Ein MORDs-Team - Band 8: Das Böse im Spiegel (All-Age Krimi) - Andreas Suchanek - E-Book
Beschreibung

Lady Priscilla van Straten soll vor Gericht angeklagt werden, doch es scheint keine Beweise mehr für ihren perfiden Plan zu geben. Die vier Freunde wollen das ändern und beginnen zu recherchieren. Dabei kommen sie der Verbindung zwischen Marietta King und Priscilla van Stratens Schwester auf die Spur und bemerken, dass Marietta damals weitaus mehr entdeckt hatte, als jeder bisher ahnen konnte. Gleichzeitig muss jeder der Vier auf seine Weise die Folgen der Ereignisse am Gründungstag verarbeiten und sich persönlichen Herausforderungen stellen. Dies ist der 8. Roman aus der Reihe "Ein MORDs-Team". Der Fall "Marietta King" umfasst die Romane 1-12. Der zweite Fall beginnt mit Band 13.

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Seitenzahl:149

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Table of Contents

»Das Böse im Spiegel«

Was bisher geschah

Prolog, 1984

Gegenwart, ein Sonntagabend

Vor dem Collister-Haus

Das Barrington Cove Gerichtsgebäude

Die Villa der Holts

In der Nähe vom Crest Point

Das Sheriffdepartment

Das Tarnowski-Haus, der geheime Raum

Zur gleichen Zeit

Das Tarnowski-Haus, im geheimen Raum

Die Barrington Cove Gazette

Die Landbrücke nach Angel Island

An der nördlichen Klippe

Im Archiv

Barrington Cove Gazette

Im Gefängnis der Dynastien

Barrington Cove, am alten Leuchtturm

Epilog I – Wusstest du schon?

Epilog II – 1984

Vorschau

Nachwort

Impressum

Ein MORDs-Team

Band 8

 

»Das Böse im Spiegel«

von Andreas Suchanek

 

Was bisher geschah

 

1984: Die fünf Jugendlichen Harrison, Marietta, Jamie, Shannon und Billy brechen in ihre Highschool ein, um die Prüfungsfragen eines landesweiten Tests zu stehlen, der am nächsten Tag stattfinden soll. Der Einbruch gerät zur Katastrophe. Harrison, der in der Aula Wache hält, beobachtet einen Unbekannten, der mit einem Super-8-Film das Gebäude verlässt. Gleichzeitig werden Shannon und Jamie, die sich von der Gruppe trennen, in einem Putzraum eingeschlossen. Während Jamie dort eine klaustrophobische Attacke befällt, kann Shannon durch das Lüftungsrohr fliehen und die Tür wieder öffnen.

Als Billy das Vorzimmer des Direktorats verlässt, weil er etwas zu hören glaubt, bleibt Marietta alleine zurück. Da tritt ein Unbekannter aus dem Schatten. Er schlägt den Jungen bewusstlos und tötet Marietta King. Ein Mord, der in die Geschichte des kleinen Städtchens Barrington Cove eingeht und nie aufgeklärt werden kann.

Gegenwart: Mason, Olivia, Randy und Danielle finden im Verlauf eines gefährlichen Abenteuers unter dem Haus des verstorbenen Schriftstellers Billy Tarnowski einen geheimen Raum. In ihm sammelte er Unterlagen zum Fall der 1984 ermordeten Schülerin Marietta King, in den auch der Vater von Mason (Jamie) und die Mutter von Danielle (Shannon) verwickelt waren. Gemeinsam wollen die Freunde den Mordfall aufklären.

Die ersten Spuren offenbaren, dass Marietta ein Kind zur Welt gebracht und zur Adoption freigegeben hat. Obgleich dessen Identität unbekannt bleibt, erfahren die Vier, dass das Kind in Barrington Cove großgezogen wurde.

Bevor sie weiterermitteln können, werden Shannon und Danielle von Oswald Kaminski, einem Feind des Grafen – der die Unterwelt der Stadt kontrolliert –, entführt. Es stellt sich heraus, das Shannon die Identität des unbekannten Gangsterbosses seit den späten 1980er Jahren kennt und seither geheim hält. Sie heiratete den despotischen Richard Holt nur, weil die Familie zu einer von vier Dynastien gehört, die – aus welchem Grund auch immer – für den Grafen tabu sind. Damit ist sie die einzige bekannte Person, die die Identität von Barrington Coves Moriarty kennt.

