Happy Ever After – Wo Geschichten neu beginnen - Jenny Colgan - E-Book

Happy Ever After – Wo Geschichten neu beginnen E-Book

Jenny Colgan

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Beschreibung

"Noch ein wunderbares Lesevergnügen von Jenny Colgan, der Queen of feel-good!" Woman's Weekly Mit "Wo Geschichten neu beginnen", dem dritten Band der "Happy Ever After-Reihe", liefert die SPIEGEL-Bestsellerautorin Jenny Colgan (u. a. "Die kleine Bäckerei am Strandweg" und "Die kleine Sommerküche am Meer") ihren Lesern und Leserinnen erneut einen zauberhaften Sommerroman, ein Buch wie Balsam für die Seele. Sie erzählt darin die Geschichte von zwei Menschen, die von Veränderung träumen – und die Liebe finden.   Die Londoner Krankenschwester Lissa kümmert sich um alle, nur zu wenig um sich selbst. Erst ein traumatisches Erlebnis macht ihr klar, dass sie eine Auszeit braucht: irgendwo, wo es ruhig ist, alle nett zueinander sind und der Himmel unendlich scheint. Das schottische Heimatdorf des Ex-Soldaten Cormac ist Idylle pur, aber ihm fehlen neue Impulse. So tauschen die beiden für drei Monate ihre Wohnungen. Per Mail helfen sie einander, sich in der jeweils neuen Heimat zurechtzufinden. Anfangs geht es um ganz alltägliche Fragen, doch aus dem leichten Geplauder wird nach und nach mehr: Was als kleine Atempause startet, wird zum Beginn einer ganz neuen Geschichte …   "Die Landschaftsbeschreibungen sind so wunderbar, dass ich mich schnurrstracks in die schottischen Highlands aufmachen wollte." Daily Mail "Die romantische Geschichte versorgt den Leser mit einer dringend nötigen Dosis Glück" Woman "Dieser Roman wird Sie zum Lächeln bringen!" Bella

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Mehr über unsere Autoren und Bücher:

www.piper.de

Für alle, die einen Organspendeausweis haben

Aus dem Englischen von Sonja Hagemann

© Jenny Colgan 2020

Titel der englischen Originalausgabe: »500 Miles from you«,

Little Brown Book Group, an Hachette UK Company, London, 2020

© der deutschsprachigen Ausgabe:

Piper Verlag GmbH, München 2021

Redaktion: Kerstin Kubitz

Covergestaltung: zero-media.net, München

Coverabbildung: Illustration: Kate Forrester

und ein weiteres Motiv von FinePic®, München

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Inhalt

Cover & Impressum

Zitat

Teil 1

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Teil 2

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Teil 3

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

Kapitel 73

Kapitel 74

Kapitel 75

Kapitel 76

Kapitel 77

Kapitel 78

Kapitel 79

Kapitel 80

Kapitel 81

Kapitel 82

Kapitel 83

Kapitel 84

Danksagung

Zwei Lehrerinnen haben wir,die eine sanft mit milder Stimm’.Mit einem Lächeln für uns Schülereilt sie leis’ von hier nach da.Als Liebe ist sie wohlbekanntund meidet die Kollegin Leid.

So scheint es oft; doch dann, zuweilen,treffen, ja küssen sie sich gar.Und ähneln plötzlich sich so sehr,dass ich mich frag’, wie es nur kommt.Welch Wandel mich da zweifeln lässt,Wer vor mir steht – Lieb’ oder Leid.

Susan Coolidge, aus »In School« in What Katy Did

Teil 1

Kapitel 1

Alles hätte eigentlich mit unheilvollen schwarzen Krähen beginnen sollen, mit viel Raunen und Flattern, bösen Vorzeichen am Himmel, heranziehenden riesigen, dunklen Sturmwolken und Uhren, die dreizehn Mal schlagen.

Tatsächlich aber stand am Anfang ein ziemlich würdeloser Streit mit einer alten Dame über eine Tafel Schokolade.

»Aber Sie halten doch da eine Tafel Dairy Milk in der Hand!«

Mit ihrer massigen Gestalt saß Mrs Marks auf dem rissigen braunen Ledersofa und blickte finster auf. »Tu ich nicht!«

»Hinter Ihrem Rücken!«

Wie ein kleines Kind weigerte sie sich, ihre Hand zu zeigen, und schüttelte bloß aufsässig den Kopf.

Lissa Westcott stellte die Tasche ab, in die sie gerade die medizinische Ausrüstung gepackt hatte, und kehrte entnervt in die Mitte des Raumes zurück. »Sie haben gedacht, ich wäre schon weg. Und sobald ich Ihrer Meinung nach zur Tür hinaus war, haben Sie sich auf Ihre versteckte Tafel gestürzt!«

Mrs Marks fixierte sie mit winzigen Äuglein. »Ja, was zum Teufel sind Sie denn, die verdammte Schokoladenpolizei?«

»Nein. Ja!«, rief Lissa verzweifelt. Sie streckte die Hand aus.

Endlich gab Mrs Marks die Schokolade her, bei der es sich in Wirklichkeit um eine Tafel Bournville handelte.

»Da!«, sagte Mrs Marks verächtlich.

Lissa sah sie an.

Die alte Mrs Marks lebte im vierzehnten Stock eines Mietshauses in Südlondon, in dem die Aufzüge oft nicht funktionierten. Ihr Fuß fiel langsam dem Diabetes zum Opfer, und Lissa gab hier ihr Bestes, um ihn zu retten.

Sie ließ den Blick durch die schäbige, überladene und mit staubigen Plastikblumen dekorierte Wohnung wandern und betrachtete dann die wundervolle Aussicht über den Fluss hinweg gen Norden. Die hohen Gebäude der City glänzten in der Sonne, hell und zauberhaft, sauber und voller Geld, wie eine weitläufige, glitzernde Palastanlage. Obwohl nur gut drei Kilometer entfernt, lag diese Welt außerhalb jeder Reichweite.

»Wir haben gerade erst zwanzig Minuten lang über Ihre Ernährung gesprochen!«, sagte Lissa zu der armen Frau, die praktisch an ihre Wohnung gefesselt war und nur von ihrer Tochter Besuch bekam. Beim Verzehr einer großen Tafel Schokolade EastEnders zu gucken, war eine der wenigen ihr noch verbliebenen Freuden des Lebens. Aber es war eben nicht gut für sie.

»Ich will hier nicht eines Tages reinkommen und Sie im Koma vorfinden«, sagte Lissa so streng, wie sie es wagte.

Mrs Marks lachte nur. »Oh, machen Sie sich um mich mal keine Sorgen, Schätzchen. Was kommt, das kommt.«

»So funktioniert Gesundheitsvorsorge aber nicht!«, empörte sich Lissa und warf einen Blick auf die Uhr. In zwanzig Minuten musste sie in Peckham sein. In London Auto zu fahren, war absoluter Wahnsinn, aber sie hatte leider keine Wahl, da sie mit ihrer Medikamententasche nicht die U-Bahn nehmen konnte.

Lissa war Krankenschwester und arbeitete in der häuslichen Pflege, wobei sie sich um aus dem Krankenhaus entlassene Patienten kümmerte. Damit wollte man verhindern, Menschen, die die Ambulanz nicht problemlos aufsuchen konnten, bald wieder in der Klinik aufnehmen zu müssen. Lissa selbst drückte es in ihren zynischsten Momenten anders aus: Ihr Job bestand zur einen Hälfte aus dem, was einst Gemeindeschwestern übernommen hatten, als es dafür noch ein Budget gab, und zur Hälfte aus dem, was Hausärzte früher gemacht hatten, als sie sich noch zu Hausbesuchen herabgelassen hatten. Lissa war ursprünglich zur Notfallschwester ausgebildet worden und liebte ihre jetzige Arbeit – bei der sie es mit weitaus weniger Betrunkenen und ihrem Erbrochenen zu tun hatte als in der Unfallambulanz –, vor allem, wenn dabei Schokolade für sie abfiel.

Allerdings waren bei Mrs Marks die Aussichten nicht sehr rosig.

»Sie sind ja auch nicht gerade eine Nymphe«, knurrte die Patientin jetzt.

»Sie reden wie meine Mum«, beschwerte sich Lissa. Sie hatte die kurvige Figur ihrer Mutter geerbt, was bei dieser abwechselnd zu stillschweigender oder wortreich zum Ausdruck gebrachter Missbilligung führte.

