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EIN KUSS ZWISCHEN REBEN Die Magie eines Neubeginns Vorwort Es gibt Orte, die uns finden, noch bevor wir sie kennen. Orte, die mit einem einzigen Atemzug unser Innerstes berühren und uns zeigen, dass Neubeginn kein Zufall ist – sondern eine Einladung. Ein Kuss zwischen Reben ist aus dieser Sehnsucht entstanden: der Sehnsucht nach einem Ort, an dem Stille sprechen darf, an dem Arbeit und Gefühl denselben Rhythmus teilen, und an dem zwei Menschen lernen, was es heißt, wirklich zuzuhören – dem Land, dem anderen, sich selbst. Ich wollte eine Geschichte erzählen, die leise beginnt und trotzdem in der Tiefe nachhallt. Eine Geschichte über den Zauber des Alltäglichen, über die Liebe, die wächst, wenn niemand hinsieht, und über den Mut, der manchmal ganz still daherkommt – im Blick, in einer Berührung, im Duft einer Sommernacht zwischen Reben. Vielleicht finden Sie in diesen Seiten ein wenig von dieser Magie. Vielleicht spüren Sie den warmen Wind über den Hügeln, hören das Rascheln der Blätter, das leise Knacken alter Türen – und erkennen, dass jedes Ende nur der Anfang einer neuen Jahreszeit ist. Mit diesem Buch möchte ich Ihnen danken – für das Lesen, das Fühlen und das Glauben an Geschichten, die das Herz weiten. Conny Johanson
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Conny Johanson
EIN KUSS ZWISCHEN REBEN
Die Magie eines Neubeginns
Vorwort
Es gibt Orte, die uns finden, noch bevor wir sie kennen. Orte, die mit einem einzigen Atemzug unser Innerstes berühren und uns zeigen, dass Neubeginn kein Zufall ist – sondern eine Einladung.
Ein Kuss zwischen Reben ist aus dieser Sehnsucht entstanden: der Sehnsucht nach einem Ort, an dem Stille sprechen darf, an dem Arbeit und Gefühl denselben Rhythmus teilen, und an dem zwei Menschen lernen, was es heißt, wirklich zuzuhören – dem Land, dem anderen, sich selbst.
Ich wollte eine Geschichte erzählen, die leise beginnt und trotzdem in der Tiefe nachhallt. Eine Geschichte über den Zauber des Alltäglichen, über die Liebe, die wächst, wenn niemand hinsieht, und über den Mut, der manchmal ganz still daherkommt – im Blick, in einer Berührung, im Duft einer Sommernacht zwischen Reben.
Vielleicht finden Sie in diesen Seiten ein wenig von dieser Magie. Vielleicht spüren Sie den warmen Wind über den Hügeln, hören das Rascheln der Blätter, das leise Knacken alter Türen – und erkennen, dass jedes Ende nur der Anfang einer neuen Jahreszeit ist.
Mit diesem Buch möchte ich Ihnen danken – für das Lesen, das Fühlen und das Glauben an Geschichten, die das Herz weiten.
Conny Johanson
Ankunft im Weingut
Die Straße wand sich wie ein glänzender Faden durch die Hügel, und die Sonne machte aus jedem Olivenblatt ein kleines Geheimnis. Als Lara das Tor des Weinguts durchfuhr, roch die Luft nach warmem Stein, Kräutern und etwas Süßem, das an Pfirsich erinnerte. Staub löste sich unter den Reifen und hing golden im Licht, als hätte der Abend selbst Mehl über die Landschaft gestäubt.
Sie stellte den Motor ab, und die Stille war zunächst so dicht, dass sie ihr eigenes Blut rauschen hörte, bevor aus dem Nichts die unsichtbare Musik der Zikaden die Bühne betrat. Vor dem Herrenhaus lag der Hof wie eine ausgestreckte Hand, unregelmäßige Pflastersteine, in deren Ritzen Thymian wuchs.
Die Fensterläden standen offen, und irgendwo schlug eine Tür weich gegen den Rahmen, als der Wind vom Tal heraufstieg. Ein Mann stand im Schatten des Bogengangs, die Hände gegen die Hüften gepresst, als hielte er die Zeit fest. Sein Blick war dunkel gegen das Licht, und doch fühlte sie die Schärfe darin, so wie man das kalte Wasser eines Brunnens schon vor der ersten Berührung ahnt.
Sie stieg aus, glitt mit den Fingern automatisch über den Rand der Motorhaube, der die Restwärme der Fahrt speicherte, und atmete tief durch. Der Geruch des Ortes kroch in sie, und mit ihm ein Funkenschlag Hoffnung, der nichts mit Plänen und alles mit Gefühl zu tun hatte.
„Sie müssen Lara Sommer sein“, sagte der Mann ohne sich zu bewegen. Italienisch, tief, kaum akzentuiert, mit jenem Ton, in dem Beherrschung und Skepsis eine ruhige Linie bilden. „Architektin aus Deutschland.“
„Das bin ich“, antwortete sie auf Italienisch, und die Silben rollten ihr leichter von der Zunge als gedacht, „Sie sind Matteo Bianchi.“
Er neigte den Kopf, nur so viel, dass es als Gruß durchging. Aus der Nähe sah sie, dass seine Haut die Farbe von altem Holz hatte, das im Sommer mehr Sonne als Schatten kennt. Das Hemd war am Kragen offen, der Stoff wirkte weich und ausgewaschen. Er trug die Sorglosigkeit eines Mannes, der jeden Knopf noch nachts im Dunkeln findet, weil sein Körper den Stoff kennt. Sie bemerkte den Schweißrand an seinem Hals, der eine Spur wie Salz im Licht hinterließ.
„Sie sind spät“, sagte er, ohne Vorwurf, eher wie jemand, der Gemeinden über das Wetter informiert.
„Die Fähre hatte Verspätung“, gab sie zurück. „Und ich musste anhalten. Das Licht…“ Sie brach ab, weil es kindisch klang, doch er schien nicht zu hören oder nicht hören zu wollen.
Er trat aus dem Schatten, und sie erkannte, dass seine Augen nicht einfach dunkel waren, sondern die Farbe von nassem Boden besaßen, in dem eine Hand bequem Spuren hinterließe. Er reichte ihr nicht die Hand, stattdessen wies er zum Haus. „Sie bleiben im Gästezimmer im oberen Stock. Morgen beginnen Sie um sieben, bis dahin können Sie… ankommen.“
„Danke“, sagte sie, und jetzt war da ein feiner Stachel im Ton, den sie nicht hatte setzen wollen. Sie war auf die Kühlhaltung vorbereitet gewesen, die man ihr am Telefon beschrieben hatte: traditionsverbunden, vorsichtig, kein Freund von Fremden mit Ideen. Doch etwas in ihr widersprach dem Narrativ: Der Mann strahlte nicht Abwehr aus, sondern Wachheit. Als würden seine Sinne an jedem Besucher riechen, ob er Regen oder Feuer mitbringt.
Sie öffnete den Kofferraum, hob die Reisetasche heraus und die flache Box mit den Plänen. Matteo war plötzlich neben ihr, so lautlos, dass sie zusammenzuckte. „Lassen Sie die schweren Sachen stehen“, sagte er, als sie nach dem Stativ griff. „Die Treppe ist alt und im zweiten Absatz bricht eine Kante. Ich bringe es später hoch.“ Er nahm ihr das Stativ ab, als wäre es selbstverständlich, und ihr blieb ein Dank auf der Zunge stecken, der mehr Gewicht trug als Höflichkeit. Seine Finger berührten dabei flüchtig die Innenseite ihres Handgelenks, und die Hitze des Tages schien sich genau an dieser Stelle zu sammeln, als hätte seine Berührung ein Licht angeknipst, das sie nicht befehlen konnte.
„Ich komme zurecht“, sagte sie dann, ein wenig zu schnell, weil sie die Eigenmacht ihres Körpers vor sich selbst verbergen wollte.
Im Haus schlug kühlere Luft ihr entgegen, mit dem Duft von Zitronenpolitur und alter Wolle. Die Fliesen im Flur waren handgemalt, Mosaik in Blau- und Ockertönen. Eine Treppe mit ausgetretenen Stufen führte in den oberen Stock; über dem Geländer hingen Schwarzweißfotos: Männer mit Hüten, Frauen mit festen Blicken, Kinder, die den Ernst der Erwachsenen nachahmten. Lara blieb vor einem Bild stehen, auf dem ein Mann mit denselben Augen wie Matteo eine Weintraube hielt, die seine Hand sprengte vor Fülle. Sie hörte Schritte hinter sich, und ohne hinzusehen wusste sie, dass Matteo stehengeblieben war, er sagte nichts, sie auch nicht. Die Stille zwischen ihnen war nicht leer; sie war voller Dinge, die man nicht auspackt, bevor man weiß, ob man bleibt.
