnerungsstücken, Fotoalben, Schnellheftern und anderem Zeug, das sich in meinem Leben ansammelte, seit ich den Koffer im Herbst 1978 mehr oder weniger von einem alten Mann als leeres, aber dreckiges und stinkendes Gepäckstück geschenkt bekam. Dieser Koffer enthält alle Sehnsüchte, Hoffnungen, Fehlschläge und Rückschläge jenes jungen Mannes, der ich einst war. Es ist im Prinzip ein Koffer voller Träume, von denen die meisten in Erfüllung gingen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 2108

Veröffentlichungsjahr: 2022

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Hartmut Emrich

Ein Koffer voller Träume

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Jahre der Orientierung

Zwischen Ausbildung und Bund

Grün ist nicht immer die Farbe der Hoffnung

Anders als erwartet

Das Loch im Berg

Contact und Benzina

Der Golfkrieg

Reisen bildet, rasen eher nicht

Der Anfang vom Ende

Neues Leben und neuer Look

Der Koffer ist voll

Der Bart ist ab

Jahre der Orientierung

Zwischen Ausbildung und Bund

Grün ist nicht immer die Farbe der Hoffnung

Anders als erwartet

Das Loch im Berg

Contact und Benzina

Der Golfkrieg

Reisen bildet, rasen eher nicht

Der Anfang vom Ende

Neues Leben und neuer Look

Der Koffer ist voll

Der Bart ist ab

Impressum neobooks

Jahre der Orientierung

Hartmut Emrich

Ein Koffer voller Träume

(M)Eine biographische Erzählung

Inhalt

Gelegentlich muss man sich von Dingen trennen, die man eigentlich nicht mehr braucht, oder nie brauchte, die man sich aber irgendwann einmal anschaffte, weil man der irrigen Meinung war, sie vielleicht einmal brauchen zu können. Sortiert man nicht gelegentlich aus, platzt das Haus aus allen Nähten und man muss sich irgendwann überlegen, ob man nicht eine Lagerhalle anmietet. Als Anlass, um solche Wegwerf-Entscheidungen zu treffen, eignet sich zum Beispiel ganz hervorragend der bevorstehende 60ste Geburtstag, weil dieses Datum wie eine Zäsur für das Leben ist. 60 zu werden, markiert den Übergang vom älteren Mann reiferen Alters zum alten Mann. Das bedeutet, man ist dann wirklich so alt, wie man sich morgens direkt nach dem Aufstehen fühlt, wenn man die 20 Schritte vom Bett zur Kaffeemaschine zurücklegt und sich dabei vorkommt, als würde man die komplette Entwicklung des aufrechten Gangs auf dem Weg vom prähominiden Baumbewohner bis zum Homo Sapiens durchlaufen.

Sperrige Gegenstände, wie zum Beispiel längst nicht mehr benutzte Rennräder, mit denen man in den letzten 15 Jahren keinen einzigen Meter mehr fuhr, eignen sich hervorragend, um Platz zu schaffen und sich vor allem von dem schlechten Gewissen zu befreien, das man jedes Mal beim Anblick jenes Rades hat, mit dem man einst ein paar tausend Kilometer fuhr und fit wie der sprichwörtliche Fahrradschuh war. Aber um an das Rennrad heranzukommen, das sperrig und Platz verschwendend auf dem Zwischenboden in der Garage liegt, muss ich erstmal jenen großen uralten Koffer aus dem Weg räumen, der sich seit dem Beginn meiner Lehre in 1978 in meinem Besitz befindet und der mit Erinnerungsstücken bis in jene Zeit vollgestopft ist, als es mich damals vor 27 Jahren ins Rheinland zog. Und der Koffer wurde seit 27 Jahren nicht mehr geöffnet und was ich in 27 Jahren nicht vermisste, oder nicht benötigte, werde ich schwerlich auch in den kommenden Jahren vermissen. Anstatt mein altes Rennrad einer Alternativverwendung zuzuführen, widme ich mich wenige Tage vor meinem 60sten Geburtstag diesem uralten Gepäckstück. Das ist vollgestopft, mit allerlei unnützem Kram, Erinnerungsstücken, Fotoalben, Schnellheftern und anderem Zeug, das sich in meinem Leben ansammelte, seit ich den Koffer im Herbst 1978 mehr oder weniger von einem alten Mann als leeres, aber dreckiges und stinkendes Gepäckstück geschenkt bekam. Dieser Koffer enthält alle Sehnsüchte, Hoffnungen, Fehlschläge und Rückschläge jenes jungen Mannes, der ich einst war. Es ist im Prinzip ein Koffer voller Träume, von denen die meisten in Erfüllung gingen.

© Hartmut Emrich MMXXII

Erste Ausgabe Februar 2022

ISBN-13: 979-8413405888

Verlag: HE SelfPub

Herausgeber:

Hartmut Emrich

Schulstraße 5a

56329 Sankt Goar

www.hartmut-emrich.de

All rights reserved

Kein Teil des Buches darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Autors reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Autor freigegebenen Textes kommen.

© All stories are under copyright by Hartmut Emrich

© Hartmut Emrich MMXIV - MMXXII

Im Gegensatz zu meinen bisher veröffentlichten Büchern beschreibe ich hier Geschehnisse aus meinem Leben. In der Handlung werden real existierende Personen und tatsächlich stattgefundene Begebenheiten beschrieben und der übliche Hinweis wäre unangebracht, jede Ähnlichkeit mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen wäre unbeabsichtigt und rein zufällig. Die Ähnlichkeit mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen ist durchaus beabsichtigt. Allerdings habe ich die meisten Namen jener Menschen verändert, die in der Handlung vorkommen und die in meinem Leben die eine oder andere Rolle spielten.

Sollte jemand an die eine oder andere beschriebene Begebenheit eine andere Erinnerung haben, so darf ich hier gleich anmerken, dass es sich um meine Erinnerung handelt und es immer mehrere Wahrheiten als nur eine einzige gibt.

Noch ein Hinweis in eigener Sache! Leider habe ich keinen Einfluss auf die Darstellung oder Formate unterschiedlicher E-Book Reader und so kann es durchaus sein, dass die Darstellung und die Formatierung auf ihrem Reader nicht jener entspricht, die ich vorgesehen habe. Das wäre schade und sollte es tatsächlich so sein, bitte ich sie von vornherein um Entschuldigung.

My Life

I can feel it in the darkness, getting closer in the night

Like a sacred song, you linger on, you give me the wings of flight

And I love your sense of power, every hour, every need

When the red light shows, your arms enclose like the pillars of destiny

With one step forward, I know I can leave this behind

Never look backward, I want to move through space through time

I want to get to it seek and you'll find check the world do it

It's my life

There's a star, shines over you and I

It's my life I'm just

Keeping my soul alive

There's talk of revolution, there's no solution to our plight

A red guitar can get you far but you still know how to fight

They say all roads come together, every shoulder to the the wheel

Solid gold future unfolds when you give me the hands that heal

With one step forward, I know I can leave this behind

Never look backward, I want to move through space through time

I want to get to it seek and you'll find check the world do it

It's my life

There's a star, shines over you and I

It's my life I'm just

Keeping my soul alive

I'm looking out and I call your name I go running in a circle

But I can't get back again and I'm calling I need you here

My whole life took a tumble and I'm so filled up with fear

My life feels like a runaway train I'm leading through a tunnel

And I can't get back again

It's my life

With one step forward, I know I can leave this behind

Never look backward, I want to move through space through time

I want to get to it seek and you'll find check the world do it

It's my life

It's my life keeping my soul alive

I'm just keeping my soul alive

It's my life keeping my soul alive

I'm just keeping my soul alive

It's my life

‘My Life‘ von Simple Minds

Aus dem Album ‘Good News From The Next World‘ 1995

Songwriter: Charles Burchill / James Kerr

Songtext von My Life

© Universal Music Publishing Ltd., Bmg Rights Management (uk) Limited, Jim Kerr Management Consultancy Limited, Jim Kerr Management Consultancy Ltd © Virgin 95

Für meine Rosi, die jene Zeit, die ich in dem Buch beschreibe, nur aus meinen Erzählungen, oder denen meiner wenigen Freunde kennt.

Für Karin, die im richtigen Leben anders heißt, die aber genau weiß, wer gemeint ist.

Für Nadine Knopp, die im Herbst 1994 von einem Autofahrer getötet wurde.

Für den in 1995 verstorbenen Harald 'Harry' Fischer, der mein Leben über 18 Jahre hinweg in einem erheblichen Maß beeinflusste.

Für die beiden Annas, für Britt, Ella, Linda, Thea, Frauke und alle anderen Frauen, die in meinem Leben einmal eine Rolle spielten und deren Namen ich ebenfalls verfremdete.

Für Sonja, die mich damals vor 40 Jahren davon überzeugte, dem Computer würde die Zukunft gehören.

