Hochzeit in der kleinen Sommerküche am Meer - Jenny Colgan - E-Book

Hochzeit in der kleinen Sommerküche am Meer E-Book

Jenny Colgan

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Beschreibung

Mit ihren stimmungsvollen Wohlfühlromanen um die „»Kleine Bäckerei am Strandweg« eroberte Jenny Colgan in Deutschland die Bestsellerlisten. Mit ihren auf der schottischen Insel Mure spielenden Romanen um Flora und die kleine Sommerküche setzt sie ihren Erfolg fort. In »Hochzeit in der kleinen Sommerküche am Meer«, dem zweiten Band, entführt Colgans Leserinnen erneut in eine Welt voller Freundschaft, Liebe und köstlicher Rezepte.  

Mit ihren hellrosa Wänden, der Theke voller duftender Scones, Kuchen und Quiches sowie den urigen Steingutbechern für den Tee ist Floras kleine Sommerküche auf der Insel Mure inzwischen ein beliebter Treffpunkt von Einheimischen und Touristen. Neben ihrem Café, ihrem Hof und der Wettervorhersage, gehört jedoch auch Joel, ihr ehemaliger Chef und heutiger Freund zu Floras Universum. Nur ist er beruflich allzu oft in der Welt unterwegs – und während Flora unter diesen ständigen Trennungen leidet, scheint er davon unberührt. Es braucht einen ganzen Sommer, eine Hochzeit und eine Beinahe-Katastrophe, bis er erkennt, dass er kurz davor ist, Flora zu verlieren.

»Ich sehnte mich sofort nach der Insel Mure. Ein einziges Vergnügen.« Sophie Kinsella


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Mehr über unsere Autoren und Bücher:www.piper.deFür meine Cousinen Marie und Carol-Ann Wilson (und alle Wilsons), zum Dank für ihre tolle Arbeit als Pflegemütter von Kindern und BabysAus dem Englischen von Sonja Hagemann© Jenny Colgan 2018Titel der englischen Originalausgabe:»The Endless Beach«, Sphere 2018© der deutschsprachigen Ausgabe:Piper Verlag GmbH, München 2019Redaktion: Kerstin KubitzCovergestaltung: zero-media.net, MünchenCovermotiv: FinePic®, München(Himmel, Landschaft, Meer, Walflosse, Herzgirlande, Blumen, Blumen auf Tisch, Tisch, Vorhang); plainpicture/Elektrons 08 (Pavillon)Datenkonvertierung: Fotosatz Amann, MemmingenSämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Wir weisen darauf hin, dass sich der Piper Verlag nicht die Inhalte Dritter zu eigen macht.

Inhalt

Cover & Impressum

Ein paar Zeilen von Jenny

Karte

Eine Bemerkung zum Thema Aussprache

Motto

1. Selbst zum Frühlingsanfang …

2. Auf dem Weg …

3. Flora fuhr vom …

4. Mit zusammengekniffenen Augen …

5. Adu an der …

6. Am nächsten Tag …

7. »O ja.« …

8. Nach seinen einsamen …

9. »Muah. Nur noch …

10. Colton kehrte für …

11. Colleen McNulty aus …

12. Die Frau im …

13. Lorna lief zum …

14. Als Lorna sich …

15. Flora konnte vor …

16. Das kleine Shuttleflugzeug …

17. »Hey«, sagte Flora …

18. Lorna holte Papier …

19. Flora drehte sich …

20. Joel machte sich …

21. »Sorry«, murmelte Flora …

22. Flora versuchte, ganz …

23. Auch wenn er …

24. »Bist du dir …

25. Lieber Colton, es …

26. Oft sahen die …

27. Saif wollte wirklich …

28. Saif musste wegen …

29. Saif wurde von …

30. Saif stockte der …

31. In Glasgow durchliefen …

32. Weil es auf …

33. Der Sturm war …

34. Kein Schlaf. Endlos …

35. Joel wurde klar …

36. Flora stürmte ins …

37. »Ja, Mann, scheiß …

38. Saifs Söhne fanden …

39. Was als Nächstes …

40. Und wieder einmal …

41. Lorna kam zu …

42. Die unerwartete Pause …

43. »Mensch!«, rief Mark …

44. Kaum merklich entwickelte …

45. Joel starrte mit …

46. Die Tage wurden …

47. »Weißt du, wer …

48. Saif war einfach …

49. Als Neda am …

50. Joel wachte früh …

51. Saif war nach …

52. »Bist du sicher …

53. Auf seltsame Art …

54. Colton war kein …

55. Irgendwann wurde Saif …

56. Mit einem Glas …

57. Joel hielt einen …

58. Lorna stellte irgendwann …

59. Als er zurück …

60. »Keine Geheimnisse mehr« …

61. Saif war überrascht …

62. Der Morgen der …

63. Flora beobachtete Colton …

64. Augenblicklich brach die …

65. Als Joel sich …

66. Als Joel in …

67. Joel wurde an …

68. »O Gott«, stammelte …

69. »Du hast sie …

70. Still und gedankenverloren …

71. Das gute Wetter …

72. Der junge Ritter …

Rezepte

Danksagung

EIN PAAR ZEILEN VON JENNY

Hallo!

Letztes Jahr habe ich zum ersten Mal über die Ereignisse auf der kleinen schottischen Insel Mure geschrieben, und ich hatte dabei so viel Spaß, dass ich damit unbedingt weitermachen wollte. Für mich sind die Highlands und die schottischen Inseln in all ihrer Schönheit etwas ganz Besonderes – auch wenn das Leben dort oben wirklich hart sein kann.

Lasst mich euch kurz auf den neuesten Stand bringen, falls ihr das erste Buch nicht gelesen habt, was nicht schlimm ist. Und wenn doch, müsst ihr euch wenigstens nicht den Kopf darüber zerbrechen, wer noch mal wer war. Ich finde das nämlich immer sehr nervig, weil ich ein furchtbares Namensgedächtnis habe. (Das erwähne ich an dieser Stelle auch für den Fall, dass wir uns mal begegnen und ich mir eure Namen nicht merken kann!)

Also: Anwaltsgehilfin Flora MacKenzie wurde von London aus auf die abgelegene schottische Insel Mure geschickt – wo sie aufgewachsen war –, um dort ihrem (ebenso attraktiven wie schwierigen) Chef Joel zu helfen.

Bei der Rückkehr zu ihrem Vater und ihren drei Brüdern hat Flora zu ihrer eigenen Überraschung gemerkt, wie sehr sie ihr Zuhause vermisst hatte. Deshalb hat sie beschlossen, auf der Insel zu bleiben und dort ein kleines Café zu eröffnen, in dem sie tolle lokale Produkte vom Hof ihrer Familie verkauft und alte Rezepte ihrer verstorbenen Mutter nachkocht.

Zur Verblüffung aller anderen hat auch ihr Chef, Joel, sich zum Bleiben entschieden. Er hat sein verrücktes Leben im Hamsterrad für etwas Ruhigeres und Bodenständigeres aufgegeben und tastet sich mit Flora gerade vorsichtig an eine Beziehung heran.

Beide arbeiten für den amerikanischen Milliardär Colton Rogers, dem die halbe Insel gehört und der sich in Floras Bruder Fintan verliebt hat, einen begnadeten Käsehersteller.

So weit alles klar? Ja, da oben scheint irgendwie was im Wasser zu sein (außerdem gibt es dort auch lange Winter und kaum WLAN) …

Die anderen beiden Figuren, die euch noch interessieren dürften, sind Saif und Lorna. Sie sind schon in Begegnung in der kleinen Sommerküche am Meer aufgetaucht.

Saif ist Arzt und ein syrischer Flüchtling, der auf seinem Weg nach Europa unglaubliches Leid ertragen musste. In Großbritannien hat man ihm dann unter der Bedingung Asyl gewährt, dass er zum Wohl des Landes seine medizinischen Kenntnisse an einem abgelegenen Ort zur Verfügung stellt. Inzwischen hat er schon seit über einem Jahr nichts mehr von seiner Familie gehört.

Lorna ist die Leiterin der Grundschule auf der Insel und Floras beste Freundin.

Okay, ich glaube, das wären dann alle.

Na ja, jedenfalls hoffe ich, dass euch Hochzeit in der kleinen Sommerküche am Meer gefällt, und ich wünsche euch einen tollen Tag, wo auch immer ihr seid. Und falls ihr gerade Urlaub macht, dann bin ich ganz furchtbar neidisch, den Statistiken zufolge regnet es bei mir zu Hause nämlich mit Sicherheit gerade. Schickt mir doch ein Selfie! Ihr findet mich auf Facebook oder bei Twitter unter @jennycolgan!

