Ein königlicher Todesfall - Rhys Bowen - E-Book

Ein königlicher Todesfall E-Book

Rhys Bowen

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Beschreibung

Bei Tisch heißt es: Gabel links, Messer rechts und niemals im Rücken des Herzogs …
Der neue Fall der Cosy-Krimi-Reihe von New-York-Times-Bestsellerautorin Rhys Bowen

London, 1934. Die Queen hat eine neue Aufgabe für Lady Georgie: Jack, der neu entdeckte Erbe des Herzogs von Eynsford, kommt direkt aus dem australischen Outback und muss für die Londoner High Society in Form gebracht werden. Als 35. in der Thronfolge ist Georgie selbst nicht die Vornehmste, doch dass die Gabeln nach links und die Messer nach rechts müssen, wird sie ihm ja noch beibringen können. Damit, dass die Entdeckung des neuen Erben einigen sauer aufstößt, inklusive dem Herzog selbst, hat Georgie nicht gerechnet. Als Jacks Messer auch noch nicht rechts vom Teller sondern im Rücken des Herzogs landet, ist das Chaos perfekt und der Schuldige scheint klar. Aber selbst wenn Jack aus der Wildnis stammt, würde Georgie die Kronjuwelen verwetten, dass nicht er es war, der den Herzog getötet hat …

Weitere Titel dieser Reihe
Die königliche Spionin (ISBN: 9783960878117)
Adel verpflichtet ... zum Mord (ISBN: 9783960878124)
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Erste Leserstimmen
„Humorvoll, fesselnd und unterhaltsam – ein fabelhafter Cosy Krimi.“
„Auf den neuen Fall von Lady Georgie hab ich schon hingefiebert. Meine absolute Lieblingsermittlerin!“
„Britischer Charme trifft skurrile Kriminalfälle. Die perfekte Mischung!“
„Ein kurzweiliger Wohlfühlkrimi ganz nach meinem Geschmack.“
„Äußerst gelungene und spannende Fortsetzung. Diese Cosy Crime Reihe wird einfach immer besser!“

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Seitenzahl: 455

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Über dieses E-Book

London, 1934. Die Queen hat eine neue Aufgabe für Lady Georgie: Jack, der neu entdeckte Erbe des Herzogs von Eynsford, kommt direkt aus dem australischen Outback und muss für die Londoner High Society in Form gebracht werden. Als 35. in der Thronfolge ist Georgie selbst nicht die Vornehmste, doch dass die Gabeln nach links und die Messer nach rechts müssen, wird sie ihm ja noch beibringen können. Damit, dass die Entdeckung des neuen Erben einigen sauer aufstößt, inklusive dem Herzog selbst, hat Georgie nicht gerechnet. Als Jacks Messer auch noch nicht rechts vom Teller sondern im Rücken des Herzogs landet, ist das Chaos perfekt und der Schuldige scheint klar. Aber selbst wenn Jack aus der Wildnis stammt, würde Georgie die Kronjuwelen verwetten, dass nicht er es war, der den Herzog getötet hat …

Impressum

Deutsche Erstausgabe Juni 2020

Copyright © 2023 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-923-7 Hörbuch-ISBN: 978-3-98637-313-9

Copyright © 2013 by Janet Quin-Harkin Titel des englischen Originals: Heirs and Graces

Published by Arrangement with Janet Quin-Harkin. c/o JANE ROTROSEN AGENCY LLC, 318 East 51st Street, NEW YORK, NY 10022 USA.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Übersetzt von: Sarah Schemske Covergestaltung: Buchgewand unter Verwendung von Motiven von stock.adobe.com: © Elena Milovzorova, © inarik, © Veronika shutterstock.com: © woff, © Raftel, © Vectorpocket depositphotos.com: © brebca Korrektorat: Dorothee Scheuch

E-Book-Version 24.07.2023, 13:49:19.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Ein königlicher Todesfall

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Ein königlicher Todesfall
Rhys Bowen
ISBN: 978-3-98637-313-9

Bei Tisch heißt es: Gabel links, Messer rechts und niemals im Rücken des Herzogs – ein neuer Fall für Lady GeorgieDie zweite Staffel der Cosy-Krimi-Reihe von New-York-Times-Bestsellerautorin Rhys Bowen beginnt …

Das Hörbuch wird gesprochen von Arlett Drexler.
Mehr Infos hier

Kapitel 1

Die Iden des März, 1934

15 Cheyne Walk, Chelsea

Wenn es eine Sache gab, die ich über meine Mutter hätte wissen müssen, dann die, dass ich nicht auf sie zählen konnte. Immerhin hatte sie meinen Vater und mich verlassen und unserem Familiensitz den Rücken gekehrt, als ich zwei gewesen war, und als sie wieder in mein Leben getreten war, hatte sie sich bereits durch eine weltumspannende Liste von Männern gearbeitet. Diese beinhaltete einen argentinischen Polospieler, einen französischen Rennfahrer und einen englischen Bergsteiger. Letzterer wollte sie heiraten und mich adoptieren. Ich verehrte ihn, aber Mummy wurde es müde, nach seiner Leidenschaft für die Berge die zweite Geige zu spielen. Als Schauspielerin war meine Mutter es gewohnt, immer im Vordergrund zu stehen.

In vielerlei Hinsicht war sie wie eine Katze, zeigte nur Interesse an Menschen, wenn sie etwas von ihnen wollte, und in diesem Fall konnte sie entwaffnend charmant sein. Sie hielt sich eindeutig für den Mittelpunkt des Universums und um sie herum kreisten mindere Wesen, die darauf warteten, in den vollen Genuss ihres Sonnenlichts zu kommen, sobald sie eine Verwendung für sie hatte. Als sie mir mitteilte, dass sie ein Haus in London mieten würde und vorhatte, ihre Memoiren zu schreiben, wobei sie wollte, dass ich als ihre Sekretärin fungierte, hätte mir also klar sein müssen, dass es zu schön war, um lange anzudauern. Es hatte vielversprechend begonnen: in einem entzückenden kleinen Haus in Chelsea mit Blick auf die Themse. Mummy war voller Tatendrang. Sie kaufte mir eine robuste Underwood-Schreibmaschine, auf der ich ganz gute Fortschritte machte. Meine Tippgeschwindigkeit betrug inzwischen mehrere Wörter pro Minute, ohne meine Finger in den Tasten einzuklemmen. Ich möchte nicht behaupten, dass es einfach war, auch zu jenem Zeitpunkt nicht. Mummy begann mit irgendeiner Geschichte, während ich hektisch Notizen machte und versuchte mitzukommen, nur um zu merken, dass sie mit einem Ausdruck amüsierten Entsetzens auf ihrem perfekten Gesicht aufgehört hatte. „Oh, nein. Streich das, Georgie, ich kann unmöglich zulassen, dass irgendjemand erfährt, was in jener Nacht geschah“, pflegte sie zu sagen. „Es würde die Regierung zu Fall bringen (oder einen neuen Weltkrieg auslösen oder den Papst höchstpersönlich erzürnen)“, woraufhin ich vor Neugier fast verging.

Ich kam allmählich zu dem Schluss, dass es nicht viel in ihrem Leben gab, das man der Allgemeinheit erzählen konnte, es sei denn, das Buch käme mit einem schlichten braunen Umschlag heraus, wenn die Bombe platzte, wie der Skandalroman Lady Chatterleys Liebhaber. Wir hatten bereits über einen Monat daran gearbeitet, unterbrochen nur von impulsiven Besuchen bei ihrem Modisten, um sich einen neuen Hut zuzulegen, oder bei ihrer Masseuse, wegen einer Verspannung in ihrer Schulter, als sie eines Morgens in den Frühstückssalon stürmte und mit einem Brief wedelte.

„Er ist von Max, Schätzchen. Er kann nicht einen Augenblick länger ohne mich leben.“ Ich war mir nicht sicher, woher sie das wissen wollte, da sie kein Deutsch sprach und Max’ Englisch sich auf einzelne Silben beschränkte, aber sie schwenkte den Brief in meine Richtung und fuhr fort. „Er sagt, er wisse, dass der deutsche März furchtbar trübselig sei, daher habe er uns eine reizende kleine Villa am Luganersee gekauft. Er weiß, wie sehr ich die Schweiz liebe – so sicher und sauber, außerdem sind die Schweizer so gut darin, Geld zu verstecken, nicht wahr?“

„Damit kenne ich mich nicht aus“, sagte ich. „Ich hatte noch nie genug Geld, um es verstecken zu müssen.“

Das ignorierte sie, noch immer mit ihrer eigenen Begeisterung beschäftigt. „Eine Villa am Luganersee klingt genau nach dem, was ich gerade brauche. Ich vermisse Sonnenschein und gutes europäisches Essen. Und ich vermisse Max. Der Sex war wahrhaft himmlisch. Im Bett ist er wie ein wilder Stier, obwohl ich solche Dinge vermutlich nicht mit meiner Tochter besprechen sollte.“

„Mummy, du verrätst mir schon seit sechs Wochen deine intimen Geheimnisse“, sagte ich. „Und ich bin dreiundzwanzig. Das bedeutet also, dass du zum Luganersee abreist?“

„Oh, selbstverständlich“, sagte sie. „Mit dem morgigen Fährzug, wenn mein Dienstmädchen alles rechtzeitig packen kann.“

„Aber was ist mit diesem Haus?“ Eigentlich meinte ich: „Was ist mit mir?“, aber ich war zu stolz, um es auszusprechen.