Für die Leute aus der Birsteiner Clique, zu der ich eine Weile, mehr oder weniger gehörte.

Und nun viel Spaß mit der Geschichte.

Hartmut Emrich

St. Goar, Februar 2022

„Überlege dir gut, ob du das, was du gerade tust, auch für den Rest deines Lebens tun willst.“

Hartmut Emrich

Ingenieur, Improvisateur und Buchautor

Diesen Rat gab ich meiner damals zukünftigen zweiten Frau im Spätsommer 1995. Ich hatte diesen Rat eigentlich auf ihre Arbeitsstelle in einem Großmarkt bezogen. Nur ein Dreivierteljahr später kündigte sie ihren Job und nur drei Jahre später wurde auch ich abserviert.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Ein Grund um aufzuräumen

Sankt Goar am Rhein - Bundesrepublik Deutschland

Samstag, der 04te Dezember 2021

Als ich vor 23 Jahren dieses Haus bezog, war der alte Koffer natürlich auch dabei und der war damals bereits uralt. Der hatte nicht nur meine vorherigen 14 Umzüge mitgemacht, der hatte bereits unter mindestens zwei Vorbesitzern die halbe, vielleicht auch bereits die ganze Welt bereist; wer weiß das schon?! Ein Koffer hat schließlich keine Augen und Ohren und auch kein Gedächtnis, wo das Gehörte und das Gesehene gespeichert würde. Und zum Glück auch keinen Mund, um das Nichtgesehene und Nichtgehörte zu erzählen. Wer möchte denn auch schon einen ständig plappernden Koffer? Ich jedenfalls nicht. Vor allem deswegen nicht, weil ich diesen alten Koffer in jenem Spätherbst 1998 einfach auf dem Zwischenboden in der Garage ablegte und seither mehr oder weniger dort vergaß. Nicht auszudenken, der hätte ständig um Hilfe gerufen, um nicht der Vergessenheit anheim zu fallen. Aber auch ohne laute Rufe gelingt es dem uralten Reisegepäck und diesem Relikt meiner eigenen Vergangenheit, sich mit einem Mal unerwartet und vor allem schmerzhaft in Erinnerung zu bringen. Eigentlich hatte ich den Rahmen des alten Rennrades vom Zwischenboden hervorziehen wollen. Das will ich ebenso zum Schrott geben, wie etliche andere Gegenstände aus Metall, von denen ich sicher bin, dass ich die nie wieder brauche. Nicht nur, dass ich mit dem Rennrad nie wieder an einem Triathlon-Wettkampf teilnehmen werde - schon mal alleine deswegen nicht, weil der Rahmen beim letzten Sturz ganz schön was abbekommen hatte - die Zeiten sind endgültig vorbei, als ich so sportlich war. Mehr als 20 Jahre und mehr als 25 Kilo Körpergewicht haben ihre Spuren hinterlassen. Auch das ist einer der Gründe, warum ich mir heute Morgen - zwei Wochen, bevor ich 60 werde - vornahm, all den Kram auszusortieren, den ich nicht mehr brauchen werde. Meine Frau ist im Stall beim Pferd und so hätte ich heute Morgen Zeit, den ganzen Schrott vor die Tür zu legen. Samstags fahren die Schrottsammler aus Koblenz durch die Dörfer im Trigorium, dem Vorderhunsrück, und die könnten das mitnehmen, was ich nicht mehr brauche. Ursprünglich hatte ich heute Morgen eine Stunde auf dem Laufband verbringen wollen. Doch bereits nach einem Kilometer auf dem Band war meine linke Achillessehne der Auffassung, Laufband sei heute Morgen keine gute Idee. Und jetzt, wo mir der große, uralte und mit grünem Leder bezogene Koffer mehr oder weniger auf den Kopf fällt und sich dessen Existenz plötzlich und unerwartet in meine Erinnerung bringt, ist auch die Räumaktion beendet, bevor die überhaupt richtig begonnen hat. Ich kann mich glücklich schätzen, dass dieses schwere Trumm nicht komplett aus der Luke der Zwischendecke fiel, sondern, dass der verkantete und nun in der Luke klemmt. Das Scheißding lässt sich nicht mehr zurückschieben und so muss ich den Koffer wohl oder übel - mehr übel als wohl! - aus der Luke herausziehen und auf dem Boden ablegen. Wie habe ich dieses schwere Ding bloß vor 23 Jahren ganz alleine, ohne Hilfe und ohne Hilfsmittel dort raufgewuchtet? Unvorstellbar, dass mir das heute wieder gelingen wird, also zumindest nicht mit dem ganzen Zeug darin, das ich irgendwann in den Jahren vor 1993 oder '94 hineinpackte. Dem Gewicht nach zu urteilen, sind da sicherlich auch Bleibarren dabei. Gold kann es nicht sein, denn das wüsste ich.

Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, als ich den Koffer geschenkt bekam. Der Koffer war zu jenem Zeitpunkt bereits über 70 Jahre alt, hatte mir damals der alte Strobel erklärt. Mit dem teilte ich mir damals das Zimmer in dem Wohnheim in Neu-Isenburg und damals, mit meinen noch nicht mal ganz 17 Jahren, hielt ich den alten Heinz Strobel einerseits für einen alten Säufer und andererseits für einen großen Helden, oder zumindest für sowas Ähnliches. Jetzt, 43 Jahre später und mit dem Wissen und der Erfahrung meines 43 Jahre währenden Berufslebens, kann ich mit großer Sicherheit sagen, dass der alte Heinz Strobel eher ein ganz armer und ein bedauernswerter Mann gewesen sein muss. Der war damals, im Herbst 1978, gerade 60 geworden, was rückblickend bedeutet, dass der in 1918 geboren wurde. Jenem Jahr, in dem der Erste Weltkrieg zu Ende ging. „Machste dat Trumm hamm, Kleiner?“ hatte mich der Alte an jenem Tag gefragt, als der seine wenigen Habseligkeiten in eine schmuddelige und auch bereits ältere Lufthansa-Reisetasche packte. Und bei der Frage nach dem Trumm deutete der Alte auf eben jenen kühlschrankgroßen Koffer.

„Was soll ich mit dem riesigen Ding, Herr Strobel?“ fragte ich den und jetzt, wo ich über diese Begebenheit nachdenke, meine ich, meine eigene unsichere Jugendstimme hören zu können, die noch klar und deutlich aussprach, was heute heißer und manchmal kaum hörbar meinen Mund verlassen würde. Seit dem Frühjahr 2001 sind meine Stimmbänder angeschlagen und unser kaputtes und beschissenes Gesundheitssystem bietet für leitende Angestellte keine Möglichkeit, das zu therapieren. Diese Möglichkeiten stehen nur anderen Bevölkerungsgruppen offen, aber das gehört jetzt nicht hierher. Dem Heinz Strobel seine Stimme hörte sich damals ähnlich an, wie sich meine Stimme heute anhört. Und bei dem kam der ungewohnte Dialekt hinzu, der mir damals befremdlich vorkam und den ich heute dem Rheinland zuordnen möchte.

„Na, wenn de dich zusammekauern tust, dann kannste den auch als Sarch nemme.“ sagte der ernsthaft, klopfte mir auf die damals schmalen Schultern und ließ mich mit dem Koffer alleine. Später erfuhr ich, dass der kaum ein Vierteljahr später starb und ich muss gestehen, dass ich nach jenem Tag im Jahr 1978 nur noch selten an den dachte. Auch wenn ich den Koffer tatsächlich behielt. Der enthielt zu meinem großen Entsetzen eine Plastiktüte mit stinkenden ungewaschenen Klamotten und anderen ebenfalls unappetitlichen Dingen, weswegen ich den kompletten Inhalt im Müll entsorgte und den Koffer innen mit Spüli und Tri auswusch.

In der Erwartung, dass der Koffer heute vielleicht wieder so wie damals stinkt, versuche ich die uralte Verriegelung zu öffnen, für die es bereits damals keinen Schlüssel gab und ich überlege mir, ob ich den Inhalt nicht besser gleich auf meine Mülltonnensammlung aufteilen soll, die hier in der Garage einen großen Teil des verfügbaren Platzes einnimmt. Was soll ich mit dem Zeug? Das habe ich die letzten 23 Jahre nicht gebraucht und sicherlich werde ich es auch die restlichen Jahre meines Lebens nicht mehr benötigen, die ich jetzt noch vor mir habe. Mit 60 Jahren hat man sein Leben im Prinzip bereits hinter sich. Alles, was jetzt noch kommt, ist so eine Art Zugabe und aus diesem Grund hatte ich ja vorhin nach dem Abbruch am Laufband damit beginnen wollen, all den überflüssigen Plunder auszusortieren, den ich für den Rest meines Lebens ohnehin nicht mehr nötig haben werde, weil ich den auch bereits in den letzten Jahren nicht mehr nötig hatte. Es ist wie eine jener einfachen und logischen Gleichungen in der Schule; nicht wie die komplexeren, mit denen ich über die Jahre in meinem Beruf konfrontiert wurde. Und dieser Koffer samt Inhalt war bereits vor dem Umzug vor 23 Jahren nicht mehr von Nutzen gewesen. Ich zerre den vor die Altpapiertonne und frage mich erneut, wie es mir damals gelang, den ohne Hilfe und auf einer wackligen Leiter stehend, in zwei Meter dreißig Höhe in die Luke zu heben. Na ja, damals war ich zäher, ausdauernder und alles, was heute weich ist und schwabbelt, war fest und bestand aus Muskeln. Und damals wusste ich auch auf Anhieb, wie die Verriegelung auch ohne den Schlüssel zu öffnen ist.

