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Eine schwere und unzerstörbare Kiste, von der niemand versteht, wie sie zu öffnen ist und die als eher nutzloser Rest eines Fundes nützlicher Dinge im Besitz der Sippe geblieben ist. Ein verletzter junger Mann mit einem steifen Bein, der wegen seiner Verletzung keinen Nutzen mehr für die Menschen in seiner Sippe hat und dessen Tage in der Sippe daher gezählt sind. Es ist die Neugier und die Ahnung um sein weiteres Schicksal, was den jungen Mann dazu bringt, sich mit der Kiste auseinander zu setzen und was vier Generationen neugieriger Männer nicht gelungen ist, gelingt ihm. Er öffnet die Kiste. Aber wie groß ist zunächst die Enttäuschung, als er sonderbare Dinge darin findet, deren praktischer Nutzen weder im ersten, noch im zweiten Moment erkennbar ist. Woher soll er auch wissen, was Bücher sind, denn Bücher haben im Leben der Menschheit seit unzähligen Generationen keine Bedeutung mehr. Weder Bücher, noch das Wissen, um sie zu lesen. Aber derjenige, der für den Inhalt der Kiste verantwortlich war, sorgte auch dafür, dass ein möglicher Finder den Umgang mit dem Inhalt erlernen kann. Und der neugierige junge Mann hat ja Zeit, um sich mit dem Inhalt der Kiste zu beschäftigen. Wegen seiner Verletzung ist er nicht mehr in der Lage zu Gehen und er bekommt den Namen Kriecher und er bekommt die Möglichkeit, sich mit den Büchern auseinander zu setzen. Mit der Hilfe einer jungen Frau, die kaum älter als er selbst ist, taucht er in den Inhalt der Bücher und in eine ihm völlig unvorstellbar andere Welt ein. Er lernt, wie er sich den Inhalt der Bücher erschließen kann und er versteht allmählich, um was es sich bei dem Inhalt der Kiste wirklich handelt. Es ist der Schatz des Wissens. Wissen um eine längst vergangene Welt und eine vergangene Zeit und Wissen, das nicht in das Weltbild des Priesters im Dorf passt. Der Konflikt ist absehbar und um dem Konflikt einstweilen zu entgehen, verlässt der junge Mann mit dem steifen Bein das Dorf gemeinsam mit der jungen Frau und seiner Schwester, um sich vor dem Priester in Sicherheit zu bringen. Mit einem Teil der Bücher richten sie sich in einem Hochtal ein und sie machen in den Büchern die Bekanntschaft jenes Mannes, der einst die Bücher zusammentrug und in die Kiste packte, um das Wissen um jene Welt zu erhalten…
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Seitenzahl: 1125
Veröffentlichungsjahr: 2022
Hartmut Emrich
Tristans Bücher
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Inhalt
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Epilog
Anhang
Impressum neobooks
Tristans Bücher
Ein Roman
von
Hartmut Emrich
Eine schwere und unzerstörbare Kiste, von der niemand versteht, wie sie zu öffnen ist und die als eher nutzloser Rest eines Fundes nützlicher Dinge im Besitz der Sippe geblieben ist.
Ein verletzter junger Mann mit einem steifen Bein, der wegen seiner Verletzung keinen Nutzen mehr für die Menschen in seiner Sippe hat und dessen Tage in der Sippe daher gezählt sind.
Es ist die Neugier und die Ahnung um sein weiteres Schicksal, was den jungen Mann dazu bringt, sich mit der Kiste auseinander zu setzen und was vier Generationen neugieriger Männer nicht gelungen ist, gelingt ihm. Er öffnet die Kiste.
Aber wie groß ist zunächst die Enttäuschung, als er sonderbare Dinge darin findet, deren praktischer Nutzen weder im ersten, noch im zweiten Moment erkennbar ist. Woher soll er auch wissen, was Bücher sind, denn Bücher haben im Leben der Menschheit seit unzähligen Generationen keine Bedeutung mehr. Weder Bücher, noch das Wissen, um sie zu lesen. Aber derjenige, der für den Inhalt der Kiste verantwortlich war, sorgte auch dafür, dass ein möglicher Finder den Umgang mit dem Inhalt erlernen kann. Und der neugierige junge Mann hat ja Zeit, um sich mit dem Inhalt der Kiste zu beschäftigen. Wegen seiner Verletzung ist er nicht mehr in der Lage zu Gehen und er bekommt den Namen Kriecher und er bekommt die Möglichkeit, sich mit den Büchern auseinander zu setzen.
Mit der Hilfe einer jungen Frau, die kaum älter als er selbst ist, taucht er in den Inhalt der Bücher und in eine ihm völlig unvorstellbar andere Welt ein. Er lernt, wie er sich den Inhalt der Bücher erschließen kann und er versteht allmählich, um was es sich bei dem Inhalt der Kiste wirklich handelt. Es ist der Schatz des Wissens. Wissen um eine längst vergangene Welt und eine vergangene Zeit und Wissen, das nicht in das Weltbild des Priesters im Dorf passt. Der Konflikt ist absehbar und um dem Konflikt einstweilen zu entgehen, verlässt der junge Mann mit dem steifen Bein das Dorf gemeinsam mit der jungen Frau und seiner Schwester, um sich vor dem Priester in Sicherheit zu bringen. Mit einem Teil der Bücher richten sie sich in einem Hochtal ein und sie machen in den Büchern die Bekanntschaft jenes Mannes, der einst die Bücher zusammentrug und in die Kiste packte, um das Wissen um jene Welt zu erhalten…
I dream of the ocean and the beautiful skies rolling out to sea
I dream of the ocean and the rip of the tide west of Finnistair
The weight of the water pouring down, holding on to me
I dream of the ocean, rising, rising
I dream of the ocean - through the night the ghosts are sailing still
The James Caird steering east by north-east through the wild Atlantic swell
The men lie soaked and cold beneath the sail on a bed of ballast stone
They hear the boss cry out - I can see them now, the snow-capped peaks of land
But it was the ocean, rising, rising
A forty foot wall of water crashing down
They held their breath and prayed to God in the hour of death
To save them
From the ocean, rising, rising
I dream of the ocean, rising, rising
And so the years they flow and journey's end
The old crew sailed south again
And they buried the boss by the melting snow
In the summer winds on the island
And now the ice it cracks and falls away, driven in the storms
And I'll be there - where the sky touches the sea
At the edge of the ocean where the beautiful world fades into the grey
I dream of the ocean, rising, rising
I dream of the ocean, rising, rising
Songwriters: Justin Sullivan (2002)
Publisher: Attack Music/MCPS
From the Album: Today Is A Good Day (2009) by New Modell Army
Für Rosi, …
… die jedes Ende eines Buches mit Spannung erwartet.
"Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten“
August Bebel
Zweite überarbeitete Auflage 2016
ASIN: B01790RGAK
ISBN-10: 1540622231
ISBN-13: 978-1540622235
Verlag:
HE SelfPub
Herausgeber:
Hartmut Emrich
Schulstraße 5a
56329 Sankt Goar
www.hartmut-emrich.de
© All pictures and stories are under copyright by Hartmut Emrich
Except: Lyrics: ‚Ocean Rising’ by Justin Sullivan 2002
Except: Charts and maps by Wikipedia
Except: Some parts of the ‚Lexica‘ came from Wikipedia too
Die Personen in der Handlung sind frei erfunden
Ähnlichkeiten mit toten oder lebenden Personen sind rein zufällig und keinesfalls beabsichtig
Kein Teil des Buches darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Autors reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Buchgestaltung:
Hartmut Emrich
Umschlaggestaltung:
Hartmut Emrich
Inhalt:
Hartmut Emrich
Idee:
Hartmut Emrich
Vorlage:
Hartmut Emrich
Die beiden Bronzefiguren, die ich auf der Titelseite verwende und in die Kulisse der Felsenbilder bei Twifelfontain/Namibia einfügte, habe ich an der Hauptstraße des Ortes Outjo im Norden Namibias fotografiert. Leider gab es keinen Hinweis auf den Künstler der Bronzefiguren, sonst würde ich den hier angeben.
Bevor es losgeht ….
Noch ein Hinweis in eigener Sache!
Für die Leser, die dieses Buch als E-Book erworben haben, muss ich von vornherein klarstellen, dass ich leider keinen Einfluss auf die Darstellung oder Formate unterschiedlicher E-Book Reader habe und so kann es durchaus vorkommen, dass die Darstellung und die Formatierung auf ihrem Reader nicht jener entspricht, die ich vorgesehen habe. Das ist schade und sollte es tatsächlich so sein, bitte ich sie von vornherein um Entschuldigung.
© Hartmut Emrich MMXV
Wenn bloß dieser verfluchte Regen nicht wäre!
Der schmale Pfad, auf dem er mit schnellen Schritten unterwegs ist, weist häufig an jenen Stellen tiefe Gräben auf, wo der starke Regen kleine Rinnsale und sogar Bäche gebildet hat, die den Pfad regelrecht kreuz und quer zerschnitten haben und an einigen Stellen liegen Wurzeln und Geröll auf dem Pfad, was ihn schon ein paarmal dazu gezwungen hat, Umwege zu gehen und somit noch mehr Zeit zu verlieren.
