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Es geht auch andersrum! Um seiner Frau bei ihrer Karriere in einem DAX-Konzern den Rücken frei zu halten, schlüpft der ehemalige ARD-Reporter, WDR-Redakteur und Grimme-Preisträger Matthias Veit nach der Geburt der gemeinsamen Tochter in die klassische "Mutterrolle". Ein geregelter Job in Teilzeit macht es möglich. So taucht der Rheinländer (geboren in Köln, freiwillig wohnhaft in Düsseldorf) ein in die Welt der Kitas, Kinderkrankheiten und Erziehungskämpfe, während die Ehefrau selbst nach Feierabend noch Controllerin bleibt und als Familien-Aufsichtsrat und Head-of-Household den Soll-Ist-Vergleich von Wäscheberg und Kindergeburtstagsvorbereitung abfragt - "Ja, Schatz, wird sofort erledigt!" Voll Witz und Selbstironie erzählt Matthias Veit von den Herausforderungen und Glücksmomenten einer umgedrehten Familienwelt. Als aktiver Vater genießt er es, sein Kind Tag für Tag beim Großwerden hautnah zu erleben, auch wenn nicht immer klar ist, wer da wem die Welt erklärt. In seinen diversen Rollen als Hausmann, Erzieher, Entertainer, Höhlenbauer, Spielgefährte und Chauffeur blüht Veit förmlich auf. Auf dem Spielplatz ist er sowieso Hahn im Korb, was den Vater allerdings auch irritiert: Gleichberechtigung, war da was? Wo stecken denn die ganzen anderen Männer? Die helikoptern offenbar lieber um ihren Chef statt um den Nachwuchs und sammeln Bonusmeilen statt Schnuller und Spängchen. Ein humorvoller, ehrlicher Erfahrungsbericht über neu verteilte Rollen und die ewige Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
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Seitenzahl: 210
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Matthias Veit
Ein Mann steht seine Frau
Papa macht Teilzeit, Mama Karriere und das Kind, was es will!
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Einleitung
Ich bin dann mal Papa!
Deutschland sucht die Super-Eltern – Was die Hebamme uns beim Casting mit auf den Weg gab
Steht das Einverdiener-Modell vor einer Renaissance?
Berechtigt ja, aber gleich? Elternzeit-Modelle und was die Väter davon halten
How we want your mother: Wer entscheidet eigentlich, was eine gute Mutter ausmacht?
Meine acht Wochen Elternzeit und was meine Frau daraus gemacht hat
Und wer holt jetzt immer das Kind aus der Kita? Papa wechselt mal eben den Beruf
Neuer Job, neue Freiheiten, neues Lebensgefühl – doch dann…
Wann ist ein Mann ein Mann? Reaktionen auf unsere neue Arbeitsteilung
Morgens Düsseldorf, mittags Berlin: Das Haar hält, die Beziehung auch. Teilzeit-Fernbeziehung mit Kind
Karriere ja, aber nicht um jeden Preis: Diesmal wagt „Mama“ den Job-Neustart
Papa ist zwei Wochen lang alleinerziehend – Ob das gut geht?
Teamarbeit Kinderbetreuung: Papas Zwischenfazit
Echte Kerle unter der Brainwash-Dusche – Über den kläglichen Versuch, nicht so zu werden, wie deine Frau dich haben will
Hausmann, Papa, Spielgefährte – Ein typischer Tag mit Kind
Can You Business English? Internationale Konferenzen im Wohnzimmer
Helikopter-Papas, Part I: Immer locker bleiben wollen? Ganz schön verkrampft…
Papa, du siehst so anders aus als ich! Schockmomente im Bad
„Kommst du in mein Team?“ – Kinder und ihre Phantasiewelt
Conni und die heile Welt (die irgendwann zusammenfällt!)
