Ein neuer Sommer in der kleinen Bäckerei - Jenny Colgan - E-Book
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Ein neuer Sommer in der kleinen Bäckerei E-Book

Jenny Colgan

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Beschreibung

Die perfekte Lektüre für den Sommer: Jenny Colgans neuer gefühlvoller Frauenroman zum Mitfühlen, Schwelgen und Genießen!  »Ein neuer Sommer in der kleinen Bäckerei«, der 4. Band der Reihe um »Die kleine Bäckerei am Strandweg«, führt alle Fans von  SPIEGEL-Bestsellerautorin Jenny Colgan zurück auf jene idyllische Insel vor der Küste Cornwalls. Kleine Häuschen in Hellblau oder Zitronengelb, unberührte Natur überall – als Marisa Rossi auf der zauberhaften Insel ankommt, nimmt sie das alles kaum wahr. Seit dem Tod ihres geliebten Großvaters steht sie neben sich. Selbst das Kochen köstlicher italienischer Gerichte, sonst ihre Leidenschaft, ist ihr jetzt zu viel. Hier, am Ende der Welt, will sie sich neu erfinden. Doch das erweist sich als schwierig, denn ihr Nachbar ist ein attraktiver russischer Klavierlehrer, der lautstark bis in die Nacht komponiert. Nur zaghaft knüpft Marisa neue Freundschaften. So zu Polly, deren kleine Bäckerei am Strandweg dringend neue Ideen bräuchte. Mehr Pepp ist gefragt, mehr Leichtigkeit, mehr ... dolce vita? »Niemand versteht sich so gut auf gemütliche Eskapismus-Romance wie Jenny Colgan« Sunday Express Jenny Colgans warmherzige und gleichzeitig erfrischenden Romane um »Die kleine Bäckerei am Strandweg« und »Die kleine Sommerküche am Meer« sind wie Urlaub: voller Sonne, Freundschaft, Liebe und gutem Essen. Marisa, die Heldin in Colgans neuem Frauenroman, sucht nach einem Neuanfang und die kleine Bäckerei nach einem neuen Erfolgsrezept. So entsteht ein sommerlich leichter Roman mit Herz! »Wohlfühlfaktor: Sehr hoch, wie immer bei Jenny Colgan, der Meisterin der Romane, in die man immer gleich einziehen will, weil ihre Welten sich so kuschelig anfühlen beim Lesen.« Berner Zeitung

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Für alle Lehrer, vor allem wegen des letzten Jahres. Danke.

© Jenny Colgan 2021

Titel der englischen Originalausgabe: »Sunrise by the Sea«,

first published by Sphere, an imprint of Little, Brown Book Group, an Hachette UK Company, London 2021

© der deutschsprachigen Ausgabe:

Piper Verlag GmbH, München 2022

Redaktion: Kerstin Kubitz

Covergestaltung: zero-media.net, München

Covermotiv: FinePic®, München

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

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Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Teil 1

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Teil 2

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

Kapitel 73

Kapitel 74

Kapitel 75

Kapitel 76

Kapitel 77

Kapitel 78

Kapitel 79

Kapitel 80

Nachwort

Danksagung

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Teil 1

Kapitel 1

Vor einer Weile war die Sonne rausgekommen, und die ganze Familie war zum Spielen nach draußen gegangen.

Wenn man sie sich so ansah, fiel einem auf den ersten Blick gar nichts Seltsames auf.

Die meisten Leute lächelten, wenn sie bemerkten, dass es sich bei den Kindern um Zwillinge handelte, von denen jeder eindeutig einem Elternteil ähnelte – der Junge mit dem rebellischen blonden Haar und der offenen, strahlenden Miene war seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Das kleine Mädchen wirkte zurückhaltender und hatte die helle, mit Sommersprossen übersäte Haut und das rotblonde Haar der Mutter.

Bei genauerem Hinsehen würde man allerdings etwas um sie herumflattern sehen und annehmen, dass man sich wohl verguckt haben musste. Denn was, um alles in der Welt, sollte ein Papageientaucher hier zu suchen haben?

***

Während der ersten ein oder zwei Jahre ihres Lebens hatte ein Schutzgitter an der Treppe den Lebensraum von Avery und Daisy quasi auf die helle Küche im ebenerdigen Anbau beschränkt.

Denn Polly Miller, geborene Waterford, hatte furchtbare Angst davor gehabt, dass sie die Wendeltreppe des Leuchtturms hinunterfallen könnten.

In einem Leuchtturm zu leben war mit Kindern eine noch blödere Idee als vorher, so toll sie es auch finden mochten.

Pollys Hoffnung, die Sicherheit ihrer Sprösslinge möglichst lange durch das Gitter gewährleisten zu können, war dahin, als sie die etwa achtzehn Monate alten Zwillinge mal eine Sekunde lang aus den Augen ließ.

Als Polly sich wieder zu ihnen umdrehte, betätigte Avery gerade die Verschlussvorrichtung, während Daisy das Törchen öffnete.

Neil (der Papageientaucher) stand auf dem Gitter, beinahe so, als wäre das Ganze seine Idee gewesen. Immerhin flatterte er schuldbewusst durchs Treppenhaus davon, als Polly ihre Kinder wieder einfing.

Die Zeit des Treppengitters war damit jedoch definitiv vorbei.

Polly setzte sich auf das abgewetzte alte Sofa und hob sich beide Kinder auf den Schoß – den blonden Avery, der Huckle so ähnelte, und Daisy, die aussah wie Polly selbst. »Nein«, erklärte sie geduldig zum millionsten Mal. »Nein, wir gehen nicht nach oben.«

»Oben!«, wiederholte Avery.

Daisy nickte. »Oben … NEIN?«

In dem Moment kam Huckle zum Mittagessen und grinste, als die Zwillinge vom Schoß ihrer Mutter rutschten und über den steinernen Fußboden auf ihn zusausten. »DADDY!«

»Bringst du ihnen mal wieder bei, dass oben der spannendste Ort der Welt ist?«

»Sie haben das Treppengitter geöffnet. In Teamarbeit.«

Huckle hob die beiden kleinen Menschen hoch und hielt einen von ihnen in jedem Arm.

»Ihr seid wirklich genial«, sagte er und drückte seine kichernden Kinder an sich.

»Genial ist daran überhaupt nichts«, wandte Polly ein. »Wenn sie jetzt dauernd nach oben krabbeln wollen, wird irgendwann jemand die Treppe hinunterfallen und dabei draufgehen.«

»Ich dachte, deshalb hätten wir zwei«, sagte Huckle und ging zum Herd hinüber.

***

In den folgenden vier Jahren purzelten sie tatsächlich etliche Male die Treppe hinunter, ohne sich dabei je nennenswerte Verletzungen zuzuziehen. Auch die Zusammensetzung der Gang – Junge, Mädchen, Papageientaucher – blieb gleich, und die drei brachten sich gemeinsam in immer neue, immer unerhörtere Schwierigkeiten.

»Eigentlich hatte ich am Anfang gedacht, dass Neil auf die Babys eifersüchtig sein würde«, sagte Polly jetzt, als Huckle und sie in der angenehm warmen Frühlingssonne saßen und dabei zusahen, wie ihre Kinder mit Neil Twistball spielten. Der Vogel flatterte dabei um die Stange herum und jedes Mal nach oben, wenn sich ihm der Ball näherte.

Die Rasenfläche erstreckte sich bis zu den Klippen, und normalerweise war es hier viel zu windig, um draußen zu sitzen. Aber es gab eine windgeschützte Stelle direkt hinter einem niedrigen Mäuerchen. Da konnte man sich ausstrecken, sich die Sonne ins Gesicht scheinen lassen und einfach einen wunderbar wohligen Moment genießen.

Allerdings hatte Polly von dort aus die Zwillinge nicht mehr im Blick, wenn sie sich hinlegte, daher richtete sie sich alle paar Minuten wie ein Erdmännchen auf und trotzte dem kalten Wind.

»Neil war doch furchtbar eifersüchtig auf die Babys!«, sagte Huckle und konnte nicht fassen, dass sie das vergessen hatte. »Allerdings hast du am Anfang ja im Milchkoma vor dich hin gedämmert. Damals hätte eine Atombombe explodieren können, und du hättest es nicht mitbekommen. Außer natürlich, wenn dadurch auch nur ein Staubkorn auf den Kindern gelandet wäre. Was glaubst du denn, woher die ganzen Macken an den Babybettchen stammen?«

»Ich dachte, das wäre Dekoration!«

»Das sind Schnabelspuren.«

»O Gott! Böser Vogel!«

»Ja, er ist ein ganz böser Vogel«, bestätigte Huckle gleichmütig. »Komisch, da könnte man fast denken, es wäre keine gute Idee, sich einen wilden Seevogel als Haustier zuzulegen.«

»Das sollte man ja auch nicht«, nickte Polly. »Aber er hat sich eben mich zugelegt.«

Vor Jahren war innerhalb kürzester Zeit nicht nur Pollys Firma, sondern auch die Beziehung zu ihrem damaligen Verlobten den Bach runtergegangen, weshalb sie allein und nervös nach Mount Polbearne gezogen war. Eines Nachts war ein Papageientaucherjunges in das Lokal gekracht, in dem sie inzwischen ihre Bäckerei hatte.

Sie hatte das Tier gepflegt, bis sein gebrochener Flügel geheilt war, und es dann freizulassen versucht.

