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Wer hat sich noch nicht gefragt, wie wohl das Leben als Kater wäre? Mr B kann darauf Antworten geben und nimmt den Leser mit auf die Black Sheep Farm in das idyllische Landleben Irlands. Seit er ihr als junger Kater zugelaufen war, unterstützt er Suzanna Crampton dort tatkräftig dabei, die Farmtiere zu versorgen, die Mäusepopulation in Schach zu halten und natürlich die Schafe zu hüten. Wenn ihm dann noch Zeit bleibt, liegt er aber auch gerne faul auf dem warmen Ofen oder pflegt seinen Twitter-Account, um seinen Followern aus aller Welt aus seinem Leben zu berichten. Als heimlicher Chef auf seiner Schaffarm bei Kilkenny erzählt Mr B aus Katzenperspektive von malerischen Sonnenaufgängen am frühen Morgen, Spaziergängen über sattgrüne Wiesen, Lämmergeburten mitten in der Nacht und erklärt, warum Katzen die besseren Schafhüter sind. Mit unvergleichlich charmanter und humorvoller Art sowie seinem scharfen Verstand ermöglicht uns der Kater Mr B einen völlig neuen Blick auf die harte Arbeit auf einer Farm, Freund- und Feindschaft zwischen Mensch und Tier und das Leben im Einklang mit der wunderschönen Natur Irlands.
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Seitenzahl: 312
Veröffentlichungsjahr: 2019
Suzanne Crampton
Die wundersame Geschichte von Mr. B, der Hütekatze
Aus dem Englischen von Simone Jakob
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Als Chef auf einer irischen Schaffarm hat Mr. B alle Pfoten voll zu tun. Denn seit Suzanna Crampton ihn vor einigen Jahren mit nach Hause brachte, unterstützt sie der charakterstarke Kater tatkräftig bei allen anfallenden Tätigkeiten. Auf unverwechselbar charmante und humorvolle Art und Weise erzählt er aus Katzenperspektive von seinem Alltag zwischen Mäusejagd, dem Hüten der Schafe sowie Freund- und Feindschaften zwischen Mensch und Tier. Mit liebevollem Blick und scharfem Verstand bringt Mr. B den Lesern das idyllische Landleben in Irland mitsamt allen Höhen und Tiefen nahe und nimmt sie mit auf seine spannenden Abenteuer auf der grünen Insel.
Widmung
Motto
Einleitung
Frühling
Eierlegerinnen und Frühjahrsblumen
Sonne und Regen
Pferde, Pferde und noch mehr Pferde
Sommer
Bruthitze im Juni
Sommergäste
Faule Tage und Familienbesuch
Bildteil
Herbst
Schäfchenwolken
Herbsterinnerungen
Abschied von den Schwalben
Winter
Vorboten der kalten Jahreszeit
Weihnachten auf der Black Sheep Farm
Ein gefährliches Virus
Ein Schmuddelmonat
Nachwort
Die Schäferin spricht
Danksagung
Für meine Eltern, Julia und Richard Crampton
»Wir missbrauchen die Natur, weil wir sie als unser Gut ansehen. Wenn wir die Natur als Ganzes betrachten, zu dem auch wir gehören, fangen wir vielleicht an, sie mit Liebe und Respekt zu behandeln.«
Aldo Leopold
Ich bin Mr. B, die Hütekatze, und dies ist meine Geschichte. Ich hieß nicht immer Mr. B. In meiner Kindheit im nahe gelegenen Kilkenny muss ich einen anderen Namen getragen haben, aber über diese Zeit weiß mein Mensch so gut wie nichts, denn ich war eines Tages einfach da und bin geblieben – und manche Geheimnisse muss man bewahren.
Die Schäferin hat mir die Geschichte von dem Tag, als sie mich gefunden hat, so oft erzählt und ausgeschmückt, dass beinahe ein Märchen daraus geworden ist. Sie begann damit, dass die Schäferin eines Tages in einem Blumenladen in Kilkenny nach einem roten Band für ein Geburtstagsgeschenk suchte – ein gläserner Kelch, der mit Kräutern bepflanzt war und den sie mir bis ins kleinste Detail beschrieb: Die Kräuter waren grün, die Erde braun und das Band tiefrot. (Für solche Dinge kann sich die Schäferin wirklich begeistern.) Der Laden trägt den romantischen Namen Lamber de Bie und liegt etwas versteckt in einer schmalen, gepflasterten Seitengasse, ganz in der Nähe von Kilkenny Castle. Jaszia, die Verkäuferin, erklärte der Schäferin, dass sie so kurz nach dem Valentinstag zwar kein rotes Band mehr für sie habe, aber dafür eine Katze.
»Vielleicht wäre das ja was für dich«, sagte Jaszia, die die Schäferin nur zu gut kannte. »Du weißt doch, wo dieser Laden ist, der diese neumodischen Toilettensitze verkauft, unten am Hügel auf dem Weg zum Schloss? Der Besitzerin ist ein Kater zugelaufen, den sie leider nicht behalten kann, weil sie drei Hunde zu Hause hat.«
»Ich werde ihn mir mal ansehen«, entgegnete die Schäferin, und genau das tat sie auch – sie liebt Tiere nämlich über alles und hat eine ganze Menagerie von uns auf ihrer Farm, aber davon später mehr. Sie sagt immer, sie habe mich, gleich als sie in den Laden kam, zwischen den farbenfrohen, transparenten Toilettensitzen, auf denen allerlei merkwürdige Dinge wie Stacheldraht, Stroh, ja sogar Korallenriffe und tropische Fische abgebildet waren, herumstromern sehen. Natürlich vermutete sie sofort, der Laden würde mir gehören, dabei war ich erst drei Tage dort. Als wäre ein Geschäft, das Toilettensitze verkauft, auch nur annähernd der angemessene Ort für einen Kater wie mich! Sie erzählt mir ebenfalls, dass ich, als man mich fand, ein rosafarbenes Halsband trug, auf dem tanzende blaue Mäuse abgebildet waren – offenbar eine Art Scherz, aber auch ein klarer Beweis dafür, dass ich schon damals geliebt wurde.