»Na, dann nehmen Sie sie schon mit«, sagte Mrs Marks widerwillig.

Lissa verzog das Gesicht. »Ich hasse Zartbitter«, stöhnte sie. Trotzdem griff sie danach. »Bitte«, sagte sie noch einmal. »Bitte. Ich fände es ganz furchtbar, wenn Sie wieder ins Krankenhaus müssten. Beim nächsten Mal verlieren Sie den Fuß vielleicht. Im Ernst.«

Als Antwort seufzte Mrs Marks und machte eine Geste, die die ganze dreiteilige braune Couchgarnitur mit einschloss.

Lissa schob die Hand hinter die Kissen und fand hinter jedem einzelnen Schokolade. »Die spende ich einer Tafel«, erklärte sie. »Soll ich sie Ihnen abkaufen?«

Mrs Marks winkte ab. »Nein. Aber wenn ich wieder in dieser Klinik lande, mache ich Sie dafür verantwortlich.«

»Abgemacht«, sagte Lissa.

Es war kühl für Anfang März, doch jenseits der dünnen Smogschicht schien die Sonne. Als Lissa das Gebäude verließ, konnte sie spüren, dass irgendwo am Horizont langsam der Frühling näher rückte. Wie jedes Mal hoffte sie inständig, der Aufkleber mit dem Hinweis »Medizinisches Personal« an ihrem Auto war in der Zwischenzeit unbemerkt geblieben und der Wagen nicht von jemandem auf der Suche nach Medikamenten aufgebrochen worden. Sie dachte auch über das neue koreanische Grillrestaurant nach, in dem sie später mit ein paar Freunden verabredet war. Auf Instagram sah es zwar super aus, das musste aber nicht unbedingt ein gutes Zeichen sein – eher im Gegenteil, wenn es bloß voll von Leuten war, die kaltes Essen fotografierten.

Lissa bemerkte ein paar junge Kerle, die vor dem Gebäude herumlungerten, was nichts Ungewöhnliches war. Bei manchen Jugendlichen konnte man nur schwer sagen, ob sie nicht eigentlich in die Schule gehörten – die waren heutzutage oft so groß.

Mit dem angeborenen Instinkt einer Großstadtbewohnerin taxierte Lissa die Jungen aus dem Augenwinkel, um zu sehen, ob sie wohl gefährlich waren oder ob da vielleicht etwas eskalieren könnte. Da Lissa beruflich oft mit den Folgen zu tun hatte, waren ihre Sinne für Ärger geschärft.

Wegen Situationen wie dieser verbarg sie ihre Ringellöckchen meistens unter einem Tuch oder band sie zu einem festen Zopf zusammen. Nun senkte sie den Blick und lief einfach weiter. Sie war unglaublich dankbar dafür, dass ihre unvorteilhafte grüne Uniformhose sie praktisch unsichtbar machte.

Aber diese Typen hatten sowieso kein Interesse an ihr, da sie völlig mit sich selbst beschäftigt waren. Es war nur das übliche Gekabbel unter Teenagern, die prahlten und sich eitel wie Pfauen in die Brust warfen. Verschiedene Hautfarben, dünne kleine Bärtchen und Schnäuzer, schlaksige Beine und zu spitze Ellbogen, großzügig versprühtes Lynx Africa und Turnschuhe so groß wie Lastkähne. In gewisser Weise war es beinahe niedlich, wie sie versuchten, sich als echte Männer auszugeben. Aber die Burschen waren auch ein wenig einschüchternd, und Lissa wollte bereits einen großen Bogen um sie machen, da erkannte sie einen unter ihnen wieder. Ein wenig gequält verzog sie das Gesicht. Es war einer von Ezras Cousins.

Ezra, der gut aussehende Ezra, dessen anmutiger Körper und dessen schönes Gesicht ihn unwiderstehlich machten, wenn er sich denn mal meldete. Leider war Ezra sich dessen nur zu bewusst und hielt es für seine Pflicht, sich gerecht über ganz Südlondon zu verteilen.

Nie wieder!, schwor sich Lissa jedes Mal, wenn sie von ihm geghostet wurde. Doch dieses Versprechen konnte sie genauso wenig halten, wie sie die Finger von Mrs Marks Schokolade lassen würde.

Ezra hatte Lissa nie seiner Familie vorgestellt, aber bei einem gemeinsamen Frühstückseinkauf auf dem Brixton Market hatte Lissa durch Zufall Kai kennengelernt. Der war ein cleverer, frecher Fünfzehnjähriger und hätte jetzt eigentlich in der Schule sein sollen, wie Lissa mit einem Seufzen dachte. Doch das erwähnte sie wohl besser nicht.

»Kai!« Sie hob die Hand.

Er drehte sich zu ihr um, und ein Grinsen legte sich über sein Gesicht, als er sie erkannte. Genau in dem Augenblick heulte wie aus heiterem Himmel ein Motor auf.

Kapitel 2

Etwa neunhundert Kilometer weiter nordwestlich fegte in dem kleinen Ort Kirrinfief am Ufer von Loch Ness ein kühler Märzwind übers Wasser und zauberte weiße Schaumkrönchen auf die Wellen. An den Gipfeln der lilafarbenen Berge blieben schwere Wolken hängen.

Cormac MacPherson, der ambulante Krankenpfleger vor Ort, schaute auf die Uhr. Die Dorfärztin, Dr. Joan Davenport, musste sich heute auf der anderen Seite des Moores um einen Zwerchfellbruch kümmern. Bei einem Menschen, nahm Cormac mal an, obwohl man das bei Joan nie wusste. Die Ärztin war für gewöhnlich von einem Rudel Drahthaar-Foxterrier umgeben, wo sie auch ging und stand.

Jedenfalls hatte sich Cormac von Sanitäter Jake dazu überreden lassen, ihn bei der Sterbebegleitung einer sehr alten Dame zu unterstützen.

Jake wusste, dass Cormac nicht Nein sagen konnte, wenn jemand Hilfe brauchte, und nutzte seine Weichherzigkeit ordentlich aus.

Die ganze Familie war zusammengekommen und hatte dafür gesorgt, dass Edie es in ihrem kleinen Häuschen und in demselben Bett, in dem sie neunzig Jahre zuvor zur Welt gekommen war, bis zum Schluss so bequem wie möglich hatte. Soweit man das in so einer Situation sagen konnte, hatte sie es gut gehabt.

Und jetzt machten sich die beiden auf den Weg zu einem wohlverdienten Bierchen.

»Nicht die schlechteste Art zu gehen«, sinnierte Jake, als sie über das Kopfsteinpflaster schritten.

»Hm«, machte Cormac und warf einen Blick auf sein Handy.

»Ist das schon wieder Emer?« Jake reckte den Hals.

»Oh, verdammt, sie ist bei mir zu Hause und wollte mich mit einem Abendessen überraschen.«

»Wie gruselig.«

»Das ist gar nicht gruselig«, protestierte Cormac wenig überzeugend. »Ich find das süß.«

»Sie weiß doch, dass du ständig zu Notfällen gerufen wirst.«

»Ich hab ihr vorher gesagt, dass ich heute keine Bereitschaft habe.«

»Na egal«, sagte Jake, dem das Ganze nicht im Geringsten unangenehm war. »Aber dann kannst du doch jetzt trotzdem erst mal dein Bier trinken.«

Cormac schüttelte den Kopf, als plötzlich neben ihnen eine Haustür aufging. Bei diesen kleinen Reihenhäusern lag direkt dahinter das Wohnzimmer.

»Jake! Cormac!«, rief eine Stimme sie leise. »Ich möchte ungern …«

»… Frau Doktor damit belästigen«, führte Jake den Satz zu Ende. »Ja, ja, wissen wir.«

Kapitel 3

Lissa hörte etwas, was wie ein beschleunigendes Auto klang. Zunächst ignorierte sie es, dann aber wurde ihr bewusst, dass es nicht langsamer, sondern nur noch schneller wurde, als es um die Ecke bog und in die Siedlung einfuhr. Instinktiv wandte sie sich zu ihrem eigenen Wagen hin, um sich zu vergewissern, dass er nicht gerammt wurde.