Helikopter-Papas, Part II: Die Vierjährige, die vom Gerüst kletterte und verschwand
Hahn im Korb auf jedem Spielplatz oder wie meine Frau sagen würde: „Mein Mann, der Latte-Macchiato-Papa!“
Warum die Arbeitswelt ein Update braucht – und was sonst noch gehörig schief läuft
„Sie werden mir doch nicht schwanger werden!“ - Frauen im „Risikoalter“
Die Mann-Frau-Frage: Wer kehrt wann in welchem Umfang wieder in den Job zurück? Kinderbetreuung heute
„Sie als Mann sehen Ihr Kind auch in der Woche? Zeit für ein kurzes Interview?“
Genug verpasst – Über die Väter von gestern und heute. Und die Sehnsucht nach mehr Zeit für die Familie
Spaß trotz Ehe – Diese akuten Tipps und Tricks helfen bei gereizter Stimmung
Der lustige Hase Wackelzahn – und wie man ein Kind sonst noch bei Laune hält
Die Bedeutung von Apfel-Pommes für eine emotionale Vater-Kind-Bindung
Väter mit der Lizenz zum Unfug oder: Warum es Spaß macht, mit zwei Prinzessinnen durch die Stadt zu tanzen und das die Atemwege befreit
Kuli-Kunst und kreatives Chaos – Vom Versuch, als Vater Autorität zu versprühen und dem süßen Kulleraugenkind endlich mal Disziplin beizubringen
Glückshormone beim Wäschefalten und warum das Leben noch mehr Spaß macht, wenn das Kind erstmal drei ist
„Eure Tochter ist ja richtig begabt!“ Papa und seine selbst gemalten Kinderkunst-Plagiate
„Aber wehe, es regnet…“ - Was das Wetter mit den Kita-Erzieherinnen macht und warum so wenige Hasen ohne Ohren in deutschen Kitas arbeiten wollen
Festhaltest Du mich? Wie sich Kinder ihrer Muttersprache nähern
Jetzt bin ich schon vier!“ - Kinder und zeitgemäße Geburtstagspartys
Was die Zeit mit Kind so besonders macht
Zu guter Letzt - Mein ganz persönliches Fazit nach sieben Jahren Ehe und vier Jahren Vaterschaft
Bonus-Track und Outtakes
Danke
Impressum neobooks
Ein Mann steht seine Frau!
Papa macht Teilzeit, Mama Karriere und das Kind, was es will.
Matthias Veit
Impressum
Texte: © Copyright by Matthias VeitUmschlag: © Copyright by Ulrike VeitVerlag: Matthias Veit , Fleher Str.21 40223 Düsseldorf
www.ein-mann-steht-seine-frau.de
Druck: epubli, ein Service der
neopubli GmbH, Berlin
Printed in Germany
Eine Nacht im September 2013 ändert schlagartig mein Leben. Es ist die Nacht, in der unsere Tochter zur Welt kommt. Plötzlich hältst du ein kleines, verletzliches Menschlein im Arm und weißt sofort: Nie wird es etwas Wichtigeres in deinem Leben geben als dieses kleine Wesen und sein Wohlbefinden. Ob du es diesen Monat nochmal zum Sport schaffst und wann die Kölner endlich diese Rheinuferstraße untertunneln, das wird dir bis auf weiteres völlig egal sein. Plötzlich ist da ein Kind und das ist wirklich ein großes Glück, aber auch eine Riesenaufgabe. Werde ich ein guter Vater sein? Was muss ich tun, damit es dem Würmchen gut geht? Wie bekommen wir die Jobs und das neue Familienleben unter einen Hut? Diesen Fragen will ich nachgehen, aber auch von meinem Glück erzählen, dem Hamsterrad entkommen zu sein und das Leben mit den Augen eines Kindes neu entdecken zu dürfen statt es in vier bis fünf Konferenzen am Tag zu verschwenden.
Immer wieder wurde ich in den letzten Jahren auf meine aktive Vaterschaft angesprochen – von Freunden und Bekannten, aber auch von Journalisten und sogar einer Agentur im Auftrag des NRW-Familienministeriums. Auf diese Weise wurde mir klar, dass es bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf noch nicht weit her ist mit der Gleichberechtigung. Ein Vater, der im Job kürzer tritt, damit das Kind nicht zu kurz kommt, macht Schlagzeilen und bekommt Interview-Anfragen, ernsthaft? Sollte doch das Normalste von der Welt inzwischen sein. Ist es aber offenbar (noch) nicht. Und genau diese Erkenntnis hat mich dazu veranlasst, ein Buch zu diesem Thema zu schreiben. Vier Jahre lang habe ich unser Zusammenleben mit Kind dokumentiert, Tagebuch geführt, Gedanken festgehalten und andere Väter befragt, wie sie ihr Arbeits- und Familienleben organisieren und wo sie dabei an Grenzen kommen.