Sie zuckte mit den Achseln, als hätte sie eben erst daran gedacht. „Die Miete ist bis Monatsende bezahlt“, sagte sie. „Bleib gern hier, wenn du möchtest.“

Das war nicht die Antwort, die ich mir erhofft hatte. Einen benebelten Moment lang hatte ich mir gewünscht, sie würde mich einladen sie zum Luganersee zu begleiten und wir würden weiterhin zusammen an ihrer Autobiografie arbeiten, während wir auf den See hinaus blickten, neben uns eine Kanne mit gutem Kaffee oder vielleicht Gläser mit Champagner.

„Was ist mit deinem Buch?“, fragte ich. „Möchtest du es nicht beenden?“

Sie lachte. „Oh, Schätzchen, war es nicht eine alberne Idee? Ich möchte eigentlich nicht, dass die Öffentlichkeit, die mich anbetet, die pikanten Details meines Lebenswandels erfährt. Wie du selbst gesehen hast, kann ich nicht viel verraten, ohne Verleumdungsklagen fürchten zu müssen. Ich weiß nicht, warum ich es überhaupt versucht habe.“

Ich aber, wollte ich sagen. Du hast einen Grund gesucht, mit deiner einzigen Tochter Zeit in London zu verbringen. Ich spürte, wie sich ein Kloß in meinem Hals bildete.

„Komm schon, zieh deinen Mantel an“, sagte sie und versuchte, mich von meinem Platz am Tisch zu zerren. „Das Essen hier ist ohnehin nicht genießbar. Wir holen uns auswärts etwas.“

„Wohin so eilig?“

„Einkaufen, natürlich. Ich habe nichts im Kleiderschrank, was für einen schweizer See geeignet ist. Harrods oder Barker’s, was meinst du? Beide sind so fade und englisch, findest du nicht? Ich frage mich, ob ich einen Zwischenstopp in Paris für einen kurzen Ansturm auf Chanel machen soll? Coco wird nicht da sein. Sie ist sicher in ihrer Villa in Nizza – oder auf irgendeiner Jacht.“

Meine Gedanken flogen zu der aufregenden Zeit des Vorjahrs zurück – Mummys Villa, Chanels Kleider; so viele Abenteuer. Ich überlegte, wie es wäre, die Art von Person zu sein, die beiläufig erwähnte, dass sie einen kurzen Ansturm auf Chanel vorhatte. Ich besaß zumindest ein Ensemble von Chanel, außerdem einige elegante Kleider, die Mummy mir gekauft hatte, und mir kam der Gedanke, dass es ziemlich armselig von mir war, mich so enttäuscht zu fühlen.

Ich folgte Mummy in die Eingangshalle, während sie sich einen hellen Nerzmantel um die Schultern warf und einen adretten Glockenhut auf den Kopf setzte. Ich darf mich nicht auf meine Mutter verlassen, sagte ich mir. Ich muss mich selbst in der Welt behaupten. Ehrlich gesagt gab es nichts, was ich mir sehnlicher wünschte. Weiß der Himmel, ich hatte es versucht. Aber die Wirtschaftskrise bestimmte unser Leben noch immer und selbst für hochqualifizierte Leute gab es keine Arbeit. Meine Erziehung in einem vornehmen schweizer Pensionat für höhere Töchter hatte mich nur darauf vorbereitet, mit einem Buch auf dem Kopf herumzulaufen, ohne stolpern zu knicksen (jedenfalls meistens) und mir einen standesgemäßen Ehemann zu angeln.

Falls ihr glaubt, ich wäre eine armselige Kreatur, die sich keinen Mann angeln konnte, so lasst euch gesagt sein, dass ich inoffiziell mit einem absolut traumhaften Mann namens Darcy O’Mara verlobt war. Als Sohn eines irischen Adligen war er für mich, die Tochter eines Herzogs, eine hervorragende Partie – wäre da nicht die Tatsache, dass er ebenso pleite war wie ich. Er versuchte sich mit geheimnisvollen Aufträgen über Wasser zu halten. Also würde es in absehbarer Zeit keine Hochzeit geben, außer Darcy käme irgendwie zu Geld. Als ich das letzte Mal von ihm gehört hatte, war er in Argentinien gewesen, wo er an einer geheimen Unternehmung mitgewirkt hatte – wahrscheinlich ein Waffenhandel.

„Komm schon, Schätzchen. Lass uns ein Taxi suchen. Ich habe eine Unmenge zu tun, wenn ich morgen hier abreisen soll.“ Mummy zerrte erneut an mir, als ich versuchte, meinen Mantel anzuziehen.

„Ich dachte, du würdest dich nicht mit den Londoner Geschäften abgeben und in Paris Halt machen“, sagte ich.

„Man braucht ein paar grundlegende Dinge“, sagte sie. „Gute Wollunterwäsche zum Beispiel. Vielleicht werden wir in den Alpen Ski fahren. Und gelegentlich hat Harrods etwas Annehmbares. Glaubst du, für Kaschmir ist es in Lugano zu warm?“

Ohne eine Antwort abzuwarten, eilte sie auf die Straße hinaus und hielt nach einem Taxi Ausschau. Ich wollte ihr gerade nach draußen folgen, als Mrs Tombs’ schwerfällige Gestalt aus der Küche auftauchte. „Sie sind also fertig mit dem Frühstück, ja?“, fragte sie in ihrer üblichen Stimmlage, die so klang, als wäre das Leben eine unerträgliche Last.

„Ja, danke, Mrs Tombs.“

„Sie gehen also aus?“

Sie hatte ein Talent, das Offensichtliche auszusprechen. Ich trug meinen Mantel und stand auf der Türschwelle. „Ja, Mrs Tombs. Meine Mutter muss einige Einkäufe erledigen.“

„Immerzu kauft sie ein. Hat sie inzwischen nicht genügend Kleider? Beide Schränke oben sind schon voll.“

Unter uns gesagt hatte ich den Eindruck, dass meine Mutter niemals genügend Kleider haben würde. Einkaufen war ihr Lieblingssport, aber ich würde nicht einmal im Traum daran denken, vor einer Haushälterin illoyal zu sein. „Ich glaube nicht, dass die Einkaufsgewohnheiten von Miss Daniels uns irgendetwas angehen“, sagte ich und benutzte den Künstlernamen meiner Mutter, den sie ihrem richtigen Namen vorzog. Sie war immer noch offiziell mit einem amerikanischen Ölmagnaten namens Homer Clegg verheiratet, der sich bislang geweigert hatte, einer Scheidung zuzustimmen. Das war einer religiösen puritanischen Anwandlung geschuldet, von der meine Mutter bei ihrer Heirat nichts geahnt hatte.

„Glauben Sie denn, dass Sie zum Dinner zurück sein werden?“

Ich seufzte. Sie wurde von Minute zu Minute nervtötender. „Mrs Tombs, wie ich Ihnen bereits gesagt habe, wird die Mittagsmahlzeit in unseren Kreisen Lunch genannt. Dinner wird um sieben Uhr abends serviert.“

Sie zog die Nase hoch und wischte sich die Hände an ihrer Kittelschürze ab. „Tja, tut mir leid, dass ich atme. Lunch also. Werden Sie Lunch wollen?“

„Das weiß ich nicht“, sagte ich. „Bereiten Sie trotzdem etwas vor. Vielleicht etwas Leichtes, einen Salat zum Beispiel?“

„Der Gemüsehändler um die Ecke wird keinen Kopfsalat haben. Um diese Jahreszeit führen sowas nur die piekfeinen Geschäfte.“

„Nun gut, ein –“ Ich hielt inne. Ich hatte dummerweise ein Soufflé oder sogar ein Omelett vorschlagen wollen, was beides eine Nummer zu groß für sie gewesen wäre.

„Wir werden Räucherlachs mitbringen. Sorgen Sie dafür, dass wir Vollkornbrot haben, dünn geschnitten.“

„In Ordnung.“ Ich hatte schon vor langer Zeit aufgegeben ihr die korrekte Ansprache für die Tochter eines Herzogs beibringen zu wollen. Sie würde sie nicht benutzen.

Sie zog wieder die Nase hoch und schlurfte davon, um den Frühstückstisch abzuräumen. Sie war wirklich eine äußerst deprimierende Frau, aber sie gehörte zum Haus. „Wie praktisch“, hatte Mummy gesagt. „Wir werden uns nicht nach Bediensteten umsehen müssen.“

Sie war eine Haushälterin, die über Kochkünste verfügte, obwohl man über die „Kochkünste“ streiten konnte. Sie waren nicht existent und wenn es nach ihr gegangen wäre, hätten wir graues, verkochtes Hammelfleisch und zu Tode gesiedeten Kohl gegessen. Zum Glück aß Mummy gern gut und ein nicht abreißender Strom Lieferungen von Harrods und Fortnum’s bewahrte uns vor dem Hungertod.