Die Ladeninhaberin hatte getan, was sie konnte, um meinen ursprünglichen Besitzer ausfindig zu machen, hatte sogar eine Suchmeldung in einer Radiosendung verlesen lassen, die praktisch jeder in Kilkenny gehört haben musste, doch niemand meldete sich. Das ist für mich allerdings kein Grund zur Traurigkeit, denn wäre ich nicht in das Geschäft für Toilettensitze hereinspaziert, hätte ich nie die Schäferin kennengelernt und hier, auf der Black Sheep Farm, inmitten grüner Wiesen und Felder am Ufer der Nore, ein neues Leben begonnen. Das Land befindet sich schon seit vielen Generationen im Besitz der Familie der Schäferin, und so hat jedes Gebäude und jede Wiese einen Namen und eine ungeschriebene Geschichte – wie etwa das Windrad-Feld, auf dem in den 1940er-Jahren ein Windrad stand, das sich unablässig drehte, um den Hof mit Energie zu versorgen.
In den ersten Tagen behielt mich die Schäferin im Haus – damit ich nicht fortlaufen konnte, bis ich mich bei ihr eingelebt hatte, wie sie sagt. Das war wirklich sehr aufmerksam von ihr, aber sie ahnte nicht, dass ich mich schon von dem Augenblick an auf der Farm heimisch fühlte, als ich über die Schwelle trat. Trotzdem rollte ich mich in den nächsten beiden Wochen brav vor dem AGA-Herd zusammen oder schaute durch das Fenster zu den gewaltigen Rosskastanien und den Bergen dahinter hinüber, die eine schöne Aussicht boten. Ich lernte auch einige andere Familienmitglieder kennen, was sich als nützlich erwies, weil ich mir so gleich die Position als stellvertretende Chefkatze sichern konnte.
Es war der inzwischen längst verstorbene Oscar, der mir alles über das Leben auf dem Bauernhof beibrachte – ein merkwürdig aussehender Kater, dessen schneeweißes Fell einige größere getigerte Flecken aufwies. Seine getigerten Ohren und der ebenfalls getigerte Schwanz sahen aus, als wären sie bemalt und dann nachträglich angebracht worden. Etwas später kam auch Miss Marley zu uns, deren Vorbesitzer nach Neuseeland ausgewandert waren und sich die kostspielige Quarantäne nicht leisten konnten. Sie ist eine schüchterne, bescheidene Katzendame, die geradezu vernarrt ist in ihren Beruf als Wollinspektorin. Ich überlasse ihr diese wichtige Aufgabe gern, auch wenn sie nichts weiter tut, als sich auf dem Rohwollhaufen zusammenzurollen und einzuschlafen, um die Wolle auf ihre Weichheit zu testen. Manchmal überprüft sie sogar die aus der Wolle unserer seltenen Zwartblesschafe gewebten Decken, bevor sie an weit entfernte Orte auf der ganzen Welt verschifft werden.
Ovenmitt, ein Kater, den ich gerade zur Hütekatze ausbilde, kam ebenfalls erst später zu uns auf den Hof, und das ist, um ehrlich zu sein, wohl auch besser so, denn er hat noch sehr viel zu lernen – und er ist unglaublich faul. Seinen Namen bekam er schon kurz nach seiner Ankunft auf der Farm. Die Mutter der Schäferin hatte die Ofentür geöffnet und griff gleichzeitig nach etwas, das sie für einen Topflappen hielt, um ein Brathähnchen herauszuholen. Als sie stattdessen das bis zu diesem Zeitpunkt noch namenlose neue Mitglied unserer Menagerie zu fassen bekam, sagte sie: »Oh, ich dachte, du wärst ein Topflappen.« Und so wurde er von da an Topflappen, Ovenmitt, genannt. Sein Lebensinhalt besteht darin, seinen schwarz-grau getigerten Körper so lange und häufig wie möglich vor unserem warmen AGA-Herd auszustrecken oder es sich in der geräumigen Schüssel oben auf dem Küchenschrank, die dank der aufsteigenden Ofenhitze mollig warm ist, gemütlich zu machen. Eine seiner Lieblingsbeschäftigungen ist es, bei jeder sich bietenden Gelegenheit Miss Marley zu ärgern. Seine jüngste Spielgefährtin ist, sehr zu meinem Verdruss, unsere neue Hündin Puddlemaker (von ihr später mehr), die kaum größer ist als eine Ratte. Auf der Black Sheep Farm lernte ich auch den Hund kennen, der zu meinem besten Freund wurde, ein etwas ungepflegter Border-Collie-Foxterrier-Mischling namens Pepper, ein hübscher Bursche mit schwarzem, drahtigem Fell und grau-weiß gesprenkelter Schnauze, die ihm auch seinen Namen eingebracht hat. Im Laufe der Jahre konnte ich beobachten, wie sein gesamtes Fell immer grauer meliert wurde, was ihm ein ausgesprochen nobles Aussehen verleiht. Bei den Menschen gilt er als eine Art Einstein unter den Hunden, sie bemerken oft schmunzelnd, dass er, wäre er ein Mensch, wahrscheinlich einen Bart tragen, Pfeife rauchen und kluge Bücher schreiben würde. Hauptsächlich ist er jedoch ein hartnäckiger Jäger von Ratten, Grauhörnchen und Kaninchen, von denen es auf dem Hof nur so wimmelt. Den Weichherzigeren unter den Lesern mag das grausam erscheinen, aber ich habe einiges über die Natur gelernt während meines ländlichen Lebens hier auf dem Hof. Diese Nager würden, wenn sie sich unkontrolliert vermehren, alles ruinieren. Sie fressen und verunreinigen Heu und Getreide und nagen sogar Kabel an, was leicht zu Bränden führen kann. Gibt es zu viele Kaninchen, stecken sie sich oft mit einem verheerenden Virus namens Myxomatose oder Kaninchenpest an, an dem die ganze Population stirbt, sodass schließlich auch die Füchse und Bussarde hungern müssen. Und die Grauhörnchen verdrängen unsere heimischen Eichhörnchen und knabbern die Rinden der noch jungen Bäume an, sodass diese nicht mehr richtig wachsen oder ganz eingehen. Ihre Bäume liegen der Schäferin sehr am Herzen, und sie ist immer tief bestürzt, wenn die Rinde eines Baumes von den Grauhörnchen angenagt wurde.
