Weihnachten im kleinen Inselhotel - Jenny Colgan - E-Book

Weihnachten im kleinen Inselhotel E-Book

Jenny Colgan

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Beschreibung

Mit „Weihnachten im kleinen Inselhotel“ führt SPIEGEL-Bestsellerautorin Jenny Colgan (u. a. »Die kleine Bäckerei am Strandweg« und »Die kleine Sommerküche am Meer«) ihre Leserinnen und Leser zurück auf die zauberhafte schottische Insel Mure.  Ein festlich geschmückter Kamin mit prasselndem Feuer, ein köstliches Weihnachtsmenü und glückliche Gäste – so soll »The Rock«, das neue Hotel auf der kleinen schottischen Insel Mure, an den Feiertagen erstrahlen. Doch wenige Wochen vor dem Fest ist das Hotel noch weit von dieser Idylle entfernt, und zwischen dem Hotelpersonal kracht es gewaltig. Denn mit einem launischen französischen Chefkoch, der schüchternen Isla aus dem kleinen Café der Insel und einem norwegischen Küchengehilfen, der nichts anderes ist als ein waschechter Prinz, prallen Welten aufeinander. Cafébesitzerin Flora und ihr Bruder Fintan müssen alle Register ziehen, damit »The Rock« rechtzeitig eröffnen und ihre Familie wahres Weihnachtsglück erleben kann …      »Ein weihnachtlicher Pageturner, der glücklich macht.« Daily Express   »Niemand versteht sich so gut auf gemütliche Eskapismus-Romance wie Jenny Colgan« Sunday Express

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Für die Leute an vorderster Front, all diejenigen,

die jeden Morgen aufgestanden und zur Arbeit gegangen sind,

während wir anderen zu Hause bleiben mussten.

Ihr wart und seid der Kitt, der die Welt zusammenhält.

Deutsche Erstausgabe

© Jenny Colgan 2020

Titel der englischen Originalausgabe: »Christmas at the Island Hotel«,

Sphere, an imprint of Little Brown Book Group,

an Hachette UK Company, London 2020

© der deutschsprachigen Ausgabe: Piper Verlag GmbH, München 2021

Redaktion: Kerstin Kubitz

Covergestaltung: zero-media.net, München nach einem Entwurf von

Little, Brown Book Group

Illustration Covermotiv: Kate Forrester

Karte: The Flying Fish Studios, Viv Mullett

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Inhalt

Cover & Impressum

Karte Mure

Personen der Handlung

Aus den USA

Aus Norwegen

Aus London

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

Kapitel 73

Kapitel 74

Kapitel 75

Dank

Personen der Handlung

Personal in »The Rock«

Gaspard – Chefkoch

Konstantin – Küchenjunge

Bjårk – Konstantins Hund

Gala – Rezeptionistin

Kerry – Stellvertretende Küchenchefin

Isla Donnelly – Küchenhilfe

Tam – Küchenhilfe

Personal in »Annies Küche«

Iona

Malik

Bewohner von Mure

Lorna MacLeod – Schulrektorin

Mrs Cook – Lehrerin

Dr. Saif Hassan – Inselarzt und syrischer Flüchtling

Ibrahim Hassan – Saifs älterer Sohn

Ashat Hassan – Saifs jüngerer Sohn

Jeannie – Arzthelferin in Saifs Praxis

Mrs Laird (die unter anderem für Saif babysittet)

Vera Donnelly – Islas Mutter

Fraser Mathieson – Vorsitzender des Mure-Rats

Jan MacArthur, geborene Mathieson – Frasers Tochter,der Insel-Gutmensch

Charlie MacArthur – Jans Ehemann

Christabel – Tochter von Jan und Charlie

Wullie Stevenson – Bewohner

Bertie Cooper – Bootsführer

Hector McLinn – Bauer

Cuthbert McSquib – Bauer

Mrs MacGregor – Bewohnerin

Elspeth Brodie – Bewohnerin

Mrs MacPherson – Bewohnerin

Anndra – Zimmermann

Sheila und Patrick – Ehepaar, das sich um den Flughafeninklusive Souvenirladen kümmert

Inge-Britt – Besitzerin des Hotels Harbour’s Rest

Mrs McGlone – Stellvertretende Vorsitzende des Mure-Rats

Clark – Polizist

Fionn – Fischer

Aus den USA

Marsha Philippoussis – Joels Adoptivmutter

Mark Philippoussis – Joels Adoptivvater

Aus Norwegen

Konstantin Sundt-Knagenhjem senior – Konstantins Vater

Gunnar – Künstler

Aus London

Candice Blunt – Journalistin

Kapitel 1

Auf dem Nordatlantik schieben sich Tag und Nacht große Frachter durchs eisige Wasser.

Obwohl diese – bis zu zweihundert, dreihundert Meter langen und mit Autos, Schaukelpferden, Teddys, Barometern, Ventilen, Motorhauben und Tee beladenen – Schiffe von Nahem gewaltig aussehen, sind sie auf dem riesigen Ozean doch verschwindend klein.

Auf ihrem Weg von Westen her überqueren sie unsichtbare Grenzen im Wasser und ziehen an Orten vorbei, von denen die gemütlich an Land Lebenden nur hören, wenn sie mit dem Seewetterbericht im Hintergrund eindösen – Rockall, die Hebriden und Fair Isle hoch im Norden. Irgendwann kommt dann auch Mure in Sicht, die winzige Insel zwischen Shetland und den Färöer, auf der nur tausendfünfhundert Menschen leben (und das in guten Jahren). An der südwestlichen Spitze liegt ein kleiner Ort mit Hafen.

Wenn die Matrosen der Frachter Philippinen oder Thailänder sind – also den großen Seefahrernationen der Südsee entstammen –, dann sind sie in diesem Moment so weit weg von zu Hause wie irgend möglich. Von ihren Schiffen aus blicken sie oft hinüber zu jenem kleinen Lichtpunkt draußen auf See, da ihre Augen nach den endlosen dunklen Wellen etwas Abwechslung herbeisehnen.

Wer einen Hang zur Melancholie hat, sollte nicht zur See fahren – schließlich ist man neun oder zehn Monate des Jahres von seiner Familie getrennt und teilt sich beengte Unterkünfte mit anderen, da ist eine positive Einstellung wirklich das Beste. Aber selbst die abgebrühtesten Seefahrer beschleicht gelegentlich Heimweh, vor allem, wenn sie durch das Fernglas die bunten Häuser von Mure betrachten, die sich in sanftem Grau und Rosa und Blau und Gelb kreuz und quer am Kai drängen. Kleine Häuschen und andere Gebäude ziehen sich von der Küste den ganzen Hang hinauf, wobei sie sich wie zufällig aneinanderdrängen. Es sieht fast so aus, als würden sie auf dieser kahlen Insel mit den ausgedehnten, leeren blassgelben Stränden und den niedrigen, sich biegenden Büschen auf der Suche nach Wärme eng zusammenrücken.

Der Insel fehlt ein Tiefwasserhafen, daher wird keins der großen Containerschiffe je dort anlegen. Aber etliche nutzen sie als Orientierungspunkt, da es sich um das letzte Stück Land in Sicht handelt, bevor man Bergen erreicht. Und wenn man durchs Fernglas hinüberschaut, kann man an klaren Sommertagen dort manchmal Kinder winken sehen.

Auch an diesem pechschwarzen frühen Wintermorgen wirkte die Insel wie ein winziger Lichtpunkt des Trostes in einer Welt, die finster geworden war. Mühelos durchschnitten die Schiffe die klatschenden Wellen, mit deren Bewegungen die Männer an Bord so vertraut waren, dass ihnen eher das Gehen an Land Schwierigkeiten bereitete.

Die Insel ist so klein, dass man bei einer Geschwindigkeit von zwanzig Knoten schnell daran vorbeizieht. Dafür müssen Apostil oder Danilo oder Jesús bei ihrem Weg von Viking nach North Utsire und weiter zu den ausgedehnten, mächtigen Fjorden von Norwegen nur kurz wieder hineingehen, um einen Blick auf den Radar oder das Faxgerät zu werfen.

