... und das war alles? - Hartmut Emrich - E-Book

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Hartmut Emrich

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Beschreibung

Als in 1949 die Bundesrepublik Deutschland aus den Trümmern des Deutschen Reiches entsteht, ist für zahlreiche Menschen noch immer nicht sicher, was die nähere Zukunft für sie bringen wird. Die neue Währung, die ein Jahr zuvor bereits als Zeichen für einen Neubeginn die wertlos gewordene Reichsmark abgelöst hatte, ist zu einer verlässlichen Größe für jene Menschen geworden, deren Lebensumstände sich nach dem Krieg allmählich zu normalisieren beginnen. Aber die Chancen und die Voraussetzungen sind nicht für alle gleich verteilt. Noch immer sind hunderttausende Menschen ohne Heimat und nach wie vor befinden sich zehntausende ehemalige Soldaten unter erbärmlichen Bedingungen vor allem in sowjetischer Gefangenschaft. Für fünf junge Menschen bedeutet dieses Jahr 1949 ein wichtiger Wendepunkt in ihrem Leben. Da ist zum einen der achtundzwanzigjährige ostpreußische Soldat Rolf Schwegat, der sich in sowjetischer Kriegsgefangenschaft befindet und der von der Flucht, aber auch von seinen Toten träumt. Die zwölfjährige Katharina von Donelat aus Berlin ist Kriegswaise und sie trägt die Verantwortung für eine kleine Gruppe Waisenkinder, die sich nach der Schließung eines Berliner Waisenhauses auf dem Weg zu einem anderen Waisenhaus bei Würzburg befinden. Der fast neunjährige Konrad Steinbach aus dem hessischen Vogelsberg muss wie ein Erwachsener auf dem heimischen Hof arbeiten und für ihn wird es in jenem Jahr noch große Veränderungen geben, die sein Leben auf den Kopf stellen werden. Die in Breslau/Schlesien geborene, fast sechszehnjährige Irene Potpiczcinski befindet sich in einer Flüchtlingsunterkunft bei Bad Orb und muss erleben, wie sich ihre ohnehin schon schlimme Lebenssituation noch verschlimmert. Der fünfzehnjährige Herbert Homich aus einem Dorf im Hunsrück ärgert sich über den Umstand, durch die ausgefallene Schulzeit während des Krieges nun erst später mit der Schule fertig zu sein. Viel lieber würde er wie seine Vorfahren im Bergbau arbeiten und Geld verdienen. Zum Beginn des Buches begegnen wir diesen so unterschiedlichen Menschen allerdings erst spät in deren Leben. Im Sommer des Jahres 2017 sind jene fünf Menschen am Ende ihres Weges durchs Leben angekommen. Sie leben in einer fiktiven Altenwohn- und Pflegeeinrichtung auf den Rheinhöhen bei Bad Salzig und ihr Leben bietet kaum noch Perspektiven. Eine junge Aushilfskraft, die erst seit kurzem halbtags in jener Einrichtung tätig ist, bringt den alten Menschen bei Bedarf deren Mittagessen in deren Wohnung. Auf ihrer täglichen Runde erlebt sie die Alten, die ihr zum Teil recht sonderbar vorkommen. Aber es gibt auch Gründe, die über die letzten 68 Jahre jene fünf alten Menschen zu dem werden ließen, zu was die schließlich geworden sind. Alte Menschen mit besonders ausgeprägten Eigenheiten, für die die junge Frau nicht immer Verständnis hat. Sie hat schließlich ihre eigenen Probleme. Für die ungelernte Frau ist dieser neue Job die letzte Chance, um nicht in die Arbeitslosigkeit abzurutschen und sie hat schließlich ihre eigenen Probleme. Probleme mit einem lebensuntauglichen Lebensgefährten, mit einer pubertierenden Tochter und mit ihrer eigenen Tagesplanung, die ihr in den letzten Monaten bereits etliche Kündigungen einbrachte.

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Seitenzahl: 1334

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Hartmut Emrich

... und das war alles?

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Inhalt

Dramatis Personæ

Prolog

Kapitel 1 - Im Jahr 1949

Kapitel 2 - Im Jahr 1953

Kapitel 3 - Im Jahr 1958

Kapitel 4 - Im Jahr 1961

Kapitel 5 - Im Jahr 1967

Kapitel 6 - Im Jahr 1974

Kapitel 7 - Im Jahr 1984

Kapitel 8 - Im Jahr 1996

Kapitel 9 - Im Jahr 2006

Kapitel 10 - Im Jahr 2016

Kapitel 11 - Im Jahr 2017

Epilog

Appendix

Impressum neobooks

Inhalt

… und das war alles?

Roman

Hartmut Emrich

„Es ist scheißegal, was du einmal gewesen bist. Am Ende bist du tot und wenn du Glück hast, bist du ein Name auf einem Grabstein, der noch eine Weile zu lesen ist. Wenn du Pech hast, wird dein Name einfach nach deinem Tod vergessen.“

Diese Worte lege ich der Figur des Kurt Homich in diesem Buch in den Mund

Als in 1949 die Bundesrepublik Deutschland aus den Trümmern des Deutschen Reiches entsteht, ist für zahlreiche Menschen noch immer nicht sicher, was die nähere Zukunft für sie bringen wird. Die neue Währung, die ein Jahr zuvor bereits als Zeichen für einen Neubeginn die wertlos gewordene Reichsmark abgelöst hatte, ist zu einer verlässlichen Größe für jene Menschen geworden, deren Lebensumstände sich nach dem Krieg allmählich zu normalisieren beginnen. Aber die Chancen und die Voraussetzungen sind nicht für alle gleich verteilt. Noch immer sind hunderttausende Menschen ohne Heimat und nach wie vor befinden sich zehntausende ehemalige Soldaten unter erbärmlichen Bedingungen vor allem in sowjetischer Gefangenschaft.

Für fünf junge Menschen bedeutet dieses Jahr 1949 ein wichtiger Wendepunkt in ihrem Leben.

Da ist zum einen der achtundzwanzigjährige ostpreußische Soldat Rolf Schwegat, der sich in sowjetischer Kriegsgefangenschaft befindet und der von der Flucht, aber auch von seinen Toten träumt.

Die zwölfjährige Katharina von Donelat aus Berlin ist Kriegswaise und sie trägt die Verantwortung für eine kleine Gruppe Waisenkinder, die sich nach der Schließung eines Berliner Waisenhauses auf dem Weg zu einem anderen Waisenhaus bei Würzburg befinden.

Der fast neunjährige Konrad Steinbach aus dem hessischen Vogelsberg muss wie ein Erwachsener auf dem heimischen Hof arbeiten und für ihn wird es in jenem Jahr noch große Veränderungen geben, die sein Leben auf den Kopf stellen werden.

Die in Breslau/Schlesien geborene, fast sechszehnjährige Irene Potpiczcinski befindet sich in einer Flüchtlingsunterkunft bei Bad Orb und muss erleben, wie sich ihre ohnehin schon schlimme Lebenssituation noch verschlimmert.

Der fünfzehnjährige Herbert Homich aus einem Dorf im Hunsrück ärgert sich über den Umstand, durch die ausgefallene Schulzeit während des Krieges nun erst später mit der Schule fertig zu sein. Viel lieber würde er wie seine Vorfahren im Bergbau arbeiten und Geld verdienen.

Zum Beginn des Buches begegnen wir diesen so unterschiedlichen Menschen allerdings erst spät in deren Leben. Im Sommer des Jahres 2017 sind jene fünf Menschen am Ende ihres Weges durchs Leben angekommen. Sie leben in einer fiktiven Altenwohn- und Pflegeeinrichtung auf den Rheinhöhen bei Bad Salzig und ihr Leben bietet kaum noch Perspektiven. Eine junge Aushilfskraft, die erst seit kurzem halbtags in jener Einrichtung tätig ist, bringt den alten Menschen bei Bedarf deren Mittagessen in deren Wohnung. Auf ihrer täglichen Runde erlebt sie die Alten, die ihr zum Teil recht sonderbar vorkommen. Aber es gibt auch Gründe, die über die letzten 68 Jahre jene fünf alten Menschen zu dem werden ließen, zu was die schließlich geworden sind. Alte Menschen mit besonders ausgeprägten Eigenheiten, für die die junge Frau nicht immer Verständnis hat. Sie hat schließlich ihre eigenen Probleme. Für die ungelernte Frau ist dieser neue Job die letzte Chance, um nicht in die Arbeitslosigkeit abzurutschen und sie hat schließlich ihre eigenen Probleme. Probleme mit einem lebensuntauglichen Lebensgefährten, mit einer pubertierenden Tochter und mit ihrer eigenen Tagesplanung, die ihr in den letzten Monaten bereits etliche Kündigungen einbrachte.

© Hartmut Emrich 01/ 2018

Autor und Herausgeber:

Hartmut Emrich

Schulstraße 5a

56329 Sankt Goar

www.hartmut-emrich.de

All rights reserved

Kein Teil des Buches darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Autors reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Autor freigegebenen Textes kommen

Kein Teil des Buches darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Autors reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

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© All pictures and stories are under copyright by Hartmut Emrich

Buchgestaltung:

Hartmut Emrich

Umschlaggestaltung:

Hartmut Emrich

Inhalt:

Hartmut Emrich

Idee:

Hartmut Emrich

Vorlage:

Hartmut Emrich

Ein Hinweis in eigener Sache! Leider habe ich keinen Einfluss auf die Darstellung oder Formate unterschiedlicher E-Book Reader und so kann es durchaus sein, dass die Darstellung und die Formatierung auf ihrem Reader nicht jener entspricht, die ich vorgesehen habe. Das wäre schade und sollte es tatsächlich so sein, bitte ich sie von vornherein um Entschuldigung.