Als sie sich wieder zu den Teenagern umdrehte, ertönte laut ein quietschendes Heulen, während das Fahrzeug auf den Bordstein fuhr – ganz bewusst auf den Bürgersteig fuhr –, und dann … Das Einzige, was Lissa in diesem Moment wahrnahm, war das Aufblitzen eines Handys. Es flog durch die Luft, rotierte dabei ganz langsam und reflektierte das Licht, was beinahe hübsch aussah …

Danach geschah alles ganz schnell, als sich eine grauenhaft verzerrte Gestalt drehte und mit einem dumpfen, platschenden, unerträglichen Laut aufschlug, der hinter ihrer Stirn widerhallte. Etwas Unvorstellbares war dem Handy gefolgt, und die Räder des Autos bewegten sich immer noch, drehten fast durch, während der riesige, unbegreifliche Umriss mit einem knackenden Geräusch auf dem Boden aufkam und verdreht, deformiert liegen blieb.

Lissa konnte nicht glauben, was sie da vor sich hatte – das konnte, durfte doch nicht Kai sein! Sie blickte auf und starrte dem Fahrer des Wagens direkt ins Gesicht, der den Motor aufheulen ließ, während sich seine Lippen zu einer Art Knurren oder Grinsen oder etwas in der Art verzogen. Was genau, konnte Lissa in diesem Moment des Nichtbegreifens, der Panik, überhaupt nicht erfassen. Sie hörte etwas, das wie »Haltet euch von Leaf Field fern!« klang, dann sauste das Auto davon.

Einen Moment herrschte Stille, bevor das Geschrei losging – ungläubig, wütend.

Plötzlich spürte Lissa, dass sie sich wie von selbst in Bewegung setzte und antrainierte Mechanismen übernahmen und sie zum Handeln antrieben. »Ich bin Krankenschwester. Geht bitte zur Seite – ich kann helfen.«

Sie hatte damit gerechnet, sich einen Weg bahnen zu müssen, doch die anderen Jugendlichen fingen an zu brüllen, stoben auseinander und rannten schreiend dem Auto hinterher.

»Wählt den Notruf!«, rief Lissa, während sie sich hinkniete, um Kai zu untersuchen. Dann zog sie selbst ihr Handy aus der Tasche. Sie hatte keine Ahnung, ob die Jungen das Auto einholen würden, und befürchtete, dass womöglich noch jemand überfahren werden würde. Da nur eine Straße aus der Siedlung hinausführte, würde der Wagen irgendwo wenden müssen. Aber sie musste sich jetzt auf das Wesentliche konzentrieren.

Sie starrte den Jungen am Boden an, dessen Kopf seitlich das Pflaster berührte. Im Rinnstein lagen Zigarettenstummel.

»Kannst du mich hören? Kannst du mich hören, mein Schatz?«

Lissa konnte einfach nicht fassen, wie wunderschön und jung er war. Als ob das entscheidend wäre, darum ging es doch gerade gar nicht. Aber als sie sich über ihn beugte und ihn fieberhaft zu retten versuchte, als sie endlich, endlich die verzweifelt herbeigesehnten Sirenen hörte, kam sie nicht über die herzergreifende Schönheit der jungen, weichen Haut hinweg, die Rundung seines Nackens, das dunkle Haar. Er war doch noch ein Kind! Sie konnte den Gedanken nicht ertragen, wie die Familie es wohl aufnehmen würde. Lissa verfluchte sich selbst, weil ihre beste Freundin Ezras Nummer vorsichtshalber aus ihrem Handy gelöscht hatte. So konnte sie ihn nicht einmal anrufen.

Selbst als der Krankenwagen eintraf, hörte Lissa nicht mit ihren Wiederbelebungsversuchen auf. Immer wieder presste sie die Handballen auf Kais Brust, während die Sanitäter sich neben sie knieten, das Oxymeter anschlossen und eine Adrenalinspritze vorbereiteten, um sie ihm ins Herz zu stoßen.

Lissa kannte die Kollegen vom Rettungsdienst; sie vertrauten ihr und nahmen sie ins Krankenhaus mit. Während Ashkan hinten mit ihr zusammenarbeitete, fuhr Kerry wie der Teufel. Das Blaulicht flackerte über den Verkehr hinweg. Londons erdrückend überfüllte Straßen waren verstopft, viel zu voll mit Lkw, Lieferwagen, Taxis und Motorrädern. Alles war so knapp und eng, dass man kaum an die Seite fahren konnte, um einen Krankenwagen vorbeizulassen.

Plötzlich krümmte sich der Körper und bäumte sich auf, während Ashkan »Clear!« rief. Lissa machte instinktiv einen Satz nach hinten. Dabei fragte sie sich, ob die Polizistin am Tatort inzwischen wohl mit der ermüdenden Aufgabe begonnen hatte, Kais Identität herauszufinden, und mit der unerträglichen Pflicht, seine Familie zu benachrichtigen.

Um nicht weiter nachzudenken, überließ Lissa sich wieder dem antrainierten Automatismus. Ganz mechanisch schob sie dem Jungen erneut die Sauerstoffmaske über die blauen Lippen, spritzte ihm noch einmal Adrenalin und hängte eine weitere Blutkonserve ein.

Sie hofften alle verzweifelt, dass er bis zum Eintreffen in der Notaufnahme durchhielt. Abgesehen von den üblichen kurzen Kommandos, sprachen sie bei ihrer Arbeit kein Wort, während sie versuchten, mehr Blut in ihn hineinzubekommen, als aus seinem Körper herausströmte.

Selbst mit den modernsten Maschinen der Welt waren Wiederbelebungsversuche nur selten erfolgreich. Im Fernsehen wurde den Leuten gern eine wundersame Rückkehr vom Tod gezeigt. So mussten die Zuschauer nicht mit ansehen, wie Blut im selben Tempo zugeführt und wieder verloren wurde, wie auch bei der x-ten Überprüfung die Pupillen nicht reagierten, wie ein junger Körper durch die Stimulation künstlich zuckte. Sie mussten nicht miterleben, was für ein einziges grauenhaftes Chaos das war, wenn Kommandos gebellt wurden und man immer wieder checkte, ob der Patient endlich selbstständig atmete.

Der Krankenwagen bahnte sich schwankend und kreischend seinen Weg durch den Londoner Stoßverkehr, nur ein kleines Teilchen im großen Puzzle aus heulenden Sirenen, Hubschraubern, Tod, Schmerz und Blut.

»Die Ärzte werden ihn für tot erklären«, prophezeite Ashkan bei einem Blick auf seine Uhr.

»Das dürfen sie nicht!«, entfuhr es Lissa.

Ashkan fluchte. Wie sinnlos das war, anscheinend absichtliches Überfahren mit Fahrerflucht. Bei einem Kind. Er wandte sich ab, konzentrierte sich kurz auf den Polizeifunk und bekam sogar ein kleines Lächeln hin.

»Sie haben ihn«, versetzte er grimmig. »Die anderen Jugendlichen haben sich auf das Auto gestürzt und es nicht wegfahren lassen. Es muss wohl wie ein Zombieangriff gewirkt haben, sie haben sogar die Scheiben eingeschlagen.«

Lissa bekam das alles gar nicht mit. »Mach weiter! Mehr Blut! Jetzt!«, drängte sie heftig und hängte sich noch einmal richtig rein. Am Ohr des Jungen zischte sie: »Na los, Kai! Komm zu dir! KOMMZUDIR!«

Als sie das Guy’s Hospital erreichten, sprangen durch die augenblicklich aufgerissenen Türen zwei Träger und ein Notarzt herein.

»Zur Seite«, sagte der junge Arzt, der aussah, als sei er ungefähr neun.

»Ich bin hier noch nicht fertig«, antwortete Lissa vehement, während sie die Sauerstoffmaske wieder zurechtrückte, Kai in die Augen leuchtete und nach einem Lebenszeichen suchte.

»Doch, sind Sie«, entgegnete der Arzt. »Lassen Sie mich jetzt ran.«

»Ich kann das machen!«, rief Lissa.

Sein Gesicht. Sein schönes Gesicht. Er war doch ein Kind, ein schlafendes Kind, noch immer warm – Oder lag das nur an ihnen? –, das doch nur schlief, träumte, seine Hausaufgaben verbummelte und auf eine Karriere als Fußballer oder Rockstar hoffte.

»Aus dem Weg!«

»ICH KANN DAS MACHEN!« Lissa merkte gar nicht, wie laut sie kreischte, ihr war nicht klar, dass alle innehielten und sie anstarrten. Mit besorgter Miene zog Ashkan sie zur Seite.

