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Sommer 2026. Der 43-jährige Christof ist ein talentierter, aber nur mäßig erfolgreicher Schauspieler. Seit 2014 spielt er in der Daily Soap mit dem Namen 'Liebe macht blind' in einer Nebenrolle einen bislang nur mäßig wichtigen Charakter. Er könnte deutlich mehr leisten, was er bereits einmal in einer Tatortfolge unter Beweis stellte, als er einen Mörder, oder vielmehr einen Berufskiller, spielen durfte. Aber das ist lange her und man erinnert sich eher an seine Auftritte in Werbeclips und der Soap. Ausgerechnet dann, als er in der sehr trivialen Serie 'Liebe macht blind' die Chance erhält, mit seiner Rolle einer der Hauptdarsteller zu werden, wird seine Rolle gestrichen und er verliert den Job. Sommer 2026. Vor zwei Jahren beendete die Bundesrepublik Deutschland ihre 75-jährige Existenz. Der halbherzige Versuch, in dem historisch gewachsenen und seit Jahrhunderten bestehenden Flickenteppich kleindeutscher Einzelinteressen eine demokratische Ordnung zu erhalten, scheiterte an der Gier und der Unfähigkeit der Politik und an der Einflussnahme globaler Interessen. Die Direktoriale Germanische Republik hat deren Platz eingenommen und diese wird nach antikem römischem Vorbild von einem quasi machtlosen Senat regiert, dem der Erste Konsul vorsteht. Ähnlich wie seine antiken Vorbilder aus der römischen Kaiserzeit, verfügt der Erste Konsul über eine große Machtfülle. Ähnlich wie bei seinen antiken Vorbildern, wird das Volk durch Brot und Spiele bei Laune gehalten und abgelenkt. Neben dem obligatorischen Fußball und ähnlichen medienwirksamen Sportveranstaltungen, stellen inhaltslose Seifenopern wie in den Jahrzehnten zuvor, auch in 2026 einen wichtigen Bestandteil der Unterhaltungsindustrie dar. Wenn dem Publikum das Schicksal fiktiver Gestalten solcher Serien wichtiger sind, als das eigene Leben, haben Regisseure, Produzenten und Politiker alles richtig gemacht. Dann können sich diejenigen, die den Filmemachern und Politikern den Auftrag dazu erteilten, in aller Ruhe darum kümmern, noch mächtiger zu werden. Doch ohne Christof. Der braucht dringend einen neuen Job und ein Tipp bringt den naiven Christof zu dem ehemaligen Jazz Musiker Karl 'Carlo' Vestin, der in Berlin eine ehemalige Lagerhalle bewohnt und der ihm eine Anstellung verspricht, bei der seine Fähigkeiten als Schauspieler gefragt sind. Christof versteht zwar nicht, was der eigentliche Zweck der Anstellung sein soll, aber mangels attraktiver Alternativen entscheidet er sich, für den merkwürdigen alten Mann zu arbeiten. Aber dann erhält er die Nachricht, der exzentrische und skurrile Vestin sei während einer Chinareise verstoben und Christofs Leben hängt mit einem Mal von seinen schauspielerischen Qualitäten ab …
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Seitenzahl: 768
Veröffentlichungsjahr: 2022
Hartmut Emrich
TV Kills The Fantasy
oder Liebe macht blind
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Kapitel 1 - Blind, stumm und taub
Kapitel 2 - Wissen ist Macht
Kapitel 3 - Zombie Walk
Kapitel 4 - Berliner Luft
Kapitel 5 - Der Unsinn des Lebens
Kapitel 6 - Alte Spuren - neue Wege
Epilog
Appendix
Impressum neobooks
Hartmut Emrich
Ein Roman
TV Kills The Fantasy
oder
Liebe macht blind
Sommer 2026.
Der 43-jährige Christof ist ein talentierter, aber nur mäßig erfolgreicher Schauspieler. Seit 2014 spielt er in der Daily Soap mit dem Namen ’Liebe macht blind’ in einer Nebenrolle einen bislang nur mäßig wichtigen Charakter. Er könnte deutlich mehr leisten, was er bereits einmal in einer Tatortfolge unter Beweis stellte, als er einen Mörder, oder vielmehr einen Berufskiller, spielen durfte. Aber das ist lange her und man erinnert sich eher an seine Auftritte in Werbeclips und der Soap. Ausgerechnet dann, als er in der sehr trivialen Serie ’Liebe macht blind’ die Chance erhält, mit seiner Rolle einer der Hauptdarsteller zu werden, wird seine Rolle gestrichen und er verliert den Job.
Sommer 2026.
Vor zwei Jahren beendete die Bundesrepublik Deutschland ihre 75-jährige Existenz. Der halbherzige Versuch, in dem historisch gewachsenen und seit Jahrhunderten bestehenden Flickenteppich kleindeutscher Einzelinteressen eine demokratische Ordnung zu erhalten, scheiterte an der Gier und der Unfähigkeit der Politik und an der Einflussnahme globaler Interessen. Die Direktoriale Germanische Republik hat deren Platz eingenommen und diese wird nach antikem römischem Vorbild von einem quasi machtlosen Senat regiert, dem der Erste Konsul vorsteht. Ähnlich wie seine antiken Vorbilder aus der römischen Kaiserzeit, verfügt der Erste Konsul über eine große Machtfülle. Ähnlich wie bei seinen antiken Vorbildern, wird das Volk durch Brot und Spiele bei Laune gehalten und abgelenkt. Neben dem obligatorischen Fußball und ähnlichen medienwirksamen Sportveranstaltungen, stellen inhaltslose Seifenopern wie in den Jahrzehnten zuvor, auch in 2026 einen wichtigen Bestandteil der Unterhaltungsindustrie dar. Wenn dem Publikum das Schicksal fiktiver Gestalten solcher Serien wichtiger sind, als das eigene Leben, haben Regisseure, Produzenten und Politiker alles richtig gemacht. Dann können sich diejenigen, die den Filmemachern und Politikern den Auftrag dazu erteilten, in aller Ruhe darum kümmern, noch mächtiger zu werden.
Doch ohne Christof. Der braucht dringend einen neuen Job und ein Tipp bringt den naiven Christof zu dem ehemaligen Jazz Musiker Karl 'Carlo’ Vestin, der in Berlin eine ehemalige Lagerhalle bewohnt und der ihm eine Anstellung verspricht, bei der seine Fähigkeiten als Schauspieler gefragt sind. Christof versteht zwar nicht, was der eigentliche Zweck der Anstellung sein soll, aber mangels attraktiver Alternativen entscheidet er sich, für den merkwürdigen alten Mann zu arbeiten. Aber dann erhält er die Nachricht, der exzentrische und skurrile Vestin sei während einer Chinareise verstoben und Christofs Leben hängt mit einem Mal von seinen schauspielerischen Qualitäten ab …
© Hartmut Emrich 2019
Erste Ausgabe Februar
All rights reserved
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Buchgestaltung:
Hartmut Emrich
Umschlaggestaltung:
Hartmut Emrich
Inhalt:
Hartmut Emrich
Idee:
Hartmut Emrich
Vorlage:
Hartmut Emrich
Titelbild:
Hartmut Emrich
Eigenes Bild; ohne Rechte Dritter
Im Titelbild verarbeitet
Freie Images von Pixabay und eigene Bilder
© All pictures and stories are under copyright by Hartmut Emrich
Composers of ‚Too much Television: Sean Kelly, Jim Kelly
© Simple Minds 2005 published by: GMW Music/Bucks Music Group Limited http://www.simpleminds.org/sm/songs/b...
© Hartmut Emrich MMIXX
Noch ein Hinweis in eigener Sache! Leider habe ich keinen Einfluss auf die Darstellung oder Formate unterschiedlicher E-Book Reader und so kann es durchaus sein, dass die Darstellung und die Formatierung auf ihrem Reader nicht jener entspricht, die ich vorgesehen habe. Das wäre schade und sollte es tatsächlich so sein, bitte ich sie von vornherein um Entschuldigung.
Watching all the time.
Watching.
Watching all the time.
I saw the first man walk on the moon,
'Cause my Daddy got me up to watch it on the TV.
There some faces I know better than my own - I haven’t even met them.
I get the feeling someone's making a fool out of me,
I watch too much television.
Too much television.
Watching television.
Another piece of history sprayed through the back of my eyeballs. Another chunk of the universe bounced into my retina.
From The Beatles, to bombs, birds, stats, cornflakes, models, governments, starvation, battleships, cartoons, "Drink Beer", "Eat This" "Drive That", "Buy This" - it's a polyunsaturated shampoo whitewash.
Too much television.
Television.
Too much television.
I love watching television.
Maybe he's dressed in black,
Walking through the sleep.
Slipping through the cracks,
Nothing's what it seems.
Feels as if vibrating,
Someone's in the ???.
Sounds if something coming,
There's nothing there at all.
She's levitating.
I can feel it flowing through the walls,
I can feel it flowing through the ceiling.
Too much television,
I can feel it dripping out the sockets.
I love watching television,
I can feel it change the way I'm feeling.
Still watching television.
I love watching television.
Too much television.
I love watching television.
Still watching television.
Television.
Watching all the time.
composers: Sean Kelly, Jim Kelly
© Simple Minds 2005
published by: GMW Music/Bucks Music Group Limited
http://www.simpleminds.org/sm/songs/b...