Die Schäferin hatte Pepper aus dem örtlichen Tierheim geholt, wo er zusammen mit seinen Geschwistern abgegeben worden war. Jemand hatte die Welpen nicht weit von der Black Sheep Farm entfernt in einer braunen Papiertüte am Rande einer viel befahrenen Straße gefunden. Die freundliche Leiterin des Tierheims verlangte für den Hund kein Geld, ja nicht einmal eine Hundefutterspende, sondern bat die Schäferin stattdessen nur um einen kleinen Korb mit Feigen, denn sie war, wie sie sich erinnerte, vor vielen Jahren einmal auf dem Hof gewesen, und der Großvater der Schäferin hatte ihr eine köstliche, frisch gepflückte, reife Feige geschenkt. (Die Ururgroßmutter der Schäferin hatte auf der Farm vor langer Zeit ein halbes Dutzend Feigenbäume gepflanzt, die im Schutz der steinernen Gartenmauern prächtig gediehen und immer noch jeden Sommer eine üppige Feigenernte einbrachten.) Die Schäferin erklärte ihr, die Feigen seien erst in ein paar Monaten, im August, reif. Das machte der freundlichen Dame jedoch nichts aus, sie sagte, sie warte gerne, denn die Feige damals sei einfach so köstlich gewesen.
Monate später brachte die Schäferin der Tierheimleiterin schließlich tatsächlich einen kleinen Korb mit frischen Feigen. Sie hatte auch Pepper mitgenommen, um der Dame zu zeigen, zu was für einem prächtigen Hund er sich entwickelt hatte. Doch als sie die Autotür öffnete, schnupperte Pepper nur einmal kurz und weigerte sich strikt, das Auto zu verlassen. Der Arme dachte doch tatsächlich, dass die Schäferin ihn zurückbringen wollte, wie er mir später berichtete. Zitternd kauerte er sich in den Fußraum des Wagens und harrte erschrocken der Dinge, die da kommen mochten. Die Schäferin konnte ihn jedoch beruhigen und lieferte danach den Korb ab. Die Dame war hocherfreut, denn sie hatte die versprochenen Feigen schon wieder ganz vergessen.
Als ich auf die Farm kam, war Tassie die Matriarchin unter den Hunden. Die Schäferin hatte sie ebenfalls von der freundlichen Tierheimleiterin adoptiert. Sie war ein robuster kleiner Jack Russell Terrier mit rauhaarigem, weißem Fell und fürchtete sich vor nahezu allem, da sie in ihrem früheren Zuhause misshandelt worden war. Ihre größte Leidenschaft, wenn sie nicht gerade der Schäferin auf Schritt und Tritt folgte, war die Rattenjagd. Sie leistete dabei hervorragende Arbeit und folgte ihrer Beute sogar auf Bäume und Mauern. Viele Leute riefen die Schäferin häufig an und baten sie, ihnen Tassie zu bringen, wenn sie eine Ratte gestellt hatten, da sie so gut darin war, diese zur Strecke zu bringen.
Big Fellow, der große Bursche, war, soweit ich weiß, noch ein kleiner schwarzer Welpe, der in eine Einkaufstüte passte, als er auf den Hof kam. Heute ist er ein riesiger, schwarzer Deutscher Schäferhund und sieht aus wie ein Wolf. Als ich auf dem Hof noch neu war, erschreckte er mich mit seinem Gebell jedes Mal halb zu Tode, denn es war geradezu ohrenbetäubend. Aber heute weiß ich, dass sich hinter seinem Furcht einflößenden Äußeren ein Herz weich wie ein Marshmallow verbirgt.
Dann ist da noch der launische Bear, der vor noch nicht allzu langer Zeit als winziger Welpe zu uns kam und zunächst nur als Puddlemaker, Pfützenmacher, bekannt war, was mir ein passender Name für alle jungen Hunde zu sein scheint, da sie in dem Alter anscheinend nichts anderes können, als Pfützen auf dem Küchenfußboden zu hinterlassen, um die man einen großen Bogen machen muss. Als reine Promenadenmischung verfügt Bear über die hervorragende Spürnase eines Beagles, das glänzende, flauschige Fell eines King Charles Spaniels, die Beharrlichkeit eines Jack Russell Terriers und die Treulosigkeit eines Labradors. Mit seinen kurzen, stämmigen X-Beinen hat er etwas von einem uralten Corgi. Seine Mutter, die aus dem Tierheim kam, war bei ihren neuen Besitzern ohne deren Wissen trächtig geworden. Als sie beim Tierarzt kastriert werden sollte, stellte sich heraus, dass sie Junge erwartete.
Bear kann ich gerade noch ertragen, aber dann gibt es da ja auch noch unseren neuen Pfützenmacher … Eine kleine Hündin mit schwarz-braunem Fell, deren Ohren viel zu groß für ihren dürren Körper zu sein scheinen, was ihr das Aussehen eines Flughundes verleiht, und ihr keckes, kerzengerades Schwänzchen bezeichnen viele Menschen als »süß«. Mir geht sie schlicht auf den Geist, da hilft auch ihr vornehmer, peruanischer Name – Inca! – nicht viel. Wenn es nach mir geht, kann sie gar nicht schnell genug lernen, wie man sich Respektspersonen gegenüber verhält und ihnen die gebührende Achtung erweist. Bis dahin übernehme ich nur zu gern ihre Erziehung, indem ich ihr in geeigneten Momenten gezielte Pfotenhiebe versetze.
