Ein Mann, ein Jahr, kein Alkohol. - Felix Hutt - E-Book
SONDERANGEBOT

Ein Mann, ein Jahr, kein Alkohol. E-Book

Felix Hutt

0,0
12,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 12,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

»Warum trinkst du denn nichts? Bist du krank?«

Am Abend seines 44. Geburtstags entschließt sich der Autor Felix Hutt, seinen Alkoholkonsum radikal zu ändern. Ein Jahr lang will er keinen Alkohol trinken: nicht beim Fußballschauen, nicht beim Feiern, auf keiner Hochzeit und auch nicht auf dem Oktoberfest. Was wird das mit ihm und seinem Umfeld machen, wenn er auf einmal mit einem Glas Wasser bei seinen Freunden in der Kneipe sitzt?

Hutt erzählt aus der Perspektive der bürgerlichen Mitte, die den Alltagsalkoholismus lebt, ihn aber nicht als ihr Problem anerkennen will. Alkis sind immer die anderen, nämlich die mit dem Tetrapak auf der Parkbank, nicht man selbst mit dem teuren Rotwein. Oder? Ein Bierchen in Ehren kann schließlich niemand verwehren. Aber ab wann werden es zu viele Biere, ab wann wird der eigene Alkoholkonsum gefährlich?

In Ein Mann, ein Jahr, kein Alkohol stellt Hutt vor allem das männliche Trinkverhalten infrage, den Gruppenzwang, die von den Vätern vererbten Verhaltensmuster. Während seines langen Jahres des Nüchternwerdens widerfahren ihm traurige, erschütternde, aber auch Mut machende Dinge, stolpert er und rappelt sich wieder auf. Er lernt seine Freunde neu kennen, vor allem aber sich selbst.

Authentisch, scharf beobachtet und mit schonungsloser Ehrlichkeit reflektiert Hutt sein Trinkverhalten, was es mit der Gesellschaft, in der wir leben, zu tun hat – und warum sich ein Umdenken für uns alle lohnen könnte.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 276

Veröffentlichungsjahr: 2024

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Buch

Am Abend seines 44. Geburtstags entschließt sich der Autor Felix Hutt, seinen Alkoholkonsum radikal zu ändern. Ein Jahr lang will er keinen Alkohol trinken: nicht beim Fußballschauen, nicht beim Feiern, auf keiner Hochzeit und auch nicht auf dem Oktoberfest. Was wird das mit ihm und seinem Umfeld machen, wenn er auf einmal mit einem Glas Wasser bei seinen Freunden in der Kneipe sitzt?

Hutt erzählt aus der Perspektive der bürgerlichen Mitte, die den Alltagsalkoholismus lebt, ihn aber nicht als ihr Problem anerkennen will. Alkis sind immer die anderen, nämlich die mit dem Tetrapak auf der Parkbank, nicht man selbst mit dem teuren Rotwein. Oder? Ein Bierchen in Ehren kann schließlich niemand verwehren. Aber ab wann werden es zu viele Biere, ab wann wird der eigene Alkoholkonsum gefährlich?

Authentisch, scharf beobachtet und mit schonungsloser Ehrlichkeit reflektiert Hutt sein Trinkverhalten, was es mit der Gesellschaft, in der wir leben, zu tun hat – und warum sich ein Umdenken für uns alle lohnen könnte.

Autor

Felix Hutt, geboren 1979, ist Autor und Investigativ-Reporter bei RTL. Das Stilmittel des Selbstversuchs nutzt er seit Jahren für seine Reportagen, Bücher und Filme, um seine Recherchen auch für andere unmittelbar erfahrbar zu machen. In seinem neuen Buch Ein Mann, ein Jahr, kein Alkohol. widmet er sich dem Alkohol, der Abstinenz und der Freiheit, die im Rausch der Nüchternheit liegt.

Felix Hutt

Ein Mann, ein Jahr, kein Alkohol.

Alle Ratschläge in diesem Buch wurden vom Autor und vom Verlag sorgfältig erwogen und geprüft. Eine Garantie kann dennoch nicht übernommen werden. Eine Haftung des Autors beziehungsweise des Verlags und seiner Beauftragten für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist daher ausgeschlossen.

Wir haben uns bemüht, alle Rechteinhaber ausfindig zu machen, verlagsüblich zu nennen und zu honorieren. Sollte uns dies im Einzelfall aufgrund der schlechten Quellenlage bedauerlicherweise einmal nicht möglich gewesen sein, werden wir begründete Ansprüche selbstverständlich erfüllen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Originalausgabe Dezember 2024

Copyright © 2024: Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Doreen Fröhlich

Umschlag: Uno Werbeagentur, München

Umschlagfotos: Matthias Ziegler

Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering

GS ∙ CB

ISBN 978-3-641-31990-8V003

www.goldmann-verlag.de

Für meinen Vater

Actually we are better when we are sober, but it is not as much fun. So we get drunk.

Shane MacGowan, The Pogues

Inhalt

Kapitel 1

Charlie Sheen und der Anfang vom Ende

Kapitel 2

Letzte Runde

Kapitel 3

Mein Rausch

Kapitel 4

Auf der Suche nach der rosa Wolke

Kapitel 5

Bin ich ein Alki?