Für meine Rosi, die im Augenblick (November 2018) ein angebrochenes Nasenbein und ein blaues Auge hat. Daran trage ich aber keine Schuld. Da war ein Pferdekopf im Weg.
Fernsehen bildet. Immer, wenn der Fernseher an ist, gehe ich in ein anderes Zimmer und lese.
Groucho Marx (1890 bis 1977)
Amerikanischer Entertainer und Schauspieler
Fernsehen ist fabelhaft. Man bekommt nicht nur Kopfschmerzen davon, sondern erfährt auch gleich in der Werbung, welche Tabletten dagegen helfen.
Bette Midler (geb. 1945)
Amerikanische Schauspielerin und Autorin
Die Öffentlich-Rechtlichen machen sich in jede Hose, die man ihnen hinhält, und die Privaten senden das, was darin ist.
Dieter Hildebrandt (1927 - 2013)
Deutscher Kabarettist, Schauspieler und Autor
Und nun viel Spaß mit der Geschichte.
Hartmut Emrich
St. Goar, März 2018
Natürlich ist die Technik in den nächsten Jahren ein wenig vorangeschritten. Um die Begriffe zu verstehen, die im Buch Verwendung finden, habe ich diese kleine Übersicht zusammengestellt.
Parteizentrale der DDP, Berlin / Montag 23. September 2024
„Ilse? Hallo? Hörst du mich?“
Wegen der unterirdisch schlechten Mobilverbindung verärgert, wirft er einen Blick auf den Arm Screen, auf dem jetzt die Rufnummer, der Name und ein automatisch generiertes Bild der Bundespräsidentin angezeigt werden, aber es ist keine Überraschung, wenn keine Verbindung zustande kommt. In seinem Ohr ist noch nicht einmal ein Rauschen zu hören. Es ist lästig und es ist beschämend, wenn die Infrastruktur des mobilen Telefonnetzes und des mobilen Internets nicht dem internationalen Standard entsprechen. Im Bereich der mobilen Kommunikation und des mobilen Internets ist Deutschland nach wie vor schlechter, als die sogenannten Entwicklungsländer. Selbst in Afrika sind die überall weiter. Das war vor sechs Wochen eines der Top Themen gewesen, als er sich mit den Regierungschefs der westafrikanischen Staaten in der ghanaischen Hauptstatt Accra traf. Man hatte derbe Scherze auf Kosten der Deutschen gemacht und auf die zum Teil 90-prozentige Anschlussquote der westafrikanischen Küstenstädte mit Glasfaser-Verbundnetzen hingewiesen, während ein Land wie Deutschland gerade mal 70 Prozent in den Ballungsräumen und 20 Prozent Abdeckung in den ländlichen Regionen vorweisen kann. Von den Funknetzen ganz zu schweigen. Schnelles Internet mit einer Übertragungsrate von mindestens zehn Megabit in der Sekunde sind dort Standard, während in Deutschland die Telekom über Jahrzehnte staatliche Subventionen dazu benutzt hat, um ungehörig hohe Managergehälter für Manager zu zahlen, die als Quotenmanager auf unnötige Managementposten saßen; um Politiker zu schmieren und ihre Marktanteile in anderen Ländern auf dem Globus auszubauen. Aber dem wird er bald ein Ende bereiten. Jetzt, wo die DDP die absolute Mehrheit im Bundestag erreicht hat, haben sie die Möglichkeit für einen Neuanfang.
Er unterbricht den Versuch, die Bundespräsidentin anzurufen und tippt eine Notiz in die projizierte Tastatur auf seinem Unterarm. Er hat die Eingabe gerade beendet, als ‚Ilse Berg-Brückner eingehender Ruf’ angezeigt wird. Ein mögliches Bild ist unterdrückt. Wer weiß, wo die sich wieder mit wem herumtreibt.
„Ilse! Hörst du mich jetzt?“
„Rolf, was soll das? Ich bereite mich gerade auf die Pressekonferenz vor.“
Er ballt seine rechte Hand zu einer Faust und atmet einmal tief ein und wieder aus. Diese arrogante Kuh! Es hätte doch ausgereicht, den Ruf nicht anzunehmen, wenn die keine Zeit hat. Oder sie hätte ihm eine Notiz schicken können. Aber nein. Die ruft zurück, um ihm zu sagen, dass die keine Zeit hat, mit ihm zu reden. Wieder einmal zeigt die ihm, für wie unwichtig er in ihren Augen ist. Ein Emporkömmling. Ein Seiteneinsteiger auf das politische Parkett, der eher aus einem Zufall, vor vier Jahren die DDP zum damaligen Wahlsieg führte und der Deutschland in den letzten vier Jahren, in der Koalition mit den Freien Wählern, erfolgreich auf einen neuen Kurs brachte. Ein Mann aus der Wirtschaft, der zufällig zur richtigen Zeit die richtigen Entscheidungen traf. In Ilse Brückners Augen ist er noch immer ein Niemand. Und das ärgert ihn tatsächlich. Aber Ilse Brückner und ihr Amt haben sich bald überlebt. Die ist ein Relikt einer Zeit, als Bundespräsidenten, oder in deren Fall eben Bundespräsidentinnen, in Deutschland großes Ansehen genossen. Das mit der Bundespräsidentin wird sich bald erledigt haben. Er hat sein neues Konzept längst ausgearbeitet, in dem solche Menschen wie Ilse Brückner und all die anderen hochnäsigen Lobbyisten und Gefälligkeitspolitiker, keinen Platz mehr haben. Wenn zum Jahreswechsel die Notstandsverordnungen auf den Weg gebracht werden, ist die bereits Geschichte. Dafür ist bereits gesorgt.
Seit dem Bruch der großen Koalition im Sommer 2020 und den notwendigen Neuwahlen im September danach, hat sich Deutschland bereits wahrnehmbar verändert. Und in aller Bescheidenheit kann er sich diesen Erfolg beinahe alleine zuschreiben. Es war die Politik der Lobbyisten und der Einfluss der Araber, der Amerikaner und der Großbanken, die Europa vor vier Jahren an den Rand des Abgrundes brachten. Und es waren seine langfristig angelegten Pläne, die seither dafür gesorgt haben, dass sich Deutschland wenigstens zum Teil vom Joch der industriehörigen Politik und der großen Abhängigkeit Brüsseler Netzwerkpolitik befreien konnte. Es ist die Summe aller Projekte, die er vor vier Jahren auf den Weg brachte und die ihn jetzt zum mächtigsten Mann Europas werden ließen. Zum Ärgernis der großen Rivalen in Amerika, Asien und auch Russland. Er ist der Stolperstein für die Amerikaner. Er ist der Splitter im Fleisch der Chinesen. Und er ist der lästige Floh im Fell des russischen Bären. Aber es geht ihm nicht darum, die mächtigen Nationen herauszufordern. Es geht ihm nicht um einzelne Nationen oder nur um einen einzelnen Kontinent. Es geht ihm um wesentlich mehr.
Ein Klopfen an der Tür lässt ihn von seinem Schreibtisch aufstehen und in Richtung Tür gehen. Er atmet dabei tief ein und aus und geht im Kopf noch einmal die wichtigsten Stichworte für die Pressekonferenz durch, in der er sich den Medienvertretern stellen wird. Die Auswahl der Zulassung für die PK soll dafür sorgen, dass möglichst keine provokanten und boshaft kritischen Fragen gestellt werden. Dafür haben seine Mitarbeiter gesorgt. Diese wirkungsvollen Maßnahmen haben ihm in den letzten vier Jahren geholfen und ihm nun diesen überwältigenden Wahlsieg ermöglicht. Als er sich aber der Tür nähert und die laute Stimme einer Frau hört, bleibt er irritiert stehen. Eigentlich sollte Zoltan Petrović jetzt dort vor der Tür stehen, um ihn für die PK abzuholen.
„Hallo? Herr Wackernagel?“ sogar durch die wirkungsvolle Dämmung kann er die schrill gerufenen Worte der Frauenstimme verstehen. Natürlich! Er erkennt die Stimme. Wie oft hat er sich in den vergangenen Jahren gefragt, wie sich eine Frau mit einer so entsetzlichen Stimme nicht einen der neuen Stimm-Modulatoren implantieren lässt. Oder wenigstens einen anderen Beruf wählt, bei dem es nur auf das Aussehen und nicht auf die Stimme ankommt. Die schrille Chefredakteurin von CEN lässt jetzt nicht locker und versucht es jetzt auch noch über den Multi! Und die hat offenbar ein besseres Netz als er. Der Ruf wird am Handgelenk angezeigt. Die gibt einfach nicht auf. Diese verfluchte Verfechterin der Pressefreiheit immer und überall. Was hat die an ‚Ich habe jetzt keine Zeit!‘ nicht verstanden? Einen Tag nach dem geschichtlich bedeutsamen sensationellen Abschneiden seiner Partei, gibt es wichtigere Aufgaben für ihn, als sich um die Befindlichkeiten eines einzigen Nachrichtensenders zu kümmern. Oder des oft bemühten Begriffs der Freien Presse. Die haben seit 35 Jahren doch im Grunde genommen nur noch Hofberichterstattung betrieben. Vor allem die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten taten sich dabei hervor, seinen Amtsvorgängern zum Anschlag in den Hintern zu kriechen. Dazu werden die zukünftig noch mehr Gelegenheit haben. Die werden dann nur noch das berichten, was durch ihn und sein Pressebüro freigegeben wird. Alle anderen größeren und kleineren Sender, die Zeitungen und Zeitschriften rechter und linker politischer Ausprägung und all die Schmierfinken, die es sich in den letzten Jahren zur Aufgabe machten, die Menschen aufzuhetzen und zu verunsichern, werden sich noch umsehen.