Davon hatte der Vogel aber nichts wissen wollen. Neil hatte beschlossen, dass es viel besser war, bei einer Bäckerin zu leben, als jeden Tag ins kalte Seewasser tauchen zu müssen. Und das konnte Huckle durchaus verstehen.

Jetzt schauten Polly und er dabei zu, wie Neil um ihre Kinder herumsauste.

»Ich meine, er könnte vielleicht …«

»Nein, Neil kann nicht babysitten!«, versetzte Polly streng.

»Schon klar, schon klar«, sagte Huckle. »Ich hab nur überlegt, wie schön es doch wäre, sich mal bei Andy draußen hinzusetzen.«

Andy gehörte nicht nur der Pub des Ortes, sondern auch die Imbissbude, bei der es köstliche Pommes gab.

»Oder vielleicht sogar in das schicke Restaurant zu gehen und dort ein Glas Wein zu trinken. Ohne dass die ganze Zeit kleine Monster auf uns herumturnen.«

»Wir könnten doch Kerensa anrufen«, schlug Polly vor.

Das war die Frau von Reuben, ihrem reichen Freund, der auf dem Festland wohnte.

»Im Moment bin ich nicht in der Stimmung dazu, mich mit Reuben herumzuschlagen«, sagte Huckle. »Ganz zu schweigen von … Lowin.«

Obwohl die Zwillinge meilenweit weg gewesen waren, hüpften sie bei der Erwähnung dieses Namens sofort herbei.

»GEHEN WIR RÜBER ZU LOWIN?«

Lowin, der Sohn von Reuben und Kerensa, war inzwischen acht und der große Held der Zwillinge. Was auch kein Wunder war, schließlich lebte er in einer riesigen Villa, die aussah wie die von Tony Stark, und besaß jedes Computerspiel und jedes einzelne Playmobil-Set auf Erden.

Lowin seinerseits duldete die Zwillinge mehr oder weniger, solange sie beim Spielen genau seinen Befehlen Folge leisteten und ihm wie das Dienstpersonal jeden verrückten Wunsch von den Lippen ablasen.

Daisy und Avery stellten sich mit Begeisterung als willige Sklaven zur Verfügung und ließen sich nur zu gern auf jede von Lowins neuen Phasen ein.

Und das war auch kein Problem, solange sein Interesse zum Beispiel den Avengers oder Rennautos galt.

Seit Neuestem war Lowin allerdings ganz verrückt nach Schlangen. Und trotz Kerensas Beteuerungen war Polly sich nie hundertprozentig sicher, ob Reuben seinem Sohn nicht doch eine riesige Königsboa kaufen würde. Es fehlte gerade noch, dass er sie wie einen Schal um den Hals überallhin mitnehmen und die Schlange am Ende gar noch Neil verspeisen würde.

»Heute nicht«, antwortete Polly auf die Frage ihrer Kinder.

Enttäuschung machte sich auf den Gesichtern der Zwillinge breit.

»Aber er kriegt doch eine riesige Rutsche, die aussieht wie eine Schlange! Die längste Rutsche der Welt!«

»Das klingt ganz schön gefährlich«, bemerkte Polly und stand auf. »Okay. Zum Essen gibt es nur was aus den Hähnchenresten, sorry.«

»Ist nicht schlimm«, erwiderte Huckle, der bald wieder losfahren würde, um für seinen Honigverkauf Klinken zu putzen. Die Zeiten waren hart – im Südwesten Englands hatte es etliche Überschwemmungen gegeben, und viele Geschäfte kämpften ums Überleben, aber er gab sein Bestes.

»Ich freue mich einfach über was selbst Gekochtes, schließlich stehen für mich in den nächsten zwei Wochen immer nur Mahlzeiten in Restaurants und Hotels an.«

»Tu doch wenigstens so, als würde dich das stören!«, bat Polly.

»Da brauche ich gar nicht so zu tun!«, versicherte Huckle. Dann wurde seine Miene ernster, während er nach ihrer Hand griff. »Und das weißt du genau!«

»Ich wünschte, ich könnte losziehen und in Hotels übernachten.«

»Wir reden hier nicht vom Ritz, sondern vom Travelodge an der A40!«

»Ich weiß. Aber in deiner Gesellschaft wirkt alles wie das Ritz.«

Sie küssten sich.

Huckle fand es furchtbar, dass er wegmusste, aber es ging nicht anders. Und auch so war es für sie schon schwierig genug, über die Runden zu kommen.

»Denk an die Fenster!«, sagte er.

»Ich weiß, ich weiß.«

Es würde ihre Lebensqualität enorm verbessern, wenn sie die alten, klapprigen Leuchtturmfenster mit Einfachverglasung gegen denkmalschutzgerechte Doppelglasfenster austauschen könnten. Nie wieder würden sie sich widerwillig aus dem Bett quälen und in eisiger Kälte durchs Treppenhaus laufen müssen.

Oder vielleicht doch? Wer konnte schon sagen, ob man den Turm je auf eine Temperatur bringen könnte, die andere Leute als warm bezeichnen würden – Pollys Mutter zum Beispiel oder Kerensa oder, na ja, so ziemlich jeder.

Aber für ihre kleine Familie war der Leuchtturm perfekt – und die Kinder kannten ja nichts anderes.

Huckle hatte einen alten Fernseher ins Elternschlafzimmer gestellt, und im Winter machten die vier es sich dort unter einer Heizdecke gemütlich. Dann schauten sie sich zusammen Vaiana an, während Neil auf dem Nachttisch herumhopste. In diesen Momenten war der Turm für Polly einer der glücklichsten Orte auf Erden, zugige Fenster hin oder her.

Und jetzt kam ja endlich der Frühling! Wenn Huckle dieses Jahr genug verdiente, würden sie sich die Fenster und einen neuen Boiler leisten können, und dann würde es wirklich keinen Grund mehr zur Klage geben, dachte Polly, während sie in die Küche ging.

Sie hörte das fröhliche Geplapper der Zwillinge, die von ihrem Vater verlangten, dass er JETZTSOFORT zum Tiger wurde. Als Huckle dieser Aufforderung bereitwillig nachkam, brüllte er allerdings so wild und laut, dass Polly sich Sorgen um Avery machte. Aber im Notfall würde Daisy dessen Tränen schon trocknen.

Polly hatte aus den Resten des Brathähnchens eine Brühe gemacht, zu der sie jetzt Graupen und Gemüse gab.

Voller Vorfreude dachte Polly an den Sommer, wenn Huckle zurück zu Hause sein und erste Touristen die Saison einläuten würden. Dann würden sie alle Hände voll zu tun haben.

Sie konnte es kaum erwarten, wieder warme Sonnenstrahlen auf den Wangen zu spüren, nachdem im Winter gefühlt jedes einzelne Wochenende ein Unwetter über sie hereingebrochen war.

Wenn monatelang Regen gegen die Fenster klatschte, standen überall Gummistiefel herum, und die Kinder wurden gereizt, weil sie nicht genug an die frische Luft kamen. Zu Hause Höhlen zu bauen und Mama beim Backen zu helfen verlor im Laufe der Zeit seinen Reiz.

Die Stürme wurden schlimmer – was mit dem Klimawandel zu tun hatte, das war Polly klar – und die Winter härter.

Huckle kam in die Küche. »Und, was steht bei euch so an, während ich weg bin?«, fragte er und lauschte gleichzeitig mit einem Ohr Averys Geschichte darüber, dass Lowin zu seinem Geburtstag die größte Schlange der Welt bekommen würde.

»Das Übliche«, sagte Polly. »Ach, nein, das hab ich ja ganz vergessen! Reubens Streuner kommen!«

Kapitel 2

Auf dem Festland, drüben in Exeter, hatte eine von Reubens »Streunern« noch keine Ahnung davon, dass sie bald in diese Kategorie fallen würde.

Dort trommelte gerade ohne jeden Erfolg Caius laut gegen die Tür seiner Mitbewohnerin. Sein Name wurde »Kies« ausgesprochen, mit langem I, wie er bei der ersten Begegnung gern hochnäsig erklärte, außer in dem Fall, dass die andere Person es durch Zufall richtig gesagt hatte. Dann behauptete er stattdessen: »Ehrlich gesagt ist es ja ›Ki-us‹, okay?«

»Marisa!«, rief er. Über den ganzen Radau hinweg war es zugegebenermaßen kaum zu hören.

Theoretisch fand Caius es cool, dass er mit vielen DJs befreundet war, oder zumindest mit Leuten, die sich als solche bezeichneten. Aber er hatte leider den Fehler gemacht, sie ums Auflegen bei seinen Partys zu bitten. Das Resultat war furchtbar, denn jetzt stritten sie darüber, wer die teuersten Kopfhörer hatte, brachten ihre albernen Lautsprecher durcheinander und wetteiferten darum, wer das bizarrste Zeug auflegte. Es herrschte absolutes Chaos.

Vielleicht hätte Caius sich auch überlegen sollen, was seine Nachbarn eigentlich von dem Theater hielten, wenn er sich denn um die Nachbarn geschert hätte.

Aber Caius war reich und gut aussehend, daher traf er selten jemanden, der ihn nicht mochte, und konnte sich kaum vorstellen, wie das wohl war.

Die Wohnung war proppenvoll, vor allem mit – zumindest entfernten – Bekannten von ihm. Aber am wichtigsten war ihm, dass hier alle gut aussehend und wohlhabend waren, mehr musste er über sie gar nicht wissen.

