Ein Schmerz der nie vergeht - Helga Deuss - E-Book

Ein Schmerz der nie vergeht E-Book

Helga Deuss

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Beschreibung

Wie meine wunderbare Kindheit in meiner Heimat Königsberg nach Kriegsbeginn und auch nach Kriegsende verlief. Als sogenannte Wolfskinder haben wir, mein Bruder und ich unter grausamen Umständen ohne Eltern und ohne ein zu Hause nur in Trümmern, meist im Königsberger Tor unter Ratten und Ungeziefer gehaust.Hauptthema war immer das gleiche Hunger und Kälte.Aber wir haben überlebt.

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Seitenzahl: 81

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Ein Schmerz, der nie vergeht

Titel Seite 2Titel SeitePrologInhaltFotos

Ein Schmerz, der nie vergeht.

Wolfskinder aus Köningsberg.

Prolog

Vierundachtzig Jahre bin ich alt, habe zwei fleißige Töchter, acht wunderbare Enkelkinder und das Allerschönste für mich ist mein Urenkel, das schönste Kind dieser Welt. Immer wieder bin ich sehr froh darüber, dass meine Kinder und Enkelkinder bisher nicht erleben brauchten und in Zukunft hoffentlich auch nie erleben müssen, was ich als Kind in meiner Heimat Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, im Zweiten Weltkrieg und nach Kriegsende als Wolfskind durchleben musste. Den vielen Qualen zum Trotz haben ich überlebt, je- doch die Grausamkeit des Krieges in seiner vollen Ausdehnung erlebt. Gewalt gegen Frauen aber auch gegen uns Kinder, die in dieser Zeit keinerlei Schutz zu erwarten, hatten war weit verbreitet. Bei aller Gleichgültigkeit und Grausamkeit bin ich in dieser schlimmen Zeit aber auch Menschen begegnet, die sich ihre Menschlichkeit bewahrt hatten um mit uns elternlosen Wolfskindern, von denen es viele gab, das wenige Teilten was ihnen noch geblieben war, seien es Lebensmittel, Kleidung oder ein Platz zum Schlafen um vor Raub und Vergewaltigung sicher zu sein. Das unbeschreibliche Chaos, dass ein Krieg verursacht, die Anarchie und Rechtlosigkeit aber auch der Verlust der Kindheit einer ganzen Generation und das Wissen darum, zu welchen Untaten Menschen fähig sind, prägt meine Generation bis heute. Zu stehlen und auf dem Schwarzmarkt Lebensmittel zu „organisieren“ war keine Frage von Recht und Ordnung, von erlaubt oder verboten, sondern lebensnotwendig. Es wurden von uns Kindern Aufgaben übernommen, die in Friedenszeiten von Erwachsenen erledigt worden wären, wir jedoch ha- ben das nicht hinterfragt. Wir haben funktioniert. Weil es gegeben und noch dazu lebens- notwendig war. Trotzdem haben wir alle Hunger gelitten und auch eine Menge Dinge gesehen, die nicht für Kinderaugen bestimmt sind. Wem der Urinstinkt des Überleben-Wollens fehlte, der fiel in kürzester Zeit Krankheit oder Hunger zum Opfer. Der Verlust der Heimat, die Kriegserlebnisse, aber auch der Tod lieber Angehöriger aus jener Zeit: Das ist ein Schmerz, der nie vergeht. Die Geschichte von uns Wolfskindern und unserem Überlebenswillen aber auch das Wissen um die Grausamkeit des Krieges aus der Sicht eines Kindes sollen mit dem vorliegenden Buch der Nachwelt erhalten bleiben, damit unsere Geschichte nicht vergessen wird.

Rosi hieß meine Freundin. Wir wohnten im selben Haus in der Friedemannstraße 53 in Königsberg. Sie wohnte mit ihren Eltern und ihrem Bruder in der dritten Etage und unsere Familie in der zweiten.