Doktor Rolf Wackernagel, der zehnte Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland - wenn man jenen unsäglichen Tropf mitzählt, der nach dem Rücktritt der Kanzlerin vor vier Jahren im Übergang für ein paar Wochen das Amt für sich beanspruchte und der damit der neunte Kanzler war- steht jetzt unschlüssig vor der Bibliothek in den Parteiräumen und blickt auf die Uhr. Die Pressekonferenz hat noch einen Moment Zeit. Eigentlich ist es sogar noch viel zu früh. Und wo ist Petrović? Der sollte doch jetzt eigentlich dafür sorgen, dass er seine Ruhe hat.
Bildet er sich das jetzt nur ein, oder macht sich da jemand an dem altmodischen Türschloss zu schaffen? Ist das jetzt etwa noch immer diese …wie heißt die doch gleich? Er hört wieder deutlich ihre schrille Stimme, als die jetzt auch noch mit einem harten Gegenstand gegen die Tür der Bibliothek hämmert. Was bildet die sich eigentlich ein? Bloß, weil er die bei einer Pressekonferenz vor zwei Jahren mit ihrem Namen ansprach, meint die vermutlich, er würde der eine Sonderbehandlung zukommen lassen. Den Namen von der hat er inzwischen längst vergessen. Andere Dinge sind da viel wichtiger geworden und Nachrichtenredakteure sind für ihn nur dann von Bedeutung, wenn die in seinem Sinn berichten.
Das laute Klopfen hört aber gleich nach dem zweiten Schlag auf. Stattdessen ist endlich die Stimme seines Sicherheitsbeamten zu hören, der offenbar die lästige Frau zur Räson zu bringen versucht. Zumindest kann er das aus den lauten Stimmen vor der Tür schließen. Genervt und müde, dreht er den Türschlüssel um, reißt die auf und fragt mit zornig lauter Stimme „Was soll das eigentlich? Haben sie …“ „… kommen sie! Wir müssen sofort hier raus!“ brüllt die ihn an. Die an und für sich attraktive Frau und Petrović, der Chef seiner Sicherheitsleute, sehen beide besorgt aus.
„Zoltan, was soll der Unfug?” fragt er unsicher und der hochgewachsene und kampferprobte Mann zuckt nur mit den Schultern, bevor der mit heißerer Stimme erklärt „Sie könnte recht haben, Herr Bundeskanzler. Wenn sich wirklich eine Bombe im Gebäude befindet, dann sollten wir sofort verschwinden.“
„Eine Bombe…?“ sagt Rolf Wackernagel entgeistert. Als Politiker und als ehemaliger Vorstand eines großen Industrieunternehmens muss man jederzeit in der Lage sein, mit raschen Veränderungen umgehen zu können. „In Ordnung, Zoltan. Gehen wir und lassen sie uns hoffen, dass es sich um einen Irrtum handelt.“ Er drängt sich an den beiden vorbei und blickt sich nur kurz nach dem Zugang zum Pressesaal um. „Wissen ihre Leute Bescheid, Petrović?“
„Ich habe es bereits durchgegeben. Die haben angefangen, das ganze Gebäude zu evakuieren.“
„Dann sollten wir uns beeilen, nicht wahr? Wenn es wirklich eine Bombe gibt und wenn der- oder diejenigen, die für die Bombe verantwortlich sind, die Evakuierung bemerken, wird es vermutlich eng. Das Evakuieren wird die vermutlich unter Druck setzen und dann …“ er muss nicht ausreden, um verstanden zu werden. Von Zoltan Petrović und dieser… wie heißt diese Nachrichten-Tussi noch? Jedenfalls begleitet die ihn und Petrović über das hintere Treppenhaus aus der Parteizentrale der DDP und noch bevor ihn die gewaltige Explosion von den Füßen reißt und ihn wie welkes Herbstlaub über die breite Wilhelmstraße wirbelt, fragt er sich, woher diese Frau überhaupt von der Bombe gewusst hat.
Filmstudios Babelsberg / Dienstag, 30. Juni 2026
Seufzend wendet er sich, wie zuvor in der überraschend geänderten und für alle neuen Drehbuch- und Regieanweisung besprochen, mit einer halben Körperdrehung der hohlköpfigen, aber wirklich gutaussehenden Kimba-Jasmin zu. Sie spielt die Rolle der Barbara und hätte eigentlich in dieser letzten Folge dieser Staffel seine Frau werden sollen. So stand es noch vor zwei Tagen im Drehbuch. In einer Geste, wie Albert die genau so hätte haben wollen, schüttelt er mit dem Kopf und noch bevor er ‚Nein, ich will nicht’ sagen kann, plärrt die Stimme der neuen Regisseurin durch das Studio und Christof spürt, wie sich seine Gesichtsfarbe von Rot auf Dunkelrot verändert
„Was ist das jetzt, Chris? Willst du ausprobieren, was die Fliehkraft mit deinen Schuppen anrichtet? Das soll kein Werbeclip für Schuppenshampoo werden. Also los! Wieder in Ausgangsposition zurück und wir drehen die Szene nochmal.“ Es ist jetzt das vierte Mal, dass sie die Schlussszene für die 2499ste Folge von ‚Liebe macht blind‘ drehen. Die neue Regisseurin, die erst gestern Morgen die Arbeit von Albert übernahm, ist mit nichts zufrieden. Vor allem, was ihn betrifft. Bei den heutigen Dreharbeiten sollen dann im Anschluss bereits die Szenen für die 2500ste Folge gedreht werden. Es war vorgesehen, dass seine Rolle ab der Jubiläumsfolge eine der Hauptrollen sein wird. Nun wird das Jubiläum ohne ihn stattfinden. Noch vorgestern, vor dem Dreh für die 2495ste Folge und damit die viertletzte Folge der 55sten Staffel, hatten sie noch einmal die Entwicklung seiner Rolle für das nächste halbe Jahr besprochen. Seine Rolle würde sich zu jener des Antagonisten, des Bösewichts, des wirklich bösen Gegenspielers entwickeln. Eine wichtige Charakterrolle, die auch Einfluss auf seine Kariere außerhalb der Serie haben würde, hatte man noch vorgestern gesagt. Doch gleich wird er entgegen der ursprünglichen Rolle vor dem Altar bei der Hochzeit mit der Figur der Barbara nicht ‚Ja‘ sagen. Im ursprünglichen Drehbuch, dem bis gestern gültigen, wäre das noch anders gewesen. Mit diesem 'Nicht-Ja', diesem beschämenden Nein, ist er raus aus der Serie. Die haben ihm das erklärt. Oder zumindest haben die es versucht. Angeblich hat das mit den Zahlen zu tun. Den Zuschauerzahlen und einem Index, der irgendwie aus Zuschauerbewertungen und der Zufriedenheit der Werbeindustrie ermittelt wird. Man mag ihn nicht in der zukünftigen Hauptrolle, sagt dieser Index aus. Das hat ihm der Produktionsleiter gestern Morgen erklärt, als der ihnen allen ganz überraschend Alberts Nachfolgerin vorstellte. Man mag ihn nicht! So ein Blödsinn! Er weiß genau, an was das liegt. Albert ten Hoven haben die ja auch bereits abserviert. Einfach so. Albert war seit derc Mitte der fünften oder zum Anfang der sechsten Staffel der Regisseur von ‚Liebe macht blind‘ und der hat der Serie erst den richtigen Drive verpasst. Albert ist sicherlich kein einfacher Mensch, aber wie man den abservierte, das ist nicht in Ordnung. Und jetzt ist er an der Reihe. Jetzt wird auch er vorgeführt und abserviert. Einfach so und ohne Vorwarnung.
„So Chris. Jetzt konzentrierst du dich noch einmal auf die Szene und dann machen wir Mittag.“ Coras Stimme wird durch den DVA in deren Kehlkopf so stark verstärkt, als würde die direkt in seinen Ohren sitzen. Digital Voice Amplifier, oder digitaler Stimmen Verstärker, nennen sich diese Dinger, die sich immer mehr Menschen implantieren lassen. Man kann damit nicht nur lauter sprechen, man kann damit auch das Spektrum der eigenen Stimme verändern. Vor allem Sänger und Sängerinnen lassen sich das einsetzen. Und die ganzen jungen Schauspieler ohne eigene Stimmqualitäten. Die können sich sogar mit einem Zusatzmodul auf die Lautsprecher der Studios schalten lassen. Christof wirft noch einen Blick in Coras Richtung, dreht sich dann zu der jungen Kimba-Jasmin Schubert in der Rolle der Barbara um, die in seiner letzten Folge von ‚Liebe macht blind‘ nicht mehr seine Filmfrau werden wird. Er nickt der zu, dreht sich wieder in die Richtung des Schauspielkollegen, der den Standesbeamten darstellen soll und gibt mit der linken Hand das Zeichen, für die Aufnahme bereit zu sein. Das leise Surren der Flugantriebe der Kameras sind für einen kurzen Moment die einzigen Geräusche. Die nehmen die Szene aus allen Perspektiven auf, so dass sich Cora und die Cutter nachher die besten Aufnahmen aussuchen können. Für ihn wird es die letzte Szene dieser Fernsehserie sein, die sein Leben in den letzten zwölfeinhalb Jahren geprägt hat. Er fing damals in einer völlig unwichtigen Nebenrolle an und so, wie das jetzt aussieht, hört er in einer Nebenrolle auf, die vor zwei Tagen endgültig aus dem Drehbuch gestrichen wurde. Es ist nur eine kurze Drehung mit dem Körper und es sind vier Worte und dann ist er aus der Serie draußen.