Und so ließen sie sie auch schon wieder hinter sich, die stille Insel unter kalten Sternen, an deren Südspitze auf dem MacKenzie-Hof frühmorgens bereits ein Kaminfeuer flackerte und Kaffee gekocht wurde und wo Flora MacKenzie in diesem Moment eine hitzige Diskussion mit ihrem jüngeren Bruder Fintan führte.

»Coltons Bar?«, wiederholte Flora. »Auf keinen Fall! Ich meine, ich verstehe deine Gründe dafür. Aber das klingt ja nach einem Saloon mit mechanischem Bullen, wo Kellnerinnen mit amerikanischem Akzent Hotpants, Fransen und Cowboystiefel tragen.«

»Es hat niemand was von einem mechanischen Bullen gesagt«, knurrte Fintan, während er genüsslich den Duft seines Kaffees und der frischen Brötchen im Ofen einsog. Dann schaute er auf. »Hm, ein mechanischer Bulle …«

»Muss ich dir etwa diesen Kaffee wegnehmen?«

Fintan rollte mit den Augen. »Bloß nicht!«

Es war erst ein Jahr her, dass sein Ehemann Colton an Krebs gestorben war. Seitdem hatte Fintan gute und schlechte Tage. Heute sah es nicht nach einem guten Tag aus, aber davon gab es ohnehin nur wenige.

Colton hatte ihm das Hotel The Rock vermacht; es war immer sein Traum gewesen, es hier auf der Insel zu eröffnen.

Eigentlich hätte man meinen können, dass die Arbeit am Hotel ein guter Zeitvertreib wäre, um Fintan von seiner Trauer abzulenken. Aber er hatte einfach keinen Kopf für die Millionen Details, die es dabei zu beachten gab.

Trotzdem ging es mit dem Projekt mittlerweile voran, und für den ersten Weihnachtstag gab es bereits Reservierungsanfragen. Jetzt mussten sie nur noch eröffnen, und zwar schnell.

Eigentlich hatte Flora damit nichts zu tun. Aber da sie durch Annies Küche unten am Hafen bereits Erfahrung in der Gastronomie hatte, konnte sie es einfach nicht lassen, ihre Nase überall hineinzustecken.

Außerdem war sie in Elternzeit, wodurch sie in Fintans (und nicht nur dessen) Augen viel zu oft die Gelegenheit hatte, sich einzumischen.

»Hör mal«, sagte Flora, »ich denke, The Rogers Bar wäre doch gut. Etwas weniger demonstrativ.«

Fintan schmollte.

Von der Küchentür her waren Schritte zu hören.

Fintan wohnte auf dem Bauernhof, genau wie sein Bruder Innes mit seiner Familie. Innes’ Tochter Agot war fünf und stolzierte jetzt im Nachthemd und mit ernstem Gesichtsausdruck herein, während vom Flur her leises Weinen zu hören war.

»Bugliss Binder ist wach«, schniefte sie. »Er ist ein böses Baby, Tante Flora. Er klingt wirklich wütend.«

»Douglas«, korrigierte Flora sie zum neunhundertsten Mal. »Er heißt Douglas.«

Agot und Fintan schenkten ihr nur einen ähnlich vielsagenden Blick.

»Was denn?«, fragte Flora. »Sie guckt doch ständig Hey Duggee.«

»Hey Duggee ist ein braver Hund«, sagte Agot laut. Und dann: »Aber Bugliss ist nicht so brav.«

Dann marschierte sie zu Bramble, dem pensionierten Schäferhund, hinüber, und sie verschwanden gemeinsam nach draußen, um den Gemüsegarten zu inspizieren.

Agot war unter keinen Umständen dazu zu bewegen, Gemüse zu essen, aber sie sah ihm gern beim Wachsen zu, selbst zu dieser Jahreszeit.

»Das macht sie mit Absicht«, versicherte Flora beim Verlassen der Küche. »Sie kann das nämlich wunderbar aussprechen.«

»Natürlich«, bestätigte Fintan. »Und trotzdem bringt es dich auf die Palme.«

Obwohl das Weinen nur sehr leise gewesen war, machte sich Flora auf den Weg in ihr altes Kinderzimmer und dachte dabei, wie albern sich Agot doch aufführte. Irgendwann wurde ihr klar, dass sie sich gerade in Gedanken mit ihrer fünfjährigen Nichte stritt, und das war nun wirklich Zeitverschwendung. Doch sie brauchte sich sowieso keine Sorgen zu machen, Douglas hatte nämlich längst aufgehört zu weinen, weil Joel ihr zuvorgekommen war.

Mit seinen schwarzen Augen und seinen für ein fünf Monate altes Baby verblüffenden braunen Locken sah der Kleine seinem Vater unfassbar ähnlich.

Fast jeder, der ihn zum ersten Mal sah, hätte ihm am liebsten eine Brille aufgesetzt.

Flora blieb einen Moment im Türrahmen stehen und betrachtete Vater und Sohn.

Douglas lächelte nicht viel – er war keins dieser strahlenden Babys. Stattdessen war sein Gesichtsausdruck feierlich und würdevoll, als wäre er mit dem Wissen aller Geheimnisse des Universums zur Welt gekommen, die er beim Heranwachsen nach und nach vergessen würde. Auch das ernste Verhalten seines Vaters, der immer erst einmal beobachtete und abwartete, hatte er geerbt.

Lange hatte Flora gedacht, dass dieses Verhalten bei Joel etwas mit seiner schwierigen Kindheit zu tun hatte, da er einst von einer Pflegefamilie zur nächsten weitergereicht worden war. Inzwischen vermutete sie allerdings, dass es wohl auch bei Joel einfach angeboren war. Jedenfalls war sicher noch nie ein Baby mit so viel Liebe überschüttet worden wie Douglas, der ja in unmittelbarer Nähe zu seinen drei Onkeln und seinem Großvater Eck aufwuchs. Eck vergötterte ihn und passte oft auf den Kleinen auf.

Dann gab es da noch seine amerikanischen Adoptivgroßeltern, Mark und Marsha, die aus New York riesige Carepakete mit irrwitzig teurer, aus Frankreich importierter Babykleidung schickten. Die Sachen waren eigentlich viel zu fein für den matschigen Bauernhof auf einer kleinen schottischen Insel hoch im Norden mit ständigen Wetterumschwüngen. Aber Flora achtete pflichtschuldig darauf, zumindest Fotos von Douglas in all den Outfits zu machen.

Joel beruhigte Douglas nicht durch schmeichelnde Worte oder Singen. Er legte sich einfach aufs Bett neben ihn, woraufhin sich die beiden aufmerksam ansahen. Es war merkwürdig, so, als würde sich allein durch den Blickkontakt irgendetwas Unerklärliches zwischen ihnen abspielen.

Joel streckte seine große Hand aus, Douglas umklammerte sie mit seinen winzigen Fingern, und dann schienen sie schweigend Zwiesprache zu halten.

Flora wusste nicht, ob so etwas normal war, aber es war schon rührend.

Manchmal patschte Douglas auf Joels schwerer goldener Uhr herum, und sein Vater ließ ihn gewähren.

Nachdem das fünfzehn Minuten so gegangen war, schliefen beide normalerweise ein, der kleine Körper an den großen geschmiegt.

Eigentlich war Flora ja in Elternzeit, und im Café kamen Isla und Iona – ein wenig zu Floras Verdruss – wunderbar ohne ihre Chefin klar.

Erstaunlicherweise war es Joel, der Workaholic, der voll in der Elternzeit aufging, und Flora kam einfach nicht dagegen an, dass sich bei ihr gelegentlich Eifersucht regte. Dabei war das natürlich total albern. Es lief doch alles super. Wirklich. Ganz toll. Okay, Douglas weinte zwar bei ihr und war bei Joel ganz ruhig, aber das störte sie überhaupt nicht. Nicht im Geringsten.

Kapitel 2

Gut dreihundert Kilometer weiter gen Osten lag eine bleiche Gestalt zwischen völlig zerknüllten, teuren Bettlaken, ohne sich um Gott und die Welt zu scheren, und schnarchte laut. Die Luft war erfüllt vom schweren Geruch abgestandenen Alkohols.

Ein kleiner Mann mit extrem akkuratem Haarschnitt betrat den riesigen Raum, blieb vor dem Bett stehen und hüstelte vernehmlich.

Nichts geschah.