Und er brauchte für diese Leute nun das Zimmerchen, das er sowieso bloß vermietet hatte, weil seine Eltern darauf bestanden hatten – sie hatten irgendwas von »Verantwortung tragen« und »vernünftig wirtschaften« gefaselt. Schwer zu sagen, was genau es gewesen war, denn er hatte an dem Tag einen schlimmen Absturz hinter sich gehabt und bei dem Gespräch auch noch seine Kopfhörer getragen, es hätte also alles sein können.

»Marisa!«, brüllte er jetzt wieder, so laut er konnte. Caius verzog das Gesicht, weil er nicht gern laut wurde. Am liebsten sprach er ganz langsam und gedehnt oder sagte am besten gar nichts und gab einfach nur Kellnern ein Zeichen, damit sie ihm Sachen brachten.

»Marisa! Na, komm schon, das ist eine Party! Kannst du uns nicht ein paar Kanapees machen?«

Immer noch keine Antwort. Caius zog eine Schnute. Mittlerweile musste sie ihn doch gehört haben.

Früher hatte man mit Marisa noch Spaß haben können. Okay, so richtig auch wieder nicht, schließlich hatte sie einen echten Job und ging zu einer vernünftigen Uhrzeit ins Bett.

Aber sie hatte gekocht und gelächelt und war witzig gewesen, und es hatte ihm gefallen, dass sich jemand ein bisschen um ihn gekümmert hatte.

Irgendwann war sie jedoch ganz still geworden und hatte sich zurückgezogen. Er wusste, dass sie ihm den Grund dafür erklärt hatte, irgend so ein Familienscheiß, aber er vergaß es immer wieder, und die ganze Sache wurde wirklich lästig.

»Marisa! Die Gäste wollen dieses Zimmer benutzen! Für ihre Jacken!«

»Und auch für Sex und Drogen!«, erklärte eine von drei Personen mit dickem schwarzem Eyeliner, die gerade hinter Caius erschienen waren. Die anderen beiden nickten nachdrücklich.

»Quatsch, es geht wahrscheinlich echt nur um Jacken!«, versicherte Caius. Er runzelte die Stirn. »Du weißt schon, dass es hier draußen Tequila gibt, oder? Hier gibt es Tequila und da drin bei dir nicht, deshalb kann ich dich wirklich nicht verstehen.«

***

Na, da haben wir was gemeinsam, dachte Marisa. Sie selbst verstand sich nämlich auch nicht.

Kapitel 3

Caius’ Junggesellenbude in einem dieser teuren neuen Gebäude in Exeter hatte einen mit Balkon und hohen Glaswänden prächtig und protzig gestalteten Wohnbereich, während die kleinen Schlafzimmer weitaus billiger wirkten.

In ihrem winzigen Zimmerchen hockte Marisa Rossi am Fußende des Bettes, hatte die Knie bis zum Kinn hochgezogen und sich Kopfhörer aufgesetzt, sodass der Radau jenseits der Tür mehr oder weniger zu Rauschen verblasste.

Wieder mal eine Party, ein weiterer Abend, an dem der Rest der Welt losziehen und Spaß haben würde.

Allen anderen schien es super zu gehen, so wie es immer allen super zu gehen schien.

Und der Tod eines Großvaters war im Prinzip auch kein herzzerreißendes Trauma. Viele Menschen verloren ihre Großeltern, eigentlich alle, wenn man recht darüber nachdachte.

Trotzdem schienen sie immer noch in der Lage zu sein, auf Partys zu gehen. Alle außer ihr.

Denn Marisa konnte irgendwie an nichts anderes mehr denken als an ihren Nonno, Carlo, ihren warmherzigen, lustigen Großvater im italienischen Imperia, der von Generationen von Schiffsbauern abgestammt hatte. Die Tradition dieses Berufes hatte erst mit der Generation von Marisas Mutter, Lucia, ein Ende gefunden.

Lucia hatte einen Mann aus Livorno geheiratet, war mit ihm aber auf der Suche nach einem besseren Leben nach Großbritannien gezogen.

Allerdings hatte Marisas Vater die Kälte und den Regen nicht lange ertragen und Lucia irgendwann mit Marisa und ihrem Bruder, Gino, zurückgelassen.

Marisa versuchte, es nicht persönlich zu nehmen.

Nonno hatte dann für sie die Rolle des Vaters übernommen, und noch viel mehr.

Und die Bilder von ihren Ferien in Italien, an die Marisa so gern zurückdachte, leuchteten vor ihrem inneren Auge golden. Es waren Erinnerungen an lange Tage an der heißen, windigen Küste von Imperia, vor der draußen auf dem Meer große Frachtschiffe vorbeizogen, an verträumte späte Abendessen in Restaurants, in denen sie Spaghetti Vongole aß und unter dem Tisch einschlief, während die Erwachsenen bis spät in die Nacht redeten und lachten. Marisa erinnerte sich noch gut daran, wie kühle Hände ihr die sonnenverbrannten Schultern eincremten, an Eisportionen so groß wie ein Wasserball, an das Gefühl von Steinen unter den Fußsohlen, während sie ins Wasser lief, und an den beißenden Geruch von den Abgasen der Vespas. Mit den jungen Männern, die darauf durch die Stadt sausten, hatten die vor Ort stationierten Matrosen in ihren schicken Uniformen nur wenig gemein, aber all das hatte sich zum Rhythmus des langen, pulsierenden italienischen Sommers zusammengefügt.

Später hatte Marisa diese Ferien für Rucksacktourismus mit ihren englischen Freunden aufgegeben, mit denen sie auf den Balearen lachend Shots getrunken hatte.

Die Sommer in Italien erschienen ihr im Nachhinein manchmal wie ein Traum. Dann zupften gewisse Ausdrücke einer alten Sprache an den Rändern ihrer Erinnerungen, und sie hatte sich selbst als ganz anderen Menschen vor Augen, ein Mädchen in den pompösen Kleidern mit Schleifen, die ihre Großmutter – als Mensch so steif, wie ihr Großvater liebevoll gewesen war – ihr immer gern gekauft hatte.

Marisa hatte diese Kleider geliebt, während ihre Mutter sie absolut grauenhaft gefunden hatte.

Irgendwann hatte das Leben Marisa auf andere Pfade geführt: Sie war aufs College gegangen und dann nach Exeter gezogen, wo sie beim Standesamt eine Arbeit gefunden hatte, die sie liebte.

Geburten, Hochzeiten und Todesfälle – für ihren Job war eine gesunde Mischung aus Liebe zu und Interesse an Menschen, äußerster Sorgfalt bei der Registerführung und einer hübschen Handschrift vonnöten. Und auf ihre Schrift war Marisa unglaublich stolz, obwohl sie alles andere als eine Angeberin war.

Dann war Carlo gestorben.

»Dafür gibt es keinen erkennbaren Grund«, sagte ihre freundliche, aber ziemlich abgehetzte Hausärztin, als Marisa ihr bei einem Termin von ihren Schlafstörungen und der ständigen Heulerei erzählte. Außerdem hatte Marisa von Tag zu Tag mehr Schwierigkeiten damit, das Haus zu verlassen und mit Menschen zu sprechen, was ihr die Arbeit natürlich erschwerte.

»Jeder erlebt Trauer anders, und bei Ihnen scheint sich eine Angststörung mit Tendenz zur Agoraphobie zu entwickeln. Meiner Meinung nach wären Antidepressiva die beste Lösung.«

»Mein Großvater ist gestorben!«, empörte sich Marisa. »Ich bin traurig, nicht depressiv. Das ist ganz normal!«

»Ich meine ja nur, dass solche Medikamente mit Sicherheit helfen würden.«

»Aber …« Marisa verstummte. »Was, wenn er mir dann überhaupt nicht mehr fehlt? Vielleicht fühle ich dann gar nichts mehr.«

Auch die Ärztin schwieg. Eigentlich hätte sie ihre Patientin gern beruhigen wollen, aber sie musste bei der Wahrheit bleiben. »Die Wartezeit für Therapiesitzungen ist furchtbar lang«, erklärte sie schließlich.

»Setzen Sie mich bitte trotzdem auf die Liste«, sagte Marisa. »Bitte.«

»Okay«, antwortete die Ärztin.

»Warum?«, fragte Marisa. »Warum bin ich die Einzige, die nicht einfach mit ihrem Leben weitermachen kann?«

Traurig schüttelte die Hausärztin den Kopf. »Lassen Sie sich da mal nicht täuschen«, sagte sie. »Das sieht nur so aus.«

***

Marisa hatte sich nicht von ihrem Großvater verabschieden können. Er hatte draußen im Garten herumgewerkelt und dabei vermutlich den großen schwarzen Hut aufgehabt, den er immer getragen hatte. Dann war er zusammengebrochen, und Marisa hatte keine Gelegenheit gehabt, anzurufen und vom wichtigsten Mann in ihrem Leben Abschied zu nehmen.

Die Leute sagten immer wieder, dass er selbst gar nichts mitbekommen habe, was doch besser so sei.

Aber diese Meinung teilte Marisa nicht. Was redeten die da bloß? Glaubten sie wirklich, dass ihr Großvater nicht gern von der Familie Abschied genommen hätte, die er so sehr geliebt hatte: von ihrer Mutter, Lucia, deren Schwester Ann Angela (die eigentlich Anna Angelica hieß, was aber ein bisschen lang war), von Gino und … na ja, von ihr?

Die Beerdigung, zu der sie hastig angereist war, fand Marisa besonders schwierig. Ihre Großmutter, Nonna, trug Schwarz und werkelte wütend in der Küche herum, um bloß die ganze Zeit beschäftigt zu sein. Sie kochte wie für eine ganze Armee, was aus Marisas Sicht eine Weigerung war, sich den Ereignissen zu stellen.