„Nein, ich will nicht.“ sagt er vielleicht ein wenig zu laut und ein wenig zu dramatisch betont. Albert wäre damit nicht zufrieden gewesen, aber Cora ruft laut, deutlich und für jeden zu hören „Okay! Das wars. Jetzt machen wir Mittag und ihr könnt euch ja schon mal die Texte des geänderten Skripts reinziehen. Wir drehen heute noch die Blöcke der Innenaufnahmen in der Autowerkstatt von Peter fertig. Außerdem werden wir die Füller auf dem Flur neu drehen. Christof ist ja jetzt raus und da brauchen wir jemand anderes, der ständig in den Überleitungen zu sehen ist. Mandy und der Till werden das machen.“
Er hört die Anweisungen und er sieht die Blicke auf sich gerichtet. Es sind ein paar der älteren Kollegen, wobei sich älter dann auf die Jahre bezieht, die sie bereits gemeinsam in und an dieser Serie arbeiten. Von der Anzahl der Lebensjahre ist er mit seinen 42 Jahren bereits einer der Ältesten. Von den beiden Kolmann Brüdern und Saskia Hammer abgesehen, ist er auch der einzige richtige und gelernte Schauspieler. Die Anderen kommen aus Casting Shows, die über das Land ziehen und in kleineren Städten und sogar winzigen Dörfern unverbrauchte Gesichter und unverbrauchten Nachwuchs für die zahllosen Soap Operas suchen, die in den letzten 27 Jahren wie Pilze bei Regen aus dem Boden sprossen. Teilweise sind die jungen Männer und Frauen dümmer als ein Eimer Fischabfälle, aber die sind anfangs billig und willig und wenn die plötzlich Ambitionen entwickeln, sind die schneller weg vom Fenster, als die eingestellt wurden. Aber er ist der Letzte, der darüber urteilen darf. Ohne sich um den Rest der Leute am Set zu kümmern, verlässt er das Studio, geht an dem kleinen Spind vorbei, in dem er seine eigene Straßenkleidung hat, zieht sich um, lässt die Klamotten, die er eben noch vor dem Standesbeamten trug, einfach achtlos auf dem Boden liegen und geht. Hätte er erwartet, man würde ihn verabschieden, oder jemand würde ihm ein Wort des Abschieds auf den Weg geben, wäre er vermutlich enttäuscht gewesen, aber weil er das Filmgeschäft kennt, hat er auch keine Erwartungen. Keine Erwartungen zu haben, bedeutet auch, keine Enttäuschungen zu erleben. Er hat sich von den bescheidenen Gagen von ‚Liebe macht blind‘ und vor allem durch ein paar Werbeverträge etwas ansparen können, aber er weiß, wie schnell es gehen kann, bis seine Ersparnisse zusammengeschmolzen sind. Henner, einer seiner Freunde von früher und ebenfalls bis vor zwei Jahren Schauspieler, hatte sich letzte Weihnachten in eine Badewanne mit warmem Wasser gesetzt und es dann wie die Klassiker gemacht. Er hatte sich die Pulsadern aufgeschnitten und sich ausbluten lassen. Ausgerechnet zu Weihnachten, wo auf einem der privaten Sender mit viel Werbung jene Version von Dickens 'Eine Weihnachtsgeschichte’ gezeigt wurde, in der Henner den Geizkragen Ebenezer Scrooge so hervorragend darstellte. Henner war pleite. Seit dieser Weihnachtsgeschichte hatte der keine Angebote mehr bekommen. Niemand hatte ihn seit damals anstellen wollen. Jeder brachte ihn mit jener Rolle in der Weihnachtsgeschichte in Verbindung.
„Und waas wirscht du etzet tun, Chris?“
Christof dreht sich erschrocken nach links. Frederik 'Fred’ Dürnbacher, der so eine Art Kameramann und Art Direktor im Studio ist, spricht ihn mit seinem ausgeprägten Schweizer Akzent an. Er hat mit dem schwulen, oder vielmehr gendergleich orientierten Mann in den Dutzend Jahren kaum mehr als ein Dutzend Worte gewechselt und nun fragt der ihn tatsächlich nach seinen weiteren Plänen.
„Ich weiß es noch nicht, Fred. Am Montag dachte ich noch, ich würde in den Pantheon aufgenommen und nun haben mir die Musen den Boden unter den Füßen weggezogen.“
„Ich hätt da eine Idee, weischt. Der Carlo … du kennscht de Carlo?“ Christof nickt vage. Karl 'Carlo' Vestin ist der Ehemann des Schweizers und Carlo Vestin war eine Art Enfant terrible in der politischen Jazz Szene, bis er sich vor etlichen Jahren von heute auf morgen aus dem großen Musikgeschäft zurückzog. Lediglich die Hochzeit mit Fred Dürnbacher brachte den vor ein paar Jahren für kurze Zeit in die Öffentlichkeit zurück.
„Der Carlo tät im Augenblick noch ein paar Leut brauche. Komm morge Früh um zähne nach Neukölln. Hier!“ Der Schweizer drückt ihm eine altmodische Karte aus dekadent wirkendem und teurem Bambuspapier in die Hand. Visitenkarten benutzt doch niemand mehr, oder? Er wirft einen Blick auf das rechteckige Kärtchen und liest …
Conter & Re SE
Siegfriedstraße 88
12051 Berlin
Conter und Re? Er will den Schweizer fragen, was das bedeuten soll, aber der hat ihn einfach so stehen lassen und entfernt sich mit großen und schnellen Schritten. Morgen um zehn in Neukölln, sagte der. Morgens oder abends? Das sagte der nicht. Vermutlich wird der morgens meinen, oder? Es kann ja nicht schaden, sich dort in Neukölln einzufinden und mit dem alten Musiker zu sprechen, oder? Mit der Stadtbahn ist das von Dreilinden höchstens zwanzig Minuten Fahrt. Von Dreilinden hatte er bisher auch nicht weit zu den Babelsberger Filmstudios, wo er in den letzten Jahren mehr Zeit als anderswo verbrachte.
Berlin-Neukölln / Mittwoch, 01. Juli 2026
Wenn er jetzt mehr als zehn Minuten zu spät ist, liegt das daran, dass die Adresse Siegfriedstraße 88 nicht in der NaviApp seines Multi zu finden ist, das ihm die Straßenansicht bei schönem Wetter über den Ratinaprojektor direkt auf die Netzhaut überträgt. Er hat sich die Brille dafür eigens geliehen, denn der Preis von so einer Brille für augmented support übersteigt bei weitem seine Möglichkeiten. Niemand scheint mehr die guten alten Hausnummern zu verwenden und selbst die Schilder mit den Straßennamen spart man ein. Laut der NaviApp müsste das hier die Siegfriedstraße sein und er hatte sich unter der Adresse, an der Karl 'Carlo' Vestin wohnt, etwas anderes vorgestellt. Hier sieht alles so heruntergekommen und verfallen aus und er hat tatsächlich ein wenig suchen müssen und das baufällig wirkende Gebäude eher aus Zufall gefunden. Dessen Fassade wirkt auf ihn eher wie eine verlassene und in Vergessenheit geratene Fabrikhalle, aus der Zeit der früheren DDR. Außerdem macht die Sucherei bei Regen auch keinen Spaß. Das ist richtiger Regen und nicht die Sprinkleranlage im Studio. Es ist nicht nur die Brille, die bei dem Wetter ständig beschlägt. Dieser Regen ist kalt und irgendwie nasser. Er geht die mit Pfützen übersäte Zufahrt zu der Halle und kann an dem kleinen Tor endlich den Hinweis erkennen, hier richtig zu sein. Conter & Re SE. Mehr steht hier nicht, aber mehr ist auch nicht nötig. Das moderne Touchpad und die Kameraüberwachung stehen im krassen Gegensatz zu dem Rest des Anwesens und des Gebäudes.