Und noch ein weiterer Hinweis, der mir sehr wichtig und ernst gemeint ist. Alle im Buch beschriebenen Personen und Charaktere sind rein fiktiver Natur und anspringen meiner Fantasie. Ähnlichkeiten mit lebenden oder bereits gestorbenen Menschen sind wirklich unbeabsichtigt und rein zufällig und wenn sich hier jemand angesprochen fühlt, oder wiedererkennt, ist das ein bedauerliches Missverständnis.

Vorwort des Autors

Vielleicht habe ich wirklich ein Problem mit dem Alt werden, wie es meine Frau Roswitha häufig behauptet, die den meisten von ihnen deswegen bekannt sein dürfte, weil ich ihr in meinen Büchern gerne eine Widmung hinterlasse. Sie weiß nur zu gut, wie distanziert ich das Thema normalerweise angehe.

Alt werden und Alt sein.

Ein Thema mit dem ich mich für mich persönlich eigentlich eher ungern beschäftige, denn ich sehe mich noch gerne immer als End-Zwanziger, der vor Kraft nur so strotzt und dem keine Steilwand zu steil, kein Motorrad zu schnell, keine Abfahrt zu rasant und kein Gegner zu stark war. Die Realität holt mich dann aber immer gleich morgens beim Aufstehen ein, wenn die Zeit immer länger wird, bis die Beweglichkeit wieder einigermaßen hergestellt ist und die Witze über das knackige Alter zutreffender werden.

Mein Spiegelbild hat längst nichts mehr mit meiner eigenen Vorstellung meines eigentlichen Erscheinungsbildes zu tun und wenn man mich ohne mein Wissen fotografiert und ich mir die Bilder dann ansehe, frage ich mich gelegentlich, wer denn der Kerl da ist. Das bin sicherlich nicht ich. Aber Spiegel und (unretuschierte) Fotos lügen nicht. Ich werde also auch alt und mit 56 habe ich heute bereits ein Alter erreicht, in dem für mich die Menschen in meiner Kindheit ja bereits wirklich verbraucht und ausgebrannt waren. Davon bin ich aber zum Glück weit entfernt, denn das waren ja auch damals Menschen, die zwei Weltkriege erlebt und überlebt hatten und die oft mehr erleiden und erdulden mussten, als ich das (hoffentlich) jemals tun muss (wobei ich hier natürlich auch auf zahlreiche Ereignisse zurückblicken kann, die ich am liebsten nicht, oder zumindest nicht so erlebt hätte!)

Alte Menschen sind für mich heute häufig jene, die in meiner Wahrnehmung immer dann auffallen, wenn ich nach Feierabend einkaufen gehe und mich frage, warum ich mit meinen 56 mit großem Abstand der Jüngste in der Schlange an der Supermarktkasse bin. Das sind jene Menschen, die auf der Autobahn die linke Spur gepachtet haben. Das sind aber auch jene Menschen wie meine Eltern, die mit ihren 80+ jeden Tag ihr Programm haben und zumindest geistig beweglich geblieben sind oder wie einer meiner früheren Chefs, der mit fast 80 geistig jünger als manch 20- jähriger ist. All jene alten Leute, meine Eltern, Georg Sch., die notorischen Linksfahrer und auch die nach Feierabend- oder Samstagmorgens Einkäufer haben eine Geschichte und die waren auch einmal jung und sahen die Welt vielleicht auch einmal anders und die hatten einmal Erwartungen und Hoffnungen und dann frage ich mich, ob denn das, was aus jenen Menschen letztlich geworden ist, auch dem entspricht, was die sich einst einmal erhofft hatten. Diese Frage ist der Aufhänger für meine Geschichte und auch ein Appell an mich selbst, mit jenen zum Teil wirklich gedankenlos rücksichtslosen Alten nicht gar zu hart ins Gericht zu gehen. Vielleicht gibt es auch Gründe dafür, warum die so wurden, wie die sind…

So viel zum Vorwort.

Und nun viel Spaß mit der Geschichte, respektive den Geschichten.

In Loving Memory

Thanks for all

You've done

I've missed you for so long

I can't believe you're gone

You still live

In me

I feel you in the wind

You've got me constantly

I never knew what it was to be loved

Thanks for all you've done

I've missed you for so long

I can't believe you're gone and

You still live in me

I feel you in the wind

You guide me constantly

I never knew what it was to be alone, no

'Cause you were always there for me

You were always home waiting

But now I come home and I miss your face

So smiling down on me

I close my eyes to see

And I know you're a part of me

And it's your song that sets me free

I sing it while I feel, I can't hold on

I sing tonight 'cause it comforts me

I carry the things that remind me of you

In loving memory of the one that was so true

You were as kind as you could be

And even though you're gone

You still mean the world to me

I never knew what it was to be alone, no

'Cause you were always there for me

You were always home waiting

But now I come home and it's not the same, no

It feels empty and alone

I just can't believe you're gone

And I know you're a part of me

And it's your song that sets me free

I sing it while I feel, I can't hold on

I sing tonight 'cause it comforts me

I'm glad it sets you free from sorrow

But I'll still love you more tomorrow

And you'll be here with me still

All you did you did with feeling

And you always found a meaning

And you always will

And you always will

And you always will

And I know you're a part of me

And it's your song that sets me free

I sing it while I feel, I can't hold on

I sing tonight 'cause it comforts me

In Loving Memory: Alter Bridge - Album: One Day Remains

Songwriters: Kennedy, Myles / Tremonti, Mark

Published by: Alter Bridge / AB III / Sony/ATV Music Publishing LLC

Lyrics © Sony/ATV Music Publishing LLC

Dramatis Personæ

Die Menschen in Alten-Wohn- und Pflegeeinrichtung Stift St. Agathe

Zimmer 303

Rolf Schwegat, geb. 20.04.1921 bei Gumbinnen / Ostpreußen

*

Zimmer 305

Katharina von Donelat, geb. 10.02.1937 in Berlin

*

Zimmer 306

Konrad ‚Stony’ Steinbach - geb. 09.10.1940 im Vogelsberg / Oberhessen

*

Zimmer 308

Irene Potpiczcinski, Potzi geb. 20.09.1933 in Breslau / Schlesien

*

Zimmer 310

Herbert Homich, geb. 29.02.1935 im Vorderhunsrück

*

Und dann ist da noch:

Tanja Hauser - 28-jährige Hilfskraft in der Altenpflegeeinrichtung Sankt Agathe

Prolog

Tanja Hauser geht von 303 nach 310

07.06.2017

Es wird allmählich Zeit, den alten Renault Clio zu ersetzen. Was nützt ein Auto, wenn man es nicht fahren kann. Lennie hat ihr schon so oft versprochen, sich um das Auto zu kümmern, dass sie ihm das nicht mehr glauben kann. Sie eilt wieder ins Haus zurück und holt den Schlüssel für den Roller, den sich Lennie einmal gekauft und kaum benutzt hat. Der steht meist nutzlos in der Garage und vor allem immer im Weg herum, aber heute Morgen wird der ihr wenigstens die Möglichkeit bieten können, noch halbwegs pünktlich zur Arbeit zu kommen. Sie mag den Roller zwar nicht, aber sie hat keine Wahl. Sie kann es nicht riskieren, schon wieder zu spät zu kommen. Das wäre dann in dieser Woche bereits das zweite Mal. Sie hat den Job doch erst seit dem letzten Freitag. Wenn sie auch noch diesen Job verliert, muss sie wahrscheinlich Hartzen gehen. Dann wird sie sich nie von Lennie lösen können und sie wird Julia nie die Möglichkeit bieten können, einmal ein besseres Leben führen zu können. Sie macht das ja sowieso alles wegen Julia. Wenn ihre zwölfjährige Tochter nicht währe, könnte sie sich auch vorstellen, Deutschland zu verlassen, aber dafür müsste sie Sprachen können und sie hat ja noch nicht mal einen Hauptschulabschluss…