Im Gästezimmer fiel das Licht in langen Streifen über das Bett, dessen Eisenrahmen eine kleine schwungvolle Blume in der Mitte trug. Auf dem Nachttisch stand eine Keramikschale, in der Rosmarin und Lavendel lagen, als hätte jemand die Nacht schon vorbereitet. Lara stellte die Tasche ab, öffnete das Fenster und hörte die Vögel im Laub, die noch immer taten, als sei der Tag unendlich. Ihre Finger fuhren über den kühlen Fensterstein, und sie stellte sich vor, wie viele Hände schon hier gestützt, nachgedacht, geatmet, gerungen hatten. Das Haus fühlte sich an wie eine Stimme, die eine Oktave tiefer sprach als alle anderen, und sie musste lächeln über den Gedanken, dass sie gekommen war, die Stimme zu stimmen, nicht zu ersetzen.
„Es ist Wasser in der Küche“, rief Matteo aus dem Flur, und sein Ton machte aus dem Hinweis eine Erlaubnis. „Und Brot. Heute Abend koche ich nicht mehr.“
Sie trat auf den Flur, sah ihn am Treppenkopf stehen, die Schulter am Mauerwerk, und erkannte an der Stellung seines Fußes, dass er gehen wollte, aber blieb. „Ich finde mich zurecht“, sagte sie, „Bis morgen, Matteo.“
Dass sie seinen Namen sagte, überraschte sie selbst. Er hob eine Braue, nickte, als sei es ein vereinbartes Experiment und verschwand nach unten. Seine Schritte waren rasch, aber nicht ungeduldig, eher so, als wüssten sie schon, wohin.
Lara legte die Stirn für einen Moment gegen den kühlen Stein und schloss die Augen. Dann öffnete sie die Box und zog die Pläne heraus, als wären es Karten einer unbekannten Küste. Ihr Telefon vibrierte und sie wusste wer es war, bevor sie den Bildschirm sah, Tom.
„Angekommen?“ fragte seine Stimme, die immer ein halbes Lachen in sich trug, das wie Zähne klang. „Gerade eben. Morgen beginne ich mit der Bestandsaufnahme.“
„Gut, der Kunde ist kompliziert, du kennst die Linie. Wir brauchen Zahlen, die sich verkaufen und die Visualisierung bis nächste Woche.“ Er machte eine Pause, die eigentlich eine Drohung war, sie aber seit Jahren als Routine kannte. „Das Resort-Thema halte ich noch klein. Erst mal sanfte Modernisierung, ja? Aber du weißt, wo wir hinwollen.“
„Ich weiß, wo du hinwillst“, sagte sie und ging zum Fenster, als ob draußen ein Signal für das richtige Wort stünde. „Ich schaue, was das Haus zulässt, es ist… stimmig.“
„Das Wort mögen sie dort drunten“, spottete Tom leicht. „Stimmig, klingt nach Feigenblatt, Lara, du bist gut, weil du Brücken baust. Nur vergiss nicht, dass hinter der Brücke die Kasse steht.“
„Ich vergesse nicht“, sagte sie und beendete das Gespräch, bevor die Worte in ihr sauer wurden. Sie ließ das Telefon auf das Bett fallen und atmete einmal lang durch. Dann lachte sie leise über sich. Sie war gekommen, um Mauern zu vermessen, aber eigentlich würde sie herausfinden müssen, wo Grenzen sind, die man nicht sieht.
In der Küche war es kühl, obwohl der Herd aus Terrakotta die Wärme eines Tages aufbewahrte, der mit Mehl, Öl und Salz gearbeitet hatte. Auf dem Tisch lag ein Laib Brot, daneben eine Karaffe aus der die feinen Blasen an der Glaswand hingen wie kleine Fische. Eine Schale Oliven stand bereit, matt und dunkel. Lara schnitt eine Scheibe Brot ab, roch an der Kruste, die nach Sommerfeldern duftete, strich mit dem Messer etwas von der weichen Butter, die nach Sahne schmeckte und biss ab.
Ihr Magen erinnerte sie abrupt daran, dass sie seit der Fähre nichts gegessen hatte, und diese einfache Kombination war plötzlich alles, was sie brauchte. Während sie kaute, strich sie mit dem Daumen über den Rand der Olivenschale und spürte, wie ihre Schultern herab sanken. Die Küche war ein Raum, der Menschen tröstet, ohne zu fragen, warum sie Trost brauchen. Als sie den Teller spülte, hörte sie Schritte auf dem Kies vor der Tür, ein rhythmisches Knirschen, das verriet, dass jemand kein Ziel hatte außer dem Gehen. Sie blickte hinaus und sah Matteo mit einem Eimer am Brunnen stehen. Er pumpte Wasser, als müsse er der Welt beweisen, dass sie ihm noch folgt. Der Eimer füllte sich, überlief und er fluchte leise, aber mit einer Zärtlichkeit, die man nur mit Dingen hat, die man jeden Tag braucht. Lara trat auf den Hof, ein wenig unschlüssig, wie weit die Karte des Ankommens reichte.
„Kann ich helfen?“ rief sie.
Er drehte sich um, blinzelte, als käme sie direkt aus dem Licht. „Wenn Sie wissen, wie man einen gießenden Himmel anhält“, sagte er. „Ansonsten vielleicht vor morgen schlafen,“ sie lachte und das Lachen war nicht elegant, eher wie ein kleiner Stolperer über Glück. „Schlaf ist meistens ein Vertrag zwischen Körper und Hoffnung.“
Sein Blick verweilte für einen Moment an ihrem Mund, als vermesse er den Satz wie einen Balkon. Dann nickte er zum Haus hin, „Morgen ist Hitze und dann Wind, die Reben merken das und Sie auch.“
„Ich freue mich auf beides“, sagte sie und in dem Moment war es wahr. Sie wusste nicht, wie man Reben riecht, bevor der Wind kommt, sie wusste nur, dass ihr Körper neugierig wurde auf diese Fähigkeit.
Matteo griff nach dem Eimer, in der Bewegung spannte sich der Stoff seines Hemdes über seinen Rücken, zeichnete Linien, die Arbeit macht, nicht das Studio. Lara war nicht die Frau, die blicken musste, um zu wissen, was er tragen könnte. Aber sie sah und sie fühlte, wie der Blick in ihr etwas löste, das lange angehalten hatte.
„Sie haben nicht gegessen“, sagte er plötzlich, als hätte die Luft ihn informiert, „Doch, Brot und Oliven, es war perfekt.“
„Morgen gibt es etwas Richtiges“, erwiderte er und sein Ton machte aus der Ankündigung ein Versprechen, das nichts mit Töpfen zu tun hatte. „Wenn Sie früh beginnen, kann ich Ihnen den Keller zeigen, bevor es zu warm wird.“ „Gern“, sagte sie, und „gern“ fühlte sich größer an als üblich.
Er stellte den Eimer ab und wirbelte das Wasser mit der Hand, um die Blätter zu vertreiben, die ihre glänzenden Rücken zeigten, als wären sie kleine Fische. Dann sah er sie an und zwischen ihnen spürte sie ein Klicken, das Geräusch, das Mechanik macht, nicht Romantik. Etwas, das einrastet, weil es passt, es war nicht groß, es war klein und deshalb gefährlich. Denn kleine Dinge bewegt man nebenbei, und plötzlich haben sie die Richtung geändert.
„Es gibt Regeln“, sagte er, als spräche er nicht mit ihr, sondern mit dem Ort. „Die meisten sind nicht aufgeschrieben, sie hängen im Licht, im Staub, in den Stimmen, wenn Sie sie hören, wird es einfach.“ „Ich höre gut“, erwiderte sie und seine Augen lächelten kurz, eine kaum sichtbare Bewegung, wie ein Atemzug auf einer Scheibe.
„Dann gute Nacht, Lara Sommer.“
„Gute Nacht, Matteo Bianchi.“
Er ging über den Hof und sie bemerkte, dass er an einem Stück Pflaster kurz langsamer wurde, als prüfe er eine Stelle, die er seit Jahren kannte. Der Hof war für ihn ein Gesicht, dachte sie, und er erkannte jeden Ausdruck.
Später, im Zimmer, stellte Lara die Pläne an den Schrank, zog sich aus bis auf das Unerlässliche und legte sich auf das Bett, ohne die Decke. Die Luft strich über ihre Haut wie eine schnelle Hand. Sie schloss die Augen und ließ den Tag in Bildern zurücklaufen: der goldene Staub, die Hand an ihrem Handgelenk, der Stimmton, der auch dann ruhig blieb, wenn er etwas wollte. Ihr Körper war noch in Fahrt, im leichten Summen einer Maschine, die langsam herunterregelt. Sie stand wieder auf, trat ans Fenster und der Mond lag wie eine halbe Frucht über den Hügeln. In der Ferne rief ein Hund, als hätte er Träume, und irgendwo schepperte eine Kette gegen Metall. Die Welt war nicht still, sie war aufmerksam.
Lara wusste, dass sie nicht wegen Tom hier war, obwohl sein Projekt ein Grund war. Sie war wegen dieses ersten Atems hier, den sie jetzt in der Brust spürte wie ein Versprechen, das keiner ausgesprochen hatte. Es musste nicht wahr werden, es musste nur möglich sein.