Noch bevor er sich bemerkbar machen kann, plärrt eine computergenerierte Stimme „Wer bist du und was willst du hier?“ aus einem unsichtbaren Lautsprecher. Die Stimme klingt so altmodisch und heruntergekommen, wie das Gebäude aussieht. Am liebsten möchte er sich jetzt umdrehen und wieder gehen, aber dann hätte er sich heute Morgen umsonst dem Regen ausgesetzt, der bereits durch seine Jacke und seine Hose gedrungen ist. Frierend und verärgert sagt er „Mein Name ist Christof Kordan und ich komme auf eine Einladung von Fred Dürnbacher.“
„Du bist 18 Minuten zu spät.“ plärrt der Automat und als er nicht sofort antwortet, setzt der hinzu „Komm rein und warte im Flur.“
Bei der Programmierung dieser Stimme hat man offenbar einen aggressiven Hofhund als Grundlage verwendet, denkt sich Christof und ihm ist bei dem Gedanken über diese Art von Humor nicht besonders wohl. Die Tür öffnet sich langsam und er drängt sich an der halb offenen Tür in den Flur, um dem jetzt noch stärker werdenden Regen zu entgehen. In den Filmstudios würde er jetzt seine nasse Kleidung wechseln können und es würde ihm ein Handtuch zur Verfügung stehen, mit dem er sich abtrocknen könnte. Hier steht er jetzt lediglich in einem kurzen, kalten und kahlen Flur. Eine Handvoll altmodische LEDs, die vor fünfzehn Jahren mal modern waren, beleuchten einen gut dreieinhalb Meter langen Flur und das kalte helle Licht zeigt gnadenlos die Risse im Verputz und dem abgenutzten und schäbig wirkenden Fußboden.
„Herr Kordan, kommen sie.“ Die Stimme kommt links von ihm und nicht von der Stahltür am Ende des Flurs. Von ihm unbemerkt, hat sich eine verdeckte, oder eine als Wand getarnte Tür geöffnet und eine hübsche junge Frau, deren Oberkörper er hinter einem großen Glasplattenschreibtisch sitzend erkennt, fordert ihn mit einer winkenden Handbewegung auf, durch den Durchgang zu treten. Es ist, als würde er eine andere Welt betreten. Helle Marmorplatten auf dem Fußboden, die Wände mit warm wirkenden Motiven aus Indien und Arabien bemalt, die Decke mit einer Textilbespannung, die den Eindruck eines Himmels entstehen lässt.
„Sie sind ja völlig durchnässt! Möchten sie ihre Kleidung trocknen lassen? Ich denke, sie können solange etwas von Roger tragen.“ die junge Frau blickt ihn tatsächlich besorgt an und noch bevor er fragen kann, wer jener Roger ist, dessen Namen sie Französisch und nicht Englisch ausspricht, betritt ein großer muskulöser Mann den Raum, der ihm einen Freizeitanzug hinhält „Das Zeug hier ist vielleicht etwas zu groß, aber besser zu weit, als zu eng, nicht wahr.“
Die junge Frau und dieser Roger sehen ihn an, als ob sie erwarten, dass er sich jetzt vor denen aus- und umzieht. Es ist nicht das erste Mal, dass er sich vor Publikum entkleidet und so zögert er nur einen kurzen Moment. Der Marmorfußboden ist tatsächlich angenehm warm. Wärmer auf jeden Fall, als seine nassen Füße. Das bemerkt er, als er die Schuhe auszieht und ihm fällt auch die angenehme Raumtemperatur auf. Es ist hier so angenehm, wie in einem der Studios.
„Carlo erwartet sie bereits. Wenn sie mir bitte folgen.“ sagt dieser Roger, kaum dass er sich die weiten Klamotten übergezogen hat. Der tritt durch jene Tür, durch die der eben gekommen war und erwartet ganz offensichtlich, dass er dem folgt. Er betritt einen Vorraum, dessen Wände mit Screen-Folien überzogen sind und die neben den Außenansichten und verschiedenen Innenansichten, auch die Webseiten mit Nachrichtenprogrammen und einer verwirrend großen Anzahl an Personenansichten wiedergeben. Dieser Roger deutet auf die gegenüberliegende Wand und eine Tür, die in die Anzeigen integriert ist. Deswegen erkennt er erst auf den zweiten Blick, was der kräftige und sehr muskulöse Mann von ihm will. Er tritt durch die Tür und findet sich in einer virtuellen Gebirgslandschaft wieder. Mitten auf einer Bergwiese steht ein großer Schreibtisch, hinter dem ihn das bekannte, aber deutlich älter gewordene Gesicht von Carlo Vestin kurz anblickt. Dann widmet der sich wieder der Oberfläche des Schreibtisches und bevor er auch nur etwas sagen kann, deutet der auf einen Stuhl, der in der Nähe des Schreibtisches steht. Der Alte krächzt „Setz dich schon mal und warte einen Moment. Ich muss nur noch etwas beenden.“
Vestins Stimme klingt tatsächlich, als ob ein Rabe oder ein Papagei sprechen würde und dann, während sich Christof setzt, macht der ein paar Sprechübungen mit Zahlen und vokalreichen Worten. Die Modulation verändert sich deutlich, bis eine tiefe und warm klingende Stimme sagt „Scheiß Technik. Lass dir niemals eines dieser verdammten DVAs von Hankoo einbauen. Vietnamesischer Billigscheiß! Spätestens übermorgen fliegt der Mist wieder raus.“
Vestin tippt noch ein paarmal auf der Schreibtischplatte herum und widmet sich schließlich ihm. „Willst du etwas trinken? Echten Kaffee, Bier? Wasser? Saft?“
„Ein Kaffee wäre tatsächlich mal was. Ich weiß nicht, wann ich den letzten richtigen Kaffee getrunken habe. Das muss mindestens zwei Jahre her sein.“
„Tja, wer hätte das noch vor drei Jahren gedacht, dass Kaffeebohnen mal knapper als Gold werden würden.“ sagt Vestin mit einer Stimme, die sich wieder zu einem Krächzen verwandelt, während ein Robo-Servicewagen mitten aus der Gebirgslandschaft fährt und vor ihm stehen bleibt.
„Ignoriere das mit meiner Stimme … me …me.“ Vestin hat nun ein Echo, weshalb der verärgert mit der flachen Hand auf die dunkle Multiplatte des Schreibtischs schlägt. Der beginnt noch einmal mit den Einstellungen und gibt sich dann mit einer durchschnittlich klingenden Stimme zufrieden, die auch einer Frau gehören könnte.
„Den ersten Teil des Tests hast du übrigens im Großen und Ganzen bestanden.“ sagt der unvermittelt in seine Richtung und Christof überlässt dem dann auch die Erklärung für diese Aussage.
„Von den jungen Leuten, die mit den Apps großgeworden sind, sind nur wenige in der Lage, das Grundstück zu finden und noch weniger würden über den unbefestigten Weg zum Haus kommen. Für die müssen Wege asphaltiert und betoniert sein und Häuser müssen die Hausnummer auf die Multi-Apper senden können. Die finden ohne eine App noch nicht mal den Weg zum Scheißen. Dass du den Hintereingang genommen hast, ist noch zu entschuldigen.“
Vestins Stimme ist jetzt unverändert stabil geblieben, klingt aber wegen der fehlenden Modulation wie eine Automatenstimme aus der Anfangszeit der Computer generierten Stimmtechnik. Christof weiß nun, dass das dem seine Stimme war, die vorhin über den Türlautsprecher zu hören gewesen ist. Was der sagt, klingt allerdings ein wenig nach der Propaganda der GPP von früher. Die GPP, die Graue Panter Partei, ist seit zwei Jahren ebenso aus der politischen Landschaft verschwunden, wie die meisten anderen Parteien, deren Parteiprogramm und die politischen Aussagen nicht der Meinung des Ersten Konsuls entsprechen, oder gar widersprechen. Ist das jetzt auch ein Test? Inwiefern er sich durch solche Aussagen zu unvorsichtigen Bemerkungen hinreißen lässt? Vestin wendet sich ihm jetzt komplett zu, während der Schreibtisch im Boden versinkt. Christof schweigt, weil er zum einen nicht weiß, was er sagen soll und weil er zum anderen nicht weiß, welche Konsequenzen seine Worte haben könnten. Als Schauspieler hat er lernen müssen, vorgefertigte Texte zu sprechen, als ob die seine Worte wären. Authentizität ist wichtig, wenn du in einer sogenannten Seifenoper mitspielst. Es ist nicht so, wie im Theater, wo du häufig mit übertriebenen Gesten und überzeichneter Mimik arbeiten musst.