Und dann kamen so viele Menschen – Cousins und Cousinen, alle möglichen anderen Verwandten, Freunde, der verdammte Metzger und Bäcker, einfach Hinz und Kunz.

Alle versicherten, wie sehr sie den Verstorbenen geliebt hatten (was im Umkehrschluss auch bedeuten sollte, dass er sie geliebt hatte), und die ganze lärmende Sippe wurde Marisa an jenem nassen italienischen Oktobertag einfach zu viel.

Angesichts des lauten Stimmengewirrs zog sich Marisa, die immer schon still gewesen war, nur noch weiter in ihr Schneckenhaus zurück. Inmitten des Tohuwabohus fragte sie sich, ob die Liebe, die sie für ihren Großvater empfunden hatte, vielleicht nur wenig bedeutet hatte. Auch er war ein ruhiger Zeitgenosse gewesen.

Marisa sehnte sich so sehr danach, ihre kleine Hand in Nonnos große zu schieben, und konnte einfach nicht fassen, dass sie dieses Gefühl nie wieder verspüren würde.

Doch die Trauer der anderen kam ihr viel lauter und intensiver vor. Deshalb hatte Marisa ihre eigene Trauer mit nach Hause genommen, wo sie in ihrem Inneren ruhen und wachsen konnte. Und so bauten sich nach und nach immer neue Lagen auf, verhärteten sich und hielten Marisa fest wie ein inneres Gefängnis. Während die Monate verstrichen, fand Marisa es zunehmend schwieriger, auch nur das Haus zu verlassen.

»Meinst du nicht, du solltest dir mal die Aura reinigen lassen?«, fragte Caius sie eines Tages, woraufhin sie ihn nur fassungslos anstarrte.

Aber Caius gehörte zu den Menschen, die nicht merkten, wenn sie etwas Unpassendes von sich gaben. Vermutlich würde er es nicht einmal glauben, wenn man es ihm ins Gesicht sagte.

Man hatte ihn aus den USA hergeschickt, damit er hier, wo ein Onkel von ihm wohnte, irgendein teures Studium absolvierte.

Aber Marisa hatte ihn nicht zu einer einzigen Lehrveranstaltung gehen sehen.

»Mann, du musst einfach mal losziehen und dich so richtig betrinken«, schlug ihre beste Freundin Olive vor, aber auch das brachte Marisa nicht über sich.

Sie tat regelmäßig so, als hätte sie abends Pläne mit Arbeitskollegen, was eine glatte Lüge war. Ansonsten hätte sie als Ausrede nur vorbringen können, dass sie ein Date hatte, was ja auch nicht zutraf.

Wenn sie ehrlich gewesen wäre, hätte sie zugeben müssen, dass sie sich gelegentlich wieder mit Mahmoud verabredete. Aber den hassten ja alle, weil er ein fauler Schnorrer war, ein echter Loser (allerdings ein wirklich, wirklich gut aussehender und fitter fauler Schnorrer und Loser), daher verschwieg Marisa auch das lieber.

Sie war jetzt neunundzwanzig, und beim Thema Liebe sah es bei ihr … na ja, nicht direkt mau aus. Aber wegen ihrer zurückhaltenden Art fehlte ihr manchmal der Mut dafür, einem Menschen zu sagen, dass sie ihn so sehr nun doch nicht mochte. Und dann plätscherte die Beziehung weiter vor sich hin.

Bei anderer Gelegenheit fehlte ihr im Gegenteil gerade eben der Mut für das Geständnis, dass sie jemanden wirklich mochte, und dann war ihre Chance irgendwann vorbei.

Als Olive zum Beispiel etwas von Keegan gewollt hatte, hatte sie zu falschen Wimpern und Push-up-BH gegriffen und war einfach überall da aufgetaucht, wo er anzutreffen war. Und jetzt hatten sie sich zusammen eine Wohnung gekauft und versuchten, ein Baby zu bekommen.

Und natürlich freute sich Marisa für sie, denn das war schließlich toll. Aber sie fand eben, dass die Welt für selbstbewusste Menschen wie Olive einfacher war als für schüchternere Frauen.

Olive wies sie immer wieder darauf hin, dass Mahmoud sie wie einen Fußabtreter behandelte. Aber dadurch fühlte sich Marisa auch nicht besser, denn es stimmte leider.

Na ja, sie hatte sowieso keine Lust mehr, nur bei ihm vorbeizuschauen, um ihm beim Computerspielen zuzusehen – Mahmoud war in der Regel zu faul oder zu bekifft, um zu ihr zu kommen –, daher war das sowie nicht mehr so wichtig.

Es war für Marisa leichter, überhaupt nicht mehr auszugehen und lieber zu Hause alte Briefe ihres Großvaters zu lesen oder Fotos von einem jener Sommerabende hervorzukramen.

Sie sagte sich, dass sie morgen wieder etwas unternehmen würde, oder vielleicht am Wochenende.

Bei der Arbeit bat sie darum, mehr und mehr Verwaltungstätigkeiten übernehmen zu dürfen, für die sie nicht ins Büro musste.

Das wunderte Nazreen, ihre Chefin. Marisa hatte immer ein Händchen für den direkten Kontakt zu den Bürgern gehabt – sie war nicht extrovertiert, hatte den Leuten mit ihrer ruhigen Art aber ein Gefühl von Sicherheit vermittelt.

Doch jetzt war sie so furchtbar scheu geworden. Die Begegnungen mit Menschen waren gerade das Spannende an ihrem Job, waren es immer gewesen.

Nazreen verstand das alles nicht, war aber zu beschäftigt, um der Sache auf den Grund zu gehen. Da Marisa weiterhin eine effiziente Mitarbeiterin war, ließ sie es gut sein.

Seltsamerweise war ausgerechnet Caius derjenige, der nicht lockerließ. »Bist du heute schon deine zehntausend Schritte gegangen? Das könntest du auch mit einem Mantra machen!«

»Nein danke.«

»MDMA?«

»Nein!«

»Okay. Hey, was essen wir denn heute Abend?« Flehentlich sah er sie an.

Als Marisa eingezogen war, war er zufrieden gewesen: Sie war nett, ordentlich, hübsch, allerdings nicht sein Typ. (Das war ungewöhnlich, da Caius’ Typ normalerweise so ziemlich alle mit einschloss.) Und das Beste an seiner neuen Untermieterin: Sie konnte kochen.

Caius aß nicht viel – man blieb nicht so schlank und cool wie ein Model, wenn man gern futterte. Aber wenn er etwas zu sich nahm, dann sollte es nur vom Feinsten sein.

Mit alldem war jetzt jedenfalls Schluss.

Marisa wirkte müde und traurig und verzweifelt, und es gab nie irgendwas zu essen. Es machte überhaupt keinen Spaß mehr mit ihr.

So viel war auch Marisa selbst klar, in deren Innerem sich alles vor Angst zusammenzog. Was war denn nur mit ihr los? Sie wurde doch nicht verrückt, oder?

Ihr … war einfach die Lust, rauszugehen, vergangen, weil ihr die Welt mehr Angst machte als früher. Und es störte doch niemanden, wenn sie zu Hause blieb, oder? Damit fiel sie ja niemandem zur Last. Wenn sie sich einfach still und leise zurückhielt …

Manchmal wachte sie allerdings mitten in der Nacht panisch keuchend auf und dachte: Mein Leben zieht an mir vorbei.

Dann hatte sie Schwierigkeiten, Luft zu bekommen. Weil sie irgendetwas tun wollte, ließ sie sich ein so heißes Bad ein, dass sie es in der Wanne kaum aushielt. Das Wasser brannte auf ihrer Haut und verjagte ihre Gedanken in einer Dampfwolke, während Marisa in die dunkle Nacht hinausstarrte und sich fragte: War es das also?

Weihnachten hatte die Situation deutlich verschlimmert. Lucia hatte sich ein großes Fest mit der ganzen Familie gewünscht, damit sie zusammenkommen und gemeinsam des Großvaters gedenken konnten. Allein die Vorstellung hatte Marisa mit Panik erfüllt.

Am Ende hatte sie es nicht geschafft hinzufahren, es nicht über sich gebracht, allen wieder gegenüberzutreten, diesen lauten, fröhlichen Menschen, die einfach mit ihrem Leben weitermachten.

Sie hatte nach etwas anderem gesucht, was sie über die Feiertage tun konnte, und Ausreden vorgebracht, von denen Lucia aber nichts hatte hören wollen.

Marisas Bruder, Gino, hatte sie erfolglos zu überreden versucht, und es war zu einem Eklat in der Familien-Whatsapp-Gruppe gekommen. Am Ende hatte Lucia angerufen, dramatisch Tränen vergossen und ihre Tochter egoistisch genannt. Die ganze Sache hatte sich nach und nach zu einem dieser hitzigen Familienstreits entwickelt.

Wenn so etwas passierte, stand am Ende normalerweise jemand auf und machte sich Tee, um nach einer quälend langen Zeit zu rufen: »Will noch jemand eine Tasse?« Und danach war alles wieder in Ordnung.

Aber da sie dieses Mal räumlich voneinander getrennt waren, passierte das eben nicht, und so kam es auch nicht zu einer Versöhnung. Das war sowohl für sie selbst als auch für ihre Mutter ein Schock gewesen, dachte Marisa.