Kapitel 6

Aufwachen in der Toskana

Kapitel 7

Eskalation in Madrid

Kapitel 8

Trinken mit Kindern

Kapitel 9

Der Sommer der letzten Male

Kapitel 10

Damenurlaub

Kapitel 11

Der Endgegner: das Oktoberfest

Kapitel 12

Erntedank

Kapitel 13

Ihr Trinkerlein kommet

Kapitel 14

Bei den Anonymen Alkoholikern

Kapitel 15

Epilog mit Leander Haußmann

Dank

Quellen

Kapitel 1Charlie Sheen und der Anfang vom Ende

Ein paar Monate nachdem ich auf der Geburtstagsfeier für meine dreijährige Tochter an der Isar betrunken auf ein Weinglas gefallen war und den Rest der Party mit einer tiefen Schnittwunde in meiner linken Hand in der Notaufnahme im Krankenhaus verbracht hatte, traf ich noch einmal Charlie Sheen. Ich konnte nicht einfach in die Abstinenz verschwinden, ohne mich von ihm zu verabschieden. Charlie war mir über die Jahre ans Herz gewachsen, ein verlässlicher Freund geworden, der die richtigen Knöpfe drückte, so etwas wie mein perfekter Drink: Bourbon-Whiskey, Grapefruit- und Honigsirup, Blutorangensaft, geschüttelt und über zwei große, scharfkantige Eiswürfel gegossen. Ich trank den Sheen am liebsten hier, im Hey Luigi, einem meiner Stammlokale im Münchner Glockenbachviertel, wo er in einem eleganten Old-Fashioned-Glas serviert wurde. Eine leuchtend rote Schönheit, mein Charlie, da gab es keine zwei Meinungen.

Im Hintergrund schepperten die Smashing Pumpkins und Neil Young aus den Boxen. Auf dem Aufkleber über der Bar stand »Fuck AfD«. Eine Kneipe wie eine zweite Heimat – auf dein Wohl, Charlie! O Gott, wie würde ich diese sanften Anfänge eines Rausches vermissen. Das Herantrinken an die Aus-Taste, mit der ich meine Sorgen für ein paar Stunden abschaltete. Schluck für Schluck die Gedanken an meinen stressigen Alltag als Ehemann, Vater und Reporter, an den Druck, alles immer irgendwie unter einen Hut bringen zu müssen, hinter einem alkoholisierten Nebel versteckte. Charlie wirkte auf mich wie ein flüssiges Mental-Anästhetikum. Ihm gelang es, den Schleudergang in meinem Kopf zu besänftigen.

Es war der Abend des 31. Januar 2023, am nächsten Tag würde ich vierundvierzig Jahre alt werden. Ein Mann in der Mitte seines Lebens, bei sich angekommen, so mag ich auf meinem Barhocker auf die anderen Gäste gewirkt haben, aber in mir sah es anders aus. Ich ertrug mich nicht mehr. Diesen Typen, der soff, um zu verdrängen. Sorry, Charlie, aber was hätten wir uns denn ohne deinen Promillegehalt zu sagen? Warum saß ich mit dir herum, am Abend vor meinem Geburtstag, und war nicht zu Hause, bei meiner Frau, meiner Tochter, unserem Hund? Sehnte ich mich nach dir, nach unserer Freundschaft, oder war ich längst abhängig von deinem Stoff, dem Alkohol?

Ich brauchte dringend eine Veränderung. Wollte aufhören mit dem Betäuben, einen neuen Takt in mein Leben einziehen lassen. Meine Tochter sollte ihren Vater nie wieder in einem so desolaten Zustand wie auf ihrer Geburtstagsfeier erleben müssen. Draußen blies ein eisiger Wind durch die Straßen.

Die ersten Schlucke gingen dermaßen schnell runter, dass ich wünschte, ich hätte mir gleich zwei Charlie Sheens bestellt. Einen gegen den Durst und einen zweiten, um den einsetzenden Rausch zu beschleunigen. Begann der Alkohol erst mal das Chaos zu beruhigen, löste bald betrunkene Euphorie meine problembehafteten Grübeleien ab; ein scheinbar sorgloser Zustand, nach dem ich, ja, wahrscheinlich süchtig geworden war. Ohne Charlie kam ich manchmal mit meinem Leben nicht klar. Doch mit ihm verschwanden meine Probleme auch nicht, im Gegenteil, verkatert bedrückten sie mich noch mehr.

Ich fühlte mich hilflos. In einer Sackgasse. Gefangen in meinem Alltagsalkoholismus. Machte weiter, streckte meine Saufabende mit Charlie Sheen und anderen Drinks bis tief in die Nacht. Am Tresen genügte ich mir selbst, auch wenn es mit gleichgesinnten Freunden natürlich noch mehr Spaß machte. Gleichgesinnt im Sinne von parallelem Promilleaufbau.

Von den vielen Wegen zum Rausch gefiel mir der mit meinem Freund Charlie am besten. Der Bourbon wärmte mir den Magen, und der Blutorangensaft sorgte für ein erfrischendes Gefühl im Mund, leicht und fruchtig, ganz anders als die Sturzbetankungen mit Bier, bei denen sich nach einer Weile ein ranziger Geschmack im Gaumen ausbreitete, oder die bitteren Abgänge der Negronis oder Mezcals.

Wenn ich ehrlich war, und das traute ich mir bislang noch nicht einmal selbst so richtig einzugestehen, bekamen mir die meisten alkoholischen Getränke eigentlich gar nicht. Auf Champagner folgte Sodbrennen, egal, wie exquisit der Jahrgang und das Anbaugebiet. Beim Rotwein besuchte mich schon während des Trinkens eine alte Freundin, die Migräne, was mich aber selten gestoppt hatte. Wofür gab es schließlich Aspirin? Ich benötigte Orangensaft oder Red Bull, um Wodka hinunterzubekommen, Cola für Rum, Limettensaft und Zucker für Tequila (Margarita), die Gesellschaft und die Anlässe für Bier und Schnaps.