Mummy hatte bereits ein Taxi aufgetrieben, eines ihrer vielen wunderbaren Talente. Für sie schienen Taxis einfach aus dem Nichts aufzutauchen. Ich stieg neben ihr ein.

„Mrs Tombs wollte wissen, ob wir zum Lunch zurück sind“, sagte ich.

„Diese Frau hätte man bei der Geburt ertränken sollen“, sagte Mummy. „Ist es nicht lustig, dass manche Namen so gut zu den Leuten passen? Sie zieht ein Gesicht wie ein Totengräber. Und ich bin mir sicher, dass alle vorherigen Mieter an ihren Kochkünsten gestorben sind. Wenn ich nicht abreisen würde, würde ich dem Besitzer schreiben, um ihm mitzuteilen, was für eine Katastrophe sie ist. Ihm ist das natürlich egal. Er ist in Monte Carlo.“

„Sie putzt ziemlich gut“, merkte ich an. „Es ist nicht ihre Schuld, dass sie nicht kochen kann.“

„Du hast ein zu gutmütiges Naturell, Schätzchen. Mit Freundlichkeit und Güte wirst du es nicht weit bringen. Du musst dich in eine Löwin verwandeln und die Leute, die nicht deiner Meinung sind, in der Luft zerreißen, wie ich.“

„Im Zerreißen bin ich nicht besonders gut“, sagte ich. „Außerdem mag ich Menschen und möchte ebenfalls gemocht werden.“

Sie seufzte. „Je schneller du heiratest und Kinder bekommst, die du verwöhnen kannst, desto besser.“ Sie hielt inne und schaute aus dem Fenster auf die Seitenwand von Harrods. „Von dem köstlichen Darcy gibt es also keine Neuigkeiten?“

„Seit einer Ewigkeit nichts“, stöhnte ich.

„Du musst ihn dazu bringen, dass er so schnell wie möglich zu dir zurückkehren möchte. Du musst lernen, dich im Bett in eine kleine Tigerin zu verwandeln. Zu schade, dass ich abreise, sonst hätte ich dir ein paar Ratschläge geben können –“

„Mummy, wir sind noch nicht verheiratet“, sagte ich in schockiertem Tonfall.

Das rief bei ihr ein heiteres Lachen hervor. „Liebes, seit wann haben Sex und Heiraten das Geringste miteinander zu tun? Leute wie wir heiraten, damit sie legal an schöne Immobilien, Adelstitel und die Reichtümer anderer Leute kommen.“

Ich lächelte zum Fenster hinaus, sagte aber nichts. Mummy gehörte wohl kaum zu „Leuten wie wir“, da sie als Tochter eines Cockney-Polizisten und seiner Ehefrau in einem kleinen Haus im Londoner East End zur Welt gekommen war. Zu ihrem Glück hatte sie sich mit Hilfe ihrer Schauspielkünste und ihres blendend guten Aussehens meinen Vater geangelt – einen Herzog, genauer gesagt den Duke von Glen Garry und Rannoch, ein Enkel von Königin Victoria und daher der Cousin des Königs, was meine Mutter für eine Weile zu „Euer Gnaden“ machte, bis sie Reißaus nahm. Am meisten bereute sie, ihren Adelstitel aufgegeben zu haben. Sie spielte immer noch gern die Rolle einer „Euer Gnaden“.

Das Taxi hielt vor dem Vordereingang von Harrods. Ein betresster Lakai sprang vor, um die Tür zu öffnen, als hätte er instinktiv gewusst, dass Mummy im Wagen saß.

„Hallo Albert“, sagte sie und bedachte ihn mit der vollen Wucht ihrer strahlenden Erscheinung. „Wie geht es Ihnen heute?“

„Umso besser, nachdem ich Euer Gnaden erblickt habe“, sagte er, als sich seine Finger um das großzügige Trinkgeld schlossen.

„Wie liebreizend von Ihnen, sich an mich zu erinnern“, sagte sie. Als ob er sie vergessen könnte.

Dann hielt sie zielstrebig auf die Kosmetikabteilung zu, wo sie nur so lang Halt machte, wie es dauerte, einen Tiegel ihrer Lieblingscreme zu bestellen, dann weiter zur Handschuhabteilung, wo sie nur lang genug blieb, um Ziegenlederhandschuhe und einen passenden Schal zu verlangen, dann war sie schon im Aufzug zur Kleiderabteilung. Eine halbe Stunde später hatte sie um die zwanzig Stück anprobiert, die sie alle verwarf, da sie zu betulich und zu sehr „letzte Saison“ waren.

Also ging es in halsbrecherischer Geschwindigkeit weiter, wir holten Handschuhe, Schal und Gesichtscreme ab und beauftragten jemanden damit, zur Markthalle zu laufen und Räucherlachs zum Mittagessen zu uns nach Hause liefern zu lassen. Wie üblich war ich von ihrer Energie, ihrer Effizienz und der Art, wie sie davon ausging, dass jeder Angestellte von Harrods nur für sie da war, beeindruckt. Wenn ich ihr nur etwas ähnlicher wäre, was Temperament und Aussehen anging. Ich seufzte. Sie war zierlich, mit riesigen blauen Augen, die ihr einen falschen Anschein von Hilflosigkeit und Zerbrechlichkeit verliehen. Ich war groß und kantig mit dem gesunden Aussehen meiner zähen schottischen Ahnen, das von viel Bewegung an der frischen Luft stammte.

„Wohin soll es nun gehen?“, fragte sie mich, während ein weiteres Taxi mit quietschenden Reifen neben uns zum Stehen kam. „Nicht Barker’s. Zu deprimierend. Selfridge’s? Zu gewöhnlich. „Liberty’s? Zu ländlich. Fenwick’s? Ja, das wäre eine Idee.“ Sie klopfte an die Glasscheibe. „Fahrer, zur Bond Street. Dort finden wir bestimmt etwas.“

Und schon waren wir wieder unterwegs. „Was meinst du, reicht die Zeit, um mir die Haare legen zu lassen?“, fragte sie. „Dieser reizende junge Mann an der Ecke Burlington Arcade wird mich dazwischenschieben, das weiß ich. Du kannst ein wenig bummeln, nicht wahr, Schätzchen, während ich mir ganz kurz die Haare waschen und legen lasse?“

Insgeheim dachte ich, dass nichts so deprimierend war, wie auf der Bond Street zu bummeln, ohne sich irgendetwas aus den Geschäften leisten zu können, aber es war nur eine rhetorische Frage und ein schöner Tag für einen Spaziergang. Wir rauschten durch Fenwick’s, wo sie einen Skipullover von Fair Isle erwarb, falls sie Ski fahren würde, ein Badetuch, falls sie schwimmen würde, und eine robuste, praktische Tweedhose, um in den Alpen zu wandern. Dem fügte sie eine Auswahl von Unterwäsche hinzu.

„Natürlich kennen sich nur die Franzosen mit Unterwäsche aus“, sagte sie für alle Welt gut vernehmlich mit ihrer tragenden Theaterstimme. „Die Engländer scheinen zu glauben, dass Unterwäsche nichts mit Verführung oder Sex zu tun haben darf. Welcher heißblütige Mann würde einem gern diese ausladenden englischen Unterhosen vom Leib reißen?“, sagte sie, während sie mit einem besonders großen Exemplar wedelte. Mehrere Frauen vom Land drehten sich entsetzt um. Eine fächelte sich mit ihren Handschuhen Luft zu. „Aber es gibt Zeiten, in denen man es gern warm hat, und dafür eignet sich nichts besser als gute englische Wolle.“

Dann waren wir draußen und Mummy eilte zum Friseur, der prompt eine arme Kundin, deren Haar halb in Lockenwickler eingedreht war, seinem Assistenten überließ, während er meine Mutter zum besten Platz komplimentierte. Als ich herauskam, fragte ich mich, was ich mit der nächsten Stunde anfangen sollte. Ich hätte Mummy um Geld bitten können, aber in solchen Angelegenheiten war ich wie mein Großvater. Das Geld stammte von Max und ich war zu stolz, um darum zu bitten.

Also schlenderte ich die Bond Street entlang, warf den Auslagen der Läden flüchtige Blicke zu und stellte mir vor, wie es wäre, hineinzugehen und zu sagen: „Ich würde mir gern diese Smaragdkette ansehen“, als ich von hinten gepackt wurde.