Lucia kannte ihre Tochter eigentlich als fügsames, stilles Mäuschen, doch diesmal hatte Marisa ihr die Stirn geboten.

Dabei wusste Marisa tief in ihrem Inneren selbst, dass das keine gute Idee gewesen war: Sie hätte bei ihrer Familie sein sollen.

Die Schuldgefühle darüber fügten ihrem inneren Verlies aus Stein eine weitere Schicht hinzu, was sie nur noch mehr herunterzog und ans Haus fesselte. Lage um Lage von Traurigkeit, Gram und Sorge lähmten sie so sehr, dass Marisa zum Schluss gar nichts mehr machen konnte.

Letztendlich hatte sie Weihnachten allein verbracht und dabei immer wieder fiese Nachrichten von ihrer Mutter bekommen, in denen Lucia unverhohlen behauptet hatte, dass ihre Tochter mit der ganzen Aktion nur Aufmerksamkeit heischte.

Inzwischen arbeitete Marisa komplett von zu Hause aus und hatte immer noch keine Termine für Therapiesitzungen beim National Health System. Nach drei Monaten hatten sich die Dinge nicht verbessert, sondern verschlechtert.

Und im Anschluss an die Party traf Caius eine Entscheidung, die alles nur noch schlimmer machen würde.

Kapitel 4

»Also«, Caius schaute sie bedauernd an. »Okay, als Erstes solltest du wissen, dass das nicht nur von mir kommt, klar? Ich hab mit all meinen Therapeuten darüber gesprochen, und die sind geschlossen meiner Meinung.«

Marisa starrte ihn an. Es war vier Uhr nachmittags an einem Montag, und sie trug immer noch ihren Morgenmantel. Sie hatte sich auf Instagram durch ein endloses Meer von Bildern geklickt: Ihre Freunde waren am Vortag auf einer Feier auf einem Schiff gewesen. Obwohl dieses Schiff nirgendwo hingefahren war, hatten offensichtlich alle einen Riesenspaß gehabt, wie die Fotos zeigten, auf denen sie enorme Cocktails schlürften. Aus irgendeinem Grund hatte dabei jeder einen lächerlichen Hut aufgehabt, oder vielleicht hatte für die Aufnahmen auch derselbe Hut die Runde gemacht. Es sah jedenfalls so aus, als hätten sich alle bestens amüsiert. Nachdem sie immer wieder dankend abgelehnt hatte, war Marisa dieses Mal nicht einmal eingeladen worden.

Am Anfang hatten sich ihre Freunde auch besorgt und mitfühlend gezeigt. Aber da sich nichts geändert hatte, Marisa nichts mehr unternahm und sich Gespräche mit ihr auf ihre krampfhaften Beteuerungen beschränkten, dass es ihr gut ging … na ja.

Natürlich hatten ihre Freunde sie gern, aber sie konnten eben nicht viel ausrichten. Die Mauer, die Marisa um sich herum hochgezogen hatte, war so solide wie die Wände ihrer Wohnung, und niemand hatte das passende Werkzeug, um sie einzureißen.

Caius versuchte es zumindest. »Die Sache ist die … Du verbreitest echt voll die negative Energie.«

Marisa bemerkte, dass ihr Morgenmantel ein paar Soßenflecken von Dosenspaghetti hatte, und runzelte die Stirn.

»Deshalb ist es ganz schön schwierig, mit dir zusammenzuwohnen.« Das kam ausgerechnet von Caius, der alle fünf Minuten eine Party schmiss und überall leere Flaschen rumstehen ließ. Manchmal tauchten auch unversehens irgendwelche komischen Typen in der Wohnung auf, vor denen sich Marisa aus Angst im Bad versteckte.

Ihre Stirn war immer noch gerunzelt, als sie ihn ansah. »Im Ernst? Ich bin still und ordentlich und zahle immer pünktlich die Miete.«

Caius holte tief Luft. »Ehrlich gesagt bist du traurig und seltsam und gruselig. Das ist ein bisschen so, als würde ich mit diesem Toilettengeist aus Harry Potter zusammenleben.« Er nickte. »Weißt du, ich bin deshalb so offen und ehrlich, weil ich nur dein Bestes will.«

Plötzlich fühlte sich Marisa ganz taub. Wollte er sie etwa rausschmeißen? Das durfte nicht sein, wo sollte sie denn hin? Die Vorstellung, sich etwas Neues suchen zu müssen … war viel zu Furcht einflößend. Die machte ihr wirklich Angst.

Ihre Mutter würde sie natürlich gern bei sich aufnehmen, aber eigentlich redeten sie seit Weihnachten nicht mehr miteinander.

Lucia konnte einfach nicht begreifen, was mit ihr los war. Sie hatte ihre Tochter gebeten, es ihr zu erklären, aber Marisa verstand es ja selbst nicht.

Außerdem war ihre Mutter ein Mensch, dessen Tür immer allen offen stand. Zu jeder Tages- und Nachtzeit kamen Freunde von ihr vorbei oder Leute von den Wohltätigkeitsorganisationen, mit denen sie zusammenarbeitete, vom Chor, von der Kirchengruppe … eine endlose Parade. Da brauchte sie nicht auch noch Marisa.

Dadurch, dass ihr Großvater ebenfalls eher zurückhaltend gewesen war, waren Marisa und er sich sehr ähnlich gewesen.

»Gleich und gleich gesellt sich gern«, hatte ihre Mutter oft gesagt, und diese Bemerkung hatte Marisa immer glücklich gemacht.

»Ich bin kein Toilettengeist«, murmelte sie jetzt.

»Das weiß ich«, antwortete Caius in vernünftigem Tonfall. »Yeah, aber sagen wir mal, du wärst einer: Würde sich dein Verhalten dann groß vom momentanen unterscheiden?«

In einem Spiegel auf der anderen Seite des Raumes erhaschte Marisa einen Blick auf sich.

Ihr Gesicht war unglaublich blass. Ihre olivfarbene Haut nahm beim kleinsten Sonnenstrahl Farbe an, aber sie war ja das ganze Jahr noch nicht draußen gewesen. Das schwarze Haar wirkte schlapp und matt, die Augenbrauen wucherten unkontrolliert. Marisa sah ehrlich gesagt viel älter aus, als sie war, und ihre Mutter hätte einen Anfall bekommen.

»Du schmeißt mich also raus?«, fragte Marisa verwirrt und ängstlich.

Caius seufzte. »Ich bin doch kein Monster«, sagte er. »Wirke ich auf dich so grausam? Ist es das, was ich ausstrahle, Grausamkeit? Das war eigentlich nicht der Vibe, den ich im Sinn hatte. Also, ich hab was für dich, was dir sicher gefallen wird.«

»Okay«, murmelte Marisa. Plötzlich fiel ihr das Atmen schwer, und sie war sich ihres Körpers überdeutlich bewusst. Ihr Herz raste, und in ihrer Brust zog sich alles zusammen.

»Also, es ist nicht so, als würde ich dich rausschmeißen … Es zieht vielmehr noch jemand ein, nämlich Binky und Phillip.«

»Beide?«

Binky und Phillip waren ein Pärchen, und Caius hatte seit einiger Zeit mit beiden von ihnen ein Verhältnis.

»Klar«, sagte er. »Einen Versuch ist es wert.«

»Ich dachte, die beiden wüssten nichts voneinander.«

»Äh, ja, das war ursprünglich auch nicht so geplant gewesen, aber …«

Wenn die Situation nicht so schrecklich gewesen wäre, hätte Marisa den Ausgang der Geschichte durchaus zu schätzen gewusst: Es war typisch für Caius, dass er zwei Leute gleichzeitig betrog, ihm aber beide augenblicklich vergaben und auch noch bei ihm einziehen wollten.

Er hob die Hand zu einer Geste, die wohl zum Ausdruck bringen sollte: Ich kann doch nichts dafür, dass ich so attraktiv bin!

»Also«, sagte er, machte einen Schritt auf sie zu und zog seinen Laptop heran, um ihr etwas zu zeigen.

Marisa zuckte zusammen, weil sie körperliche Nähe nicht mehr gut haben konnte, selbst bei Caius nicht.

Er verdrehte die Augen. »Hier, guck dir das Foto an.«

Sie kniff die Augen zusammen, um sich das Bild anzusehen. Es handelte sich um ein kleines Häuschen hoch oben auf einem Hügel, der von Wasser umgeben zu sein schien.

»Was ist das?«

Er zuckte mit den Achseln. »Mein Onkel Reuben wohnt unten in Cornwall und …«

Marisa hatte schon von diesem legendären Onkel gehört, der ein Hightechunternehmen hatte und ein riesiges Anwesen mit eigenem Strand besaß. Im Vergleich zu dessen Vermögen war all das Geld von Caius’ unglaublich reicher Familie nichts, zugleich war dieser Onkel wohl auch das größte Arschloch weit und breit.

»Also, er hat diese Häuschen für Touristen bauen lassen, die Urlaub in der Heimat machen wollen. Aber jetzt stehen die Dinger leer, weil es dort immer in Strömen gießt und die Leute doch lieber nach Spanien fahren. Und da du zum Arbeiten ja nicht aus dem Haus gehst, dachte ich, dass du deinen Job doch von überall aus erledigen kannst. Du brauchst ein bisschen Ruhe und Frieden, ich hingegen nicht …«

Es stimmte. Marisa hatte eine Bescheinigung ihrer Hausärztin vorgelegt und beantragt, fürs Erste weiter im Homeoffice bleiben zu dürfen. Für Nazreen machte es die Dinge komplizierter, weshalb Marisa ein schlechtes Gewissen hatte, aber alles andere war für sie eben zu schwierig geworden.