Ein weiteres Abenteuer führt die Freunde erneut auf die Spur von Mariettas Kind. Sie erfahren den Namen des Mädchens: Alice. Handelt es sich dabei um die Tochter des Bürgermeisters? Eine Vermutung, die sich am Gründungstag zu bestätigen scheint.

Die eiskalte Lady Priscilla van Straten heuert Geiselnehmer an, die das Schulhaus – wo die Feier stattfindet – unter ihre Kontrolle bringen. Sie sollen auch Alice töten und damit die letzte Spur zur Wahrheit um den Mord an Marietta King beseitigen. Außerdem scheint die gefälschte Gründungsurkunde eine wichtige Rolle zu spielen. Zwar können die Verbrecher aufgehalten werden, aber selbst Lady van Straten ist geschockt, als sich herausstellt, dass Kaminski ihre Leute gekauft hat. So konnte er auch eine Bombe im Schulhaus deponieren.

Die Türen verriegeln sich, der Countdown zählt herab.

120 Sekunden bleiben Mason, Randy, Vince und Danielle, dem Bürgermeister, Alice und Jamie, Lucian, dem Direktor und Lady van Straten, um innerhalb des Gebäudes so weit weg vom Sprengsatz zu gelangen wie nur möglich.

Deputy Sachsen versucht heldenhaft, die Bombe zu entschärfen – erfolglos. Der Countdown erreicht die Null.

Die Explosion tötet Deputy Sachsen und Lucian innerhalb der ersten 120 Sekunden. Die Freunde und einige Angehörige geraten in lebensbedrohliche Situationen, können jedoch gerettet werden. Danielle wird von Chemikalien im Gesicht getroffen und erblindet, Jamie wird schwer verletzt und fällt ins Koma, die Folgen für Alice – die Tochter von Marietta King – sind ungewiss.

Olivia kann aufatmen, da Chris überlebt.

Um der Familie – und seinem alten Freund Jamie – Beistand zu leisten, kehrt Harrison nach Barrington Cove zurück. Damit sind die überlebenden 84er erstmals wieder vereint.

Nun soll Lady Priscilla van Straten der Prozess gemacht werden. Leopold, der Abgesandte des Dynastierates, verdeutlicht der hinterhältigen Frau jedoch: Sollte es zur Verhandlung kommen, wird man sie beseitigen. Sie muss das Problem lösen, bevor es weiter in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rückt.

Prolog, 1984

 

Der Spiegel hatte schon ewig an dieser Stelle gehangen. Zumindest, soweit Priscilla sich zurückerinnern konnte.

Priscilla.

Der Name an sich klang melodisch, vermittelte das Flair von Schönheit. Ein Aushängeschild, das allen sofort verdeutlichte, wer sie war.

Sie betrachtete die fein ziselierten Ornamente, die den Rahmen des antiken Spiegels schmückten. Das Glas war so blank poliert, das man meinte, durch ein Fenster in eine reflektierte Welt zu schauen. Auf der anderen Seite saß eine bildhübsche junge Frau, die ihren Blick erwiderte.

Das bin ich, dachte sie. Ich bin Lady Priscilla van Straten.

Sie lächelte.

Es war ein diabolisches Lächeln.

Ihr Plan hatte funktioniert, trotz zahlreicher Rückschläge. Nun galt es, nur noch ein einziges Problem zu lösen. Eines, das auf den Namen Marietta King hörte. Seltsam. Bis vor wenigen Monaten war das Mädchen völlig unbedeutend gewesen. Doch heute war das anders. Sie stellte eine Gefahr dar, eine Gefahr für alles, woran Priscilla so hart gearbeitet hatte. Paradox, bedachte man, dass sie nur das hatte werden können, was sie heute war, aufgrund der Informationen, die Marietta ihr verschafft hatte.