Es klingelt an der Haustür und so unterbreche ich mein Unterfangen. Der Briefträger bringt ein paar Briefe, die nach Rechnungen aussehen und ein Päckchen eines Reitsportversandhandels. Ich lege die Rechnungen einstweilen ungeöffnet auf die Treppe nach oben und nehme mir nur den Brief heraus, der vermutlich das Ticket wegen des schnellen Fahrens enthält. Ich hatte einen Moment nicht aufgepasst und schon war da ein Blitzeranhänger, der mich daran erinnerte, dass sich die Welt in manchen Dingen doch verändert hat. 107 anstatt 100 und 10 Euro. Das ist ärgerlich, denn die zehn Euro würde ich lieber einem gemeinnützigen Zweck spenden, als der Staatskasse. Missmutig gehe ich wieder in die Garage. Der Koffer! Sollte ich den wirklich behalten wollen, muss der abspecken, sonst muss ich einen Gabelstapler besorgen und das werde ich keinesfalls tun. Im Vorbeigehen, nehme ich mir bei meinem kleinen roten Werkzeugkasten ein Stück Draht mit und öffne mit dessen Hilfe die Verriegelung. Früher wäre das ohne den Draht gelungen, aber früher lief ich die 10 Kilometer auch schon mal in 40 Minuten und früher kletterte ich häufig steile Felswände hinauf, als wäre ich eine Fliege. Früher hätte ich den Koffer problemlos wieder auf den Zwischenboden gewuchtet und früher rauchte ich wie ein Schornstein … Früher …! Ist es der große, flaschengrüne alte Koffer, der mich in eine so sentimentale Stimmung versetzt?

Ich öffne den zweiteiligen Deckel und als erstes fällt mein Blick auf den gelben altmodischen Schnellhefter aus Plastik, wie die vor 40 Jahren mal modern waren. Und obwohl ich genau weiß, was der enthält, öffne ich den und blättere auf die letzte Seite vor. Es ist die Sammlung meiner Schulzeugnisse und was ich mir schließlich genauer ansehe, ist das Abschlusszeugnis der Realschule in Birstein. Ein beredtes Zeugnis - im wahrsten Wortsinn - meiner Faulheit und vor allem meiner Dummheit. Ich ging nie gerne in die Schule. Schon in der Grundschule war das so, die bei meiner Einschulung in ’68 allerdings noch nicht so genannt wurde. Wir wurden noch in Mauswinkel in der Dorfschule eingeschult, die man damals noch Volksschule nannte. Und bereits am zweiten Tag entschied ich für mich, dass ich es nicht nötig habe, noch mal dorthin zu gehen. Allerdings teilte der Rest der mir bekannten Welt diese Auffassung nicht und bevor ich schreiben, lesen und rechnen lernte, musste ich erstmal stillsitzen lernen, oder auch das Stillstehen an der Wand zwischen der großen Tafel und dem großen Eisenofen. Im Prinzip war das halb so schlimm, denn an jener Wand befand sich das Regal mit Fundstücken, die von der Lehrerin wie in einem Museum ausgestellt wurden. Da war zum Beispiel ein flacher und tropfenförmiger Stein aus der Steinzeit, ein sogenannter Faustkeil, den ich für einen stinknormalen flachen Kiesel aus dem Bach hielt. Ein verrostetes Stück Eisen, das angeblich einmal ein Gewehr gewesen sei und weitere skurrile Exponate, die mich damals schwer beeindruckten und die das Stilstehen an der Wand kurzweiliger gestalteten. Der Schnellhefter enthält auch das kleine und blass graublaue Zeugnisheft der ersten vier Klassen der Grundschule und ich muss den Schnellhefter zerlegen, um mir den Inhalt anzusehen. Auch wenn ich keine Hemmungen hätte, das Abschlusszeugnis zu einem Papierflieger zu falten, es in die blaue Tonne zu werfen, oder zum Anzünden des Kamins zu verwenden, sträubt sich etwas in mir, dieses 53 Jahre alte Zeugnisheft aus den Anfängen meiner Schulzeit zu vernichten. Es ist beinahe, als würde dieses Heft Erinnerungen lebendig werden lassen, von denen ich bis jetzt gar nicht mehr wusste, dass ich die besaß. Dieses Heft stammt noch aus einer Zeit, als mir gerade die ausgefallenen Milchzähne nachgewachsen waren und mein Weltbild innerhalb kürzester Zeit um etliche Erfahrungen erweitert wurde. Und ich blättere weiter durch den enthefteten Inhalt des gelben Schnellhefters und sehe mir die restlichen Zeugnisse der Realschule in Birstein an. Es sind aber nicht die Zensuren, die ich sehe; mir fallen Namen von Lehrern und Mitschülern ein; welche die ich mochte und welche die ich nicht mochte. Und ich muss an jenen Tag denken, den ich damals für mich als wichtig erachtete. Ganz nach dem alten Hippie-Spruch ’Heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens!’ Wie dumm ich doch damals war. Sechzehn Jahre und acht Monate alt und ich dachte, ich wüsste alles besser.

Von mir unbemerkt, sind ein 15 Zentimeter langes Bild und eine Art Fahrkarte aus dem Hefter gefallen, die ich jetzt erst bemerke. Oh nein! Die Klassenfahrt nach London! Ich kann mich noch zu gut an diese Aufnahme erinnern. Die Fähre hatte auf dem Rückweg nach Ostende gerade in Dover abgelegt und wir hatten uns auf dem Oberdeck aufgestellt, so dass die berühmten Klippen von Dover noch auf dem Bild zu erkennen sind. Und Hartmut steht so auf der Reling, dass er alle anderen überragt. Mit 16 war ich noch nicht ausgewachsen und höchstens 1.70 groß, also mindestens 12 Zentimeter kleiner als heute. Auch wenn ich mich das damals nicht gefragt habe, warum der Klassenlehrer das zuließ, stelle ich mir die Frage jetzt. Kannte der mich so gut, dass der wusste, mir könnte bei diesem riskanten Vorhaben, mich wie ein Seiltänzer auf die Reling zu stellen, nichts passieren?

Kapitel 1

Meine Original Fahrkarte - Eigenes Bild, ohne Rechte Dritter

Gruppenbild der 10R im Juni 1978 auf einer Fähre von Dover nach Ostende. Aus Gründen der Persönlichkeitsrechte habe ich alle Gesichter unkenntlich gemacht. Alle…, bis auf mein eigenes ganz oben links auf dem Geländer stehend. (Pfeil)