Sie schiebt den Roller aus der Garage, ohne dem davor geparkten Clio einen Kratzer in den Lack zu machen und das ist ja auch schon mal ein kleines Erfolgserlebnis. Zum Glück ist sie den Roller schon ein paarmal gefahren und sie weiß auch, was sie tun muss, damit das Ding anspringt und wenn der nicht direkt anspringt, gibt es da noch dieses… wie heißt das Teil noch gleich? Na egal. Jedenfalls braucht sie dieses Hebelchen heute nicht auszuklappen, denn der Motor springt nach ein paar Versuchen endlich an und so kommt sie auch nur knapp eine halbe Stunde zu spät in dem Altenheim an, in dem sie seit dem letzten Freitag arbeitet. Lennies Worte „Was? Altersheim? Bist du jetzt völlig durchgeknallt? Den alten Leuten den Arsch abwischen? Mensch Tanja, das ist doch nichts für dich.“ Ausgerechnet der lebensuntaugliche Leonard Schuster will beurteilen, ob das ein Job für sie ist. Lennie, der noch nie in seinem Leben auch nur einen einzigen Tag etwas gearbeitet hätte und der sein Geld im Internet beim Zocken verdient oder häufiger wieder verliert. So oft, wie sie sich endlich von dem Clio trennen wollte, hat sie sich auch von Lennie trennen wollen, denn der ist ihr eigentlich keine wirkliche Hilfe. Im Gegenteil. Aber sie mag ihn trotzdem und ohne sie würde der vermutlich untergehen, wie die Titanic in dem supertollen Film mit Leonardo DiCaprio oder wie die Figur des Jack Dawson schließlich im Film vor den Augen von Kate Winslet im eiskalten Wasser versank. Lennies richtiger Name Leonard hat aber nichts mit ihrer Vorliebe für den Film zu tun und vielleicht nur ein ganz klein wenig mit ihrer Verehrung für den Schauspieler Leonardo DiCaprio. Lennie ist das völlige Gegenteil dieses Schauspielers. Lennie ist … nun, er ist eben Lennie. Lennie kann Zahlen im Kopf schneller ausrechnen, als sie diese überhaupt in einen Taschenrechner eintippen kann. Er weiß um die Zusammenhänge in Deutschland und in der Welt besser Bescheid, als alle Politiker und vor allem als die ganzen Journalisten, die darüber berichten. Sie hat die Urkunde der Eberhard Karls Universität in Tübingen gesehen. Diplom Politologe steht da zu lesen. Aber Lennie hat aus diesem Studium nichts fürs Leben mitgenommen, wie er ihr oft genug erklärt. Er kommt dann immer mit seinen Verschwörungstheorien, die sie nicht mal ansatzweise versteht und bei denen sie bereits nach den ersten Worten ihre Ohren auf Durchzug stellt. Lennie ist klug und trotzdem braucht er ihre Hilfe, wie auch sie seine Hilfe benötigt, wenn mal wieder komplizierte Formulare auszufüllen sind oder wenn es darum geht, sich mit ihrem Vermieter auseinander zu setzen. Für Lennie sind das die kleinen Herausforderungen, bei denen der aufblüht. Leider wirft er sich dann auch welche von den Pillen ein, die ihm dieser Idiot Tom von dem Holländer in Kobern-Gondorf besorgt. Oft dauert es Tage, bis Lennie dann wieder runterkommt und wieder halbwegs normal ist. Lennie verträgt den Kram nicht. Das weiß der auch. Er wird dann oft richtig aggressiv und dann ist es besser, wenn sie und Julia nicht in seiner Nähe sind. Obwohl der Julia liebt, als wäre es seine eigene Tochter, hat er die einmal gewürgt und wäre sie nicht dazwischen gegangen, wer weiß, was dann passiert wäre. Wenn Lennie dieses Zeug einwirft, ist er nicht mehr er selbst. Tanja betritt den Personaleingang mit Hilfe der scheckkartenartigen Zugangskarte, die nicht nur den Türöffner betätigt, sondern auch gleichzeitig ihre Zeit erfasst, zu der sie das Alten- und Pflegeheim Sankt Agathe betritt. Die Lage des fünftstöckigen Gebäudes auf den Hunsrückhöhen zwischen Bad Salzig und Weiler ist geschickt gewählt. Man hat von der fünften Etage einen wundervollen Blick über das Rheintal und nach drüben auf die Taunusseite. Die beiden Burgen dort drüben, die sie nur unter dem Namen ‚die feindlichen Brüder‘ kennt, sehen aus, wie auf einer jener Postkarten, wie sie ihre Mutter sammelt. Aber sie hat keine Zeit, die Aussicht zu betrachten. Ihre Arbeit sieht es nicht vor, am Fenster zu stehen und die Aussicht zu genießen. Überhaupt … ihre Zeit. Oft hört man den Spruch, Zeit wäre Geld und das mag auch zutreffen, aber nicht für sie. Eher für den Besitzer von Sankt Agathe. Sie geht durch den kurzen Flur zu dem Umkleide- und Waschraum, um sich die hellblauen Sachen anzuziehen, die man hier als Pflegekraft zu tragen hat. Wobei sie ja eigentlich keine richtige Pflegekraft ist. Sie hat das ja nicht gelernt und so ist sie nur als Hilfspflegekraft eingestellt. 7,30 bekommt sie in der Stunde und weil sie am Tag vier Stunden arbeitet, macht das mit den Wochenenden, an denen sie zwei Euro zusätzlich je Stunde bekommt, im Monat gerade mal 904 Euro Brutto. Wenn die ganzen Sozialabgaben und die Steuer runter sind, bleiben ihr bei ihrer Steuerklasse II noch nicht mal 720 Euro und davon muss sie die Miete für die Einliegerwohnung in Buchholz zahlen, Lebensmittel kaufen und Julias Sachen zum Anziehen nicht zu vergessen, die ständig aus ihren Sachen herauswächst. Außerdem kommen die ganzen Versicherungen, die Steuer für das Auto und der Sprit noch dazu und so ist es kein Wunder, wenn am Ende jeden Monats nicht nur nichts mehr übrig ist, sondern so manche Rechnung unbezahlt bleibt. Wenn Lennie nicht hier und da etwas beitragen würde, könnten sie von dem Geld nicht leben und nicht sterben, oder wie man so sagt.

„Guten Morgen Frau Hauser. Schön, dass sie sich entschieden haben, uns mit der Ehre ihrer Anwesenheit zu beglücken.“

Die Stimme, die sie erschrocken zusammenzucken lässt, gehört der Pflegeleiterin Frau Kunz. Während sie sich umzieht, ist die leise hinter sie getreten und es lag sicherlich in deren Absicht, sie zu erschrecken. Manchmal ist die ja ganz nett und dann war die in dieser Woche auch schon ein paarmal richtig fies. Heute ist die irgendwas dazwischen. In einem Tonfall, der übertrieben freundlich klingt, sagt die Frau, die vom Alter her ihre Mutter sein könnte „Ich werde das heute noch einmal durchgehen lassen, aber wenn das noch einmal vorkommt, gibt es eine Abmahnung und dann war’s das, denn sie sind gerade mal in der Probezeit. Haben wir uns verstanden?“

Tanja nickt. Was soll sie auch sagen? Es ist überall das Gleiche. Bis zum letzten Jahr hatte sie oben im Gewerbepark Hellerwald eine Halbtagsstelle bei einem Russen, der gebrauchte Handys, Computer und alles Mögliche über das Internet verkaufte. Sie musste den Kram eintüten und für den UPS Mann und den von DPD fertig machen und sie hatte den Eindruck, das würde endlos weitergehen können. Doch dann war vor Weihnachten die Polizei gekommen und hatte den verhaftet. Seither hat sie insgesamt sieben Beschäftigungen durch, denn natürlich hatten weder die drei Supermärkte, der Drogeriediscounter oder die Getränkefirma ein flexibles Arbeitszeitmodell anzubieten. Zuspätkommen war ihr bisher sieben Mal zum Verhängnis geworden und wenn sie diese Stelle hier auch verliert, wird es wirklich langsam eng. Als alleinerziehende ungelernte Frau von 28 Jahren mit einer fast dreizehnjährigen Tochter und einem lebensuntauglichen Mitbewohner in ihrer Wohnung hat sie keine besonders großen Möglichkeiten. Sie muss nehmen, was ihr geboten wird und objektiv betrachtet, ist dieser Job hier noch halbwegs einfach. Sie muss das Essen austeilen und sie muss anschließend das Essgeschirr wieder einsammeln. Theoretisch sind es 60 unterschiedlich große Wohnungen verteilt auf fünf Etagen, die sie zu betreuen hat. Weil aber derzeit elf der Wohnungen nicht belegt sind, sind es nur 49 Wohnungen, für die sie insgesamt vier Stunden Zeit hat. Es ist eine einfache Rechnung, die sie sogar ohne Hauptschulabschluss zu rechnen in der Lage ist. Eine Stunde hat 60 Minuten. Vier Stunden haben 240 Minuten. Geteilt durch 49 sind das dann noch nicht einmal fünf Minuten, die sie pro Wohnung Zeit hat, das Essen auszuteilen und anschließend das Geschirr wieder einzusammeln. Wären alle Wohnungen belegt, wären es sogar bloß vier Minuten für jede Wohnung und dann ist da die Wartezeit für den Personalaufzug noch nicht berücksichtigt. Da bleibt keine Zeit, um sich mit den alten Leuten zu beschäftigen, was in ihrem Fall auch nicht gewünscht ist, da sie als Hilfskraft über keinerlei Ausbildung im Umgang mit den zum Teil bettlägerigen alten Menschen verfügt.