Trotzdem. In diesem Augenblick verfluchte sie ihre Vorfahren, die so dumm gewesen waren, eine Spur zu hinterlassen. Mochten die Dynastien auch über ein verschlungenes Netz aus Firmen und erpressten Adoptiveltern fast das ganze Land kontrollieren, so war doch Barrington Cove das schlagende Herz des geheimen Imperiums.

Die kleine Stadt an der Küste pulsierte voll bösem Leben. Von hier operierten die Dynastien, befanden sich der Versammlungssaal, ebenso das Gefängnis und das Archiv.

Nachdem ihr privates Problem nun gelöst war, wollte sie all ihre Kraft aufwenden, um jenes zu beseitigen, das ihrer aller Macht bedrohte.

Priscilla erhob sich.

Langsam flanierte sie über den wertvollen Parkettboden, zündete sich einen Zigarillo an und sog den süßen Qualm tief in ihre Lungen. Es tat so gut, Teil der Macht zu sein. Sie würde alles dafür tun, dass dies so blieb. Niemand würde ihr wegnehmen, woran sie so lange und hart gearbeitet hatte. Sie war Teil der Dynastien und wollte es bleiben.

Priscilla ballte ihre Fäuste.

Sie hatte gemordet, um hierher zu gelangen. Nichts und niemand würde ihr die Macht wieder entreißen.

Auch keine Marietta King.

 

 

Gegenwart, ein Sonntagabend

In der Villa van Straten

 

Cat mochte den Herbst. Sie mochte den Winter. Ja, ein klein wenig mochte sie sogar den Frühling. Der Sommer hingegen ging ihr gewaltig auf die Nerven. Es wurde nie richtig dunkel, man musste ständig achtgeben, dass einen keiner entdeckte. Das war ermüdend.

Glücklicherweise achteten die reichen Snobs hier in der Gegend auf ihre Privatsphäre. Gigantische Hecken zogen sich gen Himmel, schirmten die Vorgärten mit den Pools, Hollywoodschaukeln und leicht bekleideten Poolboys vor den neugierigen Blicken der tratschbereiten übrigen High Society ab. Genau das kam Cat jetzt zugute, denn so konnte niemand die ganz in schwarz gekleidete Gestalt sehen, die sich gekonnt zwischen den Fresken emporschob.

Sie setzte ihren linken Fuß in das Maul eines besonders scheußlichen Wasserspeiers, den rechten auf eine Engelsvisage, und kletterte auf den Balkon.

Bevor Lady Priscilla van Straten zum Gründungstag aufgebrochen war, hatte sie für gute Durchlüftung gesorgt und die Balkontür offen gelassen – hier glaubte niemand ernsthaft daran, dass ein Einbrecher in die heimische Villa eindrang. So etwas geschah in den Favelas, aber doch nicht hier, wo jeder einen eigenen Sicherheitsdienst besaß.

Cat lächelte.

Die beiden Sicherheitsfuzzis standen vor dem Tor, die Daumen hinter ihre Gürtel gehakt, und blickten mit gewichtiger Miene in die Landschaft. Sie hatte einfach ein Loch in die wunderschöne teure Hecke geschnitten, war über den Hof gekrabbelt und schließlich die Fassade hinauf.

Ein Kinderspiel.

Ab sofort galt trotzdem höchste Vorsicht, da sie nicht wusste, was im Inneren der Villa auf sie wartete. Die van Stratens befanden sich beide auf dem Sheriffdepartement. Sie hinter Gittern, er, weil er sie verteidigte.

Cat schlich einer Katze gleich in den Raum – eine Tatsache, der sie auch den Spitznamen verdankte. Sie hatte ihr zu einem Pferdeschwanz gebundenes, braun-gewelltes Haar unter einem Basecap versteckt. Die Jacke war so schwarz wie Hose und Handschuhe. Das einzig Auffällige, was einem zufälligen Beobachter vielleicht merkwürdig vorkommen konnte, waren ihre unterschiedlichen Augenfarben; dadurch wurde sie wiedererkennbar. Die Ärzte hielten dies für einen Gendefekt. Normalerweise trug sie Kontaktlinsen, doch wegen einer Entzündung war das gerade nicht möglich.