Der Assistenzarzt ignorierte sie und wollte sich an ihr vorbeischieben. »Machen Sie Platz!«

»Ich will doch nur …«

Krankenschwestern widersetzten sich den Anweisungen von Ärzten nicht, das war schlicht unerhört. Selbst wenn dieser Arzt hier so aussah, als hätte er sich den Schnurrbart heute Morgen mit Filzstift aufgemalt.

»Weg jetzt!«

Aber das ging nicht. Lissa stand da, als hätte sie keine Ahnung, wo sie sich hier befand, streckte hilflos die Arme aus und murmelte »Kai … Kai …« vor sich hin. Sie hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben, selbst dann nicht, als der Arzt auf die Uhr schaute und den Kopf schüttelte, als das Blut nicht länger auf den Boden tropfte, sondern zu klumpen und gerinnen begann. Seine letzte Verbindung zum Leben war sie.

»Ich will doch nur … noch ein einziges Mal …«

»Bringt sie hier weg«, murmelte der junge Arzt, während die Träger versuchten, den Körper auf die Rolltrage zu hieven.

Weitere Sanitäter erschienen, die Lissa trotz ihres Schockzustands erkannte.

»Sind Angehörige anwesend?«, rief einer von ihnen, und Lissa beobachtete entsetzt das zügige und unpersönliche Vorgehen des Transplantationsteams.

»Er ist ja noch nicht einmal tot, ihr Geier!«, hörte sie sich schreien.

In diesem Moment kam Bewegung in Ashkan, und er zerrte sie mit aller Kraft aus dem Krankenwagen, während sie sich ihm fluchend zu entziehen versuchte.

»Er ist noch nicht einmal …«

»Ich erkläre ihn für tot«, sagte der Arzt. »Bringt ihn in die Intensivüberwachungspflege.«

Dort wurden mögliche Organspender in einem Stadium zwischen Leben und Tod gehalten, gerade lange genug, um die nötigen Unterschriften zu beschaffen. Es wurde gebeten und gebettelt, damit ein Leben nicht umsonst sein Ende gefunden hatte.

»18:38«, sagte der Arzt. »Können wir schnell machen?« Seine Stimme klang so furchtbar, furchtbar müde. »Es kommt ein Unfall mit Fahrerflucht rein.«

Lissa brach auf dem feuchten Asphalt zusammen und ließ unter heftigem Schluchzen die Tränen laufen. Dabei war das hier eigentlich ihre Branche. Sie hatte genau dies vier Jahre lang gemacht, war mit Autounfällen und Morden konfrontiert gewesen, mit den grauenhaftesten Dingen, die man sich nur vorstellen konnte.

Aber das hier war ein Junge, den sie kannte, der Kai hieß und der an einem ganz normalen Dienstag um halb sieben abends gestorben war. Und sie zerbrach daran.

Kapitel 4

Ashkan versuchte ein weiteres Mal, sie hier wegzubringen.

»Mann«, zischte er ihr leise zu, »jetzt setz dich in Bewegung, sonst bringen die dich noch in die Gummizelle.«

Die Leute vom Londoner Ambulanzdienst hatten nur wenig für Gesundheitspflege und Therapieeinheiten übrig. Die Sanitäter sahen sich selbst als eine Bande von Vogelfreien, als Piraten, die bei ihren Rettungsaktionen grölend die Straße entlangsausten.

Wenn sie plötzlich wie alle anderen Penner weichherzig werden würden, na ja, wozu waren sie dann noch gut? Irgendjemand musste die Leute doch vom Asphalt kratzen, irgendjemand musste die Stellung halten. Wenn man jetzt anfing, rumzuheulen und Therapie zu brauchen und Körbe zu flechten, na ja, dann war damit doch keinem gedient. Niemand bestritt, dass es ein harter Job war, aber genau darum ging es doch. So einen engen Zusammenhalt wie zwischen Sanitätern gab es sonst selten.

Lissa schaffte es nicht einmal, aufzustehen, obwohl ihr Regen – Seit wann fiel der denn? – in den Kragen der schweren, grünen Jacke lief.

»Alles in Ordnung?«, fragte Dev, der Stationsleiter, und kam zu ihr herüber, das freundliche Gesicht besorgt. Die Brille hatte er sich auf den kahlen Schädel geschoben – normalerweise baumelte sie immer um seinen Hals, steckte in seiner Tasche oder sonst irgendwo, wo er sie nicht finden würde, wenn er sie brauchte.

»Alles okay!«, behauptete Ashkan heiter.

Lissa war sich der Anwesenheit der beiden Männer zwar bewusst, nahm sie wahr, so richtig präsent war sie aber nicht. Sie konnte sich nicht darauf konzentrieren, was sie sie fragten oder warum sie selbst eigentlich auf dem nassen Asphalt saß. Es kam ihr vor, als wäre ihr Körper von ihr losgelöst, als befände sie selbst sich irgendwo anders und als würde das alles ohne sie stattfinden. Die Person, die da auf dem feuchten Boden hockte, schien gar nichts mit ihr zu tun zu haben.

Dev blickte sie voller Sorge an. »Lissa? Warst du bei dem Unfall etwa dabei?«

»Sie kannte den Jungen«, erklärte Ashkan. »Wirklich Pech, es war ein ziemlicher Schock.«

Lissa konnte noch nicht einmal nicken. Irgendwann nahmen Polizisten sie beiseite, damit sie ihre Aussage machte, was sie auch mechanisch tat.

Ashkan wartete auf sie, obwohl seine Schicht bereits zu Ende war. »Na komm«, sagte er sanft. »Wir besorgen dir erst mal einen Tee.«

Er schob sie in Richtung Kantine, und Lissa ließ sich einfach von ihm führen. Ihre Beine schienen sich ohne ihr Zutun zu bewegen, als würden sie zu jemand anders gehören.

Zu dieser späten Stunde war in der Kantine im Erdgeschoss nur wenig los. Bereitschaftsärzte behielten ihre Handys und Piepser im Auge, und ein armer Kerl schlief tief und fest neben einer Topfpflanze. Sein Kopf ruhte in einer Position, die ziemlich unbequem wirkte, auf einer Trennwand aus Korbgeflecht. Eine Gruppe von Hilfskräften spielte Karten, und die Angehörigen von Patienten saßen nervös herum, als seien sie nicht sicher, ob sie hier richtig waren. Das Personal war längst gegangen, daher gab es inzwischen nur noch Sachen aus dem Automaten und üblen Kaffee in Plastikbechern mit Plastikrührstäbchen.

Ashkan kehrte mit zwei Bechern Tee zurück und stellte beide Lissa hin, dann holte er eine Flasche mit selbst gepresstem Gemüsesaft hervor. Er nahm seine Gesundheit furchtbar ernst und ging am Ende seiner Schicht normalerweise direkt ins Fitnessstudio.

Lissa hatte ihn wegen seiner Eitelkeit früher gern aufgezogen – er verbrachte mehr Zeit mit dem Frisieren seiner glänzenden schwarzen Tolle als sie mit ihren Ringellocken, die bei feuchtem Wetter zu einer Krause wurden. Deshalb hatte Lissa sie in der Notaufnahme meistens zu einem festen Pferdeschwanz zusammengebunden, damit sie aus dem Weg waren. Und je weniger sie durch ihr Aussehen aufgefallen war, desto weniger war sie von Leuten beschimpft worden, die bei ihrer Ankunft dort nicht mehr ganz klar im Kopf gewesen waren.

Lissa griff nach einem Tee und verbrannte sich durch das dünne Plastik des Bechers beinahe die Finger – dass Einwegplastikgegner Ashkan ihn für sie geholt hatte, zeigte deutlich seine große Sorge um sie. All dies nahm Lissa – in gewisser Weise – wie aus weiter Ferne wahr. Zwar war ihr Ashkans Besorgnis bewusst, irgendwie scherte sie das alles aber nicht. Ihr war alles egal. Denn dieser Junge war tot, und nichts mehr schien von Bedeutung; sie kam sich selbst halb tot vor.

Die grellen Neonröhren erinnerten sie ans Fegefeuer, und die regennassen Fenster zeigten nichts weiter als ihr eigenes Spiegelbild.

Ganz kurz fragte sich Lissa, ob sie vielleicht alle in diesem Krankenwagen gestorben waren. Ihr Blick wurde von der Eingangstür angezogen, als in gebeugter Haltung eine Frau hereinkam und verzweifelt die Gesichter der Anwesenden absuchte. Als sie Lissa sah, hielt sie inne.