Er hat es zwar eilig, nimmt sich aber dennoch die Zeit, um gelegentlich einige der kleinen Wurzeln oder Äste übermütig etliche Schritte weiter nach vorne zu treten, um denen dann gleich darauf noch einmal ein paar Schritte weiter einen Tritt zu verpassen. Aber natürlich ist er immer darauf bedacht, nicht langsamer zu werden, denn der Zustand des Weges hat ihn ja schließlich bereits genug aufgehalten.
Dieser verfluchte Regen!
Der alte Priester Rotnase und die Frau des Großen Kopfes hatten sogar vor zweimal zwei Händen gemeinsam dieses ‚Mann-mit-Frau Opfer‘ öffentlich dargebracht, um dafür zu sorgen, dass Joselene, die Göttin des Himmels und ihr Mann Heliox endlich ein Einsehen haben sollen, aber entweder ist den beiden ein Fehler bei der Zeremonie unterlaufen, oder die beiden Götter beabsichtigen, die ganze Weltscheibe unter Wasser zu setzen….
Verfluchter Priester! Der sollte doch eigentlich wissen, wie man die Götter besänftigt!
Dieser verfluchte Regen!
Kleinfuß tritt mit seinem rechten Fuß, der tatsächlich etwas größer als der Linke ist, missmutig an einen weiteren dünnen schlammfarbenen Ast und schreit vor Schmerz auf, als es sich zeigt, dass es kein krummer Ast von einem Knotenvogelbaum gewesen ist, den der Regen auf den Weg gespült hat, sondern etwas Anderes.
Verfluchter Ast! Verfluchter Regen!
Trotz des schweren Gewichts auf seinen Schultern, versucht er nicht zu Boden zu stürzen und es gelingt ihm, den Tragestock mit den beiden Lasten links und rechts noch rechtzeitig abzusetzen, bevor ihm die Last aus den Händen gleitet.
Er besieht sich dieses Ding etwas genauer, das er eben noch für einen Ast hielt. Es ist etwas unerwartet Anderes. Etwas, das nicht einfach von dem Tritt durch die Gegend fliegt, sondern genau dort liegen geblieben ist, wo er es getroffen hatte.
Vor Zorn würde Kleinfuß jetzt am liebsten noch einmal dagegen treten, aber er hütet sich, das zu tun, denn vermutlich hat er sich den großen Zeh seines rechten Fußes gebrochen und wenn die anderen das bemerken, hat er schneller einen neuen Namen, als er ‚Vogelkacke‘ sagen könnte. ‚Hinkender Fuß‘ oder ‚Gebrocherner Zeh‘ zum Beispiel - scheiße nochmal! Wie blöd würde sich das anhören! Er kann schon die gehässigen Kommentare hören, die sich bei solchen Gelegenheiten immer mit einem auffälligen Merkmal befassen und selten mit den hervorragenden Eigenschaften. Würde man ‚Hinkender kleiner Fuß‘ sagen, würde er noch glimpflich dabei wegkommen.
Unschlüssig bleibt er stehen und betrachtet das Ding, dass er für einen Ast gehalten hatte. Das Ding ist etwas kürzer als sein Bein und etwas länger als sein Arm. Das sieht er auf den ersten Blick und vermutlich hat sich durch den Tritt der Dreck, der vorher an dem Ding haftete, etwas gelöst und er kann nun erkennen, dass dieses Ding flacher als ein Ast von einem Knotenvogelbaum ist. Vermutlich hat der heftige Regen der letzten Monde das Ding freigelegt, so wie er die Knochen der ganzen Vorfahren hinter dem Dorf freigelegt hat, die vor unzählig vielen Sonnen dort begraben worden sind, wenn er der neuen Frau seines Vaters glauben darf. Die kennt sich da aus, was früher alles anders war. Früher hätte man die Toten in der Erde vergraben und nicht weiter runter zum Taleingang gebracht, wie man das heutzutage macht. Die streunenden Hunde, die großen Fleckkatzen, die Lachhunden oder die Küstenleuten holen die dann, heißt es, aber vielleicht sind es auch nur die Götter, die dort eher hinkommen, als ins Dorf. Jedenfalls hatte Rotnase, der Priester, das mit den Knochen für ein ganz schlechtes Omen gehalten und die alte Krummrücken hatte ihr jüngstes Kind dem Erdgott Settes opfern müssen, um diesen zu besänftigen. Das Mädchen wurde unten vor den Eingang des Tals gebracht und an einen Baum gebunden einfach dort zurückgelassen. Sein Vater hatte gesagt, dass es vor den Priestern anders gewesen sei und früher solche ungehörigen und bösen Dinge nicht passiert wären.
‚Gab es denn die Priester nicht schon immer und wie war das da anders, Papa‘ hatte er erstaunt gefragt und sein Vater hatte dazu lediglich mit den Schultern gezuckt und einfach ‚anders eben‘ gesagt. Hatte es denn jemals eine Zeit vor den Priestern gegeben, hatte er daraufhin noch einmal wissen wollen und sein Vater hatte sich weggedreht und war gegangen. ‚Frag nicht so viel und vor allem, sprich nicht so viel!‘ hatte er noch gesagt und die neue Frau seines Vaters hatte ihn zur Seite genommen und ihm erklärt, dass es zur Zeit ihres Großvaters noch keine Priester in den neun Tälern gegeben hätte, dass er das aber niemand sagen soll, wenn er nicht wie die kleine Tochter der alten Krummrücken enden möchte.
Kleinfuß steht unschlüssig vor dem Ding, dass er für einen Ast gehalten hat, denn eigentlich hat er es eilig. Er kratzt sich zwischen den Beinen und tritt unschlüssig von einem Fuß auf den anderen und bückt sich schließlich, um den Tragestock mit den beiden Lasten wieder aufzunehmen und er muss aufpassen, damit ihm der feuchte Tragestock nicht wieder von den Schultern rutscht.
Dieser verfluchte Regen!
Er beginnt schneller zu gehen und seine Gedanken kehren zu diesem Ding zurück. Vielleicht hat ihm einer der vielen Götter eine Falle gestellt, weil er sich so oft über Rotnase ärgert und weil er den Priester nicht mag. Vielleicht möchte einer dieser Götter, dass er zu spät kommt oder gar die schweren Töpfe fallen lässt und Prügel bezieht, weil die Männer dort oben auf der Sommerweide dringend darauf warten.
Er mag den Regen nicht und er mag den Priester nicht.
Er mag ihn nicht, weil der in ihre Hütte kommt, ohne dass der zuvor eingeladen wurde. Er mag ihn nicht, weil der mit der neuen Frau seines Vaters das macht, was eigentlich nur sein Vater machen darf. Aber das macht der nur, wenn sein Vater mit den anderen Männern das Vieh auf der Sommerweide zusammentreibt oder jagen ist.
Nein! Er mag den Regen nicht und er mag erst recht nicht diesen Priester.
Kleinfuß eilt auf dem schmalen Pfad weiter und nimmt sich vor, auf dem Rückweg, wenn er den Männern die schweren Töpfe gebracht hat und den Ziegenkäse nach unten tragen soll, nachzusehen, was es mit dem dunklen Ding auf sich hat.
*-*
Es ist tatsächlich noch da, dieses Ding, aber irgendwie steckt das in dem Boden fest.
Das Ding hat eine merkwürdige Form. Gebogen, aber auch ganz flach, wie eine gehämmerte Klinge. Aber die Kanten sind stumpf und abgerundet. Das Ding lässt sich außen etwas biegen und wenn er es wieder loslässt, schnellt es wieder zurück. Kleinfuß benutzt einen flachen Stein, um mit diesem nun um das Ding herum zu graben und er hat den Eindruck, dass dieses Ding einfach kein Ende nehmen will.
Was ist das bloß für ein Ding? Ist es eine merkwürdige Pflanze, wie er noch nie zuvor eine gesehen hat?
Nein… so wird das nichts! Er wird entweder etwas anderes zum Graben benutzen, oder sein Vorhaben aufgeben müssen, denn so kommt er auf keinen Fall rechtzeitig vor der Nacht zurück ins Dorf. Er zieht jetzt mit aller Kraft an dem Ding und plötzlich löst es sich mit einem schmatzenden Geräusch aus dem feuchten Boden. Kleinfuß stolpert rückwärts und setzt sich schmerzhaft auf seinen nackten Hintern. Der Boden unter ihm ist offensichtlich von dem vielen Wasser unterspült gewesen und offenbar hatte dieses Ding etwas anderes blockiert oder gesichert und weil er es herausgerissen hat, bewegt sich der Boden vor seinen Füßen und der Pfad wird von dem Wasser an dieser Stelle allmählich abgetragen.
Verflucht! Warum muss er bloß immer so neugierig sein!