Der Raum war vollgestopft mit hässlichem Zeug, das zweifellos einem Menschen über Hundert gehörte. Anders war eine solche Geschmacksverirrung kaum zu erklären.

Cat betrachtete ein paar Schriftstücke, auf denen Lady van Straten unterschrieben hatte. Eines davon steckte sie ein. Möglicherweise fanden sich noch Schecks, dann konnte sie welche mit gefälschter Unterschrift einlösen.

Schließlich kam sie ins Schlafzimmer. Die Schmuckschatulle stand auf einer Kommode – offen!

Ihr geht so sorgsam mit eurem Reichtum um, da verdient ihr es doch nicht anders.

Cat leerte das Kästchen in einen Hüftbeutel. Smaragdohrringe, Rubinringe und Saphirhalsketten purzelten hinein. Zufrieden nickend wandte sie sich um.

Normalerweise hätte sie die Villa nun verlassen, aber auf dem Weg drang etwas an ihr Ohr. Nach einigen Augenblicken realisierte sie, dass jemand weinte. Sie folgte vorsichtig dem Klang, jederzeit darauf bedacht, abzuhauen.

Vor ihr lag ein offener kleiner Raum, dessen Wand mit sehr alt aussehenden Monitoren behangen war. Die gewölbten Bildschirme übertrugen Schwarz-Weiß-Bilder. Cat ging entsetzt näher, als sie realisierte, was dort zu sehen war. Das Schluchzen drang aus einem Lautsprecher.

Sie bemerkte das Knarzen viel zu spät, ebenso den Luftzug. Ein Schlag traf ihren Hinterkopf.

Alles um sie herum wurde schwarz.

 

*

 

Vor dem Collister-Haus

Ein Montagmorgen

 

Mason hielt inne. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Die Sonne stieg am Horizont empor, der Geruch des Meeres drang sogar hier an seine Nase, mischte sich mit dem Duft von Bäumen und morgendlichem Tau.

Er hatte den French Toast auf dem Frühstückstisch ignoriert. Ebenso die besorgten Blicke seiner Mum und die neugierigen ihres neuen Hausgastes – Harrison.

Mason begann zu laufen. Wie jeden Morgen seit den Ereignissen am Gründungstag joggte er einfach drauflos. Vorbei an dem noch geschlossenen Kiosk von Frau Geißen, den Lieferwagen, die die Zeitungen vor die Läden warfen, den Straßenreinigern. Die Stadt schlief.

Es gab keine neugierigen Reporter, die Fragen stellten. Keine Schlagzeile, die Alice Tyler – die Tochter von Marietta King – in den Mittelpunkt rückte. Er wurde nicht mit Berichten konfrontiert, die über die Opfer des Bombenanschlags informierten oder die Hintergründe der Helden ans Licht zu zerren versuchten.

Sofort stand ihm wieder die gestrige Schlagzeile vor Augen: Drogenjunge – Zwischen Schuld und Sühne. Wird er nun sein Leben ändern? Daneben ein Bild seines Vaters, der bleich und ausgemergelt im Krankenbett lag – nach wie vor komatös.

Mason beschleunigte seine Schritte. Autos zogen an ihm vorbei, er trat in leere Pappbecher, die Leute einfach hingeworfen hatten, kickte Getränkedosen beiseite, bedachte ketchupverschmierte Pommes-Becher mit wütendem Blick.

Der Sommer hielt Barrington Cove im Griff. Auch durch den Bombenanschlag hatten die Touristen sich nicht davon abhalten lassen, wie jedes Jahr über die Sandstrände herzufallen.

Endlich erreichte er die Promenade. Er lief hinunter zum Strand, wo andere Jogger unterwegs waren.

Der Anschlag lag nun schon einen Monat zurück, aber noch immer kamen täglich neue Berichte und Artikel. Mal ging es um die letzten Bilder der Gründungsurkunde, die Lucian der Nachwelt hinterlassen hatte, mal um Lady van Straten oder das schlechte Gasversorgungsnetz. Angeblich hatte genau das zur Explosion beigetragen.