Der Morgen roch nach kühlem Stein und nasser Erde, obwohl es nicht geregnet hatte. Lara war früh wach, der Schlaf hatte sie nur vorsichtig berührt und dann ziehen lassen wie eine Höflichkeit. Auf dem Gang knarzte eine Diele und sie hörte Schritte, die nicht in Eile waren, aber sicher. Sie schlüpfte in Jeans und Hemd, band sich das Haar zu einem Knoten, der eher Absicht als Ordnung war und nahm das Notizbuch. Als sie auf den Flur trat, stand eine kleine Frau am Ende der Treppe, graues Haar zu einem festen Zopf gefasst, Augen, in denen der ganze Hang lag: Wärme, Wetter, Witz.
„Du bist die Architektin“, sagte sie, und jetzt war die Sprache ein anderer Wein, schwerer, süßer, „Ich bin Sofia.“ „Guten Morgen“, antwortete Lara, und der Geruch der Frau schob Kindheit in den Flur: frische Wäsche, Lavendel, etwas, das nach altem Zucker roch, „Ich bin Lara.“ „Das höre ich“, sprach Sofia, als ob Namen Töne seien. „Du hast eine Stimme, die Türen leise schließt. Das ist gut, hier mögen wir keine knallenden Dinge.“ Lara lachte, ein Lachen, das sich sofort daheim fühlte, „Ich gebe mir Mühe.“
„Du gibst nicht Mühe, du gibst Herz“, korrigierte die Alte und griff in die Schale auf dem Sideboard, reichte Lara eine Aprikose. „Iss, es ist die erste dieses Jahres, die wirklich schmeckt. Wenn die erste schmeckt, dann wird der Sommer keine Ausreden machen.“
Lara nahm die Frucht, biss hinein, und das Fleisch zerfiel saftig, warm gegen ihre Zunge. Ein Tropfen rann ihr über den Daumen, und sie leckte ihn ab, ohne zu denken. Sofia sah zu und nickte, als hätte Lara damit ein Rätsel gelöst.
„Matteo ist im Keller“, sagte die Alte dann, so lässig, dass es wie eine Einladung klang, nicht wie Information. „Er arbeitet vor dem Licht, du findest ihn am Fass aus Kastanie. Wenn du Fragen hast, frag, wenn du keine hast, hör zu.“ „Danke, Sofia“, sagte Lara, „Ich… ich freue mich, hier zu sein.“
„Das Haus freut sich auch“, antwortete Sofia ernst, „Manchmal geht das zusammen.“ Der Keller empfing Lara mit einem Atemzug, der nach Geschichte schmeckte: feucht, kühl, ein wenig metallisch, als läge eine Münze auf der Zunge. Die Treppe war schmal, die Wände aus grobem Stein, in dem die Jahrhunderte kleine Taschen gegraben hatten. Es roch nach Holz und nach etwas Wildem, das im Dunkel lebt und doch freundlich bleibt. Matteo stand am Fass aus Kastanie, eine Hand auf der Daube, die andere an einem kleinen Hahn, aus dem ein feiner Strahl in ein Glas lief. Als er sie bemerkte, verzog er den Mund zu dem angedeuteten Lächeln, das sie gestern gesehen hatte. „Sie sind früh“, sagte er, „Ich wollte sehen, wie der Keller atmet, bevor die Sonne ihn stört“, antwortete sie, und er nickte.
„Die Sonne stört hier unten nichts, aber sie verändert die Menschen, die herkommen.“ Er reichte ihr das Glas, „Probieren Sie, noch nicht fertig, aber ehrlich.“
Lara hob das Glas, roch zuerst nur und die Luft über dem Wein war wie ein Schleier, in dem Kräuter hingen, die sie nicht benennen konnte. Ein Hauch von Salz lag da, als hätte der Wind vom Meer hier ein Geheimnis abgelegt. Sie nahm einen kleinen Schluck, der Wein war kühl und doch warm, nicht in der Temperatur, sondern in der Art, wie er sich ausbreitete, als wisse er, welchen Weg er nehmen möchte. Es gab kein lautes Aroma, das sich vordrängte. Es gab etwas Sanftes und darunter eine Spannung, wie eine Saite, die gestimmt wird.
„Und?“ Matteo beobachtete sie, als sei ihr Gesicht ein Instrument. „Er ist…“, begann sie und stockte, weil ihr die gewöhnlichen Adjektive fehlten. „Er ist wie ein Anfang, der sehr sicher weiß, dass er einen guten Schluss haben wird.“
Matteo lachte leise und das Lachen saß tief, dort, wo die Stimme wohnt, wenn sie niemanden täuschen muss. „Es gibt Leute, die sagen fruchtig, oder flach, oder nicht mein Ding, Anfang und Schluss gefällt mir.“
„Ich arbeite mit Linien“, sagte sie und sie merkte, dass sie gleich einen Schritt zu weit gehen würde, einen, der etwas in ihr preisgab, das man nicht jeden Tag an der Kellertür ablegt. Aber sie ging. „Ich mag es, wenn Dinge nicht nur von A nach B führen, sondern wenn sie im Gehen erzählen, warum sie gehen.“ Er nickte langsam, „Das Haus ist voll solcher Dinge, es erinnert sich, wer zuhört.“
Sie bewegte die Schultern, als wolle sie Platz in sich machen. „Ich würde gern heute das Obergeschoss aufnehmen und den Hof. Später die Außenwände, ich arbeite am liebsten von innen nach außen.“
„Das ist gut“, sagte er, „Es stürmt heute nicht, aber der Wind wird kommen. Dann gehen wir zu den Steinen, sie erzählen besser, wenn man ihnen etwas entgegensetzt.“ „Ich stelle meine Geräte in der Halle auf, ist es in Ordnung, wenn ich bewegliche Elemente markiere? Nur temporär, Kreide.“
Er verzog den Mund, „Wenn die Kreide kommt, legt sich das Haus eine neue Haut an, sie darf nicht zu dünn sein.“ „Ich verspreche, nur die alten Narben nachzuzeichnen.“ Sie merkte, wie ihre Stimme weicher wurde, als hätte der Keller sie eingekleidet.
Die ersten Stunden vergingen in jener Art Zeit, die eigentlich keine ist: Sie misst sich am Körper, nicht an der Uhr. Lara bewegte sich durch die Räume, beleuchtete Ecken, die kaum Luft kannten, hielt Linien fest, maß Abstände, die existierten, aber noch nichts erzählten. Matteo erschien und verschwand, wie es Menschen tun, die an Orten nicht gehen, sondern in ihnen umlagern. Einmal streifte er im Flur den unteren Rand ihres Maßbands, und seine Hand führte es, ohne zu zerren, zurück, als ob das Metall ein nervöses Pferd wäre, das Vertrauen braucht. Ein anderes Mal stand er am Ende eines Zimmers und stützte sich an den Türrahmen, während sie die Höhe der Decke notierte. Es war, als warte er nicht auf sie, sondern auf ein Zeichen aus einem Spalt Licht. „Ihr Maßband ist Französisch“, sagte er irgendwann und sie lächelte überrascht. „Wie sehen Sie das?“ „Die Zahlen lachen anders,“ „Zahlen Lachen nicht,“ „Doch, diese hier tun es.
Sie lachte, obwohl sie nicht sicher war, ob er flirte oder nur eine Art poetischer Bauernweisheit streute, die zu ihm gehörte wie die Mühelosigkeit seiner Hände. In der Bibliothek blieb sie stehen, die Regale waren voll mit Büchern, deren Rücken eine eigene Topographie bildeten. Im Fensterrahmen hing eine Spinne, so fein und fest, dass sie eher ein Gedanke war als ein Tier. Lara hob die Hand, ohne sie zu berühren, „Ich fühle mich, als würde ich in einen Körper greifen“, sagte sie leise, mehr zu sich. „Wenn ich falsch zugreife, tut es weh,“ dann greifen Sie richtig, erwiderte er unbewegt. „Es ist nicht so schwer, sie wissen das, sonst wären Sie nicht hier.“
Sie schrieb eine Weile, machte Fotos, markierte an der Wand mit einem Punkt, wo der Feuchtigkeitsspiegel steigt. Als sie ihre Hand zurückzog, blieb ein feiner Staub an ihren Fingerkuppen. Sie roch daran und der Geruch war wie ein Wort, das sie kannte, aber lange nicht benutzt hatte: Zuhause. Nicht das Zuhause, das man hat, weil man es verdient oder sucht. Das Zuhause, das sich wie eine Erinnerung anfühlt, obwohl man nie dort war.