»Wo ist das?«, fragte Marisa misstrauisch.

»Ich meine, es ist da wirklich sehr malerisch und so …«

»Wo?«

»Ich kann einfach nicht … Das ist einer von diesen furchtbar britischen Namen. Potbeans oder so ähnlich?«

Sie starrte ihn an. »Mount Polbearne?«

Jeder kannte Mount Polbearne. Es handelte sich um eine abgelegene Gezeiteninsel vor der Küste von Südcornwall, eine Touristenattraktion, aber wirklich winzig.

»Du kennst diesen Ort?«

»Natürlich kenne ich ihn – der ist die Hälfte der Zeit vom Festland abgeschnitten, und man kann auf die Insel kein Auto mitnehmen. Im Winter ist sie monatelang quasi unerreichbar, außerdem liegt sie meilenweit weg von allem.«

»Ich dachte«, sagte Caius, »dass genau so etwas perfekt für dich wäre.«

Es klingelte an der Tür, und Marisa blickte besorgt auf.

»Äh, ja, ich hab ein paar Leute eingeladen … zum Abhängen?«, sagte Caius hoffnungsvoll, während Marisa auch schon in ihr Zimmer huschte.

Kapitel 5

Die Party zog sich in die Länge … und zwar bis tief in die Nacht.

Marisa schob den Kopf unters Kissen und musste feststellen, dass sie selbst zum Weinen zu erschöpft war. Das Einschlafen fiel ihr schon lange schwer – vermutlich deshalb, weil sie sich so wenig bewegte, dass ihr Körper einfach nie ausgepowert war. Aber das jetzt brachte sie an ihre Grenzen.

Sie klickte den Link an, den Caius ihr geschickt hatte.

Da hatte sie es vor sich – ein Häuschen, das leer stand und für das sie viel weniger bezahlen würde als für diese tolle Wohnung mitten in einer pulsierenden Stadt. Aber Marisa setzte in diese pulsierende Stadt ja keinen Fuß mehr, blickte ehrlich gesagt kaum noch aus dem Fenster.

Und hatte sie denn eine Wahl? Niemand wollte sie, so sah es doch aus.

Marisa konnte den Gedanken nicht ertragen, mit ihrer Traurigkeit und Schwermut über das erfüllte Leben ihrer Mutter hereinzubrechen.

Natürlich hatte auch Lucia ihren Vater geliebt, sie vertrat aber den weitaus pragmatischeren Standpunkt, dass das Leben dazu da war, gelebt und gefeiert zu werden. Ihr Vater war alt gewesen, sehr alt. Er hatte ein langes, glückliches Leben im Kreise seiner geliebten Familie gehabt und hatte einer Arbeit nachgehen können, die ihn zwar nicht reich, aber zufrieden gemacht hatte.

Rumzuheulen und am Nachmittag noch einen Morgenmantel zu tragen sah Lucia daher mindestens als Zeichen dafür, dass Marisa sich gehen ließ. Im schlimmsten Fall fasste sie es als Schmähung eines Mannes auf, der ein aktives Leben voller Arbeit und Liebe gelebt hatte.

Marisa wusste einfach nicht, wie sie die Kluft überwinden sollte, die sich zwischen ihr und ihrer Mutter aufgetan hatte. Ebenso wenig wusste sie, wie sie die Kluft zwischen sich und dem Rest der Welt überwinden sollte.

Die Vorstellung, aus dem Haus zu gehen und mit fremden Menschen zu sprechen, um sich etwas anderes zu suchen … ließ Marisa erstarren. Nein, das war einfach nicht möglich. Ganz und gar nicht.

Noch einmal schaute sie sich auf der Karte an, wo Mount Polbearne lag.

***

Ihre Freunde versprachen alle, dass sie schon bald zu Besuch kommen würden. Am liebsten hätten sie eine große Abschiedsparty für sie organisiert, doch Marisa behauptete, dass sie dafür zu viel Arbeit hatte.

Sie hatte das Gefühl, dass Olive sich bald verloben würde, was natürlich super war, echt toll! Marisa sollte sich doch für ihre Freundin freuen, tatsächlich empfand sie aber gar nichts. Und das machte ihr wirklich Angst.

Als sie Mahmoud eine Nachricht schrieb, antwortete er nur: Yeah, Babe, komm ruhig vorbei.

Das machte ihr keine Angst, es ließ sie bloß traurig werden. Sie war traurig, weil sie sich wieder einmal mit so wenig zufriedengab, weil sie nicht den Mut dazu hatte, ihre wahren Bedürfnisse zu äußern.

Nazreen war natürlich enttäuscht. Sie wollte Marisa wieder im Büro haben und fragte bloß schneidend, für wie lange das denn sein würde. So viel Verwaltungsarbeit fiel nämlich gar nicht an.

Marisa fügte das zu der langen Liste von Dingen hinzu, um die sie sich Sorgen machen musste.

Ja, sich an einen ruhigen Ort zurückzuziehen, wo sie niemandem im Weg sein würde, war mit Sicherheit eine gute Idee.

Kapitel 6

Da Reubens Sohn in Mount Polbearne zur Schule ging, hatte der Millionär vor einiger Zeit das Schulgebäude der Insel auf Vordermann bringen lassen. Denn für Lowin war natürlich nur das Beste gut genug.

Und wo er schon mal dabei war, hatte Reuben die Gelegenheit für die Entwicklung einer neuen Geschäftsidee genutzt und gleichzeitig ein paar Ferienhäuschen bauen lassen.

Die Renovierung der Schule hatte sich leider zu einem wahren Albtraum ausgewachsen, weil plötzlich jeder im weiteren Umkreis von Mount Polbearne unbedingt seine Kinder dort zur Schule schicken wollte.

Schließlich würde es dort eine coole neue Sporthalle, Musikunterricht, kleine Klassen und einen entzückenden Schulweg geben.

Zusätzlich gab es auch Pläne für ein Kunstzentrum auf der Insel. Zurzeit mauerte das Planungskomitee allerdings, weil Reuben es nur eine begrenzte Zeit lang schaffte, sich anderen Leuten gegenüber nicht unverschämt aufzuführen.

Was die Schulkinder anging, so wurden die auf dem Festland lebenden jeden Morgen mit dem Boot von Archie abgeholt, einem der geschäftstüchtigeren Fischer vor Ort. So waren sie nicht von den Gezeiten abhängig, und die Kinder liebten die Überfahrt einfach.

Selbst Lowin hatte irgendwann die Nase voll davon gehabt, mit der Riva-Jacht allein hinübergebracht zu werden. Er bestand darauf, mit seinen Klassenkameraden auf dem kleinen Außenborder mitzufahren, und trug dabei eine Schwimmweste mit seinem Namen.

Bei den restlichen Kindern war der Name mit Edding darauf geschrieben, bei Lowin hingegen eingestickt.

Sie hatten alle einen Riesenspaß.

Die Schule war also ein großer Erfolg, aber bei den Ferienhäuschen gab es ein kleines Problem: Wegen mehrerer Jahre mit schlechtem Wetter und starkem Regen war es leider nicht möglich gewesen, dort oben eine befestigte Straße anzulegen. Die Häuser standen zwar, aber man konnte nicht ohne Probleme zu ihnen hochfahren, in der Nähe parken, einen Kinderwagen hinaufschieben und so weiter.

Reubens neuer Plan bestand nun darin, die Gebäude Langzeitmietern anzubieten, die nicht alle fünf Minuten auspacken und wieder zusammenpacken mussten. Gleichzeitig wollte er die zuständigen Behörden so lange bearbeiten, bis sie entweder die Straße fertigstellten oder Hoverbikes erfanden.

Bis jetzt hatte er zwei Mieter gefunden: einen russischen Klavierlehrer, der nicht mehr vom Festland pendeln wollte, und die nervige Mitbewohnerin seines Neffen, die Caius gern loswerden wollte.

(Den hatte man gerade deshalb nach Großbritannien geschickt, damit Reuben ein Auge auf ihn haben konnte. Seiner Onkelpflicht kam er vor allem dadurch nach, dass er ihm von Zeit zu Zeit Geld schickte.)

Solange Caius nur zufrieden war, wurde Reuben wenigstens von seiner Schwester in Ruhe gelassen, die mit ihrer dritten Scheidung genug zu tun hatte. Und das war doch schon mal was.

Als sich ihre Familien letzte Woche getroffen hatten, hatte Reuben Polly die Schlüssel für die Häuschen gegeben, damit sie seine Mieter in Empfang nahm. Polly protestierte laut und wendete ein, dass sie ihr eigenes Unternehmen führte und sich nicht einfach mitten am Tag für Reuben freinehmen konnte. Konnte das denn niemand aus seinem millionenschweren Unternehmen für ihn übernehmen, oder vielleicht seine Frau, die ja schließlich nicht arbeitete und daher nichts zu tun hatte?

Darüber lachte die gutmütige Kerensa nur und erklärte, dass sie natürlich zu tun habe, weil sie an dem Tag zur Maniküre müsse, damit Reuben sie nicht für eine Zwanzigjährige verließ.

»Ganz genau!«, rief Reuben aus.

»Tja, früher war nur dein Mann ein reicher Idiot, aber das färbt in der Ehe wohl ab«, murmelte Polly.

Daraufhin meinte Kerensa, dass sie zwei reiche Idioten seien, die ihr hier gerade Champagner nachschenkten, während Lowins Nanny sich um die Kinder kümmerte.