Frau Kunz blickt demonstrativ auf ihre Armbanduhr und sagt „Wir haben jetzt viertel nach elf und wenn sie sich dranhalten, können sie ihre Runde noch schaffen, ohne dass unsere Schützlinge etwas bemerken. Und denken sie daran: Noch einmal zu spät und sie können sich um eine andere Stelle bemühen.“ Die Frau dreht sich einfach um und geht und lässt sie halb angezogen vor dem Spind stehen. Tanja beeilt sich, um sich fertig anzuziehen und dann den ersten Rollwagen in der Großküche zu holen. Sie beginnt mit dem Verteilen nach dem Essensplan, der ihr von der Küche ausgehändigt wurde und sie fängt ganz oben an, um sich nach unten durchzuarbeiten. Das Ehepaar Ritter aus der sogenannten Penthouse-Wohnung im fünften Stock steht heute nicht auf der Liste, was bedeutet, dass die beiden rüstigen Alten auswärts oder im Restaurant im Erdgeschoss essen werden. Gelegentlich ist sie gerade auf diejenigen ein wenig neidisch, die sich hier den Luxus erlauben können, sich von vorne und hinten bedienen zu lassen und es sich aussuchen können, ob sie essen gehen oder sich etwas kommen lassen. Sie fängt also im vierten Stock an. Sie hat einen Schlüssel für den Personalaufzug, was es ihr ermöglicht, zügig nach oben zu fahren, denn der Aufzug für die Alten ist häufig blockiert, weil irgendeine Oma mit ihrem Rollator nicht schnell genug in den Aufzug kommt, oder beim Ausfahren zu langsam ist. Manchmal stehen die auch in der Tür, um mit jemand zu quatschen und es ist denen völlig gleichgültig, ob jemand woanders auf den Aufzug wartet. Lennie, der gelegentlich die Einkäufe erledigt, schimpft immer auf die Alten, die immer dann einkaufen gehen, wenn die jüngeren Menschen, die tagsüber berufstätig sind, einkaufen gehen würden. Aber Lennie müsste ja auch nicht abends in den Netto gehen. Der hätte den ganzen Tag Zeit dafür.

Dritter Stock, Wohnung 303

Sie hat den vierten Stock bereits fertig versorgt und als sich die Aufzugtür zum dritten Stock öffnet, bekommt sie einen gehörigen Schrecken. Direkt vor der Tür steht der uralte Mann von 303. Der noch immer recht rüstige Mann tritt zur Seite, um sie erst einmal mit ihrem Wagen passieren zu lassen. Eigentlich dürfte der gar keine Möglichkeit haben, mit diesem Aufzug zu fahren aber sie sieht in seiner linken Hand einen Schlüssel wie ihren, der es dem scheinbar ermöglicht, den Personalaufzug zu benutzen.

„Ich bin gleich wieder da, oder nein, warten sie Fräulein. Stellen sie mir doch das Essen einfach auf den Tisch. Ich schließe ihnen gerade auf.“

Er sagt das mit einer tiefen und angenehmen Stimme und einem leichten Akzent, so als würde der nicht aus Deutschland stammen. Schneller, als man es bei dem seinem Alter vermuten würde, dreht der sich um und schließ ihr die Tür zu seiner Wohnung auf. Sie folgt ihm mit dem Wagen und nimmt sich die Liste für den dritten Stock, während der die Wohnung aufschließt. Sie hat den Alten die letzten Tage als freundlichen und meist fröhlichen Mann wahrgenommen, aber eben hatte sie den Eindruck, seine Augen wären leicht gerötet, als ob der geweint hätte. Aber bevor sie ihn fragen kann, ob es ihm gut geht, tritt der in den Aufzug, dessen Tür sich schnell schließt. Von den Alten hier ist der einer der ältesten, heißt es und der wäre geistig noch auf der Höhe und vor allem scheint der mit seinen 96 noch fit wie ein Turnschuh zu sein. Vor allem hat der ihr seine Wohnung geöffnet, was es für sie beide unkomplizierter machte. Wie oft muss sie gerade abends beim Einkaufen feststellen, wie sich alte Leute an der Kasse vordrängeln. Dass die abends einkaufen gehen, wenn die Berufstätigen einkaufen wollen und die dann noch alles blockieren

… das ist ja sowieso bereits der Hammer. Jedenfalls ist dieser Rolf Schwegat eine Ausnahme. Sie mag den Alten und dessen Wohnung mit der 303 ist die erste, die heute in dieser Etage an der Reihe ist. 301 und 302 sind im Moment nicht belegt und auch 304, 307 und 309 stehen leer. Das sind die Apartments, deren Ausblick nicht zum Rhein hin geht und daher sind die nicht so beliebt. Wobei manche der Alten, die einen Ausblick wie aus dem Bilderbuch haben, kaum in der Lage sind, den Ausblick überhaupt zu würdigen. Laut ihrer Liste bekommt die 303 das Jägerschnitzel. Sie zieht ein entsprechendes Tablet aus dem Wagen, trägt es in die Wohnung und stellt das Tablet mit dem Systemgeschirr aus schlagfestem Plastik auf den Tisch in der Mitte des kleinen Apartments. Sie wirft einen kurzen Blick auf die Bilder an der Wand und auf dem ordentlich aufgeräumten Sideboard. Die meisten der Bilder sind schwarzweiß Aufnahmen und neben den Bildern von einem Soldaten in kurzen Hosen und einem Gewehr über der Schulter sind da auch schwarzweiß Bilder von Elefanten und Giraffen zu sehen. Das verblichene Bild einer hübschen langhaarigen Frau steht in der Mitte des Sideboards und es scheint dem Herrn Schwegat etwas zu bedeuten. Aber sie hat eigentlich keine Zeit, um sich die Bilder zu betrachten. Sie hat einen eng gesteckten Zeitrahmen, der es ihr kaum erlaubt, sich mit den alten Leuten zu befassen.

Dritter Stock, Wohnung 305

Sie verlässt die 303 und schiebt ihren Wagen vor die 305. Bevor sie klopft, zögert sie einen Moment. Die Frau ist ihr ein wenig unheimlich. Sie klopft an und wartet einen Moment. In einem Notfall dürfte sie auch einen Generalschlüssel benutzen, für den sie eigens eine besondere Anweisung erhalten hatte und ein dreiseitiges Formular mit allen möglichen Paragraphen unterschreiben musste. Es könnte schließlich ja einmal etwas passiert sein. Die Alten sind schließlich alle in dem Alter, wo man jeden Tag sterben kann, oder? Aber den Schlüssel braucht sie hier nicht. Nur kurz nach ihrem Klopfen wird die Tür geöffnet. Die Frau mit dem ‚Von‘ im Namen nickt ihr zu, sagt knapp „Stellen sie das Essen bitte auf den Tisch!“ und setzt sich vor einen teuren Apple Laptop und nimmt kaum von ihr Notiz. Das Laptop ist sicherlich mehr wert, als ihr Renault. Die langen knochigen Finger der Frau tippen etwas in die Tastatur und dann blickt sie angestrengt auf den Bildschirm, wobei sie die Brille hin und her rückt, als ob die so besser sehen könnte. Was gibt es so Wichtiges, was die jetzt noch zu tun hat? Die ist doch schon lange im Ruhestand, oder? Die sieht noch deutlich älter aus, als der nette Herr Schwegat von der 303. Als ob die schon über 100 wäre. Tanja beeilt sich, der Alten ihr Essen auf den Tisch zu stellen und verlässt deren Wohnung schnell wieder. Die Frau ist ihr wirklich sehr unheimlich. Das Gesicht gleicht einem Totenschädel, den man straff mit Haut bespannt hat. Ebenso wie die Hände, die aus den weiten Ärmeln einer altmodischen Strickjacke herausragen. Und wenn die ihren Kopf wendet, um sie anzublicken, kommt sie sich vor, als würden deren Augen in ihren Kopf blicken können. Als wüsste die, was sie denkt. Sie schiebt ihren Wagen weiter zur nächsten Tür und bemerkt den roten Punkt auf dem Deckel der nächsten Mahlzeit. War das jetzt nicht das Essen für die Frau auf der 305? Nein, sie wird jetzt nicht wieder zurückgehen. Das wird sie nur Zeit kosten und außerdem ist das doch halb so wild, oder?