Alles Liebe

Jenny

XXX

EINE BEMERKUNG ZUM THEMA AUSSPRACHE:

Alle »Chs« solltet ihr so aussprechen, als würdet ihr gerade irgendwas aushusten. Hier noch ein kurzer Überblick über die traditionellen Namen im Buch:

Agot – AH-gott

Eilidh – EY-li

Innes – I-NESS

Iona – Ei-OH-na

Isla – EI-la

Saif – Se-IFF

Seonaid – Scho-NEYT

Teàrlach – Tscher-LACH

Cynefin (Subst.): der Ort, an den man wirklich gehört, an dem man sich voll und ganz zu Hause fühlt

Es war einmal ein Prinz, der in einem Schloss ganz aus Eis lebte. Er war sich dessen allerdings gar nicht bewusst, weil er noch nie irgendwo anders gewesen war, nie etwas anderes gesehen hatte. Kälte war für ihn ganz normal, weil er ja sonst nichts kannte. Der Prinz regierte eine riesige Ödnis, war Herrscher über Bären und wilde Tiere und legte vor niemandem Rechenschaft ab.

Ein weiser Ratgeber empfahl ihm, auf Reisen zu gehen, sich eine Braut zu suchen und von anderen zu lernen.

Der Prinz jedoch lehnte ab und sprach: »Mir geht es doch gut hier!« Mit der Zeit wurde sein Turm aus Eis immer mächtiger und konnte von niemandem mehr betreten oder erklommen werden. Nichts gedieh an seinem Fuße, und Drachen drehten ihre Runden rund um das Bauwerk. Das Leben darin wurde immer gefährlicher, trotzdem wollte der Prinz nicht gehen. Viele versuchten, in den Turm zu gelangen, um den Prinzen zu retten, aber niemandem war es bisher geglückt. Bis zu jenem Tag …

KAPITEL 1

Selbst zum Frühlingsanfang hin ist es auf Mure ziemlich düster.

Flora war das jedoch egal, sie liebte den Moment, wenn sie morgens aufwachte und sich in tiefster Finsternis an Joel gekuschelt wiederfand. Der hatte einen leichten Schlaf (und Flora wusste ja noch nicht einmal, dass er vor ihrer Zeit fast gar nicht geschlafen hatte), daher war er meistens schon wach, wenn sie sich noch die Augen rieb. Dann wurde seine sonst so angespannte, stets wachsame Miene bei ihrem Anblick sanfter, und sie lächelte, wieder einmal überrascht und überwältigt und beängstigt angesichts ihrer tiefen Gefühle für ihn, ihres Erzitterns im Rhythmus seines Herzschlags.

Flora mochte sogar die kältesten Morgen; dann musste sie sich zwar antreiben, um in die Gänge zu kommen, doch zumindest hatte sie jetzt nicht mehr eine Stunde Fahrt vor sich, musste sich nicht im Zug gegen Millionen andere Pendler drücken lassen, die ihr ihre Viren ins Gesicht bliesen und drängelten und ihr das Leben unangenehmer machten als nötig.

Stattdessen stocherte sie mit dem Feuerhaken im feuchten Torf des Holzofens herum, der das zauberhafte Gästehaus beheizte. Hier wohnte Joel, während er für den Milliardär Colton Rogers arbeitete, dem die halbe Insel gehörte.

Nachdem Flora das Feuer wieder in Gang gebracht hatte, warfen die flackernden Flammen Schatten an die geweißten Wände, und augenblicklich wurde es noch gemütlicher im Zimmer.

Das Einzige im Raum, auf dessen Anschaffung Joel bestanden hatte, war die sündhaft teure, hochmoderne Kaffeemaschine. Flora überließ es gerne ihm, daran herumzuhantieren, während er gleichzeitig der Arbeit wegen ins Internet zu gehen versuchte und sich wie üblich über das unzuverlässige WLAN hier auf der Insel beklagte.

Flora griff dann nach ihrem Kaffee, zog einen alten Pulli über und schlenderte zum Fenster des Häuschens hinüber. Sie ließ sich auf der urigen Ölheizung nieder, einer von der Art, wie es sie in Schulen noch gab, die Colton allerdings ein Vermögen gekostet hatte. Dann schaute Flora aufs dunkle Meer hinaus, auf dessen Wellen sich manchmal weiße Schaumkronen zeigten, wenn es ein windiger Tag werden würde. Gelegentlich war das Wetter jedoch selbst ganz früh am Morgen schon so unfassbar klar, dass man noch die kalten Sterne am Himmel glitzern sehen konnte. Auf Mure gab es keine Lichtverschmutzung, und die Sterne kamen Flora größer vor, als sie sie aus ihrer Kindheit in Erinnerung hatte.

Sie umfing ihre Tasse mit den Händen und lächelte, als im Hintergrund die Dusche anging.

»Wo musst du denn heute hin?«, rief sie zehn Minuten später.

Joel steckte den Kopf zur Tür herein. »Erst einmal nach Hartford«, erklärte er. »Über Reykjavík.«

»Kann ich dich nicht begleiten?«

Joel warf ihr einen finsteren Blick zu. Seine Arbeit war kein Anlass für Scherze.

»Na komm schon, dann könnten wir im Flugzeug rummachen.«

»Da wäre ich mir nicht so sicher …«

Um leichter von Mure wegzukommen, hatte Colton sein eigenes Flugzeug, und Flora war stinkwütend, weil es für geschäftliche Angelegenheiten reserviert war und sie bisher noch kein einziges Mal damit geflogen war.

Ein Privatjet! Eigentlich konnte sie sich so etwas gar nicht vorstellen.

Leider verstand Joel überhaupt keinen Spaß, wenn es um seine Arbeit ging. Tatsächlich konnte man ihn generell nur schwer aufziehen, was Flora manchmal Sorgen machte.

»Ich wette, es gibt nichts, was diese Stewardessen noch nicht gesehen haben«, spann Flora ihren Gedanken fort.

Das traf bestimmt zu, aber Joel scrollte bereits durch die Seiten des Wall Street Journal und hörte ihr gar nicht richtig zu.

»Freitag in zwei Wochen bin ich wieder zurück. Colton konsolidiert im Moment einfach … na ja …«

Flora wünschte wirklich, er könnte ihr mehr über seine Arbeit erzählen, so wie früher, als auch sie noch im Gewerberecht gearbeitet hatte. Dabei ging es ihr nicht nur um die Schweigepflicht, Joel war generell zurückhaltend.

Flora zog eine Schnute. »Dann verpasst du ja die Argylls.«

»Die was?«

»Das ist eine Band, die auf ihrer Tournee auch im Harbour’s Rest spielt. Die Typen sind echt genial.«

Joel zuckte mit den Achseln. »Eigentlich hab ich für Musik auch nicht viel übrig.«

Flora ging zu ihm hinüber. Die Einwohner von Mure hatten die Musik im Blut. Als es auf der Insel noch keine Fähren und Flugzeuge gab, hatte man hier eben selbst für Unterhaltung sorgen müssen. Dabei hatten alle immer mit großem Eifer mitgemacht, wenn auch vielleicht nicht mit entsprechendem Talent.

Flora tanzte gut und konnte auch halbwegs die Brodhrán schlagen, wenn niemand mit mehr Talent zur Hand war, und ihr Bruder Innes war ein viel besserer Fiddler, als er zugeben wollte. Der Einzige hier, der überhaupt kein Instrument spielen konnte, war der bullige Hamish. Deshalb hatte ihre Mutter ihm meist nur ein paar Löffel in die Hand gedrückt, mit denen er sich austoben konnte.

Flora legte den Arm um Joel. »Wie kann man denn Musik nicht mögen?«, fragte sie.

Joel blinzelte und schaute über ihre Schulter hinweg. Eigentlich war es albern, nur eine Kleinigkeit auf dieser endlosen Achterbahnfahrt, als die er seine schwierige Kindheit empfunden hatte. Jede neue Schule war eine weitere Gelegenheit gewesen, wieder mal danebenzuliegen, die falschen Klamotten zu tragen, die falschen Bands gut zu finden. Und davor hatte er eben Angst gehabt. Es war ihm einfach nie gelungen, die ungeschriebenen Regeln zu lernen, so war es ihm zumindest vorgekommen. Es hatte zum Beispiel so unendlich viele coole Musikgruppen gegeben, dass er da unmöglich hinterherkommen konnte. Deshalb war es leichter gewesen, die Finger gleich ganz davonzulassen, und auch später hatte er mit der Musik nie wirklich seinen Frieden gemacht. Er hatte es nie gewagt herauszufinden, was er eigentlich mochte, hatte keine älteren Geschwister gehabt, die ihm diesbezüglich die richtige Richtung weisen konnten.

Und bei der Kleidung war es genauso. Joel trug nur zwei Farben, Blau und Grau, achtete dabei aber darauf, immer perfekt geschnittene Stücke aus dem hochwertigsten Material zu wählen – nicht etwa, weil er Geschmack hatte, sondern weil es ihm am einfachsten erschien. Auf diese Art und Weise brauchte er über die ganze Sache nicht groß nachzudenken. Allerdings hatte er genug Dates mit Models gehabt, um von ihnen so einiges über Kleidung zu lernen. Wenigstens dafür waren sie gut gewesen.