Herausgekommen ist dabei ein Buch über aktive Vaterschaft und deren positive Nebenwirkungen. Ich möchte damit Väter (und solche, die es noch werden) dazu ermuntern und ermutigen, ihren Kindern mehr Zeit zu schenken und so intensiver an ihrem Leben und Aufwachsen teilhaben zu können. Die Zeit lässt sich schließlich nicht zurück drehen! Das weiß ja auch eigentlich jeder. Und dennoch: Gehe ich in der Woche mit unserer Tochter nachmittags auf den Spielplatz, bin ich oft der einzige Mann, um mich herum nur Frauen. Gut, es gibt schlimmeres, natürlich, aber im Ernst: Wo sind die ganzen anderen Männer? Bin ich hier fehl am Platz, handle ich gegen die Natur? Aber hatten wir nicht vor, das heutzutage partnerschaftlich zu regeln? Warum reduzieren nicht mehr Männer ihre Arbeitszeit, wieso bleibt das weiterhin überwiegend an den Frauen hängen?
Natürlich will ich nicht allen Männern, die sich mit aller Kraft der Karriere widmen, pauschal einen Vorwurf machen. Auch ich wäre schließlich, wenn sich manches anders ergeben hätte, jetzt mit hoher Wahrscheinlichkeit immer noch in der „Mühle“ und würde freie Zeit mit Kind als puren Luxus empfinden, den man sich leisten können muss. Und meine Frau hätte – aus Rücksicht auf mich und unser Kind eher einen Teilzeit-Job. Eines würde sie mit hoher Wahrscheinlichkeit jedenfalls nicht machen: Karriere. Und so läuft das millionenfach in Deutschland: Frauen finden aus der Teilzeit-Falle nicht mehr heraus oder schaffen es gar nicht mehr zurück in den Job – die Männer strampeln derweil im Vollzeit-Hamsterrad um die Wette und halten es für eine Karriereleiter.
Erst durch das Kind ist mir bewusst geworden, dass ich das alles so nicht mehr will. Erst durch das Kind ist mir klar geworden, wie kostbar unsere Zeit ist. Wie wenig selbstbestimmt ich war. Berufstätigen Paaren, die vielleicht ein Kind erwarten oder sich zumindest schon einmal mit dem Gedanken beschäftigen, möchte ich davon erzählen, wie sich unser Leben durch die Tochter in den letzten vier Jahren verändert hat, wie es dazu kam, dass wir jetzt in neuen, ungewohnten Rollen beide aufblühen und welche Hindernisse wir auf dem Weg dorthin erst einmal Schritt für Schritt beseitigen mussten. Meine Stoßrichtung ist dabei nicht, Männer von ihrem Erfolg im Beruf abzuhalten. Mich treibt vielmehr die Frage um, warum die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch heute noch als ein Thema aus dem Bereich der Frauenpolitik wahrgenommen wird. Warum es immer noch primär die Mütter sind, die kürzer treten und ihrem Kind die Zeit schenken, die es verdient hat, um sich geborgen zu fühlen und sich mit der Welt vertraut zu machen. Warum in den letzten Jahren zwar viele Betreuungs- und Arbeitsmodelle diskutiert wurden, dabei aber kaum Druck entstanden ist auf uns Männer. Wenn Väter sich mit einbringen, im Job Rücksicht auf die Familie nehmen, zu Kompromissen bereit sind, sich für die besser dotierte Stelle, bei der auch Wochenenddienste anfallen, bewusst nicht bewerben, dann fällt das noch immer in die Rubrik „Löbliche Ausnahme“. Tritt die Mutter kürzer, gilt das hingegen nach wie vor als Selbstverständlichkeit. Der Mann, der alles gibt im Job, ist ein Erfolgsmensch. Macht die Frau es genauso, ist sie: eine egoistische Rabenmutter.