Er richtet sich auf und betrachtet das Ding, dass er dem Boden entrissen hat. Das Ding reicht ihm beinahe zu seiner schmerzenden Hüfte. Er hat sich die Haut etwas abgeschürft und auch am Hintern spürt er das schmerzhafte Brennen einer Abschürfung.
Oben oder unten, je nachdem, wie herum er das Ding hält, ist quer zu dem langen Teil jenes leicht gebogene flache Teil angebracht, an dem er sich auf dem Hinweg seinen Zeh sehr schmerzhaft angestoßen hatte und Kleinfuß kann sich nicht erklären, für was dieses Ding gut sein soll.
Er rätselt noch über die Bedeutung von dem Ding, als sein Blick in das Loch fällt, das von dem Wasser aus dem Hang inzwischen aus dem Weg herausgeschnitten wurde. Es wird jetzt schon dunkel und er müsste sich eigentlich schleunigst auf den Weg zurück zum Dorf begeben, aber was er da nun sieht, weckt nicht nur seine Neugier. Es ist wesentlich mehr als nur Neugierde. Es ist beinahe wie ein Zwang, der ihn dazu treibt, dieses eckige Etwas anzusehen, das aus dem Loch herausragt. Es ist ein hell schimmerndes Material und es ist völlig glatt.
Es fühlt sich merkwürdig an und Kleinfuß hat keine Ahnung, dass die Konstrukteure dieses Materials genau diese Eigenschaften erzielen wollten, die es vor über 2.400 Jahren (oder Sonnen, wie Kleinfuß den Zeitabschnitt eines ganzen Jahres nennen würde) entwickelt hatten. Dieses Material war damals die Antwort auf die Aufgabenstellung gewesen, ein besonders leichtes aber beinahe unzerstörbares Material zu entwickeln. Man hatte diese Oberfläche ganz bewusst aus einem mit Nanokristallen durchsetzten und hochverdichteten metallischen Werkstoff erschaffen, der Aluminium nicht unähnlich ist und so war der Name Aluplast für dieses unverwüstliche Material damals naheliegend gewesen. Aluplast ®, ein Material mit hoher Dichte, enormer Festigkeit, leichtem Gewicht und hoher Beständigkeit und anders als CarboFiber, nicht so spröde. Ursprünglich für die Stratogleiter und das Projekt der großen Raumstation entwickelt, hatte dieses äußerst widerstandsfähige Material auch in andere Bereiche des täglichen Lebens Einzug gehalten und wurde unter anderem auch für kompakte und robuste Transportkisten verwendet. Damals…, vor über 2.400 Jahren.
Die Alte hat ihn jetzt bereits mehrfach gerufen, weil er ihr bei irgendeiner Frauenarbeit helfen soll, aber er hat deren Rufe einfach ignoriert. Er kann doch jetzt nicht einfach so aufhören! Jetzt, wo es ihm das gelungen ist, was noch keiner vor ihm auch nur im Ansatz für möglich gehalten hätte.
Wer kennt nicht die zahlreichen Geschichten über seinen Ahnen Finder?! In ihrem Dorf wächst man mit diesen Geschichten auf; vor allem in seiner Familie. Finder, den man zuvor wegen zwei unterschiedlich großen Füßen Kleinfuß genannt hätte. Man hatte beinahe alle Männer aus dem Dorf gebraucht, um die ganzen Sachen des Fundes ins Dorf bringen zu lassen und als er ein kleiner Junge war, erzählte ihm sein Vater manchmal, dass es eine Zeit gab, als man jenen Tag im Sonnenlauf im Tal der Ziegen besonders gefeiert hatte. Einer der Vorgänger ihres derzeitigen Priesters hatte jenen Tag, der jedes Mal in die Zeit des großen Regens fällt, als Tag des Findens oder den Findertag bezeichnet und als Feiertag den Göttern Xandro und Anniba gewidmet.
Anniba ist der Gott der glücklichen Wetten und Xandro ist der Gott der Jagd und beide hatten seinen Urgroßvater offenbar bei seinem Fund unterstützt. So sagt es jedenfalls der Priester Juckende Hand. Der Fund, der seine Familie plötzlich im Dorf wichtig gemacht hat, wie sein Vater auch jetzt noch zu erwähnen nie müde wird und dessen Vater bereits vor ihm. Schließlich hatte der Fund etliche nützliche Gegenstände enthalten, die für das gesamte Dorf von Bedeutung waren. Da gibt es zum Beispiel diesen Kreuzstock, mit dem man recht gut Furchen in den Boden ziehen kann, um dann Getreide in den Furchen zu sähen. Dieses merkwürdige dünne Tuch, dass man nicht zerreißen kann und in dem sich angeblich die vertrockneten Reste eines Körpers befunden hätten, war völlig wasserdicht und hätte sich perfekt geeignet, um das Dach der Tenne damit abzudichten, aber sie alle kennen die Erzählungen, wie sich der Priester damals das Tuch und weitere wertvolle Fundstücke angeeignet hatte. Eine Gabe der Götter! Nun, wer traut sich auch schon einem Priester zu widersprechen!
Es waren noch andere Dinge gefunden worden, die sich in den vier Generationen seit dem Fund, ihren Platz im täglichen Leben erobert hatten und die seither nicht mehr wegzudenken sind. Die beiden langen Scharfschneider, mit denen man selbst dicke Äste ohne Mühe von einem Baum schlagen kann, oder, wenn man so unvorsichtig wie Ohne Ohr ist und zu weit ausholt, auch das eigene Ohr oder den Kopf seines Hintermannes in der Mitte durchschlagen, wie es erst zwei Sonnen zuvor passiert war. Dann gibt es noch eine Handvoll etwas kürzere Scharfschneider, die wie die langen Schwanzfedern des Knotenvogels aussehen und die ebenfalls furchtbar scharf sind und mit denen man sich nicht nur in den Finger schneiden kann. Man kann damit auch ganz hervorragend in Ziegen oder auch in Männer schneiden, die nicht aus den neun Tälern kommen und die plündernd über die Weltscheibe ziehen.
Alle diese Dinge hatten das Leben der Menschen im Dorf bereichert, wenn man von der schweren Kiste aus diesem seltsamen Material absieht. Alles hatte einen enormen Nutzen für das Dorf gehabt, aber diese schwere Kiste dient lediglich als eine Art Altar, auf dem in ihrem Haus seine Ahnen verehrt werden. Der große Finder natürlich besonders. Vier Männer waren damals angeblich nötig gewesen um die Kiste ins Dorf zu tragen und wenn er nun die Kiste anheben will, kann er schon verstehen, dass es nicht nur eine Geschichte ist, um diese Kiste besonders interessant zu machen. Noch nicht einmal die langen Scharfschneider konnten der Kiste etwas anhaben. Die Kiste hatte lediglich ein paar Kratzer und Dellen an den Ecken erhalten und nun ist es ihm gelungen, dem Geheimnis der Kiste ein Stück weit auf den Grund zu gehen. Seit ihn vor drei Monden der Speer in den Übergang zwischen Hüfte und Oberschenkel getroffen hatte, kann er nicht mehr laufen und nun muss er sich eben mit der Alten im Haus um jene Dinge kümmern, die eigentlich eher Frauen vorbehalten sind. Das Zerreiben von Getreidekörnern gehört ebenso zu den täglichen Aufgaben, wie das anschließende Verrühren des Getreides mit Wasser. Inzwischen weiß er auch, wie man den Teig knetet, den die Frauen auf den Kupferplatten über den Herdfeuern zu Fladen backen.
Gemeinsam mit der Alten hat er heute Morgen der Göttin Zenoa erneut ein Opfer gebracht, damit es mit seiner Wunde endlich besser wird, aber inzwischen ist seine Zuversicht nicht mehr ganz so groß, wie es anfangs der Fall gewesen ist. Es wäre ihm schon damit geholfen, wenn die Schmerzen wieder nachlassen würden und er sein Bein wenigstens ein wenig bewegen kann, aber sein Bein ist steif wie ein Stück Holz und das ist noch nicht einmal das Schlimmste dabei. Das Schlimmste ist das Gefühl, nun zu den Alten und Nutzlosen zu gehören. Zu denjenigen, die von den Ackerleuten und den Jägern versorgt werden müssen, weil sie selbst nichts mehr für das Leben der Gemeinschaft beitragen können und wenn sich nichts ändern sollte, ist sein Schicksal absehbar. Während die Alten über ihr Leben hinweg durch ihre Arbeit nützlich für das Dorf waren, wird er ein junger unnützer Esser sein, den man durchfüttern muss und was die Priester von unnützen Essern halten, nun … das weiß er nur zu gut!
Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum er sich seit Tagen mit der Kiste beschäftigt. Was wäre, wenn diese schwere Kiste noch mehr von solchen nützlichen Dingen enthalten würde!?! Er sieht sich gelegentlich als derjenige, der das Rätsel gelöst hat und dem Dorf und den Menschen im Tal der Ziegen einen großen Gefallen erwiesen hat. Er kann regelrecht das anerkennende Schulterklopfen spüren, das ihm zuteilwerden wird. Aber bevor es so weit ist, hat er noch einen der scharfen schwanzfederartigen Schneider gebraucht und den hat er sich heute Morgen von seinem Vater gestohlen. Er kriecht am Boden der Hütte entlang und als er sich der Kiste nähert, steigert sich seine Ungeduld ins Unermessliche, denn er weiß, wie er es anfangen muss und er kann es gar nicht erwarten.
Er hat die Klammer und dieses Ding entfernt, dass wie der Dorn eines Langwurzelbaumes aussieht und ist zunächst enttäuscht, weil nichts passiert. Ungeduldig drückt er jetzt die flache scharfe Seite des Schneiders in den haarfeinen Spalt im oberen Teil der Kiste, der jetzt entstanden ist. Er drückt noch etwas fester, als er bemerkt, dass er den Spalt tatsächlich etwas erweitern kann. Er erhöht den Druck noch weiter und beginnt mit der stabilen Klinge des Schneiders zu Hebeln. Die Kiste gibt plötzlich ein lautes Zischen von sich, dass sich wie jenes von einer Schlange anhört und er fährt erschrocken zurück. Es werden doch keine gefährlichen Schlangen in der Kiste sein, oder? Könnten denn Schlangen über eine so lange Zeit ohne etwas zu fressen in so einer Kiste überleben? Er beschließt das Wagnis einzugehen und drückt noch etwas fester und er spürt auf den Härchen an seinen Armen einen Luftzug, der offenbar von der Kiste verursacht wurde und es scheint beinahe so, als ob diese Kiste eben tief eingeatmet hätte.
Als sich nun der Deckel der Kiste unverhofft langsam hebt und dann eine Handbreit offen stehen bleibt, schreckt er erst recht zurück, denn es wirkt beinahe, als ob ein hungriges Tier sein Maul zum Zubeißen öffnet.
Nachdem nichts mehr passiert, zieht er sich wieder an die Kiste heran, um sich mit den Ellbogen auf den Rand zu stützen und seine Enttäuschung ist beinahe grenzenlos, als er lediglich eine ganze Menge merkwürdiger schwerer Dinger findet, deren Sinn ihm völlig fremd sind. Er hebt die ersten Dinger heraus und nachdem er die oberste Schicht dieser Dinger herausgenommen hat, sieht er, dass die ganze Kiste voll davon ist.
Er nimmt noch weitere dieser Dinger aus der Kiste heraus und betrachtet diese neugierig, hat aber noch immer keine Ahnung, für was das gut sein soll, aber weil die in dieser Kiste gewesen sind, muss es sich doch um etwas Wertvolles handeln, oder? Oder?!
Die Nächsten, die er sehen kann, unterscheiden sich von den Obersten, die nun neben seinem steifen Bein liegen. Er beugt sich über die Kiste, um noch besser sehen zu können. Er hat den Eindruck in eine fremdartige Landschaft zu blicken. Er nimmt eines dieser Dinger aus der Kiste und dreht es in seinen Händen hin und her und schon wieder erschrickt er, weil sich dieses merkwürdige Ding in seinen Händen bewegt. Vor Schreck lässt er es auf den Boden fallen und ist über den Anblick erstaunt. Es ist, als ob sich eine weitere Landschaft in dem Ding ausbreiten würde. In dem Halbdunkel des Raumes meint er merkwürdige Tiere zu erkennen. Langbeinige Tiere, die ihn beinahe an die Ziegen erinnern, aber doch ganz anders aussehen. Er nimmt das Ding wieder vom Boden auf und sieht es sich wieder genauer an. Es besteht aus ganz dünnen und feinen, fladenartigen Schichten, die aber deutlich dünner als der dünnste Fladen sind, den er je gesehen hat. So dünn wie Blätter von den Bäumen. Auf einem dieser dünnen Fladen erkennt er Landschaften und die sind alle übereinandergelegt und auf jedem der nächsten dünnen Fladen sind weitere Ansichten von Landschaften zu sehen.
Hatte er anfangs noch gemeint, eine große Enttäuschung zu verspüren, vergisst er nun völlig, was um ihn herum vorgeht. Sobald er gelernt hat, was er mit diesen Dingern machen kann und wie er die öffnet, betrachtet er sich alle dieser Dinger aus der Kiste. Bei einigen findet er leider keine interessanten Ansichten irgendwelcher Landschaften sondern nur ein paar Symbole. Der Inhalt eines anderen Dinges sieht aus, als ob der Priester Ornamente gemalt hätte, allerdings sind die Linien viel feiner und alles ist kleiner. War die Kiste selbst bereits ein Wunder, ist es der Inhalt noch viel mehr!
„Kriecher! Was hast du getan!“
Der erschrockene Ausruf von Flinke Zunge, seiner jüngeren Schwester, sorgt auch bei ihm für einen gehörigen Schrecken und er wirft das Ding von sich, dass er eben mit großem Interesse betrachtet hatte. Es fällt ein paar Schritte entfernt auf den Boden und es bleibt geöffnet liegen.
Kriecher … in der Namensgebung sind die Menschen im Dorf sehr kreativ und vor allem immer sehr aktuell. Da wartet niemand, ob sich vielleicht doch noch aus dem Kriecher ein Hinker entwickeln könnte.
„Ich habe die Kiste öffnen können! Stell dir mal vor! Hier Flinke Zunge, siehst du!“
„Was ist das da?“ Sie deutet mit ihrem großen Fußzeh auf das Ding am Boden, wo jetzt eine Landschaft an einem großen Wasser zu sehen ist. Er möchte ihr gerne jetzt eine bedeutende Erkenntnis mitteilen, um was es sich bei dem Ding handelt, aber er zuckt mit der rechten Schulter.
„Ich habe keine Ahnung. Die Kiste ist voll davon und wenn das Zeug da drinnen war, muss es sich doch schließlich um etwas richtig Wertvolles und Wichtiges handeln, nicht wahr?“
Der Grund dafür, warum das so wichtig sein soll, ist ihm noch völlig unklar, aber es muss ihn geben.
Es hatte sich schneller herumgesprochen, als ein Blitz brauchen würde, um einen Baum in Brand zu setzen. Flinke Zunge hatte es natürlich an ihre beste Freundin Breitnase verraten und die wiederum … nun, jeder im Dorf und fast jeder im unteren Tal hatte es innerhalb eines Tages gewusst. Die Leute waren neugierig gewesen und hatten sich angesehen, was es zu sehen gab … und waren enttäuscht wieder gegangen. Juckende Hand, der Priester, war am längsten geblieben und hatte mit seinem Vater Langer Speer gesprochen und sie waren sich darüber einig gewesen, dass Kriecher mit seiner Einschätzung nicht unrecht hat, was den Wert des Inhalts der Kiste angeht.
Wenn schon solche wertvollen Dinge wie die Scharfschneider oder das reißfeste Tuch außerhalb der Kiste aufbewahrt worden waren, um wieviel wertvoller müssen erst die seltsamen Dinger sein, deren Nutzen sich bisher allerdings noch niemand erschlossen hatte. Juckende Hand hatte seinem Vater dann einen Vorschlag gemacht, den Kriecher vom Inhalt schon befriedigend fand, aber über die Art und Weise, wie es der alte Priester vorgetragen hatte, sollte man noch einmal reden. Da gäbe es freilich noch einiges zu verbessern.
„Weißt du Langer Speer, dein Sohn taugt eigentlich für sonst nichts mehr und eigentlich hätte er zum nächsten vollen Mond vor dem Tal ausgesetzt werden müssen, um uns nicht weiter zur Last zu fallen, aber mit dem Öffnen der Kiste hat er gezeigt, dass er klug genug ist, um Dinge zu verstehen, die unsere Ahnen bisher nicht verstanden hatten. Lass ihn herausfinden, was es mit diesen … nun was immer das auch ist… auf sich hat.“
„Nun Priester… das mag ja alles richtig sein, aber was nützt mir das? Ich muss einen hungrigen Bauch füttern, der nichts zu seinem Leben beitragen kann. Wenn wir ihn schon nicht aus dem Tal bringen, solltet ihr alle auch mit für sein Essen sorgen!“
… wie gesagt, die Art und Weise, wie die Nachricht verpackt war, hätte hier und da noch ein paar kleinere Verbesserungen nötig gehabt, aber der Inhalt war soweit in Ordnung, denn somit entkommt er womöglich einem Schicksal, das man für ihn vorgesehen hatte. Er hatte es ja bereits geahnt, dass er unter normalen Umständen bereits in ein paar Tagen Futter für die Hunde und die gefleckten Katzen sein würde, oder auch für die Küstenmenschen, von denen jeder weiß, dass sie außerhalb der neun Täler umherstreifen und Jagd auf Menschen machen, um die dann gleich zu essen oder in eine große Siedlung an der Küste zu bringen, wo sie dann erst gegessen werden, wenn die Erzählungen der Alten stimmen. Aber jetzt hat er ja erfahren, dass es keine normalen Umstände geben würde, weil ihn der Priester für klug genug hält, um sich mit dem Inhalt der Kiste zu beschäftigen. Außerdem hatte sein Vater wieder einmal bestätigt, dass er ein … nun, ihm fehlen die geeigneten Worte, um zu beschreiben, welche Gefühle er für seinen Vater hegt. Es ist mehr, als nur Verachtung. Er hatte bis zu dem Überfall bei den Weiden gute Aussichten gehabt, im Dorf eine führende Position zu übernehmen und nun…!? Nun kann er sich glücklich schätzen, nicht zum Eingang es Tals geschleppt zu werden. Natürlich war sich aber bereits früher darüber im Klaren, dass so etwas passieren würde, aber eine Befürchtung zu hegen ist eine Sache. Es ist etwas Anderes, mit eigenen Ohren zu hören, wie Bedeutungslos ern für jenen Mann ist, den er als Kind verehrte.