Nun warf Joel einen Blick zu Flora hinüber, die schon wieder aufs Meer hinausstarrte. Manchmal hatte er Schwierigkeiten, sie vor dem Hintergrund von Mure überhaupt zu erkennen, sie von ihrer Umgebung zu unterscheiden. Ihr Haar bestand aus Strängen von Seetang, die auf die weißen Dünen ihrer Schultern fiel, ihre Tränen waren Salzwasser im Sturm, ihr Mund eine perfekte Muschel. Flora war wirklich kein Model, ganz im Gegenteil. Sie kam ihm so bodenständig und solide vor wie der Erdboden unter ihren Füßen. Sie war eine Insel, ein Dorf, eine Stadt, ein Zuhause. Sanft liebkoste er sie, weil er kaum glauben konnte, dass sie wirklich ihm gehörte.

Diese Berührung kannte Flora von ihm schon, und sie konnte nicht leugnen, welche Sorgen die Geste ihr machte. Die Art und Weise, wie Joel sie manchmal anschaute, gefiel ihr gar nicht: als wäre sie etwas Zerbrechliches, Wertvolles. Und das war sie beides nicht. Sie war einfach nur eine junge Frau mit denselben Fehlern und Sorgen wie alle anderen auch. Irgendwann würde er das begreifen, und Flora dachte mit Schrecken an den Augenblick, in dem ihm klar werden würde, dass sie keine Selkie war. Sie war kein magisches Wesen, welches in sein Leben getreten war, um all seine Probleme zu lösen … Sie hatte solche Angst vor dem Moment, in dem er erkennen würde, dass sie einfach nur eine ganz normale Person war, die mit überflüssigen Pfunden kämpfte und sonntags in ihren übelsten Klamotten rumgammelte … Was wäre, wenn sie sich irgendwann über Spülmittel stritten?

Aber nun küsste sie ihm erst einmal sanft die Hand. »Jetzt guck mich nicht so an, als wäre ich ein Wassergeist.«

Er grinste. »Na ja, für mich bist du schon einer.«

»Wann geht denn dein …? Oh.« Sie vergaß jedes Mal, dass Coltons Flieger sich nach den Passagieren richtete, nicht nach den Vorgaben einer Fluggesellschaft.

Joel warf einen Blick auf die Uhr. »Jetzt gleich. Colton hat in letzter Zeit wirklich Hummeln im Hintern … Ich meine … Wir haben unglaublich viel zu tun.«

»Willst du nicht erst noch frühstücken?«

Joel schüttelte den Kopf. »Das ist zwar ein bisschen albern, aber es gibt an Bord doch tatsächlich Brot und Scones aus Annies Küche.«

Flora lächelte. »Meine Güte, seid ihr extravagant.« Sie küsste ihn. »Komm bitte bald wieder.«

»Wieso, bist du sonst weg?«

»Nein«, sagte Flora und zog ihn eng an sich heran. »Ich gehe nirgendwohin.«

Als er ohne einen letzten Blick zurück verschwand, schaute Flora ihm hinterher und seufzte. Es war seltsam, aber eigentlich wusste sie bei ihrem Freund nur beim Sex, dass er hundertprozentig da war. Voll und ganz da, bei ihr, Atemzug um Atemzug, Bewegung um Bewegung. Eine solche Hingabe allerdings hatte sie noch nie zuvor erlebt.

Vorher hatte sie es eher mit selbstsüchtigen oder angeberischen Liebhabern zu tun gehabt und auch mit komplett unfähigen Liebhabern, die durch zu viel Pornos in jungen Jahren verdorben waren.

Aber so etwas war ihr noch nie untergekommen – diese Intensität, die beinahe an Verzweiflung grenzte, als wäre Joel am liebsten ganz und gar in sie hineingekrochen. Sie fühlte sich zutiefst verstanden und hatte selbst das Gefühl, ihn vollkommen zu kennen. Ständig dachte sie darüber nach, aber Joel war ja leider meistens unterwegs. Und in der restlichen Zeit wusste sie immer noch nicht, worum sich seine Gedanken eigentlich drehten; daran hatte sich seit ihrer ersten Begegnung wenig geändert.

Einen Monat später war es draußen nicht mehr so dunkel, Joel war aber immer noch nicht zurück, weil er von einem Termin zum nächsten hetzte. Auch Flora ging heute auf Reisen, allerdings war das Ziel bei ihr nicht besonders interessant.

Sie wohnte vorübergehend wieder auf dem Hof, in ihrem alten Kinderzimmer. Dass sie hier als erwachsene Frau in ihrem Jugendzimmer mit den verstaubten Schleifen vom Highland Dancing schlief, ärgerte sie, genau wie die Sache mit dem Aufstehen. Da mochte sie sich den Wecker noch so früh stellen, und sie musste ja wirklich zeitig aus den Federn, aber ihre Brüder und ihr Vater waren immer schon seit einer Stunde auf den Beinen und mit dem Melken beschäftigt.

Bis auf Fintan, das Food-Genie der Familie. Er verbrachte inzwischen nämlich den größten Teil seiner Zeit mit der Käse- und Butterherstellung für Annies Küche und hoffentlich bald auch für Coltons neues Hotel, The Rock. Aber die anderen beiden – der kräftige, aber nicht besonders clevere Hamish und Innes, Floras ältester Bruder – waren im Dunkeln oder Hellen, bei Regen oder Sonnenschein früh draußen. Flora versuchte zwar, ihren Vater zu etwas mehr Geruhsamkeit anzuhalten, Eck war aber meistens auch mit von der Partie. Während Floras Zeit als Anwaltsgehilfin in London hatten ihre Brüder sie gerne damit aufgezogen, dass sie ein Faulpelz war. Eigentlich hatte Flora gehofft, sie durch ihre neue Rolle als Betreiberin eines Cafés zum Schweigen zu bringen. Aber leider wurde sie von ihnen immer noch als Leichtgewicht angesehen, weil sie ja erst um 5:30 Uhr morgens aufstand.

Sie sollte langsam wirklich ausziehen. Im Ort gab es sogar ein paar kleine Häuschen, die zu vermieten waren. Mit dem, was das Café abwarf, konnte sie sich so etwas Extravagantes allerdings nicht leisten.

Und daran würde sich wohl auch nichts ändern. Auf Mure gab es so tolle lokale Produkte – frische Biobutter aus ihrer eigenen Milchkammer, Fintans köstlichen Käse, besten Fisch und Meeresfrüchte aus dem kristallklaren Wasser, und der Regen ließ hier das allersüßeste Gras wachsen, durch das die Kühe fett wurden. Aber das alles kostete Geld.

Flora überschlug im Kopf, wie spät es jetzt in New York war, wo ihr Freund arbeitete – und ihr wurde klar, wie merkwürdig es ihr vorkam, Joel ihren Freund zu nennen.

Als ihr Chef hatte er sie hier auf die Insel geschickt, damit sie sich für Colton Rogers um eine rechtliche Angelegenheit kümmerte. Aber das war nur ein Aspekt der ganzen Angelegenheit gewesen. Sie hatte nämlich seit Jahren schon für ihn geschwärmt, seit ihrer ersten Begegnung. Er hingegen hatte seine Freizeit damit verbracht, sich mit Models zu treffen, und Flora nicht einmal bemerkt. Sie hätte nie gedacht, dass er je auf sie aufmerksam werden würde. Aber als sie sich im vergangenen Sommer zusammen um dieses Projekt kümmerten, war er genug aufgetaut, um seine Assistentin endlich mal richtig wahrzunehmen, und am Ende sogar genug, um seine berufliche Zukunft hier bei Colton auf Mure zu planen.

Doch in Wirklichkeit hielt er sich kaum auf der Insel auf. Colton hatte ihm das Gästehaus zugewiesen, eine wundervoll wiederhergerichtete Jagdhütte, weil man in The Rock immer noch auf die Eröffnung wartete, die ihre Zeit zu brauchen schien.

Nun jettete Colton eigentlich ständig um die Welt, um wichtige Milliardärangelegenheiten zu erledigen, und schien Joel dabei jede Minute an seiner Seite zu brauchen. Deswegen hatte Flora ihren Freund den Winter über kaum zu Gesicht bekommen, und jetzt war er gerade in New York. An so etwas wie ein gemeinsames Zuhause – oder auch nur einen ruhigen Moment, in dem man sich mal zusammensetzen und reden konnte – schien er gar nicht zu denken.

Rein theoretisch hatte Flora ja vorher schon gewusst, dass Joel ein Workaholic war – schließlich hatte sie jahrelang für ihn gearbeitet. Ihr war bloß nicht klar gewesen, was das für ihre Beziehung bedeuten würde. Für sie blieben nur ein paar Krümel hier und da, und das war wirklich nicht viel.