Ich will nicht verschweigen, dass sich inzwischen mehr Väter aktiv einbringen und zumindest mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen WOLLEN. Und darum geht es mir: Es wird wirklich Zeit, dass sie es auch KÖNNEN. Viele Väter fragen sich doch längst, warum sie auf so viel „Quality Time“ mit Kind verzichten und für wen sie sich im Job da eigentlich so krumm machen. Das materielle Wohl der Familie ist sicherlich ein wichtiger Aspekt. Aber vielleicht hat Papa neben Geld und Sachleistungen ja auch noch ein wenig Extrazeit im Gepäck für sich und seine Liebsten? Vielleicht ermuntert er seine Frau, beruflich wieder einzusteigen und aufzusteigen, verschafft ihr Freiräume, opfert Zeit, die er sonst in den Job investieren würde? Vielleicht spricht er seinen Chef beim nächsten Perspektivgespräch mal nicht nur auf die versprochene Gehaltserhöhung und das ausstehende Dienstwagen-Upgrade an, sondern erkundigt sich auch mal nach flexibleren Arbeitszeiten und Home-Office-Tagen? Damit auch der Papa die Kita mal von innen sieht? Menschenskinder, es wäre ein Anfang.
„So, in wenigen Sekunden wird Ihr Baby nun seinen ersten Schrei tätigen und dann dürfen Sie auch endlich gucken, Herr Veit.“ Doch was war? Nichts. Stille. Die Sekunden wollten gar nicht vergehen, klebten wie Kaugummi aneinander. Aber dann...nein, doch nichts…immer noch Stille. Hallo, war da was nicht in Ordnung? Wann wird denn jetzt endlich geschrien? Mir wurde Geschrei versprochen! Es wird doch hoffentlich alles in bester Ord...- „Uäääähhh!“ Na endlich, meine Nerven! Ein wunderbarer, kräftiger, vor Lebenslust strotzender Babyschrei erlöste mich von einer kaum zu beschreibenden Anspannung. Sie lebt, unsere Tochter lebt! Dieses wundervolle Kind hat sich soeben mit einem kräftigen Hallo seinen festen Platz in der Welt und in meinem Herzen erschrien. In Zukunft würde ich mich zwar deutlich weniger über solches Geschrei freuen, aber das ist natürlich ein anderes Thema.
Jetzt war ich erst einmal sprachlos, beseelt und vom Glück berauscht. Auch meine Frau war berauscht, aber eher von den verabreichten Schmerzmitteln. Sie bekam unser Kind nur kurz gereicht, aber für einen kleinen Moment konnten sich Mutter und Tochter schon einmal beschnuppern. Dann war ich auch schon an der Reihe und bekam das kleine Knäuel in die Hand gedrückt. Ich sah unserer Tochter, die noch keinen Namen hatte, also das erste Mal in die Augen. Und konnte nun auch diesen Gedanken von vorhin zu Ende denken: Ja, alles war in bester Ordnung. Und ich hin und weg. Unser Kind, unser Fleisch und Blut. Was für ein Geschenk, was für ein Anblick!
Der völlig erschöpfte Vater kurz nach der Entbindung
Während ich versuchte, dieses einmalige Erlebnis, diesen unwiederholbaren Moment des Erstkontakts von Vater und Tochter und meine Begeisterung für dieses schönste Geschöpf der Welt emotional und rational zu verarbeiten, nahm mir ein äußerst junger, aber sehr sicher und kompetent wirkender Arzt mein verschmiertes Käseknäuel behutsam wieder ab, um sofort diverse Schnelltests durchzuführen. Kniereflexe, Lungenfunktion, Herzfrequenz - der smarte Jungmediziner klopfte, tastete, guckte, horchte und schenkte mir schließlich die Andeutung eines Lächelns: „Ich bin ganz zufrieden, Herr Veit.“ Wie bitte, ganz zufrieden? Hat er gerade „zufrieden“ gesagt? Hallo? Unser Kind ist doch in einem 1a-Zustand! Warum es trotzdem nur für eine gefühlte Drei plus reichte, frage ich mich noch heute. Eltern können sehr empfindlich sein, wenn es um die Benotung ihrer geliebten Brut geht. Jetzt durfte ich jedenfalls in einem Zimmer Platz nehmen, in das in Kürze auch meine Frau reingerollt werden würde, um nach dem Kaiserschnitt in Ruhe zu sich zu kommen. Ich wurde gebeten, meinen Oberkörper frei zu machen, um gleich mit dem Kind zu „bonden“. Man muss sich ja gegenseitig gut riechen können. Ist ja nicht immer unter Verwandten der Fall, dass sich da alle gut…Aber meine Tochter und ich, wir kamen klar, das stand mal fest. Es war ein wunderbarer, intimer und stiller Moment. Dann endlich wurde meine persönliche Heldin hereingefahren, wenn auch noch reichlich benommen. Langsam richtete ich mich auf, bewegte mich mit unserem sanft schlummernden Töchterchen auf meine erschöpfte Frau zu und legte die Kleine vorsichtig auf ihrer Mama ab. Unser erster Moment zu dritt, als Familie.