Quittung der Faulheit

Sommer 1978 mit meiner KS50 - Eigenes Bild, ohne Rechte Dritter

MPS - MittelPunktSchule Birstein - Mainz-Kinzig-Kreis - Hessen - Deutschland

Freitag, der 14te Juli 1978

Das war es also. Zehn Jahre, von denen er in den letzten vier Jahren nach dem Grundsatz lebte 'Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir.' Wobei es vor allem die drei letzten Jahre in der Lernfabrik waren, in denen er sich oft, oder eigentlich ständig, die Frage nach dem Sinn dieses Lernens stellte. Der alte Rektor - selbst nach den Maßstäben älterer Menschen vermutlich bereits ein alter Mann und in den Augen eines 16-Jährigen erst recht - hatte einmal vor zwei Jahren ähnliche Worte als Leitsatz postuliert, in dem allerdings die Reihenfolge der Wörter ’Schule’ und ’Leben’ in entscheidender Form vertauscht waren, aber was weiß ein alter Rektor schon vom Leben? Kennt der doch nur die Schule! Was also bedeuten dann diese Bewertungen seiner schulischen Leistungen auf diesem DIN-A4 Zettel mit dem Wasserzeichen des hessischen Löwen für ihn? Die Fünf in Mathe ist keine große Überraschung. Auch die Noten der anderen Fächer, sowohl die sehr guten, als auch die gerade mal ausreichenden, entsprechen meist seinen Erwartungen. Dennoch ist er bei der einen und anderen ein wenig enttäuscht, die jetzt so vor sich zu sehen. „Die Noten spiegeln deine phlegmatische Lebenseinstellung wieder!“ hatte sein Klassenlehrer eben bei der Zeugnisvergabe verkündet. In einem Fleißfach wie Mathe ein 'mangelhaft' im Abschlusszeugnis stehen zu haben, wären ebenso wie die Noten 'ausreichend' in Deutsch und Chemie die Resultate seines offenkundigen Desinteresses. Auch in Religion war der Lehrer in der letzten Woche bei der Notenbesprechung der Auffassung, seine Leistungen im Unterricht würden bestenfalls darin bestanden haben, nicht durch lästiges Gequatsche zu stören und die Note ’ausreichend’ sei eigentlich geschmeichelt. Tatsächlich hatte er in den beiden letzten Jahren im Religionsunterricht nur noch die jeweils aktuellsten Ausgaben der Science-Fiction Reihe Perry Rhodan gelesen, oder zahlreiche Kugelschreiberminen geleert, als er Zeichnungen von exotischen Landschaften, fremden Planeten und Raumschiffen in seine Schulblöcke malte. Kunsterziehung, oder wie das Fach einst hieß, hatten sie ja seit der 7ten Klasse nicht mehr. In Kunsterziehung war er zwar nicht wirklich gut, aber trotz seines Handicaps, mit der linken Hand und auch der rechten gleichermaßen nicht besonders geschickt zu sein, malt er gerne. Er hatte schon immer gerne gemalt, bereits als kleines Kind und auf einer kleinen Schultafel mit einem Kreidegriffel. Und damals konnte er das richtig gut; allerdings mit der linken Hand; aber das hatte man ihm mit Schlägen ausgetrieben. ’Man schreibt nicht mit links!’ ’Links schreiben die Zigeuner!’ ’Linksdatsch!’ Sowohl seine Oma, als auch die Lehrerin im ersten Schuljahr der Volksschule, machten ihm bereits früh deutlich, dass sich das Schreiben und Malen mit der linken Hand nicht gehört. Seither fällt es ihm schwer, rechts und links nicht zu verwechseln und koordinierte Bewegungen mit beiden Händen gleichzeitig zu vollziehen. Beidhändig auf seiner Kinderorgel zu spielen, ist völlig unmöglich. Aber dafür kann er seine ungelenk wirkenden Buchstaben sowohl mit links, als auch mit rechts zu Papier bringen, die sehen dann wenigstens gleichmäßig beschissen aus und irgendjemand meinte einmal, seine Schrift würde aussehen, als sei ein Huhn mit dreckigen Füßen über das Blatt Papier gelaufen.

Bevor er das Zeugnis in seine Tasche steckt, wirft er noch einen Blick auf die Physiknote. Schade, dass sie im letzten Jahr kein Bio mehr hatten. Physik und Bio waren bereits früher seine Stärken und die ’sehr gut’ im Abschlusszeugnis gleicht die Fünf in Mathe wieder aus, aber die ist führ ihn auch ein Beweis dafür, dass keinesfalls seine angeblich phlegmatische Einstellung der Grund für die mangelhaften und ausreichenden Noten ist. Ihm gehen Kurvendiskussionen am Arsch vorbei, wenn die nichts mit der Straßenführung beim Mopedfahren, oder mit Angelikas Brüsten und Hintern zu tun haben. Und hochkomplexe Formeln, die man irgendwie nach irgendwas auflösen soll, ohne einen Sachbezug zu haben, haben für ihn in etwa den gleichen Nutzen, wie mit einem Religionslehrer über eine von Menschen gemachte und von Menschen erdachte Wesenheit zu diskutieren, die vor vielleicht 4000 oder 5000 Jahren den Menschen im heutigen Nahen Osten Unerklärliches erklärbar machen sollte.

„He, wo willst du denn jetzt hin, Hartmut?” ruft Ewalds Stimme oben von der Treppe herunter.

„Wo soll ich schon hinwollen? Ich fahre heim.”