Kapitel 2

Auf der Bond Street

Bevor ich schreien oder rational handeln konnte, wurde ich herumgewirbelt und eine Stimme jauchzte an meinem Ohr: „Schätzchen, du bist es! Wie wunderbar!“

Meine beste Freundin Belinda Warburton-Stoke stand vor mir und sah sogar noch reizender und glamouröser aus als bei unserer letzten Begegnung. Sie trug ein schwarzes maßgeschneidertes Kostüm mit scharlachroten Lederbesätzen und einen kleinen scharlachroten Hut mit einem provokanten Schleier. Ihr dunkles Haar war zu einem schicken Bubikopf frisiert und ihr Mund war leuchtend rot geschminkt. Alles an ihr schrie Pariser Schick.

„Und du kaufst auch noch in der Bond Street ein“, sagte sie. „Du musst auf dem aufsteigenden Ast sein.“

„Ich wünschte, es wäre so.“ Ich küsste sie auf die dargebotene Wange. „Aber es ist schön, dich zu sehen, Belinda. Ich habe dich vermisst. Wo warst du? Ich habe ein paar Mal bei deinem Cottage vorbeigeschaut, aber es war leer und verlassen.“

„In Paris, Schätzchen. Wo sonst?“

„Noch ein französischer Marquis?“ Als wir vergangenes Jahr zusammen in Frankreich gewesen waren, hatte sie ein Auge auf einen französischen Marquis geworfen.

„Keineswegs. Wenn du es genau wissen willst, habe ich für Chanel gearbeitet. Sie fand meine Entwürfe vielversprechend, weißt du noch? Also dachte ich, ich reise nach Paris und lerne zu Füßen des Meisters – oder der Meisterin, in Cocos Fall.“

„Also bist du nur zu Besuch hier?“

Ein verärgertes Zucken verdunkelte einen Moment lang ihre Züge. „Ich fürchte, Chanel und ich gehen getrennte Wege. Ein gewisser Franzose zeigte Interesse an mir, wie das eben so ist.“ (Zumindest in Belindas Fall war es so.) „Er war nicht unattraktiv, also wies ich seine Annäherungsversuche nicht zurück. Woher hätte ich wissen sollen, dass er einer von Cocos Liebhabern war? Wie sich herausstellte, teilt sie nicht gern. Also wurde ich hinausgeworfen. Hier bin ich also, zurück in London, und ich kann es kaum erwarten, mit meiner eigenen Kollektion zu beginnen.“

„Wie aufregend“, sagte ich.

Sie sah sich um. „Musst du unbedingt einkaufen oder können wir einen Kaffee trinken gehen? Ich würde liebend gern mit dir plaudern, aber meine hohen Absätze bringen mich um.“

„Solange wir in der Nähe bleiben. Ich bin mit meiner Mutter unterwegs und sie lässt sich um die Ecke die Haare machen.“

„Ah, deshalb bist du also in der Bond Street. Komm mit, in der Albemarle Street gibt es einen kleinen Laden, der ungiftigen Kaffee brauen kann.“

Sie marschierte auf ihren turmhohen Keilabsätzen los, wobei sie etwas schwankte. Wir fanden das kleine Café und setzten uns. Wir strahlten einander an, während uns die Kellnerin zwei Mokkatassen voll mit dunklem, starkem Kaffee brachte.

„Deine eigene Kollektion, Belinda! Das klingt aufregend. Du benötigst nicht zufällig eine effiziente Privatsekretärin?“

„Kennst du eine?“

„Mich. Ich habe den ganzen letzten Monat als Mummys Sekretärin gearbeitet. Ich kann sogar eine Schreibmaschine bedienen.“

„Ich bin beeindruckt. Und ich würde dich auf der Stelle einstellen, aber ehrlich gesagt, meine Liebe, kann ich mein Unternehmen nicht ohne Kapital auf die Beine stellen. Ich bin beinahe so pleite wie du. Meine Stiefmutter – du erinnerst dich, die böse Hexe – hat meinen Vater davon überzeugt, dass ich nicht länger Unterhalt benötige. Wie grässlich von ihr. Sie sagte, es wäre meine Schuld, dass ich nicht verheiratet bin, und dass ich mit vierundzwanzig auf eigenen Beinen stehen sollte.“

„Also sitzen wir im selben Boot“, sagte ich. „Eigentlich hätte ich Mummy dabei helfen sollen, ihre Memoiren zu schreiben.“

Belinda verschluckte sich beinahe am ihrem Kaffee. „Sie wird doch nicht alles enthüllen? Meine Liebe, denk an all die Skandale.“

„Ich weiß. Zu diesem Schluss ist sie ebenfalls gekommen. Außerdem hat Max ihr eine Villa in Lugano gekauft. Sie reist zu ihm und lässt das Projekt und ihre einzige Tochter zurück.“

„Ich würde wohl auch meine einzige Tochter für eine Luganer Villa um diese Jahreszeit zurücklassen“, sagte Belinda. Vor dem Fenster wirbelte der starke Märzwind Zeitungen umher. „Und was ist mit dir? Wohin wirst du gehen – zurück ins Rannoch House?“ (Rannoch House am Belgrave Square war das Londoner Haus meiner Familie.)

Ich schüttelte den Kopf. „Es ist verschlossen. Binky und Fig haben beschlossen, diesen Winter nicht nach London zu kommen. Zu teuer, alle Bediensteten herzuschicken. Sie bleiben an Ort und Stelle auf Castle Rannoch.“

Binky, mein Bruder, trug als Duke von Glen Garry und Rannoch den Titel eines Herzogs. Die gefürchtete Fig war seine Frau und damit die gegenwärtige Duchess. Obwohl sie ein Schloss und ein Londoner Stadthaus besaßen, waren sie beinahe so pleite wie ich, was den Erbschaftssteuern und unserem Vater geschuldet war, der das Familienvermögen verjubelt hatte.

„Du hast doch schon allein im Londoner Haus gelebt“, sagte Belinda.

„Aber sie erlauben es mir nicht länger. Fig gönnt mir nicht einmal die verschwindend geringen Kosten für Heizung und Strom, die ich verursachen würde. Ich kann bis zum Ende des Monats in dem Haus bleiben, das Mummy gemietet hat, aber ich habe keine Ahnung, was ich danach tun soll. Ich kann einfach nicht nach Schottland heimkehren. Dort ist es so trist und Fig gibt mir das Gefühl, nicht willkommen zu sein.“

„Es ist dein Ahnensitz. Sie ist nur eine angeheiratete Rannoch. Und im Gegensatz zu dir ist sie nicht mit der Königsfamilie verwandt. Du musst dich mehr durchsetzen, Georgie.“

Ich rührte energisch die dicke, schwarze Flüssigkeit in meiner Tasse um. „Leider gehört das Haus jetzt ihr und nicht mir. Mein Bruder ist der Duke und sie die Duchess. Ich bin nur eine arme Verwandte.“

„Du liebe Güte, klingst du niedergeschlagen“, sagte sie. „Ich bin nie niedergeschlagen. Ich bin mir immer sicher, dass sich die Dinge zum Guten wenden, was sie für gewöhnlich auch tun.“

„Du hast Talent und Geschick“, sagte ich. „Ich nicht.“

„Was ist mit dem Tippen?“

„Ich glaube nicht, dass ich schon gut genug bin, um eine richtige Sekretärin für jemanden abzugeben. Außerdem kann ich nirgends wohnen.“

„Ich würde dich in meine kleine Wohnung in den umgebauten Stallungen einladen, aber es gibt nur ein Schlafzimmer und es würde mir nicht in den Kram passen, falls ich ab und an jemanden mit nach Hause nehmen möchte.“ Sie fügte nicht hinzu, dass dieser Jemand zweifellos dem anderen Geschlecht angehören würde.

„Verstehe ich“, sagte ich.

„Natürlich hast du ein Ass im Ärmel, das ich nicht besitze“, sagte Belinda. „Du kannst jederzeit deine königlichen Verwandten um Hilfe bitten.“ Ich sollte wohl erwähnen, dass Königin Victoria meine Urgroßmutter gewesen war, was König George zu meinem Cousin zweiten Grades machte.

„Belinda, ich kann sie nicht darum bitten –“, begann ich, aber sie unterbrach mich.