»Ähem«, sagte der Mann.

Vom Bett her erklang übles rasselndes Husten, gefolgt von Schnauben und einer Art Grunzen. Die seidig glänzende Bettdecke wurde von einem langen Arm gepackt und über den dazugehörigen Kopf gezogen.

»Verschwinde, Johann«, knurrte eine heisere Stimme, vom Bettzeug gedämpft.

»Johann wurde entlassen«, ertönte die Antwort.

Daraufhin herrschte Schweigen im Raum.

»Hm?« Der junge Mann, der nun unter der Decke zum Vorschein kam, hatte blonde Haare, die in alle Richtungen abstanden, und leichte Bartstoppeln. Das Erstaunen in seinen runden blauen Augen wuchs nur noch, als ihm klar wurde, wen er da vor sich hatte.

»Papa«, stieß er mit unüberhörbarem Zittern in der Stimme hervor. Er packte die Bettdecke, in die er gewickelt war.

Seinem Vater stand die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Wieder einmal.

»Äh«, sagte der junge Mann vom Bett her. »Ich meine, hallo. Schön, dich zu sehen. Normalerweise kommst du doch nicht …« Er schaute sich in der großen, noblen, mit Säulen versehenen Suite um, die mit vergoldeten Friesen und riesigen, antiken Spiegeln geschmückt war.

Dummerweise lagen auf dem Fußboden Unterhose und Strümpfe verteilt, mindestens vier Handtücher, leere Flaschen und jede Menge Bücher. Dazwischen schnarchte ein zotteliger Hund namens Bjårk, der noch nicht aufgewacht war, aber überall Pfotenabdrücke auf dem sündhaft teuren Läufer und auf dem schwarz-weiß gefliesten Fußboden hinterlassen hatte.

»Nein, normalerweise komme ich nicht hierher«, sagte der Vater, der Konstantin hieß.

Sein Sohn hieß ebenfalls Konstantin.

In dieser Familie gingen die Konstantins zurück bis ins frühe 17. Jahrhundert. Damals war dem ersten Konstantin der Titel des Herzogs von Hordaland verliehen worden, und er hatte das riesige Schloss auf der schönen Folgefonna-Halbinsel bauen lassen.

Offiziell war der Adel in Norwegen inzwischen abgeschafft, aber natürlich kannte trotzdem jeder dieses alte Geschlecht mit ununterbrochener Erbfolge. Nun würde sie wohl doch unterbrochen werden, dachte der ältere Konstantin traurig, wenn er seinen zügellosen einzigen Sohn aus dem Schloss verbannen würde.

»Weil das hier ein widerlicher Schweinestall ist.«

»Aber daran ist Bjårk schuld!«

Das haarige Geschöpf rührte sich nicht.

»Weißt du noch, was gestern Abend beim Staatsbankett passiert ist?«

Konstantin verzog das Gesicht. »Die Schneeballschlacht«, sagte er schließlich. »Ja, das war cool, oder?«

Er dachte daran zurück, wie die Fenster des Schlosses geleuchtet hatten, als sie draußen daran vorbeigerannt waren – erschöpft, klatschnass und bibbernd, aber prustend vor Lachen.

»Cool war das überhaupt nicht«, entgegnete sein Vater. »Du hast den Erzbischof am Ohr getroffen.«

»Na, hätte er mal mitgemacht!«

»Und meinem Finanzberater hast du Schnee hinten in den Kragen gesteckt.«

Konstantin zuckte mit den Achseln. »Der ist ein alter Langweiler!«

Sein Vater schüttelte den Kopf. »Nein. Du hast dich aufgeführt wie der reinste Rowdy.«

»Wir hatten doch nur Spaß!«

»Und schlimmer noch, du hast dabei Leute schikaniert, die älter und schwächer sind als du.«

»Mit einem Schneeball.«

Aber jetzt ließ sich die Standpauke nicht mehr aufhalten. »Und davor das Schlittschuhrennen.«

»Ich bin aus Versehen gestolpert …«

»Und hast dabei das gesamte Profiteam …«

»Die waren eben im Weg!« Der Sohn schob die Unterlippe vor und sah plötzlich viel jünger aus als vierundzwanzig.

Konstantin senior schüttelte den Kopf. »Weißt du, wenn deine Mutter noch bei uns wäre, hätte sie dir so etwas nicht durchgehen lassen.«

Der junge Mann schmollte weiter. »Das ist nicht fair«, sagte er, aber nun war seine Stimme leise und traurig.

»Wir waren einfach nicht konsequent genug mit dir in der Zeit … danach«, fuhr sein Vater fort. »Ich wollte Konflikte vermeiden … Deshalb hab ich dich nicht dazu angehalten, mehr zu lernen, dir einen Job zu suchen oder härter zu arbeiten. Und jetzt sieh dich nur an: Du bist vierundzwanzig Jahre alt und liegst an einem Dienstag mitten am Tag im Bett.« Betrübt schüttelte er den Kopf. »Ich hab alles falsch gemacht, furchtbar falsch.«

Als er sich abwandte, merkte man seinem Gang noch an, dass er früher auf der Akademie in Sandhurst gewesen war.

Betroffen blickte sein Sohn ihm hinterher.

An der Tür drehte sich der Vater ein letztes Mal um. »Ich bin versucht, dich zu enterben.«

»Das würdest du doch nie machen! Wegen eines Schneeballs? Jetzt sei nicht albern, Papa, das meinst du wohl nicht ernst.«

»Unsere Familie erfüllt eine wichtige Aufgabe, aber du tust überhaupt nichts. Weder lernst du, noch arbeitest du. Du verbringst deine Zeit damit, Champagner zu trinken und mit deinem dicken, faulen Hund zu spielen.«

Konstantin runzelte die Stirn und hielt Bjårk die Ohren zu. »Zu mir kannst du so gemein sein, wie du willst, aber musst du auch noch Bjårk kränken?«

»Für dich ist alles ein Witz, oder?«, fragte sein Vater. »Es ist nur ein Witz. Aber was das angeht, ist jetzt Schluss.«

Dann durchschritt er die schwere weiße Tür mit dem goldenen Griff und ließ sie hinter sich zuknallen.

Der jüngere Konstantin setzte sich im Bett auf, während Bjårk unter seinen Händen herumschnüffelte. Sein Vater würde sich doch wieder beruhigen, oder? Ganz sicher. Es war öfter die Rede davon, dass er zur Uni gehen sollte oder zur Armee oder sich Arbeit suchen sollte. Aber am Ende zwang man ihn nie zu irgendetwas. Das heiß geliebte Einzelkind, das seinen Eltern spätes Kinderglück beschert, aber dann mit dreizehn seine Mutter verloren hatte …

Trotzdem, dass Johann nicht da war, fand er schon merkwürdig. Konstantin blickte auf die große Standuhr in der Ecke. Und es war auch kein Frühstück serviert.

Normalerweise begann er den Tag mit vier Tassen starkem Kaffee und einer Scheibe dick mit Smør bestrichenem, köstlichem Roggenbrot. Erst danach konnte er überhaupt daran denken, ein dampfend heißes Bad zu nehmen und einen Blick in den Sportteil zu werfen. Seine Zeitung war auch noch nicht da. Konstantin runzelte die Stirn und drückte auf die Klingel, aber es erschien niemand.

Kapitel 3

Flora holte Fintan ein, und sie durchquerten die Lobby von The Rock. Die Umbauarbeiten hatten ewig gedauert, und danach hatte Coltons Tod alles zum Erliegen gebracht. Aber nun war das Hotel endlich für Gäste bereit: solide, warm, trocken und wunderschön. Und es herrschte dort bereits Weihnachtsstimmung, obwohl erst November war. Die Christbäume mussten noch geliefert werden, doch es hingen bereits große grüne Zweige, die mit karierten Bändern zusammengebunden waren und mit ihrem Duft die Luft erfüllten.

Es gab Schalen voller Orangen mit Nelken, am Eingang flackerte ein Feuer im Kamin, und im Hintergrund lief sanfte Musik.

Ursprünglich war das Hotel ein Nebengebäude von The Manse gewesen, einem alten Pfarrhaus für einen wohlhabenden Geistlichen. Vor einigen Jahren hatte der forsche amerikanische Unternehmer Colton Rogers dann die Renovierung in Angriff genommen und dafür weder Kosten noch Mühen gescheut.