Am Mittag zog Elena, die junge Erntehelferin, die sie im Hof kurz gesehen hatte, eine Kiste mit Gemüse durch den Durchgang. Sie grüßte und war weg, bevor Lara antworten konnte. Matteo tauchte neben ihr auf, so selbstverständlich wie ein Schatten. „Komm“, sagte er diesmal nicht „Sie“. „Es ist zu warm für innen, wir essen.“
Unter der Pergola war der Tisch schlicht gedeckt: eine Schüssel mit Tomaten, so rot, dass es fast absurd wirkte, eine Platte mit geschnittenem Pecorino, italienische Hartkäse Spezialitäten, ein Krug Wasser, in dem Zitronenscheiben schwammen. Brot, wieder dieses Brot, das wie ein Kissen anmutete und doch Schnitt verlangte. Lara setzte sich, wischte sich unbewusst die Hände an der Jeans und ließ die Schultern sinken. Matteo nahm gegenüber Platz, für einen Moment hatte sie das Gefühl, einem Fremden beim Essen zuzusehen, der so ernsthaft kaute, als sei es eine Arbeit. Dann hob er den Blick und reichte ihr das Messer mit einem kurzen, warmen „Bitte“.
„Wie viele Generationen sind es?“, fragte sie, um die Frage zu stellen, die jeder stellt und doch nicht jeder meint. „Sieben, wenn man glauben will, was in der Küche hängt“, sagte er. „Fünf, wenn man nur die zählt, die etwas zusammengefügt haben. Dazwischen gab es Krieg und Stille. Und diese Stille hat nichts vermehrt als die Steine.“
„Wer hat den Degustationsraum gebaut?“ Sie deutete auf den Anbau, der mit leichter Hand an das Haus gefügt war. „Mein Vater“, antwortete er und die Luft änderte sich um ein kaum merkliches Grad. „Er hatte eine ruhige Art, Dinge zu verändern. Er sagte, man müsse einem Haus so zuhören, dass es glaubt, es käme selbst auf die Idee.“
„Das ist eine schöne Methode“, sagte sie, ihr Herz machte eine unregelmäßige Linie, denselben Rhythmus wie morgens, als Sofia ihr die Aprikose gegeben hatte, „Man könnte damit die Welt ertragen.“ Er sah sie lange an, ohne dass es unangenehm wurde „Und du? Wer hat dir beigebracht, Häuser zu hören?“
„Niemand, oder alle,“ Sie zögerte, „Mein Großvater arbeitete mit Holz. Ich saß oft unter seiner Werkbank und schaute den Spänen beim Fallen zu. Er sprach nicht viel, aber wenn er etwas berührte, tat er es so, als sei Berührung ein Versprechen.“ „Das ist es“, sagte Matteo schlicht dann aßen sie eine Weile, ohne dass Worte fielen.
Der Nachmittag kroch Sprosse für Sprosse durchs Licht, wurde heller, dann wieder weich, als würden unsichtbare Hände die Gardinen der Hügel ziehen. Lara arbeitete im Hof, kniete neben den Pflastersteinen, legte ihren Zollstock wie einen kleinen Silberfisch an Kanten, die nicht mehr rechtwinklig sein wollten. Einmal rutschte ihr das Maß aus der Hand sie griff danach, verfehlte es, verlor das Gleichgewicht und tastete ins Leere. Zwei starke Hände umfassten ihre Ellenbogen, hielten sie, bevor der Sturz eine Geschichte wäre. Ihre Haut reagierte schneller als ihr Verstand, Wärme schoss die Arme hinauf und der Geruch von Matteo – Holz, etwas Zitrisches und eine Note, die vielleicht nur seiner war – drang nah an ihr Ohr. Sein Atem strich an ihrer Schläfe vorbei, als lehre er den Wind den Weg.
„Langsam“, murmelte er, aber die Stimme war so leise, dass sie nicht sicher war, ob er überhaupt sprach oder ob das Haus selbst den Ton gab.
„Danke“, brachte sie hervor, und sie merkte, dass sie den Dank zu lang festhielt, so als fehlte ihr der Mut, seine Arme freizugeben. Dann löste sie sich, und der Nachklang seiner Finger auf ihrer Haut war wie das Summen eines Drahts, den man eben noch berührt hat. Er hob das Maßband auf, legte es ihr in die Hand und ihre Finger streiften dabei seine. Ein kleines, harmloses Geräusch zwischen Metall und Haut, doch spürte sie, wie die Luft dichter wurde. Er wich als Erster zurück, nicht hastig, sondern wie jemand, der weiß, dass Abstände nicht nur in Zentimetern gemessen werden. „Der zweite Absatz ist locker“, sagte er, wieder sachlich, „Ich hatte es gesagt.“ „Ich wollte ihm glauben“, antwortete sie sie lächelten beide, schon wieder, ohne Vereinbarung.
Später zeigte er ihr die obere Terrasse, von der aus man weit ins Tal sehen konnte. Die Landschaft lag da, als wäre sie in feuchten Lehm gedrückt worden und hätte sich dann dem Licht ergeben. Ein Fluss funkelte, so als wolle er nicht entdeckt werden, und die Olivenhaine trugen das Grau eines Haares, das schön gealtert ist. Lara lehnte sich an die Mauer, spürte die Wärme des Steins durch den Stoff, und das Gefühl war plötzlich so nah an einem anderen, dass ihr Blut einen Schritt tat.
„Warum sind Sie wirklich hier?“, fragte Matteo, ohne sie anzusehen. Es klang nicht wie Misstrauen, eher wie ein Bedürfnis, die Linie zu kennen, auf der man steht. „Weil ich die Art mag, wie dieses Haus atmet“, sagte sie und es war die Wahrheit, obwohl es nur ein Teil war. „Und weil ich seit Monaten etwas suche, das nicht mehr lügt.“
Er nickte, als sei das eine Antwort, die er verstehe, „Dieses Haus lügt nicht, aber es schweigt, wenn man es zwingt.“ Ich zwinge nicht, sagte sie und seine Schulter entspannte sich um einen kaum sichtbaren Millimeter.
Am späten Nachmittag wurde der Wind so, wie Matteo angekündigt hatte: nicht kalt, aber ernst. Er strich über die Reben in langen Wellen und das Feld antwortete wie ein Körper, der gekitzelt wird: mit Lachen und Rückzug. Aus den Kellerräumen drang ein leiser metallischer Ton, wahrscheinlich Werkzeuge, die aneinander kamen. Sofia erschien auf der Terrasse mit zwei dünnen Gläsern, die sie so sicher trug wie andere Menschen Babys. „Nur ein Schluck“, sagte sie, „Der Tag war gut zu euch, ihr sollt gut zu ihm sein.“
Matteo nahm das eine Glas, reichte Lara das andere. Ihre Finger begegneten sich am Stiel und für einen Augenblick war da das merkwürdige Gefühl, als hielten sie beide nicht Glas, sondern eine dünne, unsichtbare Linie zwischen sich. Der Wein roch dieses Mal nach Sommerregen, obwohl die Wolken fern waren. Sie nippten und die Flüssigkeit legte sich an die Zunge wie ein helles Tuch.
„Auf den Anfang“, sagte Sofia, und auf das, was nicht eilt und doch kommt. „Auf das, was nicht eilt“, wiederholte Lara, und als sie trank, fühlte sie, wie die Worte in ihr Platz nahmen.
Als der Abend kam, zogen Schatten über den Hof wie Tiere, die wissen, wo sie schlafen. Matteo zündete zwei Lampen an der Mauer an, deren Licht keine Härte kannte. Lara räumte ihre Sachen zusammen, wischte Kreidespuren von den Händen und vom Stein, obwohl sie wusste, dass der nächste Tag sie wieder malen lassen würde. Sie sah zu, wie Matteo einen Stuhl ein wenig verschob, nicht um Ordnung zu machen, sondern weil er bemerkte, dass er im Weg stand. Dieses Maß für Räume, dachte sie, ist das gleiche, das Menschen brauchen, wissen wann man steht, wissen, wann man geht.
„Morgen um sieben?“, fragte er, als sei der Vertrag nie in Frage gestanden. „Morgen um sieben“, bestätigte sie dann, bevor sie sich abwandte: „Matteo?“
Er hob den Kopf, und im warmen Licht nahmen seine Züge eine Weichheit an, die nicht weich war, sondern bereit, „Danke für die Hände heute,“ er nickte nur, die Geste sagte, dass er es gehört hatte, aufgenommen, irgendwo untergebracht, wo Worte bleiben dürfen.
In ihrem Zimmer setzte sich Lara auf das Bett, die Beine angewinkelt, die Arme darum geschlungen, und ließ die Stille zu. Sie war nicht das Schweigen aus den Großraumbüros, das tausend Geräusche unterdrückt und so laut ist, dass es brennt. Sie war die Stille von Orten, die atmen, sie dachte an Tom. Sie dachte an die nächste Woche, an Visualisierungen und Zahlen, an die Sprache, die sie sprechen würde, wenn sie aus diesem Flirren eine Skizze macht. Die Skizze, die vor Männern bestehen muss, die nie die Hand auf einen warmen Stein gelegt haben. Dann dachte sie an den Moment im Hof, an die Hände an ihren Ellenbogen, an den nebensächlichen Hauch an ihrem Ohr. Es gab eine Art Nähe, die die Haut nicht in Flammen setzte, sondern etwas Tieferes: ein Glühen, das langsam wuchs, als hätte ihr Körper verstanden, dass Schnelligkeit hier ein schlechter Takt ist.