Dritter Stock, Wohnung 306

Sie bleibt mit dem Wagen vor der 306 stehen, klopft kräftig ein paarmal und wartet einen Moment, bis sie wieder klopft. Herr Steinbach hört manchmal Musik über den Kopfhörer und bereits zweimal hatte sie ihren Generalschlüssen benutzt, weil sie dachte, dem sei was passiert. Der hatte dann mit den Kopfhörern auf dem Kopf am Fenster gestanden und im Takt einer für sie lautlosen Musik mit dem Kopf genickt. Fast wie ein Head banger. Nur nicht so wild. Heute muss sie ihren Schlüssel allerdings nicht benutzen. Heute öffnet er die Tür und nickt ihr ein „Guten Morgen.“ murmelnd zu. „Guten Morgen Herr Steinbach.“ Sie stellt Herrn Steinbach das Tablet auf den Tisch, deckt den Deckel vom Systemgeschirr auf und wünscht dem alten Mann einen guten Appetit. Der alte Mann nickt ihr noch einmal zu und murmelt ein leises ‚Dankeschön‘. Dankeschön… niemand den sie kennt, würde sich mit ‚dankeschön’ bedanken. Ein wenig erinnert sie der alte Mann an ihren Opa, der vor ein paar Jahren mit ihrer Oma nach Spanien umgezogen ist. Die hatten sich zuvor mit ihrer Mutter zerstritten und seither haben sie nichts mehr von den beiden gehört. Sie weiß noch nicht mal, ob die noch leben. Die müssten jetzt ebenfalls in Herrn Steinbachs Alter sein und sie überlegt, wie merkwürdig das ist, das sie sich hier um fremde alte Menschen kümmert, während sie von ihren eigenen Großeltern noch nicht mal weiß, ob die noch leben. Ob ihre Mutter eine Adresse von denen hat? Aber Herr Steinbach ist nicht ihr Opa und sie hat auch gar keine Zeit für solche Gedanken. Beim Hinausgehen, wirft sie noch einen Blick auf die Gemälde an der Wand. Im Gegensatz zu Herrn Schwegat hat Herr Steinbach nur zwei Fotografien auf seinem Schreibtisch angeordnet. Das eine Bild zeigt eine wirklich sehr gut aussehende Frau mit Zwillingsmädchen und das andere ist ein vergilbtes Hochzeitsbild. Die gemalten Bilder an der Wand sind aber ganz und gar nicht nach ihrem Geschmack und sie hat sich schon am ersten Tag gefragt, warum sich bloß jemand solche Bilder aufhängen kann. Zwei der Bilder zeigen jeweils Männer, die sich prügeln oder verprügelt wurden. Auf dem einen Bild sitzt ein muskulöser Mann auf einem Stuhl und man kann deutlich die Spuren einer Schlägerei in seinem Gesicht erkennen. Das andere Bild stellt auch einen sehr muskulösen Mann mit Striemen auf dem Rücken dar. Über Geschmack lässt sich streiten, sagt Lennie gelegentlich, aber Lennie nimmt das immer wörtlich, denn wenn man dem seinen Geschmack kritisiert, gibt es immer einen scheußlichen Streit. Bevor sie die kleine Wohnung verlässt, wirft sie noch einen letzten besorgten Blick auf den alten Mann, um den sich niemand zu kümmern scheint, denn seine fingerlangen gelb-grau-weißen Haare stehen wirr nach allen Seiten ab, als hätte der in eine Steckdose gepackt. Bartstoppel von gleicher Farbe zeigen, dass er mal wieder rasiert werden müsste, aber das ist nicht ihre Aufgabe. Sie ist ja lediglich zum Austeilen des Essens und nachher zum Einsammeln des leeren Systemgeschirrs und der Tablets zuständig. Eilig verlässt sie die 306, denn sie hat ja noch einiges vor.

Dritter Stock, Wohnung 308

Sie schiebt den Wagen dann weiter zur 308. Am Türschild steht der unaussprechliche Name Potpiczcinski. Da lobt sie sich doch den Namen ‚Steinbach‘. Selbst das eher Ungewöhnliche ‚von Donelat’ ist da wenigstens gut auszusprechen. Weil es ihr mit dem Namen der Frau auf 308 nicht alleine so geht, heißt die ruhige Frau bei den Pflegekräften nur ‚die Potzi‘. Tanja klopft und wartet ungeduldig. Bei der Potzi muss man immer warten. Das war ihr bereits am ersten Tag erklärt worden. Außerdem wäre die manchmal ein wenig schusselig und vergesslich. Endlich hört sie die Geräusche, die von einem schweren Riegel und einer Sicherheitskette stammen. Bei dieser Tür ist auch ihr Generalschlüssel nutzlos und selbst wenn der passen würde, gibt es dann noch die Sicherheitskette und den Riegel. Aber es ist nicht ihre Sache, sich darüber Gedanken zu machen.

Die Tür öffnet sich und sie sagt überflüssigerweise „Guten Tag Frau Potzi… äh… ich habe ihr Mittagessen. Heute gibt es Jägerschnitzel mit Pommes und Salat.“

Bei der Verunstaltung ihres Namens blickt sie die Alte unfreundlich an deutet dann zu dem Tisch. „Dann stellen sie es bitte dahin.“ sagt die und Tanjas Blick fällt sofort auf das Laptop. Auch die hat so ein Teil mit einem angebissenen Apfel auf dem Deckel. Wird sie sich jemals auch mal so einen Apfelcomputer leisten können? Gerade als sie die Wohnung wieder verlassen will, sagt die Alte „Entschuldigen sie, aber hatte ich nicht gestern die vegetarische Lasagne angekreuzt?“

Oh Scheiße. Sie hat gar nicht nachgesehen. Sie stammelt „Das… äh… also ich kann jetzt nur sagen, was ich auf der Liste habe. Warten sie, ich sehe noch einmal nach.“ und eilt nach draußen auf den Flur. Tatsächlich. Die kriegt heute das mit dem hellen Punkt auf dem Deckel. Sie schnappt sich das richtige Tablett und tauscht es gegen das falsche aus. „Äh… das tut mir echt leid. Ich war schon bei der 310. Die 310 bekommt ja das Schnitzel.“ sagt sie verlegen und sie hat den Eindruck, die Alte würde wissen, dass sie sich einfach bloß vertan hat. Sie beeilt sich die Wohnung zu verlassen und schiebt ihren Wage weiter.

Dritter Stock, Wohnung 310

Sie bleibt mit ihrem Wagen vor der 310 stehen. Das ist die letzte Wohnung auf dieser Etage, die sie heute mit Essen zu versorgen hat. Herbert Homich ist ein kleiner untersetzter Mann, der ihr immer ein wenig Angst macht. Der hat auch irgendwie nicht mehr alle Latten am Zaun. Der ist nicht gewalttätig, oder so. Aber als der ihr an ihrem zweiten Tag die Tür öffnete, hatte der keine Hose und auch keine Unterhose an. Das Teil zwischen dem seinen Beinen würde sie eher bei einem kleinen Pferd vermuten und Lennie würde sicherlich Komplexe kriegen, wenn sie dem von dem Teil von dem Herrn Homich erzählen würde. Sie klopft laut und muss einen Moment warten. Gerade als sie noch einmal klopfen will, wird die Tür geöffnet. „Es ist im Moment wenig Wasser im Rhein. Die Schiffe können dann nicht so viel laden.“ sagt der anstatt guten Tag oder so was. Sie hört zum ersten Mal die Stimme des alten Mannes. Die klingt bei weitem nicht so angenehm wie jene tiefe Stimme von Herrn Schwegat. Sie ist wegen der Worte mehr überrascht, als wegen des Anblicks des alten Mannes. Ohne nachzudenken, sagt sie „Es hat neulich ein paarmal sehr stark geregnet, aber das Wasser ist scheinbar schnell wieder abgelaufen.“ Sie hat Lennies Worte wiedergegeben, die der vor ein paar Tagen in einem ähnlichen Zusammenhang zu ihr sagte. Sie betritt die Wohnung und schielt zu dem alten Mann rüber, der ihr die Tür offen hält. Der trägt ein helles Hemd mit einem andersfarbigen Kragen, wie die der ALDI kürzlich hatte und von denen Lennie behauptet, das wären Yuppi Klamotten. Sie hat es bisher unterlassen, Lennie zu fragen, was dieses Yuppi bedeutet. Sie stellt das Tablet auf den Tisch und will die kleine Wohnung wieder verlassen. Natürlich muss sie jetzt nicht zu dem Mann schielen, der ihr noch immer die Tür offen hält und dabei kann sie natürlich auch Einzelheiten erkennen, die sie vorher nicht sehen konnte, ohne den unhöflich anzustarren. Der Herr Homich trägt zwar eine altmodische weiße Unterhose, aber das Wesentliche hängt unten einfach heraus. Ob der das nicht merkt? Verdammt, der ist da wirklich üppig bestückt. Er blickt sie kurz an und geht dann zum Tisch und sie verlässt mit einem knappen „Tschö.“ die Wohnung. Sie schiebt ihren Wagen wieder zum Personalaufzug, der sich praktischerweise hier im dritten Stock befindet. Der Herr Schwegat war ja mit dem unterwegs, um sich irgendwas zu holen und der wird inzwischen wieder zurück sein.

Kapitel 1 - Im Jahr 1949

Bereits Anfang 1948 wurde auf der Londoner Sechsmächte-Konferenz über die Gründung eines Westdeutschen Staates beraten, was mehr oder weniger der Auslöser der Berlin Blockade der Sowjets war, die West-Berlin abriegelten und Lieferungen nach Berlin unmöglich machten. Erst zum 23. Mai 49, jenem Tag der als offizieller Tag der Gründung der Bundesrepublik Deutschland gilt, wird die Blockade aufgehoben, doch noch bis September wird West-Berlin von den West-Alliierten über die Luftbrücke mit Lebensmitteln versorgt. Der Begriff der Rosinenbomber wird in jener Zeit geprägt und ohne die Luftunterstützung der einstigen Kriegsgegner wären die Menschen in Westberlin von der Versorgung abgeschnitten.

1949 ist weltweit das Jahr der großen Veränderungen. Es werden zahlreiche neue Staaten gegründet, oder Regime kippen und es verändert sich die jeweilige Herrschaft.

Der Kalte Krieg beginnt mit der Zündung der ersten Sowjetischen Atombombe in jene heiße Phase zu gehen, die sich erst mit der Perestroika abkühlen sollte.

Dem ersten Bundeskanzler Konrad Adenauer gelingt es, dass die Abgeordneten des ersten Bundestages bei der Frage nach dem Sitz der Bundeshauptstadt der Stadt Bonn gegen den Vorschlag Frankfurt den Vorzug geben.