Wäre es nach meinem ureigensten Verständnis von Genuss gegangen die letzten dreißig Jahre, dann hätte ich mir gelegentlich ein Augustiner-Bier vom Fass gegönnt, nach einem geselligen Abendessen mal einen Gin Tonic, und ich hätte im Urlaub an der ein oder anderen Weinverkostung teilgenommen, auch wenn ich dem wichtigtuerischen Rumgeschwenke der vermeintlichen Weinkenner nichts abhaben konnte. Mehr nicht. Am liebsten trank ich cremigen italienischen Espresso und kaltes stilles Wasser.

In unserer Wohnung konsumierte ich selten Alkohol. Bei der Auswahl von Gesellschaft und Anlässen war ich dafür mit der Zeit immer flexibler geworden. Und wenn der Kellner am Ende des Abends den ultimativen Männlichkeitsbeweis auf einem Tablett an den Tisch brachte, die Kurzen – Korn im Norden Deutschlands, Obstler im Süden, Ouzo beim Griechen, Grappa beim Stammitaliener, Sliwowitz im Dalmatiner Grill, Jägermeister beim Après-Ski – dann schluckte ich mit, obwohl mich der Geschmack ekelte und ich mich nach den Schnäpsen häufig noch in der Nacht oder spätestens am nächsten Morgen erbrach. Aber hey, Männer, wen interessiert schon der nächste Morgen? Schließlich leben wir nur einmal, und so jung kommen wir nicht mehr zusammen, und der Klügere kippt nach, und darauf ein: »Zickezacke zickezacke, hey hey hey, zickezacke zickezacke, hey hey hey! Prost, ihr Säcke! Prost, du Sack!«

Meine Freunde und ich gehörten zur Gruppe der normalen Trinker, die alles im Griff hatten. Das glaubte ich zumindest. Wir waren fröhliche Mitglieder der alkoholisierten Mittelschicht mit den gleichen Saufritualen wie Millionen anderer Männer auch: zweimal die Woche ins Restaurant oder in die Kneipe, ein bisschen absacken. Nach der Arbeit Druck ablassen mit ein, zwei Pils oder Hefeweizen, unterwegs gerne mal im ICE-Bordrestaurant oder an der Flughafenbar. Nach dem Kicken ein Kasten Augustiner mit den Kumpeln. Am Samstagabend ein gepflegter Absturz, warum auch nicht, schließlich war am Sonntag frei. Und dann natürlich Vollgas bei Junggesellenabschieden, Klassentreffen, Geburtstagen, Taufen, Verlobungsfeiern, Hochzeiten, Vatertagsausflügen, Wochenendtrips, Beerdigungen, Weihnachtsfeiern, Skireisen, Volks-, Wald- und Sommerfesten, Konzerten, Frühschoppen, anlässlich von Beförderungen, Ein- und Ausständen, an den Champions-League-Abenden im Stadion oder vor dem Beamer, an Silvester und im Karneval, auf dem Oktoberfest, beim Maibaumaufstellen, im Biergarten, am See, und im Urlaub selbstverständlich auch, weil, zur Entspannung nach einem harten Jahr durfte man sich schon ein paar Cervezas, Cocktails und das ein oder andere Fläschchen Wein gönnen, oder etwa nicht?

Ich tat mich schwer, in unseren Trinkgewohnheiten so etwas wie Sucht zu erkennen. Sie kamen mir gewöhnlich vor. Vielleicht lag darin mein Problem. Keiner von uns war je mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus gelandet, niemand hatte seine Ehe oder sein Konto in den Ruin gesoffen. Wir funktionierten in unserem Alltag. Dass man mal stolperte und eine Wunde genäht werden musste – geschenkt. Passierte schließlich auch den Nüchternen.

Ich war ein ambitionierter Tennisspieler und lief den Halbmarathon in unter zwei Stunden. Konnte mich gut konzentrieren, hatte keine gesundheitlichen Probleme, eine kleine Familie und einen Job. Ich hatte kein Alkoholproblem, wenn man es so definierte, wie es die bürgerliche Mittelschicht tat. Alkis stanken, lallten, lagen vor dem Hauptbahnhof oder in der Fußgängerzone und pinkelten sich an. Alkis hatten die Kontrolle verloren, das würde uns doch nie passieren. Wir lebten nach dem Motto »Work hard, play hard«, auf Anspannung folgte Entspannung, und für die sorgten eben Charlie Sheen und Co., klar, wieso auch nicht?

Ich trank in dem mir vorgegebenen Rahmen meiner männlichen Sozialisation. Dieser Rahmen war groß und breit angelegt, da bedurfte es keiner Ausnahmegenehmigungen, weil die Ausnahmen die Regel waren. Den Frühschoppen an Heiligabend verließ keiner nüchtern, egal, wie betrunken wir danach beim Weihnachtsessen saßen (und meistens einfach weiterprosteten, weil das in den Familien zum Heiligabendritual gehörte wie die Gans oder der Karpfen). Spielte Bayern München, tranken wir. Vatertag bedeutete, Papa meldete sich um zehn Uhr vormittags ab und kam sternhagelvoll nach Hause, wenn er denn den Heimweg fand und nicht auswärts nächtigte. Viele unserer Beziehungen hatten im Rausch begonnen, weil wir zu feige gewesen waren, Frauen nüchtern anzusprechen. Musste man dem Alkohol für die ermöglichte Zweisamkeit sogar noch dankbar sein? Oder war das aus heutiger Sicht einfach nur traurig?