Sie stand auf, löschte die Lampe und ließ das Fenster weit offen. Die Nacht kam herein wie ein Tier, das vertraut ist: vorsichtig, aber ohne Angst. Als sie sich hinlegte, berührten die Laken ihre Beine kühl, und sie zog sie noch nicht hoch, ließ Luft und Stoff sich anfreunden. Ihre Hand lag auf ihrem Bauch, und sie spürte, wie sich der Atem hob und senkte, als ob er Wellen zählte, die an einen Strand kommen, den sie erst morgen sehen würde. Kurz bevor sie einschlief, hörte sie Schritte im Hof, ein langsames Gehen, das nicht glich dem von Arbeit, sondern dem von Gedanken. Es war Matteo, oder der Wind machte Geräusche, die seine Gestalt trugen. Ein Fenster klappte, eine leise Melodie schob sich in die Nacht, nicht gespielt, eher gedacht. Lara lächelte im Dunkeln, ohne Grund, und es war der beste Grund von allen.
Der Morgen würde um sieben beginnen, so hatten sie es verabredet. Aber der eigentliche Anfang hatte schon stattgefunden, in dem fast-nichts, das Hände auf Haut hinterlassen, wenn sie festhalten, bevor man fällt. Und in dem Salz auf ihrer Lippe, das vielleicht Wein war und vielleicht nur die Erinnerung an eine Aprikose. Sie war angekommen, nicht nur im Haus, in einer Linie, die sie noch nicht kannte, und die doch schon zu singen begann.
Die Führung
Der Morgen hing noch wie eine kühle Schale über dem Hof, als Lara die Augen öffnete und einen Moment lang nicht wusste, ob das weiche Geräusch in der Luft Wind war oder Atem. Ein Vogel schlug irgendwo kurz und energisch gegen die Stille. Dann war wieder nur dieses sanfte Klingen von etwas Unsichtbarem – vielleicht Gläser, vielleicht Wasser, das eine gefasste Form sucht. Sie richtete sich auf, strich mit der Hand über das Laken, das noch die Nachttemperatur hielt und trat ans Fenster. Der Himmel war nicht blau, noch nicht, sondern jenes helle Grau, in dem sich alle Möglichkeiten sammeln, bevor sie Farbe werden. Über den Hügeln hing das Leuchten, das Sofia gestern „Anfang“ genannt hatte. Lara fühlte den Antrieb in ihrem Körper, dieses geordnete Kribbeln, das man bekommt, wenn man eine Aufgabe berühren will, die einen zurückberührt. Sie band ihr Haar zu einem Knoten, dessen Strähne sich gleich wieder lösen würde, zog das dünne Hemd über, in dem man nur dann friert, wenn man beschließt, zu frieren, nahm Notizbuch und Stifte, als nähme sie zärtlich ein Werkzeug auf, das keine Eile mag. Auf dem Flur roch es nach Kaffee, dieser unverschämten Mischung aus Bitterkeit und Versprechen. Sofia stand am Ende der Treppe, wie gestern, nur mit einer Tasse mehr in der Hand, sah aus als wäre sie schon seit einer Stunde auf den Beinen und seit dreißig Jahren in diesem Licht aus Erfahrung gewaschen. „Du gehst in den Keller“, sagte sie ohne Frage. „Er wartet nicht auf dich, aber er hat Platz für dich gemacht.“ Lara lachte so leise, dass es eher ein Lufthauch war. „Guten Morgen Sofia.“ Die Alte reichte ihr eine kleine Tasse und strich mit zwei Fingern über Laras Unterarm, eine Bewegung, die in andere Sprachen so etwas wie Segen heißt. „Langsam trinken, schnell arbeiten, verwechsle das nicht.“ Der Kaffee war stark, er legte eine Spur Wärme in den Bauch, die bis in die Hände zog. Lara nickte und ging die Stufen hinunter, die kühler waren als die Luft, kühler als ihr Atem, als würden sie in eine andere Zeitzone führen. Der Keller empfing sie mit einem Geräusch, das nur Holz und gedämpfter Raum machen: ein tiefes, weiches Knacken, als atme jemand in großem Maßstab aus. Matteo stand bereits da, das Hemd aufgekrempelt, die Adern an den Unterarmen wie Linien in einer Karte, die man lernen kann, wenn man Zeit hat. „Sie sind pünktlich“, sagte er, der Ton verriet, dass Pünktlichkeit für ihn kein Lob verdient und kein Tadel braucht – sie ist ein Zustand. „Guten Morgen“, erwiderte sie, und sie wollte seinen Namen gleich dahinter setzen, aber der Morgen war noch zart, und manche Namen legt man ihm nicht gleich um den Hals. Er drehte sich zu einem Fass, das älter war als beide zusammen, berührte mit der Hand die Daube, als würde er Puls messen, und zog einen kleinen Metallhahn auf, aus dem ein dünner Strahl in ein Glas lief. „Nur ein Schluck“, sagte er. „Unruhig noch, aber ehrlich.“ Er reichte ihr das Glas so, dass ihre Finger seinen Daumen streifte, ein kurzer Kontakt, der nichts anderes bedeutete als Weitergeben und doch machte ihr Herz einen winzigen, unvernünftigen Schritt. Sie roch zuerst, ließ die Luft über der Flüssigkeit in sich einziehen, diese Spur von Kräutern und etwas, das viel später einmal Pflaume heißen würde. Ein kalter Stein im Hintergrund, trocken, zuverlässig. Sie trank einen kleinen Schluck. Der Wein war nicht fertig, aber er wusste bereits, wohin er wollte. Er legte sich nicht an den Gaumen wie ein Gast, der ans Sofa sinkt. Er stand aufrecht, nahm Raum, ohne zu fordern, ließ eine kleine Salz Note liegen, Lara dachte an Meer, obwohl keins da war. „Er erinnert mich an einen Satz ohne Verb“, sagte sie schließlich. „Alles steht bereit und doch fehlt das, was Bewegung gibt. Aber man weiß schon, was kommen wird, und das macht den Mund warm.“ Matteo sah sie an, länger als nötig, nicht mustern, eher aufbewahren. „Sätze ohne Verb taugen, wenn man vor dem Verb keine Angst hat“, murmelte er. „Kommen Sie.“ Sie gingen durch den Laufgang, der so schmal war, dass ihre Schultern manchmal glauben konnten, eine Berührung sei Absicht, nicht Platzmangel. Er zeigte ihr die Reihen der Fässer, das Kastanienholz, das die Väter gewählt hatten, obwohl die Söhne es hätten ändern können, und eine kleine Reihe aus Eiche, die wie ein Experiment wirkte, das schon beschlossen ist, bevor es beginnt. Er sprach wenig und wenn, dann mit jener sachlichen Zärtlichkeit, die Handwerker für Dinge haben, die sie nicht erklären müssen, weil sie sie täglich in den Händen halten. Lara fragte nicht sofort, sie ließ die Informationen wie Wärme in sich sinken. Als sie schließlich stehenblieb und an die Wand tippte, wo die Feuchtigkeit eine dunklere Farbe zeichnete, war ihre Stimme klar. Hier könnte ich arbeiten, eine Belüftung, die nicht schreit, sondern summt. Wir könnten die Luft führen, als würden wir sie überreden, nicht drücken. Und wenn wir diese Linie entlanggehen…“ Sie strich mit der Hand über den Stein, als würde sie ein Tier beruhigen. „…kann ich einen schmalen Kanal setzen, der die kühle Strömung hält, ohne dass Sie etwas sehen.“ Matteo legte den Kopf minimal schief. „Nicht drängen, Überreden.“ Er wiederholte ihre Worte, als teste er sie auf Zunge und Zähne. „Und der Stein bleibt.“ „Der Stein bleibt“, sagte sie. „Ich habe nicht vor, Ihn zu überzeugen, dass Beton der bessere Großvater ist.“ Sie wechselte ins Du in ihren Gedanken und erschrak über sich, blieb aber nach außen in der Distanz, die Arbeit und Unbekanntheit vorschreiben. Sie gingen weiter, und der Boden änderte sich, ein feiner Schimmer auf dem Asphalt, wo Wasser seinen Weg findet, wenn es will. Matteo öffnete eine schmale Tür, die eher wie ein Spalt aussah, und sie traten in einen Raum, der noch stiller war als der Rest. In der Ecke stand eine alte Presse, ein Ding aus Eisen und Holz, so schwer, dass man an Freundschaften glaubte, wenn man sie bewegen wollte. „Die bleibt“, sagte er, und jetzt war ein anderer Ton in seiner Stimme, ein dunkler, der nicht diskutierte. „Selbst wenn sie nie wieder arbeitet. Sie ist ein Wort, das hier jeden Satz beginnt.“ Lara trat näher, legte ihre Hand an das kalte Eisen, fühlte die kleine Kälte sofort in die Haut ziehen, und sagte leise: „Ich habe nicht vor, Wörter zu löschen.