„Was? Echt jetzt? Willst du nicht zur Abschlussfeier kommen?” plärrt dessen erstaunt klingende Stimme laut durchs Treppenhaus. Er hat keine Lust auf eine Unterhaltung und außerdem hatte er genau dieses Thema bereits vor der Zeugnisausgabe mit seinem Freund Dieter, der nicht verstehen wollte, warum er nicht auf die große Abschlussparty gehen will. Und wie er zuvor auch Dieter fragte, ruft er laut „Wenn du mir einen einzigen guten Grund nennen kannst, warum ich das tun sollte, dann können wir darüber reden.” während er weiter die Treppe nach unten eilt; weiß er doch genau, dass es für ihn nicht einen einzigen akzeptablen Grund gibt, zur Party in eine größere Halle im Industriegebiet zu gehen. Zusammen mit ein paar Fünft-, Sechst- und Neuntklässlern verlässt er das Gebäude und weil es heute sein letzter Tag ist, gönnt er sich dann auch gleich vor der Tür eine Zigarette. Jetzt spielt es ohnehin keine Rolle mehr. Rauswerfen geht eh nicht mehr. Obwohl er für den Mittag und den Nachmittag keine Pläne hat, kann er es nicht erwarten, die Schule zu verlassen. Auf den 230 Schritten bis zum Schleppdach für den Fahrrad- und Mopedparkplatz gelingt es ihm, zwei seiner filterlosen Reval zu inhalieren. Es ist ihm gleichgültig, dass ihm einige der anderen Schüler und ein Lehrer Bemerkungen hinterherrufen. Er ist mit der Schule fertig und er ist mit den Leuten hier fertig. In zweieinhalb Monaten wird er seine Lehre beginnen. Im 85 Kilometer entfernten Neu-Isenburg wird er bei dem Baukonzern Philipp Holzmann als Auto-Elektriker anfangen. Dieser Lehrberuf ist ein Kompromiss an die spontan veränderten Umstände, denn eigentlich wollte er Anlagenelektroniker werden, was dann aber doch nicht so funktionierte, wie das nach dem Vorstellungsgespräch im März eigentlich bereits beschlossen war. Elektriker war sein eigentlicher Berufswunsch, denn er ist gut darin, Schaltungen zu bauen und er ist gut darin, kaputte Dinge zu reparieren. Er wollte als Anlagenelektroniker auf dem Bau arbeiten, aber irgendwas wurde da im letzten Moment umgeworfen. Und das, obwohl er in den letzten Sommerferien und den diesjährigen Osterferien bereits bei denen arbeitete. Hilfsarbeitertätigkeiten zwar, aber immerhin so gut bezahlt, dass er sich davon seine Zündapp kaufen konnte. Die Zeiten sind vorüber, als er mit dem langsamen Puch-Mofa durch die Gegend tuckerte. Mit angelegten Ohren und Rückenwind läuft die Zündapp 120 - zumindest behauptet das der Tacho - und damit hat er bereits Autos überholt. Das Moped - Kleinkraftrad heißt das offiziell - ist ein weiteres Stück Unabhängigkeit. Was hält ihn noch im Vogelsberg? Seit Angelika ausgerechnet was mit einem Bekannten von ihm aus seinem Jahrgang und aus seinem Dorf angefangen hat, muss er sich auch darüber keine Gedanken mehr machen, ob er für die noch Zeit hat, wenn er in Isenburg arbeiten gehen wird. Er kann dann auch in der Woche über im Wohnheim der Firma übernachten. Aus der Zeit seiner Ferienarbeit kennt er bereits den einen und anderen der Männer, die Geschichten zu erzählen wissen, dass einem der Mund vor Staunen offensteht. Baustellen in Ägypten, Baustellen in Arabien, in Persien und mitten in Afrika. Sein Vater, der ebenfalls für die gleiche Baufirma arbeitet und dem er die Lehrstelle zu verdanken hat, kennt ein paar dieser Männer und der wird auch von denen gekannt. Das ist eine andere Welt als jene der Lehrer, die einen großen Wert darauf legen, dass man in der Grammatik Wörter in zwanzig verschiedene Zeiten deklinieren kann. Wird er jemals in seinem ganzen Leben wieder wissen müssen, was Plusquamperfekt bedeutet? Oder gar Doppelplusquamperfekt? Wird ihn irgendwann einmal jemand fragen, was ein Interrogativum ist? Wohl kaum. Sein zukünftiges Leben wird keinesfalls davon abhängig sein, Wörter zu bearbeiten, wie der alte Dorfschmied Heinrich aus glühendem Eisen Gebrauchsgegenstände zu schmieden weiß. Und das trifft nicht nur auf das Fach Deutsch zu. Als sie vor vier Wochen von der Klassenfahrt nach London zurückkehrten, war er um etliche Erfahrungen reicher und eine dieser Erfahrungen betraf unter anderem die völlig falsche Erklärung des Englischlehrers, in England würde man ein korrektes und gepflegtes Englisch sprechen und vor allem einen großen Wert auf eine korrekte Aussprache legen. Seine Erfahrung aus der Klassenfahrt lehrte ihn, dass man in London alles spricht, bloß kein richtiges Englisch. Und von den ganzen Klassenkameraden, mit denen er gemeinsam bei einer Gastgeberfamilie in South Croydon untergebracht war, trauten sich die wenigsten, die unzähligen Vokabeln anzuwenden, die sie in den letzten Jahren auswendig lernen mussten. Man verließ sich da auf ihn, weil er sich nicht scheute, trotz der drei in Englisch, zur Not auch mit Händen und Füßen zu reden, oder Worte auch mal falsch auszusprechen. Und so lernte er in den paar Tagen in London mehr, als in den Jahren im Englischunterricht zuvor. Überhaupt…! Das Leben lehrt mehr als die Schule! Ob ihm das Wissen allerdings einmal nützlich sein wird, dass man mit Tong nicht unbedingt eine Zange, sondern auch Damenunterwäsche bezeichnet, ist ein anderes Thema, das eigentlich damit zu tun hatte, dass einer seiner Schulkameraden eine Zange gebraucht hätte und er es war, der die Dame des Hauses mit seiner Frage erröten ließ. Jedenfalls war London ein wahres Füllhorn an neuen Erfahrungen. Und das begann bereits auf der Zugfahrt von Frankfurt nach Ostende. Im gleichen Wagen, in dem man die Klasse auf insgesamt fünf der zehn Sechserabteile verteilte, befand sich auch eine Abschlussklasse aus Kronberg im Taunus. Man muss in Mathematik keine Eins im Abschlusszeugnis haben, um zu wissen, dass bei 29 Schülern, dem Klassenlehrer und einer weiblichen erwachsenen Begleitperson - die Frau des Klassenlehres - in Summa ein Platz zu wenig war. Der Klassenlehrer arrangierte mit den beiden Lehrern der Kronberger Klasse, dass ein Birsteiner Schüler bei den Kronbergern im Lehrerabteil sitzen durfte, weil die noch Plätze frei hatten. Und schnell war man sich einig, wer dieser Jemand war. Natürlich er! Ist es nicht sonderbar, dass es in solchen Momenten immer ihn trifft? So hat er es vor gut viereinhalb Wochen nicht in Frage gestellt, weil es für ihn ebenso selbstverständlich war, wie der Umstand, dass seine Trefferquote bei der Ermittlung von x=irgendwas aus einer sehr komplizierten Gleichung - wobei die Definition von kompliziert ins Verhältnis zu seiner Aufmerksamkeit im Mathe-Unterricht gesetzt werden muss - unterdurchschnittlich gut, oder vielmehr als mangelhaft zu bezeichnen ist. Und mangelhaft attestieren ihm ja auch der Mathelehrer und der Rektor in seinem Abschlusszeugnis. Jedenfalls überraschte ihn die Entscheidung des Klassenlehrers nicht wirklich, ihn im Lehrerabteil der Kronberger unterzubringen. Und es war ihm auch gleichgültig, wo er sitzen würde; hatte er sich doch auf die zu erwartend endlos lange Zugfahrt vorbereitet. Das aktuelle Heft der Perry Rhodan Romane der 1sten Auflage, das aus der 3ten und eine Empfehlung von Marina aus Weidenau, die ihm von Tolkiens Romanen ’Der Herr der Ringe’ vorgeschwärmt hatte, er aber unbedingt erst mit dem ’Kleinen Hobbit‘ anfangen soll, damit er die Zusammenhänge versteht. Er hatte das Taschenbuch zufällig in der Bahnhofsbuchhandlung gesehen, sich an Marinas Empfehlung erinnert und einen Teil seines Reisegeldes gleich im Frankfurter Bahnhof in Zigaretten und diesem dünnen Büchlein investiert. So galt sein Interesse zunächst auch diesem Buch, das er allerdings nach den ersten Seiten für einen völligen Fehlkauf hielt. Noch bevor der Zug den Bahnhof in Frankfurt verließ, dachte er, Marina würde ihn verarscht und ihm ein Buch für einen Achtjährigen empfohlen haben. So widmete er seine Aufmerksamkeit für einen Moment den schnell am Zugfenster vorbeihuschenden Häusern, den Hinterhöfen von Mietskasernen und den Industrieanlagen im Westen Frankfurts. Und nur mäßig neugierig hatte er sich die beiden Lehrer der Kronberger angesehen. Seit der Abfahrt saßen sie nur zu viert in dem Sechserabteil. Die Frau seines Klassenlehrers und die Frau der Kronberger sprachen noch anfangs miteinander, doch dann begannen die ebenfalls zu lesen und er hatte seine Ruhe, das ebenfalls zu tun. Ein paarmal schielte er zu der Frau von den Kronbergern, denn die trug einen recht kurzen karierten Rock und die hatte die Beine eine Weile ziemlich weit auseinander stehen. Und dann legte sie die Beine übereinander und wischte sich über die Augen. Was auch immer die las, schien traurig zu sein, denn die weinte offenkundig. Um sich von dem Anblick der weinenden Frau abzulenken - die war sicher schon über 40, oder so - las er dann im ’Hobbit’ weiter und er nahm nur am Rande wahr, dass es in einem anderen Abteil bei der Kronberger Klasse einen Streit gab und der Lehrer von denen, der direkt an der Schiebetür am Gang saß, beschloss, seine weitere Fahrt im Abteil der Streithähne weiterzuführen. Die Geschichte des kleinen Hobbits hatte sich inzwischen entwickelt und er war ganz und gar in diese Fantasiewelt abgetaucht. Dass anstelle des Lehrers inzwischen eineiige Zwillingsschwestern in das Abteil gekommen waren, fiel ihm erst später auf, als er überlegte, ob er auf den Gang gehen sollte, um zu rauchen. Natürlich hatte man ihn ausgerechnet in ein Nichtraucherabteil gesetzt. Gerade, als er seine Zigaretten aus der Tasche nehmen wollte, fielen ihm die Beiden auf; saßen die ihm ja jetzt direkt gegenüber. Zunächst waren es die schönen Gesichter gleichaltriger Mädels, die ihn mit einem Mal mehr interessierten, als das dünne Büchlein und die Zigaretten. Die identisch aussehenden Gesichter wurden von langen und ordentlich geflochtenen Zöpfen eingerahmt und die amüsierten sich offenbar über ihn.

„Was liest du da?“ fragte die eine neugierig und die andere kommentierte „Das ist ein Kinderbuch, gell?“

Natürlich …! Der Einband mit dem kindlich gemalten Titelbild des Hobbits und ein drachenähnliches Wesen, mag diesen Eindruck entstehen lassen. Und er beging den Fehler, sich für das Buch entschuldigen zu wollen. Von den Zwillingen in eine Defensive gedrängt, die gar nicht hätte entstehen müssen, hätte er einfach den Mund gehalten, war er dann auf den Flur geflüchtet und hatte dann von Köln bis zur Grenze hinter Aachen eine Zigarette nach der anderen geraucht. Dass er den Zwillingen dann in London noch etliche Male begegnete, weil die Kronberger die gleichen Besichtigungen an den gleichen Tagen und zur gleichen Zeit hatten, nutzten die dann jedes Mal zur Frage, wie denn sein Kinderbuch zu lesen sei. Die hatten ihn als Opfer für deren Spott ausgewählt und erst am letzten Tag, als sie Madame Toussauds besuchten, klärte ihn die eine der Beiden darüber auf, dass er in deren Augen tatsächlich ein Kindskopf sei. Nicht wegen des Buches, das er längst in seinem Koffer verschwinden ließ, sondern wegen seines kindischen Verhaltens. Die wollten mit ihm flirten! Verdammt, warum sagten die das nicht einfach, anstatt ihn zu ärgern und mit ihm ihren Spott zu treiben. Das war eine weitere lehrreiche Erfahrung, die er aus London mitbrachte: Mädchen verstehen zu wollen, ist völlig unmöglich. Wie soll man sich denn gegenüber jemand verhalten, die das Gegenteil von dem macht, was die eigentlich beabsichtigt? Woher sollte er das den wissen? Er wird erst im Dezember 17 und beide Mädchen, mit denen er in den letzten Monaten für jeweils ein paar Wochen was hatte, servierten ihn einfach ab, um dann mit Kerlen was anzufangen, die mit Geld nur so um sich werfen können. Aus der Zeit der Ferienjobs auf Baustellen in Frankfurt und Umgebung weiß er, dass es für technische Geräte unbedingt erforderlich ist, dass eine Bedienungsanleitung die Anwendung erklärt. Für Mädchen sollte es auch unbedingt Bedienungsanleitungen geben.

Gerade als er seine Tasche auf dem Moped festzurrt, tippt ihm jemand von hinten auf den rechten Arm und er erschrickt. Verärgert dreht er sich um und erblickt zu seiner Überraschung Christiane, die ihn sofort fragt „Wo willst du hin? Kommst du nicht mit uns runter?”