(Polly hatte dazu ihre ganz eigenen Ansichten. Die Nanny hatte nämlich meist genug damit zu tun, hinter Lowin herzurennen. Und sie stellte sich sogar auf dessen Seite, wenn er Avery terrorisierte, was oft passierte. Daisy war der Nanny hingegen eine überraschend ebenbürtige Gegnerin.)

***

Für Polly war am Montagmorgen schon viel los gewesen.

Zunächst einmal hatte sie Huckle versichern müssen, dass seine Geschäftsreise bestimmt erfolgreich sein würde – um sich anzupreisen, musste man selbstbewusst auftreten, und sein attraktives Gesicht hatte heute früh besorgt ausgesehen.

Polly vergötterte Huckle, und auch sein Honig war super, daher hatte sie ihr Bestes gegeben, um ihn ein wenig aufzumuntern.

Dann hatte sich Avery auch noch eine von Daisys gestreiften Strumpfhosen um den Hals gelegt und sie zu seiner Hausschlange Jiminy erklärt. Das hatte für einigen Wirbel gesorgt, nicht nur, als Avery auf dem Weg zur Schule mit der Strumpfhose an einer Türklinke hängen geblieben war und sich beinahe erwürgt hätte.

Und jetzt stand Mrs Bradley vor Polly und überlegte: »Was nehme ich denn heute? Mal wieder Pasteten?«

»Ich versuche ja, bei meinem Angebot für Abwechslung zu sorgen! Aber als ich es mit Chilibrot probiert habe, hat eine Woche lang niemand mehr mit mir geredet.«

Und Neil hatte davon den schlimmsten Durchfall bekommen, den ein Vogel je gehabt hatte, aber das erwähnte Polly wohl besser nicht.

Tatsächlich könnte sie zusätzliche Einnahmen durch neue Produkte wirklich gut gebrauchen.

»Ich nehme vier Pasteten«, sagte Mrs Bradley schließlich.

Polly lächelte, als bei ihrem Weg hinaus das Türglöckchen läutete, und schaute müde auf, als es sofort wieder erklang.

»… äh, Entschuldigung?«

Die Stimme war so leise, dass Polly die Fremde erst beim zweiten Mal verstand.

Vor ihr stand eine kleine, rundliche Frau mit schwarzem Haar und liebem Gesicht. Ihre Haut war so blass, als wäre sie schon lange nicht mehr in der Sonne gewesen, und sie schaute Polly aus großen, seltsam ängstlichen Augen an.

Kapitel 7

»Keine Sorge«, hatte Caius unbekümmert gesagt. »Da ist es viel schöner als hier, es ist billiger, und es wird keine Partys geben.«

Marisa informierte die Arztpraxis darüber, dass sie umzog. Wegen der Therapie hatte man sich immer noch nicht bei ihr gemeldet.

»Soll ich dir mit deinen Sachen helfen?«, fragte Caius fröhlich.

Marisa zuckte teilnahmslos mit den Achseln und ließ sich einfach vom Strom der Ereignisse mitreißen.

Am Tag vor ihrem Auszug erschienen ein riesiger Muskelprotz namens Phillip und eine unfassbar vollbusige Frau namens Binky in der Wohnung. Sie zeigten sich höflich, aber zielstrebig, als sie anfingen, Marisas Habseligkeiten in Kartons zu packen.

Dabei klagte Phillip allerdings die ganze Zeit darüber, dass diese Beuge- und Hebebewegungen seinen Trainingsplan durcheinanderbringen würden, und legte alle zwanzig Minuten eine Pause ein, um vier rohe Eier zu schlucken.

Marisa hatte so ihre Zweifel, dass er wirklich ein besserer Mitbewohner sein würde als sie.

Aber die gut gelaunte, rundliche Binky, die einen riesigen Overall trug, fand sie schon nett.

Marisa konnte ja im Leben nicht begreifen, warum sich jemand freiwillig gleich zwei Männer aufbürden sollte.

Binky wirkte allerdings glücklich und zufrieden, und da sie munter vor sich hin plapperte, brauchte Marisa nicht groß den Mund aufzumachen.

Sie gewann dabei eine unfassbare Fülle von Einsichten in polyamore Beziehungen und war vor allem von der Zeitaufteilung beeindruckt.

»Was interessiert dich denn so – Männer oder Frauen?«, fragte Binky heiter, so als würde sie über das Wetter plaudern.

»Äh, meistens Männer«, sagte Marisa, die sich ziemlich fade vorkam, und starrte auf ihre Schuhe.

»Und, was genau gefällt dir?«

Sie zuckte mit den Achseln. Das hatte meistens davon abgehangen, wen sie so getroffen hatte.

»Dir steht ja die ganze Welt offen!«, verkündete Binky fröhlich. »Ich glaube, jemanden aus Cornwall hatte ich noch nie.«

»Statistisch gesehen schon«, bemerkte Phillip ungerührt.

»Hm, ja, statistisch gesehen«, murmelte Binky, während Marisa mit hängendem Kopf nach einem Karton griff und nach draußen huschte.

Caius überreichte ihr zum Abschied eine große Flasche Champagner. »Hier. Viel Glück! Wir sehen uns bestimmt mal, ich verpasse nämlich keine von Onkel Reubens Partys. Er schmeißt einfach die besten Partys! Und du kannst da hoffentlich ein bisschen entspannen. Falls du je wieder zu kochen anfängst, melde dich doch bitte, bitte bei mir, okay?«

Er schenkte ihr sein gewinnendstes Lächeln, das, bei dem ihm die Haare ein kleines bisschen über die Augen fielen, und Marisa hätte ihn beinahe umarmt. Aber inzwischen ertrug sie ja keine Umarmungen mehr, also lehnte sie sich stattdessen nur ein wenig vor.

Dann stieg sie eilig in ihr winziges Auto, in dem sie sich sicher fühlte, obwohl sie es seit einem Jahr kaum benutzt hatte.

***

Die Reise mit dem Auto war gar nicht so schlimm – wenn man so zaghaft fuhr wie Marisa, riskierte man keine Konflikte, und sie fühlte sich im Wagen geschützt. Das war der einfache Teil.

Als die berühmte zerklüftete Silhouette von Mount Polbearne in Sicht kam, war Ebbe. Daher lag der alte Fahrdamm frei, der just breit genug für einen Lieferwagen war.

Marisa ließ ihr Auto allerdings auf dem Parkplatz auf dem Festland stehen.

Es war ein grauer Morgen, aber durch die Wolken hindurch fiel ein schmaler Sonnenstrahl, der gerade eben den Hügel erhellte. Eine halb verfallene Kirche, die schon seit Aberhunderten von Jahren ganz oben thronte, wachte über verwinkelte Straßen mit einer bunt zusammengewürfelten Ansammlung von Häuschen, die sich wie trunken aneinanderlehnten. Erbaut waren sie aus dem grauen Schiefer dieser Gegend, die so lange die Heimat von Mönchen und Fischern gewesen war.

Mönche gab es längst keine mehr, Fischer schon, aber noch viel mehr Wochenendhäuschen, Touristenattraktionen, Hotels und Frühstückspensionen.

Selbst zu Anfang der Saison schlenderten bereits Menschen mit einem Eis in der Hand über die Promenade und schossen Fotos, während am Hafenbecken Kinder mit kleinen Keschern herumhantierten.

Es war wirklich viel los, wie Marisa ein wenig angespannt feststellte. Gott, auf dem Weg nach oben würde sie an all diesen Leuten vorbeimüssen.

Man hatte ihr gesagt, dass sie den Schlüssel in der Bäckerei abholen könne. Aber wenn sie die nicht fand? Und dann würde sie ja auch mit jemandem sprechen müssen. O Gott, hier rollte das Leben gerade über sie hinweg, und das gefiel Marisa gar nicht. Tief durchatmen, dachte sie. Tief durchatmen. Ich hab es geschafft, Nonno, sagte sie in Gedanken. Bis hierher hab ich es geschafft. Spaß hat es nicht gemacht, aber jetzt bin ich da.

***

Eigentlich wollte Polly die Frau instinktiv fragen, ob alles in Ordnung war. Da ihr das aber furchtbar unhöflich erschienen wäre, schluckte Polly die Frage hinunter und sagte stattdessen: »Hallo, was hätten Sie gern?«

Es war die dritte neue Person, mit der Marisa innerhalb von zwei Tagen sprechen musste. Leider wurde es trotzdem nicht einfacher, weshalb sie sich mit dem Rücken gegen die Wand presste.

Dabei hätte die Frau von der Bäckerei mit dem rotblonden Haar und dem offenen, freundlichen, von Sommersprossen übersäten Gesicht kaum weniger bedrohlich wirken können.

Aber plötzlich schien die wahre Dimension der Dinge über Marisa hereinzubrechen. Sie befand sich an einem fremden Ort, an dem sie niemanden kannte, weil man sie aus ihrer Wohnung geworfen und einfach woanders hingeschickt hatte. Wahrscheinlich würde sie jetzt auch noch ihre Arbeit verlieren und nie wieder zur Normalität zurückkehren.

Da sich die Situation zwischen ihrer Mutter und ihr immer noch nicht entspannt hatte, hatte Marisa ihr nicht einmal von dem Umzug erzählt. Von Lucia würden ja doch nur dieselben Sprüche wie immer kommen: Sie solle entweder nach Hause zurückkehren, sich endlich zusammenreißen oder es doch mal mit Antidepressiva oder so versuchen.