Und heute hatte Joel ihr nicht einmal eine aufmunternde Nachricht geschrieben. Vielleicht hatte er ja vergessen, dass sie gleich nach London fliegen würde, um dort offiziell ihre Kündigung zu unterschreiben.

Flora war sich ursprünglich nicht sicher gewesen, ob sie es überhaupt schaffen würde, Annies Küche den Winter über weiterzubetreiben. Dann kamen nämlich keine Touristen auf die Insel, und die Nacht dehnte sich so sehr aus, dass es überhaupt nicht mehr hell wurde, jedenfalls nicht so richtig. An solchen Tagen war die Versuchung groß, sich einfach die Decke über den Kopf zu ziehen und im Bett zu bleiben.

Aber zu ihrer Überraschung war im Café jeden Tag etwas los. Regelmäßig kamen Mütter mit ihren Babys und Rentner, die mit ihren Altersgenossen bei einem Käsescone beisammensaßen und plauderten. Die Strickgruppe, die für die Leute von Fair Isle Pulloverbestellungen übernahm und sich normalerweise reihum bei ihren Mitgliedern traf, hatte beschlossen, Annies Küche zu ihrem Zuhause zu machen. Flora konnte sich gar nicht daran sattsehen, mit welchem Tempo und Geschick die knorrigen alten Finger mit den unterschiedlichsten Arten von Wolle wundervolle Musterfolgen zauberten.

All das genoss sie so sehr, dass es ihr eines Tages plötzlich aufging: Das hier war jetzt ihre Aufgabe, sie gehörte genau hierher. Ursprünglich hatte ihre Firma in London sie eine Weile freigestellt, damit sie für Colton arbeiten konnte. Dieser Zeitraum war nun verstrichen, deshalb musste sie offiziell kündigen. Bei Joel war es genauso, er arbeitete inzwischen Vollzeit für Colton.

Flora hatte die Reise nach London vor sich hergeschoben und gehofft, dass sie beide vielleicht zusammen hinfliegen und die Papiere unterschreiben konnten, aber das kam ihr jetzt nicht mehr wahrscheinlich vor.

Heute würde sie deshalb nur noch schnell Isla, einer ihrer beiden jungen Mitarbeiterinnen, beim Öffnen des Lokals helfen und dann ihre Reise antreten. Das Café war in demselben hellen Rosa gestrichen worden, das auch früher seine Hauswände geziert hatte, bevor die Farbe verblasst und abgeblättert war. Jetzt passte es wieder perfekt in die Reihe mit dem schwarz-weißen Harbour’s-Rest-Hotel, dem hellblauen Angelladen und den cremefarbenen Souvenirshops. Sie boten dicke Wollpullis, Muscheln und kleine Steinfiguren an, natürlich alles Mögliche mit Schottenkaro, Highlandkühe in Spielzeuggröße sowie die typischen Karamell- und Toffee-Bonbons. Jetzt, im Winter, hatten allerdings mehrere dieser Shops geschlossen.

Der Wind pfiff übers Meer und peitschte Flora Gischt und Regen ins Gesicht. Sie grinste und rannte vom Hof den Hügel hinunter, was bei ihr inzwischen als Pendeln durchging. Gut, es war eisig kalt – obwohl ihre riesige Steppjacke sie ja perfekt isolierte –, trotzdem würde sie diesen Weg auf keinen Fall für eine Fahrt in der überhitzten, vollgestopften U-Bahn eintauschen, wo ihr die Menschenmassen entgegenströmen würden, heiß, kalt, heiß, kalt, Gedränge, und immer noch mehr Menschen. In London hatte sie ständig mit Geschrei und Streitereien und zu nah auffahrenden Autos zu kämpfen, mit Gehupe und Konflikten zwischen Fahrradkurieren und Taxifahrern. Im Hintergrund dröhnten dabei Züge, der Wind wirbelte Gratiszeitungen, Fast-Food-Verpackungen und Zigarettenstummel auf und trug sie die Straße entlang …

Nein, dachte Flora, selbst an Tagen wie heute, behaltet eure Pendelei gerne für euch. Sie fehlte ihr nicht einen Moment.

Aus Annies Küche fiel bereits das Licht golden nach draußen. Das Café bestand aus einem schlichten großen Raum, in dem zehn bunt zusammengewürfelte alte Tische kunstvoll angeordnet worden waren. Die im Moment noch leere Theke würde sich bald unter Scones, Kuchen, Quiche, selbst gemachten Salaten und Suppen nur so biegen, die Iona und Isla gerade hinten in der Küche zubereiteten. Mrs Laird, eine Bäckerin von der Insel, brachte jeden Tag zwei Dutzend Brotlaibe vorbei, die im Lokal ziemlich schnell weggingen, und die Kaffeemaschine lief ohne Unterbrechung von morgens bis abends. Flora konnte immer noch nicht so recht glauben, dass dieses Café wirklich existierte, und das dank ihr. Die Rückkehr an ihre alte Wirkungsstätte erfüllte sie nicht etwa mit Trauer oder Verzweiflung, sondern mit großer Freude. Und dass sie zu Hause das alte Kochbuch ihrer Mutter wiedergefunden hatte, war eine glückliche Fügung gewesen. Es hatte sich wie ein toller, verrückter Zeitsprung angefühlt.

Im Nachhinein erschien Flora das alles so offensichtlich, als hätte sie gar nicht anders handeln können. Es kam ihr vor, als sei das hier ihr Zuhause, und die Menschen hier, an die sie sich noch aus ihrer Kindheit erinnern konnte – inzwischen älter, aber mit denselben bekannten Gesichtern, von Generation zu Generation weitergegeben –, gehörten genauso zu ihrer Welt dazu wie eh und je. All das, was in Floras Universum von Bedeutung war – Joel, ihr Café, die Wettervorhersage, der Hof, die Frische ihrer Ware – war ihr irgendwie viel wichtiger als der Brexit, die Erderwärmung, das Schicksal der Menschheit. Es war nicht unbedingt eine Abkehr von der Welt, eher eine Erneuerung ihrer selbst.

Jetzt hatte Flora ungewöhnlich gute Laune, als sie ihre MacKenzie-Familienbutter aus dem Kühlschrank holte – so cremig und salzig, dass man für einen Toast sonst eigentlich nichts weiter brauchte.

Ihr Blick fiel wohlwollend auf das sauber aufgereihte Steingutgeschirr, das hier auf der Insel hergestellt und gebrannt wurde. Es stammte aus der Produktion eines neu Zugezogenen aus England, der auf der Insel in einem Cottage wohnte, noch weiter oben als die Höfe. Er brannte die robusten, schlichten Becher in Erdtönen – Sand, Grau und Braun – in einem Ofen hinter dem Haus. Mit ihren dicken Böden und den Seitenwänden, die nach oben hin dünner wurden, waren sie perfekt, um darin einen Caffè Latte lange warm zu halten.

Im Café gab seit einiger Zeit ein höflicher Aushang darüber Aufschluss, dass die Becher auch zu kaufen waren, sonst steckten die Kunden sie nämlich heimlich ein. Für Geoffrey an der alten Straße zum Macbeth-Hof hatte sich dadurch ein schöner neuer Nebenverdienst ergeben.

Gerade als Flora das Schild an der Tür zu »Geöffnet« umdrehte, teilten sich die Wolken, und es sah fast so aus, als würde man heute zusammen mit dem orkanartigen Wind auch ein paar Sonnenstrahlen abbekommen, was ihr ein Lächeln aufs Gesicht zauberte.

Joel war nicht da, und das war traurig. Andererseits konnte sie, sobald sie endlich diese blöde Reise nach London hinter sich gebracht hatte, Lorna zu sich einladen und sich mit ihr zusammen bei einer Flasche Prosecco The Only Way Is Essex angucken.

Auch wenn sie nicht viel verdiente, war es immer noch genug für eine halbe Flasche Schaumwein, und mal ganz im Ernst, gab es denn im Leben etwas Besseres? Jetzt lief im Radio ein Lied, das sie mochte, und Flora war so fröhlich, wie man Mitte Februar überhaupt nur sein konnte; da bewegte sich plötzlich ein Schatten am Eingang.

Flora öffnete die Tür für ihre erste Kundin heute Morgen, die aus der arktischen Kälte blinzelnd ins Warme trat und Flora dabei die ganze Sonne wegnahm. Floras gute Laune erhielt plötzlich einen Dämpfer, als sie in der Kundin Jan erkannte.

Bei ihrer Rückkehr nach Mure hatte Flora einen netten – wirklich sehr netten – Mann namens Charlie oder Teàrlach kennengelernt. Er hatte hier auf Mure eine Agentur für Abenteuerurlaub, die sich mit Angeboten für Geschäftsleute und Anwälte über Wasser hielt, bevorzugt aber für Wohltätigkeitsorganisationen Aufenthalte für sozial benachteiligte Kinder vom Festland organisierte.