„Du hast ihnen schon oft genug ausgeholfen. Was ist mit dieser Prinzessin oder der Schnupftabaksdose? Sie schulden dir einen Gefallen, Georgie.“

„Du hast recht“, sagte ich. „Aber in ihren Augen stehen mir zwei Möglichkeiten offen – einen halbverrückten europäischen Prinzen zu heiraten oder die Kammerzofe einer ältlichen königlichen Tante zu werden.“

„Es gibt ein oder zwei gutaussehende europäische Prinzen. Erinnerst du dich an Prinz Anton?“

„Ja, aber ich werde nicht aus Pflichtgefühl heiraten. Es gibt schon einen Mann, den ich liebe.“

„Und wie geht es dem zauberhaften Darcy?“

Ich senkte den Blick auf meine Tasse. „Reist wieder in der Weltgeschichte herum. In Argentinien, glaube ich. Ich liebe ihn ja, Belinda, aber er ist kaum jemals hier.“

Sie nickte mitfühlend. „Tja, selbst deine zweite Option klingt im Augenblick besser, als bei Binky und Fig zu wohnen, meinst du nicht? Wäre es denn so abscheulich, auf einem stattlichen Anwesen auf dem Land zu leben? Gutes Essen, Jagdausflüge, vielleicht sogar interessante Gäste.“

„Du bist wirklich optimistisch, Belinda. Aber es wäre in der tiefsten Provinz und ich müsste Wolle spinnen und schreckliche kleine Hunde ausführen, die nach meinen Knöcheln schnappen. Ich will mein eigenes Leben führen, nicht das Anhängsel von jemand anderem sein.“ Ich sah zu ihr auf. „Wie hast du also vor, das Geld für deine Kollektion aufzubringen? Hast du einen reichen Mann im Auge?“

„Ich bin eben erst aus Paris zurück, aber ich arbeite daran. Ich war jede Nacht im Crockfords.“

„Du verlässt dich auf das Glücksspiel, um an Geld zu kommen?“

„Nicht ganz, Schätzchen.“ Sie lächelte mir schelmisch zu. „Es gibt immer noch eine erstaunliche Anzahl reicher Männer, die dort dem Glücksspiel frönen – Amerikaner, Kolonialherren, Fremde. Ich sehe süß und hilflos aus und bitte sie um Ratschläge, wie man Roulette spielt. Sie übernehmen immer meinen Einsatz. Aber ich sehe mich eigentlich nach etwas um, das die Amerikaner einen ‚Sugar Daddy‘ nennen.“

„Belinda – das meinst du noch nicht im Ernst! Du würdest dich doch nicht wirklich auf einen älteren Gönner einlassen, nur des Geldes wegen?“

Sie zuckte mit den Achseln. „Ich sehe keine andere Möglichkeit reich zu werden. Es scheint im Moment nicht allzu viele reiche junge Männer zu geben, die in Frage kommen. Wenn sie in Frage kommen, sind sie völlig abgebrannt, wie Darcy. Wenn sie reich sind, sind sie entweder verheiratet oder alt und schwabbelig. Ich schätze, ich könnte einen neunzigjährigen Millionär finden und ihn heiraten.“

Bei diesen Worten musste ich lachen. „Belinda, du bist furchtbar.“

„Nur praktisch veranlagt, Schätzchen. Ich halte mich über Wasser, wie deine Mutter.“

Ich warf einen Blick auf meine Uhr. „Ich gehe besser los. Mummy hasst es, wenn man sie warten lässt.“

„Nun, wir sollten uns öfter treffen, jetzt, da wir beide in der Stadt sind. Ich bin vielleicht knapp bei Kasse, aber ich habe immer noch genug, um gelegentlich Nachtclubs oder das Theater zu besuchen … und ich werde verlauten lassen, dass wir für Partyeinladungen zur Verfügung stehen. Wir werden uns amüsieren, ja?“

Als wir das Kaffeehaus verließen, hielt ich das durchaus für möglich.

Mummy reiste am nächsten Tag ab, in bodenlangen dunklen Nerz und eine Wolke Chanel No. 5 gehüllt. „Hab Spaß, Schätzchen“, sagte sie und gab mir einen Kuss aus zwei Zoll Entfernung, um ihr Makeup nicht zu ruinieren. „Und statte uns einen Besuch ab, sobald wir uns eingelebt haben.“

Als ich ihr nachsah, fragte ich mich, wie eine Frau so unbeschwert durchs Leben gehen konnte, ohne auf andere Menschen Rücksicht zu nehmen, nicht einmal auf ihr einziges Kind. Die Tür des Taxis fiel zu, sie winkte und dann war sie fort.

Mrs Tombs stand hinter mir im Eingang und wischte sich die Hände an ihrer Kittelschürze ab. „Mein Rheuma macht mir schreckliche Mühe“, sagte sie. „Es macht Ihnen doch nichts aus, den Rest des Eintopfs zum Dinner zu essen, oder?“

Niedergeschlagen stampfte ich die Treppe hoch. Ich bezweifelte, dass ich es hier bis zum Ende des Monats aushalten würde. Ich öffnete die Tür und mir bot sich ein merkwürdiger Anblick. Jemand saß an meinem Frisiertisch – jemand mit scharlachroten Lippen, roten Wangen, schwarz umrandeten Augen und auf dem Kopf aufgetürmtem Haar. Ich musste an eine billige Zelluloid-Puppe denken, wie sie auf Jahrmärkten verkauft wurden.

„Was um Himmels willen?“, begann ich.

Mein Dienstmädchen zuckte schuldbewusst zusammen. „Entschuldigung, Miss“, sagte sie.

„Queenie, was hast du getan?“

Beschämt senkte sie den Kopf. „Ihre Mum hat etwas von ihrem Makeup hier gelassen. Besser gesagt, sie hat es weggeworfen. Kam mir wie Verschwendung vor. Also hab’ ich es für Sie aus dem Mülleimer gerettet. Ich dachte, Sie würden vielleicht besser aussehen, wenn Sie sich ein bisschen aufbrezeln.“

„Offensichtlich dachtest du das auch von dir“, sagte ich und wusste nicht, ob ich lachen oder die Stirn runzeln sollte.

„Tja, ich hatte noch nie die Gelegenheit, mich aufzubrezeln“, sagte sie. „Man kann nie wissen, vielleicht sehe ich als Femme fatale gut aus.“

„Queenie, nur Damen des Nachtlebens tragen derart viel Makeup“, sagte ich. „Und Dienstboten überhaupt nicht. Geh jetzt und wasch es ab.“

„Klar wie Kloßbrühe, Miss“, sagte sie. „Hab es nur aus Spaß getan. Hier gibt’s nich’ besonders viel zu lachen, nich’ mit der unten in der Küche, die ein Gesicht zieht wie drei Tage Regenwetter.“

Ich schüttelte den Kopf. „Queenie, ich weiß nicht, warum ich dich als Dienstmädchen behalte.“

„Ich schon, Miss“, sagte sie. „Sie können sich keines von diesen piekfeinen Dienstmädchen leisten, die sich richtig ausdrücken können und wissen, wie man sich benimmt.“

„Stimmt. Aber ich hatte gehofft, du würdest vielleicht lernen, dich wie ein vornehmes Dienstmädchen zu benehmen.“

„In letzter Zeit hab’ ich Ihre Kleider beim Bügeln nicht mehr so oft verbrannt“, verteidigte sie sich.

„Aber du nennst mich immer noch Miss, obwohl ich dir tausend Mal gesagt haben muss, dass man die Tochter eines Dukes korrekterweise mit Mylady anspricht.“

„Jup, tut mir leid. Das vergesse ich immer, nich’ wahr? Ich schätze, es liegt daran, dass Sie mir nich’ wie eine Lady vorkommen. Sie sehen völlig gewöhnlich aus.“ An der Tür drehte sie sich zu mir um. „Bleiben wir wirklich hier?“

„Bis zum Monatsende, schätze ich.“

Sie seufzte theatralisch. „Ich weiß nich’, wie lange ich die miesepetrige alte Kuh da unten aushalten kann.“

„Queenie, es steht dir nicht zu, andere zu verurteilen.“

„Tja, Sie müssen schließlich nich’ mit ihr essen. Wenn es nach ihr ginge, würde ich verhungern – und so wie sie kocht, würde ich das manchmal vorziehen.“

„Ich neige dazu, dir in diesem Punkt recht zu geben“, sagte ich, „aber im Moment kann ich nirgendwo anders hin. Du willst bestimmt ebenso wenig nach Schottland zurück wie ich. Meine Schwägerin liegt mir ständig in den Ohren, dass ich dich entlassen solle.“

„Sie ist auch eine richtige Kuh“, sagte Queenie.

„Queenie. Wie ich dir schon gesagt habe – so solltest du nicht über eine Duchess sprechen.“

„Tja, es stimmt aber. Sie behandelt Sie schlecht. Es ist nicht gerecht, dass Sie kein Geld haben und kein Zuhause, während sie über dieses verdammt große Schloss bestimmt. Ich finde, Sie sollten sich eine eigene kleine Wohnung in London nehmen wie Ihre Freundin.“

„Wie soll ich das anstellen?“

„Sie haben doch jetzt eine Schreibmaschine. Mit ein wenig Übung könnten Sie eine richtige Sekretärin werden. Die verdienen gut.“

In mir stieg ein kleiner Anflug von Hoffnung auf. „Ich schätze, das könnte ich, wenn ich fleißig übe.“

„’Türlich könnten Sie das.“ Sie lächelte mich ermutigend an und ich wusste wieder, warum ich sie in meinem Dienst behielt. „Na dann los“, fügte sie hinzu. „Machen Sie sich an die Arbeit.“

Während der nächsten Tage saß ich an meiner Schreibmaschine und arbeitete.

Franz jaght im komplett verwahrlosten Taxi quer durch Bayern.

Frnzjaght im komplwtt verwahrloaten Raxi quer durch Bsyern.

Mist.

Fwanz jygt im konplettvereahrlotsen Taci wuerdurvh …

Ich machte nicht gerade schnell Fortschritte.