„Kannst du dir vorstellen, warum Fred der Meinung ist, du könntest für uns nützlich sein?“ Vestins Frage kommt nicht überraschend. Weil er keine Ahnung hat, was Vestin und seine Leute hier tun, schüttelt er mit dem Kopf und fordert sein Gegenüber mit geübt sicherer Stimme auf „Sagen sie es mir, Herr Vestin. Fred sagte lediglich, sie hätten einen Job für mich und weil ich meinen verlor, bin ich hier.“
„Hast du dir wegen des Namens unseres kleinen Unternehmens einmal Gedanken gemacht?“
Christof wartet mit einer Antwort und schüttelt dann zögernd mit dem Kopf. Natürlich hat er sich überlegt, was das bedeuten kann, aber wenn das dahintersteckt, was er vermutet, muss er das nicht gleich ausplaudern. Er vermutet einen gesellschaftskritischen Hintergrund. Aber jede subversive Tätigkeit, die dem Ansehen der Direktorialen Germanischen Republik schaden könnte, würde ernste Konsequenzen nach sich ziehen. Berufsverbot wäre da für ihn vermutlich eine milde Strafe. Seit der Erste Konsul Rolf Wackernagel vor fast zwei Jahren die Bundesrepublik Deutschland durch die Direktoriale Germanische Republik ersetzte, sind viele Dinge anders geworden. Was nach dieser fürchterlichen Explosion der Parteizentrale der DDP passiert war, könnte als eine Art unblutiger Putsch bezeichnet werden. Es gab anfangs noch genug Stimmen, die Wackernagel unterstellen wollten, für diesen Anschlag selbst verantwortlich gewesen zu sein, um einen Terrorakt vorzutäuschen. Diese Stimmen sind längst verstummt und mal ehrlich - wer würde denn seine eigene Parteizentrale und einen halben Häuserblock sprengen und auch noch das eigene Leben gefährden? Über Wochen hinweg war das Bild in allen Nachrichtenplattformen zu sehen gewesen. Das blutverschmierte Gesicht Rolf Wackernagels, in dem noch kleine Steinchen und ein Splitter von irgendwas steckten. Der linke Arm gebrochen und die Kleidung zerrissen und verdreckt. Das war echt. Er ist Schauspieler und kennt sich da aus. Er weiß, was geschminkt und was echt ist. Da können sich die Maskenbildner noch so anstrengen. Aber nicht nur dieses Bild von Wackernagel war vor zwei Jahren überall zu sehen gewesen. In den Tagen nach diesem Anschlag konnte man auch sehen, wie gut organisiert Rolf Wackernagel und seine Gefolgschaft sind. Christof bezeichnete sich immer als politisch uninteressiert. Er vertrat bis zu jenem Anschlag die Ansicht, mit einer Wählerstimme sowieso nichts verändern zu können, was in Berlin, oder auch noch in Brüssel bis vor zwei Jahren entschieden wurde. Und nun hat seine Wählerstimme auch offiziell keine wirkliche Bedeutung mehr und er hat nicht den Eindruck, sein Leben hätte sich bis zum letzten Montag nennenswert verschlechtert. Objektiv betrachtet, empfand er die Veränderung nicht als Verschlechterung. Objektiv betrachtet, hat sich tatsächlich vieles zum Besseren gewandelt. Seit zwei Jahren kann man sich auch nach Einbruch der Dunkelheit sicher auf den Straßen bewegen, ohne befürchten zu müssen, von arbeitslosen Jugendlichen überfallen und mindestens übel verprügelt zu werden. Geschichte wiederholt sich, hatten die Medien noch anfangs postuliert. Aber inzwischen schweigen die kritischen Stimmen. Aber nicht nur, weil Kritik als solches rigoros geahndet wird. Natürlich reichen die Strafen für offene Kritik von Berufsverbot bis hin zu Zuchthaus und es gibt Gerüchte, die SiPo, die Sicherheitspolizei, würde Kritiker zum Teil zur Energiegewinnung in den Biomasse Kraftwerken einsetzen; nicht zur Arbeit, sondern als Biomasse. Das alles geht Christof jetzt durch den Kopf, als ihm der Schweizer die einfache Frage nach der Bedeutung des Firmennamens stellt.
„Du hast Angst, nicht wahr?“
„Nein. Angst ist es nicht. Ich weiß lediglich nicht, was sie von mir wollen. Lassen sie es mich so ausdrücken: Ich bin ihnen gegenüber lediglich vorsichtig.“
„Hmm.“ sagt Vestin und seine Stimme klingt wie das Brummen eines kaputten Trafos.
„Ich kenne sie nicht und sie kennen mich nicht…” erklärt Christof „… und ich fürchte, es ist ein Fehler gewesen, Freds Vorschlag aufgegriffen zu haben, Herr Vestin. Wenn sie ein Gegner der Republik sein sollten, ist es für mich gefährlich, mich überhaupt hier zu befinden. Gehören sie zu einer offiziellen Einrichtung, die meine Gesinnung überprüfen soll, könnten mich ein paar unbedachte Worte in Gefahr bringen.“ Christof ist während seiner Worte vom Stuhl aufgestanden und befindet sich bereits auf dem Weg in jene Richtung, aus der er zuvor kam. Die Hochgebirgslandschaft verbirgt allerdings die Tür und er blickt sich suchend um.
„Setz dich wieder und dann werde ich dir erklären, um was es mir geht.“
Christof bleibt trotz der Aufforderung stehen und dreht sich lediglich in die Richtung des Mannes, der irgendwann zum Beginn der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts geboren wurde und der bestenfalls wie Anfang 50 aussieht.
„Wie du willst. Was ich dir jetzt erzähle, sollte unter uns bleiben. Ich würde dich töten, oder töten lassen, wenn ich den Verdacht hätte, du würdest das ausplaudern wollen. Hast du das soweit verstanden?“
„Dann möchte ich es erst gar nicht hören. Behalten sie ihr Geheimnis für sich und ich werde jetzt gehen.“
„Du bist ein passabler Schauspieler und ich halte dich für klüger, als es die meisten Menschen sind. Deswegen solltest du dir anhören, was ich dir zu sagen habe.“
Christof weiß jetzt mit Gewissheit, dass es ein Fehler gewesen ist, heute Morgen die Bahn betreten und bis zur Haltestelle Hermannstraße gefahren zu sein. Das hat nichts mit dem anschließenden ungewohnten Fußmarsch von ungefähr einem Kilometer zu tun. Es ist jetzt völlig gleichgültig was er tut. Er sitzt in einer Falle. Also kann er sich auch gleich anhören, was der Mann zu sagen hat, der deutlich über 75 Jahre alt ist und dessen Stimme sich jetzt emotionslos wie die Zeitansage im Filmstudio anhört.
„Na gut. Aber dann möchte ich wieder Platz nehmen und dann trinke ich auch den Kaffee.“
„Natürlich. Schließlich wäre es schade darum. Du weißt vermutlich, dass ich als Schweizer Staatsbürger einen gewissen Schutz in Deutschland genieße, nicht wahr?“
„Deutschland ist eine Bezeichnung, die heutzutage nicht mehr so gerne gehört wird. Ich glaube, das ist die einzige Gemeinsamkeit aller Politiker links von der Mitte gewesen. Ich erinnere mich da an die Rede der früheren Parteivorsitzenden der Linken, die den Vorschlag als epochal begrüßte und die Grünen jubelten dazu. Man könne sich von den Altlasten des Deutschen Reichs und den politischen Fehlern der Kanzlerin befreien, hieß es da.“
„Richtig. Der Name Deutschland sei als Staatenbund ja gerade erst 200 Jahre alt und würde hundert Jahre der schlimmsten Fehler abdecken, die jemals von Menschen begangen wurden, argumentierte man. Durch deutsche Menschen, wohlgemerkt.“
„Was wird das jetzt, Herr Vestin? Eine Abrechnung mit einer Politik, an der die Schweizer einen erheblichen Anteil hatten und an der Schweizer Banken mehr als nur gut verdienten?“
„Auch das ist richtig. Aus diesem Grund finden im Augenblick ja Gespräche statt, ob die Schweiz nicht dem Beispiel Österreichs und Norditaliens folgen und der Direktorialen Germanischen Republik beitreten soll. Der Austritt aus der Europäischen Union und die Gründung des Vier-Staatenbundes ist ja wirtschaftlich folgenlos geblieben. Oder nein, folgenlos kann man nicht sagen. Es war eine erfolgreiche Entscheidung. Zumindest für Dänemark, Frankreich, Luxemburg und die neue Germanische Republik. Im Augenblick verhandelt Holland über einen Beitritt und angeblich sollen nach Weihnachten sogar Gespräche stattfinden, die sich mit der Idee beschäftigen, ob nicht auch der westliche Teil Tschechiens dem Staatenbund beitreten wird. Böhmische Provinz wollen die sich nennen.“
„Davon weiß ich nichts.“ sagt Christof, dessen Vorfahren vor über 75 Jahren aus dem Osten des heutigen Tschechien nach Westdeutschland kamen. Heimatvertriebene nannte man die damals und heute erinnert sich kaum jemand daran und der Begriff Sudetenland wurde in den letzten Jahrzehnten lediglich von sogenannten Vertriebenenverbänden benutzt. Für ihn ist das bedeutungslos. Er wurde im Dezember 1983 in der Nähe von Frankfurt geboren und wuchs mit einem breiten hessischen Dialekt auf. Er war Deutscher und sich jetzt als Germane zu bezeichnen, ist für ihn lediglich dann interessant, wenn er sich mit jemand in Englisch unterhält.
„Diese Gespräche über den Staatenbund finden natürlich nicht in der Öffentlichkeit statt. Aber wir schweifen von dem eigentlichen Thema ab. Ich wollte mit dir über das eigentliche Unternehmensziel von Conter und Re sprechen.“ Vestin macht eine Pause und blickt sich suchend um. „Wo sind denn jetzt meine Getränke schon wieder?“ und die krächzende Rabenstimme verändert sich erneut. Der Robo-Servicewagen kommt jetzt wieder in die Gebirgslandschaft und bringt neben einer großen Wasserkaraffe noch zwei Gläser. Aus dem Boden fährt ein kleiner runder Tisch, auf dem der kleine Service Robo seine Ladung abstellt und das Wasser in die beiden Gläser füllt. Vestin greift sich ein Glas und trinkt es gierig aus.