Die Katholische Kirche bezieht deutlich Stellung gegen den Kommunismus. Papst Pius XII. bedroht selbst jene Katholiken mit Exkommunikation, die kommunistische Bücher oder Zeitschriften lesen. Die Mitgliedschaft in einer Kommunistischen Partei ist beinahe der sichere Ausschluss.

Noch immer warten hunderttausende Flüchtlinge aus den früheren deutschen Ostgebieten in der SBZ (sowjetisch besetzte Zone) und im Westen in Auffang- und Übergangslagern darauf, ein neues Zuhause im Westen zu bekommen und die warten auch auf Angehörige, die auf der Flucht verloren gingen oder sich im Fall der Männer als ehemalige Soldaten in sowjetischer Gefangenschaft befinden.

Wie gesagt: 1949 war ein sehr ereignisreiches Jahr, aber jedes bemerkenswerte Ereignis aus jenem Jahr aufzuführen, würde ein eigenes Buch erfordern.

Juli - Gefangenenlager bei Kirovskoye/Krim

Die letzten beiden Tage war der Ausbruchsversuch von sieben Kameraden vom früheren Nachschubbatallion das wichtigste Gesprächsthema gewesen und heute Morgen wird ihnen von Generalmajor von Kallenbach und dem russischen Lagerkommandanten persönlich präsentiert, wie wenig erfolgreich der Versuch der Kameraden war und was man mit den Männern gemacht hat. Es waren Kameraden vom 1. und vom 3. Zug des Nachschubbataillons des XII. Armeekorps gewesen, die mit ihnen gemeinsam nach der Schlacht um Minsk vor fünf Jahren in Gefangenschaft geraten waren. Kameraden, die vermutlich die gleichen Gerüchte gehört hatten, dass es möglich wäre, sich über das Schwarze Meer in die Türkei oder nach Persien abzusetzen. Diese Gerüchte kamen gleich nach der Verlegung in das neue Lager hier zwischen Kirovskoye und dem Hafen Ciornomorske auf und vermutlich wurden die von den Wachen gezielt gestreut, damit die ihren Spaß bei der Menschenjagd haben. Aber nach fünf Jahren im Lager Karsochsk hat jeder von ihnen genug in der Gefangenschaft erleiden und erdulden müssen und den Männern um den kleinen und immer zornigen Feldwebel Matthiessen schien es das Risiko wert zu sein. Aber die haben sicherlich nicht damit gerechnet, so zu enden. Ein solches Schicksal hat niemand verdient. Kein Mensch und auch kein Tier. Auch wenn sie rückblickend für so manche schlimme Tat verantwortlich sein mögen, haben sie inzwischen ihre Schuld vielfach gesühnt. Zumindest diejenigen, die diese Strapazen und die ständigen Nachstellungen durch ihre Peiniger überlebt haben. Wie viele sind es gewesen, die im Sommer 44 auf dem langen Marsch von Minsk nach Moskau ihr Leben verloren?! Ein Teil war einfach verhungert und an Erschöpfung gestorben. Andere waren an ihren zum Teil noch nicht mal besonders schlimmen Verletzungen gestorben oder beim kleinsten Aufmucken erschossen oder totgeprügelt worden. Es gab Männer, die geglaubt hatten, die größten Strapazen und die schlimmsten Demütigungen bei der Ankunft in Moskau und der folgenden Zurschaustellung überstanden zu haben, aber das war ein Trugschluss gewesen und selbst dem Dümmsten war bald klargeworden, was man mit ihnen nach dieser Vorführung und Zurschaustellung in Moskau noch vorhatte. Man wollte sie wie Sklaven, oder vielmehr wie Tiere schuften lassen und die Russen verschwendeten in keinem Moment einen Gedanken an ein Mindestmaß an Menschlichkeit. Wie oft hat er sich in den letzten Jahren überlegt, ob es vielleicht doch so etwas wie einen Gott geben mag, der sie alle für ihre Taten zur Rechenschaft zieht und ob das ihre persönliche Hölle ist, in der sie für ihre eigene Unmenschlichkeit leiden müssen.

Er wendet seinen Blick von den sieben Männern ab, deren nackte und grässlich geschundene Körper an den langen Balken wie das Windspiel eines Teufels im Wind baumeln. Wenn er nicht wüsste, um wen es sich bei den Männern handelt, könnte er es unmöglich sagen, ob es nicht auch blutige Kadaver von Tieren sein könnten. An dem tätowierten Arm des Oberfeldwebels Matthiesen ist aber deutlich zu erkennen, um wen es sich handelt und dass die Russen oder vielmehr die Kosaken bei ihrer Jagd Erfolg hatten.

„Wie bei uns Zuhause bei der Herbstjagd, wenn die Strecke gelegt und die Ausbeute präsentiert wird…“ hatte Matthiesen noch vor ein paar Monaten im Lager Karsochsk gesagt (oder sind seither bereits ein paar Jahre vergangen?) als bei einer ähnlichen Vorführung die Körper von ein paar Kameraden der Pioniere zur Schau gestellt worden waren. Nun ist es Matthiesens toter und geschundener Körper, der sich da im Wind dreht und von dem noch ein paar Tropfen Blut auf den staubigen Boden tropfen. Die Kosaken und eine besonders üble Bande schlitzäugiger Tataren, die als Jäger eingesetzt werden, scheinen eine besondere Freude dabei zu empfinden, wenn sie ihre Opfer noch besonders lange quälen und foltern können, bevor sie ihnen endlich die Gnade des Todes erweisen.

Der russische Lagerkommandant ist jetzt endlich mit seiner Ansprache fertig und sie sind entlassen, aber bevor sie wie jeden Morgen ihre jeweiligen Aufgaben aufnehmen können, hört er die laute Stimme ihres Hauptmanns rufen „Rolf, bleib mal hier.“ und so bleibt er stehen, während sich seine Kameraden zur Werkzeugausgabe begeben, um dort wie jeden Morgen Haken, Spaten und schwere Steinhämmer in Empfang zu nehmen. Der Hauptmann wechselt noch ein paar Worte mit dem Oberstleutnant und kommt dann schließlich auf ihn zu. „Du kennst dich doch mit Motoren und dem ganzen Kram recht leidlich aus, oder?“

Er blickt den Hauptmann zweifelnd an und sagt zögernd „Äh… das ist lange her, Herr Hauptmann.“ Sein Vater hatte vor dem verfluchten Krieg eine Schmiede und hat ihm das Schmiedehandwerk und auch das Reparieren von Automobilen von der Pike auf beigebracht. Oft hat er in den letzten Jahren darüber nachgedacht, was aus seinen Eltern und seinen Geschwistern geworden sein mag. Es hat Gerüchte darüber gegeben, dass Ostpreußen verwüstet worden sei. Es sind auch Gerüchte über den Tod von zehntausenden Menschen zu hören gewesen, aber das liegt bereits ein paar Monate (Jahre? Jahrzehnte?) zurück. - Ja, er war einmal gut darin, Maschinen zu richten. Eine Fähigkeit, die in diesem verdammten Krieg aber kaum von Nutzen gewesen war. Da waren andere Fähigkeiten gefragt gewesen. Überleben und am Leben bleiben ist eine davon.

Der Hauptmann blickt ihn nach wie vor an, als erwartet er noch etwas von ihm und so ergänzt der ehemalige Feldwebel Rolf Schwegat „Ich denke schon, dass ich noch immer das eine oder andere richten kann, Herr Hauptmann.“

„Gut Rolf. Die Russen sind um einen Fachmann verlegen, der sich mit so einem Kram auskennt und wir könnten natürlich auch einen von den richtigen Schlossern für die Aufgabe abstellen, aber der Oberstleutnant und ich möchten dafür jemand einsetzen, der die Augen offen hält, der ein bisschen russisch versteht und der vielleicht auch eine Möglichkeit findet, wie man aus diesem verdammten Dreckloch verduften kann, ohne den Kosaken zum Opfer zu fallen. Ich kann mich doch auf dich verlassen, nicht wahr?“

„Natürlich Herr Hauptmann.“

„Gut. Dann meldest du dich jetzt bei Kapitan Tubajew, der dir deine neue Aufgabe zuweisen wird. Wenn er dich wegen deinen Kenntnissen fragt, kannst du ruhig ein bisschen übertreiben. Sag ruhig, du wärst fast Ingenieur gewesen und bloß wegen dem Krieg nicht fertig geworden. Dir wird da sicherlich schon was Passendes einfallen, nicht wahr Rolf?“

„Ich denke schon, Herr Hauptmann. Ich muss nur bei der Wahrheit bleiben. Sie wissen ja, dass mein Vater mehr von Autos und Motoren wusste, als jeder Ingenieur.“

„Gut. Dann halte die Augen und Ohren offen und … na ja, du wirst das wie immer erledigen. Wenigstens brauche ich mir bei dir keine Sorgen zu machen. Nun geh und lass den Kapitan nicht warten.“

„Schon gut, Herr Hauptmann. Ich werde mich bei Kapitan Tubajev melden. Vielleicht gibts ja bei denen wirklich was für mich zu tun und vielleicht kann ich mich ja auch dort nützlich machen. Vor allem ist es ja auch besser, als den ganzen lieben langen Tag diesen verdammten Kanal zu graben, nicht wahr, Herr Hauptmann.“