Noch am Abend kommen vier der kräftigsten Männer aus dem Dorf und tragen ihn und die Kiste samt Inhalt zu der Schielenden. Die hat genug Platz in ihrem kleinen Haus und die lebt alleine. Die Schielende ist ungefähr so alt wie er und seit deren Vater ihre Mutter vor drei Sonnen erschlagen hat und vom Priester gerichtet wurde, gehen die Männer im Dorf häufig in deren Haus ein und aus. Außer wenn der Mond am hellsten und am größten ist, da soll sie ganz merkwürdig sein…
Nun, was hatte er erwartet …
*
Heute hat er zwei wichtige Dinge gelernt. Zum einen ist es ihm gelungen, ein erstes Verständnis für das zu entwickeln, um was es bei den Dingern in der Kiste überhaupt geht. Bislang hatte er angenommen, dass diese Dinger mit den Landschaften, den Abbildungen von sonderbar aussehenden Menschen und den seltsamen Vierbeinern die Wichtigen wären, aber er hatte gleich nach dem der Mond nachts wieder voller geworden war, eines jener Dinger gefunden, das ihm erklärt, was es mit diesen kleinen Strichen mit den unterschiedlichen Formen, oder auch manchmal gleichen Formen auf sich hat. Eine unerwartet große Hilfe ist die Schielende, die sich gleich nach seinem Einzug bei ihr, sowohl für ihn, als auch für seine Aufgabe zu interessieren begonnen hat. Dass sie schielt, hat noch lange keinen Einfluss auf ihre Klugheit und sie ist, das muss er zugeben, wahrscheinlich viel klüger, als er es jemals sein wird. Sie hatte sich neben ihn gekniet und sich angesehen, was er da offen vor sich liegen hatte.
„Da hat offenbar jemand versucht, eine Erklärung für das alles vorzubereiten.“
„Wie meinst du das?“
„Nun, sieh dir das mal an, das sieht doch wie ein Mund aus, der etwas spricht, oder.“
Er hatte sich das Ding dann herumgedreht und es sich so angesehen, wie es die Schielende vorhergesehen haben musste und da fiel es ihm auch auf.
A -> und ein halb geöffneter Mund.
E -> der Mund ist fast geschlossen
I -> der Mund ist in die Breite gezogen
O -> der Mund ist kreisrund
U -> wieder kreisrund, aber kleiner im Durchmesser.
Es befanden sich noch etliche Symbole in der Übersicht und noch wesentlich mehr Mundstellungen, aber diese Handvoll waren für denjenigen, der sie angefertigt hatte, am wichtigsten gewesen. Nun, es war ein Anfang!
Als die Schielende dann in jener Nacht zu ihm auf das Lager gekrochen kam und sich an ihm zu schaffen gemacht hatte, wusste er nicht was er sagen sollte und so hatte er geschwiegen. Er hatte noch nie bei einem Mädchen gelegen. Das hätte erst nach der großen Regenzeit passieren sollen, denn dann wird er dreimal drei Hände und noch zwei Finger alt und man hätte ihm aus einem der anderen Täler ein Mädchen besorgt.
Sie war seither nicht jede Nacht zu ihm gekommen, aber sie war immerhin einige Male bei ihm gewesen, wenn keine anderen Männer ihr Lager geteilt hatten und er hatte sich auch etwas an dem, was sie mit ihm tat, beteiligen wollen, aber sie hatte sehr schnell deutlich gemacht, dass sie ihm körperlich überlegen ist und er sich ruhig verhalten soll. Er hatte dann in den folgenden Tagen nach dem unfreiwilligen Umzug zur Schielenden damit begonnen, eine Ordnung dieser Dinger mit den vielen blattdünnen Fladen anzulegen.
Da waren zum einen diejenigen, die von außen alle gleich aussahen. Ein heller und recht stabiler Deckel vorne und hinten und dazwischen dann die dünnen Fladen oder Blätter mit den unterschiedlichen Symbolen, die unordentlicher aussahen, als in den anderen Dingern, die auf den stabilen Deckeln bunte Landschaften oder bunte Symbole trugen. Dann waren solche dabei, die auch innen auf den dünnen Fladen wunderschöne Landschaften enthielten. Das war beinahe so, als wenn man durch eine Tür in eine andere Welt blicken würde. Es waren aber auch merkwürdige Menschen zusehen. Ganz blasse, fast weißhäutige Menschen waren häufiger zu sehen, als solche, die eine gewisse Ähnlichkeit mit den Menschen hatten, die er kannte. Dann gab es noch solche, deren Haut offenbar völlig Schwarz war. Schwarz wie die Nacht. Er hatte tatsächlich schon Geschichten über solche Menschen gehört. Aber die Blassen sah er hier zum ersten Mal und am häufigsten. In einem anderen der Dinger fand er etliche Darstellungen von Menschen und deren Körperteilen. Teilweise auch aufgeschnitten und so dargestellt, als ob es darum gehen würde, in den Körpern etwas zu verändern. Eine Darstellung fand sein besonderes Interesse. Eine Art drittes Bein, das jemand aus dünnen Stöcken angefertigt hatte. Es diente in der Darstellung einem Mann, dem ein Teil seines Beines fehlte, als Hilfe, zu gehen und zu stehen. Als er die Schielende darauf aufmerksam machte, sagte diese dann lediglich „In Ordnung, aber nur unter einer Bedingung: Du wirst bei mir bleiben und wir beiden machen das da gemeinsam!“
Sie hatte dann auf die Kiste gedeutet und die unterschiedlich großen Stapel dieser Dinger, die offenbar tatsächlich wichtiger sind, als die ganzen anderen Dinge wie lange und kurze Scharfschneider und den Kratzer für die Furchen zum Aussäen der Hirse und des anderen Getreides. Er hatte nämlich erkannt, um was es sich bei diesen ganzen Dingern handelte. Wissen!
War es der vertrocknete Tote gewesen, den man damals in der großen unzerreißbaren Decke gefunden hatte, der dieses Wissen in die Kiste getan hatte? Aber diese Dinger mit dem Wissen sind nun erst einmal in den Hintergrund getreten, denn es gibt jetzt ein wichtigeres Vorhaben. Die Schielende hatte einen der Krieger dazu überredet, ihr ein paar Stangen zu besorgen. Im Gegenzug hatte der Krieger das mit ihr tun dürfen, was sie sonst mit ihm tat und er hatte eine merkwürdige Wut empfunden. Auf den Krieger und auf die Schielende. Andererseits beeindruckt ihn das Ergebnis dessen, was sie in den letzten Tagen für ihn angefertigt hat. Es ist ein drittes Bein und es sieht tatsächlich fast genauso aus, wie auf der Darstellung. Er ist aufgeregt, wie schon lange nicht mehr und selbst als er zum ersten Mal mit auf die Jagd gehen durfte, fand er das nicht so wichtig wie diesen Moment. Er hangelt sich an der Wand hoch und steht jetzt auf einem Bein. Die Schielende stellt ihm das dritte Bein unter die Achsel, genauso wie auf der Darstellung und er will losgehen, wie er es bis vor ein paar Monden immer getan hatte und …
Naja, das mit dem Nasenbluten wird bald aufhören. Die dicke Beule an der Stirn bereitet ihm mehr Sorgen, denn das tut ziemlich weh und sein gesundes Bein zittert noch immer, ohne dass er etwas dagegen tun kann. Wenn man aber die kleinen Kinder sieht, weiß man, dass die auch nicht gleich von Anfang an laufen können. Er muss nun lediglich wieder etwas neu erlernen, was er bereits einmal konnte und lernen scheint ja das zu sein, was sich die Götter für ihn ausgedacht haben. Bereits am folgenden Tag beherrscht er das Gehen mit dem dritten Bein so gut, dass er vor die Tür treten will, aber die Schielende macht ihn darauf aufmerksam, dass das im Moment vielleicht nicht gerade eine seiner besten Ideen wäre, denn dann würde er wahrscheinlich für die Feldarbeit eingesetzt und jemand anderes würde sich um die Sammlung des Wissens kümmern. Die Schielende hat doch tatsächlich einen Namen genannt, der den Inhalt der Kiste perfekt beschreibt. Die Sammlung des Wissens … natürlich!