Allerdings hatte man sich dabei eher daran orientiert, wie sich Amerikaner ein schottisches Hotel so vorstellten. Deshalb gab es jede Menge karierten Teppichboden, viele offene Kamine, Musketen an den Wänden, riesige Hirschköpfe und eine Bibliothek mit alten gebundenen Büchern. Colton hatte sie alle einem aristokratischen Buchhändler unten in Kirrinfief abgekauft, ohne auch nur einen Blick hineingeworfen zu haben.

Ja, vielleicht war das Hotel ein bisschen kitschig, doch Flora musste zugeben, dass sie es einfach liebte. Hier war es immer warm und gemütlich, und das war im Murer Winter schon ein großer Pluspunkt. Und mit der ganzen Weihnachtsdekoration zeigte es sich nun von seiner besten Seite.

In den Badezimmern gab es Fußbodenheizung und flauschige Handtücher auf warmen Haltern, außerdem immer genug heißes Wasser, um die riesigen Wannen damit zu füllen.

Die Küche war makellos und voll von modernsten Gerätschaften, die Flora mit Neid erfüllten. Schon bald würde hier wie am Fließband Teig für süßes und herzhaftes Gebäck geknetet werden, es würden buttrige Scones und frischer Hummer zubereitet werden, sämige Cullen-Skink-Suppe und wunderbar fruchtiger Cranachan-Nachtisch.

An der Bar lockten fünfundvierzig unterschiedliche Sorten von Whisky, zu denen noch eine Karte mit typischen Cocktails der Region hinzukam.

Die Geschwister sahen einander an.

Flora war angesichts all der sich hier bietenden Möglichkeiten ganz aufgeregt, Fintan hingegen stand mit niedergeschlagener, elender Miene und hängenden Schultern da.

»Der Kasten rentiert sich doch in einer Milliarde Jahren nicht«, versetzte er bitter. »Wir sollten ihn lieber loswerden. Schließlich hat Colton mir keine Reichtümer hinterlassen«, fuhr er angespannt fort, »bloß dieses Hotel. Und das Geld rinnt uns hier nur so durch die Finger.«

Colton hatte den Großteil seines riesigen Vermögens für die medizinische Forschung gestiftet. Fintan hatte das Hotel zusammen mit ihrem gemeinsamen Zuhause geerbt, brachte es aber nicht über sich, allein in dem riesigen, widerhallenden Haus zu wohnen. Deshalb hatten Joel und Flora The Manse von ihm gemietet, während Fintan wieder auf dem Bauernhof schlief.

»Und ich weiß einfach nicht, wie man ein Hotel führt. Ich kenne mich ja noch nicht einmal mit der Mehrwertsteuer aus!«

»Tja, die muss man als äußerst kompliziertes Puzzle betrachten. Die Regierung scheint es uns nur zum Spaß vorzusetzen, im Falle eines Fehlers kann es uns aber hinter Gitter bringen«, sagte Flora.

Fintan hörte jedoch gar nicht zu. »Ich habe ja jetzt schon Probleme damit, Personal zu finden. Und wie soll ich denen später Anweisungen erteilen? Was, wenn die Leute abreisen wollen, weil sie mich hassen, oder wenn erst gar keine Gäste kommen? Und wie hoch soll ich denn die Preise ansetzen? Am besten verkaufe ich. Ich sollte das ganze Ding einfach abstoßen.«

Flora wärmte sich die Hände am Feuer. Bis jetzt hatten sie zwar nur eine Notbesetzung, aber es schienen super Leute zu sein. Sie brauchten bloß noch einen Chefkoch und jemanden, der ihn in der Küche unterstützte. Fintan schob hier einfach Panik.

»Aber es ist doch Coltons Hotel«, wandte Flora leise ein. »Das hier war sein Traum, und inzwischen ist alles genau so, wie er es haben wollte.«

Dabei schielte sie hoch zu dem riesigen Hirschkopf mit Geweih über dem Kamin. Ja, sie waren hier auf Gedeih und Verderb Coltons Geschmack ausgeliefert.

Fintan seufzte. »Stimmt, es ist alles, was von ihm noch bleibt. Wie sollte ich mich denn jemals davon trennen?«

In seiner Stimme schwang solche Qual mit, dass Flora nicht wusste, was sie sagen sollte.

»Wie würdest du dich denn fühlen, wenn du es verkaufen würdest?«, fragte sie vorsichtig.

»Wir haben uns doch hier kennengelernt«, antwortete Fintan ein wenig schroff. Plötzlich schien er seine Meinung komplett geändert zu haben und Flora Vorwürfe zu machen, weil sie von Verkauf sprach. »In der Bar des Hotels sind wir uns zum ersten Mal begegnet. Und da draußen auf dem Rasen haben wir geheiratet, oder hast du das etwa schon vergessen?«

Flora schwieg. Sie konnte Fintans Bitterkeit und Trauer ja verstehen. Allerdings hatte sie die winzige Hoffnung gehegt, dass er jetzt nach vorne schauen und ein bisschen mehr Begeisterung und Energie für dieses Projekt aufbringen würde, damit alles so toll werden würde wie von Colton erhofft.

Fintan hingegen war noch immer wütend auf Gott und die Welt, vor allem auf das kleine Stück Welt namens The Rock, dieses wunderbar exklusive Anwesen, mit dem er nun theoretisch nach eigenem Gutdünken verfahren konnte.

Die meisten Menschen, dachte Flora ein wenig finster, würden darin ein fantastisches Vermächtnis sehen. Aber Fintan schien diese Meinung nicht zu teilen, und Flora wollte ihm doch nur helfen.

»Wir müssen die Preise so hoch wie möglich ansetzen«, schlug sie vor. »Um die richtige Klientel anzulocken.«

»Also reiche Idioten.«

Flora zuckte mit den Achseln. »Es gibt doch jede Menge nette reiche Idioten.«

»Ach, tatsächlich?«, fragte Fintan wütend.

»Na, du hast zum Beispiel einen geheiratet.«

»Ja, aber der war auch … eine absolute Ausnahme.«

Mitfühlend lächelte Flora, während sie ins Restaurant mit dem dunklen Holzfußboden aus breiten Eichenbohlen hinübergingen, in dem es nicht nur bequeme Stühle mit Tweedbezug gab, sondern auch gemütliche Sitzbänke aus weichem Leder direkt am Fenster. An einer getäfelten Wand hingen teure und ganz schreckliche Ölgemälde mit Hirschen und Bonnie Prince Charlie. Der Raum war leer und still.

Flora schaute sich um. »All die Tische«, sagte sie leiser, eher zu sich selbst.

In Annies Küche standen zwölf Tische, von denen zwei ständig durch die mit Fair-Isle-Firmen zusammenarbeitenden Stricktanten belegt waren.

Dann gab es da noch die Mutter-und-Kind-Gruppe mit großem Budget für die Breichen, die Flora früher jeden Morgen mit dem zubereitet hatte, was eben so da gewesen war.

Und dazu kam die endlose Prozession von äußerst hungrigen Fischern, Bauern, Wanderern, Vogelbeobachtern und Touristen, die sich auf Wurstbrötchen, Haggispasteten und warme Suppe freuten.

Flora kannte ihre Kunden in- und auswendig und hatte alle gern. Mit dem Café war sie immer gut klargekommen. Aber das hier … obwohl es sich theoretisch um ein Hotel aus der Kategorie »Klein, aber fein« handelte, gab es hier schrecklich viel zu tun. Ob Fintan dem gewachsen sein würde?

Als hätte ihr Bruder sie gehört, stieß Fintan ein schweres Seufzen aus. »Ich wollte doch immer nur eins, nämlich meinen eigenen Käse herstellen.«

Flora musterte ihn. Sein schönes Gesicht sah so müde aus, er hatte übermäßig abgenommen und wurde immer noch von unendlicher Trauer gequält.