Solange ich ruhig und umsichtig tippte, war es in Ordnung. Nur wenn ich in Eile war, geriet ich durcheinander. Das Monatsende rückte näher. Wenn ich nur bald eine Anstellung fände, dann könnte ich vielleicht für ein paar Tage bei meinem Großvater unterkommen, bis ich meinen ersten Lohn bekam. Dann würde ich nach einer eigenen Wohnung suchen. Ich war mir nicht sicher, ob es den königlichen Verwandten gefallen würde, wenn ich als Schreibkraft arbeitete oder in dem kleinen Reihenhaus eines Londoner Polizisten im Ruhestand wohnte, wo es Gartenzwerge im Vorgarten gab. Aber andererseits zahlten sie mir keinen Unterhalt und es war besser als meine früheren Versuche, Häuser zu putzen oder einen Begleitdienst ins Leben zu rufen.

Da die Zeit knapp wurde, beschloss ich, eine Arbeitsvermittlung aufzusuchen. Zuerst verwendete ich ein Briefpapier mit dem Rannoch-Wappen darauf, um mir ein Empfehlungsschreiben auszustellen. „Hiermit empfehle ich Fiona Kinkaid, die vor Kurzem als meine Sekretärin angestellt war. Sie zeigte sich in jeder Hinsicht effizient, arbeitsam und zufriedenstellend. Ich kehre nun aufs Festland zurück und wünsche ihr alles Gute.“ Ich unterzeichnete mit der runden, kindlichen Unterschrift meiner Mutter, die so einfach nachzuahmen war. Ich beschloss, nicht meinen eigenen Namen zu verwenden, nur für den Fall, dass die Presse Wind davon bekam und die Familie etwas dagegen einzuwenden hätte, also benutzte ich einfach den Namen der glamourösen Puppe, die ich einmal besessen hatte. Dann machte ich mich auf den Weg zu einer Agentur in der Nähe. Sie lag im ersten Stock, unweit der Curzon Street. Auf halber Treppe hörte ich Schreibmaschinen in besorgniserregendem Tempo klappern. Plötzlich öffnete sich die Tür und eine junge Frau stampfte die Treppe hinunter an mir vorbei. „Alter Drache“, flüsterte sie mir zu. „Ich habe nur einen Fehler gemacht und sie hat mir gesagt, ich würde ihren Standards nicht genügen. Sie erwarten Automaten, keine Menschen.“

Ich machte auf dem Absatz kehrt und folgte ihr die Treppe hinunter. Sieh den Tatsachen ins Auge, Georgiana. Wie närrisch und naiv von mir, zu denken, dass ein paar Wochen Herumtippen auf der Schreibmaschine mich zur Sekretärin machen würden. Ich war ein hoffnungsloser Fall. Ungeeignet für eine Anstellung. Ich hatte nun keine andere Möglichkeit, als mit eingezogenem Schwanz nach Hause nach Castle Rannoch zurückzukehren, es sei denn … Ich hielt inne und erinnerte mich an das, was Belinda gesagt hatte. Ganz sicher wäre es besser, eine Kammerzofe für eine ältere königliche Verwandte zu sein, als zurück zu Fig zu gehen. Alles wäre besser als Fig.

Ich suchte das Briefpapier wieder heraus und verfasste einen Brief an Ihre Gütigste Majestät, Königin Mary.

Ich überlegte hin und her, ob ich mit „Liebe Cousine Mary“ oder mit „Eure Majestät“ beginnen sollte. Ich entschied mich für Letzteres. Die Königin legte großen Wert auf Formalitäten. Ich erklärte, dass ich lieber nicht nach Schottland zurückkehren würde und mich nützlich machen wollte, aber leider keine Bleibe in London besaß, da mein Bruder das Stadthaus geschlossen hatte. Jegliche Hilfe oder Empfehlung, die sie mir geben konnte, würde ich dankbar entgegennehmen.

Ich schloss den Brief mit „Eurer Majestät stets treu ergeben, Eure Euch liebende Cousine Georgiana.“

Dann brachte ich ihn zur Post, hielt den Atem an und wartete.

Kapitel 3

Cheyne Walk, Chelsea und der Buckingham Palace

Es waren noch zwei Tage bis Monatsende und Mrs Tombs ließ eine wenig subtile Bemerkung darüber fallen, dass sie hoffte, ich würde mich mit der Abreise beeilen, da sie viel zu putzen hätte, bevor die nächsten Mieter ankamen. Ich fing an zu verzweifeln, da erhielt ich eine Antwort vom Buckingham Palace.

„Meine liebe Georgiana“, hatte Ihre Majestät eigenhändig geschrieben. „Dein Brief ist zu einem äußerst günstigen Zeitpunkt eingetroffen. Wenn du morgen zum Tee kommst, habe ich vielleicht einen interessanten kleinen Auftrag für dich.“

Er war mit „Deine dich liebende Cousine Mary R.“ unterschrieben (das R stand natürlich für Regina). Selbst wenn sie vertraulich war, blieb sie stets korrekt.

Ich stand da, betrachtete den Brief und wusste nicht, ob ich aufgeregt oder besorgt sein sollte. Die letzten kleinen Aufträge der Königin hatten beinhaltet, eine Prinzessin aus dem Ausland zu beherbergen und eine entwendete Schnupftabaksdose wiederzubeschaffen. Man konnte nie wissen. Wenigstens war es besser als ein kaltes, trostloses Schloss in Schottland. Ich ging nach oben, um sicherzustellen, dass ich passend gekleidet war. Ich wählte den Rock und das Strickjäckchen in Altrosa, die mir meine Mutter zu Weihnachten geschenkt hatte. Das kam einer eleganten Tagesgarderobe am Nächsten. Dann musste ich Queenie daran erinnern, die Kleidungsstücke nicht mit dem Rest meiner Besitztümer einzupacken.

„Wohin reisen wir denn?“, fragte sie.

„Ich habe keine Ahnung. Aber irgendwohin.“

„Ich hoffe, es geht wieder ins Ausland“, sagte sie. „Nach dem, was die da unten kocht, könnte ich was von diesem Froschessen vertragen. Und Sonnenschein dazu.“

Ein herrliches Bild der Villa in Nizza stieg vor meinem inneren Auge auf – das blau funkelnde Mittelmeer am Fuß der Klippe, der Duft von Mimosen in der Luft. Wahrscheinlich war es aussichtlos, darauf zu hoffen. Dann rief ich mir ins Gedächtnis, dass es auch gefährlich gewesen war. Ich hoffte, dieser Auftrag würde keine Gefahren beinhalten. Aufregung war in Ordnung, aber ich hätte es vorgezogen, nicht wieder um Haaresbreite dem Tod zu entrinnen.

„Wohin sind Sie denn unterwegs?“, fragte Mrs Tombs, die auf unheimliche Weise immer dann erschien, wenn ich die Eingangshalle betrat. „Wieder ein kleiner Einkaufsbummel?“

„Nein, ich gehe zum Tee mit der Königin.“

„Ach, kommen Sie schon. Welchen Bären wollen Sie mir denn da aufbinden?“, sagte sie kichernd.

„Nein, ehrlich.“

„Warum würde die Königin mit Ihnen Tee trinken wollen?“, fragte sie mit vor Sarkasmus triefender Stimme.

„Weil ich ihre Cousine bin“, gab ich zurück. „Ich bin Lady Georgiana Rannoch. Ich werde häufig in den Palace eingeladen.“

„Menschenskinder.“ Sie hob eine Hand vor den Mund. „Ich hatte ja keine Ahnung. Ich dachte mir schon, dass mir Ihr Gesicht irgendwie bekannt vorkam. Warten Sie nur, bis ich der Nachbarin erzähle, dass ich ein Mitglied des Königshauses zu Gast habe.“

Und ihr aufgewärmten Eintopf vorsetze, hätte ich beinahe hinzugefügt, aber ich begnügte mich mit einem Lächeln, als ich hinausging.

Pünktlich zur vierten Stunde traf ich im Buckingham Palace ein. Ich musste immer all meinen Mut zusammennehmen, um auf das große, vergoldete Tor zuzugehen und diesen unglaublich hochgewachsenen Wachen zu sagen, dass ich zum Tee erwartet wurde. Dann musste ich den Vorplatz überqueren, während ich von den vorübergehenden Touristen beäugt wurde, was immer eine Ewigkeit zu dauern schien, bevor ich unter dem Bogen hindurchging, durch den Innenhof und hinauf zu dem furchteinflößenden Haupteingang.