„Verfluchte Technik und verfluchte Geldgier.“ es klingt beinahe wie das Jaulen einer Alarmsirene, als sich Vestin verärgert an den Hals schlägt. Bevor der seine Stimme wieder im Griff hat, meldet sich die Stimme der jungen Frau im Vorzimmer „Ich habe den Techniker endlich erreichen können, Carlo. Der kann dir aber erst in der nächsten Woche einen Termin einschieben.“
„Was? Nächste Woche? Sag dem, der soll sich sonst was sonst wo reinschieben. Sei so gut und buche mir morgen einen Flug nach Guangzhou und sieh zu, dass du mir dann gleich für übermorgen einen Termin mit Cha machst. Sag ihm, der soll etwas Vernünftiges besorgen und nicht wieder so einen billigen Scheiß, den irgendein ehemaliger Reisbauer am Mekong für einen Hungerlohn zusammengeschustert hat. Außerdem soll der sich glücklich schätzen, dass ich damit nicht offensiv ins Netz gehe… wobei… nein, sag ihm, ich würde sonst eine Kolumne für The Wall schreiben.“
Christof verfolgt die Unterhaltung von Vestin und der jungen Frau mit mäßigem Interesse. Weil sich Vestins Stimme dabei mehrfach verändert und von schrill laut bis tief wie aus einem Keller alles dabei ist, fällt es ihm schwer, der eigentlichen Unterhaltung zu folgen. Es dauert einen Moment, bis ihm auffällt, dass der offenbar reisen kann, wie es dem beliebt und dass man dem diesen billigen DVA offensichtlich in China eingesetzt hat. Vestin beendet das Gespräch mit der jungen Frau und wendet sich wieder ihm zu.
„Ich möchte dir einen Job anbieten, der deinen Fähigkeiten entspricht. Du hast eine angenehme Sprechstimme und du bist ein passabler Schauspieler. Mit ein paar Eingriffen könnte man dein Äußeres so verändern, dass du nicht mehr mit diesen Verdummungsfilmen in Verbindung gebracht wirst, in denen du in den letzten Jahren zu sehen warst. Deine Stimmbänder könnte man mit einem einfachen DVA so verändern, dass man auch deine Stimme nicht mehr erkennt. Du hast eigentlich gute Voraussetzungen.“
„Und was soll ich machen?“ fragt Christof skeptisch. Vor allem, weil der einfach so locker über Veränderungen spricht, die seinen Körper betreffen.
„Es ist gut, wenn deine erste Frage nicht dem Geld gilt. Ich mag Menschen nicht, deren erste Frage immer gleich dem Mammon gilt.“
Berlin-Dreilinden / Montag, 06. Juli 2026
Organische Wertstoffe in die grüne Tonne. Mineralische Wertstoffe in die Gelbe. Papier in die Blaue. Textile Wertstoffe, von denen er sich jetzt endlich befreit, in die rote Tonne. Elektro-Wertstoffe, zu denen auch ein altmodischer DVD Player und ein Beamer gehören, in die hellgraue Tonne. Es ist schon beeindruckend, was sich in den letzten 15 Jahren angesammelt hat. Der Umzug nach Neukölln ist eine hervorragende Gelegenheit, um sich von all jenem Besitz zu trennen, der den Staubtest nicht besteht oder der in den letzten Jahren nur von einer Ecke in eine andere geräumt wurde. Der Staubtest ist eine effektive Methode, um festzustellen, wie nützlich ein Gegenstand ist. Hat sich dicker Staub darauf abgesetzt, ist der Gegenstand in den letzten Jahren nicht mehr benutzt worden und was er in den letzten Jahren nicht brauchte, wird er in Zukunft noch weniger nötig haben. Hier kommen die fünf Wertstoffbehälter der GWB, der Großberliner Wertstoffbetriebe, neues Futter. Was früher Entsorgungsbetriebe hieß und noch viel früher Müllabfuhr, ist heutzutage mit einem Unternehmen vergleichbar, das ein Gewinnungsbergwerk betreibt. Das Wort Müll ist im eigentlichen Sinn längst aus dem Sprachgebrauch verschwunden und wird höchstens als Synonym für sprachliche Entgleisungen benutzt.
Christof hat die letzten drei Tage damit zugebracht, die Wertstoffbehälter zu füttern und so den Teil, der ihn auf dem Umzug nach Neukölln begleiten wird, auf vier Transportkisten des Umzugsunternehmens zu begrenzen. Es ist bezeichnend, dass er nur vier kleine Umzugskisten füllen kann, während zum Beispiel die gelbe und die blaue Tonne bereits einmal geleert worden sind. Er ist jetzt fast fertig und ruft gerade den Anschluss des Spediteurs aus dem Multi am Handgelenk auf, als die Oberfläche der Kontaktdaten von dem eingehenden Türsignal weggedrückt wird. Er wischt über den Unterarm, um die Anzeige der Türkamera aufzurufen. Gloriana! Auch das noch! Sein Vermieter Güngör Adnan hat seine jüngste Tochter nach der englischen Königin Elisabeth der Ersten, Gloriana genannt und deren Name ist für die junge Frau offenbar Programm. Die verhält sich, als ob die über ein Königreich herrschen würde. Güngör ist tatsächlich ziemlich reich und dem gehören zahlreiche Häuser in und um Berlin. Aber der ist sicher kein König. Mit einem tiefen Seufzer, der filmreif wirkt, geht er zur Wohnungstür und sagt durch die geschlossene Tür „Egal wer das jetzt ist: Ich habe keine Zeit.“
„Ich weiß, dass du weißt, dass ich vor deiner Tür stehe. Lass mich gefälligst rein, Chris. Du willst doch nicht, dass ich hier einen Schreikrampf bekomme, oder?“
Christof öffnet die Verriegelung und die altmodische, aber durchaus wirkungsvolle Sicherheitsklammer „Komm schon rein. Obwohl, wenn du gekommen bist, um mir beim Packen zu helfen, muss ich dich enttäuschen. Ich bin im Prinzip fertig.“
„So stimmt das also?! Du hast echt gekündigt?“
„Ich habe die Rolle beim Film verloren und kann mir jetzt die teure Wohnung nicht mehr leisten.“
„Ich kann mit Baba reden. Der kann dir die Miete stunden.“
„Ich habe schon was anderes, Riana und was würde mir das bringen, wenn mir Güngör die Miete stundet? Irgendwann würde ich die trotzdem zahlen müssen.“
Die zierliche Frau mit den kurzen braunen Haaren und den gleichfarbigen, mandelförmigen Augen drängt sich an ihm vorbei in sein Wohnzimmer, wo sich die insgesamt neun Behälter befinden. Er hat lediglich noch jene Möbel hier stehen, die er mit der Wohnung übernommen hatte und die auch hier stehen bleiben werden.
„Ich dachte, du magst mich.“ sagt die verzogene junge Frau trotzig. Er kennt die jetzt mehr als die Hälfte ihres Lebens. 25 ist die jetzt und weil Güngör noch bis vor sieben Jahren hier im Haus wohnte und er damals häufig bereits im Werbefernsehen und in Nebenrollen verschiedener Filme zu sehen war, fand Gloriana das besonders interessant. Ein Schauspieler! Nur eine Etage über der elterlichen Wohnung. Jemand, dessen Namen im Nachspann von ein paar Krimis und einer Vorabendserie erwähnt wird. Güngör ist ein sehr liberaler Türke. Keiner jener besonders gläubigen Moslems. So wie er selbst zwar im Prinzip Katholisch ist, aber sicherlich seit den letzten 30 Jahren keine richtige Kirche mehr von innen sah und den Namen Gottes lediglich bei den üblichen Phrasen, wie 'Oh mein Gott' oder 'Um Gottes willen' verwendet. Güngör duldete es, wenn sich seine jüngste Tochter bei dem Schauspieler aufhielt und von dem viel über die Schauspielerei lernte, aber nicht wirklich was fürs Leben.
„Was macht eigentlich dein Studium? Ich dachte, du würdest nach Ankara gehen, um irgendwas mit Wirtschaft zu studieren?“
„Du glaubst doch nicht, dass ich wegen Onkel Attilas Idee gleich hier alles abbreche, so wie du das jetzt tust. Baba hat mit Onkel Barka in Kopenhagen gesprochen. Dort kann ich den Master auch abschließen.”
„Kopenhagen also. Sprichst du Dänisch?” fragt er skeptisch.
„Muss ich das?” fragt sie wieder trotzig und arrogant.
„Du weißt, was in den beiden letzten Jahren an der Grenze zu Schweden abging, oder? Das war noch schlimmer, wie die Krawalle in Magdeburg und Leipzig.”