Mit seinem dritten Bein übt er lediglich im Haus der Schielenden und er merkt, dass ihm die Bewegung guttut. Schmerzten nach den ersten Tagen seine Arme noch, als ob man ihn verprügelt hätte und sein gesundes Bein, als ob es bald abfallen würde, bewegt er sich inzwischen fast so schnell wie die Schielende, der es offenbar Freude bereitet, ihn bei seinen kleinen Erfolgen zu beobachten. Er richtet sich seine Tagesabläufe nach einer gewissen Ordnung ein. Morgens auf jeden Fall die Übungen mit dem dritten Bein, den Rest des Tages nutzt er, um mehr über die Sammlung des Wissens in Erfahrung zu bringen und wenn es dunkel geworden ist und es keinen Sinn mehr macht, etwas in der Sammlung des Wissens erkennen zu können, teilt er sich mit der Schielenden das Lager.
*
Nach der Regenzeit betritt eines Morgens eine Abordnung des Dorfes unangemeldet das Haus, um sich zu erkundigen, ob er denn mit dem Inhalt der Kiste überhaupt weitergekommen sei, oder ob er sich lediglich auf Kosten der Menschen im Dorf durchfressen und durchsaufen würde. So ist der genaue Wortlaut und den Männern ist eine große Ungeduld anzumerken. Der ungeduldigste von allen ist Älteste mit dem Namen Langer Speer - also derjenige, den er bis vor einer dreiviertel Sonne noch respektvoll Vater genannt hatte.
Er hat den drei Ältesten eben gerade erklärt, dass dieser Gegenstand, den sie seit vier Generationen dazu benutzen würden, Furchen in den Boden zu kratzen, eigentlich eine Waffe wäre, mit der man kleine Speere schleudern könnte und er führt ihnen jetzt stolz sein drittes Bein vor. Er erklärt den ungeduldig und unbeeindruckt wirkenden Männern, dass er so langsam verstehen würde, um was es sich wirklich bei dem Inhalt der Kiste handelt und die Abordnung verlässt grußlos das Haus der Schielenden.
Der Älteste und seine beiden Begleiter kommen am nächsten Tag mit diesem Ding zum Furchen kratzen und er und die Schielende versuchen vergeblich, das Ding dazu zu bewegen, kleine Speere zu schleudern und der hämische Blick der drei Ältesten sagt eigentlich alles. Er will die Darstellungen heraussuchen, um den Männern zu zeigen, wie das dort zu sehen ist, aber nun unter Druck, findet er jene Abbildungen nicht mehr. Er weiß lediglich, dass es da irgendwie anders aussah. Er erreicht aber wenigstens, dass man ihm den Furchenkratzer vorerst überlässt, denn die Saat ist längst ausgebracht und auf den Feldern stehen bereits die ersten Getreidehalme.
≈
Er hatte noch immer keine Fortschritte bei diesen seltsamen und völlig fremdartigen Zeichen und Linien gemacht, auch wenn er davon überzeugt ist, dass diese noch wesentlich wichtiger als die Darstellungen sind. Er hatte längst noch nicht alle dieser Wissenssammlungen durchgearbeitet und stieß daher erst spät auf den Schlüssel zu all dem Wissen. Abbildungen von Gegenständen, die ihm in ihrer Bedeutung nicht alle fremd waren, wurden mit Symbolen gleichgesetzt und weil er sich inzwischen ausgiebig mit den Symbolen beschäftigt hatte, sah er die Systematik dahinter. Die Schielende und er verbrachten dann die nächsten beiden Monde sehr häufig damit, bis das Tageslicht verschwunden war und sie nichts mehr erkennen konnten, um hinter das Geheimnis der Sammlung des Wissens zu kommen. Als er das letzte Ding mit den Beschreibungen der Gegenstände und das andere mit den undeutlicheren Zeichen eines Tages nebeneinander benutzte und miteinander kombinierte, begann alles plötzlich einen Sinn zu ergeben. Es war eine andere Sprache! Das war die Lösung des Problems. Natürlich!
Das Wissen war in einer anderen Sprache festgehalten worden. Es heißt, die Küstenleute würden ja auch angeblich eine völlig andere Sprache sprechen und die Menschen hinter den Nordbergen, die ihm bei dem Überfall den Speer verpasst hatten, sprechen wieder völlig anders und niemand versteht den anderen. Er würde erst einmal diese Sprache lernen und verstehen müssen, um überhaupt etwas zu erfahren. Aber würde er denn überhaupt so viel Zeit haben? Würden ihm die Menschen im Dorf überhaupt die Möglichkeit geben wollen, von dem zu leben, was die ernteten und erjagten?
**
Vor dem Beginn der Sturmtage nahm er eines Abends seinen ganzen Mut zusammen und er ging mit Hilfe seines dritten Beines durch das Dorf zu jenem Haus, in dem er fast sein ganzes bisheriges Leben verbracht hatte und während er sich dem Haus näherte, kam ihm die Idee, dass er sich mit einem zweiten Dreibein vielleicht noch etwas schneller bewegen könnte, wenn er das geschickt anstellen würde. Aber das war ja nicht der Grund, warum er sich auf den Weg begeben hatte. Er klopfte zaghaft an den mit Tierfiguren verzierten Türrahmen aus Schwarzrindenholz und dachte zunächst, man hätte ihn nicht gehört. Er wollte gerade noch einmal klopfen, als Flinke Zunge das dicke Tuch vor der Tür zur Seite schob und beinahe erschrocken zurücktrat.
Er hörte die Stimme von Langer Speer „Wer ist es Tochter?“
„Es ist… äh… also es ist Kriecher… ich meine, es ist … also…“
„Beim Polles, haben dich die Götter endlich für deine Schamlosigkeiten mit Dummheit gestraft oder warum beginnst du plötzlich zu stottern?“
„Ich denke, sie ist lediglich etwas überrascht, mich hier zu sehen, ehrwürdiger Langer Speer.“
Er hatte sich zusammennehmen müssen, um diese Worte so zu sagen, dass sie sich halbwegs ehrlich und unterwürfig anhörten, denn es war schließlich so, dass er sich von dem Gespräch mit seinem früheren Vater etwas erhoffte. Das eher geknurrte „Was willst du?“ hätte ihn beinahe alle Hoffnung fallen lassen, doch er wusste, dass er außer dem bisschen Stolz, dass er noch hatte, lediglich sein Leben besaß, dass er verlieren konnte und um das zu verhindern, erklärte er dem am Boden sitzenden und Hirsebrei essenden Mann, was sein Anliegen war und dass er noch etwas Zeit bräuchte, um zu verstehen, wie solche Dinge wie diese Waffe angewandt werden konnten, die kleine Speere schleuderte und wie man auch andere nützliche Dinge, die sicherlich in der Sammlung des Wissens noch enthalten waren, anwenden könnte.
„Hätte, wenn und aber …. Sowas hat noch keinen hungrigen Bauch satt gemacht. Du machst es dir recht einfach Kriecher … obwohl, eigentlich sollte man dich ja nun eher Dreibein nennen. Pass auf, ich mache dir einen Vorschlag. Du wirst dich morgen Früh auf die untere Bergweide begeben und die Ziegen hüten, um dir dein Essen zu verdienen und sollte es dir in den nächsten Monden gelingen, mit einem nützlichen Beitrag zum Wohl des Dorfes aus deiner sogenannten Sammlung des Wissens beitragen zu können, sehen wir weiter und jetzt lass uns in Ruhe unser Essen beenden.“
(Im Lexikon zwischen bei ‚E’ wie Entbindung und Entdeckungsreisen)
Natürlich hatte ihm die Schielende gestern Abend jede Menge Vorwürfe gemacht und sie wollte ihn zunächst nicht mit seiner Idee unterstützen. Schließlich hatten sie sich beide angeschrien und danach versöhnt. Sie würde einen Teil der Sammlung zunächst in ihrem Haus aufbewahren, denn schließlich wird da auch die Kiste bleiben, während er seine neue Aufgabe wahrnehmen wird.
Einen kleinen Teil der Sammlung hat er in ein Tuch gewickelt und den nimmt er heute Morgen in einem Tragebeutel aus Ziegenfell, den er sich umgebunden hat, mit auf die untere Bergweide. Für jemand, der sich normal bewegen kann, ist es ein Marsch, der etwa ein Viertel eines Tages in Anspruch nimmt.