Und jetzt sollte sie auf eine ganz einfache Frage antworten, was eigentlich ein unkomplizierter Vorgang war. In dieser Situation musste sich Marisa nicht zum ersten Mal eingestehen, dass sie es zu weit hatte kommen lassen. Sie kämpfte nämlich gegen eine Panikattacke an.

Es half alles nichts: Wenn sie jetzt nicht die warme, duftende Bäckerei verließ, würde sie keine Luft mehr kriegen.

Und wenn sie keine Luft kriegte, würde sie gleich ersticken und sterben. Ihr Herz raste so schnell, als drohte es zu explodieren, und ihr stockte der Atem. Verzweifelt rang Marisa nach Luft, stürzte mit weit aufgerissenen Augen zur Tür und griff nach der Klinke.

Besorgt schaute die Bäckerin sie an. »Alles in Ordnung?«

Rot vor Scham riss Marisa die Tür auf. Sie war außerstande, der Fremden ihr Problem zu erklären.

In diesem Moment nahm sie eine Bewegung wahr, und mit viel Schwung flog etwas in den Laden, das aussah wie ein absolut nicht aerodynamischer Football.

Marisa war so verblüfft, dass sie für einen Moment ihre Panikattacke vergaß. Sie hörte, wie ihr ein kleiner Laut entfuhr, und spürte, wie sie nach Luft schnappte. Ihr Körper nahm instinktiv einen tiefen Zug der frischen Meeresbrise, die durch die offene Tür hereinströmte, und dann noch einen.

»Ach du je«, sagte die Verkäuferin und eilte zu ihr. »Setzen Sie sich doch erst mal.« Sie deutete auf das Fenstersims. »Und tief durchatmen! Es tut mir ja so leid. Gott, kein Wunder, dass Sie einen Schrecken bekommen haben.«

Dann wandte sie sich ab. »Was hab ich dir gesagt?«

Plötzlich schimpfte die rothaarige Frau mit … ja, was zum Teufel war das denn nur? Ein Vogel, ja! Es handelte sich um einen Papageientaucher, stellte Marisa fest, während sie gegen ein leichtes Schwindelgefühl ankämpfte.

Im richtigen Leben hatte sie noch nie einen gesehen und nicht einmal gewusst, dass es hier in der Gegend welche gab. Eigentlich hätte sie gedacht, dass die hoch im schottischen Norden lebten. Zu Marisas Verblüffung drehte der Vogel eine Runde durch den Laden und landete sanft auf der Schulter der Bäckerin.

Marisa wurde bewusst, dass sie mit aufgerissenem Mund dasaß. Sie atmete weiter die frische salzige Seeluft ein und hatte das Gefühl, sich dadurch ein bisschen zu beruhigen.

»Es tut mir leid«, sagte die Frau wieder. »Er weiß genau, dass er hier nicht reindarf. Die Richtlinien für Gesundheitsschutz und Sicherheit erwähnen zwar nicht ausdrücklich Papageientaucher, aber die sind wohl mit inbegriffen. Böser Vogel!« Während sie das sagte, rieb sie dem Tier allerdings liebevoll die Krallen, woraufhin es ein fiependes Geräusch von sich gab. »Du hast hier nichts zu suchen! Entschuldigung, womit kann ich Ihnen helfen?«

Endlich fand Marisa ihre Stimme wieder. »Äh, ich bin wegen des …«

In diesem Moment wurde die Tür mit einem Ruck weiter aufgeschoben, und zwei kleine Kinder stürmten herein. Mal abgesehen davon, dass sie sich auf die Bäckerin stürzten, hätten auch die rotblonden Haare des Mädchens verraten, dass es sich um ihre Sprösslinge handelte.

»Habt ihr etwa Neil vorgeschickt?«, fragte die Frau.

»Wir haben mit ihm darüber geredet, und er hat versprochen, dass er nicht in die Bäckerei fliegt«, erklärte das Mädchen feierlich. »Aber er hat gelogen.«

»NEIL!«, rief der Junge. »KOMM HER!«

Der Vogel tat nichts dergleichen und betrachtete die beiden nur mit knopfäugiger Verachtung.

Hinter den Kindern betrat jetzt ein unglaublich großer Mann den Laden und starrte lächelnd die Bäckerin an. »Sind Sie Pirat?«, fragte er. Er hatte einen dunklen Wuschelkopf, trug einen Vollbart und sprach mit starkem Akzent.

Die Bäckerin sah ihn irritiert an, bis ihr klar wurde, dass die Frage mit dem Vogel auf ihrer Schulter zu tun hatte. »Nein, ich bin die Bäckerin«, sagte sie gut gelaunt. »Neil, husch, husch!«

Als sie die Tür aufmachte, flog der kleine Vogel nach draußen, aber jetzt schien ihr etwas in den Sinn zu kommen.

»Kommen Sie etwa von der Gesundheitsbehörde?«, fragte sie den Mann nervös.

»Nein, ich bin Klavierlehrer, Alexei Batbayar«, stellte sich der riesige, zottelige Fremde vor.

»Bat-BAY-ar«, wiederholte das kleine Mädchen fasziniert.

»Er sieht aus wie ein Bär«, flüsterte ihr Bruder. Es war kein besonders leises Flüstern.

»Ich komme wegen Schlüssel«, erklärte der Mann.

»Ah, natürlich, Sie sind Reubens neuer Mieter!«, sagte die Bäckerin. »Er hat mir Bescheid gesagt, dass Sie vorbeischauen würden.«

»Ein Bär als Klavierlehrer wäre doch toll«, sagte der Junge wieder in zu lautem Flüsterton.

»Er ist aber kein Bär«, flüsterte das Mädchen genauso laut zurück. »Das ist RASSISTISCH.«

Der Junge runzelte die Stirn. »Wieso, wir mögen Bären doch!«

Mr Batbayar betrachtete aufmerksam die Backwaren.

Es gab natürlich Pasteten, dazu Scones, Gemüsekuchen, wundervolles Sauerteigbrot und sauber aufgereihte, verführerische Kuchen, unter anderem kleine Erdbeertörtchen.

Die mandelförmigen braunen Augen des Mannes leuchteten.

»Es tut mir so leid«, sagte die Bäckerin zu ihm, während sie in ihrer Schürzentasche herumkramte und einen klimpernden Schlüsselbund fand.

»War das rassistisch von Avery, Mummy?«, erkundigte sich ihre Tochter.

Die Frau zog eine Grimasse und zischte: »Nein, nur ein bisschen unhöflich.«

»ABER! WIR! MÖGEN! BÄREN! DOCH!«

Die Bäckerin händigte den Schlüssel und eine Mappe mit Hinweisen aus. »Okay, das Häuschen steht ganz oben auf dem Hügel, noch weiter oben als die Schule.«

»Entschuldigen Sie, Mr Bat-BAY-ar, kennen Sie IRGENDWELCHE BÄREN?«, fragte der Junge.

Der Mann schaute ihn verwirrt an. Offensichtlich hatte er vorher nicht zugehört.

»Ich … du denkst, dass ich bin Bär? So wie … GRRRRRR!«

Als er ein Knurren von sich gab, die riesigen Hände hob und damit Klauen andeutete, stießen die Geschwister ein zugleich begeistertes und ein wenig panisches Quieken aus.

»Kinder!«, rief die Bäckerin gequält. »Hört auf damit!«

»O ja! Ich kenne viele gefährliche Bären. Sie spielen nicht gut Klavier, aber sie bezahlen mit Chonig, deshalb ich bin nicht traurig.«

»Unser Vater macht Honig!«

»Ist er Bär?«, fragte Mr Batbayar.

Diese Frage war den beiden bisher nicht in den Sinn gekommen, und sie rissen die Augen noch weiter auf.

So langsam ging ihrer Mutter die Sache wohl ein bisschen zu weit. »Also, wenn Sie der Sandy Lane bis zum Ende folgen, wo sie plötzlich aufhört … Leider ist die Straße noch nicht fertig, einer der Gründe dafür, dass die Miete so günstig ist.«

Der Mann nickte.

»Es ist das zweite Haus rechts.«

»Danke.« Dann wandte er sein bärtiges Gesicht noch einmal den Geschwistern zu. »Und ihr seid brave Kinder, oder ich FRESSE EUCH!«

Entsetzt quiekten die beiden und rannten zu ihrer Mutter, um sich hinter ihr zu verstecken.

»Mr Batbayar macht nur Spaß«, versicherte sie.

»Nein, ich mache nicht NUR SPASS!«, widersprach er. »Mjam, mjam. Ich bin Bär mit große Chunger! Kann ich bitte chaben vier von … rote Kuchen? Wenn ich cheute nicht kann fressen Kinder.«

Die Bäckerin packte ihm vier Erdbeertörtchen ein und nahm sein Geld entgegen.

»Schönen Tag!« Das Türglöckchen klingelte, als er den Laden verließ.

Kapitel 8

»Puh«, machte Polly. »Er hat doch nur Spaß gemacht, Avery! Ich hoffe, du weinst nicht.«

»NEIN!«, versicherte Avery tapfer, aber Polly graute jetzt schon vor dem Schlafengehen.

»In Wirklichkeit ist er gar kein Bär.«

»Aber er hat doch gesagt, dass er Hunger hat und mich fressen will!«

Polly dachte nicht zum ersten Mal, dass sie mal ein Wörtchen mit Reuben darüber reden musste, wie er seine Mieter aussuchte.

»Äh … tut mir leid«, sagte sie jetzt zu der Kundin.