Die Schäferin ist ganz vernarrt in ihr Flughundgesicht, das sie an ihre Zeit auf Borneo erinnert, wo sie vor vielen Jahren für eine Naturschutzorganisation arbeitete. Auf einer Bootstour durch den gezeitenabhängigen Mangrovenwald konnte sie Nasenaffen in ihrer natürlichen Umgebung beobachten, die seltsam lange, flache, hervorstehende Nasen und dicke Bäuche haben. Nach dem Abstecher in den Dschungel, bei dem das Boot lautlos die Mangroveninseln umschifft hatte, um die Primaten nicht zu verschrecken, dämmerte es schon, als sie sich auf den Rückweg nach Brunei-Stadt machte, und die Luft war erfüllt vom Schnattern und von den rauschenden Flügelschlägen Abertausender Flughunde, die sich auf Futtersuche begaben. Diese großen Fledermäuse mit ihrem fuchsartigen Gesicht und den spitzen Ohren haben tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit mit unserem jüngsten Pfützenmacher.
In meiner ersten Zeit auf dem Hof hatte ich nicht einmal einen richtigen Namen. Ich wurde »Miezmiez« oder »Katzischatzi« gerufen, was schon ein wenig erniedrigend ist, wo ich doch mit meinen großen grünen Augen, den spitzen Ohren und dem flauschigen braun-schwarzen Fell so ein imposanter Kater bin. Die Leute erkundigen sich oft, welcher Rasse ich angehöre. Dumme Frage. Ich bin nicht einfach nur eine Rassekatze wie eine Maine Coon oder eine Norwegische Waldkatze, sondern eine Klasse für mich: eine waschechte Kilkenny-Hütekatze.
Wie dem auch sei, als mich die Schäferin endlich aus der gemütlichen Wärme des Hauses ins Freie entließ, folgte ich ihr überallhin – sie war schließlich eine nicht uninteressante Person mit ihren langen grauen Haaren und der kräftigen Stimme, die noch auf den entferntesten Feldern zu hören ist, wenn sie unsere geliebten Schafe ruft.
Als ich auf den Hof kam, hielt sie in den aus flachen, steinernen Gebäuden und Schuppen bestehenden Außenstallungen auch Pferde. An diesem Morgen lief die Schäferin zu den Ställen hinüber, wo ihr zwei Pferde über die unteren Stalltüren hinweg entgegenschauten, legte ihnen die Halfter an, öffnete die Stalltüren und sagte zu beiden mit fester Stimme »Steh!«. Und tatsächlich, sie blieben stocksteif stehen und rührten sich nicht vom Fleck, was mich zutiefst beeindruckte, und ich schlich in den Stall, um sie aus der Nähe zu betrachten. Sie waren wirklich sehr groß, hatten seidige Mähnen und glänzendes Fell, das eine rotbraunes, das andere graues, und beide waren sehr ansehnliche Tiere, was man nicht von jedem Pferd behaupten kann. Pferde sind, wie man weiß, allgemein nicht besonders helle. (Die einzige rühmliche Ausnahme ist Marco Polo, von dem ich später erzählen werde.)
»Dumme Katze«, sagte die Schäferin, als sie mich zwischen den Pferden entdeckte, und versuchte mich mit dem Stiefel sanft beiseitezuschieben, bevor sie die beiden Pferde aus dem Stall auf den gepflasterten Hof hinausführte – ich nehme an, um zu verhindern, dass ich unter ihre großen Hufe geriet. Ihre mächtigen muskulösen Leiber ragten hoch über mir auf, aber falls die Schäferin glaubte, ich würde mich vor ihnen fürchten, irrte sie sich: Angst ist mir völlig fremd. Ich lief weiter zwischen den beiden Pferden, während sie sie zum Weidegatter führte, vollkommen unbeeindruckt von ihrer Größe und dem lauten Klappern der beschlagenen Hufe auf den Pflastersteinen.
»Na so was, du bist ja ganz schön verwegen«, rief die Schäferin aus, als ich nicht zur Seite wich. Und so kam ich zu meinem Namen: verwegen, auf Englisch bodacious, kurz Mr. B.
Seitdem langweilt sie mich des Öfteren mit Geschichten über die Herkunft dieses Wortes. Anscheinend stammt es aus der Cajun-Kultur, die in den Sumpfgebieten Louisianas beheimatet ist, und bedeutet so viel wie »groß, verwegen, schön, aufsässig«, eine durchaus zutreffende Beschreibung für mich, wie ich zugeben muss. Allem Anschein nach erinnert es sie an ihre, in Katzenjahren gemessen unglaublich lang zurückliegende Zeit in New York, wo sie als temperamentvolle junge Frau oft selbst so genannt wurde. Die Black Sheep Farm ist zwar seit zweihundert Jahren in der Hand ihrer Familie, aber ein Teil ihrer Verwandtschaft kommt aus Amerika.
Und so kam ich vor neun oder zehn Jahren hierher und beschloss zu bleiben. Das Haus, der Obstgarten und die Felder hatten etwas an sich, das in mir den Wunsch weckte, mein Leben hier zu verbringen, und das nicht nur aus den üblichen Gründen – ein reichhaltiges Angebot an Futter und Nagern –, sondern weil ich mich hier zu Hause fühlte, egal, ob ich in der Ecke des Gartens, von der aus man das verblichene zartrosa Farmhaus sehen kann, in der Sonne lag oder einen Streifzug durch den Obstgarten unternahm. Außerdem wusste ich, dass die Schäferin mich brauchte. Vor meiner Ankunft war sie kaum zurechtgekommen, auch wenn Pepper getan hatte, was er konnte.
Nachdem meine Entscheidung gefallen war, musste ich nun meinen Platz in der tierischen Familie der Schäferin finden. Ich heftete mich an die Fersen von Oscar, dem weißen Kater mit den getigerten Flecken. Er schien der Chef zu sein, also folgte ich seinem Beispiel. Wenn die Lämmer unter der Rotlichtlampe lagen, legte Oscar sich dazu und rollte sich zwischen ihnen zusammen, um ihnen noch mehr Wärme zu spenden – aus vollkommen selbstlosen Gründen, wie ich betonen muss.
Oscar starb bereits im Jahr 2013, und ich muss gestehen, dass er mir sehr fehlt. Ich habe jetzt niemanden mehr, der die Bürde der Verantwortung der obersten Hütekatze mit mir trägt. Damit gehen so viele Pflichten einher; hauptsächlich Anweisungen geben, die Oberaufsicht führen und der Schäferin in den langen Stunden des Ablammens, also der Geburt der Lämmer, Gesellschaft leisten. Ich überwache die Wiesen, während die Schäferin auf den gut abgeweideten Flächen die langen Gräser schneidet. Ich helfe bei der Heuernte, kontrolliere zur Fütterungszeit die Vorräte und assistiere bei der Versorgung der neugeborenen Lämmer, die bei ihren ersten Schritten ins Leben Unterstützung brauchen.