“ Dann wandte sie sich langsam um, und als ihre Finger sich vom Metall lösten, blieben kaum wahrnehmbar dunkle Spuren zurück, als wären Worte in die Hand geschrieben worden, die man erst später lesen kann. Sie erkannte in diesem Moment, dass ihre Arbeit in diesem Haus nur gelingen würde, wenn sie in jeder Geste zeigte, dass sie sich an ein bereits gesprochenes Gedicht fügte und nicht ein neues diktierte. Matteo führte sie eine Treppe hinauf, die in den Hof öffnete. Der Morgen war inzwischen hell geworden, der Himmel machte ernst mit seiner Farbe. Auf den Reben lag der Glanz, den nur die erste Sonne macht, bevor die Hitze aus den Blättern etwas Hartes zieht. Sie gingen zwischen den Reihen, und die Welt um sie herum war auf einmal sehr einfach: Blatt, Luft, Erde, Duft. Kleine Spinnennetze spannten sich zwischen den Drähten, an deren Perlen der Tau hing wie Noten in einer stillen Partitur. Matteo strich mit zwei Fingern über ein Blatt, drehte es, zeigte ihr die Unterseite wie ein Geheimnis. „Wenn der Wind von Westen kommt, ziehen die Unterseiten hell“, sagte er. „Dann weißt du, dass wir den Tag anders denken müssen.“ „Es ist ein Wissen, das in die Haut geht“, erwiderte Lara und bemerkte gar nicht, dass sie „du“ sagte, bis es aus der Luft nicht mehr zurückzuholen war. Er schien nicht zu hören oder tat so; manchmal ist Höflichkeit die eleganteste Form von Aufmerksamkeit. Er pflückte eine Beere, legte sie in seine Handfläche und zerdrückte sie leicht mit dem Daumen, sodass der Saft wie ein kleiner, roter Mond darüber stand. „Schau die Kerne“, sagte er. „Noch hell. Drei Wochen, vielleicht vier. Es ist ein gutes Jahr, wenn nichts dazwischenkommt.“ Lara beugte sich vor, ihre Finger schwebten über seiner Hand, ohne zu berühren, als wäre die Beere eine Grenze, die man nicht einfach überschreitet. Er nahm ihren Zeigefinger und führte ihn sanft an den Saft, eine Geste, die so schlicht war, dass sie sie fast nicht spürte – und doch brannte die Stelle ihres Fingers, als hätte sie etwas Salziges berührt. Sie führte den Finger an ihre Lippen, schmeckte die Süße, die noch gezügelt war und ein Hauch von Grün, der in den Zähnen knisterte. Ihre Augen hoben sich und trafen seine, und für einen Moment stand der ganze Hang still. Er ließ ihren Finger los, als hätte er nie daran gelegen, und wandte sich dem nächsten Stock zu, eine Sekunde zu langsam, die ausreichte, um in ihr etwas zu speichern, das später eine Rolle spielen würde. „Du hast eine Idee für den Hof“, sagte er, als wäre es eine Tatsache, die auf der Erde stand. „Ich sehe, wie du auf die Steine schaust, sag es.“ Sie fuhr mit der Spitze ihres Schuhs eine Linie nach, die die Pflastersteine vorgaben. „Ich würde den Lauf der Menschen lesen, bevor ich Wege vorschreibe. Die Schatten zeigen mir schon, wo die Füße gern gehen. Vielleicht nehmen wir es auf, ein leichter Bogen hier, statt harte Kante. Die Entwässerung – ich könnte sie zwischen die Fugen legen, unsichtbar. Der Regen wird nicht mehr stehenbleiben, aber er wird glauben, dass er sich ausruhen darf.“ „Der Regen, der glaubt“, wiederholte er und lächelte nicht wirklich, aber etwas in seinem Gesicht wurde hell. „Und die Rampe für den alten Traktor?“ „Sie bleibt“, antwortete Lara. „Er hat Vorfahrt. Ich flechte um ihn herum, nicht umgekehrt.“ „Gut.“ Er blieb stehen, deutete auf das Herrenhaus, dessen Fassade in der Frühe zwei Töne trug: das Gold, das bleibt, und das Dunkel, das Geschichte heißt. „Mein Vater hat die Balkonschiene dort selbst gerichtet, als wäre es ein Knochen. Sie knarzt seitdem nur noch bei Ostwind. Wenn du etwas tust, und es knarzt nicht mehr, weiß ich, dass du etwas richtig gemacht hast. Wenn es lauter knarzt, scheitert einer von uns.“ „Ich mag knarzende Dinge“, sagte Lara. „Sie sagen nicht nur, dass sie alt sind. Sie sagen, dass sie leben.“ Sie gingen bis zur unteren Mauer, wo ein schmaler Pfad ins Dickicht führte. Matteo blieb stehen, bückte sich, schob mit der Hand Rosmarinzweige zur Seite und legte eine Steinstufe frei, deren Oberfläche glattpoliert war wie eine gut benutzte Handfläche. „Hier“, sagte er. „Früher ist man diesen Weg zum Wasser gegangen. Ein Becken liegt unten, es ist nicht groß, aber es merkt sich Gespräche. Wenn du willst, zeige ich es dir später. Heute ist das Licht noch zu scharf.“ Lara nickte. Sie stellte sich das Wasser vor, kühl und stur, und sich selbst am Rand, wie sie mit den Fingerspitzen Kreise auf der Oberfläche zieht, bis die Kreise etwas sagen, dass sie verstehen kann. Eine Weile sprachen sie nicht. Sie gingen nur langsamer und dann wieder ein wenig schneller, wie man es tut, wenn man merkt, dass der Körper an einem Ort anders wird. Ein leichter Geruch von angefeuchtetem Staub stieg auf, obwohl der Boden trocken aussah – ein Rätsel, das sie mochte. „Du arbeitest seit langem hier?“, fragte sie und das „du“ war jetzt ein Kleid, das gut saß. „Seit ich denken kann“, antwortete er. „Und doch weiß ich jeden Herbst weniger, als ich dachte. Es hilft, wenn man das mag.“ „Die Lücke zwischen Wissen und Tun“, sagte sie. „Darin halte ich mich gern auf.“ Sie bogen zurück zum Haus, und Sofia stand in der Tür, als wüsste sie, wann zwei Menschen genug von draußen gesehen haben. „Ihr esst“, verkündete sie, „Wollt ihr?“. Die Schlichtheit war Trost, auf dem Tisch standen dünne Scheiben Prosciutto, die an den Rändern wie gemalt wirkten, ein Teller mit weißen Bohnen in Öl und Zitronensaft und wieder dieses Brot, das langsam zum Thema wurde. Sofia goss Wasser ein, das an der Karaffe außen Tropfen bildete, stellte zwei Gläser vor Lara und Matteo. „Ihr stoßt an“, sagte sie, und in ihrer Stimme lag ein Funke Schelm, der jedes Alter jünger macht. Matteo hob sein Glas, Lara das ihre. Beim Anstoßen berührten sich nicht nur Glasränder, sondern auch Finger, eine flüchtige Berührung an der Stelle, an der die Haut dünn ist und die Nerven an die Tür klopfen. Es war nichts und es war eine kleine Unanständigkeit, die keiner benennt. „Auf den zweiten Tag“, sagte Sofia. „Der erste erzählt viel, der zweite entscheidet, ob ihr zuhört.“ „Auf den zweiten Tag“, wiederholte Lara. Der Wein war leicht, er wollte kein Theater, er wollte lächeln. Er roch nach weißen Blumen, die keine Namen brauchten und ein bisschen nach frischer Wäsche. Sie aßen, und das Gespräch floss wie Wasser, das nicht stolpert: Hier ein Satz über Wetter, dort über Holz, dazwischen Schweigen, das nicht drückt. Als sie das Messer beiseite legte, fiel ihr Blick auf Matteos Hände, wie sie Brot brachen, nicht in gleichmäßige Stücke, sondern in solche, die zum Mund der Menschen passen, die am Tisch saßen. Ein Gedanke schoss ihr durch den Kopf: Es gibt Hände, die Räume bauen können, in denen andere atmen. Sie spürte ein leichtes Erröten über ihre Wangen wandern, ohne klaren Anlass, und trank einen Schluck Wasser, das kühl genug war, um den Moment zu erden. Nach dem Essen nahm sie das Notizbuch, blätterte, fand die kleine Skizze vom Morgen, in der sie bereits unsichtbare Linien gelegt hatte und zeigte sie Matteo über den Tisch. „Ich riskiere, dir zu früh etwas zu zeigen“, sagte sie. „Aber ich will, dass du weißt, wie ich denke. Hier – kleine Öffnungen im Mauerwerk, die aussehen, als wären sie immer da gewesen, aber Luft lenken. Und dort – eine Flächenentwässerung zwischen den Fugen. Kein Rost, kein Gitter. Nur das, was schon ist, ein wenig aufmerksamer.“ Matteo beugte sich vor, sein Schatten fiel über das Papier, als legte er eine Hand darauf, um es zu schützen. Er sah eine Weile, ohne zu reden. Dann tippte er auf eine Stelle, an der Lara eine alte Kante gebogen hatte. „Und da? Das ist eine Ecke, an der meine Großmutter immer den Korb abstellte. Wenn wir sie runden, verliert der Raum etwas Hartes. Ich weiß nicht, ob ich das will.