Bevor er antwortet, atmet er den angenehmen Duft von deren Parfum ein, in dem die wie immer gebadet zu haben scheint. Christiane ist eine der vier Mädchen, oder vielmehr jungen Frauen aus seiner Klasse, die sowas Ähnliches wie die Bundesliga darstellen. Und das nicht nur erst seit London, wo die und die anderen drei mit jenen Jungs aus seiner Klasse was hatten, die ebenfalls die Bundesliga sind. Er ist noch nicht mal Kreisklasse, denn er spielt, oder vielmehr … er spielte … ja noch nicht mal mit, in diesem Spiel, wer in der Klasse was zu sagen hat und wer angesagt ist.

„Nein.” antwortet er knapp, was natürlich bei einer Frau wie Christiane die Frage provoziert „Was …’nein’?”

„Nein, ich werde nicht mit 'euch' runtergehen. Und jetzt entschuldige mich.” antwortet er und setzt den Helm auf. Er hat nie zu diesen Leuten gehört und er will jetzt auch nicht mehr dazugehören. Es ist nicht so, dass man ihn ausgegrenzt hätte, zumindest nicht von den meisten. Einer der Klassenrüpel - einer aus der Bundesliga - schlug ihm vor fünf Jahren einfach mal eben so mit der Faust in den Magen, dass ihm davon übel wurde. Der hatte das ohne Grund und ohne Vorwarnung getan; einfach so. Aber sonst hatte er mit diesen Leuten nichts zu tun, die sich bis heute lediglich zufällig alle in der gleichen Schulklasse wie er befanden. Von Annelie abgesehen, die nach den Sommerferien vor zwei Jahren mit einem Mal nicht mehr da war - jemand hätte die adoptiert und keiner wusste was Genaues - interessierte er sich nicht für die anderen Mädels aus seiner Klasse und bislang interessierten die sich auch nicht für ihn. Und jetzt ist auch nicht der richtige Zeitpunkt, um damit zu beginnen. Was auch immer die hübsche Christiane noch sagen will, geht im Lärm seines Mopeds unter, dessen Auspuff seit dem Sturz vor ein paar Tagen viel zu laut ist. Aber bis zum ersten September, dem Beginn seiner Lehre, hat er ja noch Zeit, um den zu reparieren.

Muss er das Abschlusszeugnis eigentlich unterschreiben lassen? Wohl kaum, oder? Die Frage stellt er sich jetzt auf der Heimfahrt, aber eigentlich hatte sich seine Mutter bisher kaum für seine Schulnoten interessiert. Er war immer versetzt worden, hatte nie richtigen Ärger in der Schule verursacht und vor dem Stimmbruch hatte er sogar für eine Weile im Schulchor gesungen; und zwar die erste Stimme. Warum soll er sich also wegen der Fünf in Mathe sorgen. Lediglich der Umstand, dass er vielleicht fünf Mark für die Eins in Physik bekommen hätte, wäre da nicht die Fünf in Mathe, könnte man als Ärgernis betrachten, aber Geld ist nicht alles. Sein Verhältnis zum Geld ist eher als zwiespältig zu sehen. Sein Vater behauptet, er hätte gar keines und das mag tatsächlich stimmen. Wenn er nicht alle zwei Tage zwei Mark für ein Päckchen Zigaretten und einmal in der Woche drei Mark für die Perry Rhodan Hefte bräuchte, was auch ohne eine Fünf in Mathe schnell mit sechs Mark fünfzig zu ermitteln ist, könnte er durchaus als genügsam gelten. Wobei in dieser Rechnung noch die mindestens zehn Mark fehlen, die er jedes Wochenende samstags im Hotzenplotz in Lichenroth lässt und das Geld für das 1:50 Gemisch, mit dem die Zündapp betankt werden muss. Sein Erspartes von den letzten Osterferien schmilzt gegenwärtig zusammen, wie ein Eiswürfel in einer Tasse heißem Tee. Das Taschengeld von zehn Mark würde zukünftig vorne und hinten nicht reichen und deswegen wird es Zeit, dass er bald mit der Lehre anfangen kann. 245 Mark sind es monatlich für das erste Lehrjahr, wenn er sich richtig erinnert und im zweiten Jahr sind es wohl 30 Mark mehr. Das ist zwar wenig, im Vergleich zu dem Ferienjob, wo er in den sechs Wochen im letzten Sommer mehr als 1.500 Mark verdiente und in den fast drei Wochen der Osterferien auch noch mal 700 Mark bekam, aber es ist besser als nichts und wenn er in der Woche über in Isenburg im Wohnheim schläft, kann er vielleicht auch noch Geld wegen der Zugfahrt nach Isenburg und zurück sparen.

\I|I/

Mick legt heute Abend die Platten im Hotzenplotz auf und meistens geht der auf seine Musikwünsche ein. Es sei denn, die beträfen zum Beispiel das Album ’Ummagumma’ von Pink Floyd. Solche Titel wie ’Careful with the Axe Eugen’ kommen bei dem Rest des Publikums nicht gut. Seit zwei Jahren kommt er regelmäßig in den Hotzenplotz und er kann sich noch gut an den ersten Abend erinnern, als er damals zusammen mit einer Gruppe anderer Jugendlicher aus Mauswinkel mit dem Mofa hierherkam. Damals blieben die Anderen nur einen Moment und fuhren weiter nach Bermuthshain ins ’Deutsche Haus’, während er sich zum Bleiben entschloss. Es ist zum einen die Musik, die er bereits aus dem amerikanischen Soldatensender AFN kennt und es sind die Leute hier, die so völlig anders als jene sind, die er sonst kennt. Die Leute aus den Cliquen aus Grebenhain und Crainfeld sind gar nicht so eingebildet, wie die Birsteiner. Und mit denen kann man sich über Bücher unterhalten. Da ist zum Beispiel Marina aus Weidenau - so richtig weiß er nicht, wo sich Weidenau befindet - mit der er sich vor zwei Wochen über seine Erfahrungen in London unterhielt und so ganz nebenbei erfuhr, dass es wohl auch eine Ausgabe des ’Kleinen Hobbit’ gibt, dessen Umschlagbild weniger kindlich und kitschig wirkt. Und die fand sein Erlebnis mit den Zwillingen sehr komisch. Und Marina mag auch die Musik von Manfred Mann. Aber irgendwie schließt das bei der automatisch aus, dass man dann auch Musik von Deep Purple, Blue Öyster Cult und Led Zeppelin mögen darf. Das ist dann bei Jürgen ganz anders, der sogar Musik von Bach und Mozart hört und auch auf der Kirchenorgel spielen kann; das sagt der zumindest.

„Und? Wie ist das heute mit dem Zeugnis gelaufen?“ fragt ihn Harry, der Inhaber vom Hotzenplotz. Dass seine Mutter gebürtig aus Lichenroth stammt und dass deren Elternhaus gar nicht weit vom Hotzenplotz entfernt ist, mag natürlich auch etwas mit seiner Affinität zum Hotzenplotz zu tun haben. Wörter wie Affinität würde er zum Beispiel auch nie in Birstein verwendet haben. Das ergibt sich in den Gesprächen mit den Leuten im Hotzenplotz aber irgendwie von selbst. Es ist nicht so, dass die eine andere Sprache sprechen, aber die verwenden Wörter, die man in seinem früheren Umfeld möglicherweise noch nicht mal kennt.

„Geht so.“ antwortet er nach einem Schluck Guiness. „Bis auf eine Sechs ist alles dabei und jetzt ist das sowieso egal.“

„Das Leben besteht aber schon aus mehr, als nur aus singen, springen und beten.“ sagt der dicke Watscho aus Grebenhain herablassend und ein wenig vorwurfsvoll. Er kennt den vom Sehen und er weiß, dass der ein Freund von Harry ist, aber er hatte mit dem bisher kaum Kontakt. Der ist sicherlich 15 Jahre älter als er und er weiß nicht, was er von dem halten soll. Und der ist mit seinem Kommentar offenbar noch nicht fertig, denn nach einem Schluck aus dem großen Guiness-Glas sagt der fast streng „Das wirst du spätestens feststellen, wenn du ausgelernt hast und dich um eine Arbeit bewerben musst. Oder vielleicht auch früher, wenn dir andere deswegen vorgezogen werden, weil die bessere Noten hatten. Du wirst noch feststellen, dass wir in einer Leistungsgesellschaft leben und da werden Noten als Leistungskriterium herangezogen. Bloß, weil du jetzt dein letztes Schulzeugnis bekommen hast, wird das mit den Noten nicht aufhören. Es ist wirklich völlig egal, was du jetzt machen wirst: Man wird dir immer Noten verpassen und je nachdem, was du im Leben noch werden willst, solltest du dich auf regelmäßige Bewertungen deiner Leistung einstellen.“

„In Physik hatte ich eine eins und in Mathe eine fünf.“ fühlt er sich jetzt zu sagen verpflichtet, weil er den Eindruck hat, der würde ihn für einen Versager halten. Zu seiner Überraschung lacht der laut auf und verkündet laut „Also entweder stimmt bei dir was nicht, oder dein Mathelehrer ist fehlbesetzt. Das ist digital. Da gibt es keine Grauzone.“

„Was bedeutet digital?“ fragt er, weil er dieses Wort zwar schon mal irgendwo hörte, aber nicht weiß, was das bedeutet.