Er wurde noch schneller.

Keiner sprach von Kaminski, der eine Bombe gezündet hatte. Von den Geiselnehmern, die sie alle hatten umbringen wollen. Vom Chamäleon, das entkommen war. Niemand berichtete über Danielles Blindheit, über Vince, der stundenlang verschüttet gewesen war. Kein einziger schrieb einen Artikel über Randy, der sich durch die Katakomben geschleppt hatte.

Nicht ein Schreiberling erwähnte … erwähnte das … was sein Dad getan hatte! All das Kämpfen … und sie waren für nicht mehr gut … als eine Schlagzeile.

Mason spürte, wie seine Brust eng wurde. Er begann zu keuchen. Taumelnd kam er zum Stehen. Sein Puls raste, sein Atem kam stoßweise. Der Schweiß rann in Sturzbächen über sein Gesicht, vermischte sich mit den Tränen. Er brach in die Knie.

Am Rande seines Gesichtsfeldes begann das Flimmern, breitete sich immer weiter aus. Weit entfernt waren Jogger zu sehen, doch glücklicherweise war er hier allein.

Gut.

Niemand durfte ihn so sehen.

Er fiel auf den Rücken. Ein Schluchzen drang aus seiner Kehle, die Tränen rannen noch immer. Nur langsam beruhigte sich sein Körper. Die Sonne erklomm den Horizont, vertrieb die letzten Schatten vom Strand.

Seemöwen stiegen in die Luft, weit entfernt erklangen die Rufe der Fischer, die hinausfuhren. Erste Surfer glitten durch die Wellen.

Er lag zwischen dem pulsierenden Leben von Barrington Cove, inmitten der erwachenden Stadt, und fühlte sich doch, als sei er kein Teil mehr dieser Welt.

Irgendwann bekam er wieder Luft. Die Tränen versiegten.

So war es jeden Morgen.

Er kam in die Höhe und lief weiter.

Immer weiter.

 

*

 

Olivia saß am Krankenbett, wie jeden Tag, seit einem Monat. Weit entfernt klapperte das Wägelchen, das die Krankenschwester heranschob, um die Medikamente zu verteilen. Die freundliche Stimme der Frau war zu hören, als sie mit jemandem sprach.

Olivias Blick wanderte zu Chris. Er lag auf dem Bett, die Augen starrten blicklos ins Leere. Auf seiner Brust hatte sich ein Blutfleck ausgebreitet.

Sie fuhr in die Höhe.

»Hilfe!«

Ihre Hand fand instinktiv den Notfallknopf.

»Du darfst nicht sterben! Bitte.«

Die Krankenschwester stürmte herein, schaute auf den toten Chris. »Und dafür haben Sie mich gerufen?«

»Er brauchte Hilfe!«

»Ich muss mich um wichtigere Patienten kümmern«, sagte sie. »Er wird kaum genug Geld haben. Und du doch auch nicht, oder? So ein dummes Ding aus den Favelas, das es zu nichts gebracht hat. Die Kugel hätte dich treffen sollen.«

Chris’ Augen fixierten Olivia. Gurgelnd sagte er: »Ich hatte noch so viel vor, so viel Potenzial. Es hätte wirklich dich treffen sollen. Das weißt du, oder?«

Sie starrte entsetzt auf ihre große Liebe, die die grausamen Worte gelassen aussprach.

Dann stand die Schwester plötzlich neben ihr. »Ist alles in Ordnung?«

Olivia fuhr auf.

Panisch sah sie sich um. Chris lag in seinem Bett und schlief. Seine Brust hob und senkte sich gleichmäßig.

Es war nicht das Krankenbett, in dem er lag. Bereits vor einer Woche war er aus der Klinik entlassen worden. Sie hatte heute bei ihm im Loft übernachtet. Mit dem Tod von Lucian waren sowohl diese Räumlichkeiten als auch die Galerie ReachAble an Chris gefallen, da sein arroganter Chef – um Steuern zu sparen – ihn als Teilhaber hatte eintragen lassen. Die Anwälte klärten gerade, ob ihm die andere Hälfte des Besitzes automatisch zufiel.