In den folgenden fünf Tagen fühlten wir uns wie im Hotel, wobei ich den leichteren Part hatte: Essen, schlafen, schmusen und mich an diesem süßen, süchtig machenden Baby-Duft berauschen. Bei meiner Frau war das Programm ähnlich, nur dass sie täglich zu sportlichen Verrenkungen gezwungen wurde, eine schmerzhafte, medizinisch aber angeblich notwendige Ertüchtigungsmaßnahme. Dabei hatten die Ärzte sie doch gerade erst wieder zugenäht! Zum Glück gab es für sie eine Großpackung Schmerzmittel. Wenigstens das - hatte der Wolf aus „Rotkäppchen“ nicht. Aber das waren ja auch ganz andere Zeiten damals!
Dann kam der Tag der fristlosen Entlassung. Wie so viele Familien schon zuvor, schrieben auch wir dem Team auf der Station ein paar nette Zeilen und hinterließen eine mittelgroße LKW-Ladung Pralinenschachteln für alle. Wir waren einfach unendlich dankbar für die Herzlichkeit und das Engagement dieser Leute, für die das, was wir als die aufregendsten Tage unseres Lebens bezeichnen könnten, ja ganz normaler beruflicher Alltag ist. Sofern man in einem Kreißsaal, in dem Frauen auf- und zugenäht werden, von Routine sprechen kann.
Nach fünf Tagen Vollpension und Rundum-Betreuung im Krankenhaus lernte unsere gebürtige Kölnerin auch schon ihre zukünftige Heimat kennen - Düsseldorf! Gut, dass sie noch so klein ist und den Ernst ihrer Lage noch gar nicht einzuschätzen weiß, dachte ich damals. Immerhin war in unserer Wohnung alles vorbereitet für die neue Mitbewohnerin. Berge von Babywindeln warteten schon ungeduldig auf ihren Einsatz, Laken und Leibchen, Söckchen und Salben, Käppchen und Schläppchen - wir waren "chen-technisch" bestens ausgestattet. Träumchen! Highlight bei den Vorbereitungen war der Aufbau unseres extraschmalen Wickeltischs. Da mutierte ich trotz angeborener und mir selbst antrainierter Unfähigkeit zum ambitionierten Handwerker. Ein bisschen wacklig war das Ding am Ende schon, als es dann endlich stand, aber mit Emmas Körpergewicht von vier Kilo würde es wohl vorerst klar kommen. Für ein breiteres und stabileres Modell hatten wir in unserer eigentlich sehr geräumigen Wohnung einfach keinen Platz und das waren wir selbst schuld. Als wir damals den folgenreichen Entschluss fassten, aus der heimelig-urigen Millionenstadt Köln in die halb so große Weltstadt Düsseldorf zu ziehen, da wollten wir einfach nur noch, dass es schnell und schmerzlos geht. Und der Vermieter dieser eigentlich doch recht üppig dimensionierten Wohnung in Düsseldorf war der einzige, der sich auf unser Inserat in der Rheinischen Post überhaupt gemeldet hatte! Deshalb hatten wir zugeschlagen und das ohne uns Gedanken darüber zu machen, ob das jetzt die ideale Wohnung für ein Paar mit Kind sein würde. Wir hatten ja auch noch keins und daher keine Erfahrungswerte! Als Paar mit Kinderwunsch hätte man natürlich mal darüber nachdenken können, wie eine geeignete Wohnung für Drei aussehen könnte. Vielleicht wäre ein Kinderzimmer nicht schlecht gewesen? Aber so vorausschauend waren wir damals nicht - der Wunsch, nicht länger auf der A57 zu altern, war einfach zu groß und für rationale Erwägungen offenbar kein Platz.