Sie konnte nicht viel älter als Lissa selbst sein, höchstens in den Dreißigern. Doch als sie zu ihnen herüberkam, wirkte ihr Gesicht so, als hätte sie eine Million Leben hinter sich.

Kapitel 5

Elsie Coudrie erschauderte im kalten Wind und dem von Süden her einfallenden Regen. Sie wickelte sich in ihre Strickjacke. »Cormac, könntest du vielleicht ganz kurz …? Damit ich Frau Doktor nicht anrufen muss.«

Einen Moment herrschte Schweigen.

Dann wandte sich Cormac an Jake. »Na los, geh schon«, sagte er. »Nach Hause finde ich auch allein.«

Jake verzog das Gesicht. »Geht es um Islay?«

Elsie nickte.

»Okay, dann komme ich auch mit«, sagte er mit der resignierten Stimme eines Mannes, dessen Hoffnung auf ein schaumiges Bier und einen kleinen Flirt mit Ginty McGhie gerade zerplatzt war.

Kapitel 6

Lissa hob den Blick, um die fremde Frau anzusehen.

Ihr Gesicht war vor Schmerz verzerrt. »Entschuldigung«, sagte sie.

Für Lissa klang es, als würde jemand aus weiter Ferne zu ihr sprechen. Sie kniff die Augen zusammen. »Ja?«

»Ich … Ich bin die Mutter von Kai Mitchell?« Wegen ihrer stark zitternden Stimme klang es so, als sei sie selbst nicht sicher, ob sie seine Mutter sei oder nicht. Ob sie sich immer noch als solche bezeichnen könne.

Vielleicht, schoss es Lissa durch den Kopf, vielleicht war sie ja wirklich keine Mutter mehr. Das musste Ezras Tante sein.

Ashkan sprang auf und bot ihr seinen Stuhl an.

»Nein«, sagte sie würdevoll. »Nein, danke. Ich will mich nicht setzen.« Sie schaute sich in der klinisch kühlen Cafeteria um. »Ich bleibe auch nicht lange.«

Ashkan lehnte sich zu ihr vor. »Mein tiefstes Mitgefühl. Es tut mir so leid.«

Sie hob die Hand. »Mir nicht. Ich bin wütend.«

Lissa nickte, weil sich plötzlich in ihr etwas geregt hatte. »Ich auch«, sagte sie.

Ashkan warf ihr einen warnenden Blick zu, den sie ignorierte. Stattdessen stand sie auf. »Ich bin auch wütend.«

»Ich würde nur gern wissen …«, begann die Frau. An der Tür stand jetzt eine Gruppe ängstlicher, aufgebrachter Menschen – Freunde und Familie.

Lissa wusste, dass draußen Journalisten und Kameras warteten, weil die Medien nur zu gern eine weitere Geschichte über den Tod ausschlachten wollten.

Hier drinnen, in diesem jetzt stillen Raum, stand nur eine verzweifelte Mutter.

»Haben Sie Leute, die Ihnen beistehen?«, fragte Ashkan und schaute hinüber. »Sie sind doch nicht allein, oder?«

»Doch, bin ich«, antwortete die Frau. »Waren Sie bei ihm?«

Ashkan deutete auf Lissa. »Sie war die ganze Zeit bei ihm und hat das meiste gemacht.«

»Aber nicht genug«, sagte Lissa dumpf. Wenn sie nur mutiger gewesen wäre … Wenn ihr klar gewesen wäre, dass das Auto zu schnell fuhr, und sie eine Warnung ausgestoßen hätte … Wenn sie besser aufgepasst hätte …

»Sie sollten wissen«, fügte Ashkan noch hinzu, weil man mit den ganzen Anwalts-Aasgeiern heutzutage nicht vorsichtig genug sein konnte, »dass wir wirklich alles getan haben. Wir haben versucht …«

Aber die Frau hörte ihm gar nicht mehr zu. Sie war noch einen Schritt vorgetreten und griff nach Lissas kalten Händen.

»Sie haben seine Hand gehalten?«

Lissa nickte.

»Diese Hand hat seine Hand gehalten?«

»Wir haben es versucht«, sagte nun auch Lissa.

Und plötzlich lagen sich die beiden Frauen weinend in den Armen, klammerten sich aneinander.

Das passte Ashkan überhaupt nicht. Es war nicht angemessen, auf keinen Fall. Er war nicht sicher, was er tun sollte.

»Es tut mir ja so leid«, schluchzte Lissa.

»Hat er irgendetwas gesagt?«

Lissa hätte ihr so gern erzählt, dass er nach seiner Mutter gefragt oder seine Liebe zu ihr zum Ausdruck gebracht hätte. Aber das konnte sie einfach nicht. »Er war … es ging ihm bereits so schlecht«, musste sie zugeben.

Die Frau nickte. »Na ja«, sagte sie dann. »Ich bin froh … Ich bin einfach nur froh, dass jemand bei ihm war.«

Lissa nickte und wünschte, sie könnte mehr tun.

»Jetzt bedrängen mich lauter Leute«, fuhr die Frau fort und wirkte durcheinander. »Wissen Sie, die haben mich angeschnauzt, weil sie ihn zerschneiden wollen. Zerstückeln! Sie wollen den Körper meines Sohnes zerlegen, obwohl er noch warm ist! Da was rausschneiden!«

Gequält verzog Ashkan das Gesicht. Die Transplantationsleute waren so verzweifelt und so zielstrebig. Aber wenn Kai gute Organe hatte, Mann, dann würde das für andere Menschen so viel verändern können.

In diesem Moment schien Lissa ihre Beherrschung ein wenig zurückzuerlangen. »Was haben Sie da gesagt?«, fragte sie.

Kapitel 7

Das Häuschen sah fast genauso aus wie jenes, das sie eben verlassen hatten, war aber in einem neutraleren, moderneren Stil eingerichtet. Es gab einen Holzofen und große Kinderfotos in Schwarz-Weiß an der Wand.

»Hallo, Islay«, sagte Cormac fröhlich. »Warum schläfst du denn nicht?«

Die Jugendliche lag auf dem Bett, atmete schwer und war blau angelaufen. Dennoch versuchte sie sich an einem Grinsen für Cormac und einem koketten Blick in Richtung Jake, der bei den Damen großen Erfolg hatte.

»Ach, du hast schon besser ausgesehen«, sagte Cormac, was eine furchtbare Untertreibung war.

Das Mädchen hatte eine schwere Kardiomyopathie, und es schien nichts dagegen zu helfen. Der Schrittmacher war nur die letzte einer langen Reihe von Behandlungen, die bei ihr versagt hatten.

»Ich überlege, sie vielleicht einliefern zu lassen«, sagte ihre Mutter.

Das Krankenhaus in Inverness kannten sie inzwischen nur zu gut.

»Na, dann hören wir uns das mal an«, sagte Cormac und holte sein Stethoskop hervor. »Bringen dir die Betablocker nichts, Islay?«

Das Mädchen wollte gern kooperieren und schüttelte – kaum merklich – den Kopf. Einerseits war sie an die ständigen Fragen und dauernden Eingriffe in ihre Privatsphäre gewöhnt, andererseits hatte sie das alles so satt.

Cormac wurde das Herz ganz schwer, als er sah, wie erschöpft Islay wirkte. Er hatte die Armee doch verlassen, um sich nicht mehr mit ständigen Traumata konfrontiert zu sehen, aber das hier war in gewisser Hinsicht genauso schwierig.

Jake maß ihren Blutdruck und runzelte die Stirn.

»Und?«, fragte Mrs Coudrie.

»Ich rede mal mit Joan«, antwortete Jake. »Wir kommen sofort mit Blaulicht, wenn dieser Wert erreicht ist …« Der Sanitäter schrieb die Zahl auf ein Stück Papier, doch Elsie Coudrie kannte sie längst. »Aber wir sollten vielleicht erst einmal sehen, was Joan in petto hat.«

Cormac tätschelte Islay die Hand. »Ich weiß doch, dass du gern die ganze Nacht aufbleiben und dir Mr Drake im Fernsehen angucken willst.«

Islay rollte mit den Augen. »Er heißt Drake«, stieß sie keuchend hervor. »Nicht Mr Drake. Außerdem mag ich ihn gar nicht.«

»Gut«, versetzte Cormac. »Der ist nämlich viel zu alt für dich.«

Islay versuchte zu lächeln.

»Das Beste wäre jetzt für dich, wenn du ein bisschen schläfst«, sagte Cormac.