Als sie ihn sich so anschaute, schwor sie sich, viel mehr Wertschätzung für ihre eigene Situation aufzubringen. Vor allem, weil sie sich vor seiner Geburt so große Sorgen um Douglas gemacht hatte. Aus Unterhaltungen mit anderen Müttern aus der Gegend wusste Flora allerdings, dass sie damit keine Ausnahme war. So viele Menschen sehnten sich verzweifelt nach einem Kind und stellten sich alles so schön vor. Aber selbst die hatten dann große Probleme damit, wenn ihr Baby nicht gut schlief oder aß. Und meistens waren Säuglinge eben nicht der perfekte himmlische Traum, den Zeitschriften oder Anzeigen einem vorgaukelten, und Schwangerschaftspfunde wurde man auch selten einfach dadurch los, dass man »hinter den lieben Kleinen herlief«, wie das bei Prominenten angeblich der Fall war. War es vielleicht möglich, hatte eine Mutter mal überlegt, dass diese Promis in Wirklichkeit keine Ahnung hatten und einfach nur Schwachsinn von sich gaben?

Flora hatte ihr altes Gewicht längst nicht wieder, aber das stand auf der Liste ihrer Sorgen momentan ganz weit unten.

Joel war nicht so dumm, es in Worte zu fassen, insgeheim fand er aber, dass die zusätzlichen Kilos ihr ausgezeichnet standen. Damit sah sie so rund und weich und schön aus.

Als Dougie zur Welt gekommen war, schien die Liebe Joel wie ein Schlag getroffen zu haben. So war das manchmal bei Leuten, die eher widerwillig Eltern wurden – weil die Schwangerschaft nicht geplant gewesen war beziehungsweise der Vater der Sache ein wenig (oder in Joels Fall komplett) zwiespältig gegenüberstand. Diese Menschen wurden von der Welle der Liebe, die Babys auslösten, mitunter ganz unerwartet überrollt und mitgerissen. Und Joel hatte sie komplett umgehauen.

Flora klagte gern darüber, dass er nach ihr nie so verrückt gewesen war, aber eigentlich störte es sie gar nicht, würde sie mal sagen.

Joel war ein Pflegekind gewesen und von Familie zu Familie weitergereicht worden, sodass er niemals ein richtiges Zuhause gefunden hatte. Deshalb hatte er sich solche Sorgen darüber gemacht, wie er mit seiner Rolle als Vater klarkommen würde. Er war noch bis zur Geburt (einer ungewöhnlich flotten Angelegenheit, die in Floras Erinnerung schnell immer weiter verblasste) schweigsam und angespannt und schwierig gewesen.

Aber Joel war wie vom Blitz getroffen gewesen, sobald die Hebamme Flora diesen winzigen, kreischenden, unbeholfenen, mit Blut, Schleim und Kot verschmierten Alien – oder vielmehr das zauberhafteste Wunder der Menschheit – auf den Bauch gelegt hatte.

All die Höhen und Tiefen, die Flora nach der Geburt durchlebte – und davon gab es so einige, oft deshalb, weil ihr nun als frischgebackener Mutter der Beistand ihrer eigenen Mum fehlte –, wurden gewissermaßen durch Joels verblüffende, allumfassende Hingabe an das Baby und an sie wieder ausgeglichen.

Endlich war die Frage, ob jemand mit seiner schwierigen Vergangenheit überhaupt dazu in der Lage war, je wirklich zu lieben, ein für alle Mal geklärt.

Flora war sich dessen bewusst, was für großes Glück sie hatte, und hätte daher nicht einmal sagen können, woher eigentlich dieser Unmut bei ihr stammte. Deshalb ignorierte sie das Gefühl und hoffte, es würde irgendwann von selbst vorbeigehen.

»Ich fühle mich so elend«, klagte Fintan.

Flora schaute ihn an. Allmählich lief ihnen die Zeit davon. Sie hatte gehofft und gehofft, dass ihr Bruder sich berappeln und wieder zu sich selbst finden würde, sodass er die Leitung des Hotels endlich in die Hand nehmen konnte. Aber er war weiter lustlos und traurig und durch nichts zu motivieren. Deshalb gab es nur einen Menschen, der das Ruder noch herumreißen konnte, wenn überhaupt.

»Okay«, sagte Flora schließlich. »Na ja, ich denke mal, dass ich dir vielleicht ein bisschen helfen könnte.«

»Darüber haben wir doch schon gesprochen! Das nennt sich Einmischung.«

Flora schenkte ihm einen Große-Schwester-Blick.

»… außerdem bist du doch gerade in deiner Schickimicki-Elternzeit.«

Flora beschloss, seine Worte einfach zu ignorieren. »Hör mal, du kümmerst dich doch total gern ums Essen und das ganze Drumherum, oder?«, fragte sie. »Dann ist das dein Bereich. Und das Coole ist doch, dass wir ein gewisses Budget haben. Aber falls die ganze Sache den Bach runtergeht, hätten wir trotzdem nicht viel verloren, oder?«

Fintan zuckte mit den Achseln. »Aber das hier war doch Coltons Traum …«

»Und in diesem Traum wollte er von allem nur das Beste, oder?«

Fintan nickte.

»Gut, dann kümmer dich um deine Aufgaben. Such einen Chefkoch, mach die hochwertigsten lokalen Zutaten ausfindig und tu alles dafür, dass das Essen köstlich wird. Den Rest kannst du mir überlassen.«

Während Fintan sie noch anstarrte, änderte sich langsam seine Körperhaltung.

Flora war klar, dass er dieses Angebot auf keinen Fall annehmen wollte, aber unbedingt musste.

»Ich werd mich auch gar nicht so sehr einmischen«, behauptete sie. »Allerdings hab ich ja Erfahrung mit den Hygienevorschriften, den Brandschutzbestimmungen und all dem. Ich kann dir unter die Arme greifen, wenn Dougie bei Joel ist.«

Während sich Joel und sein Sohn ihrer großen Liebesaffäre widmeten, war Flora ein neues Projekt sogar ganz recht. Aber sie wagte es nicht, das auch nur anzudeuten.

Die beiden Geschwister sahen sich um. Natürlich war das Restaurant immer noch genauso riesig. Aber auf Fintans Gesicht zeigte sich etwas, was Flora bei ihm schon lange nicht mehr gesehen hatte: ein winziges bisschen Hoffnung.

Und so kam es, dass Flora ein Bewerbungsgespräch mit ihren eigenen Angestellten aus Annies Küche anberaumte.

Kapitel 4

Welcher Job ist denn besser?«

Vera Donnelly betrachtete ihre Tochter, Isla, über die alte Teekanne mit Blümchenmuster hinweg, deren Deckel einen Sprung hatte.

Isla starrte darauf und begriff plötzlich etwas, was sie so noch nie in Worte gefasst hatte: Sie hasste diese Teekanne. Dabei war das total albern, warum sollte man eine Teekanne denn hassen? Vielleicht lag es daran, dass ihre Mutter dieses Ding als wertvolles Erbstück erachtete, mit dem man besonders vorsichtig umgehen musste, und nicht einfach nur als blöde, olle Kanne.

Isla nippte an ihrer Tasse. »Ich weiß es nicht, Mum«, sagte sie wieder und mahnte sich innerlich zu Ruhe. Es brachte ja doch nichts, sich jetzt aufzuregen.

»Die MacKenzies brauchen also jemanden da oben in dem neuen Schickimicki-Hotel?« Vera Donnelly schniefte laut. Von dem Hotelprojekt hielt sie nicht viel. Vera hatte immer über alles klare Ansichten, und auf so etwas konnte Mure ihrer Meinung nach getrost verzichten. Zu elegant, zu teuer, wer brauchte denn so was?

Wie dem auch sei, das Hotel würde an Weihnachten eröffnen, und Flora hatte Fintan angeboten, ihm eine ihrer Angestellten aus dem Café zur Unterstützung zu schicken.

Isla seufzte. Im Grunde hatte sie regelrecht Angst davor, aber das würde sie ihrer Mutter nicht auf die Nase binden. Sie wollte ihr nicht noch Argumente liefern.

»Na ja, eine von uns wird im Ort bleiben und in Annies Küche mehr Verantwortung übernehmen, und die andere von uns wird oben in The Rock arbeiten.«

Isla und ihre beste Freundin, Iona, waren seit ein paar Jahren in Floras Café angestellt und waren nicht gerade begeistert, dass sie getrennt werden sollten.

Als die Schüchternere von beiden hatte vor allem Isla panische Angst davor, nicht mehr ihre freche Freundin an der Seite zu haben.