„Sehe ich aus, wie eine Muslima? Ich spreche schlechter Türkisch, als du und ich bin gebürtige … Deutsche!” er bemerkt ihr zögern. Es ist jenes Zögern, das jeden betrifft, der über die letzten Jahre von Seiten der Medien und der Politik erklärt bekam, Deutsch zu sein, würde auch gleichzeitig bedeuten, ein Nazi zu sein. Also wollte man es vermeiden, sich als Deutscher zu bezeichnen. Deutscher zu sein, ist für Christof an und für sich kein Problem, aber natürlich hat auch er etwas gegen das Deutschtum dieser Rechtsextremen. Vor allem in der Zeit von 2021 bis zum Herbst 2024, hatten in der ehemaligen Bundesrepublik die linken und auch gemäßigten Politiker unter den zahlreichen Bombenanschlägen und den Attentaten leiden müssen. Erst seit den Wochen nach dem Wahlsieg des Ersten Konsuls Rolf Wackernagel und dessen Notstandsgesetzen, konnte der rechte Terror beendet werden. Deutsch zu sein, ist eindeutig aus der Mode gekommen und als es um die Namensgebung der neuen Republik ging, konnte man feststellen, wie das mit einer wenig eingehenden nationalen Identitätsbezeichnung ist. Nur 90 Kilometer weiter im Osten können sich die Menschen ohne Konsequenzen als Polen bezeichnen und sich ihre rot/weiße Nationalfahne in den Vorgarten stellen. Eine schwarz-rot-goldene Deutschlandfahne war beinahe schon wie das Outen als rechter Nationalist. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum sich die Menschen in der neuen Direktorialen Germanischen Republik schneller an die neue Nationalfahne - oder heißt das Flagge? - gewöhnten, als an die neue Ordnung. Man sieht diese Flaggen inzwischen überall. Man hat die der einstigen Preußischen Flagge nachempfunden. Ein doppelköpfiger schwarzer Adler auf weißem Grund, der von den beiden schwarzen Balken oben und unten eingerahmt wird. Es hätte vielleicht auch niemand gewundert, wenn man der neuen Nation einen Namen mit einem preußischen Bezug gegeben hätte. Ein Teil der 500 Senatoren, die nach spätrömischem Vorbild kaum über Einfluss verfügen, hatten bereits im Winter 2024-25 vorgeschlagen, die nationale Bezeichnung auf Republik Preußen zu ändern, aber dann kam der Beitrittswunsch Österreichs und Südtirols. Auch die früheren Süddeutschen konnten sich nicht wirklich mit der preußischen Idee anfreunden. Und Direktoriale Germanische Republik oder Germanische Republik, oder auch einfach nur Germanien oder neue Republik, klingen eindeutig besser, als der zweite Vorschlag aus den Reihen ehemaliger linker Politiker, die doch tatsächlich den Namen 'Zentraleuropäische Republik' einführen wollten. Was würde man denn dann sagen, wenn mal jemand seine Nationalität erklären soll. Niemand den er kennt, würde sagen 'Ich bin ein Zentraleuropäer'. Das ist dann irgendwie … ungenau.
„… ich wurde als Deutsche geboren.” sagt Gloriana wieder mit ihrem trotzigen Tonfall, als würde es darum gehen, etwas zu beweisen „Weißt du, dass die meisten Dänen hervorragend Englisch und Deutsch sprechen? Und das mit dem Englisch kriege ich auch noch hin. Reden lernt man durch Reden und Sprachen durchsprechen.”
„Frei nach Marcus Tullius Cicero.” kommentiert er das von der Bedeutung verfremdete Zitat, ohne auf die Idee einzugehen, in Kopenhagen studieren zu wollen. Die eigentlichen Unruhen waren ja auch nicht auf der dänischen Seite des Öresunds ausgebrochen. Im schwedischen Malmö gärte es bereits seit 2016 oder 2017. Zentralafrikanische Flüchtlinge und Nordafrikaner hatten sich dort eigene Gettos geschaffen, die eigenen Regeln unterlagen und als Rückzugsort plündernder Diebesbanden galten. Im Sommer 2023 war es dann zu Ausschreitungen verzweifelter Schweden gekommen, die sich diese Zustände nicht mehr länger bieten lassen wollten. Aber die hatten nicht mit der Reaktion der schwedischen Regierung gerechnet. Die setzte tatsächlich zum Schrecken der Schweden und dem Schrecken der anderen Europäer, die schwedische Armee gegen schwedische Zivilisten ein. So wurde aus einem lokalen Konflikt ein Flächenbrand, der noch immer nicht ganz gelöscht ist. Während er über den Sommer vor drei Jahren nachdenkt und über die Vermutungen der Menschen auf der Straße, dass dieser schwedische Konflikt, der noch immer das Potential hat, zum Bürgerkrieg eskalieren zu können, die Ursache für die Unruhen im damaligen Deutschland war, räumt er die letzten richtigen Bücher aus seinem Besitz in die vierte Transportkiste. Es sind keine besonders wertvollen Bücher, aber es sind welche, die noch auf richtigem Papier gedruckt wurden. Heutzutage verwendet man den Multi am Handgelenk, der in der Lage ist, es mit jeder der alten Bibliotheken aufzunehmen. Mit einem Laserdisplay kann man sich dann den Inhalt anzeigen, oder mit einer Lesebrille direkt auf die Netzhaut projizieren lassen. Nachts zu lesen, ist somit kein Problem und wenn man Schauspieler ist, und Schwierigkeiten hat, den Text im Gedächtnis zu behalten, ist so eine Netzhautprojektion eine große Hilfe. Christof deckt die Bücher mit einem seiner beiden Mäntel ab und schließt die Umzugskiste. Gloriana hat seit ihrer Interpretation von Ciceros Worten nichts mehr gesagt. Sie tritt jetzt ans Fenster, blickt kurz auf die Straße und dreht sich dann zu ihm um „Ich habe gehofft, du würdest hier wohnen bleiben. Schauspieler werden doch immer gebraucht, oder? Vor allem jetzt.”
Wegen dieses 'Vor allem jetzt.' neugierig geworden, blickt er ihr in die Augen und fragt „Wie meinst du das? Warum betonst du dieses 'Jetzt'?”
„Brot und Spiele. So wie im Geschichtsunterricht. Seichte Kost, die einem vom Nachdenken abhält. Fußball, Autorennen und Tennis. Sinnlose Fernsehserien, die für viele Leute wichtiger als das eigene Familienleben sind. Dass damit Absichten verbunden sind, um die Menschen im Land von den eigentlichen Problemen abzulenken, ist doch offensichtlich, oder?”
In seinem Kopf entsteht das Bild einer antiken Zirkusarena. Er steht im Colosseum und blickt um sich. Tausende Menschen grölen zu den Vorführungen in der Arena. Er kennt diese Bilder von Hollywood Filmen. Alten und neuen. Er selbst hat nie bei solchen Historien-Verfilmungen mitgewirkt. Wegen ihrer Worte kommt er sich aber vor, als wäre er der Ausrichter solcher verabscheuungswürdiger Veranstaltungen, die ihm schon im Geschichtsunterricht absurd und unwirklich vorkamen. Er ärgert sich jetzt wirklich über diese herablassende Betonung, als sie ’sinnlose Fernsehserien’ sagte. Er hat es ihr angesehen, an was sie dachte, als sie von 'sinnlosen Fernsehserien' sprach. Ihre Augenbewegung, die ihn von oben nach unten und wieder zurück scannt.
„Was wird das jetzt, Riana? Willst du mir vorwerfen, ich würde die Menschen vom Denken abhalten?”
„Du? Nein, Chris. Du bist wie die vielen anderen Millionen Menschen. Du gehörst zu jenen, die vom Denken abgehalten werden. Du bist einer derjenigen, die Blind durchs Leben stolpern.”
„Bist du gekommen, um mich zu beleidigen, bevor ich von hier weggehe?” sagt er lauter als beabsichtigt. Er ist verärgert und es ist jetzt keine Rolle, die er spielt. Der Text wurde von keinem Drehbuchautor vorgegeben und die Handlung ist ihm unbekannt.
„Ich wollte dir die Augen öffnen, Chris. Ich möchte dich nicht beleidigen, denn dazu mag ich dich zu sehr. Du bist ein netter Mann und sicherlich hättest du etwas Besseres verdient, als wie in unwichtigen Seifenopern unwichtige Rollen zu spielen. Du bist nett und ein wenig dumm und damit bist du wie Kinderknete im Kindergarten. Du bist für diejenigen formbar, die Menschen wie Vieh betrachten.”
„Und du? Bist du etwa besser? Bist du anders?” sagt er hörbar verärgert und er sieht sie mit dem Kopf schütteln.
„Nein, Chris. Ich bin auch nur ein Schaf oder eine Ziege. Für die Mächtigen in der Welt sind wir nur Schafe, die Wolle und Fleisch geben. Der Begriff Vieh ist in diesem Zusammenhang so alt, wie es Mächtige gibt, die über andere herrschen. Es gibt da eine Anekdote, dass einer der früheren Bundeskanzler die Menschen als Stimmvieh bezeichnet hätte. Menschen, deren einziger Daseinszweck darin bestehen würde, zu arbeiten, Steuern zu zahlen und dann alle vier oder fünf Jahre auf einem Wahlzettel das Kreuz an der richtigen Stelle zu machen.”
„Ich bin mir im Augenblick nicht sicher, warum du überhaupt hier bist und wohin diese Unterhaltung führen soll.”
„Eigentlich wollte ich mich nur davon überzeugen, dass Baba die Wahrheit sagte und mich nicht schon wieder mit einer erfundenen Geschichte über dich ärgert.”
„Was?! Was für erfundene Geschichten? Und wieso sollte dich dein Vater mit mir ärgern?”
Christof sieht, wie sich Glorianas Brustkorb hebt, sie tief einatmet und einen Moment die Luft anhält. Dann atmet sie aus und sagt „Diese Fernsehserie, bei der du ja jetzt nicht mehr mitspielen darfst, die heißt doch 'Liebe macht blind.' nicht wahr?”
„Das weißt du doch.” sagt Christof vorsichtig. Er weiß nicht, was die junge Frau beabsichtigt und manchmal ist es besser, wenn man schweigt, als dass man zu viel sagt. Das ist beim Film so und im richtigen Leben nicht anders, oder?