Doch das stimmte nicht. Das Beste – und leider bald auch das Einzige, was ihr noch helfen würde – wäre eine Herztransplantation. Wenn das denn so einfach wäre.

»Stellen Sie sich nur mal vor«, sagte Mrs Coudrie, während Islay versuchte, es sich im Bett bequem zu machen, »stellen Sie sich vor, Sie warten darauf, dass das Kind anderer Eltern stirbt. Zu hoffen, dass so etwas geschieht.«

»Ich weiß nicht!«, rief Kais Mutter hysterisch. »Die haben alle laut auf mich eingeredet, während ich nur meinen Jungen sehen wollte. Er ist doch mein Sohn. Und die wollen ihn zerschneiden.«

Lissa griff wieder nach den Händen der Frau. »Haben Sie Nein gesagt?«, fragte sie sanft.

»Ich weiß nicht mal genau, was ich gesagt habe«, gab die Frau zu und schaute sie an. »Also, ich glaube, ich hab Nein gesagt.«

»Wissen Sie«, sagte Lissa ganz sanft und leise, als versuche sie, ein Kind zu trösten, »es gibt da etwas Wunderbares, was Sie noch für Kai tun könnten und Kai für die Welt …«

»Aber die wollen ihn zerhacken! Meinen Jungen! Mein wunderschönes Kind!«

»Dann hätte er sein Leben für andere hingegeben«, sagte Lissa. »Das … Das ist doch etwas Schönes.«

Behutsam berührte die Frau ein kleines Kreuz, das sie um den Hals trug.

»Er könnte damit ein anderes Leben retten«, erklärte Lissa.

»Aber mein wunderschöner Junge …«

»… wäre ein Held. Der Held aller Helden. Für immer.«

Die Tränen versiegten nicht, doch Mrs Mitchell trat einen Schritt zurück. »Ist es zu spät, um noch Ja zu sagen?«

Lissa schüttelte den Kopf, obwohl sie gar nicht sicher war. Vielleicht war es das doch. »Kommen Sie, bitte«, sagte sie. »Bitte. Könnten Sie mich begleiten? Schnell?«

Zusammen rannten sie durch die langen Flure, den Teufel auf den Fersen. Lissa hatte Angst, dass sie zu spät kommen würden, dass die Kollegen die Maschinen ausgestöpselt hätten und dann gegangen wären, weil ihre tragische Arbeit hier keinen Erfolg gehabt hatte.

Keuchend und panisch stürzten sie in die Intensivüberwachung. Danke, danke, danke lieber Gott für all die Kürzungen, schoss es Lissa durch den Kopf. Das Personal machte Pause, und die Leute der nächsten Schicht, die die Schläuche entfernen und den Leichnam zurechtmachen würden, waren noch nicht gekommen – da lag er immer noch, weiterhin angeschlossen.

Beide erstarrten.

Kais Mutter gab ein Geräusch von sich, einen geradezu animalischen Laut, als würde gerade alles noch einmal passieren.

»Sie kriegen das hin«, sagte Lissa. »Sie schaffen das.«

Per Piepser wurde die übereifrige junge Dame vom Transplantationsteam gerufen und kam klappernd den Gang entlanggelaufen. Jetzt legte sich über ihre aufgeregte Miene so etwas wie Hoffnung. »Mrs Mitchell?«

Ausdruckslos nickte die Frau. Wieder setzte sie sich zu Kai ans Bett und strich ihm über die makellose, noch warme Haut. »Sie hat mich überredet zurückzukommen.«

»Hab ich nicht!«, rief Lissa aus. Bei einem Blick in Richtung des Jungen konnte sie das Entsetzen seiner Mutter gut verstehen. Er sah ja beinahe aus, als würde er schlafen, und nun wollte man ihn zerschneiden, Teile entnehmen und verschicken.

»Geben Sie mir das Blatt zum Unterschreiben«, versetzte Mrs Mitchell. »Schnell bitte. Ich will meine Meinung nicht noch einmal ändern.«

Die Schwester brachte ihr die Unterlagen. »Sie sollten wissen …«

»… dass es bindend ist, ja, ja, schon klar. Schnell, hab ich gesagt!«

»Nein«, entgegnete die Transplantationsschwester und richtete sich auf. »Sie sollten einfach nur wissen, dass dies hier das Tapferste, Wunderbarste ist, was Sie tun können.«

Mit offenem Mund starrte Mrs Mitchell sie an. »Sie klingen so«, sagte sie, »als erwarteten Sie auch noch, dass ich stolz darauf bin.«

Kapitel 8

Kim-Ange war noch wach und wartete auf Lissa. Sie half ihrer Freundin dabei, sich auszuziehen, die Kontaktlinsen rauszunehmen, die Brille mit dem dicken schwarzen Gestell aufzusetzen und eine Jogginghose anzuziehen.

Lissa freute sich wirklich, Kim-Ange zu sehen.

Hier im Schwesternwohnheim, untergebracht in einem schmuddeligen alten Wohnblock aus den 1960ern neben dem Krankenhaus, lebte man nicht gerade in Saus und Braus. Aber es war eben weitaus billiger als jede private Mietwohnung in London oder sogar eine tägliche Zugfahrt von Lissas Eltern in Hertfordshire aus in die Stadt. Hier war es laut, in den Duschen blätterte die Farbe von der Wand, und die Küchen sahen ziemlich übel aus. Aber es gab immer jemanden zum Quatschen, wenn man einen schlechten Tag hinter sich hatte. Einen wirklich, wirklich, wirklich schlechten.

Kim-Ange hob die Hände. »Ich weiß«, sagte sie mit trauriger Miene. Sie hielt irgendeine Flasche hoch. Das war sowohl das Gute als auch das Schlechte am Schwesternheim: Es sprach sich alles schnell herum.

»Er war Ezras …«

»Auch das weiß ich. Ezra datet gerade Yasmin.«

»Ah«, machte Lissa. Trotz all der Traurigkeit und ihrer Erschöpfung entging ihr nicht, dass Ezra sich ausgerechnet dort gerecht verteilen musste, wo sie wohnte. Sie fühlte sich so leer.

Kim-Ange wedelte mit der Flasche herum, die eine geheimnisvolle, pflaumenfarbene Flüssigkeit enthielt. »Komm, probier das mal.«

Seit Kim-Ange in einem Müllcontainer ein altes Cocktailschränkchen gefunden und eigenhändig nach Hause getragen hatte, hatte sie eine Mission: Sie wollte unbedingt etwas Neues erfinden und experimentierte dafür mit jeder Menge widerlichem Zeug.

Heute Abend scherte es Lissa aber nicht, und sie griff dankbar nach dem Getränk.

»Okay, wie schlimm ist es?«, fragte Kim-Ange und beäugte sie kritisch. »Bist du denn auf Trainingshosenniveau? Ich meine, du weißt schon, dass dich andere Leute damit zu sehen bekommen, oder?«

Kim-Ange selbst stellte extrem hohe Ansprüche an ihr Äußeres. Sie trug ein langes Nachthemd in Rot und Pink mit passendem Morgenmantel sowie Hausschuhe mit Marabufedern. Dazu war sie komplett geschminkt.

»Ja«, sagte Lissa. »Es war Überfahren mit Fahrerflucht, vermutlich absichtlich. Fünfzehn Jahre alt.«

»Wie sie darüber in den Nachrichten geredet haben …«, murmelte Kim-Ange. »Nach dem Motto: Was soll man auch anderes erwarten.« Sie seufzte.

Lissa ebenfalls. »Dann gib mir mal das lila Elixier der Freude oder Trauer«, bat sie und hielt Kim-Ange ihren Zahnputzbecher hin, damit sie ihn füllte.

»O mein Gott, das ist ja ekelhaft«, stöhnte Lissa und sank auf ihr Bett. Sie nahm einen weiteren Schluck. »Ja, immer noch übel.« Nach kurzer Pause probierte sie erneut. »Okay, jetzt ist es schon nicht mehr so schlecht.«

»Na also«, rief Kim-Ange erfreut aus. »Nach nur drei Schlucken, eins meiner besten Ergebnisse bisher!« Dann fing sie an, geistesabwesend Lissas Kleider zu falten.