Aber obwohl ich meine Schäfchen regelmäßig zähle, verlieren wir hin und wieder einige, die durch kaputte Zäune oder über alte, eingefallene Steinmauern auf Nachbarweiden entschlüpfen. Ich habe gelernt, die Höhen und die Tiefen des Lebens und damit auch den einen oder anderen Todesfall zu akzeptieren. Schafe zu hüten ist harte Arbeit. Meine Schäferin betreibt nachhaltige Landwirtschaft, also verwenden wir nur Naturdünger, um auf unseren Böden eine ausgewogene Vielfalt an Gräsern, Klee, Kräutern und Wildblumen heranzuziehen. Diese Pflanzen bilden wiederum die Nahrungsgrundlage für unsere Schafe, die uns Wolle liefern. Die Wolle wird geschoren, gereinigt und gesponnen und danach in einer nahe gelegenen Wollspinnerei namens Cushendale Woolen Mills in dem bezaubernden kleinen Dorf Graiguenamanagh zu schönen, warmen, von der Schäferin selbst entworfenen Decken verarbeitet. Diese Decken werden dann in die ganze Welt verschifft – selbst der irische Präsident besitzt eine. In diesem Buch kommen reichlich Schafe vor. Einige unserer Schafe dienen als Fleischlieferanten, andere werden als Zuchttiere an andere Farmen verkauft.
Verglichen mit den gewaltigen Herden in Australien und Neuseeland mit ihren Tausenden und Abertausenden weißen wolligen Schafen ist meine Herde jedoch recht überschaubar und zählt gerade einmal sechzig bis achtzig Tiere. Die meisten davon gehören zu einer seltenen Rasse, den Zwartblesschafen – große, schokoladenbraune Tiere mit lang gezogener weißer Blesse auf dem Kopf, weißer Schwanzspitze und knöchellangen weißen Socken an den Hinterbeinen. Sie sind zwar nicht allzu klug, aber im Großen und Ganzen ganz umgänglich. Sie geben reichlich Milch, aus der man leckeren Käse herstellen kann oder eine vorzügliche Eiscreme, für ein Schleckermäulchen wie mich genau das Richtige. Ihre herrlichen Vliese sind, ganz wie Espresso, von einem feinen, prächtigen, dunklen Schokoladenbraun.
Manchmal muss ich mich auch um die Schäferin kümmern. Wie bereits erwähnt, arbeitete sie früher für eine Naturschutzorganisation in Südostasien und freundete sich mit vielen exotischen Tieren an, während sie für ihren Arbeitgeber in London Informationen über Tierhaltung und tierärztliche Versorgung sammelte und erfasste. Das war zu einer Zeit, als man die Antworten auf derart fachspezifische Fragen noch nicht bei Google finden konnte. Damals infizierte sie sich mit einer Tropenkrankheit, die sie für drei Jahre ans Bett fesselte. Obwohl sie gelegentlich immer noch darunter leidet, kommt sie mit meiner Hilfe ausgesprochen gut klar und genießt die Arbeit auf dem Hof, allerdings muss ich immer wieder den Krankenpfleger spielen, wenn sie einen Rückfall erleidet. Dann lege ich mich auf sie, damit sie im Bett bleibt. Ein hartes Leben.
Ansonsten gebe ich der Schäferin Anweisungen, wenn sie kocht, und gebe acht, dass sie auch wirklich alle Eier von meinen Eierlegerinnen einsammelt. Die Eierlegerinnen glauben vielleicht, sie hätten ihre Eier gut versteckt, aber ich spüre sie trotzdem immer auf, ob hinter Strohballen oder im losen Heu verborgen. Ich führe auch die Oberaufsicht über die anderen Tiere und schrecke nicht davor zurück, den einen oder anderen Pfotenhieb auszuteilen, um sie in Schach zu halten. Wenn die Schäferin im Garten arbeitet, sorge ich oft dafür, dass das Rotkehlchen nicht alle Würmer auffrisst – schließlich brauchen wir sie, um den Boden umzugraben –, indem ich es von der Spitze der Spatengabel verjage. Miss Marley ignoriere ich, aber Ovenmitt muss ich ständig maßregeln, damit er nicht vergisst, wer der Chef ist.
Meine Arbeit hört zwar nie auf, aber mein Tag fängt für gewöhnlich erst an, wenn mir danach ist – manchmal, wenn sich die Tür der Spülküche öffnet und ich hereinkomme, um knuspriges Trockenfutter zu frühstücken, an anderen Tagen, wenn ich gemeinsam mit der Schäferin und unseren Hundekollegen die Schafe zähle. Meiner Ansicht nach ist dabei die zuverlässigste Methode, ihre Beine zu zählen und das Ergebnis durch vier zu teilen.
Ich genieße unsere Streifzüge über die Weiden, um die Mutterschafe und Lämmer zu inspizieren. Einige von ihnen sind alte Freunde von mir, die ich mit einem sanften, aber herzlichen Nasenstüber begrüße. Andere dagegen versuchen, mir einen Kopfstoß zu versetzen, also gehe ich ihnen lieber aus dem Weg. Bocklämmer können sehr streitsüchtig sein, darum muss ich ein Auge auf sie haben. Normalerweise ist bei unseren Kontrollgängen über die Wiesen, bei denen wir Mutterschafe und Lämmer zählen, Zäune und Steinmauern überprüfen und die Entwicklung der Tiere und Pflanzen in den jeweiligen Jahreszeiten im Blick behalten, aber alles in bester Ordnung. Das viele Schäfchenzählen kann aber ganz schön anstrengend sein, sodass ich mich anschließend manchmal zu einem kleinen Nickerchen vor oder auf dem Küchenherd hinreißen lasse.