Dreibein, wie sein Name ja nun seit gestern lautet, hat in seinem Tragebeutel auch noch etwas Hirsebrei und einen Becher aus Holz, um sich auch mit Wasser versorgen zu können, ohne wie ein Tier aus dem Bach saufen zu müssen. Was ihn anfangs am meisten behinderte, ist der Speer, den er zum Jagen und als Schutz gegen wilde Tiere mitschleppen muss, denn er wird für die nächsten Monde auf sich alleine gestellt sein. Es dauert dann auch eine Weile, bis er den Anfang des Bergpfades erreicht hat, um etwas auszuprobieren. Er stützt sich nun mit der einen Seite auf den Speer und der anderen Seite auf sein drittes Bein und tatsächlich kommt er nun etwas besser voran. Er ist natürlich noch immer nicht so schnell, wie er es noch während der vergangenen Sonne gewesen wäre, doch er ist nun deutlich schneller, als noch heute Morgen bei Sonnenaufgang, als er noch frisch und fast ausgeschlafen war.
Die Sonne steht schon am höchsten Punkt, als er die untere Bergweide erreicht und der Junge, der höchstens zwei Handvoll Sonnen in seinem bisherigen Leben gesehen hat, übergibt ihm noch eine Schlinge zum Schleudern von Steinen, bevor der sich auf den Weg zurück ins Dorf begibt.
Am Rand der Weide steht zwischen den Stämmen von zwei Knotenvogelbäumen eine primitive Hütte, die eher ein nach drei Seiten offener Unterstand mit einem Dach darüber ist und wo er seine Sachen unterbringen kann, bis er von hier oben wieder verschwinden wird. Er richtet sich ein und anschließend geht er eine Runde über die Weide und sieht sich um, ob etwas Ungewöhnliches zu sehen ist und dabei zählt er mit den Fingern die Ziegen, die er entdecken kann. Er kommt auf dreimal zwei Hände, doch er ist sich sicher, dass noch einmal zwei Handvoll irgendwo zwischen dem Gestrüpp am Berghang auf der linken Seite oder zwischen den Felsen stehen oder liegen. Jedenfalls sind die Ziegen friedlich und es scheint so, dass kein zweibeiniger oder vierbeiniger Jäger unterwegs ist …. Lediglich ein dreibeiniger Jäger. Er muss laut lachen und verschluckt sich beinahe an seiner eigenen Spucke, als er erkennt, dass es eine besondere Art Humor ist, die er da anwendet.
Als er zur Hütte zurückkehrt, sorgt er als erstes dafür, dass diese Dinger des Wissens trocken und sauber liegen und zum zweiten Mal an diesem Tag muss er herzhaft lachen, denn noch vor etlichen Monden hatte er geglaubt, dass jene Kiste sein Leben verändern würde, wenn es ihm gelänge, sie zu öffnen, denn er war ja davon ausgegangen, dass er besondere Waffen oder Werkzeuge finden würde. Vor allem hatte er sich nicht vorstellen können, dass es ihm tatsächlich eine Befriedigung verschaffen würde, auf Ziegen aufpassen zu dürfen. Ja, der Inhalt der Kiste hatte sein Leben tatsächlich bereits verändert, obwohl er noch gar keine Ahnung davon hat, um welches Wissen es sich überhaupt handelt. Das ist im Grunde genommen bereits wesentlich mehr, als er überhaupt erwarten durfte.
Die nächsten Tage verbringt er in einem ruhigen Rhythmus. Aufstehen, die Reste eines Erdwühlers, eines Baumhängers oder welche Jagdbeute er am Vortag erjagt und am Feuer zubereitet hatte, kalt verspeisen. Einen Rundgang unternehmen und dabei bereits auf Beute achten. Dann die Wissenssammlung durcharbeiten und allmählich auch verstehen. Nachmittags noch einen Rundgang unternehmen und dabei in seinem Tuch, dass er zum Tragen der Wissenssammlung benutzt hatte, Holz für ein Feuer sammeln und alles für die Nacht vorbereiten. Vor dem Eintreten der Dunkelheit noch ein paar Übungen mit dem Speer machen, bis ihm die Arme und die Hände zu schmerzen beginnen und dann noch ein wenig die Fertigkeiten im Verstehen der Zeichen in der Sammlung des Wissens verbessern.
Ob es die frische Luft ist, oder die Ruhe hier oben zwischen den Bergen? Oder der geregelte Tagesablauf und das Gefühl zu haben, nicht mehr von anderen Abhängig zu sein? Vielleicht ist es auch ein wenig von allem, was dafür sorgt, dass er damit beginnt, laut vor sich hinsprechend, einzelne Begriffe zu lernen. Es sind einfache Worte und als er nach Tagen etwas mutiger wird, beginnt er auf der ersten Seite eines der dünneren Exemplare, die er genau für diesen Zweck mit hier heraufgetragen hat.
„K-a-m-i-n-s-k-i u-n-d R-e-u-t-h-e-r V-e-r-l-a-g: Kaminski und Reuther Verlag.“
Er macht eine Pause und fragt sich, was er jetzt eigentlich gesagt hat. Er ist sich sicher, dass er die Worte richtig ausgesprochen hat, aber sie ergeben keinen wirklichen Sinn. Er nimmt sich die nächste Zeile vor.
„D.e.u.t.s.c.h f.ü.r K.i.n.d.e.r.g.a.r.t.e.n u.n.d V.o.r.s.c.h.u.l.e. E.g.e.r.m.a.n.n“
Das war etwas besser. Er weiß, dass das Wort Kinder in jener Sprache etwa die gleiche Bedeutung hat. Er versucht es nun mit Wörtern, die er kennt und vergleicht diese mit anderen und stellt fest, dass sich einige Wörter kaum von denen unterscheiden, die er aus seiner Sprache kennt. Die man - der Mann. Die vrou - die Frau. Die kind - das Kind. ´n man - ein Mann. ´n vrou - eine Frau. ´n kind - ein Kind. Voet, voete - Fuß, Füße. Oog, oë - Auge, Augen. Tyd, tye - Zeit, Zeiten. Vraag, vrae - Frage, Fragen. Nag, nagte - Nacht, Nächte. Moeder, moeders - Mutter, Mütter. Voël, voëls -Vogel, Vögel…
Er verbringt etliche Tage damit, sich in ein dickes Exemplar einzuarbeiten, dass als F.A. Brockhaus Mannheim/Leipzig: Brockhaus in einem Band. 37. aktualisierte Auflage 2025 bezeichnet wird, und lernt am Beginn des neuen Mondes unter dem Abschnitt ‚Buch‘ (er weiß inzwischen was Abschnitte sind, denn die hatte er zwischen: Abschluss, 1) gültige Abmachung 2) Jahresabschlussrechnung) und (Abschöpfung: Anpassen des Warenpreises bei der Einfuhr … gefunden), dass diese ganzen Dinger, die er bis jetzt nicht näher bezeichnen konnte und daher Wissenssammlung nannte, Bücher genannt werden und in jener Zeit eine enorm große Bedeutung hatten und dass gewisse Babylonier (über die hatte er auch schon etwas erfahren. Die befinden sich zwischen Babits, Mihály ungar. Schriftsteller * 1883 + 1941 und Bachanal (lat.) das, altrömisches Fest des Gottes Bachus…) und Assyrer (auch die hatte er schon) Bücher aus gebrannten Tontafeln hergestellt hatten oder Ägypter (auch über die hatte er etwas erfahren) ihre Bücher aus Papyrus hergestellt hatten.
Es gibt so unglaublich viele Dinge, die er nicht versteht und bei jeder Frage, auf die er eine Antwort sucht, tauchen zwei oder drei neue Fragen auf. Er liest viel über diese weißhäutigen Menschen (und er befindet sich erst bei ‚B‘!), dass ihm der Kopf zu rauchen scheint. Wo sind all diese Menschen, diese Völker und die vielen Götter, von denen er in den letzten Tagen gelesen hat? Er hat aber tatsächlich auch etwas für die Lösung seines vordringlichsten Problems finden können. Unter ‚A‘ wie Armbrust. (Armbrust, Schusswaffe für Bolzen und Pfeile, Verbesserung des Bogens; im 17 Jh. von der Handfeuerwaffe abgelöst) hatte er vor ein paar Tagen eine gute Abbildung dieser Waffe gefunden und ihm war direkt aufgefallen, was bei jener Armbrust fehlt, die bei ihnen seit ein paar Generationen zum Ziehen von Furchen benutzt wird. Da muss noch etwas gespannt werden, damit man kleine Speere, sogenannte Bolzen (Bolzen, 1) Metallstift zum verbinden von Maschinenteilen 2) Geschoss der Armbrust) oder Pfeile (kommt noch bei ‚P‘- hatte er aber bereits vor geblättert) verschießen kann. Außerdem fehlen natürlich die Bolzen. Unter B wie Bogen hatte er auch eine sehr interessante Waffe gefunden. Er hatte dann aus einem Stock des Rotrindenbaumes, dessen wilde Triebe um den Baum herum überall aufgehen, einen daumendicken Trieb mit einem scharfen Stein angeschnitten und dann abgebrochen und auch gleich ein paar dünnere Triebe mitgenommen, die er als Pfeile verwenden wird. Einzig eine sogenannte Bogensehne (… bestand bis zum Ende des 15 Jh. aus Tiersehnen (siehe: Bogenschießen)…) hat er noch nicht. Er hatte versucht, sich vorzustellen, wie das gehen sollte und hatte dann nach einer geeigneten Schnur gesucht, bis er die Idee hatte, aus den getrockneten Häuten der Tiere, die er inzwischen gejagt und erlegt hatte, etwas anzufertigen. Die ersten Ergebnisse waren eher mäßig, doch allmählich verstand er, auf was es bei dem Bogen und der Bogensehne ankam, denn das Holz des Rotrindenbaumes war vielleicht für die Pfeile recht gut geeignet, aber für den Bogen brauchte es etwas Stabileres, dass sich nicht so leicht verbiegen ließ. Das nächste Problem war die Sehne oder die Schnur. Was er bislang benutzt, war nicht haltbar genug.