»Ja, aber welcher ist denn nun der bessere von den beiden Jobs?«

»Weiß ich nicht.«

Vera griff vorsichtig nach ihrer heiß geliebten Kanne und goss sich mit eleganter Bewegung eine weitere Tasse Tee ein.

»Ich will einfach nicht, dass du ausgenutzt wirst«, erklärte sie. »Diese Flora behandelt dich ja wie eine Dienstmagd.«

»Aber ich lerne bei der Arbeit doch ständig dazu«, wandte Isla ein, die Flora bewunderte und auch nicht so hohe Erwartungen an sich hatte wie ihre Mutter.

Es war nicht so leicht, Veras einziges Kind zu ein, und Isla fand es ganz schrecklich, ständig für neue Enttäuschungen zu sorgen. Ihr Ziel im Leben bestand vor allem darin, nicht länger als Einzige im Fokus von Veras Aufmerksamkeit zu stehen.

»Und, was hast du so vor, Mum?«

»Es kommt Homes under the Hammer!«

»Weißt du, heute Abend ist Chorprobe … Da könntest du doch hingehen.«

»Mit einem Haufen wichtigtuerischer alter Klatschmäuler? Nein, danke!«

Isla schlüpfte in ihren Mantel und zog sich die Schottenmütze tief über die rebellischen, fast schwarzen Locken, die in alle Richtungen abstanden. So eine Haarfarbe war ungewöhnlich auf einer Insel, wo die meisten Leute blond oder rothaarig waren, je nachdem, ob sie von den Kelten oder den Wikingern abstammten.

Es war mal das Gerücht umgegangen, dass spanische Eroberer es bis in den hohen Norden nach Mure geschafft hatten, was Islas Haarfarbe erklären würde. Wie ihre grünen Augen war auch ihre blasse Haut, auf der im Sommer Sommersprossen erblühten, zu ihrem Bedauern allerdings typisch schottisch.

Heute fegte ein nordwestlicher Wind direkt vom Polarkreis über Mure hinweg und machte es schwierig, auch nur geradeaus zu laufen. Aber es war ja nicht weit bis zu Annies Küche, die bloß zwei Kopfsteinpflasterstraßen weiter unten am Wasser lag.

Da die Öfen hinten in der Küche nie komplett abkühlten, war es in dem kleinen Café immer warm. Deshalb wirkte es auch an eisigen Wintermorgen schön gemütlich, selbst bevor Isla die goldenen Lampen einschalten würde, die das Lokal zusammen mit den fröhlich getupften Tischdecken und den hübschen Bildern an der Wand so einladend machten.

Iona würde sich dort bereits um den Kaffee kümmern. Sobald Isla eintraf, würden sie loslegen und so viel wie möglich von den Scones, Pasteten, Torten und Kuchen für den neuen Tag vorbereiten, während Mrs Laird ihr frisch gebackenes Brot vorbeibrachte und die Kaffeemaschine gemütlich vor sich hinmahlte und -zischte. Dann konnte der Tag beginnen. Schon bald würde ein erster Kunde hereinkommen, ein durchgefrorener Melker oder Fischer oder jemand, der auf die erste Morgenfähre wartete.

»Ciao, Mum«, sagte Isla.

»Tja, dann mal viel Glück!«, gab Vera ihr widerwillig mit auf den Weg.

In solchen Momenten musste sich Isla wieder einmal in Erinnerung rufen, dass ihre Mutter ja nur das Beste für sie wollte, weil sie sie liebte. Aber das war nicht immer angenehm.

Kapitel 5

Isla und Iona schmissen während der Abwesenheit ihrer Chefin ganz toll den Laden. Nicht ohne einen Anflug von Neid beobachtete Flora, dass im Café der gleiche fröhliche Trubel herrschte wie immer. Auch der junge Malik, der als zusätzliche Hilfe eingestellt worden war, wirkte so kompetent wie beliebt.

Während sich Flora mit den jungen Mädchen zusammensetzte, grummelte sie: »Ich komm mir hier vor wie Paul Hollywood. Aber nicht im positiven Sinn.«

Die beiden schauten sie erwartungsvoll an, Iona fröhlich, Isla angsterfüllt.

Flora lächelte aufmunternd. »Also, in The Rock wird Küchenpersonal gebraucht, gleichzeitig muss es bis zu meiner Rückkehr aber auch hier weitergehen wie bisher.«

Iona runzelte die Stirn und setzte ein freches Grinsen auf. »Meinst du mit ›wie bisher‹, zu viele von diesen riesigen Cremetörtchen zu backen und sie dann neben dem Kühlschrank heimlich selbst zu vertilgen?«

»Äh, nein«, murmelte Flora und lief rot an.

»Oder Knutschereien mit deinem Freund hinten in der Speisekammer?«

»Nein, darum … geht es mir natürlich nicht«, sagte Flora und biss sich leicht auf die Lippe. »Das ist ja die reinste Meuterei!«

»Nicht, wenn ich ins Management aufgenommen werde. Wird Isla denn auch in diese Kategorie fallen?«

»Ich glaube, ich werde die ganze Sache noch bereuen«, seufzte Flora. Schließlich waren die beiden ja nur zwei junge Mädchen. Vielleicht war das doch keine so gute Idee gewesen.

»Was die großen Cremetörtchen angeht, hattest du allerdings recht«, überlegte Iona. »Von denen sollten wir wirklich mehr machen. Genau wie Marmeladenbrote und Bourbon-Plätzchen. Bei denen ist die Gewinnspanne groß, die Leute lieben die Dinger, und sie gehen ganz einfach, wenn man die Form dafür hat. Oh, und wir brauchen Pumpkin Spice.«

»Was?«, fragte Flora, aber vorsichtshalber in einem Tonfall, als wüsste sie, was Iona meinte.

»Wir sollten uns Pumpkin Spice besorgen.«

»Äh, was ist das?«

Einen Moment sah Iona unsicher aus. »So genau weiß ich das auch nicht. Aber das streut man zu dieser Jahreszeit auf den Kaffee, zumindest laut Instagram.«

Flora blickte sie verwirrt an. »Laut Instagram?«

»Ja. Man holt sich einen Pumpkin Spice Latte und postet das dann auf Instagram.«

»Und damit schmeckt der Kaffee nach Kürbis?«

»Das weiß ich nicht.« Iona fing an, in ihrem Handy herumzuscrollen. »Ich meine, das machen eben alle. Und die Leute laden auch Fotos von ihren Plätzchen hoch.«

»Echt?«

Flora hatte im Lauf des letzten Jahres bereits bemerkt, dass immer mehr Leute draußen vor dem hübschen, rosa gestrichenen Café am Hafen für Fotos posierten, sich aber nicht viel dabei gedacht. Kunden waren Kunden, und Touristen machten eben Touristensachen. Und wenn die heutzutage darin bestanden, alle das exakt selbe Foto im exakt selben Winkel aufzunehmen, na ja, dann würde sich Flora darüber nicht den Kopf zerbrechen.

»Und eine Instagram-Seite bräuchten wir auch.«

Iona errötete leicht, und Flora begriff, wie ernst ihr die Angelegenheit war und dass sie über diese Dinge wohl schon länger nachdachte. Sie hatte offenbar nicht nur die ganze Zeit Sandwiches zurechtgeschnitten.

»Wir müssen allen zeigen, wie schön es hier ist. Die Leute sollen herkommen und unsere Seite verlinken und so andere Touristen anlocken. Selbst wenn die nur kommen, um uns zu sehen. Und …«

Flora runzelte die Stirn. »Moment mal … Hattest du diese brillanten Ideen etwa schon die ganze Zeit?«

Iona schwieg unbehaglich.

»Bin ich womöglich eine furchtbare Chefin, die ihrem Personal nicht zuhört?«

»Du hast nie gefragt«, sagte Iona.

So hatte sich Flora diesen Morgen wirklich nicht vorgestellt.

»… und ich finde auch, dass wir für die Mutter-Kind-Gruppe Biobreichen anbieten sollten. Da ist der Umsatz nämlich …«

»Okay, okay, Annies Küche gehört dir«, sagte Flora lächelnd. »Aber mach uns bitte bis spätestens Weihnachten zu Millionären.«

Dann schaute sie Isla an, die einfach nur still dasaß.