Es gab keinen Tag, an dem wir nicht zusammen spielten oder etwas unternahmen. Meist spielten wir mit allen Kindern aus dem Haus in unserem Hof, aber auch vor der Haustür auf der Straße. Die meisten von uns hatten Stelzen, mit denen wir Wettrennen machten. Oft machten wir auch Kästchenspringen oder wir spielten mit den Murmeln.

Rosi und ich gingen auch viel in den Wald, Heidelbeeren, Waldhimbeeren, oder Pfifferlinge suchen. Wir hatten jede extra ein Körbchen dafür. Die Pfifferlinge durften wir nicht mit den Wurzeln raus-ziehen, immer abdrehen, damit die Wurzeln in der Erde bleiben und wir im nächsten Jahr wieder Pilze finden, da hat meine Oma ganz genau drauf geachtet. Die kleinen Pilze zogen wir auf eine Leine auf, die wurden für den Winter getrocknet, und die großen kamen in die Pfanne. Kamillenblüten suchten wir auch zum Trocknen, die wurden in Omas Speisekammer aufbewahrt. Wir gingen auch immer Löwenzahn suchen für unsere drei Kaninchen, die wir im Hof hatten, und brachten gleichzeitig Wegerichblätter für meine Oma mit, aus denen sie Umschläge für ihre offenen Beine machte. Unsere Leidenschaft waren Hagebutten. Wir liebten ihren Geschmack und mit den Körnern ärgerten wir immer die Jungens.

Wir gingen zusammen in dem kleinen Kolonialwaren Laden drei Häuser weiter einkaufen und teilten uns den Glasbonbon, den wir als Belohnung bekamen. Wir rutschten mit unseren Aluminium Kannen zusammen das Treppengeländer runter, wenn der Milch-mann kam und brachten die Milch nach oben.

Mit unseren Puppen spielten wir immer abwechselnd, mal bei uns, mal bei ihr. Im Winter liefen wir zusammen Schlittschuh. Wir kämmten uns die Haare und machten aus unseren Zöpfen die schönsten Frisuren, Affenschaukeln oder Ähnliches mit schönen bunten Schleifen. Irgendwann fingen wir an, schon von der Schule zu träumen. Wir wollten zusammen in eine Klasse. Wir machten alles zusammen, wir waren unzertrennliche Freundinnen.

An diesem Tag spielten wir bei Rosi, als plötzlich meine Oma hoch-kam und mich zu uns nach unten holte. Meine Oma ging mit mir zum Wohnzimmerfenster und wir mussten zusehen, wie Rosi, ihr Bruder und ihre Eltern auf einen Anhängerwagen gestoßen wurden, auf dem schon viele andere Menschen standen.

Ich war ganz erschrocken und wusste nicht, was das zu bedeuten hatte. Meine Oma fing fürchterlich an zu weinen. Sie versuchte, mir zu erklären, dass meine Freundin und die ganze Familie Juden seien und dass die Juden alle zum Arbeitslager abgeholt würden. Das verstand ich natürlich nicht und ich wusste auch gar nicht, dass meine Freundin Jüdin war. Das war uns auch gar nicht wichtig gewesen, wer was war, wir waren einfach nur glückliche Kinder und unzertrennliche Freundinnen.

Ich vermisste Rosi sehr und lief immer wieder nach oben, um zu sehen, ob sie wieder da war. Aber die Türe war und blieb verschlossen und verriegelt.

Meine Mutter erzählte mir später, dass mein Vater auch Jude war, deshalb hatten sie solche Angst um mich. Meine Mutter hatte meinen leiblichen Vater, den ich nie kennen gelernt habe, nicht geheiratet. Deshalb hieß ich wie meine Mutter und der Name war nicht jüdisch.

Meine Mutter heiratete einen anderen Mann, der mich später adoptierte.

Zwei Jahre nach der Hochzeit bekam ich einen kleinen Bruder. Wir wohnten mit meiner Oma und zwei ledigen Brüdern meiner Mutter, Hans und Paul, zusammen in einer großen Wohnung. Auch alle anderen Geschwister meiner Mutter wohnten in verschiedenen Stadtteilen Königsbergs.