Die unerwartete Lösung kam ein paar Tage später, als die Ziegen um die Zeit, als die Sonne am höchsten stand, plötzlich lärmten und in seine Richtung gerannt kamen. Das konnte nur eines bedeuten. Ein Räuber war im Bereich der unteren Bergweide erschienen und so wie sich die Ziegen gebärdeten, hatte der möglicherweise bereits ein Tier gerissen.
Mit seinem guten Speer (jenem mit der scharfen Kupferklinge) und einem weiteren aus Rotrindenholz mit einer im Feuer gehärteten Spitze, begab er sich zum Ende der Weide hin, dort wo der Bach in einer weiten Schleife fließt und sich weiter links die hohe Steilwand befindet. Er konnte sie direkt auf den ersten Blick sehen. Eine Fleckkatze. Ein wunderschönes Tier, aber auch unglaublich gefährlich. Normalerweise wäre er jetzt so schnell wie möglich ins Tal gelaufen, um Hilfe zu holen, aber bei seiner Behinderung? Er konnte es auf keinen Fall zulassen, dass hier im Bereich des Dorfes und vor allem dort wo die Ziegen weideten, ein solcher Räuber auf Beute ging.
Die Katze hatte tatsächlich eine Ziege gerissen und war gerade dabei, die Ziege zu fressen. Er näherte sich ihr so vorsichtig, wie es ihm mit seiner Krücke (das Wort Krücke hatte er aus Zufall neben einer Abbildung seines dritten Beines gefunden, als er etwas anderes gesucht hatte) möglich war und als sie ihn schließlich bemerkte, fauchte sie ihn an und hörte sich schon so gefährlich an, wie sie aussah. Er näherte sich noch weiter und zwischen ihm und der Katze waren es vielleicht noch zwei Handvoll Schritte, als die Katze das machte, was er gehofft und gefürchtet hatte. Aus der halb liegenden und halb sitzenden Position spurtete sie fast übergangslos auf ihn zu. Er benutzte den einfachen Speer als Lanze und zielte auf den Kopf, stieß zu und traf sie in ein Auge. Er ließ den Speer sofort los, um sich den scharfen Speer zu greifen und war gerade schnell genug, um der lediglich leicht verletzten Katze auszuweichen, die ihn erneut anspringen wollte. Er drehte sich so schnell herum wie er konnte und ließ sich zu Boden fallen und drückte der Katze noch im Sprung den scharfen Speer in die Brust. Obwohl er ihr zuvor ein Auge ausgestochen, sie am Kopf verletzt und sie nun mit dem scharfen Speer schwer verwundet hatte, gab die Katze nicht auf. Diese Katze war fürwahr ein großer Krieger! Er bekam noch einen Schlag von der linken Pranke und die Krallen rissen ihm nicht nur den dünnen Umhang um seine Schultern in Stücke. Er spürte den Schmerz im Arm fast augenblicklich.
Jetzt bloß nicht zaudern und auf die Schmerzen achten!
Weil er mit dem steifen Bein sonst nicht schnell genug wäre, um zu fliehen, kroch er auf die Katze zu, riss ihr den Speer noch einmal aus der Brust und stieß noch einmal zu und noch einmal. Erst dann traute er sich, seinen Oberarm und die Schulter anzusehen. Er richtete sich umständlich auf und fühlte sein Herz pochen und sein Atem ging schnell wie nach einem langen und anstrengenden Lauf, zu dem er längst nicht mehr fähig war. Er blutete recht stark und er wollte sich gerade zu dem Bach abwenden, um sich die großen Blätter der Wasserwurzel zu holen, als hinter ihn jemand rief: „Lass nur, ich hole dir ein paar Blätter. Setz dich hin und beweg dich so wenig wie möglich.“
Er brauchte gar nicht hinzusehen. Er kannte diese Stimme sein ganzes Leben lang, auch wenn er den Mann, dem diese Stimme gehörte, gerade in letzter Zeit nicht mehr die Gefühle entgegengebracht hatte, wie früher. Er setzte sich allerdings nicht hin, sondern blieb auf seiner Krücke gestützt stehen. Langer Speer ging runter an den Bach und kam mit ein paar großen Blättern zurück, die er erst verrieb und den Saft auf die Wunden verschmierte und dann band er die restlichen Blätter, so gut es ging, um den Oberarm und legte noch welche um die Schulter.
…
Da stehen sie nun, die beiden Männer.
Seit Langer Speer zum Bach gegangen war, ist kein Wort gesprochen worden.
„Wir dachten im Dorf, dass dir was zugestoßen wäre und ich habe deine Ablösung mitgebracht.“
Dreibein weiß mit einem Mal, dass Langer Speer wahrscheinlich den ganzen Kampf gesehen und abgewartet hat, wie er ausgehen würde. Er nickt und nimmt umständlich seine Waffen auf. Sein Arm zittert etwas, als er sich auf die Krücke stützt und er blickt Langer Speer in die Augen.
„Ihr könnt alles von der Fleckkatze haben. Ich will lediglich die Sehnen. Kannst du dafür sorgen, dass die Katze mit runter ins Dorf gebracht wird? Ich möchte euch allen nämlich etwas zeigen.“
Sich mit der Krücke und den Speeren abstützend ist er fast so schnell, wie der Mann, der neben ihm geht.
„Ich habe mich in dir getäuscht und ich habe heute etwas gelernt.“
Was wird das jetzt?
Langer Speer ist unter einem Rotrindenbaum stehen geblieben und wartet auf ihn im Schatten des Baumes. Dreibein bleibt ebenfalls stehen und sieht den älteren Mann an, der sicherlich viermal zwei Handvoll Sonnen gesehen hat und dieser Mann blickt zurück. Sie mustern sich gegenseitig und er bemerkt, dass er den Mann seit ein paar Sonnen eigentlich nicht mehr richtig betrachtet hat. Er ist älter geworden. Die kurzen krausen Haare sind inzwischen eher Grau als Schwarz und sein erdbraunes Gesicht weist etliche Falten auf, die es früher nicht hatte. Das Weiße in seinen Augen ist eher gelblich und seine einst kräftigen Arme sind etwas dünner und die erdbraune Haut über den einst mächtigen Oberarmmuskeln ist runzelig und faltig geworden.
„Vielleicht bin ich auch nicht mehr derjenige, der ich gewesen bin, bevor das hier passierte und damit kannst du mich auch nicht kennen. Du kanntest Kurzer Speer und du kanntest Kriecher, aber ich habe mich verändert.“
„Ja, das hast du wohl. Ich kenne nur wenige in den umliegenden Tälern, die den Mut gehabt hätten, sich alleine einer Fleckkatze zu stellen und ich kenne keinen, der es in deinem … nun, in deinem Zustand … also du weißt schon … getan hätte.“
„Es ist nicht der Kampf gegen die Katze, Langer Speer. Es ist das, was ich in den letzten Monden gelernt habe, was mich verändert hat. Weißt du, warum ich diese Kiste unbedingt öffnen wollte? …“ … Dreibein erzählt seinem Vater von der Hoffnung, wertvolle und nützliche Werkzeuge und Waffen in der Kiste zu finden, um die Anerkennung der Menschen im Dorf zu gewinnen und er erzählt seinem Vater davon, was er tatsächlich gefunden hat und während er davon spricht, was er inzwischen gelernt hat, wird ihm bewusst, was ihn die ganze Zeit gestört hat und was er sich auch bereits etliche Male mit der falschen Fragestellung gefragt hatte. Er hatte sich gefragt, wo die ganzen Menschen und Völker den geblieben sind. Aber die richtige Frage lautet: Wie lange ist das denn eigentlich her!? Er hatte mitten in seinen Erklärungen zu sprechen aufgehört und sieht es am Blick des älteren Mannes, dass der jetzt etwas von ihm erwartet.
„… nun Langer Speer, ich habe eben lediglich bemerkt, dass ich vielleicht recht viel gelernt habe, aber eigentlich gar nichts weiß.“
Der ältere Mann blickt ihn lächelnd an und nickt.
„Ich bin mir sicher, damit weißt du bereits mehr als alle weisen Männer, die ich kenne. Ich werde dich ins Dorf begleiten und ich werde Singender Mund beauftragen, die Fleckkatze ins Dorf bringen zu lassen.