Charlie hatte Flora gern gehabt, und Flora, die sich endlich damit abgefunden hatte, dass sie wohl niemals etwas mit Joel anfangen würde, hatte ein bisschen mit ihm geflirtet. Na ja, sogar mehr als nur ein bisschen, dachte sie nun.

Es war ihr peinlich, daran zurückzudenken, weil sie ja ziemlich schnell von einem Mann zum nächsten übergegangen war. Charlie war jedoch ein Gentleman und hatte Verständnis gezeigt.

Na ja, allerdings gab es da noch den anderen Aspekt der ganzen Geschichte, dass Charlie in dieser Zeit nämlich mit seiner Kollegin und Langzeitfreundin Jan eine Pause eingelegt hatte.

Jan hielt Flora jedenfalls für ein nutzloses Flittchen und gab ihr für alles die Schuld, weil sie Charlie ihrer Meinung nach vom rechten Weg abgebracht hatte. Das hatte Jan Flora nie verziehen und machte sie bei jeder Gelegenheit in der Öffentlichkeit laut vernehmlich herunter.

Normalerweise würde so etwas Flora nicht groß stören. Aber auf einer Insel mit der Ausdehnung von Mure war es gar nicht so einfach, einander aus dem Weg zu gehen. Und wenn man jemanden nicht mochte, dann konnten die regelmäßigen Zusammentreffen ganz schön nervig werden.

Jan war groß, trug einen praktischen Kurzhaarschnitt, hatte einen kantigen Kiefer und war fest davon überzeugt, dass sie (durch ihre Arbeit mit Charlie bei Outdoor Adventures) gerade die Welt rettete, während alle anderen nur Taugenichtse waren.

Erstaunlicherweise trug sie heute jedoch ein Lächeln auf dem Gesicht. »Morgen!«, trällerte sie. Flora schaute zu Isla und Iona rüber, die über Jans gute Laune ebenso verblüfft waren und fragend mit den Schultern zuckten.

»Äh … Hi, Jan!«, grüßte Flora. Normalerweise ignorierte Jan sie völlig und bestellte bei den jungen Mädchen, wobei sie die ganze Zeit mit überlauter Stimme redete und so tat, als existierte Flora gar nicht. Am liebsten hätte Flora ihr deswegen ja den Zutritt zum Café verwehrt, aber so etwas war eigentlich gar nicht ihre Art, und sie hätte auch gar nicht gewusst, wie sie das überhaupt anstellen sollte. Darüber hinaus war es vermutlich auch kontraproduktiv, eine Mitarbeiterin von Outdoor Adventures auf die schwarze Liste zu setzen. Schließlich verteilte Flora über Charlie den Großteil ihrer übrig gebliebenen Ware an die Kinder des Abenteuerprogramms.

»Hallo!« Jan wedelte so übertrieben mit der linken Hand herum, dass Flora schon dachte, sie würde jemandem auf der anderen Straßenseite zuwinken.

Zum Glück war Isla bei solchen Sachen mehr auf Zack. »Jan! Ist das da etwa ein Verlobungsring?«

Jan errötete zart und blickte so verschämt drein, wie sie es denn hinbekam, also nicht besonders, während sie kokett ihre Hand zeigte.

»Charlie und du, ihr macht das Ganze also offiziell?«, fragte Isla. »Das ist ja toll!«

»Herzlichen Glückwunsch!«, rief Flora, die sich wirklich für sie freute. Die Sache mit Charlie hatte ihr damals echt leidgetan. Dass er sich in seinem Leben jetzt endlich wohl genug fühlte, um Jan einen Antrag zu machen, war eine tolle Neuigkeit. »Wirklich super, ich wünsche euch nur das Beste!«

Jan wirkte ein wenig verblüfft, so als hätte sie insgeheim eigentlich gehofft, Flora würde sich zu Boden werfen und sich vor Verzweiflung die Haare raufen.

»Und, für wann ist die Hochzeit geplant?«, fragte Iona.

»Die soll natürlich in The Rock stattfinden.«

»Falls das Hotel denn je eröffnet«, warf Flora ein. Sie hatte keine Ahnung, worauf Colton noch wartete.

Jan zog die Augenbrauen hoch. »Oh, ich bin mir sicher, es gibt hier auch Leute, die die Sachen gebacken kriegen … Habt ihr heute Morgen diese Teigtaschen mit Rosinen?«

Hatten sie nicht, wie Flora zu ihrem Ärger zugeben musste.

»Na ja, das ist jedenfalls eine tolle Nachricht«, bekräftigte sie daher lieber noch einmal.

Allerdings wollte sie auf der Neuigkeit auch nicht allzu sehr herumreiten, damit es bloß nicht so aussah, als sei sie auf eine Einladung scharf. Was sie wirklich nicht war. Letzten Sommer hatten so einige Leute sie und Charlie zusammen gesehen und erinnerten sich nur zu gut daran, wie Jan ausgeflippt war, als sie die beiden bei einem Kuss erwischt hatte. Das Letzte, was Flora gebrauchen konnte, war eine neue Welle von Klatsch und Tratsch, gerade jetzt, wo endlich wieder Ruhe eingekehrt war.

Deshalb verzog sie sich lieber hinter den Tresen. »Kann ich dir vielleicht etwas anderes anbieten?«

»Vier Stück Quiche. Also … Normalerweise ist in eurem Zeug ja immer viel zu viel Zucker, und ich weiß schon, dass ihr nicht sehr nachhaltig arbeitet, aber …«

Auch ihr neues Glück konnte Jans Pedanterie also nichts anhaben, dachte Flora. »Entschuldigung, wie bitte?«

»Na ja«, sagte Jan, während ein Lächeln ihre Lippen umspielte. »Wir haben uns überlegt, dass du vielleicht das Catering für unsere Hochzeit übernehmen könntest.«

Flora blinzelte. Sie war echt scharf darauf, sich im Bereich Catering einen Namen zu machen. Was The Rock anging, so gab es nämlich nichts Neues, und sie wollte unbedingt mehr Geld reinbringen, um den Mädchen etwas mehr zahlen zu können.

Einerseits hatte sie keine große Lust darauf, Charlie beim Heiraten zuzusehen. Andererseits war es ihr doch eigentlich auch egal, oder? Und das Geld könnten sie wirklich gut gebrauchen. Darüber hinaus wäre sie ja doch die meiste Zeit hinter den Kulissen, um in der Küche sicherzugehen, dass alles gut lief. Ja, ehrlich gesagt war das vielleicht sogar die beste Lösung.

»Natürlich!«, rief sie also aus. »Das machen wir gern.«

Wieder runzelte Jan die Stirn. Plötzlich traf Flora die Erkenntnis, dass Jan im Vorfeld offenbar ein Szenario gedanklich durchgespielt hatte, in dem ihre Kontrahentin sich durch diesen Vorschlag furchtbar erniedrigt fühlen würde. Was Jan die ganze Sache bringen sollte, war Flora dabei zwar nicht klar. Aber sie würde auf keinen Fall so tun, als würde sie sich über das Angebot nicht freuen.

Jan lehnte sich zu ihr vor. »Und das wäre auch ein tolles Hochzeitsgeschenk.«

Flora kniff die Augen zusammen, während sich Stille über den Laden legte, nur durchbrochen vom Klingeln der Tür, als nun die üblichen Morgengäste hereinkamen. Isla und Iona nahmen ihre Plätze hinter dem Tresen ein, um die Neuankömmlinge zu bedienen. Dabei hielten sie sich in sicherem Abstand zu dieser schwierigen Unterhaltung, entfernten sich aber nur so weit, dass sie noch alles mitbekamen.

»Äh«, sagte Flora schließlich. »Nein, ich fürchte … Ich fürchte, das müssten wir euch schon in Rechnung stellen. Tut mir leid.«

Jan nickte mitfühlend. »Ich kann mir vorstellen, wie schwierig das für dich gewesen sein muss«, sagte sie schließlich.

Flora guckte einfach nur mit heiterer Miene beharrlich geradeaus.

»Dabei sollte man ja meinen, du mit deinem reichen Freund würdest der Insel gerne mal was Gutes tun wollen.«

Flora musste sich auf die Zunge beißen, um nicht zu antworten, dass die Sache so nun wirklich nicht lief, überhaupt nicht. Es würde ihr nämlich nicht im Traum einfallen, von Joel auch nur einen Penny anzunehmen. Ihr graute allein schon bei der Vorstellung, ihn um irgendwas zu bitten. Bisher hatten sie noch kein einziges Wort über das Thema Geld verloren. In diesem Augenblick musste sie sich zwar eingestehen, dass sie ja generell wenig redeten, aber das verdrängte sie jetzt mal.

Joel erkannte gewisse Feinheiten oft nicht, aber er empfand Flora als willkommene Abwechslung zu all den Frauen aus seiner Vergangenheit, die immer maulend Shoppingtrips eingefordert hatten. Allerdings ging er davon aus, dass Flora sich eben nichts wünschte, gar nichts brauchte, was so auch nicht stimmte.