“ Lara nickte. „Wir können die Ecke lassen. Oder wir runden nicht, sondern arbeiten mit einem Schatten, der die Kante weicher macht, ohne sie zu verkleiden. Ein kleines Spiel mit Licht. Die, die es spüren sollen, spüren es. Die, die es nicht spüren, stolpern trotzdem nicht.“ Er sah auf, unmittelbar, ein kurzer, heller Blick. „Du machst den Dingen Komplimente, damit sie kooperieren.“ „Ja“, sagte sie. „Funktioniert mit Menschen auch.“ Ein kaum merkliches Zucken an seinem Mundwinkel, das zugeben mochte, dass er verstanden hatte. Sofia räusperte sich, als markiere sie eine Seite in einem Buch. „Ich war im Gärtchen“, sagte sie. „Die Rosen sind heute freundlich, du solltest ihnen zuhören, Lara. Sie mögen es, wenn jemand nicht ständig an ihnen zieht.“ „Rosen mögen keine Eile“, erwiderte Lara, und die Alte nickte zufrieden und verschwand, so leise, wie sie gekommen war, und ließ diesen feinen Geruch aus Lavendel und irgendetwas Süßem zurück, der zwischen den Sätzen hängt. Sie verbrachten den Nachmittag damit, die oberen Räume zu begehen. Lara stellte Markierungen mit Kreide, so klein, dass sie eher wie Sommersprossen des Hauses wirkten als Eingriffe. Matteo lief neben ihr her oder ging voraus, je nachdem, ob der Raum es verlangte. In der Bibliothek hielt sie inne, als die Sonne durch die Lamellen fiel und auf dem Boden ein Muster zeichnete, das aussah wie gefaltetes Papier. „Hier will ich nichts verändern“, sagte sie. „Nur den Staub anders lenken, damit die Bücher länger atmen.“ „Der Staub lenkt sich selbst“, gab er zurück. „Aber gut. Wenn du ihn überredest.“ „Ich rede ungern gegen den Wind.“ „Ich auch.“ Ein schmaler Gang führte zur hinteren Galerie, die auf den Hof sah. Lara stützte sich an die Brüstung, beugte sich ein wenig hinaus, um die Linie des Hauses zu greifen, die sich im Schatten abzeichnete. Unten stand eine Leiter an der Wand, die auf den ersten Blick aussah wie alle Leitern der Welt. Auf den zweiten Blick sah man den Sprung im Holz der zweiten Sprosse, einen Haarriss, der nichts bedeutete, solange er bedeutungslos bleiben durfte. Lara merkte, wie ihr Blick daran hängenblieb und ihr Körper ein Stück der Zukunft spürte, das noch nicht geschrieben war. „Ich müsste heute noch draußen die Mauer aufnehmen“, sagte sie nach einem Moment, das Wort „müsste“ war nicht streng, eher zärtlich. „Und irgendwann da hoch.“ Matteo folgte ihrem Blick, sah die Leiter, sah sie, sah den Schatten, der neben ihren Füßen lag, als wäre er ein Tier, das gerade beschlossen hat, zu bleiben. „Nicht jetzt“, sagte er, ruhig, ohne Begründung. „Die Leiter spricht noch vom Morgen, sie wird erst am Abend vernünftig.“ „Leitern, die sprechen, sind mir sympathisch“, entgegnete Lara mit einem Lächeln.
„Aber ich höre auf dich.“ Es war überraschend leicht, das zu sagen. Überhaupt fiel es ihr auf: Wie wenig Mühe es machte, ihn ernst zu nehmen. Draußen zog der Wind an, kaum merklich und doch legte sich eine andere Temperatur auf den Hof. Eine weiße Gardine schlug plötzlich gegen den Fensterrahmen, als müsse sie sich in Erinnerung bringen. Elena, die junge Erntehelferin, lief mit einer großen Schale Tomaten über den Hof, stoppte kurz, um jemandem am Tor zuzuwinken, ein Motor klang auf, stoppte, verstummte. Ein Lieferwagen, alt und zuversichtlich, brachte Kisten, die nach Papier und etwas Blech rochen. Alltäglichkeit schob sich in diesen Tag, so wie es gut ist, wenn Dinge sich aneinander reiben, ohne Funken zu schlagen.
„Ich habe eine Frage“, sagte Lara, während sie weitergingen und der Flur eine leichte Biegung machte, die man nicht sah, sondern spürte. „Warum hast du mich geholt? Du hättest jeden nehmen können, der schneller, lauter, billiger ist.“ Er blieb stehen, stand halb im Schatten, halb im Licht und für einen Moment war es, als stünden zwei Matteos vor ihr – der, der schützt und der, der erinnert. „Ich habe dich nicht geholt“, erwiderte er schließlich und in seiner Stimme lag keine Härte. „Tom hat dich gebracht. Aber ich habe nicht widersprochen, als ich deine Zeichnungen gesehen habe. Du überschreibst nicht, du unterstreichst, das ist selten und gefährlich.“ „Gefährlich?“, fragte sie und das Fremdeln in dem Wort war schmeichelhaft. „Für wen?“ „Für Leute, die glauben, dass alles, was neu ist, nur dann zählt, wenn es laut ist. Für Leute, die mit Zahlen beruhigen und mit Bildern erschrecken. Für Leute, die nicht zuhören.“ „Zählen dich diese Leute?“ „Manchmal“, sagte er trocken.
„Manchmal zähle ich sie, dann gehe ich in den Keller.“ „Und jetzt?“ „Jetzt gehe ich mit dir durch mein Haus und warte darauf, was du hörst.“ Sie standen im Türrahmen eines kleinen Zimmers, das den Charme von Dingen hatte, die nicht gut gegangen sind und deshalb lieb sind. Ein altes Bettgestell, ein Stuhl, der eine Geschichte kannte, ein Bild an der Wand, dessen Motiv man nur in bestimmten Stunden erkannte, wenn das Licht die richtige Sprache sprach. Lara trat ein, legte die Hand an die Wand, schloss die Augen, ließ die Kühle in die Handfläche kriechen, wie man Wasser trinkt. „Hier will ich, dass Luft oben weg kann“, sagte sie. „Ein Spalt, kaum größer als eine Geste. Sonst bleibt der Sommer zu lange und der Winter hört es, wenn der Sommer geht.“ „Wenn du es so machst, dass niemand morgens fröstelt“, sagte er, „dann ja.“ „Niemand soll morgens frösteln“, antwortete sie, es war plötzlich ein Satz, der mehr meinte, als er durfte.
Die Stunden flossen weiter und der Tag nahm jene gleichmäßige Fülle an, die entsteht, wenn Arbeit und Aufmerksamkeit ein Paar bilden. Lara zeichnete, maß, schrieb, strich wieder durch, und Matteo gab Auskunft, wenn Auskunft nötig war und schwieg, wenn Stille besser war. Manchmal beobachtete sie ihn, wie er eine Hand auf eine Tür legte, bevor er sie öffnete, als bitte er um Erlaubnis. Manchmal beobachtete er sie, wie sie mit dem Stift über das Papier fuhr, ohne dass der Stift die Seite berührte, als probte sie einen Weg. Gegen späten Nachmittag standen sie wieder im Hof. Die Schatten waren länger, die Luft war noch warm, aber nicht mehr entschlossen, so zu bleiben.
Ein Duft zog durch, der an Heu erinnerte und an etwas Harziges; irgendwo hatte jemand ein kleines Feuer gemacht, das nur Rauch sein wollte und nicht Flamme. Sofia stellte zwei schmale Gläser auf den Brunnenrand, unaufgefordert, wie eine gute Idee. „Ein Fingerbreit von der jungen Cuvee“, sagte sie. „Nicht, weil ihr Durst habt, weil ihr beide heute gehört habt.“ Sie hoben die Gläser, wieder dieses leichte, kaum hörbare Klingen, das die Luft zu einem Vers machte.
Die Gläser berührten sich, eine Fingerkuppe strich über eine andere, nicht absichtlich, aber nicht flüchtig genug, um Zufall zu sein. Lara spürte, wie etwas in ihr leise aufstand, ein Tier, das bisher geschlafen hatte und nun die Ohren aufstellte. Matteo senkte den Blick zuerst, trank, sah dann über den Rand des Glases hinweg zu ihr, als sei da eine Landschaft, die er kartieren wollte, aber nur mit den Augen. „Morgen die Außenmauern?“, fragte er, sachlich und die Sachlichkeit war das freiste Angebot. „Morgen die Außenmauern“, sagte sie. „Und irgendwann… das Wasserbecken.“ „Irgendwann das Wasserbecken“, bestätigte er, und es war eine Art Handschlag, der nicht die Hand brauchte.
Sie räumten zusammen, Lara beugte sich nach dem Messrad, das unter der Bank stand, als sie sich aufrichtete, streifte ihre Schulter seine Brust. Nicht fest, nicht unbeholfen, eine Berührung, bei der beide spürten, dass sie stattfand, und keiner tat so, als wäre sie nicht da gewesen. Ein kurzer Augenblick, in dem Haut die Anwesenheit von Stoff vergaß und direkt mit der Wärme sprach, die darunter lag. Dann traten sie beide einen halben Schritt zurück, so koordiniert, als hätten sie das vorher Jahre geübt. „Bis morgen“, sagte Matteo, es klang, als würde er das Wort in den Keller bringen.