»Das führt bestimmt zu einer Verwarnung, denke ich«, murmelte Lissa nach einer Weile. »Und einer Disziplinarmaßnahme, vermute ich mal. Ich hab für die Ärzte nicht Platz gemacht und mich ins Transplantationsprotokoll eingemischt.«

»Du hast eine Transplantation verhindert?«

»Nein, ich hab ein bisschen nachgeholfen.«

»Oh, wie furchtbar!«, schnaubte Kim-Ange sarkastisch. »Und vermutlich hattest du es auch mit einem jungen Arzt mit Babyface zu tun, der nicht weiß, wo vorn und hinten ist, und an beiden Stellen keine Vene finden würde?«

»Nein, ich bin wirklich zu weit gegangen«, musste Lissa zugeben.

»Na, Gott sei Dank wartet ja jede Menge hoch qualifiziertes medizinisches Personal nur darauf, deine Stelle zu übernehmen«, sagte Kim-Ange mit schelmischem Gesichtsausdruck.

Lissa gelang ein kleines Lächeln.

»Wie viele Leute fehlen im Moment genau?«

»Vier Grade-Eight-Schwestern«, antwortete Lissa.

»Haha!«, triumphierte Kim-Ange. »Die werden dich niemals entlassen. Ich meine, echt jetzt. Was hast du denn noch gemacht? Hattest du vielleicht Sex im Krankenwagen?«

»KIM-ANGE!«

»Das fasse ich mal als ›Vielleicht‹ auf.«

»Nein!«

»Hast du im Anschluss das Auto gestohlen?«

Lissa biss sich auf die Lippe. »Hör auf.«

»Nein, im Ernst. Ich suche nur nach Gründen, für die sie dich wirklich rausschmeißen könnten. Hast du den Fahrer gebeten, auf dem Weg zum Krankenhaus beim KFC-Drive-in zu halten?«

»Nein.«

»Na, siehst du. Es wird bei einer Verwarnung bleiben.«

»Aber die finde ich auch schrecklich.«

Kim-Ange verdrehte die Augen. »Ja, klar, diese Furcht einflößenden NHS-Manager, die den ganzen Tag auf ihrem dicken Hintern sitzen und Kästchen ankreuzen. Die sind ja auch echt beängstigend und knallhart, stimmt schon. Ich hab sogar gehört, dass sie nicht einmal weinen, wenn sie sich an einem Blatt Papier schneiden.«

»Erzähl mir doch von deinem Tag«, bat Lissa, um das Thema zu wechseln. »Moment mal, hattest du heute nicht eine Verabredung?«

Kim-Ange nahm Tinder in etwa mit derselben Zielstrebigkeit in Angriff, mit der sie auch ihren Job in der Kardiologie erledigte. »Hm …«, machte sie.

»O nein!« Lissa scrollte durch ihr Handy. »Aber schau dich doch nur auf Instagram an! Du siehst einfach umwerfend aus!«

»Allerdings.«

Lissa blickte sie an, guckte dann wieder auf das Bild und zurück zu Kim-Ange. »Hör auf damit!«

»Womit denn?«, fragte die ganz unschuldig.

»Damit, dir eine Taille zu zaubern. Das sieht wirklich komisch aus.«

»Auf ganz reizende Art und Weise?«

»Ich werd Facetune von deinem Handy löschen, weil du langsam echt zu weit gehst. Das wirkt ja so, als hätte ein Hai ein Stück aus dir herausgebissen.«

»Ach, halt den Mund!«

»Du bist schön, so wie du bist«, versicherte Lissa, und Kim-Ange seufzte. »Sag nichts. War er etwa Haifischbissfetischist, und dann bist du nun mal im Ganzen und ohne fehlendes Stück aufgetaucht?«

»Nein«, antwortete Kim-Ange. »Er hat nur leider die ganze Zeit über Kimchi geschwafelt.«

»Du machst Witze!«, stöhnte Lissa. »Hast du ihm nicht gesagt, dass du aus Margate kommst?«

»Doch. Da hat er mir dann eine Predigt darüber gehalten, dass ich wirklich meine eigene Kultur kennen sollte.«

Lissa lachte, rollte sich übers Bett und presste sich ihr Kissen vors Gesicht. »NEEEEIIINN! Und wieder hat ein Kenn-deine-Kultur-Depp zugeschlagen! Himmel!«

Kim-Ange atmete angestrengt aus und betrachtete dann ihre Taille im Spiegel.

»Was hat er noch gesagt?«, ertönte Lissas Stimme hinter dem Kissen.

»Oh! Zwischen Schule und Uni war er ein Jahr in Kambodscha.«

»Und?« Lissa nahm das Kissen weg.

»Und das interessiert mich natürlich brennend!«

Lissa verzog das Gesicht und griff wieder nach ihrem Handy. »Na ja. Dann lass uns mal sehen, was die anderen so treiben.«

»Du meinst, lass uns mal gucken, was die anderen mit Facetune so alles anstellen?«

»Und uns auf die Suche nach aufgeblähten Lippen machen.«

»Bin dabei«, sagte Kim-Ange und füllte ihre Becher noch einmal mit dem widerlichen lilafarbenen Alkohol.

Dann setzten sie sich zusammen und scrollten durch all die absurd geglätteten Bilder ihrer Bekannten. Am Ende machten sie ein eigenes Foto und wendeten neben Facetune lächerlich viele Filter an, bis sie sich selbst zu Busenwundern mit Kleidergröße 36 und fetten Fischlippen gemacht hatten. Als krönenden Abschluss kopierten sie sich vor den Hintergrund eines goldenen Strandes und posteten das Ganze. Augenblicklich begann es Likes zu regnen.

»Ach du liebe Güte«, stöhnte Lissa und rollte mit den Augen.

»Jetzt werden mich alle fragen, wie es auf Hawaii war«, sagte Kim-Ange und stand auf, weil sie langsam mal schlafen gehen wollte.

»Sag ihnen, dass ein Luxusreiseanbieter dir einen Instagramer-Aufenthalt gesponsert hat«, schlug Lissa vor.

»Werd ich, werd ich.« Kim-Ange küsste Lissa auf die Wange.

Auch Lissa legte sich hin und fühlte sich ein wenig besser oder zumindest ein wenig betrunken.

Kapitel 9

Cormac war nicht direkt enttäuscht, als er bei seiner Rückkehr nach Hause feststellte, dass Emer inzwischen gegangen war. Er hatte eine lange Nachricht auf dem Handy, die er nicht komplett las. Ein Satz allerdings sprang ihm ins Auge: Du bist wie ein echt jämmerlicher Batman.

Darüber dachte er gerade nach, als zum dritten Mal an diesem Abend Jake anrief und sich Cormac wieder auf den Weg zu ihm machte.

»Das ging aber schnell«, sagte Jake argwöhnisch. »Dann vermute ich mal, dass sie nicht gewartet hat?«

»Fang jetzt gar nicht erst an«, knurrte Cormac.

»Hm«, machte Jake. »Bei Frauenproblemen ist es nämlich so …«

»Lass gut sein«, warnte Cormac ihn. »Und zum dritten Mal: Ich habe noch nicht mal Bereitschaft.«

»Ich weiß«, sagte Jake, der erfolglos ein Lächeln zu unterdrücken versuchte.

Cormac schielte aus den Augenwinkeln zu ihm hinüber. Richtig Spaß machte bei ihnen ja kein Einsatz, außer vielleicht, in Jakes Fall, dass ein Supermodel in der Badewanne feststeckte oder etwas Lächerliches dieser Art. »Also?«

»Ich hab mir gedacht, du würdest dich sicher freuen.«

»Worum geht es denn?«

»Um deine kleine Islay.«

Cormacs Herz begann heftig zu schlagen. »Was ist mit ihr?«

»Es ist gerade eins reingekommen, vor zehn Minuten.«

»Du machst Witze«, sagte Cormac atemlos.

Jake schüttelte den Kopf. »Nein. Irgendein armer Junge unten im Süden.«

»Das richtige Alter?«

»Fünfzehn.«

»O Gott«, sagte Cormac. Dann wieder: »O Gott!«

»Ich weiß.« Jake pfiff durch die Zähne. »Ich hätte nie damit gerechnet.«

Die Erfolgschancen bei Herz- und Lungentransplantationen waren so gering, dass sie nur selten und nur im äußersten Notfall durchgeführt wurden.

»Er war klein, deshalb hat es genau die richtige Größe. Es wäre noch ein paar Jahre weitergewachsen, und das kann es auch bei ihr.«

Cormac hatte früher schon mal mit ansehen müssen, wie für Patienten die Zeit abgelaufen war. Bisher hatte er befürchtet, dass es auch hier so kommen würde. »Ich glaub’s nicht, verdammt!«, rief er aus. »Das sind ja wunderbare Neuigkeiten!«

»Willst du sie mit mir zusammen abholen?«, fragte Jake.