Egal, jedenfalls entrüstete Flora die Vorstellung, wie sich Jan und ihre reiche, wohlgenährte Familie auf eins ihrer berühmten Annies-Küche-Büfetts stürzten – auf Hummer, Austern auf Eis, Brot und Butter in Topqualität, Rindfleisch aus der Gegend und den besten Käse weit und breit, auf leuchtende Obstkuchen und frisch geschlagene Sahne –, und das alles für lau … Dass sie sich damit den Bauch vollschlugen und sich auch noch köstlich darüber amüsierten, dafür keinen Penny bezahlt zu haben …

Ohne ein weiteres Wort packte Flora die Quiche-Stücke ein und tippte den Preis in die Kasse. Mit gönnerhaftem Lächeln zählte Jan ganz, ganz langsam ihre Münzen auf die Theke und verließ dann das Café, während Flora ihr wütend hinterherstarrte.

»Wirklich schade«, murmelte Iona, die ihr ebenfalls hinterherschaute.

»Diese Frau ist ein Monster«, knurrte Flora, deren gute Laune inzwischen völlig verflogen war.

»Nein, ich meine, ich wäre so gerne zu der Hochzeit gegangen«, sagte Iona. »Ich wette, dass da jede Menge gut aussehende Jungen kommen.«

»Ist das eigentlich alles, woran du denkst – wie du Jungs kennenlernen kannst?«

»Nein«, entgegnete Iona. »Tatsächlich denke ich immer nur darüber nach, wie ich Jungs kennenlernen kann, die nicht als Fischer arbeiten.«

»Hey!«, rief da jemand aus einer Gruppe Fischer rüber, die ihre Hände an den großen Steingutbechern mit heißem Tee wärmten und frisches, warmes Sodabrot aßen.

»Ich will ja niemandem zu nahe treten«, sagte Iona. »Aber ihr riecht immer nach Fisch und habt auch einfach nicht genug Daumen, weil die ständig im Netz hängen bleiben. Oder vertue ich mich da etwa?«

Die Fischer blickten einander an und nickten. Ja, das mussten sie zugeben, da hatte sie durchaus recht, keine Frage.

»Okay!«, rief Flora und reckte die Hände in die Luft. »Ich muss los und mein Flugzeug erwischen.«

KAPITEL 2

Auf dem Weg zum Flughafen fuhr Flora mit ihrem alten, klapprigen Land Rover an Lorna MacLeods üblichem Spazierweg vorbei, verpasste ihre Freundin aber ganz knapp.

Es war ein böiger Morgen, von der See her wehte ein frischer Wind übers Land, und die Wellen klatschten mit weißen Schaumkronen an den Strand. Trotzdem klarte es eindeutig auf. Es war Flut, und der Strand, der als »Endless« bekannt war, lag da wie ein langer, goldener Pfad. Natürlich brauchte man immer noch eine dicke Jacke, aber man konnte es irgendwie spüren: Da regte sich etwas tief in der Erde, das roch man geradezu.

Lorna war mit ihrem Hund Struppi unterwegs. Sie leitete die Grundschule am Ort und unterrichtete auch selbst. Es gab auf der Insel zwei Lehrerinnen: Lorna übernahm immer die »kleine Klasse« der Vier- bis Achtjährigen, während sich Mrs Cook mit ihrer Engelsgeduld um die Größeren kümmerte.

Unterwegs betrachtete Lorna Krokusse und Schneeglöckchen und Osterglocken, die langsam erste Knospen zeigten. Hinter dem üblichen Geruch nach Meer, den sie gar nicht mehr wahrnahm, lag ein Duft in der Luft, ein besonderer Duft – das erdige Aroma von Wachstum und Wiedergeburt.

Genüsslich lächelnd dachte Lorna an die Monate, die vor ihr lagen, mit immer längeren Tag, bis es mitten im Sommer überhaupt nicht mehr dunkel werden würde. Dann würden sich auf Mure fröhliche Urlauber tummeln, der Pub würde jeden Abend gerammelt voll sein, und die Livemusik würde erst dann wieder verstummen, wenn auch der letzte Whiskytrinker glücklich war oder schlief oder beides.

Lorna vergrub die Hände tief in den Taschen ihrer dicken Steppjacke und setzte sich wieder in Bewegung, die Augen auf den Horizont gerichtet, wo gerade die letzten Streifen in Rosa und Gold verschwanden und kalten, aber goldenen Strahlen der Frühlingssonne Platz machten.

Lorna war schon allein deshalb gut gelaunt, weil sie inzwischen morgens wieder im Hellen aufwachte. Im Vergleich zu anderen Jahren war der Winter mild gewesen – natürlich waren arktische Stürme über die Insel hereingebrochen, hatten den Fährverkehr lahmgelegt und alle in ihre Häuser getrieben, aber das störte Lorna eigentlich nicht groß.

Sie fand es schön, ihre Schüler mit Mütze und Handschuhen herumtollen zu sehen, wenn sie mit roten Wangen lachend über den Schulhof liefen. Sie trank auch gerne mal eine heiße Schokolade im Ort und kuschelte sich danach zuhause vors Feuer. Flora hatte den Hof ihres Vaters geerbt und sollte sich eigentlich darum kümmern, zusammen mit ihrem Bruder. Der arbeitete jedoch auf einer Bohrinsel und hatte eine cooles, modernes Appartement in Aberdeen, deshalb interessierte ihn die ganze Sache nicht besonders.

Dass Flora und Lorna sich verpasst hatten, war bedauerlich, weil Flora eine ordentliche Portion von Lornas ewigem Optimismus ganz gut hätte brauchen können für das, was vor ihr lag.

Als Lorna den Strand erreichte, entdeckte sie Saif, der sie im selben Moment von der anderen Seite des Strands her bemerkte. Saif wohnte im alten Pfarrhaus – nicht in demjenigen, das Colton so prächtig wiederhergerichtet hatte, sondern in dem kleineren, verfallenen hier am Hügel. Es hatte leer gestanden, seit der letzte dort lebende Geistliche aufs Festland gezogen war, weil die schwindende Inselbevölkerung seine ständige Anwesenheit eigentlich nicht mehr erforderte.

Auf Mure herrschte zwar eine strenge, auf dem Calvinismus von John Knox fußende Religiosität, die Menschen auf der Insel hatten sich jedoch nie völlig von ihren Wurzeln gelöst: von den vielen wilden Göttern der wikingischen Eroberer und den noch weiter zurückliegenden grünen Erdgöttern der Ureinwohner. Woran auch immer man glauben mochte – diese Insel hatte etwas zutiefst Spirituelles an sich. Auf den Landspitzen gab es Menhire – steinerne Überreste einer Zivilisation, die wer weiß was für Gottheiten angebetet hatte –, aber natürlich auch die uralte und wunderschöne Klosterruine und kleine, schlichte Kapellen mit robusten Kirchtürmen, die sich beharrlich dem Nordwind entgegenstellten.

Saif Hassan hatte das Haus gemietet, als er sich im Gegenzug für dauerhaftes Bleiberecht zu zwei Jahren Arbeit auf der Insel verpflichtet hatte. Er war Flüchtling und Mediziner, und in so abgelegenen Gegenden wurden dringend Hausärzte gesucht. Eine absolute Garantie, dass er bleiben durfte, hatte er aber auch so nicht.

Eigentlich wollte Saif ja gerne über das aktuelle Tagesgeschehen in seiner neuen Heimat auf dem Laufenden sein, die englische Politik blieb ihm jedoch ein völliges Rätsel, deshalb hatte er es irgendwann aufgegeben. Er nahm einfach an, dass die Dinge hier immer schon so gelaufen waren; er hatte keine Ahnung, dass auch alle um ihn herum diese Politik nicht mehr verstanden.

In der vergangenen Nacht hatten Saif wieder diese Träume heimgesucht, und er wusste nicht, ob er sie je wieder loswerden würde. Immer das Geschrei und der Lärm. Er war wieder auf dem Boot und umklammerte seine Ledertasche, als hinge sein Leben davon ab. Dann der Gesichtsausdruck des kleinen Jungen, den er nach einem Streit ohne Betäubung hatte nähen müssen. Der Stoizismus. Die Verzweiflung. Das Boot.

Aber ganz unabhängig vom Wetter wachte er jeden Morgen mit dem festen Vorsatz auf, nicht unterzugehen – nicht von seinen eigenen Wellen des Wartens verschlungen zu werden, von der Hoffnung, endlich etwas von seiner Frau und seinen beiden Söhnen zu hören. Er hatte sie zurückgelassen, um ihnen in einer plötzlich viel härteren und unerbittlicheren Welt einen Weg in ein besseres Leben zu bahnen.

Leider gab es keinerlei Neuigkeiten von ihnen, obwohl er doch jede Woche im Innenministerium anrief. Saif war nicht sicher, ob es das Stadtviertel überhaupt noch gab, welches er da in weiter Ferne zurückgelassen hatte – einst eine zwanglose Gegend mit freundlichen, gesprächigen Nachbarn. Sein ganzes Leben war einfach verschwunden. Doch die Leute hier sagten ihm wieder und wieder, dass er zu denen gehöre, die Glück gehabt hatten.