„Guten Nachmittag, Mylady“, begrüßte mich der Empfangslakai und verbeugte sich. „Ihre Majestät erwartet Sie im chinesischen Chippendale-Zimmer. Erlauben Sie mir, Sie dorthin zu geleiten.“

So ein Mist. Das chinesische Chippendale-Zimmer. Warum hatte sie keinen anderen Ort gewählt? Jeder andere Raum des Palace wäre mir recht gewesen. Aber das chinesische Chippendale-Zimmer war ihr Lieblingszimmer: klein, intim und mit viel zu vielen chinesischen Vasen, unbezahlbaren Porzellanstatuen und ihrer Jadesammlung dekoriert. Es gibt da etwas, das ihr über mich wissen solltet: Wenn ich nervös bin, neige ich dazu, ein bisschen tollpatschig zu sein. Ich weiß noch, wie ich einmal über den ausgestreckten Fuß eines Lakaien gestolpert war, als er sich verbeugte, um mich hineinzubitten, was mich ziemlich schnell in den Raum katapultiert hatte, wo ich beinahe mit I. M. zusammengestoßen wäre. Ich traute mir durchaus zu, mich umzudrehen und eine unbezahlbare Ming-Vase zu Boden zu fegen.

Dennoch setzte ich eine mutige Miene auf, als ich die große Treppe hinauf ins Piano Nobile geführt wurde, wo die königliche Familie tatsächlich wohnte und Gäste empfing. Wir gingen die niemals enden wollenden Gänge entlang, mit ihren dicken Teppichböden und Marmorstatuen, die aus ihren Wandnischen kritisch auf mich hinabblickten. Dann ein leichtes Klopfen an einer Tür, der Lakai trat ein und sagte: „Lady Georgiana, Ihre Majestät.“

Ich trat an ihm vorbei, wobei ich seinem Fuß vorsichtig auswich und vermied, die Tür gegen einen verborgenen Tisch zu stoßen oder über einen Teppich zu stolpern. Überrascht blieb ich stehen und fragte mich, ob ich doppelt sah. Zwei Ladys mittleren Alters mit identischen grauen Flechtfrisuren, aufrechter Haltung und fliederfarbenen Teekleidern saßen auf dem Brokatsofa neben dem Kamin. Mein erster Gedanke war, dass ich ein Teekleid hätte anziehen sollen und das Kaschmirjäckchen unpassend war, aber dann streckte mir eine der Ladys ihre Hand entgegen.

„Georgiana, meine Liebe. Wie schön, dich zu sehen. Kennst du schon meine liebe Freundin?“

Dann blickte ich in ihre Gesichter und merkte, dass die andere Lady einen ausladenderen Busen als die Königin hatte, aber denselben herrschaftlichen Gesichtsausdruck wie Ihre Majestät trug. Der nächste Gedanke, der mir durch den Kopf schoss, war, dass ich als ihre Kammerzofe todunglücklich wäre.

„Sie können Mary sagen, dass sie jetzt den Tee servieren kann“, sagte die Königin zu dem wartenden Lakaien, dann lächelte sie mich an, als ich ihre ausgestreckte Hand ergriff und versuchte, gleichzeitig zu knicksen und ihre Wange zu küssen – ein Manöver, das mir noch nie gelungen war, ohne mir dabei die Nase zu stoßen.

„Edwina, ich weiß nicht, ob du schon unsere Cousine Georgiana kennengelernt hast?“

„Ich glaube nicht, Ma’am“, sagte die imposante Lady, während sie ihre Lorgnette hob, um mich genauer in Augenschein zu nehmen, „aber natürlich war ich mit ihrer lieben Großmutter bekannt.“

Mir war klar, dass sie die Tochter von Königin Victoria meinte, nicht die Großmutter, die freitagabends Fish and Chips im Laden an der Ecke gekauft hatte.

„Ich hatte leider nie Gelegenheit sie kennenzulernen“, sagte ich, unsicher, ob sie auch mit „Ma’am“ angesprochen wurde. „Sie starb vor meiner Geburt.“

„Wie schade. Ein großer Verlust.“

„Georgiana, dies ist eine meiner ältesten Freundinnen, Edwina, Herzogin von Eynsford.“

„Inzwischen Herzoginwitwe, Ma’am, da der liebe Charles nicht länger am Leben ist.“

„Setz dich doch, meine Liebe“, sagte die Königin und wies auf einen niedrigen vergoldeten Stuhl neben dem Sofa. „Der Tee wird jede Minute serviert.“

Vorsichtig ließ ich mich nieder. Neben mir war ein kleiner Lacktisch, auf dem mehrere Jadestatuen standen. Die Herzoginwitwe hatte ihre Lorgnette zusammengefaltet. „Oh ja, sie wäre perfekt, das sehe ich“, sagte sie zur Königin.

Es sah aus, als bewahrheiteten sich meine Befürchtungen. Ich würde als eine Art junge Gesellschafterin zu einer Herzoginwitwe verfrachtet werden.

Es klopfte an der Tür und der Teewagen wurde hereingeschoben, beladen mit allen erdenklichen Köstlichkeiten, winzigen Sandwiches und Kuchenstücken.

„Ich hoffe, ihr habt einen herzhaften Appetit mitgebracht“, sagte die Königin. „Es sieht so aus, als hätte meine Köchin sich selbst übertroffen.“

Diese Ironie ließ mich beinahe lächeln. Ich war schon oft genug bei der Königin zum Tee gewesen, um zu wissen, was das Protokoll erforderte: Man aß nur das, was ihre Majestät aß. Und Ihre Majestät aß sehr wenig. Wie ich schon gelitten hatte, während wir auf leeren Vollkornbrotscheiben kauten und ich die Eclairs, Victoria-Biskuitkuchen und Petit Fours vor Augen hatte. Dennoch, Essen war heute meine geringste Sorge. Ein weiterer, alarmierender Gedanke schoss mir durch den Kopf: Hatte diese Herzoginwitwe zufälligerweise einen Sohn, der eine Frau benötigte? War das der Grund, warum ich sofort als passend beurteilt worden war?

Das Dienstmädchen schenkte Tee ein und stellte die Tassen auf einem niedrigen Tisch vor den Ladys ab. Doch als sie mir meine Tasse reichte, bemerkte ich, dass es keinen Platz gab, um sie auf dem kleinen Tisch neben mir abzustellen. Ich würde sie irgendwie auf meinem Schoß balancieren müssen. Du meine Güte.

„Bedient euch, meine Lieben“, sagte die Königin und griff selbst zu einem Stück Malzbrot. Zu meiner Verwunderung und Freude beugte sich die Herzoginwitwe vor und tat sich zwei große Kuchenstücke auf. „Ich glaube, ich lasse die Sandwiches aus und widme mich gleich den guten Sachen, da ich im Savoy dinieren muss und es immer so viel zu essen gibt“, sagte sie.

Ich versuchte, herauszufinden, wie ich mich vorbeugen konnte, um mir etwas zu nehmen, ohne meinen Tee zu verschütten. Ich trank hastig die oberen zwei Zoll, obwohl er etwas zu heiß war, und schaffte es, nach einem Sandwich mit Wasserkresse zu greifen.

„Nun, Georgiana“, sagte die Königin. „Ich nehme an, du fragst dich, was du hier in Gesellschaft zweier älterer Ladys wie uns tust. Um ehrlich zu sein, ist ein verzwicktes Problem aufgetreten, und du wärst genau die Richtige, um dabei zu helfen es in Ordnung zu bringen. Würdest du Georgiana bitte die Lage erläutern, Edwina?“

„Danke, Ma’am“, sagte die Gräfin von Eynsford und wischte sich mit ihrer Serviette Sahne aus dem Mundwinkel. „Du musst wissen, Georgiana – wenn ich dich beim Vornamen nennen darf –, dass es nämlich so ist: Vor zwei Jahren verstarb mein lieber Gemahl, der Herzog von Eynsford. Den Adelstitel und das Anwesen erbte mein Sohn Cedric. Cedric steht nicht mehr in der Blüte der Jugend; vielmehr geht er auf die fünfzig zu.“

Mir schlug das Herz bis zum Hals. Sie wollten mich mit einem Fünfzigjährigen verheiraten!