Bei der ergatterten Wohnung handelte es sich wirklich um die unpraktischste Form aller Behausungen, die es gibt, quasi um das Sportcoupé im Wohnungsbau – eine sogenannte Maisonette. Wir hatten also eine sich auf zwei Etagen erstreckende Wohnung mit einem riesigen, teuer zu bezahlenden Dachgeschoss, wo sich niemand aufhielt und das eigentlich nur einem Nutzen zugeführt wurde: der Aufbewahrung nie ausgepackter Umzugskartons mit Zeug, das niemand vermisste. Und dann stand da oben noch ein Bett, in dem keiner schlief. Und ein Schreibtisch, an dem niemand arbeitete. Wir wohnten und lebten also primär in dem unteren der beiden Stockwerke. Und da ging es dann doch recht beengt zu. Kleines Zwischenfazit zum Thema Kinder: Wer sich für mindestens eines qualifizieren möchte, muss drei Voraussetzungen mitbringen: Geld für die Grundausstattung und kindergerechten Wohnraum, jede Menge Spaß an der Improvisation und die Bereitschaft zu Kompromissen – auch an Feiertagen und Wochenenden.
Die ersten Tage mit Emma waren jedenfalls furchtbar aufregend, denn nahezu alles musste jetzt zum ersten Mal bewerkstelligt werden. Die Zeit des Übens, der Theorie und der Baby-Pflegekurse mit Ole, der Testpuppe (bei der nichts schief gehen konnte, weil sie aus Plastik war) war vorbei. Und wie das so ist bei allem, was man das erste Mal macht - wir hatten zuweilen ein etwas mulmiges Gefühl und zudem kein Handbuch. Also, wir hatten schon Literatur, aber nur für Kinder im Allgemeinen, nicht für unser Modell. Umso besser, dass diese wirklich sehr patente Hebamme die ersten Tage so oft vorbeikam und nach dem Rechten schaute. Vor allem gab es dadurch kaum Streit zwischen mir und meiner Frau – zumindest schon mal nicht bei all jenen Themen, wo die Hebamme uns – quasi als neutrale Stelle – Ratschläge gab. Emmas erstes Schaumbad fand daher unter kompetenter Anleitung und fachlicher Aufsicht statt - was für eine Erleichterung!
Die Hebamme erklärte immer wieder, dass es darum gehe, dass „Kind ins Leben zu führen“. Sie versprühte jede Menge Zuversicht, dass wir den Job schon gut machen würden und es der Tochter bei uns ohne Zweifel blendend ergehen werde: "Das hier mit Ihnen ist wirklich ein Kinderparadies verglichen mit dem, was ich aus anderen Haushalten gewohnt bin!". Das ging natürlich runter wie Öl, warf aber Fragen auf. An Neugier mangelte es uns ohnehin nicht, man will ja wissen, wo man als Eltern so steht. Was die Hebamme daraufhin zu berichten hatte, war allerdings absolut bestürzend: Aschenbecher auf der Wickelkommode, Schnapsflaschen neben der Kinderwiege, Eltern, die sich vom Kindergeld Computerspiele kaufen oder im Kinderzimmer rauchen. Und dann dieser Vater von zweieiigen Zwillingen, der seine Frau angewiesen hatte, dem Mädchen gefälligst weniger Muttermilch zu geben als dem deutlich wichtigeren Sohnemann - einfach unfassbar! In den besonders krassen Fällen würde sie aber auch mit dem Jugendamt zusammenarbeiten, versuchte die Hebamme uns zu beruhigen. Schockiert waren wir trotzdem.