»Wäre es für dich in Ordnung, ins große Haus mit hochzukommen?«, fragte sie. »Ich weiß schon, dass es keine besonders glanzvolle Arbeit ist. Aber du wirst da in einer weitaus größeren Küche viel lernen können, verschiedene Tätigkeiten ausprobieren und nicht nur backen, sondern auch kochen …«

»Muss sie da Töpfe spülen?«, fragte Iona.

»Jeder muss Töpfe spülen«, erklärte Flora. »So läuft das in kleinen Unternehmen.«

Isla schaute Iona ein wenig traurig an. »Die Zusammenarbeit mit dir wird mir fehlen«, sagte sie leise. Tatsächlich war sie wegen der Trennung von ihrer besten Freundin am Boden zerstört, weil sie Veränderungen nicht mochte und nicht gut damit klarkam.

»Du wirst das super hinkriegen!«, versicherte Flora.

»Ich weiß aber nicht, ob ich auch so gute Ideen habe wie Iona.«

»So solltest du ein Bewerbungsgespräch aber nicht angehen«, meinte Flora. Als sie Islas Miene sah, fügte sie schnell hinzu: »Hey, das war bloß ein Scherz! Ich hab doch gesehen, wie du in den letzten Jahren hier geschuftet hast. Deshalb weiß ich, wie gut du bist. Ihr zwei seid wirklich ein Glücksfall für mich und bekommt beide eine Gehaltserhöhung.«

»Und ein Budget fürs Marketing«, warf Iona ein.

»Iona!«, knurrte Flora. »Ich kann einfach nicht fassen, dass du über all das nicht früher mit mir gesprochen hast!«

»Mit solchen Beschwerden solltest du dich ans Management wenden«, entgegnete Iona frech. »Ach nein, das bin ja wohl ich!«

Flora schüttelte den Kopf. »Okay, Isla«, sagte sie dann. »Du kommst also mit ins Hotel, da zeige ich dir alles. Wir halten bereits nach weiterem Personal Ausschau. Ha, das wird ein großer Spaß!«

Doch Isla war mit den Gedanken schon bei der Frage, wie sie das ihrer Mutter beibringen sollte.

Kapitel 6

Konstantin war verwirrt. Er schien heute überhaupt kein Frühstück zu bekommen. Weder hatte man es ihm gebracht, noch wartete es im großen Esszimmer auf ihn. Am Ende machte er sich auf den Weg hinunter in die Küche, wo ihn Else normalerweise tätschelte und dann etwas zu essen für ihn auftrieb.

Das Küchenpersonal (das ihn vermutlich auch dann nicht weggeschickt hätte, wenn es ihm erlaubt gewesen wäre) hatte ihn nach dem Tod seiner Mutter so verhätschelt und verwöhnt, dass aus ihm ein pummeliger einsamer Junge geworden war.

Mit fünfzehn hatte man Konstantin dann aufs Internat geschickt, weil sein Vater gehofft hatte, das würde ihn in die richtigen Bahnen lenken. Tatsächlich hatte es die Situation zugleich schlimmer und besser gemacht. Schlimmer, weil Konstantin am Anfang furchtbar unglücklich gewesen war. Besser, weil sein Babyspeck durch den verpflichtenden Sport und die winzigen Essensportionen schnell dahingeschmolzen war.

Aber dann wurde es wieder schlimmer, als Konstantin beim Versuch, sich beliebt zu machen, in der übelsten Clique der Schule landete.

Und da sein Vater sowohl mit zeremoniellen Verpflichtungen als auch mit seiner eigenen Trauer vollauf beschäftigt war, widmete er dem Verhalten seines abwesenden Sohnes nicht immer die gebührende Aufmerksamkeit.

Dass er selbst für einen Internatszögling über ein unglaublich hohes Taschengeld verfügte, verschaffte dem jüngeren Konstantin Zugang zu einer rebellischen Truppe von Flegeln, die das Wochenende gern in Montenegro, Gstaad, Monaco und Biarritz verbrachten. Dort wohnten sie in den schicksten Hotels und testeten gern aus, womit sie gerade eben noch durchkommen konnten. Es stellte sich heraus, dass das für eine Gruppe von weißen Aristokraten aus Nordeuropa so einiges war.

Am Ende fand Konstantin das mit dem Internat gar nicht so schlecht. Die Prüfungen versiebte er natürlich, aber so etwas kam vor. Wenn man bereits ein besseres Auto fuhr als der Rektor, gab es einfach keinen großen Anreiz mehr fürs Pauken.

Und um ein hervorragender Schütze, ein guter und furchtloser Reiter sowie ein toller Skifahrer zu werden, musste man an diesen Fähigkeiten schließlich auch hart arbeiten, oder nicht? Seine Leistungen in diesem Bereich hatte sein Vater nie zu würdigen gewusst, selbst als damals die Aufnahme von Konstantin junior in die Skinationalmannschaft erwogen worden war.

Allerdings waren die dort erwartete Disziplin und die endlosen Stunden Drill unsäglich langweilig gewesen – mal ganz abgesehen vom Ernährungsprogramm –, sodass Konstantin am Ende doch nie zum Training gegangen war.

Jetzt fing ihn der persönliche Assistent seines Vaters ab, ein Mann namens Anders. Er redete auf Konstantin ein, bei dem allerdings jedes Wort zum einen Ohr rein- und zum anderen wieder rausging.

Anders gab sein Bestes, um die Sache noch einmal zu erklären: »Wir haben für Sie eine Arbeitsstelle gefunden, wo Sie in einer Woche anfangen können.«

Konstantin verzog das Gesicht zu einer charmanten Grimasse, durch die er bei den Schlossangestellten meistens seinen Willen bekam. »Jaaaaa … von wegen.«

»Ich fürchte, so lauten die Anweisungen Ihres Vaters«, erklärte Anders.

»Der hat mir gar nichts zu sagen!«

»Man hat mir aufgetragen …« Obwohl Anders nun wirklich kein Feigling war, hatte ihm vor diesem Gespräch eher gegraut. »Man hat mir aufgetragen, Sie darüber zu informieren, dass all Ihre Kreditkarten seit heute Morgen gesperrt sind. Ihre Handyverträge wurden gekündigt und alle Endgeräte eingezogen. Sie brechen in fünf Tagen auf. In diesem Umschlag finden Sie Ihr Flugticket.«

Fassungslos starrte Konstantin ihn an. »WAS?«

»Ihre Pferde wurden in einen anderen Stall verlegt und …«

Augenblicklich schaute sich Konstantin nach Bjårk um, der jetzt zu ihm herübergetrottet kam. (Er war wirklich furchtbar fett.)

»Aber Bjårk Bjårkinsson nehmt ihr mir nicht weg!« Plötzlich war die Miene des jungen Mannes ernst, und er hörte endlich zu. »Der bleibt bei mir.«

»Ich bin mir nicht sicher, ob das möglich ist.«

»Wenn ich in die Verbannung geschickt werde, dann er aber auch. Schließlich ist sein Benehmen noch schlimmer als meins.«

Wie aufs Stichwort marschierte Bjårk zum Frühstückstischchen hinüber, zeigte seine Enttäuschung ob dessen leerer Tischplatte mit einem lauten Furz und versuchte dann, sich auf der Suche nach Krümeln darunterzuschieben. Sein dicker Hintern brachte die zarten Tischbeine des erlesenen vergoldeten Rokokomöbels zum Beben.

Irgendwann huschte Anders schließlich hinüber und verhinderte, dass das Möbelstück auf den Parkettfußboden knallte. Der Assistent rollte mit den Augen.

»Also, ich gehe jedenfalls nirgendwo hin«, verkündete Konstantin.

»Tja, heute mit Sicherheit nicht«, entgegnete Anders, »Ihr Vater hat nämlich Ihre Autos abholen lassen. Aber nächste Woche müssen Sie sich schon auf den Weg machen, fürchte ich.«

Konstantin starrte ihn an. Das war doch nicht möglich! Das konnte einfach nicht sein! Nach und nach dämmerte ihm, was das alles zu bedeuten hatten. Wenn seine Autos weg waren, dann … »Moment mal, habe ich etwa KEINHANDY mehr?«

Kapitel 7

Aus finanziellen und zeitlichen Gründen war es nicht oft vorgekommen, aber wenn Fintan mal Glasgow besucht hatte, war er immer begeistert gewesen. Er liebte die regenreiche, majestätische Stadt mit ihren großen Mietshäusern aus Sandstein, die teure Merchant City mit ihren Designerklamotten und faszinierenden Restaurants … Bei ihren geraden, glitzernden Straßen hatte er immer an New York denken müssen.