Da sie den Hof seit mehr als zwanzig Jahren bewirtschaftet, ist die Schäferin halbwegs kompetent, sodass die Beaufsichtigung ihrer Arbeit erheblich mehr Vor- als Nachteile mit sich bringt, was heißt, dass ich fürs Erste nicht vorhabe, meine Aufgabengebiete zu erweitern. Aber ich liebe meine Unabhängigkeit mehr als alles andere, man sollte mich also nicht als selbstverständlich hinnehmen. Ich bin absolut nicht kinderlieb, und Dummköpfe ertrage ich nur mit Mühe. Ich bin eine schwer beschäftigte, professionelle, intelligente und – wenn ich das so sagen darf – hart arbeitende Farmkatze. Es gab schon Menschen, die mich hochheben wollten, aber sie lassen mich schnell wieder fallen, wenn ich ihnen in die Hand oder den Arm beiße. Wer mich reizt, bekommt schnell meine Krallen zu spüren. Der einzige Mensch, den ich respektiere, ist mein eigener: die Schäferin. Da sie als Frau einen Hof leitet, wird sie von männlichen Menschen oft herablassend belächelt und gefragt, wo denn der »echte Chef« sei. Sie kann dann ja schlecht auf mich deuten und »Da ist er« sagen, ohne erst recht ausgelacht zu werden, obwohl wir beide wissen, dass es nun mal so ist.
Wenn wir an kalten, nebligen Vormittagen über die wogenden grünen Hügel laufen, die zu unserem fünf Hektar großen Land auf einem zwanzig Hektar großen Hof gehören, und unser Atem in der Luft Wölkchen bildet, haben wir das Gefühl, allein auf der Welt zu sein, bis die gesamte Schafherde nach und nach blökend aus dem Nebel auftaucht und sich um uns schart. Wenn die blassen Strahlen der kalten Wintersonne die Landschaft in ein milchiges Licht tauchen und der Frost in der Morgendämmerung den Boden weiß färbt, verharren die schwarzen Schemen jenseits der Felder, bis sie zum Frühstück gerufen werden: Das Schütteln des »Zaubereimers« mit den Futterpellets lockt sie zu uns.
Natürlich ist die Winterfütterung nicht die einzige Arbeit, die getan werden muss. Besonders gern beaufsichtige ich die Impfung der Schafe und Lämmer und die Verabreichung der Wurmkur. Ich sitze dann auf dem hölzernen Arbeitstisch oder einem Vorsprung der alten Steinmauern, von wo aus ich die Arbeit im Schafpferch gut überblicken kann. Ab und zu unterhalte ich mich mit einem der Schafe, während die Schäferin es impft oder entwurmt. Wenn die Maschinen auf dem Hof geölt oder gewartet werden müssen, stehe ich ebenfalls bereit, um sie zu kontrollieren. Ich arbeite gerne im Garten, und wenn ich nicht gerade der Schäferin beim Umgraben Anweisungen gebe, halte ich im kühlen Schatten der Buchsbaumhecken ein Schläfchen. Wenn mich jemand im Vorbeigehen weckt, rufe ich jedes Mal: »Miau!«, um Hallo zu sagen, und erhebe mich von meinem gemütlichen Fleck, um ihnen ihre nächste Aufgabe zuzuteilen. So ist die Landwirtschaft: Es gibt immer tausend Dinge zu tun, und viele davon werden nie erledigt. Je nach Wetterlage und Jahreszeit gehören auch die Wochenenden für die Bauern zu den ganz normalen Arbeitstagen, sie arbeiten nicht nach Stunden oder einer festgelegten Anzahl an Werktagen.
Bei Regen, Sonne, Wind oder Schnee streife ich über Feldwege, überquere ich winterliche Bäche und taste mich vorsichtig durch schlammige Torwege, ich bahne mir meinen Weg durch das lange Sommergras, springe auf Zaunpfähle, um von dort meine Schafherde zu inspizieren, oder wandere auf Mauern entlang, um sie von oben aus besser im Blick zu haben.
Bisher habe ich mir den buschigen Schwanz noch nie in einem Gatter eingeklemmt, bin aber schon mal auf der falschen Seite gelandet und musste unter dem Tor oder zwischen den Latten hindurchkriechen – wie demütigend. Um Missverständnissen vorzubeugen: Matschige Höfe können mir nicht mehr viel anhaben, nun, da meine Tage als Stadtkatze vorbei sind und meine einstige Jugend weit hinter mir liegt. Ich lebe im Hier und Jetzt und wünsche mir kein anderes Leben als dieses.
Teil I
1
Im trüben, düsteren, schmuddeligen Monat März, wenn die Osterglocken blühen, bietet sich dem Betrachter auf der Black Sheep Farm ein einzigartiger Anblick. Das sogenannte »mittlere Rasenfeld« sieht aus, als bestände es aus Abermillionen einzelner Sonnenstrahlen. Mindestens einundzwanzig verschiedene Sorten Narzissen stehen in voller Blüte. Die Großeltern der Schäferin pflanzten die Zwiebeln lange vor meiner Zeit, denn sie verdienten ihren Lebensunterhalt damit, Blumen und Gemüse auf Märkten in der Umgebung zu verkaufen.
Das Black-Sheep-Farmhaus mit seinem hübschen gelben und rosafarbenen Anstrich, der mittlerweile unter einer dicken Schicht Efeu verborgen ist, der eleganten Veranda mit den vier toskanischen Säulen (die natürlich nicht wirklich aus der Toskana stammen), dem ausladenden Schieferdach und den pittoresken Nebengebäuden aus Stein ist bereits seit Generationen im Besitz der Familie der Schäferin.