„Allemal Rolf. Allemal! Und jetzt sieh zu, dass du den Kapitan Tubajev nicht warten lässt.“ Der Hauptmann wendet sich ab und ruft dem Stabsfeld Heese ein paar Anweisungen zu, die Rolf aber nicht mehr interessieren. Natürlich ist es tatsächlich allemal besser, etwas anderes zu machen, als bei dieser Affenhitze mit einem stumpfen Spaten zähen Lehm aus dem Boden zu graben. Es ist eine Tätigkeit, die sie fast alle seit dem Beginn ihrer Gefangenschaft tagein, tagaus von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang zu absolvieren haben. Zuerst irgendwo in der dürren Steppe nördlich des Aralsees. Ihre Aufgabe hatte darin bestanden, einen Kanal zu dem großen meerähnlichen See zu graben, in dem dann Rohre verlegt worden waren, um die Steppe zu bewässern. Und jetzt hat man sie hier her verlegt, um wieder einen Kanal zu bauen. Tief genug, um schwere Kriegsschiffe auf der Krim verstecken zu können. Sie sind Werkzeuge, die man nach Belieben einsetzen kann und das ist genau das, was der Russe mit ihnen macht. Hauptmann Bender hat es einmal zum Beginn ihrer Gefangenschaft in seiner knappen ostpreußischen Art auf den Punkt gebracht, als er sagte „Unser Führer erwartete von uns, dass wir einen Krieg führen und den gewinnen. Wir waren seine Werkzeuge und wir waren nicht gut genug. Jetzt erwartet der Iwan, dass wir für ihn Werkzeuge sind, um diesen verfluchten Scheiß Kanal zu bauen. Wer hier schlapp macht, wird auf der Strecke bleiben. Gebe uns Gott, dass wir dieses Mal nicht versagen.“

Rolf kann sich zwar noch immer nicht damit anfreunden, als Soldat versagt zu haben, denn das würde bedeuten, all die Menschen, die er während des Krieges getötet hat und die ihn regelmäßig nachts heimsuchen, um ihm den Schlaf zu rauben, umsonst getötet zu haben. Töten kann er mindestens ebenso gut, wie Maschinen reparieren. Er ist richtig gut darin gewesen, sich beinahe völlig lautlos und fast unsichtbar in die Stellungen des Gegners zu schleichen und dessen Wachen mit seinem Dolch oder einer Drahtschlinge zu töten. Er hat dabei nicht ein einziges Mal versagt und ihnen so manchen taktischen Vorteil gebracht. Aber letztlich hat es nichts genützt. Als sie im Juli 44 gemeinsam mit der 4. Armee ihren Teil des Krieges verloren und in Gefangenschaft gerieten, verlor diese Fähigkeit jede Bedeutung. Oft genug muss er an die junge hübsche Russin denken, die er mit seiner Drahtschlinge erdrosselt hatte, als die deren MG Stellung bewachte. Warum setzten die Russen auch hübsche junge Frauen als Soldaten ein, verdammt!? Die junge Russin, der er mit der Drahtschlinge fast den schlanken Hals durchtrennt hatte, ist seine häufigste nächtliche Besucherin. Ihr hübsches Gesicht mit dem verzweifelten Ausdruck lässt ihn oft genug in seinem Schlaf aufschrecken und nicht selten ruft sie dabei verzweifelt „Njet! Zapasnoy! Njet “ Dabei hatte sie tatsächlich noch nicht einmal den geringsten Laut von sich geben können. Er war präzise wie immer gewesen. Rolf Schwegat war damals noch Obergefreiter und am Anfang seiner tödlichen Laufbahn, in der er es schließlich bis zum Zugführer der Aufklärungseinheit brachte. Immer ganz vorne und immer mitten drin, wenn es darum ging, seine besonderen Fähigkeiten anzuwenden.

Er steht vor der Baracke des kommandierenden Offiziers auf ihrem Abschnitt und kann in dem vergitterten und vom Schmutz fast blinden Fenster vage das Spiegelbild eines alten Mannes in zerrissenen und verschlissenen Lumpen sehen. Lumpen, die einst einmal die feldgraue und manchmal grün schimmernde Wehrmachtsuniform eines jungen Mannes gewesen sind. Ein Mann, der vor elf Jahren nach seiner Zeit bei der HJ in 1938 mit 17 zur Infanterie eingezogen wurde, obwohl er in der Schmiede und der Werkstatt seines Vaters hätte arbeiten sollen. Ein Mann, der in diesen elf Jahren um mehr als ein Menschenalter älter geworden ist und der nichts mehr mit dem jungen Mann von damals gemein hat, wenn man einmal von dem Namen Rolf Schwegat absieht. Das schlecht erkennbare Spiegelbild passt eher zu einem 40 oder 50-jährigen, als zu einem 28-jährigen und könnte er die graublauen Augen erkennen, wären es nicht nur die Krähenfüße in den Augenwinkeln und die dunklen Schatten, die ihm auffallen würden. Diese Augen haben mehr Elend und Tod gesehen, als ein Mensch sehen sollte.

„Chto? Zakhodi!“ die laut gerufene Aufforderung die Baracke zu betreten, reißt ihn aus seinen Gedanken und erlöst ihn von den Erinnerungen an die namenlose junge Frau, deren Tod im Nachhinein so sinnlos gewesen ist. Er öffnet die quietschende Tür und betritt den spärlich eingerichteten Raum und nimmt Haltung an. Er hat sich in den letzten Jahren einen bescheidenen Wortschatz der russischen Sprache angeeignet, um den Hauptmann mit einer ordentlichen Meldung zu begrüßen. „Dobryy den', tovarishch Kapitan.“ Es ist immer nützlich, Offiziere mit dem nötigen Respekt zu behandeln und es ist völlig unerheblich, ob es sich dabei um deutsche oder russische Offiziere handelt. Der kleine und glatzköpfige Mann mit der Nickelbrille hinter dem Schreibtisch ist da keine Ausnahme. Der wedelt mit der linken Hand und sagt in beinahe akzentfreiem Deutsch „Du kannst bequem stehen. Kapitan Bender sagt, du wärst gut darin, Dinge zu reparieren und du wärst gut darin, zu improvisieren.“

Es ist keine direkte Frage, sondern eher eine Feststellung und so nickt er lediglich und brummt eine vage Zustimmung.

„Gut. Dann wirst du dich mit diesem Schreiben bei Serschant Obilow melden. Der wird dir dann zeigen, was zu tun ist und wenn der Serschant mit dir zufrieden ist, wirst du ihm zukünftig unterstellt.“ Der Hauptmann, oder vielmehr der Kapitan schiebt ihm einen Zettel über den Tisch zu. Damit ist er entlassen und so nimmt er noch einmal Haltung an und salutiert, wie es die Rotarmisten tun. Der Gruß mit der ausgestreckten Hand ist von ihm schon lange nicht mehr praktiziert worden und würde nur zu Problemen führen, die er zuvor nicht hatte. Niemand benutzt mehr den sogenannten Hitlergruß. Nicht mal mehr den deutschen Offizieren gegenüber. Er verlässt die Baracke und geht zu den Schuppen hinüber, in denen sich die wenigen Maschinen befinden, die ihnen für die schwere und anstrengende Arbeit zur Verfügung stehen und von denen die meisten mehr oder eher weniger gut funktionieren. Es liegt nur zum Teil an der Technik, denn eigentlich sind die russischen Maschinen ziemlich robust. Die Ursache für die häufigen Ausfälle liegt eher im Umgang und der Wartung der Maschinen. Aber bislang war ihm das ziemlich egal. Er war ja schließlich nicht für die Maschinen verantwortlich gewesen. Bereits bevor er den Schuppen erreicht, tritt einer der russischen Feldwebel aus der breiten Tür. Er kennt den riesigen Mann vom Sehen, hatte mit dem aber bisher noch nichts zu tun und wenn man sich den Kerl mit den großen Pranken und den beindicken Armen so ansieht, ist das auch gut so. „Hast gelasse Zeit, Gospodin. Dawei! Nix schlaf bei Laufe. Dawei!“ Die tiefe und laute Stimme passt zu dem ungeduldigen Kerl, der ihn um mehr als einen Kopf überragt. Rolf folgt dem Mann in den Schuppen, in dem sich die traurigen Überreste von so manchem Motor an der hinteren Wand stapeln und wo einer der beiden großen Raupentraktoren des Lagers halb zerlegt in einer großen Lache Öl steht. Der Schatten des großen Serschants verdunkelt einen Moment den Schuppen, als der sich neben ihn stellt und auf das Wrack des Traktors deutet „Du kannst remont?“

„Da Serschant. Aber ich brauche dafür ein bisschen Zeit und vielleicht auch ein paar Teile.“