Olivia brachte ihren rasenden Puls wieder unter Kontrolle und betrachtete den schlafenden Chris. Er wirkte ausgezehrt. Sein Körper hatte hart gekämpft. Was ihr jedoch wirklich Sorge bereitete, war seine Psyche. All seine Energie, seine Kraft, schien verpufft zu sein.

Vor uns liegt ein schwieriger Weg.

Sie kroch unter der Decke hervor und ließ ihn schlafen. Lange würde er das sowieso nicht mehr tun. Das Loft bestand aus einem Raum gigantischen Ausmaßes, der durch geschickt gewölbte Zwischenwände mehr schlecht als recht unterteilt war. Die Wände bestanden aus naturbelassenen Backsteinen, die Fenster reichten vom Boden bis zur Decke.

Immer wenn Olivia hier war, fühlte sie sich schuldig. Die Einrichtung war das Beste vom Besten. Vermutlich hätte ihre Mum zehn Jahre als Reinigungskraft arbeiten und ihr Dad ein Jahr Dreifachschichten schieben müssen, um sich etwas Derartiges leisten zu können.

In solchen Momenten fragte sie sich, was Chris an ihr fand. An ihr, dem Mädchen aus den Favelas.

Sie verbannte den Gedanken. Stattdessen brühte sie Kaffee auf, schlug zwei Eier in die Pfanne und gab Schinken dazu. Der Geruch weckte schließlich auch Chris. Verschlafen kam er herbeigetrottet.

»Du musst nicht ständig das Frühstück machen«, sagte er. Seine Arme umschlangen sie von hinten, er hauchte ihr einen Kuss in den Nacken.

»Guten Morgen, Schlafmütze.«

»Hattest du wieder einen Albtraum?«

Sie zwang sich zu einem Lächeln. »Quatsch. Ich konnte nur nicht mehr schlafen.« Sie hauchte ihm einen kurzen Kuss auf den Mund, schob ihn dann in Richtung Dusche. »Putz dich gefälligst.«

»Hey, immer langsam mit den armen, angeschossenen, fast gestorbenen Starfotografen.« Er lächelte. Ein Lächeln, das sofort entgleiste, als er ihren Blick bemerkte. »Hey, ich lebe.«

Schnell zog er sie in seine Arme.

»Das weiß ich doch. Du hast nur nicht erlebt … ich stand irgendwie in der Mitte, habe alles gesehen … Aber ich konnte nichts tun. Du, Masons Dad, die anderen in den Trümmern.«

Sanft strich er ihr über den Rücken. »Wir frühstücken. Und danach gehst du deine Freunde besuchen. Ich brauche heute keinen Babysitter.«

»Aber …«

»Piiiieeeep«, sagte er.

»Was?«

»Immer, wenn du einen Satz mit ›Aber‹ beginnst, werde ich ihn auspiepen. Wie ein Schimpfwort in einer Talkshow.«

»Aber …«

»Piiiieeeep«, sagte er.

»Duuuu …« Olivia knuffte ihn in die Seite. »Du Kindskopf.«

»Also?«

»In Ordnung.«

Er verschwand zufrieden in Richtung Bad.

Sie schaufelte Schinken und Eier auf zwei bereitstehende Teller und trat ans Fenster. In der Ferne konnte sie die Baukräne erkennen, die den Schutt der Explosion abtrugen.

Die Stadt begann zu heilen.

Sie fragte sich, wie lange sie und ihre Freunde dafür benötigen würden.

 

*

 

Es war dunkel.

Sie berührte einen Knopf an ihrem neuen Wecker, der in Griffweite neben dem Bett stand. Eine blecherne Stimme meldete die Uhrzeit. Es war früher Morgen. Vor dem Fenster ging gerade die Sonne auf.

Danielle vermisste die Sonnenaufgänge. An Wochenenden hatte sie immer Bashir gesattelt und war durch die Wälder rings um das Anwesen geritten. Die Hufe ihres Wallachs hatten die Brandung am Strand durchpflügt, während sie hinausblickte auf das in Rotgold getauchte Wasser.

Doch das war vorbei.