Nach ein paar Wochen kam so langsam Routine in den Alltag als Familie. Meine Frau würde ein Jahr lang zuhause bleiben, hatte also keinen Stress durch etwaige Gedanken an eine baldige Rückkehr an ihren Arbeitsplatz. Das brachte schon mal eine gewisse Ruhe rein. Schlimm war hauptsächlich dieser eklatante Schlafmangel durch die permanenten Fütterungszeiten. Acht Stunden lang am Stück schlafen und genauso lange nichts essen, das kann so ein kleines Menschlein mit Mini-Magen schließlich noch nicht, auch wenn man es speziell den Müttern von Herzen gönnen würde. Nachts war ich bei alledem nicht immer eine große Hilfe. Da hab ich mich so manches Mal im Bett umgedreht und eine Tiefschlafphase vorgespielt. Jetzt, wo das Kind durchschläft, kann ich es ja zugeben! Manchmal hab ich auch schon tags drauf ein umfassendes Geständnis abgelegt und meiner Liebsten zugeflüstert: „Schatz, mein Über-Ich wollte Dir heut Nacht ja helfen, aber weißt du, mein Es wollte…“ – „Halt die Klappe, dein Es kann mich mal!“ Da hab ich also manchmal ein eher schwaches Bild abgegeben und das hat mir auch einige Punktabzüge in der von meiner Frau geführten „Was bisher nicht so toll zwischen uns lief“-Kartei eingebracht. Steht direkt unter diesem anderen Negativ-Eintrag: „Kam erst einen Tag nach seinem angeblich spontanen Hochzeitsantrag mit dem blöden Ring um die Ecke!“
Für tagsüber hatte ich (wie Millionen anderer Männer auch) jedenfalls eine prima Ausrede, um mich beim Thema Kindergrundversorgung auszuklinken: den Job. Für die diversen Hilfsarbeiten und Botengänge musste meine Frau also andere liebe Mitmenschen einspannen. Abends stand ich dann wieder bereit und konnte mich nützlich machen: abgepumpte Milch im Fläschchen verabreichen, Baby wickeln, Wohnung aufräumen, Windeln entsorgen, Heilwolle kaufen, Pakete bei den Nachbarn einsammeln und so weiter. Die wenige Zeit, die mir damals zur Verfügung stand, um das Töchterchen näher kennen zu lernen, es im wahrsten Sinne des Wortes an mich ran zu lassen, habe ich sehr genossen. Als vertrauensbildendes Hilfsmittel kam dabei ein buntes Wickeltuch zum Einsatz, das auf verschiedenste Weisen angelegt und genutzt werden kann. Wie genau, das haben wir natürlich auch bei der Hebamme gelernt.
Ein süß duftendes, wenige Wochen altes Baby "am Wickel" zu haben und mit sich herum zu schleppen, ist ganz wunderbar. Das Knäuel ist wach und schaut dich an – du strahlst! Es schläft satt und zufrieden – du strahlst! Es atmet regelmäßig und chillt vor sich hin – du strahlst! Das Ganze sorgt wirklich für Tiefenentspannung. Einfach mal zu einem Neugeborenen-Verleih um die Ecke fahren und den Mietpreis erfragen, es lohnt sich! Oder eben selbst eins machen, das geht natürlich auch. Sogar unnatürlich geht inzwischen, aber das wäre nochmal ein ganz eigenes Thema.
Auch am 22. September 2013 hatte ich meine Wickelmontur mal wieder an. Da bin ich dann früh morgens mit dem wenige Tage alten Töchterchen in ein vor sich hin marodierendes Schulgebäude bei uns um die Ecke und habe mit schlafendem Kind vor der Brust meinen Wahlzettel ausgefüllt. Die Tochter hat ihre erste Bundestagswahl also komplett verpennt. 2017 waren wir übrigens wieder gemeinsam wählen. Am Wickel hatte ich die Tochter da zwar nicht mehr - das hätte sehr merkwürdig ausgesehen - dafür aber am Händchen. Aber auch mit vier hat sie natürlich nicht wirklich verstanden, was sie (zu jung) und ich (zu alt) in dieser Schule verloren hatten. Ich glaube aber, dass sie mitbekommen hat, dass man da bei einer wichtigen Sache mitmachen und mitbestimmen darf und deswegen sein Kreuz „bei den Guten“ machen muss, damit alle Bösen krachend an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern. Falls der Bundestag auch in Zukunft alle vier Jahre gewählt wird und wir unseren Planeten bis dahin nicht zerstört haben, darf die Tochter im Jahre 2033 das erste Mal selbst ihre Stimme abgeben. Wir haben also noch ein bisschen Zeit, ein demokratisch gesinntes Wesen aus ihr zu machen, das seiner Bürgerpflicht nachkommt und wählen geht statt nur über "die da oben" zu jammern, was zum Beispiel die Familienpolitik angeht.