Warum wir tranken, mag unterschiedliche persönliche Motivationen und Ursachen gehabt haben, aber dass wir tranken, wenn wir uns trafen, stand für uns nicht zur Disposition. Dabei waren wir uns über eine unausgesprochene Etikette einig: Die Abgrenzung zum Asozialen musste gegeben sein. Wir schlugen uns nicht. Niemand von uns schlief besoffen auf Parkbänken ein. Wir rissen uns zusammen, wenn die Kinder in der Nähe waren. Wachten mal mit einem zerfledderten Döner Kebab im Gesicht auf oder übergaben uns nach einem Exzess auf der Toilette, aber das fanden wir eher lustig. Die Saufanekdoten bliesen wir zu Heldengeschichten auf. Der Basti ist Samstagnacht nach dem Feiern auf dem Heimweg doch tatsächlich betrunken in der S-Bahn eingepennt und stundenlang von Endstation bis Endstation gefahren, crazy. Katertage bewältigten wir routiniert.

Keiner von uns wäre auf die Idee gekommen, dass wir mit der Sauferei etwas kompensierten. Wir hinterfragten unser Trinkverhalten nicht. Schwammen im Strom und stießen mit an, so wie man es von uns erwartete. Das Mutigste, was einer von uns hätte tun können, war, nicht mitzumachen. Sich beim Champions-League-Gucken in der Kneipe für Cola light entscheiden. Die Weihnachtsfeier mit Apfelsaftschorle durchlaufen lassen. Auf dem Oktoberfest Wasser bestellen. Der, der das wagte, hätte sich was anhören müssen. Nichtmittrinken verlangte triftige Gründe. Machte deshalb auch keiner. Aber warum eigentlich nicht? Waren wir solche Klemmis, dass wir ohne Alk nicht abgehen konnten? War ich, waren wir, ohne Promille nicht Mann genug, wir Helden?

»Was war der Schlüsselmoment, der Auslöser, der dich zum Aufhören animiert hat?«, fragten mich später viele meiner Freunde und Bekannten, wenn ich mit einem Wasser bei ihnen am Tisch saß.

»Den gab es nicht«, antwortete ich dann immer. »Ich habe mich einfach nicht mehr wohlgefühlt mit der ständigen Trinkerei.«

Es war tatsächlich nicht der eine böse Rausch, der mich meinen Alkoholkonsum hinterfragen ließ. Nicht der Sturz aufs zersplitternde Weinglas vor den Kindern und Eltern bei der Geburtstagsfeier meiner Tochter. Nicht der Morgen, an dem ich mal wieder in versifften Klamotten auf dem Wohnzimmerboden aufwachte und im ersten Moment nicht wusste, wo ich mich befand. Nicht einer dieser verlorenen Katertage, an denen ich lethargisch vor dem Fernseher lag, gereizt und genervt, für meine Familie keine Hilfe, sondern eine Bürde war. Nicht die WhatsApp-Nachricht von meinem Freund Mario, mit Fotos der vergangenen Nacht, die mich, oberkörperfrei auf einer Bar tanzend, zeigten, ohne dass ich mich daran erinnerte. Auch nicht der verlorene Geldbeutel mit Bargeld und sämtlichen Karten und Ausweisen. Es war vielmehr die Anhäufung negativer Erlebnisse aus dreißig Jahren Trinkerei, das Gefühl, dass mich die Kater und die Schattenseiten meines Alkoholkonsums mittlerweile mehr belasteten, als die Euphorie des Rausches mich erfreute. Ich spürte, das mit mir und dem Alkohol passte grundsätzlich nicht mehr. Wie bei einer Ehe, bei der beide Partner schon viel zu lange verdrängten, dass sie sich auseinandergelebt hatten.

Manche blendeten so eine Entwicklung aus und richteten sich in ihr ein, ich konnte das nicht. Ich musste Schluss machen, weil sich über die Jahre zu viel aufgestaut hatte. Zu häufig gab es Gelegenheiten, zu trinken, und zu oft waren diese Anlässe nicht mehr fröhlich. Zu selbstverständlich war der Alkohol in meinem Leben verfügbar, zu exotisch die Enthaltsamkeit. In mir wuchs die Neugier, die Lust, zu erkunden, was das Leben für mich parat hielt, wenn ich diese Ehe beendete, auch wenn ich mich nicht der Illusion hingab, dass das Aufhören leicht umzusetzen wäre.

Das Trinken hatte sich bei mir und meinen Freunden schon früh mit unserer Persönlichkeit verknüpft. Vieles, wie zum Beispiel der Umgang mit Erwartungshaltungen, Druck, Sex, Enttäuschungen und anderen Gefühlen, koppelte sich unbewusst an Alkohol, der uns als Entspannungshilfe, Ablenkung, Ventil, Enthemmer oder Betäubung diente. Paradoxerweise wurde das mutwillige Beschädigen der eigenen Gesundheit bereits im Teenageralter gesellschaftlich eher akzeptiert als die Abstinenz. Die, die nicht mittranken, waren schon auf dem Gymnasium in der Unterzahl und nicht so cool. Fünfzehnjährige hingegen, die sich im Skilager oder auf Klassenfahrten ins Koma soffen – tolerierte Kollateralschäden einer ganz normalen deutschen Jugend. Nicht erwähnenswert. Kam Sohnemann im Morgengrauen betrunken durch die Haustür gestolpert, war das für viele Eltern kein Grund zur Besorgnis, für manche sogar wichtiger Bestandteil seiner Entwicklung zu einem richtigen Mann. Eine Dynamik, die sich bis ins Erwachsenenalter fortsetzte. Die Räusche und Abstürze wurden nicht hinterfragt, schließlich konsumierten die meisten unserer Eltern auch regelmäßig Alkohol. Wie sollten sie uns glaubwürdig Wasser predigen, wenn sie selbst ständig Bier und Wein tranken? Komisch war nicht der, der sich ruinierte, sondern der, der sich zurückhielt. Nichttrinker galten als spießige Spaßbremsen. Auch wenn es mir schwerfiel, das zuzugeben: Meine Freunde und ich hatten zwei Drittel unserer bisherigen Lebenszeit mit der ständigen Präsenz von Alkohol in unserem Alltag verbracht, länger als mit jeder anderen Beziehung. Was das bei uns physisch und psychisch anrichtete, welche Auswirkungen der konstante Alkoholkonsum auf unsere Gesundheit und unsere Lebenserwartung haben würde, schien weder uns noch unser Umfeld zu besorgen.