Um das Entsetzen aus seinem Kopf zu verbannen, machte Saif jeden Morgen einen Spaziergang den Endless entlang. Erst durch diesen Fußmarsch erreichte er einen Gemütszustand, mit dem er sich den kleinen Wehwehchen der Inselbevölkerung stellen konnte: schmerzenden Hüften, hustenden Babys, Anflügen von Depression und den Wechseljahren. All das durfte er auf keinen Fall als Nichtigkeiten im Vergleich zum akuten, apokalyptischen Elend in seiner Heimat abtun. Und nach zwei, drei Kilometern war er meist auch dazu bereit. Im Winter war er stets beim ersten Anzeichen von Morgenlicht draußen gewesen und hatte instinktiv den Hagel willkommen geheißen, der im Gesicht wie kleine Steinchen stach. So etwas hatte der Mediziner vor seiner Ankunft in Europa noch nie erlebt und fand es beinahe witzig, wie unangenehm dieses Naturphänomen war.

Aber wenigstens spürte er durch dieses Wetter mal etwas anderes als Angst und Beklommenheit. Und so ließ er sich gerne durchpusten, um einen klaren Kopf zu bekommen. Wenn er bis auf die Knochen durchgefroren – und erschöpft – war, dann erst fühlte er sich rein. Und leer. Und bereit für einen weiteren Tag in diesem Halbleben, das er führte. Als würde er in einem ewigen Wartezimmer sitzen.

Das alles ging ihm im Kopf herum, als er plötzlich etwas entdeckte und verblüfft die Arme hochriss.

Lorna bemerkte seine Geste von der anderen Seite des Strands her und runzelte die Stirn. So eine Begeisterung passte überhaupt nicht zu Saif, dem man doch sonst jedes Wort aus der Nase ziehen musste.

Auf Mure wurde viel geredet, das konnte man nicht anders sagen. Klatsch und Tratsch waren eins der zentralen Elemente dieser Gemeinschaft, und jeder kannte jeden. Es war nicht unüblich, über das Tun und den Verbleib von drei Murer Generationen im Bild zu sein.

Natürlich wurden immer nur die tollsten Geschichten erzählt, von unglaublichen, intelligenten Sprösslingen, die in London Erfolg hatten oder in Amerika Millionär geworden waren. Daran war man längst gewöhnt, aber man hörte es trotzdem gerne.

Saif hingegen sprach nie über seine Familie, niemals, daher wusste Lorna lediglich, dass er eine Ehefrau hatte – oder gehabt hatte. Ja, sie war sich dessen bewusst, dass es da eine Frau und zwei Söhne gab – oder eben gegeben hatte, sie wagte aber nicht, weiterzufragen. Als Saif auf Mure angekommen war, war ihm nichts mehr geblieben – er hatte nichts mehr besessen, nicht einmal mehr seinen Status. Hier war er zwar Arzt, vor allem aber auch Flüchtling, und wurde deshalb bemitleidet.

In so manchem Haushalt wurde er – aus keinem bestimmten Grund – sogar verachtet (bis es bei diesen Leuten zum ersten Mal eine Wunde zu nähen gab oder der Doktor ihnen mit ihren alten Eltern helfen musste).

Lorna wollte auf keinen Fall durch neugierige Fragen schlimme Erinnerungen bei Saif wachrufen und ihm auch noch das letzte bisschen Würde nehmen. Als sie ihn nun an diesem hellen, kargen Murer Morgen voll von vorbeijagenden Wolken und Versprechen so winken sah, begann ihr Herz zu klopfen.

Struppi bemerkte ihren Blick in Richtung Saif und tollte fröhlich den Strand entlang. Um mit ihrem Hund Schritt zu halten, musste sich Lorna ganz schön ins Zeug legen; als sie den Arzt erreichte, war sie ziemlich außer Atem. Der Endless war nämlich länger, als er aussah, weil das Wasser die Dimensionen verzerrte. In ihren zittrigen Atem mischte sich aber auch Besorgnis.

»Schau mal!«, rief Saif. »Guck!«

Ihr Blick folgte seinem Finger. Meinte er etwa ein Boot? Oder was sonst? Sie kniff die Augen zusammen.

»Oh, jetzt ist es weg«, sagte Saif, und sie guckte ihn verwirrt an, doch er starrte immer noch hinaus aufs Meer. Während sie um Atem rang, blickte sie daher auch wieder in die Ferne. Eigentlich wollte sie ihn fragen, was zum Teufel er denn meinte, da sah sie es selbst. Eine Kräuselung zunächst, an der Oberfläche, kaum zu erkennen; aber dann erschien ganz plötzlich ein riesiger Umriss – so kolossal, wie eigentlich kein Lebewesen sein sollte, so groß, dass man sich fragen musste, wie dieses Tier sich überhaupt fortbewegen konnte. Es kam ihr vor, als würden sie eine 747 beim Start beobachten – ein riesiger, glänzender schwarzer Körper schoss aus dem Wasser, schüttelte mit einem Flossenschlag Wasserperlen ab und verschwand wieder in der Tiefe.

Mit leuchtenden Augen drehte sich Saif zu Lorna um. Er sagte etwas, was wie »Hatt« klang.

Lorna kniff die Augen zusammen. »Wie bitte?«

»Ich kenne das Wort auf Englisch nicht.«

»Ah!«, rief Lorna. »Wal! Das ist ein Wal! Aber ein merkwürdiger … So was hab ich vorher noch nie gesehen.«

»Gibt es von denen hier viele?«

»Ein paar …« Lorna runzelte die Stirn. »Normale Wale. Aber der da sieht echt komisch aus. Und es ist wirklich nicht gut für sie, wenn sie so nah ans Ufer kommen. Letztes Jahr ist einer hier auf dem Strand aufgelaufen, weißt du noch? Das war vielleicht ein Theater!«

Saif war sich nicht sicher, ob »ein Theater« etwas Gutes oder Schlechtes war, und er konnte sich an den Vorfall auch nicht erinnern, deshalb beobachtete er weiter die See. Und tatsächlich, ein paar Minuten später sprang der Wal wieder. Dieses Mal ließen die Sonnenstrahlen die fallenden Tropfen wie Edelsteine glitzern. Sie perlten von der Flosse ab und von noch etwas anderem, was verrückterweise wie ein Horn aussah. Lorna und Saif lehnten sich vor, um es besser zu sehen.

»Wie schön!«

»Ja«, sagte Lorna, »allerdings.«

»Du klingst aber nicht sehr glücklich, Lorena.«

Saif hatte immer schon Schwierigkeiten mit ihrem Namen gehabt.

»Na ja«, erklärte sie, »zum einen mache ich mir Sorgen um das Tier. Es ist eine ziemlich üble Sache, wenn Wale stranden. Selbst wenn man sie gerettet hat, kommen sie manchmal wieder. Zum anderen …«

Saif sah sie fragend an.

»O Gott, das findest du bestimmt bescheuert.«

Er zuckte mit den Achseln.

»Wir Murer … Also, hier auf der Insel hält man sie für ein schlechtes Omen.«

Saif runzelte die Stirn. »Aber die sind doch wunderschön.«

»Viele Dinge, die Unglück bringen, sind schön. Damit wir sie an uns heranlassen«, sagte Lorna, ohne die Augen vom Horizont zu lösen. »Wir bräuchten Flora, die kennt sich mit solchen Sachen aus.«

Saifs Blick wurde skeptisch, und Lorna musste lachen. »Oh, natürlich ist das alles nur ein dummer Aberglaube.«

Wieder sprang der Wal durch die brechenden Wellen, so kraftvoll und frei, und Lorna wunderte sich ein wenig, wieso sein Anblick sie nicht glücklich machte, warum sie ganz unerwartet solch ein ungutes Gefühl in der Magengegend hatte, das gar nicht zu diesem Tag passte.

KAPITEL 3

Flora fuhr vom Flughafen Richtung Innenstadt und stieg an der Liverpool Street aus. Als sie aus den warmen Eingeweiden der U-Bahn hoch an die Oberfläche kam, schoss ihr wieder durch den Kopf, wie heftig London war, wenn man weg gewesen und an das alles nicht mehr gewöhnt war. Wahrscheinlich befanden sich schon allein hier in der Bahnhofshalle mehr Menschen, als auf ihrer ganzen Insel lebten. Dann wurde ihr auch noch klar, dass sie eine Mikrosekunde zu lange auf der Rolltreppe stehen geblieben war, weil nämlich jemand sie anrempelte und missbilligend mit der Zunge schnalzte.