Das Wort in ein Fass legen und darauf achten, dass es dort zu etwas wird, das man später ausschenken kann. Lara nickte, und ihre Kehle war trocken, obwohl sie eben getrunken hatte. „Bis morgen.“ Sie drehte sich, um aufzubrechen, blieb aber am Rand des Hofs stehen, wo die alte Leiter wieder in ihr Blickfeld trat. Die zweite Sprosse sah aus wie eine Bemerkung, die man nicht überhört.
Sie stellte den Fuß auf die erste, nur um die Höhe zu fühlen, das Holz zu hören. Es ächzte, kein Schrei, nur ein Warnlaut. „Nicht“, sagte Matteo hinter ihr, so leise, dass das Wort fast in den Stoff ihres Hemdes kroch. „Nicht heute, sie ist störrisch, morgen, wenn sie gelernt hat, dass wir Geduld haben.“ Lara zog den Fuß zurück, ließ die Hand an der Seitenwange der Leiter nach unten gleiten, als verabschiede sie sich von jemandem, der später wichtiger sein würde. „Morgen“, sagte sie, und das Wort legte sich an die zweite Sprosse wie eine Kompresse. In ihrem Zimmer war das Licht weich, die Ränder der Dinge verschwammen gerade so viel, dass man ahnte, sie könnten Geschichten haben, die man nicht gleich verstehen muss.
Lara setzte sich, nahm das Notizbuch, blätterte durch Skizzen, sah Linien, die inzwischen nicht mehr nur Linien waren, sondern Fäden, die sie mit diesem Ort verbanden, nicht nur beruflich. Sie dachte an die Berührung an der Brüstung, an den Finger im Saft, an das Klingen von Glas, das für einen Herzschlag lang mehr gewesen war als Ritual. Sie legte die Hand auf ihr Brustbein und spürte ihren Puls, ruhig, tiefer als gewöhnlich. Kein jagen, kein Rennen. Eher das gleichmäßige Ticken einer Uhr, die man aufgezogen hat und die jetzt zuverlässig arbeitet, ohne zu fragen, wie lange. Draußen rief eine Amsel, irgendwo fiel ein Eimer um und lachte blechern, ein Hund hatte Einwände und vergaß sie im nächsten Atemzug.
Lara stand noch einmal auf, trat ans Fenster, und der Hof lag da wie ein stiller Körper im Schlaf. Die Leiter lehnte an der Mauer, als wäre sie nie woanders gewesen. Morgen, dachte sie, der Gedanke war kein Versprechen, eher eine Einladung. Sie stellte die Tasse mit dem Rest des Wassers ab, löschte das Licht und ließ die Dunkelheit sich setzen, wie der Wein sich setzt, der Luft genug bekommen hat. Sie lag, hörte, atmete, zählte nicht, in ihr arbeitete eine leise Freude, an der nichts Drängendes war. Es war die Freude, die entsteht, wenn man an einer Stelle der Welt steht, an der man nicht klopfen muss, damit eine Tür aufgeht.
Der zweite Tag hatte entschieden, dass sie zuhören konnte. Und irgendwo unter dem Haus, wo Holz knackt wie zufriedenes Atmen, wartete schon der dritte Tag. Morgen, dachte sie noch einmal, und sah für einen Augenblick die Szene, die noch nicht stattgefunden hatte. Eine Hand an einer Sprosse, eine andere, die hält, eine Nähe, die über das Nötige hinausgeht, ohne es zu verraten. Dann schlief sie, nicht tief, aber gut, und die Nacht bewahrte, was es zu bewahren galt.
Linien & Herzen
Der dritte Morgen begann mit einem Licht, das so weich war, dass man es eher auf der Haut spürte als in den Augen. Lara erwachte, bevor der Hahn im Nachbarhof seine Stimme fand, und für einen Herzschlag lang schien die Welt zu schweben, als hielte irgendjemand sie zwischen zwei Fingern fest, damit nichts herunterfällt. Sie blieb liegen, hörte den feinen Atem des Hauses – dieses tiefe, kaum hörbare Knacken im Gebälk, das mehr von Vertrauen erzählte als von Alter – und den ersten Schritt auf dem Kies, der verriet, dass Matteo wach war.
In ihr setzte sich etwas zurecht, ein kleiner, klarer Wille, der nicht laut werden musste: Außenmauern, Schatten lesen, Linien verstehen. Und irgendwann die Leiter, wenn sie mit dem Tag Frieden geschlossen hatte.
Sie stand auf, wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser, dessen Kühle sie mit einem einzigen kräftigen Atemzug annehmen musste, und band ihr Haar zusammen. Im Spiegel sah sie diese winzige, neue Festigkeit, die nicht Härte war. Der Mund hatte die gleiche Form wie gestern, aber dahinter stand etwas, das blieb. Sie zog das leichte Hemd an und die Jeans, die an den Knien schon Mehlspuren trug von den Steinen des Hofs, nahm Notizbuch, Kreide, Maß und die kleine Stofftasche mit den Stiften, als seien es Zutaten für einen Teig, der nur dann gelingt, wenn man nicht ständig hineinsieht.
Auf dem Flur roch es wieder nach Kaffee. Sofia stand am Fuß der Treppe, als habe sie dort immer gewartet, auch an den Tagen, bevor Lara überhaupt existierte. In der Hand hielt sie zwei Espressotassen, die so dünn waren, dass man dachte, sie müssten singen, wenn man sie aneinanderschlägt. „Heute riecht die Luft nach Korn“, sagte sie, bevor Lara guten Morgen sagen konnte. „Das bedeutet: Die Schatten sind ehrlich, geh früh raus.“
„Guten Morgen“, sagte Lara, nahm die Tasse, trank einen Schluck und fühlte den bitteren, warmen Faden vom Mund in den Bauch laufen, der sofort etwas ordnete. „Ich gehe an die Außenwände, Matteo hat es so gesagt.“
„Er sagt vieles so“, erwiderte Sofia, in der Stimme der Alten lag Zuneigung, die man nur zu Menschen empfindet, die man oft beim Schweigen gesehen hat. „iss ein Stück von dem Brot, das Elena gebacken hat. Es hört nicht auf, nach mehr zu riechen, nur weil es nichts mehr zu sagen hat.“
Lara aß stehend, riss ein Stück von der Kruste, die unter ihren Fingern knackte wie dünner Lack, strich Olivenöl darüber, das in der Schale auf der Anrichte wartete und streute ein paar Salzflocken. Die Einfachheit machte sie satt, noch bevor der Magen es begriff. Beim Hinausgehen strich sie Sofia über die Schulter, nur kurz, unwillkürlich, wie man einem Baum im Vorbeigehen auf die Rinde tippt, um ihm mitzuteilen, dass man da ist. „Ich nehme die Leiter später“, sagte sie, mehr zu sich selbst als zu der Alten.
„Wenn sie dich mag“, antwortete Sofia und lächelte mit den Augen.
Draußen war der Hof noch kühl, der Stein gab die Nacht nur zögernd frei. Der Himmel war lange noch nicht blau im Selbstbewusstsein, sondern trug ein zartes Weiß, wie das Innere einer Feige, die noch geschlossen ist. Lara stellte das Stativ an die Nordwand, legte Maß und Messrad bereit und trat einen Schritt zurück, um die Fläche zu lesen. Die Fassade atmete wirklich; man sah es daran, wie die Schatten der Fensterlaibungen eine Spur legten, die im Laufe des Tages zur Sprache werden würde. Sie stützte die Handfläche gegen den Putz, spürte die leicht raue Kühle, und es war, als läge dort eine Erinnerung, die keine Worte brauchte.
Matteo kam um die Ecke, die Hände in den Hosentaschen, den Schritt eines Mannes, der schon gearbeitet hat, bevor andere beginnen. Er trug ein dunkles Hemd, dessen Ärmel er nicht ordentlich, sondern mit dem Selbstverständnis von Gewohnheit aufgerollt hatte. Auf seiner Stirn lag ein Streifen feuchten Haars, und die Luft um ihn herum war ein wenig wärmer als der Hof. „Schatten lügen heute nicht“, sagte er, ohne zu grüßen, dennoch lag der Gruß in den Worten. „Du hast Glück. Wind kommt später.“
„Sofia hat es auch gesagt“, erwiderte Lara. „Sie kennt die Luft hier wie andere Menschen ihre Kinder.“
„Sie hat die Luft großgezogen“, antwortete er und blieb stehen, dicht genug, dass Lara den Geruch seines Shampoos wahrnahm, dieses Zitrische, das gestern im Keller auch da gewesen war. Es mischte sich mit Holz, mit dem Salz, das Arbeit macht, und mit etwas Eigenem, das sich nicht benennen ließ. „Ich bringe dir die lange Leiter. Die kurze ist langweilig.“