Aber warum war der Alkohol selbstverständlicher Teil meiner Jugend, meiner Adoleszenz, meines privaten und beruflichen Lebens, warum war er einfach immer da gewesen? Wie viel Druck kam von außen, von Kollegen und Freunden, von einer Gesellschaft, in der ein gestandenes Mannsbild häufig auch ein standhafter Trinker zu sein hat? Wie viel Druck machte ich mir selbst? Warum fiel es mir leichter, weniger zu trinken, wenn ich in einer Frauenrunde war? Wieso konnte ich an Männerabenden nie Nein sagen? Warum hatte ich mich mit meinem Vater betrunken und mit meiner Mutter nicht? Wann hatte ich begonnen, nicht nur aus Lust, sondern auch aus Frust zu trinken? Was war noch kontrollierbare Routine, was Vorstufe zur Abhängigkeit, was unkontrolliertes Saufen? War ich längst süchtig, auch im medizinischen Sinne, und traute mich nur nicht, mein Verhalten als Sucht zu benennen? Warum hatten meine Freunde und ich alle Feste, die uns wichtig waren, betrunken gefeiert? Wieso war für uns der Bräutigam ein Held, wenn er sich am nächsten Morgen nicht an seine Hochzeitsnacht erinnerte? Konnte ich nüchtern tanzen?

Antworten auf meine Fragen suchte ich anfangs unter anderem in Publikationen von Autorinnen und Autoren, die ich schätzte und die ihre Erfahrungen mit der Volksdroge Alkohol aufgeschrieben hatten. Fand sie aber nur zum Teil in Büchern wie Alk von Simon Borowiak, Nüchtern von Daniel Schreiber oder dem bekannten Essay von Benjamin von Stuckrad-Barre, der ebenfalls Nüchtern betitelt war. Klassiker der neueren deutschen Alkoholliteratur. Brilliant geschrieben, exzellent recherchiert, sehr authentisch, weil vieles davon selbst erlebt. Simon Borowiak hatte sogar sein eigenes »Boro-Schema«1 entwickelt, mit dem er die verschiedenen Trinkertypen kategorisierte. Auf mich traf die Rubrik »Amateure« zu, über die Borowiak schrieb: »Stehen bereits in einem gewissen Trink-Training, trinken also regelmäßig und/oder mehr als nur zur Feier des Tages. Abstinenz ist möglich, wird jedoch als Einschränkung/Diät/Zwangspause wahrgenommen. Der Kauf eines Trink-Kalenders würde sich bereits amortisieren, da regelmäßige Trink-Einträge vorhanden. Körperliche oder seelische Trinkschäden halten sich in Grenzen und werden in Eigenregie auskuriert.«

Einverstanden, aber was bedeutete das für mich? Weitermachen wie bislang und ein bisschen aufpassen? Wie vermied ich, Profi zu werden, wieso war ich Amateur geworden? Was machte der Alkohol mit mir? Warum brauchte ich ihn überhaupt? Und wie ging das: aufhören, wenn man nicht musste, sondern wollte?

Borowiak, Schreiber und von Stuckrad-Barre hatten mit vielen der Autorinnen und Autoren von Büchern und Artikeln über Alkohol gemein, dass ihre Abhängigkeit ihnen keine andere Wahl gelassen hatte, als mit dem Trinken aufzuhören. Hätten sie weitergemacht, wären sie daran zerbrochen. Die Schauspielerin Mimi Fiedler beschrieb in ihrem Buch Trinkerbelle: Mein Leben im Rausch, wie sich ihre kleine Tochter von ihr abgewandt hatte: »Und dort will meine Tochter nicht leben, im Kinderzimmer einer Mutter, die es nicht geschafft hat, das Leben einer mündigen erwachsenen Frau zu führen. Weil sie alles kaputtgemacht hat, mit jedem durchtränkten Tag ihres sich verflüssigenden Lebens ein Stückchen mehr.«2

Die Journalistin Nathalie Stüben erzählte in ihrem Bestseller Ohne Alkohol: Die beste Entscheidung meines Lebens von einer Nacht in New York, in der sie mit zwei Männern geschlafen hatte, weil sie zu betrunken gewesen war, um zu artikulieren, dass sie nur den einen der beiden wollte.3 Auch für Stüben gab es keine andere Alternative, als sich komplett vom Alkohol loszusagen.

Ich las tragische, Mut machende Heldengeschichten, erzählt von Frauen und Männern, die am Boden gelegen, dem Untergang geweiht waren, die sich dann aber nach eigenen Aussagen von ihrer Sucht befreien konnten und heute bessere Leben führten. Ihre Hardcore-Erfahrungen machten es mir leicht, mich von ihnen zu distanzieren, und ersparten mir, mich selbst zu hinterfragen. So wie mir ging es wahrscheinlich vielen ihrer Leserinnen und Leser. Man konnte einen Teil der Probleme nachvollziehen, man gruselte sich ein bisschen, aber so krass wie der Schreiber oder der Stucki hatte man es natürlich nie getrieben, weshalb man weiter mit gutem Gewissen anstoßen durfte.