Flora fand es sehr erstaunlich, dass sie erst seit ein paar Monaten weg war, schließlich war ihr der Weg zur Arbeit quer durch London einst so natürlich vorgekommen wie Atmen. Jetzt konnte sie sich gar nicht mehr vorstellen, warum sich jemand so etwas antat, wenn er nicht unbedingt musste.

Sie hatte sich auf diesen Morgen überhaupt nicht gefreut, wirklich nicht. Eigentlich war es ja albern: Sie musste doch nur das Gebäude betreten, ihre Sachen abholen und dann für die Personalabteilung ein paar Papiere unterschreiben. Damit würde sie ihre Kündigung bestätigen und sich dazu verpflichten, während der nächsten drei Monate für keine andere schicke, teure Anwaltskanzlei zu arbeiten. Letzteres würde ihr nicht schwerfallen, weil es auf Mure gar keine schicken, teuren Anwaltskanzleien gab. Es gab überhaupt nichts Schickes, Teures, das machte es ja so schön.

Eigentlich sollte Flora wirklich nicht aufgeregt sein, sie war es aber. Zurück in London konnte sie die Erinnerungen nämlich nicht mehr verdrängen. Sie musste dauernd an die Zeit denken, als Joel ständig mit lächerlich schönen Models ausgegangen war, als er Tinder benutzt und One-Night-Stands gehabt hatte, diese ganzen Sachen, bei denen Flora noch nie besonders gut gewesen war.

Damals hätte niemand auch nur in seinen wildesten Träumen einen führenden Mitarbeiter der Firma – und auch noch einen gut aussehenden – mit der blassen Anwaltsgehilfin in Verbindung gebracht.

Flora war schon klar, dass sie ungewöhnlich aussah, aber nicht dem traditionellen Schönheitsideal entsprach. Ihre Haare waren leicht rötlich, dabei aber so hell, dass sie fast durchsichtig wirkten, und ihre Haut war weiß wie Schnee. Floras Augen hatten die Farbe des Meers und changierten von Grau zu Grün zu Blau. Sie war eben das Endprodukt einer langen Reihe von Inselbewohnern und Wikingern.

Aber in den auf Mure üblichen Fleecepullis konnte sie natürlich nicht mit Londons umwerfenden, immer perfekt zurechtgemachten Instagram-Girls in ihren tollen Klamotten konkurrieren – und auch nicht mit ihren Föhnfrisuren, die man auf Mure aus windtechnischen Gründen vergessen konnte.

Hier in London wirkten alle immer so selbstbewusst und beschäftigt und gehetzt und glamourös. Flora kam es vor, als würde sie selbst langsam immer kleiner werden. Mure hingegen war ihr Zuhause, der Ort, an den sie gehörte. Was aber nicht dagegen half, dass sie sich in London als Versagerin fühlte.

Jetzt reiß dich mal zusammen, sagte sie sich. Konzentrier dich auf die positiven Aspekte. Auf euer gemeinsames Leben. Sie blinzelte.

Das mit Joel war einfach ein Dilemma für sie, wie Lorna mal zu ihr gesagt hatte, schon klar. Jemand, der so ehrgeizig und tough war, musste als Partner ja schwierig sein.

Weil Joel im Pflegesystem aufgewachsen und in fremden Familien herumgereicht worden war, wusste Flora nicht, ob er je zu einem anderen Menschen eine echte Bindung aufgebaut hatte.

Sie fragte sich ernsthaft, wie sehr es ihm überhaupt um sie ging, wie sehr vielleicht auch um ihre Familie – in der die Liebe zwischen ihr und ihren drei Brüdern vor allem durch Zanken und Ärgern zum Ausdruck kam – und wie sehr um die Insel mit ihrem gemächlichen Lebensstil und den Bewohnern, die einander alle so gut kannten.

Es war ja wirklich schön, wenn Joels gebeuteltes Herz auf Mure zur Ruhe kommen konnte. Flora war sich aber nicht sicher, ob das reichte und ob sie selbst ihm gut genug war.

Immerhin hatten sie vier Jahre lang zusammen in diesem Gebäude gearbeitet, und die junge Anwaltsgehilfin war ihm dabei nie aufgefallen, nicht ein einziges Mal. Er hatte ja noch nicht einmal ihren Namen gekannt. Obwohl sie vorher schon mehrmals mit ihm gesprochen hatte, hatte er sich bei ihrem ersten Treffen zum Thema Mure so benommen, als seien sie einander nie begegnet.

Kai, Floras bester Freund im Büro, hatte es nicht fassen können, als sie zusammengekommen waren. Dabei war er doch ein Mensch, dem Flora wichtig war. Was der Rest des Büros wohl über die ganze Geschichte dachte, wollte sie lieber gar nicht wissen.

Nun drückte Flora die Schultern durch. Rein und wieder raus, und sie hätte die ganze Sache hinter sich. Und dann könnte sie den nächsten, großen Schritt in ihrem Leben in Angriff nehmen, was auch immer das sein mochte.

KAPITEL 4

Mit zusammengekniffenen Augen schaute Fintan MacKenzie, der jüngste von Floras drei großen Brüdern, seinem Freund Colton Rogers beim Stretching in der Sonne zu.

»Was machst du denn da?«, stöhnte Fintan.

Am Abend vorher hatten sie mögliche Whiskylieferanten für The Rock getestet – dessen Eröffnung Colton äußerst träge vorantrieb –, und das Ergebnis war ziemlich vorhersehbar gewesen. Der Frühjahrssonnenschein, der durch die riesigen Hotelfenster ins Zimmer fiel, war bei seinen Kopfschmerzen jetzt auch nicht gerade hilfreich.

»Das ist der Sonnengruß!«, rief Colton energiegeladen. »Komm, willst du nicht mitmachen?«

Fintan schob den Kopf unter die Bettdecke. »Nein, danke! Außerdem ist das keine besonders schmeichelhafte Position, wenn ich das mal so sagen darf.«

Grinsend machte Colton weiter. »Du wirst dich bestimmt nicht mehr darüber beschweren, wenn du erst mal siehst, wie gelenkig ich dadurch werde. Komm schon, steh auf. Unten werden für uns schon grüner Saft und grüner Tee vorbereitet.«

»Das einzig Grüne hier«, klagte Fintan auf dem Weg zum Bad, »bin ich. Was hast du denn heute so vor?«

»Ich will mich vormittags mit meinem Anwalt treffen, um ein paar Dinge zu besprechen«, antwortete Colton.

»Ist das dieser komische amerikanische Typ?«, rief Fintan aus dem Badezimmer.

»›Dieser komische Typ‹ würde schon reichen«, wandte Colton ein, »immerhin sprichst du ja gerade mit einem Amerikaner. Aber den solltest doch eigentlich du besser kennen, heiratet der nicht deine Schwester?«

Fintan stöhnte und schob den Kopf zur Badezimmertür heraus. »Himmel, was weiß ich? Flora ist schließlich ziemlich eigen. Außerdem – heiraten? Im Ernst jetzt?« Er verzog das Gesicht.

»Was hast du denn gegen die Ehe?«, erkundigte sich Colton, der sich wie eine Katze reckte und den Rücken durchdrückte.

»Die ist was für Idioten«, antwortete Fintan. »Guck dir doch nur Innes an.«

Innes war der älteste MacKenzie-Bruder und hatte die wunderschöne Eilidh geheiratet. Das hatte jedoch ein schlimmes Ende genommen, sie war flugs wieder aufs Festland gezogen, und nun sah Innes seine beeindruckende, willensstarke Tochter Agot nicht annähernd so oft, wie er gern würde.

»Hm«, machte Colton. Er ging in die nächste Position über und sagte dazu nichts mehr, sodass sich zwischen ihnen eine merkwürdige Stille breitmachte. Unter der Dusche vergaß Fintan die ganze Sache allerdings sofort wieder.

Colton küsste ihn, als er kurz darauf aus dem Bad kam.

»Das ist dein ›Ich werde ewig weg sein‹-Kuss«, beschwerte sich Fintan. »Diese Reiserei gefällt mir überhaupt nicht.«

»Mir doch auch nicht«, sagte Colton, dessen Lippen ein Lächeln umspielte.

»Was denn?«

»Ach, nichts.«

»Was?«

»Na ja, jetzt, wo dieser gefügige Anwalt für mich arbeitet …«

»Könnten wir bitte mal aufhören, über den zu reden?«

»… jetzt will ich nur noch ein paar Dinge abschließen, damit ich in Zukunft mehr Zeit hier mit dir verbringen kann.«

»Im Ernst?«, fragte Fintan, dessen Miene sich sofort aufhellte.

Einen Moment lang betrachtete Colton ihn einfach nur und genoss den Effekt seiner Worte.

»Das wäre echt super«, sagte Fintan.

»Ich weiß«, seufzte Colton. »Und deshalb möchte ich auch gerne … Na ja, ich hab da so ein paar Ideen.«

Fintan umarmte ihn und schaute dann plötzlich zu ihm hoch. »Können wir demnächst trotzdem noch in die Karibik fahren?«

»Na klar.«