„Geht auf die fünfzig zu“, wiederholte sie, „und weigert sich bisher standhaft, seine Pflicht zu erfüllen und einen Erben hervorzubringen. Er hat seinem Vater und mir geradeheraus gesagt, dass er keinen Grund sieht, sein Bett mit einer unattraktiven pferdegesichtigen Frau zu teilen, nur um sicherzugehen, dass ein unzeitgemäßer Adelstitel fortdauert.“

„So ist die junge Generation“, sagte die Königin und sie tauschten einen Blick. „Keinerlei Pflichtgefühl. Wir wurden dazu erzogen, der Pflicht Vorrang vor allem anderen zu geben. Als es hieß, ich solle den älteren Bruder des Königs, den Duke of Clarence, heiraten, stimmte ich zu, obwohl er nicht meinen Vorstellungen entsprach. Unter uns gesagt war ich außerordentlich erleichtert, als er vor der Hochzeit der Grippe erlag und es hieß, ich solle stattdessen seinen Bruder heiraten. Seine Majestät und ich sind ausgesprochen zufrieden miteinander, was beweist, dass Pflichterfüllung keine triste Angelegenheit sein muss.“

„Wir sind vereint in unserer Enttäuschung, nicht wahr, Ma’am?“, sagte die Herzogin. „Beide haben wir Söhne, die nicht willens sind, vorzutreten und zum Wohl der Allgemeinheit ihre Pflicht zu erfüllen. Obwohl der Prince of Wales noch jung genug ist, um zu heiraten und einen Erben zu zeugen.“

Die Königin gab ein kurzes, geziertes Schnauben von sich. „Er ist vierzig geworden, Edwina. Und solange diese schreckliche Simpson auf der Bildfläche ist, sieht er andere Frauen nicht einmal an. Wirklich, manchmal wünsche ich, wir wären zurück im finsteren Mittelalter, wo ich den königlichen Meuchelmörder beauftragen könnte, sie in einer dunklen Nacht zu beseitigen. Aber dann würde er wahrscheinlich eine andere finden, die ebenso unpassend ist.“

„Wenigstens habt Ihr noch andere Söhne“, sagte die Gräfin. „Ihr habt bereits Enkelkinder.“

„Und was für tüchtige kleine Mädchen sie sind“, sagte die Königin strahlend. „Elisabeth würde nicht vor der Erfüllung ihrer Pflichten zurückschrecken. Sie ist aus dem richtigen Holz geschnitzt. Ist kürzlich vom Pferd gefallen, als sie in Windsor über einen Zaun springen wollte. Und weißt du, worüber sie sich Sorgen machte – ob sich das Pony verletzt hatte!“ Lächelnd schüttelte sie den Kopf. „Margaret Rose – nun, was sie angeht, bin ich mir nicht so sicher. Entzückendes Kind, aber sie hat auch eine spitzbübische Seite. Hat bei ihrem letzten Besuch die Brille ihres Großvaters versteckt. Er hielt es für lustig. Aber wir schweifen ab.“

Sie wandte sich wieder der Gräfin zu. „Entschuldige, Edwina. Bitte fahr fort.“

Während dieses Gesprächs hatte ich stocksteif dagesessen und überlegt, was ich antworten sollte, wenn sie vorschlugen, dass ich genau die Richtige wäre, um einen fünfzigjährigen Frauenhasser zu heiraten und ihm einen Erben zu schenken.

„Also ist der gegenwärtige Herzog Euer einziges Kind?“, fragte ich.

„Ich habe eine Tochter namens Irene. Sie hat einen Ausländer geheiratet – ein richtiger Lump, ein russischer Graf, den sie in Paris kennengelernt hat. Er hat ihr Erbe verprasst und ist dann mit einer argentinischen Tänzerin nach Argentinien durchgebrannt, unerhört. Hat sie mit drei Kindern sitzenlassen, noch dazu ohne Geld, um ihnen eine ordentliche Bildung zu ermöglichen. Sie leben im Moment bei uns in Kingsdowne Place.“

Die Königin beugte sich näher zu mir. „Der jüngere Sohn Ihrer Gnaden wurde im Krieg an der Somme getötet“, sagte sie. „Ein äußerst mutiger junger Mann. Ihm wurde posthum das Victoria-Kreuz verliehen, da er mehrere seiner verwundeten Männer aus der Schusslinie getragen hatte.“

Die Herzogin lächelte nun, was ihr Gesicht völlig verwandelte. „Mein Sohn John. Er war schon immer ein kleiner Rabauke gewesen, aber wie er einen um den Finger wickeln konnte. Ich kann Euch gar nicht sagen, wie viele Hauslehrer wir brauchten, bevor mein Gatte ihn nach Eton schicken konnte. Er wurde beinahe hinausgeworfen, weil er unter der Bettdecke geraucht und den Schlafsaal in Brand gesetzt hatte. Außerdem geriet er in Oxford in Schwierigkeiten. Irgendeine Schummelei bei einer Prüfung. Johnnie ging immer gern Risiken ein. Also hat ihn mein Mann in die Kolonien geschickt, um einen Mann aus ihm zu machen. Er verbrachte einige Jahre im australischen Busch, wo er alle möglichen körperlichen Arbeiten auf Schafszuchten, Rinderfarmen und Gott weiß wo verrichtete. Wie ich hörte, gefiel ihm dieses Leben und wäre der Krieg nicht ausgebrochen, wäre er vielleicht nie zurückgekehrt. Aber in dem Moment, als der Krieg erklärt wurde, nahm er das nächste Schiff nach England und meldete sich für das alte Regiment seines Vaters. Er kam in den ersten Kriegsmonaten ums Leben.“

Sie hielt inne und ich sah, wie sie darum rang, ihre Fassung zu bewahren. Ich wartete geduldig und fragte mich, was nun kommen würde.

„Der Adelstitel wird also mit dem gegenwärtigen Herzog aussterben?“, fragte ich. „Gibt es keinen anderen Erben?“ Ich hatte mein Wasserkresse-Sandwich aufgegessen und, ermutigt von der Herzogin, die ein Stück Sahnetorte nach dem anderen verputzte, beugte ich mich vor und nahm mir ein Eclair. Es war federleicht und Sahne quoll daraus hervor.

„Davor hatten wir alle Angst“, fuhr die Herzogin fort. „Selbst unter den entferntesten Cousins schien es keinen männlichen Erben zu geben. Dem Erblehen zufolge würde der Titel mit meinem Sohn sterben und das Anwesen zurück an die Krone fallen. Aber dann, vor etwa achtzehn Monaten, erhielten wir einen höchst ungewöhnlichen Brief. Er kam von einem Arzt, ausgerechnet aus dem australischen Busch. Die englischen Zeitungen mit der Todesanzeige meines Ehemanns hatten ihn gerade erreicht. Er sah, dass der Familienname meines Ehemanns Altringham war – Charles Forsythe Altringham, Herzog von Eynsforth. Er sagte, er würde einen jungen Mann kennen, der in einer Schafszucht arbeitete und eine unheimliche Ähnlichkeit mit meinem verstorbenen Ehemann hätte. Dem Ruf nach hätte er adlige Verwandtschaft und sein Name lautete ebenfalls Altringham – Jack Altringham, um genau zu sein.“

Sie verstummte und sah auf, wartete darauf, dass sich Verstehen auf meinem Gesicht abzeichnete. „Jack ist natürlich der geläufige Spitzname für John. Nun,“ fuhr sie fort, nachdem sie einen weiteren schnellen Bissen von ihrer Torte genommen hatte, „wir haben australische Ermittler angestellt, um der Sache nachzugehen. Immerhin verbrachte John dort zwei Jahre. Möglicherweise hatte er ein Kind gezeugt – aber ob es ein legitimer Erbe ist …“ Sie fegte sich Krümel von ihrem ausladenden Busen, ehe sie sagte: „Aber es stellte sich als wahr heraus. Anscheinend hatte er eine Beziehung zu einer jungen Frau, die als Lehrerin in einer abgelegenen Gemeinde arbeitete. Als er herausfand, dass er sie“ – sie senkte ihre Stimme und hüstelte verlegen – „dass sie in anderen Umständen war“, verbesserte sie sich, „war er so ehrenhaft, sie zu heiraten. In irgendeinem Amt auf dem Land wurde eine Heiratsurkunde ausgestellt. Miss Ida Binns und John Jestyn Altringham. Wie du siehst, hat er seinen Adelstitel verschwiegen. Das sah John ähnlich. Wollte immer gewöhnlich sein, obwohl ihm sein Vater immer sagte, dass er in die höchsten Adelsränge hineingeboren worden war und es akzeptieren müsse, ob er wollte oder nicht.“ Sie wedelte mit der Hand vor unseren Nasen herum. Ich konnte nicht anders als ihre Unverfrorenheit zu bewundern, mit dem Finger auf die Königin zu zeigen.

„Aber das ist wunderbar“, sagte ich. „Jetzt habt Ihr einen Erben.“

„Nun ja“, sagte die Gräfin zögernd. „Wenn wir dafür das Kind einer Miss Ida Binns akzeptieren müssen – ein junger Mann, der auf einer australischen Schafszucht arbeitet – dann ist das eben so. Man darf einen Adelstitel nicht aussterben lassen.“

„An dieser Stelle kommst du ins Spiel, meine Liebe“, sagte die Königin.

Für einen Moment hatte ich vergessen, dass ich irgendwie in diese Sache verwickelt war. Was um Himmels willen wollten sie nun von mir? Sollte ich eine geeignete Ehefrau für den jungen Schafszüchter abgeben?

„Wie alt ist dieser Jack Altringham?“, fragte ich.

„Zwanzig, soweit wir wissen – was Sinn ergeben würde, weil John beim Ausbruch des Kriegs 1914 zurückkehrte. Es könnte sogar sein, dass er Australien verließ, bevor das Kind geboren war.“

Zwanzig. Wollten sie ihn verheiraten, bevor er in Schwierigkeiten geraten konnte?

„Und was genau erwartet Ihr von mir?“, fragte ich. Ich nahm einen diskreten Bissen von meinem Eclair. Ohne Warnung schoss Sahne daraus hervor und landete auf meiner Brust. Falls es die Königin und die Herzogin bemerkt hatten, besaßen sie zu gute Manieren, um etwas zu sagen.