Die Dramaturgie dieser Geschichten ließ sich einfacher vermitteln als die eines Alltagsalkoholikers wie mir. In meinem Trinkuniversum ging es nicht um Leben und Tod – noch nicht. Alltagsalkoholismus war auch kein Fachbegriff aus der Wissenschaft, sondern meine persönliche Beschreibung für Menschen wie mich, die regelmäßig tranken, aber sich selbst noch einigermaßen glaubhaft versicherten, nicht zu sehr abhängig zu sein. Weil man sich eben an den trinkenden Mainstream anpasste, sich einredete, dass das, was Milliarden Alkoholkonsumenten auf dieser Welt auch taten, doch nicht so gefährlich sein konnte. Stiller Alkoholismus war ein weiterer Begriff, den ich in diesem Zusammenhang passend fand. Man verhielt sich weitestgehend unauffällig, funktionierte, kam klar. Dass Alltags- oder stiller Alkoholismus nicht weniger verheerend und lebensbedrohlich war, sich beim Zerstören einfach mehr Zeit ließ, verdrängte man. Lieber redete man sich weiter ein, dass man sich von den Alkoholikern mit den Rotwein-Tetrapacks auf den Parkbänken, von den Abhängigen, die ihre Chantré-Weinbrand-Fläschchen an der Supermarktkasse aufs Band legten, abgrenzen durfte, denn die hatte es mal wirklich übel erwischt. Genau wie die Stuckrad-Barres, Schreibers oder Borowiaks dieser Welt, die doch ganz andere Probleme hatten als man selbst.

Einige der Totalabstinenzler unter den Autorinnen und Autoren beschrieben in ihren Texten, warum jeder Rückfall für sie lebensbedrohlich sein konnte. Wie sie sich disziplinierten, um sich zu schützen. Welche Dramen sie in Entzugskliniken erlebt hatten. Wie Mitpatienten das Rasierwasser verboten werden musste, weil sie es sonst getrunken hätten, wie Abhängige auf Entzug schwerste Krampfanfälle und Delirien durchlitten, wie der Alkohol Freunde und Freundinnen in den Suizid getrieben hatte. Sie hatten es, wie von Stuckrad-Barre über sich schrieb, mal eine Weile lang übertrieben4 und mussten Pause machen, am besten für immer. Daniel Schreiber hatte bei den Anonymen Alkoholikern Hilfe gefunden.5 Nathalie Stüben bot mit ihrem erfolgreichen YouTube-Kanal »Ohne Alkohol mit Nathalie« Menschen mit Alkoholproblemen ein Forum.6

Vielleicht hatte ja auch ich ein größeres Alkoholproblem, das wusste ich noch nicht, als ich mit diesem Selbstexperiment begann. Ich war kein Psychologe, Suchtexperte oder Mediziner, nur ein mittelalter Mann, der sich nach einer Promillepause sehnte. Vielleicht verklärte ich mein eigenes Trinkverhalten und verleugnete einen Teil der Schwierigkeiten, die es mir und meiner Familie bereitete, aber ich hätte mich und meine Freunde sicher nicht als Profis bezeichnet. Gewohnheitstrinker ja, aber gefährdet? Nein. Wenn wir wollten, dann konnten wir eine Auszeit nehmen. Bewiesen einige von uns, wenn sie im Januar nach dem Weihnachtsgelage mal einen Monat aussetzten. Auf Alkohol verzichten wollten wir nur eher selten. Aber da zeigte sich doch ein klarer Unterschied zu den Alkoholikern, die diese Wahl gar nicht mehr hatten.

Mein Problem schien ein anderes zu sein als das der meisten der Autorinnen und Autoren, die über Alkohol geschrieben und Anleitungen zum Nichttrinken verfasst hatten, und in deren Ratgebern und Erfahrungsberichten ich mich nicht wiederfand. Sie spielten am extremen Rand der Abhängigkeit, nicht in der Mitte. Bei ihnen ging es um Aufhören oder Sterben, Wein oder Wasser, alles oder nichts, und das für immer. Das war nicht das, was ich suchte. Und das ist auch nicht, was ich mit diesem Buch erreichen will. Ich will niemanden zur Abstinenz bekehren oder gar neumodernes Sober Living propagieren. Ich will nicht missionieren, sondern meine Leserinnen und Leser dazu ermutigen, meinen Alkoholismus als den ihren zu akzeptieren und mit mir auf diese Reise zu gehen. Sich so zu hinterfragen, wie ich es tue, eine Inventur zu machen, um am Ende selbstermächtigt zu entscheiden, ob und wie sie in Zukunft trinken wollen.

Bei vielen der prominenten Totalabstinenzlern war es zudem während ihrer Trinkerkarrieren nicht beim Alkohol geblieben. Sie hatten ihn mit Drogen wie Kokain kombiniert, was ihre Abstürze umso verheerender gemacht hatte. Ich brauchte keine Drogen für einen guten Rausch. Sah keine Notwendigkeit für einen Komplettexit. Wandelte nicht an der Schwelle zum Tod. Mir machte das radikale Aufhören genauso Angst wie der extreme Rausch. Es musste doch noch andere Lösungen geben, einen Kompromiss zwischen alkoholisierter Ekstase und Abstinenz, oder war das eine naive Sehnsucht?