Gelegentlich nimmt sie ein staubiges altes Buch aus dem Jahr 1801 aus dem Regal, wenn sie Besuchern die Geschichte unseres Hofes erzählt. Ich muss jedes Mal niesen, wenn sie das Buch mit dem knarzenden, rissigen Ledereinband aufschlägt. Dann deutet sie auf die Passage, die ihr Urururgroßvater vor langer Zeit über Schafhaltung geschrieben hat. In dieser längst vergangenen, uns fast schon fremd vorkommenden Zeit wurde der Pflug noch von Pferden oder Eseln gezogen. Die Qualität einer Schafherde wurde damals daran gemessen, wie viel Käse aus ihrer Milch pro Tag hergestellt werden konnte. Wenn die Auen damals ihre Lämmer zur Welt brachten, behielten sie sie nur sechs Wochen bei sich, danach wurden die Mutterschafe gemolken (heute, in der modernen Landwirtschaft, werden die meisten Schafe nur ihres Fleisches wegen gehalten). Es gibt auch heute noch ein paar Schafmolkereien, und in Irland kommen ständig neue hinzu, da heute wieder viele Menschen – sehr zur Freude der Schäferin – entdecken, wie gut Schafsmilch schmeckt. Die Bauern stellten daraus einen leckeren Käse her, den sie dann einmal in der Woche im nahe gelegenen Kilkenny verkauften. Damals, als es noch keine Kühlschränke gab, hielt sich die Schafsmilch länger, wurde nicht sauer und behielt ihren feinen Geschmack besser, wenn sie zu Käse verarbeitet wurde. Also galten Schafe, die Milch gaben, aus der dann eine große Menge Käse produziert werden konnte, als ausgezeichnete Herde. Kuhmilch machte der Schafsmilch zwar Konkurrenz, verdarb aber in der Zeit, bevor es Kühlschranke gab, vergleichsweise schneller, auch wenn sie zu Butter oder Käse weiterverarbeitet wurde.
Heute stellt die Schäferin nicht nur ausgezeichnete Decken aus der Wolle ihrer Schafe her, sie erledigt auch eine Reihe anderer landwirtschaftlicher Arbeiten, die sie als kleines Mädchen bei ihren Besuchen auf der Black Sheep Farm von ihren Großeltern lernte. Damals war ihr Zuhause noch viele Tausend Meilen weit entfernt in Amerika.
Im Gegensatz zu mir ist die Schäferin nämlich nicht in Irland, sondern in New York geboren, wo ihr Vater (heute ein hochgewachsener, immer noch attraktiver, gewissenhafter und ruhiger Mann mit leicht gebeugter Haltung) in den städtischen Krankenhäusern arbeitete. Kurz nach ihrer Geburt war die Schäferin ein kränkliches Kind. Schon bald stellte sich heraus, dass sie eine Allergie gegen Kuhmilch hatte. Ich weiß noch, wie ihre Mutter und sie, kurz nachdem ich auf dem Hof ankam, einen hohen Schrank aus der Küche ausräumten und dabei ganz hinten im obersten Fach eine große blaugraue Dose mit Sojamilch für Babys entdeckten, auf der immer noch das Preisschild und das Etikett aus einem Belfaster Laden klebten. Die Schäferin wollte die Dose zur Erinnerung aufheben, doch ihre Mutter war dagegen. »Als Baby warst du so dünn, dass alle Leute dachten, ich würde dich verhungern lassen.«
Die Schäferin hatte das Glück, all ihre Großeltern und einige ältere Verwandte kennenzulernen, die sie über die Familiengeschichte ausfragen konnte. Ihr Stammbaum ist so kunterbunt wie der von Bear, unserer Promenadenmischung. In ihrer hauptsächlich irisch-amerikanischen Ahnenreihe gibt es Vorfahren aus aller Herren Länder: aus Irland, Schottland, England, dem kolonialen Maryland und der Ukraine. Die Landwirtschaft liegt ihr allerdings zutiefst im Blut. Einer ihrer Vorfahren väterlicherseits wurde 1735 in Maryland geboren, wo er in Pleasant Valley, Washington County, eine Farm betrieb, etwa eine Meile westlich von Crampton’s Gap in South Mountain, einem nördlichen Ausläufer der Blue Ridge Mountains.
Der Großvater der Schäferin väterlicherseits war ein gut aussehender Don Juan, der sowohl zwischen als auch während seiner Ehen vielen schönen, bekannten Frauen nachstellte. Er verließ seine erste Frau (die Großmutter der Schäferin), eine erfolgreiche Journalistin und Modereporterin in den 1920er-Jahren, als der Vater der Schäferin noch sehr jung und seine Schwester noch ein Baby war. Louise, seine Mutter, schaffte es als Alleinerziehende während der Weltwirtschaftskrise ihre Kinder großzuziehen, indem sie bei Benten & Bowles, einer Werbeagentur in New York, und als Herausgeberin des offiziellen Connecticut Reiseführers arbeitete. Wurde das Geld einmal knapp, durfte sie auf den abgeernteten Feldern mitfühlender Farmer die übriggebliebenen Kartoffeln und Karotten aufsammeln. Der Vater der Schäferin erinnert sich gern daran, wie es seiner Mutter stets gelang, eine Atmosphäre von Picknick und Abenteuer zu verbreiten, wenn sie die kargen Mahlzeiten über dem Kaminfeuer ihres Farmhauses im ländlichen Connecticut röstete. Heute gibt es auf der Black Sheep Farm reichlich frisches Gemüse und Lammfleisch, aber die Schäferin ist noch genauso sparsam und umsichtig, wie sie es von ihren Eltern und Großeltern lernte.
Wenn die Schäferin und ich eines Tages nicht mehr sind, wird sich meine prächtige Herde Zwartblesschafe zerstreuen, und der Hof wird neue Bewohner bekommen. Die Schäferin wünscht sich nur, dass diese neuen Bewohner, wer auch immer sie sein mögen, sich genauso gut um das Land kümmern wie sie. Sie lernte bereits als Kind, das Landleben und die vielfältigen Aufgaben, die damit einhergehen, zu lieben. Die Familie ihrer Mutter bewirtschaftet schon seit vielen Generationen das Land in diesem Teil Irlands, und in der Gemüsegärtnerei ihres irischen Großvaters mütterlicherseits lernte sie schon früh alles über den Anbau und die Ernte von Gemüse, roten und schwarzen Johannisbeeren und Himbeeren. Er brachte ihr auch bei, die Äpfel, Birnen und Pflaumen aus dem Obstgarten richtig zu ernten und zu verarbeiten. Ihre irische Großmutter zeigte ihr, wie man Blumen pflanzt, kultiviert, schneidet und für den Verkauf zu Sträußen bindet. Ihr Großvater bezeichnete sich selbst als Gemüsegärtner, doch er war auch ein talentierter Autor, der fünf hochgelobte Aufsatzsammlungen verfasste. Ihre Großmutter war Malerin, Dichterin und außerdem während des Zweiten Weltkrieges und anderer unruhiger Zeiten Pflegemutter für viele Kinder.