„Ne poydet! Nix Zeit - nix Teile. Was fehle musste machen. Ty eto ponyal?“

Rolf nickt zum Zeichen dafür, dass er sehr wohl verstanden hat, wo das Problem liegt. Die haben irgendwo bei der Reparatur des Raupentraktors einen kapitalen Fehler gemacht und haben keine Ahnung, wie die das Gerät wieder auf die Reihe bekommen. Er hat verstanden, dass er aus Scheiße Gold machen muss und er hat verstanden, was Kapitan Tubajev meinte, als er die Bemerkung mit der Zufriedenheit des Serschanten machte. Aber er hat kein Problem damit, wenn sich der riesige Serschant mit seinen Leistungen schmücken kann. Er hat ein ganz anderes Ziel. Auch der Anblick der geschundenen und misshandelten Kameraden kann den Gedanken an Flucht nicht endgültig verdrängen und je besser sie vorbereitet sind, desto eher wird die Flucht auch gelingen. Im Lager Karsochsk war an Flucht nicht zu denken gewesen. Das Land rings um das Lager war flach wie ein Spiegel und im Sommer heiß wie ein Backofen und im Winter wie ein Eiskeller. Hier auf der Krim sieht das alles anders aus. Rolf blickt den Serschanten von unten an und deutet auf die linke Wand, wo ein paar krumme Holzbohlen, die man auf drei aufrecht stehende Ölfässer gelegt hat, eine Art Werkbank bilden. In seinem besten Russisch sagt er mit kleinen Pausen zum Überlegen der richtigen Wörter „Ich werde Werkzeug brauchen, Towarisch Serschant und ich werde einen Schraubstock und vielleicht auch einen kleinen Amboss brauchen. Meinst du, dass ihr mir das besorgen könnt?“

„Nemaye problem. Ich werde das besorgen und du fängst gleich an.“ Noch während er spricht, dreht sich der Riese um und verlässt den Schuppen und weil er sich sowieso einen Überblick über das angerichtete Chaos machen muss, beginnt er sofort damit, den vorderen Bereich des Raupentraktors freizuräumen. Es dauert nicht lange, bis er die eigentliche Ursache des Schadens sieht und seine Hoffnung schwindet, das Problem mit einfachen Mitteln beheben zu können. Die Öllache stammt natürlich vom Motor. So viel war ihm bereits vorher klar. Aber nach einer ersten Sichtung ist zu erkennen, dass dieser Motor nicht mehr reparabel ist. Über die eigentliche Ursache des Kolbenfressers mit einem Pleuel-Abriss kann er nur spekulieren und es spielt letztlich auch keine große Rolle. In der Seite des Fünfzylinder Gegenkolbenmotors haben sich am ersten und am dritten Zylinder die Kolben und die gerissenen Pleuelstangen des langhubigen Motors einen Weg ins Freie gesucht und gefunden. Der Motor ist nur noch ein Haufen irreparables Eisen. Bestenfalls lässt sich von den Anbauteilen noch etwas verwenden. Die Motoren, die an der Rückwand des Schuppens stehen, sehen bei näherer Betrachtung auch nicht besser aus. Die scheinen alle ein Problem mit den Kolben zu haben, oder vielleicht auch mit demjenigen, der diesen Traktor fährt, denn so eine Häufung ist schon ungewöhnlich. Bei zwei Motoren ist er sich sicher, hier wenigstens den Block verwenden zu können, weil der Schaden des einen Motors die Abtriebswelle betrifft und der andere Motor im Bereich des oberen Kurbelgehäuses zerstört ist. Der Bereich der Zylinder sieht noch halbwegs intakt aus und so blickt er sich nach einer Hebemöglichkeit um, mit der er den Motor anheben und auf die provisorische Werkbank hieven könnte. Ein schwerer Kettenzug ist auf der anderen Seite des Schuppens mit einem kleinen Schwenkgalgen an der Wand befestigt und muss nur noch an dem Raupentraktor neu befestigt werden. Mit dem wenigen Werkzeug, das ihm hier zur Verfügung steht, begibt er sich daran, den Galgen für den Kettenzug am Rahmen des Raupentraktors zu befestigen. Diese Arbeit beschäftigt ihn für die nächsten Stunden und zum ersten Mal seit vielen Jahren hat er den Eindruck, etwas Sinnvolles und Nützliches zu tun. Es spielt dabei auch keine Rolle, dass er dabei dem einstigen Feind hilft; dem Gegner so vieler Kämpfe und Gefechte. Noch bevor es im Schuppen so dunkel ist, dass er nichts mehr sehen kann, gelingt es ihm, den zerstörten Motor mit den vorhandenen Mitteln aus dem Raupentraktor herauszuheben und auf der improvisierten Werkbank abzulegen.

Es hat ihm nichts ausgemacht, im Schuppen alleine gearbeitet zu haben. Er ist es gewöhnt, alleine vorzugehen und er ist sowieso nicht davon ausgegangen, von einem der Russen Hilfe zu bekommen. Gerade als er den einen der beiden weniger schwer beschädigten Motoren mit Hilfe des Kettenzuges über ein Brett in den Schwenkradius des Kettenzuges ziehen will, kommt Serschant Obilow in Begleitung von vier anderen Gefangenen in den Schuppen. Einer der Männer trägt einen Kasten und so, wie es in dem Kasten klimpert, kann der nur Werkzeuge enthalten. Die drei anderen Männer tragen einen schweren Schraubstock, der auf einer Art Bock befestigt ist und mit dem die sich ordentlich abmühen. Rolf, der die Männer nur vom Sehen kennt, deutet auf das linke Ende der provisorischen Werkbank „Stellt den Schraubstock dort ab. Ihr könnt mir dann gleich dabei helfen, den Motorblock dort drüben auf die Werkbank zu heben. Das ist besser, als wenn ich das morgen Früh alleine machen muss.“ Die Hierarchien und Strukturen der Wehrmacht funktionieren auch noch in den Lagern mehr oder weniger und als Feldwebel ist er den einfachen Mannschaftsdienstgraden noch immer vorgesetzt. Das vereinfacht so manches. Bevor es dunkel ist. haben sie die Motoren auf der provisorischen Werkbank so angeordnet, dass er morgen direkt loslegen kann.

..::I::..

Es ist lange vor dem Wecken, als Rolf am nächsten Morgen aufwacht. Er kann es kaum erwarten, mit dem Motor weiterzumachen. Die vier Männer hatten ihm gestern Abend dabei geholfen, den Motor mit der abgerissenen Abtriebswelle auf die wacklige Werkbank zu heben. Aber er konnte wegen der einsetzenden Dunkelheit nicht mehr genug sehen, um den Motor zu zerlegen. Weil sie ihre zugige Baracke nicht vor dem Wecken verlassen können, ohne von den Wächtern mindestens verprügelt zu werden, liegt er ungeduldig noch einen Moment auf der harten Pritsche. Er hatte in der vergangenen Nacht keinen Besuch! Er ist sich mit einem Mal sicher, in der letzten Nacht nicht von den Geistern jener Menschen heimgesucht worden zu sein, die er einst hinterrücks tötete. Er hat vielleicht geträumt, aber es war wohl kein Albtraum dabei. Ist es die Aussicht, sich endlich mit einer sinnvollen Aufgabe beschäftigen zu können, die ihm seine allnächtlichen Besucher vertrieben hat?

Nach dem kargen Frühstück und dem anschließenden Antreten begibt er sich fast ungeduldig zu dem Schuppen, in dem der Raupentraktor darauf wartet, wieder neues Leben eingehaucht zu bekommen. Vielleicht gelingt es ihm ja, einen Toten zum Leben zu erwecken. Nicht wie Jesus es laut der Bibel mit Lazarus tat, sondern eher wie der Schauspieler Bela Lugosi in jenem Film, den sie zum Beginn des Krieges von der Truppenbetreuung zu sehen bekamen. Dieser Frankenstein schuf ein Wesen aus den Teilen von Toten Menschen. Er verbringt den ganzen Tag damit, die beiden Motoren in ihre Einzelteile zu zerlegen. Serschant Obilow lässt ihm dabei völlig freie Hand und lässt sich nur gelegentlich blicken. Vermutlich, um seinen Vorgesetzten zu zeigen, dass er nicht irgendwo in der Ecke liegt und schläft. Eine Hilfe wäre der riesige Serschant mit den Händen, groß wie Bratpfannen und Fingern dick wie Würste ohnehin nicht. Was sich die Russen dabei gedacht haben, den ausgerechnet mit der Wartung von Maschinen zu beauftragen, muss er nicht verstehen und es interessiert ihn auch nicht. Er hat ein Ziel und er hat eine Idee, die ihnen noch von Nutzen sein kann. Eine Idee, die sich morgens allmählich ohne sein Zutun zu entwickeln begonnen hatte und die über den Tag hinweg gewachsen war. Wie Unkraut hatten sich Szenarien in seinem Kopf breit gemacht. Immer wieder hatte er sich und eine Auswahl von Männern in seinem Kopf dabei beobachten können, wie sie mit dem Raupentraktor den Zaun des Lagers platt walzen. Aber je später der Tag wurde, desto dümmer und undurchführbarer kam ihm seine Idee dann vor. So hat er als einzig greifbares Ergebnis dann zum Abend hin einen Haufen Motorteile, die er auf der Werkbank ausgebreitet hat und natürlich seine rabenschwarzen Hände und ein dreckverschmiertes Gesicht vorzuweisen. Er holt sich vor der kleinen Küchenbaracke seine Ration für den Abend und noch einen kleinen Kanten Brot, den ihm Hauptmann Bender auf den Blechteller legt. Er nickt dem Hauptmann dankbar zu und setzt sich in der Nähe der Baracke auf eine Kiste, die einmal Konserven enthalten hatte. Der Hauptmann stellt sich neben ihn und fragt von oben herab „Ich habe gehört, du hast den Traktor getötet und ihm seine Eingeweide herausgerissen. Kriegst du den auch wieder zusammen?“