Mich trieben diese Gedanken um, ohne dass ich mit meinen Freunden darüber sprach. Ich fand keinen Resonanzraum für meine Fragen und Sorgen, aber fühlte mich immer unwohler mit meiner Trinkroutine. Die Katertage waren anstrengender geworden, sie zogen mich länger runter als früher. Nach manchem Saufgelage fühlte ich mich depressiv und antriebslos. Mich nervten die Fressanfälle, die ich nach den Räuschen hatte, wenn mein Körper nach Leberkässemmel und Currywurst mit scharfer Soße lechzte, nach Spezi, Pizza und Big Mac. Der Blick auf die Kreditkartenabrechnungen nach den wilden Nächten machte die Sache nicht besser. Ich war relativ spät Vater geworden. Je gesünder mein Lebenswandel, umso höher die Chancen, lange am Leben meiner Tochter teilzunehmen. Irgendwann, dessen war ich mir mittlerweile sicher, würde die Rechnung für die Trinkerei kommen, und die konnte ich dann nicht mit der Mastercard bezahlen.

Ich hatte Lust auf einen Neuanfang. Wollte mich den Konventionen entziehen, mal eine Pause machen. Nicht weil ich Angst hatte, in der Entzugsklinik zu enden, oder weil es mir mit den Jungs keinen Spaß mehr machte, sondern weil es sich unfrei anfühlte, wenn man immer irgendwo mittrinken wollte, konnte, sollte, durfte, musste. Vielleicht wäre der ultimative Rausch ja der, gar keinen mehr zu brauchen, dachte ich. Ich nahm mir vor, selbstbestimmter Alkohol zu konsumieren, aber das gelang mir nicht. Fühlte mich allein mit meinen Zweifeln und trank einfach weiter mit, das war bequemer, da musste ich mich nicht erklären.

Bis ich Ende Januar 2023 ein Interview las7, das mein Leben verändern sollte. Manchmal braucht es jemanden, der für einen ausspricht, was man tief in sich spürt, aber nicht artikuliert bekommt. Der einem den Weg ebnet, eine Brücke baut. Für mich war das ein Interview mit dem Regisseur Leander Haußmann im ZEIT-Magazin, das eine Woche vor meinem letzten Abend mit Charlie Sheen erschienen war.

Ich schätzte Leander Haußmann vor allem für seinen Humor, mit dem er in Filmen wie Sonnenallee oder NVA der DDR, in der er geboren und aufgewachsen war, ein Denkmal setzte. Herr Lehmann, die Verfilmung des Buches seines Freundes Sven Regener, in der Christian Ulmen die Hauptrolle spielte, mochte ich besonders. Ich wohnte in Hamburg, als ich den Film zum ersten Mal sah, und ging gerne in die Spelunken auf St. Pauli. Wie Herr Lehmann zu leben, erschien mir nachahmenswert, auch und gerade weil dieser Flaneur sich ebenfalls viel in Kneipen aufhielt, um zu trinken. Vom Privatmann Leander Haußmann wusste ich nichts. Schon gar nicht, dass wir in Bezug auf Alkohol dieselben Sorgen teilten.

Der Redakteur des ZEIT-Magazins sprach mit Haußmann über das Trinken und warum er im Alter von dreiundsechzig Jahren seine Gewohnheiten ändern wollte. Haußmann erklärte, dass er jetzt eine Pause machte, ohne sich komplett vom Alkohol loszusagen. »Mein Ziel ist es nicht, nie wieder zu trinken. Ich will lieber nur noch zu schönen Anlässen trinken«, sagte Haußmann und sprach damit aus, was ich schon so lange fühlte.

Auch ich wollte dem Rausch wieder eine Bedeutung geben, ihn aufwerten und wertschätzen, indem ich ihn zur Rarität, zur Besonderheit in meinem Leben machte. Ich hatte verstanden, dass Alkohol wie ein Verstärker meiner Gefühle und Emotionen wirkte, und mein Wunsch war es, diesen Verstärker in Zukunft ausschließlich zu positiven Anlässen einzusetzen. Ich wollte weder wegen eines Minderwertigkeitskomplexes trinken wie in meiner Jugend, noch um dazuzugehören oder weil ich mich betäuben musste, sondern weil ich glücklich war. Ich wünschte mir, in Zukunft eine Hochzeitsfeier, einen Buchabschluss, eine warme Sommernacht unter Freunden mit einem guten Drink zelebrieren zu können, doch maßvoll trinken war mir bislang nie gelungen. Nicht aus Gewohnheit wollte ich dem Rausch begegnen, und auf keinen Fall, wenn ich traurig war.

»Alkohol war für mich immer ein lebensbejahendes Elixier, deswegen fühlte ich mich auch den anderen Trinkern überlegen, weil mein Trinken ja positiv war«, sagte Haußmann. »Der Entscheidung, aufzuhören, ist kein dramatischer Absturzmoment vorausgegangen. In meinem Leben ist auch nichts zusammengebrochen.« Besser hätte ich meine Gedanken und Gefühle nicht formulieren können. Da wollte ich auch hin – oder es bleiben lassen.

Leander Haußmann zeigte mir eine Perspektive auf. Es gab anscheinend eine Alternative zur Totalabstinenz. Ob sie funktionierte, wussten wir beide nicht. Aber Haußmann hatte schon begonnen, sie auszuprobieren, und sein neues Leben schien ihm zu gefallen. Warum sollte mir das nicht auch gelingen?

»Ich möchte mich ein bisschen von meinem alten Leben erholen«, sagte Haußmann im Interview, und an anderer Stelle: »Außerdem beginne ich gerade ein größeres Projekt: Ich arbeite daran, mich zu ändern. Da gibt es nämlich eine Menge zu tun: freundlicher sein, respektvoller, positiver, zugewandter.« Diese Sätze empfand ich als so treffend, dass ich sie mir am liebsten auf meinen Unterarm hätte tätowieren lassen, auf dass ich mich immer und überall an sie erinnerte. Für mich bestand ein direkter Zusammenhang zwischen weniger zu trinken und ein besserer Mann zu sein. Haußmanns Ziele deckten sich mit meinen, und ich war überzeugt, dass ich sie erreichte, wenn ich das regelmäßige Trinken bleiben ließ.