In den USA, auf der Farm ihrer Verwandten in Maryland, erwarb die Schäferin die Fähigkeit, Kühe von Hand zu melken, lernte Schafe kennen und lieben und eignete sich Grundkenntnisse in der Schafhaltung an. Ihre Verwandten züchteten auch preisgekrönte Ponys, auf denen sie ohne Sattel reiten lernte. Später erfuhr sie, wie man die jungen, wilden Ponys vorsichtig an den Menschen gewöhnt. Die Leute waren oft überrascht, wenn sie einem Pferd erst den Sattel abnahm, bevor sie aufsaß. Sie erklärte dann, sie reite nicht gerne mit Sattel, da sie die Absichten des Pferdes durch den Sattel nicht erspüren könne. Nun, da sie langsam in die Jahre kommt, gönnt sie sich den Komfort eines Sattels.
Wenn die verwaisten Lämmer aus ihrem Verschlag – wo sie für gewöhnlich unter den Wärmelampen Schutz suchen – nach draußen gebracht werden, um einmal am Tag Bewegung an der frischen Luft zu bekommen und an dem frischen Gras zu knabbern, spielt die Schäferin auf der Farm sozusagen den Rattenfänger und wandert mit einer Herde Lämmer im Schlepptau über das Feld mit den gelben und weißen Narzissen, während die gesamte Hundemannschaft und mein Lehrling Ovenmitt hinter ihr hertollen. Die Lämmer spielen zwischen den Blumen Fangen, während Ovenmitt eine Mischung aus Bockspringen und Verstecken betreibt, sich urplötzlich auf die Hinterbeine stellt, die Vorderpfoten in die Luft gereckt wie ein Tanzbär, und sich auf alles stürzt, was ihm vor die Krallen kommt, sei es Hund oder Lamm. Manchmal macht er das versehentlich auch mit mir, wenn ich an ihm vorbeistreiche, um mir den Spaß anzusehen, aber ich spiele selten mit; das ist doch eher etwas für die leicht zu erheiternden jungen Hunde. Es ist fast peinlich, wie schnell er dann einen Pfotenhieb von mir versetzt bekommt, woraufhin er sofort wieder einen Buckel macht, mit angelegten Ohren und aufgerolltem Schwanz zur Seite springt und so tut, als hätte er mich absichtlich erschrecken wollen und unser Scharmützel mache ihm überhaupt nichts aus. An sonnigen Märztagen genießen wir alle diese Streifzüge über das mit Osterglocken übersäte Feld.
Bei uns gibt es Aberglauben und Ammenmärchen zuhauf, die sich wie treue Kameraden durch die Zeit und die Geschichte der Landwirtschaft ziehen. Dazu gehört auch, die Mutterschafe zu Beginn der Saison beim Ablammen (einer der vielen ländlichen Ausdrücke für die Geburt eines Lammes) der ersten weiblichen Lämmer zu beobachten. Gibt es Komplikationen, ist das ein schlechtes Zeichen für die gesamte Saison, aber wenn alles glattgeht, wird diese wahrscheinlich ohne größere Probleme verlaufen.
Noch vor kurzer Zeit fand das Lammen im März statt. Ich weiß noch, dass die Schafe, die zuerst lammten, meist zu der alten Herde der Schäferin gehörten, die aus verschiedenen Rassen bestand. Da die Lämmersaison jetzt allerdings schon früher beginnt, konzentriere ich mich stattdessen auf meine morgendlichen Rundgänge, da die Eierlegerinnen nach den Monaten der Winterruhe wieder mit dem Eierlegen beginnen. Nach der Jagd gibt es für mich nichts Spannenderes, als ihre frischen, noch warmen Eier aufzuspüren. Einige gewiefte Eierlegerinnen versuchen ihre Eier allerdings zu verstecken, also durchsuche ich die sauberen, lockeren Haufen aus goldenem Stroh und aromatischem Heu im Schafverschlag und in den Ställen, springe hinter und krieche zwischen riesige Stroh- und Heuballen. Dann und wann überrasche ich auch eine Maus oder eine Ratte, ein zusätzliches Vergnügen und ein willkommenes zweites Frühstück. Ansonsten warte ich auf eine Gelegenheit, die Schäferin über meine Entdeckung zu informieren und sie zu den Stellen zu führen, an denen ich versteckte Nester vermute. Sie sammelt die Eier ein, selbst wenn sie hinter die Stroh- oder Heuballen gekullert sind. Zur Belohnung bekomme ich dann frisches rohes Ei. Ich liebe Eier, seien es gekochte Eier, Rühreier und Spiegeleier, doch nichts geht über ein rohes, noch warmes Ei frisch aus dem Nest.
Wenn die Schäferin das Futter holt, folge ich ihr in die Ställe und streiche um die Tonne mit den Gerstenflocken für die Eierlegerinnen, damit sie sie auch findet. Jeden Morgen streut sie eine Schaufel Gerste aus, und die Eierlegerinnen picken und scharren dann fröhlich drauflos. Nach dem Frühstück ziehen sie los, um nach köstlichen Insekten, Würmern, Maden und Körnern zu suchen. Sie fressen auch Gräser und wilde Kräuter, die auf den Feldern um uns herum im Überfluss wachsen und die ihren Eidottern einen gesunden, schönen, tieforangen Farbton und einen einzigartigen, vorzüglichen Geschmack verleihen. Ihre Dotter sehen aus wie die frühe Morgensonne, Vorbote eines herrlichen Tages. Dank meines Katzenverstands bin ich zu der kulinarischen Überzeugung gelangt, dass die Ernährung der Hühner ihre Eier zu einer ausgezeichneten Nahrungsquelle macht. Eigelb ist der Lieblingsbestandteil meines Lieblingsessens und trägt obendrein noch dazu bei, dass mein Fell schön glänzt.