Fintan liebte auch die Menschen in Glasgow, die Passanten unterschiedlichster Gestalt und Größe auf der Buchanan Street, Personen aus aller Welt, Studenten, Touristen, Geschäftsleute. Glasgow war ihm früher wie das Zentrum der Welt vorgekommen. Er liebte die Frauen dort mit ihrer gebräunten Haut und langen Wimpern und den bunten Kleidern, die oft völlig unangemessen für das Wetter waren. Aber wen scherte das schon?

Auf jemanden, der wie Fintan aus einem Umfeld mit viel gedämpfteren Farben kam, wirkten diese lauten lachenden Wesen wie beeindruckende exotische Vögel.

Vor allem liebte Fintan aber die Männer. Oder eher gesagt einen bestimmten Typus Mann, nämlich gefährliche, schlanke Kerle mit ganz kurzen Haaren, die ihm hier und da einen versteckten Blick zuwarfen. Manche von ihnen schlenderten ganz unbekümmert Hand in Hand mit ihrem Freund die Sauchiehall Street entlang.

In dieser Stadt schienen die Möglichkeiten unbegrenzt, der Duft von Nervenkitzel und Sex lag in der Luft, und Fintan liebte all das, seit er zum ersten Mal hier gewesen war.

Damals hatte er als extrem verwirrter Fünfzehnjähriger seine Mutter mit riesig großen Augen bei den Weihnachtseinkäufen begleitet.

Der Ausflug, nach dem sie schwer beladen wieder in die kleine Propellermaschine stiegen, war ein richtiges Abenteuer gewesen, inklusive Austern bei Rogano und einem Besuch an der tollen Kunsthochschule.

Fintan hatte die Qual der Wahl kennengelernt, als er zum ersten Mal in seinem Leben so viele Geschäfte mit ihrem riesigen Angebot gesehen hatte.

Am Ende hatte ihm seine Mutter ein reduziertes Sweatshirt von Tommy Hilfiger gekauft, das Fintan ein Jahr lang fast ausschließlich getragen hatte. Außerdem hatte er sich geschworen, dass es nicht sein letztes Mal in Glasgow sein würde. Später wollte er am liebsten in dieser Stadt leben und studieren.

Aber es war alles ganz anders gekommen. Zunächst hatte sich Fintan um seine Mutter kümmern müssen, weil sie krank geworden war, und dann wurde auf dem Hof jede verfügbare Arbeitskraft gebraucht. So war sein Traum zerplatzt.

Natürlich hatte Fintan eine neue Leidenschaft für Essen und Kochen entdeckt, als Flora aus London heimgekehrt war. Und dann hatte er Colton kennengelernt und sich verliebt. Dadurch hatte sich alles zum Besseren gewendet – für kurze Zeit war Fintan der glücklichste Mensch auf Erden gewesen und hatte fest daran geglaubt, dass alles gut werden würde.

Aber das hatte nicht lange angedauert.

Und nun war er wieder hier, marschierte über das feucht glänzende Kopfsteinpflaster des guten alten Glasgow. Die Passanten trugen Schirme, Laub zerbröselte unter den Füßen, und an den Ecken riesiger Gebäude versuchten Dudelsackspieler, sich etwas Geld zu verdienen.

Heute starrte Fintan bloß zu Boden und beachtete die extravaganten Schaufenster gar nicht. Er schaute nicht zu Männern hinüber, die gerade Cafés betraten und seinen Blick vielleicht erwidert hätten. Vielmehr dachte er über das Leben nach: darüber, auf welche Wege es ihn geführt oder nicht geführt hatte, welche Türen sich für ihn geöffnet hatten oder eben nicht.

Fintans Laune war wirklich an ihrem Tiefpunkt angelangt, als er sich der Zeitarbeitsfirma näherte.

Als Anfang des Jahres alles besonders trostlos gewesen war, hatte Flora ihm vorgeschlagen, doch etwas von Coltons Geld zu nehmen und sich irgendwo an den Strand zu legen. Also war er allein nach Cancún gefahren, hatte dort Cocktails unter Palmen geschlürft und sich die Augen ausgeheult. Es war keine sehr erfolgreiche Aktion gewesen.

Immer wieder bekam Fintan zu hören, er bräuchte keine Angst zu haben, Trauerprozesse seien eine Frage der Zeit. Die Leute sagten das mit schräg gelegtem Kopf und traurigem Gesichtsausdruck, und Fintan war klar, dass ihre Sorge und Anteilnahme echt waren. Aber dann wandten sie sich ab und kauften eins von Floras Wurstbrötchen oder streichelten den nächsten Hund oder gingen zur Bücherei und holten sich dort die neuesten Romane. Er jedoch war weiter tief in seiner Gram versunken.

Diese Menschen drückten ihm zwei Minuten am Tag ihr Mitgefühl aus und hielten das für hilfreich. Fintan hingegen musste sich zusammenreißen, um sie nicht anzuschnauzen, um nicht wütend auf sie zu werden. Denn sie konnten ja nicht nur mit ihrem ganz normalen Leben weitermachen, sondern klopften sich in Gedanken auch noch auf die Schulter, weil sie sich um den armen Fintan gekümmert und damit eine gute Tat vollbracht hatten.

Die Trauer ließ Fintan gereizt werden, und sie war von Monotonie geprägt: In dumpfer Lethargie dachte er jede Sekunde jedes einzelnen Tages an Colton und wurde sich der ganzen verdammten Geschichte nach dem Aufwachen täglich aufs Neue bewusst. Man hatte ihn schon davor gewarnt, dass diese Gefühle nie völlig verschwinden würden. So war es jetzt nun mal, und es lebten ja auch viele Menschen mit so einer Bürde. Deshalb würde er sich wohl oder übel daran gewöhnen müssen.

Aber er wollte sich nicht daran gewöhnen, dachte er, während er so zornig gegen ein Häufchen Laub trat, dass ein Taxifahrer ihn misstrauisch beäugte. Fintan wollte das alles hier nicht. Er hatte nicht die geringste Lust, wegen eines Chefkochs irgendeine bescheuerte Vermittlungsagentur aufzusuchen.

Stattdessen wollte er wieder mit Colton in ihrem riesigen Bett in The Manse liegen – in dem handgeschnitzten Himmelbett, nicht dem Krankenbett, das Fintan später einem Hospiz auf dem Festland gespendet hatte.

Er wünschte sich zurück in jene Zeit, die er in Gedanken »damals« nannte, obwohl sie erst gut zwei Jahre zurücklag.

Dorthin sehnte er sich zurück, er wollte gemeinsam mit Colton lachend Lebensläufe durchsehen, bevor sie dann zusammen Arme Ritter machen würden und Colton mit gequält verzogenem Gesicht zu seinem fiesen Vitamindrink greifen würde. Fintan hatte immer gedacht, dass er dieses Zeug in sich hineinschüttete, weil man das in Kalifornien eben so machte.

Aber das war nicht der Grund gewesen, nein.

Und jetzt war Fintan hier ganz allein unterwegs und stand vor einer Aufgabe, der er womöglich gar nicht gewachsen war.

Flora hatte gut reden, für sie hatte sich ja alles zum Guten gewendet. Sie hatte einen Freund, ein Baby und jetzt sogar The Manse.

Fintan konnte es nicht ertragen, in seinem eigenen Haus zu leben. Allerdings nahm er auch seiner Schwester übel, dass sie dort wohnte, obwohl er es doch selbst an sie vermietete. Am liebsten hätte er ein unantastbares Heiligtum daraus gemacht. Er wollte es genau so belassen wie in jener Zeit, als Colton und er darin gelebt hatten und verliebt gewesen waren. Niemand sollte darin herumspazieren, es sollte kein Babylachen oder das Knistern von Kaminfeuern erklingen.

Ende der Leseprobe