Mittlerweile stand der vierte Charlie Sheen vor mir auf dem Tresen. Der letzte, danach war Schluss. Ich wollte es nicht ausarten lassen, nur Auf Wiedersehen sagen. Irgendwie war ich mir sicher, dass es dieses Wiedersehen geben würde. Ich wusste nur nicht, wie lange ich es ohne Charlie aushalten würde. Hatte ich noch nie probiert.

Mir machte der Gedanke Angst, mir vielleicht eingestehen zu müssen, dass ich mein Leben ohne die Aus-Taste dieser Abende nicht ertrug. Ich von den Stübens, Schreibers, Borowiaks und Stuckrad-Barres nicht so weit entfernt war, wie ich hoffte. Mir auch keine Alternative zur Totalabstinenz blieb. Aber das war Zukunftsmusik. Jetzt befand ich mich erst mal auf Abschiedstournee. Morgen würde ich mit meinen Freunden in einer Bar auf meinen Geburtstag anstoßen. Ich wünschte mir ein rauschendes Fest, Leinen los, volle Abfahrt, ohne Rücksicht auf Verluste, so wie wir es gerne hatten. Ein Abend, den ich mir ins Regal stellen konnte. An den ich mich in den trockenen Zeiten mit einem Lächeln erinnern würde. So sah er aus, mein Plan.

Danach wollte ich eine Runde aussetzen. Ein Jahr lang ausprobieren, wie sich das Leben ohne Alkohol anfühlte, mit einem Joker für die besonderen Anlässe. Nicht zu radikal abstinent leben, eher Leander Haußmann nacheifern. Testen, ob ich alles unter Kontrolle hatte. Herausfinden, was mit mir und meinen Freunden passierte, wenn ich nüchtern blieb. Ich war neugierig darauf, wie sich mein Körper und meine Seele ohne Alkohol entwickelten. Wie viel von mir übrig blieb. Und wer mir stattdessen begegnen würde. 

Kapitel 2Letzte Runde

Am Vormittag meines vierundvierzigsten Geburtstags fuhr ich von München an den Tegernsee und setzte mich um kurz vor zwölf Uhr mittags an einen der wenigen freien Tische im Bräustüberl, dem beliebten holzvertäfelten Wirtshaus des Herzoglich Bayerischen Brauhauses Tegernsee. Die Charlie Sheens vom Vorabend hatten keine Spuren hinterlassen.

Ich freute mich auf ein schönes kaltes Helles, wie man in Bayern einen halben Liter Lagerbier nannte. Die Trachtler am Stammtisch nebenan schienen schon etwas länger Durst zu haben, jedenfalls war ihre Laune prächtig. Einer sagte etwas, was ich nicht verstand, die anderen lachten, dann prosteten sie sich zu, stießen mit ihren Krügen an, diese klirrten zum Zeichen der Zustimmung und Einigkeit, und dann sagte wieder einer etwas, und das Spiel ging von vorne los, es schien einfach ständig irgendeinen Grund zu geben, der das Prosten und Trinken notwendig machte. Die Kellnerinnen trugen Dirndl und brachten das erste Helle, bevor sie die Speisekarte reichten.

Ich hatte die Zeit im Bräustüberl am Tegernsee über die Jahre immer genossen. Auch hier konnte ich wunderbar alleine trinken. Ich war nach einer Bootsfahrt über den Tegernsee oder einer Wanderung auf den Wallberg im Bräustüberl eingekehrt, verschwitzt und glücklich. Hatte im Sommer im Biergarten gesessen, mit Blick auf das Wasser, die Schiffe und die Berge. Dies war ein würdiger Ort für mein letztes Bier.

Ich leerte mit dem ersten Zug den halben Krug und amüsierte mich über diesen Bajuwarenkitsch um mich herum. Trinkerkathedralen wie das Bräustüberl machten für mich nur Sinn, wenn ich dort Alkohol konsumierte. Ich musste mir eingestehen, dass ich diese Orte in den letzten Jahren immer häufiger aufgesucht hatte. Ich ging gerne in die griechischen Lokale in München, ins Paros oder Kalypso, weil da schon vor dem Hauptgang der erste Ouzo aufs Haus gereicht wurde. Ein scharfes Panang-Curry beim Thailänder in Schwabing musste natürlich von eiskalten Zischbieren begleitet werden. Mein gastronomisches Lieblingsdomizil, das Schumann’s am Odeonsplatz, war kein Restaurant, sondern eine Bar, hier zeigte sich meine Priorisierung auf den alkoholischen Teil der Abendessen am offensichtlichsten. Von Wirtshäusern gar nicht zu sprechen. Ohne Helles brauchte ich kein Bräustüberl, deswegen hatte ich in den kurzen Alkoholpausen der letzten Jahre Wirtshäuser auch gemieden. Was sollte ich hier mit stillem Wasser? Auf die bayerische Folklore mit Lederhose, Janker und Dirndl konnte ich gut verzichten. Schweinshaxe und Grillhendl schmeckten mir nur, weil sie die perfekten Begleiter des Bieres waren, sie meinen Rausch mit etwas Deftigem, Salzigem ausbalancierten. Angenehmerweise fiel man im Bräustüberl an einem Mittwochmittag beim gemütlichen Warmtrinken nicht auf, da die anderen Gäste das gleiche Ziel verfolgten.