Und ob Cormac das wollte. Er umklammerte Jakes Schulter, als sie in den Krankenwagen stiegen und Silent Tim losfuhr.

Lissa konnte nicht schlafen.

Jenseits der nur einfach verglasten Fenster des Schwesternheims waren leise grummelnd die ewigen Geräusche von London zu hören.

Normalerweise störten sie Lissa nicht. Tatsächlich hörte sie gern, wie Wagen Waren anlieferten und das Altglas der Pubs abgeholt wurde. Sie mochte auch die Müllfahrzeuge, Sirenen und das Grölen, ebenso wie den allgegenwärtigen Duft von Dope, der an Sommerabenden aufstieg. Denn das hier war die Stadt, in der sie zur Welt gekommen war, die Stadt, die sie kannte. Und deren Geräusche waren ihr Gutenachtlied.

Doch heute Abend zerrten sie an ihren Nerven, als Lissa mit weit aufgerissenen, trockenen Augen dalag und sich fragte, wie viele andere Kais da draußen wohl noch unterwegs waren, wie viele Jungen es nicht heim zu ihrer Mutter schaffen würden.

Bei ihrer Arbeit suchte sie üblicherweise Menschen zu Hause auf. Lebendige Menschen, die hoffentlich genasen oder die Dinge zumindest zu akzeptieren begannen und mit den Karten zu spielen lernten, die das Leben an sie ausgeteilt hatte.

Hier hingegen war alles verkehrt herum gelaufen, und Lissa sah ständig die sich Tropfen um Tropfen vergrößernde Blutlache vor sich und die riesigen starrenden Augen und jemanden, der genauso gut ihr Bruder hätte sein können oder ein Schulkamerad …

Jeder Lieferwagen, der draußen anhielt, klang nach Gefahr; bei quietschenden Bremsen eines Autos spannte Lissa alle Muskeln an. Sie spürte, wie das Adrenalin ohne Vorwarnung durch ihre Adern schoss, wie es durch ihren Körper sauste, während in ihr mit aller Kraft »Du musst dich ausruhen, musst dich ausruhen« widerhallte. Ihr Handy leuchtete auf dem Nachttisch und zählte die Minuten, bis sie würde aufstehen müssen. Durch die übliche dünne Gardine vor dem Fenster konnte sie sehen, wie der Himmel draußen schon wieder heller wurde. Lissa stöhnte, drehte sich im Bett um und zog sich das Kissen über den Kopf. Während die Nacht unaufhaltsam voranschritt, fühlte sie sich zugleich in innerer Alarmbereitschaft und doch so, als würden zentnerschwere Steine ihre Glieder niederpressen.

Kapitel 10

Als die beiden Männer bei Islay eintrafen, war Joan bereits vor Ort, und auf der ruhigen Dorfstraße brannte überall Licht.

Die Nachbarin von nebenan war aufgestanden, um zu sehen, was denn da los war. Es handelte sich um Mrs Murray, die den Dorfladen führte und auf keinen Fall etwas Wichtiges verpassen wollte.

Sie selbst sah sich natürlich nicht als Tratschtante, sondern als wichtige Informationsquelle für die ganze Gegend und damit praktisch eine moralische Instanz, sie nahm quasi einen Heldenstatus ein. Und so stand sie lange nach Mitternacht in ihrem Daunen-Morgenmantel auf der (perfekt gefegten) Eingangsstufe vor ihrem Haus.

Außerdem kannte ja auch jeder die arme Islay von klein auf und wusste, dass es einfach nicht fair war, armes Mädchen. Während die anderen Knirpse in Taras Kindergarten wild durch die Gegend geflitzt waren, hatte sie zu Hause bleiben müssen wie ein Porzellanpüppchen auf einem Regalbrett, hatte sich nicht rühren, nie rennen oder springen dürfen. Alles, was Kinder so gern taten, war ihr verwehrt geblieben, weil sie so zerbrechlich schien und nicht nach draußen durfte. Es war wirklich grausam: Da lebte sie hier an einem so schönen Ort wie Kirrinfief, wo Loch Ness und die Berge ganz in der Nähe lagen, wo es derart viel Freiheit und Platz zum Spielen gab, wie ihn sich viele Kinder nur erträumen konnten. Aber sie musste den ganzen Tag im Haus bleiben und konnte bloß fernsehen oder mit ihrem iPad spielen.

Und jetzt kam hier das ganze medizinische Personal des Ortes zusammen: Joan und Cormac und sogar Jake und Silent Tim – mein Gott, die komplette Mannschaft. Aber sie lächelten und plauderten und wirkten ganz aufgeregt.

Dann fuhr man Islay, deren Blut über einen Schlauch in der Nase mit Sauerstoff versorgt wurde, auf einer Rolltrage heraus.

»Ich kann es einfach nicht fassen«, sagte ihre Mutter und presste sich die zusammengelegten Hände gegen die Brust.

Gregor, Islays Vater, blinzelte heftig und versuchte, ihre Begeisterung zu bremsen. Er gab zu bedenken, dass ihre Freude verfrüht sein könne, dass solche Dinge nicht immer klappten, dass es manchmal falscher Alarm war.

»Das Fahrwerk ist eingezogen!«, rief ein strahlender Jake, das Walkie-Talkie am Ohr.

»Och, hör dich nur an«, sagte Cormac, der ihm beim Schieben half. »Du klingst ja schon wie ein Fluglotse! Wen hast du denn da dran, Air Force One?«

»Die schicken uns das Herz per Flugzeug.«

»Wer?«

»British Airways! Sie haben sich freiwillig gemeldet!«

»Die haben sich freiwillig angeboten, es herzufliegen?«

»Ich glaube, das Flugzeug mussten sie sowieso rüberbringen«, sagte Jake. »Egal, jedenfalls beschleunigen sie das Ganze.«

Cormac schüttelte den Kopf. »Das ist ja toll, einfach wunderbar.« Er tätschelte Islay die Schulter. »Kannst du das fassen? Die rollen nur für dich den roten Teppich aus.«

Jake hatte immer die neuesten Spielereien auf seinem Handy und rief jetzt eine App auf, mit der man die Route von Flugzeugen am Himmel mitverfolgen konnte. Zunächst beachtete ihn niemand, am Ende sah ihm aber jeder über die Schulter und schaute verblüfft dem einzigen Flugzeug zu, das um 00:30 Uhr in der Luft war. Es handelte sich um eine BA-Maschine mit dem Zusatz »Sondertransport«, die von London aus über das Land hinwegblinkte. Schweigen legte sich über die Gruppe.

Jake reichte das Handy an Islay weiter und stieg vorn in die Fahrerkabine, während Cormac und Islays Eltern hinten bei der Patientin blieben. Obwohl Islay bereits dreizehn war, klammerte sie sich an eine verschlissene Plüschrobbe, die sie bestimmt schon als Baby gehabt hatte.

Dann ließ Silent Tim den Wagen an, während Joan ihnen hinterherblickte.

Ihre Fahrt durch die stockfinstere Landschaft schien ewig zu dauern. Dass sie unterwegs anderen Autos begegnen würden, war unwahrscheinlich – zumindest bis um 4:30 Uhr, wenn die Bauern aufstanden. Daher fuhr Tim mit Fernlicht, und jetzt schienen plötzlich in jeder Hecke Augen aufzuleuchten oder Eulen zu rufen. Kleine Tiere huschten über die Straße. Eine Wolke von Staren stieg aus einem Baum auf, man sah Ginster oder hohes Gras einen Moment erbeben, aber nur ganz kurz, dann war der Krankenwagen auch schon daran vorbei, fuhr rumpelnd weiter.

Cormac malte sich aus, dass sie gerade der einzige kleine Lichtpunkt auf der ganzen weiten Welt waren. Sie kamen an fernen, dunklen Bauernhäusern und großen Weiden mit schlafenden Kühen vorbei, von denen sich gelegentlich eine rührte und schläfrig dabei zuschaute, wie die wertvolle Fracht vorbeisauste.

Natürlich war es albern, aber es kam Cormac beinahe so vor, als würden alle Wesen der Highlands respektvoll zurücktreten, um sie vorbeizulassen. Nichts sollte das Mädchen aufhalten, das auf einer Rolltrage hockte und auf einem Handy den Weg eines Flugzeugs am nächtlichen Himmel verfolgte.