„Gut! Du fragst, wenn du was nicht weißt. Da ist Hopfen und Malz noch nicht verloren. Harry, zapf mir schon mal ein Guiness auf den Deckel von unserem jungen Freund und dann unternehmen wir einen kurzen Ausflug in einen Bereich der Mathematik und Physik, den du eigentlich bereits kennen solltest.“

„Wie komme ich dazu?“ fragt er natürlich und dieses Mal ist es Harry, der antwortet „Der Watscho sieht zwar meistens aus, als könne der nicht bis drei zählen, aber der ist Elektroingenieur und der ist an der FH in Frankfurt Dozent.“

„Elektroingenieur?“ fragt er irritiert. Der dicke und eher nachlässig gekleidete Grebenhainer entspricht gar nicht seiner Vorstellung eines Ingenieurs, doch andererseits … wie viele Ingenieure kennt er denn?

Bei einem weiteren Glas Guinness hört er dem Watscho dann zu und bereits nach den ersten Worten von dem weiß er, dass er in Mathe tatsächlich schon mal von den Nullen und Einsen gehört hatte, aber keinen wirklichen Bezug dazu fand. Noch bevor der dicke Watscho sein Guiness geleert hat, ist es dem mit ein paar wenigen Worten gelungen, ihm das Prinzip der elektronischen Datenverarbeitung und Übermittlung zu erklären. Von dessen Einschätzung, dass es in der Zukunft keinen Bereich der Technik geben würde, wo die Digitaltechnik nicht benötigt würde, hatte er in der Schule aber nichts hören können, oder? Hatte er da vielleicht mal wieder nicht zugehört? Ist das seine phlegmatische Einstellung, wie ihm das sein Klassenlehrer noch heute Morgen bei der Zeugnisvergabe vorwarf? Dass der dicke Watscho jetzt vor allem von sogenannten Einspritzpumpen bei Benzinmotoren zu referieren anfängt, die längst die Vergasertechnik ablösen würden, was ein neues Verständnis bei den Autoelektrikern erforderlich machen würde, lässt ihn dann sehr aufmerksam zuhören, denn schließlich wird das ab dem ersten September seine Lehre betreffen, oder? In noch nicht mal einer Stunde gelingt es dem Watscho, seine Erwartungen an seine Zukunft durch die Aussicht zu erschüttern, dass Mathematik in seinem Leben offenbar eine große Rolle spielen wird, es sei denn, er würde Steineklopfer in einem Steinbruch werden wollen, oder Hilfsarbeiter auf dem Bau. Und wenn er in Physik eine Eins und in Mathe eine Fünf im Zeugnis hat, so soll er dieses Zeugnis unbedingt als die Quittung seiner Faulheit betrachten.

Die Folgen eines Irrtums

Mein Mercedes 220D nach dem Unfall - Eigenes Bild, ohne Rechte Dritter

Liegewiese am Gederner See

Sonntag, der 28ste Juni 1981

Eigentlich hatte er den Sonntagnachmittag am Waschweiher bei Sotzbach verbringen wollen. Ohne die Birsteiner Clique, mit denen er seit zwei Jahren seine Wochenenden verbringt; oder seit dem 18ten Geburtstag seines Freundes Holger im Mai vor zwei Jahren. Es hatte sich irgendwie durch Holger ergeben. Eigentlich sind das nicht jene Leute, mit denen er Umgang pflegen würde, denn zu dieser Clique gehören auch welche, in deren Klasse er für kurze Zeit im vierten Schuljahr war; Söhne und Töchter der Birsteiner High Society, die ihn vor Jahren in der Grundschule nicht mal mit dem Arsch angesehen haben, oder die mit den Schwächeren ihre derben und gemeinen Späße trieben, weil die Lehrer mit einer so großen Schulklasse völlig überfordert waren. Die 49 Schüler der 4a des großen 61/62er Schuljahrgangs wurden dann zum Teil und überraschenderweise im zweiten Halbjahr der Vierten in eine neu geschaffene 4c verteilt und er hatte dann mit denen nichts mehr zu tun. Aber ausgerechnet diejenigen, für die er damals gar nicht existierte, gehören nun zu seinem engeren Bekanntenkreis. So wirklich wohl fühlt er sich bei denen aber nicht und ums eine und andere Mal traf er bereits die Feststellung, jene Clique sei eine Ansammlung von Leuten, die keine passende Clique fanden. Vom halbkriminellen Sohn eines Schrottsammlers, der sich selbst als Zigeuner bezeichnet und mit den ihn am ehesten eine Art Freundschaft verbindet, bis hin zu den Söhnen und Töchtern der Birsteiner High Society, ist da alles vertreten und so ist es für ihn immer wieder wichtig, seinen eigenen Weg zu gehen, um nicht völlig abzudriften. Vor drei Tagen hat er die Bestätigung dafür erhalten, dass er nicht so doof ist, wie ihm das in dem Zeugnis vor drei Jahren suggeriert wurde. Er nutzte die Lehrzeit, um parallel noch sein Fach-Abi nachzuholen und er ist mit dem 2,3er Schnitt allemal zufrieden. Dass er sich in Mathe gelegentlich wie der Sehende unter den Blinden vorkam, lag vermutlich an dem Umgang, den er in der Hanauer Schule pflegte und sicherlich auch an dem Mathelehrer. Und in einer Woche beginnt die Gesellenprüfung in Frankfurt, was im Prinzip nur eine Formsache ist, denn auch da ist er in Theorie ebenso sattelfest, wie auch in der Praxis. Es ist zwar nicht so, dass ihm alles in den Schoß fallen würde, aber er musste weder für das Abi, noch für die bevorstehende Gesellenprüfung lernen. So hatte er bei dem Wetter heute eigentlich geplant, in aller Ruhe schwimmen zu gehen. Aber irgendwie kam das anders. Er hatte vorhin Kirsten und Anna aus der Clique getroffen, die ihm erklärten, der Rest der Clique sei nach Gedern gefahren und die fragten, ob er denn nicht auch nach Gedern fahren würde. Und falls ja, ob er sie denn nicht mitnehmen könne. Eigentlich hatte er ja den heutigen Nachmittag am Waschweiher verbringen wollen, aber wie kann er den schönsten, klügsten und interessantesten Mädels aus der Clique einen Wunsch ausschlagen, wenn die ihn fragen? Natürlich fährt er nach Gedern! Wer will denn schon an den Waschweiher? Vor allem, weil er sich zu Anna hingezogen fühlt, seit er sie zum ersten Mal vor zwei Jahren auf Holgers Geburtstag sah. Wirklich tragisch ist allerdings, dass Anna die Freundin seines Freundes Holger ist.