An das erste Jahr mit Kind denkt meine Frau, die ihren Job sehr gerne macht und auch nicht missen wollte, sehr gerne zurück. Sie kommt dann richtig ins Schwärmen: „Weißt du noch, wie viel Zeit ich damals hatte? Wie ich ein ganzes Jahr zuhause war und nicht arbeiten musste? Wie es jeden Tag was Frisches zu essen gab bei uns und die Bude immer blank geputzt war?“ Ja, weiß ich noch – und natürlich habe auch ich diese Zeit genossen. Ein Jahr lang lebten wir nach dem klassischen Modell à la CSU: Papa geht arbeiten, die Frau kümmert sich um den Haushalt und das Kindeswohl und streicht die Herdprämie ein. Wer geht in welchem Umfang nach der Geburt des Kindes wieder arbeiten? Hier standen die Männer im Vergleich zu den Frauen bisher deutlich weniger im Fokus. Dass der Mann wieder bzw. weiter Vollzeit arbeiten geht, Kind hin oder her, das versteht sich doch bitte von selbst, das gilt vielerorts als ausgemacht. Seine Rolle als Haupternährer wird er so schnell eben nicht los. Das hat aber nicht nur mit gewissen Wertvorstellungen zu tun, sondern auch mit den Realitäten am Arbeitsmarkt, den Befristungen, den Unsicherheiten, dem Leistungsdruck. Die Spiegel-Autoren Markus Dettmer und Cornelia Schmergal bezeichnen dies in einem sehr lesenswerter Artikel („Männer, die von Teilzeit träumen“) als „Vollzeitfalle“, aus der Männer typischerweise nicht herausfänden.
Für die Frau hingegen existiert ein Optionsmodell – sie soll es sich idealerweise aussuchen können. Sie soll arbeiten gehen dürfen, aber doch bitte nicht müssen. Oft ist es dann ein Kompromiss, bei dem der Begriff „Goldene Mitte“ nicht immer angebracht ist. Teilzeit kann eine tolle Sache sein, aber wenn sie für Frauen zur Job-Sackgasse, zur Teilzeit-Falle wird, dann ist sie eben auch risikobehaftet. Dieses Risiko kann man auch nicht gänzlich abschaffen – aber man könnte es gerechter verteilen: Wenn wir die volle Gleichstellung von Mann und Frau hätten, müsste es eigentlich normal sein, einem Mann die Frage zu stellen: „Kehrst du denn jetzt trotz der Kinder wieder in deinen Beruf zurück?“ Und falls ja: „Gehst du denn jetzt wieder auf Vollzeit?“ Doch welcher Mann bekommt solche Fragen? Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf – gefühlt noch immer ein Problem der Frauen.
Aber bevor es jetzt allzu pathetisch und wohlfeil wird: Wieviel Gleichberechtigung hab ich denn selbst bisher verinnerlicht? Komplett zuhause zu bleiben, käme mir das persönlich nicht sehr merkwürdig vor? Doch, das täte es. Nichts mehr zum Haushaltseinkommen beitragen – und das als Mann? So emanzipiert bin ich dann doch nicht. Meine Frau wurde übrigens vor kurzem tatsächlich gefragt, warum ich denn überhaupt noch arbeiten gehen würde, wo doch das Gehalt meiner Frau mehr als ausreichend sei. Tja, warum wohl? Wahrscheinlich, weil ich mich dann genau in die Rolle begeben würde, in der sich viele Frauen heutzutage immer noch befinden: Mit Aussichten auf eine magere Rente und dem Gefühl, vom Ehepartner abhängig zu sein - abhängig von dessen Einkommen, dessen Wohlwollen und dessen Wohlbefinden.