Mit seinem zehn Jahre alten Mercedes, den er im letzten Jahr von seinem Vater abkaufte und nach einem Unfall in der Silvesternacht, oder vielmehr der Neujahrsnacht, komplett neu aufbauen musste, fährt er dann mit den beiden zwei Jahre jüngeren Frauen an den Gederner See, wo sich tatsächlich auch der Rest der Clique befindet. Diejenigen, die nicht selbst mit dem Auto fuhren, haben bereits ordentlich einen intus. Die mitgebrachten Bierkästen sind bereits leer, so dass er und Thorsten, der Freund Kirstens, noch Bier holen gehen. Und nach einer kleinen Runde im See, wobei er außerhalb des für die Schwimmer abgesperrten Bereichs schwamm und deswegen auf Ruder- und Tretbootfahrer achten muss, setzt er sich zu den anderen. Für einen Moment ist natürlich der neue amerikanische Präsident Ronald Reagan ein Gesprächsthema, denn der gilt vielen als Kriegstreiber und gerade die angespannte Situation im Nahen Osten, die seit der islamischen Revolution und der Vertreibung des Schah im Iran, ein ständig präsentes Thema in den Nachrichtensendungen ist, wird von jenen misstrauisch als möglicher Auslöser für einen Krieg bewertet, die mehr über die politischen Verhältnisse zu wissen scheinen, als es bei ihm selbst der Fall ist. Er muss sich auch eingestehen, dass er in den drei letzten Jahren kaum Zeit hatte, um sich über Politik und das Weltgeschehen Gedanken zu machen. Seine Tage hatten oft mehr als 20 Stunden und schlafen war Luxus. Vor allem auch an den Wochenenden, an denen sein Vater immer seine Hilfe einforderte. Gleichgültig, wie spät, oder vielmehr wie früh er in der Nacht von Freitag auf Samstag nach Hause kam, musste er um sieben Uhr aufstehen, um spätestens um halb acht auf der heimischen Baustelle die Beton-Mischmaschine zu bedienen. Seit 1977 wird ja das alte Haus um einen noch einmal so großen Anbau in kompletter Eigenleistung erweitert und da muss der älteste Sohn natürlich mit ganzer Kraft ran. Und hatte er abends zuvor ein wenig zu viel getrunken, kommentiert das sein Vater immer mit dem Spruch „Wer säuft, kann auch arbeiten!“ Dass er was vertragen kann, hat er in den letzten drei Jahren ebenfalls einige Male unter Beweis gestellt, auch wenn er sich dann schon ums eine und andere Mal in Situationen brachte, die er im Nachhinein bedauert. Und Bier in der Kombination mit Haschisch sorgte schon für so manchen Blackout. Als sie zu viert über Ostern nach Amsterdam fuhren, war er es auch, der das schokoladentafelgroße und ebenso dicke Stück Haschisch zurück nach Deutschland schmuggelte. Er war schließlich der Jüngste und sein Vorname Hartmut ist Programm. Es gibt nichts, was er sich nicht trauen würde und bei solchen Gelegenheiten geht auch nichts schief. Lediglich bei Entscheidungen, die andere für ihn treffen, kommt es mit großer Regelmäßigkeit zu kuriosen Merkwürdigkeiten. Seine ersten Tage in der Ausbildung sind da beispielhaft. Der Freitag am ersten September vor drei Jahren, gehörte noch zu den positiven Ausnahmen, denn da wurden alle neuen Azibis - Lehrlinge sagt man wohl nicht mehr - in der Firmenzentrale des großen Baukonzerns Philipp Holzmann in der Taunusstraße in Frankfurt empfangen. Repräsentanten der Konzernleitung und die Mitglieder der Jugendvertretung empfingen sie mit Vorträgen, Begrüßungsreden und einem langen Image-Film, in dem vor allem die interessanten Auslandsprojekte in den Fokus der Darstellung gerückt wurden. Aber bereits der kommende Montag, der vierte September 78, war ein Paradebeispiel dafür, dass bei Fremdplanungen schiefgeht, was nur schiefgehen kann. Der erste reguläre Arbeitstag war für die Vorstellung in der Berufsschule vorgesehen. Er hatte die Adresse der August-Bebel-Berufsschule in Offenbach zusammen mit der zukünftigen Berufsschulklasse per Post erhalten. Natürlich war er wie immer zu früh, als er in Offenbach ankam. Gemäß seiner Lebenseinstellung: ’lieber eine Stunde zu früh, als fünf Minuten zu spät.’ So konnte er bereits vor dem eigentlichen Schulbeginn in den Gesprächen mit den anderen Neulingen im Beruf feststellen, dass es wieder einmal Probleme geben könnte. Und so führte man ihn auf dieser Schule auch in einer Namensliste, doch unter dem Ausbildungsberuf eines Radio- und Fernsehtechnikers. Überhaupt, würden in Offenbach nur diejenigen in die Schule gehen, die eine Ausbildung als Radio- und Fernsehtechniker oder als Nachrichtentechniker machen würden. Für Autoelektriker sei an dieser Schule kein Unterricht vorgesehen. Im Sekretariat konnte er dann mit dem stellvertretenden Ausbildungsleiter der Firma telefonieren und der rief ihn dann auch nach einer halben Stunde zurück, dass es sich wohl um einen Irrtum handeln würde - das hatte er aber auch ohne den bereits herausgefunden - und er müsse nach Darmstadt auf die Heinrich-Emanuel-Merk-Schule. Also fuhr er noch morgens mit dem Zug kreuz und quer durch das Rhein-Main-Gebiet. Bereits auf der Zugfahrt überlegte er sich, dass Darmstadt als Berufsschule für ihn beinahe eine Weltreise darstellen würde, würde er zukünftig nicht in Isenburg im Wohnheim der Firma übernachten. In Darmstadt angekommen, irritierte er dann die Leute im Sekretariat, denn die empfingen ihn mit der Aussage. „Nein, das muss sich hier um einen Irrtum handeln; wir haben hier überhaupt keine KFZ Leute.“ oder „Wären Sie Elektromonteur oder Betriebselektriker, wären sie hier richtig.“ Lediglich ein zufällig ins Sekretariat eintretender Lehrer schien dann Bescheid zu wissen. Der wies ihn darauf hin, dass KFZ Schlosser und KFZ Elektriker in die Heinrich-Kleyer-Schule nach Frankfurt müssten. Also rief er wieder bei der Firma in Neu-Isenburg an. Die Nummer kannte er bereits auswendig und bei der Dame in der Telefonzentrale hatte er inzwischen an seinem zweiten Arbeitstag einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Die wusste bereits, wer er ist und die konnte ihm auch mitteilen, dass seine Mutter in der Zwischenzeit einen Anruf von der Offenbacher Berufsschule erhalten hätte, die mitteilten, dass er sich wohl in einer Schule in Frankfurt zu melden hätte. Später in Frankfurt angekommen, fiel er natürlich mit seiner Geschichte auf und wurde als Zuspätkommer und mit dieser eher unglaubwürdig klingenden und bizarren Geschichte unfreiwillig in den Fokus der Aufmerksamkeit seiner zukünftigen Mitschüler gerückt. Und noch am gleichen Tag erfuhr er von einem weiteren Versäumnis seines Ausbildungsbetriebs; man hatte ihn darauf aufmerksam zu machen vergessen, dass er in den nächsten zwei Wochen gar nicht in der Firma wäre, sondern zunächst an einer überbetrieblichen Ausbildungsmaßnahme der KFZ-Innung teilzunehmen hätte. Ähnliche Erlebnisse waren in seinem bisherigen Leben nichts Ungewöhnliches und er hatte irgendwann einmal den Spruch gehört, dass man mit seinen Herausforderungen wächst. Vielleicht ist das der Grund, warum er seit seinem sechzehnten Lebensjahr noch mal zwölf Zentimeter an Körpergröße und etliche Zentimeter an Schulterbreite zulegte.

Eher aus Zufall fällt sein Blick auf Anna, die keine drei Schritte von ihm entfernt im Gras sitzt und die ihn direkt anblickt und anlächelt. Es ist ein freundliches, eher schon schelmisches Lächeln, das ihn mindestens so sehr irritiert, wie der Anblick des hochgerutschten Sommerkleides, das ihm einen freien Blick auf den weißen Slip und ein paar krause dunkle Haare gewährt. Was soll er jetzt davon halten? Macht die das mit Absicht? Jetzt zieht die auch noch das linke Bein an und stellt das etwas auf, so dass er unter deren Kleid bis hoch zum Bauchnabel sehen kann und ihm beginnt die Badehose enger zu werden. Auch wenn er sie sehr mag und vor allem auch die Gespräche mit ihr über Gott und die Welt jedes Mal eine Erweiterung seines Horizonts darstellen, ist sie die Freundin seines Freundes Holger. Er wendet sich ab und versucht möglichst, die Beule in seiner Badehose zu verbergen. Nicht auszudenken, die anderen aus der Clique würden die Latte bemerken. Um sich abzulenken, hört er einer Unterhaltung zwischen Karl und Thorsten zu, die beide drei Jahre älter sind und die beide bereits beim Bund waren. Wenn die sich über die Zeit bei der Bundeswehr unterhalten, kommen die immer auf die Geschichte eines anderen jungen Mannes aus Birstein aus deren Jahrgang zu sprechen, der sich gleich zu Beginn von dessen Zeit beim Bund vor einen Zug geworfen hätte. Die Bundeswehr sei eine furchtbare Zeit gewesen und man könne verstehen, wie ein so gutmütiger und sensibler Kerl wie der so eine Entscheidung treffen würde. Er selbst hat sich noch keine Gedanken über die Bundeswehr gemacht. Er wurde vor anderthalb Jahren im Kreiswehrersatzamt in Eschborn als tauglich gemustert, aber wegen seiner Ausbildung und der weiterführenden Schule noch nicht eingezogen. Und solange er nichts von denen hört, soll es ihm nur recht sein. Wenn er in seinem bisherigen Leben eines lernte, dann ist es die Bestätigung jener Worte, die sein Vater immer gerne benutzt. ’Und erstens kommt es anders und zweitens, als man denkt.’ Also warum soll er sich bereits jetzt über etwas sorgen, was er sowieso nicht beeinflussen kann.

Die Schwellung in der Badehose ist inzwischen abgeschwollen und um sicher zu sein, dass das auch so bleibt, geht er noch mal in den See schwimmen.

Diskothek ’Big Valley’ - Radmühl

Freitag, der 03te Juni 1981