Eingeschult wurde ich ohne meine Freundin Rosi. Das Mädchen, mit dem ich auf einer Schulbank saß, hieß Selma. Ihre Eltern hatten eine Bäckerei unweit von uns. Ich musste immer an Rosi denken. Warum sie jetzt nicht neben mir saß, konnte ich nicht begreifen.

Weil meine Mutter in der Bernsteinmanufaktur arbeitete und keine Zeit hatte, brachte meine Oma mich in der ersten Zeit immer zur Schule. Wir fuhren meist mit der Straßenbahn und auf dem Rückweg oft eine Station weiter zu ihrem geliebten Friedhof, auf dem mein unserer Eltern Opa und Tante Lieschen begraben waren.

Hinter dem Friedhof war der kleine Wald. Das war sonst mein Re-vier mit Rosi gewesen, nun erntete ich alleine Waldhimbeeren und Blaubeeren. Oma ruhte sich auf der Bank, die in dem Erbbegräbnis stand, noch etwas aus und dann ging es wieder nach Hause.

Als wir an diesem Tag nach Hause kamen, empfing einer meiner Onkel uns mit einem neuen Radio, einem Volksempfänger, hieß es. Von diesem Tag an kamen jeden Abend fast alle meine Onkel und hörten in Omas guter Stube unter einer Decke mit diesem Radio heimlich den Sender Rias ab.

Es gibt Krieg, hieß es. Meine Oma wurde immer stiller. Sie wusste, was das bedeutete. Da ich immer bei ihr im Bett schlief, hörte ich sie nachts leise weinen. Meine beiden unverheirateten Onkel, Hans und Paul, die bei uns wohnten, würden bestimmt als erste in den Krieg eingezogen. Wenn die beiden abends nach Hause kamen, sie arbeiteten als Kranführer am Hafen, fragten sie schon immer, ob Post für sie an-gekommen sei. Viele Kollegen hätten schon Bescheid bekommen, dass sie in den Krieg eingezogen würden. Mein Vater arbeitete auch am Hafen, aber als Lastkraftfahrer. Er kam mit der gleichen Nachricht nach Hause. Viele seiner Kollegen hätten Nachricht bekommen und müssten sich stellen.

Sonntags ging ich mit meiner Oma immer zur Kirche. Sie zog ihr langes schwarzes Kleid zum Kirchgang an, setzte ihr schwarzes Hütchen auf und trug eine kleine schwarze Handtasche.

Als wir an diesem Sonntag aus der Kirche nach Hause kamen, saß unsere Nachbarin von gegenüber, Frau Dank, mit ihrem Sohn Bubi bei uns. Man sah schon an den Gesichtern, dass sie mit einer schlechten Nachricht gekommen waren. Bubi war der beste Freund von meinem Onkel Hans. Sie hatten ein Schreiben mitgebracht, in dem stand, dass Bubi sich stellen müsse. Frau Dank war ganz aufgelöst. Sie hatte Angst um ihren einzigen Sohn. Am nächsten Tag brachte unser Briefträger auch zwei Bescheide zu uns, einen für Onkel Hans und einen für Onkel Paul.

Schon zwei Tage später wurden alle zum Einkleiden abgeholt und am Tag darauf ging es zum Bahnhof. Bubi Dank war auch dabei. Wir gingen natürlich alle mit, der ganze Bahnhof war voll mit weinenden Frauen und Kindern. Ich fand den Abschied ganz schrecklich. Der mit Soldaten voll besetzte Zug fuhr nach Danzig. Wie es dort weitergehen würde, das wusste keiner. Wir warteten seitdem immer nur auf Nachricht, aber leider kam nichts. Niemand wusste, wo sie stationiert waren. Etwas später wurden zwei weitere Onkel eingezogen, Onkel Fritz und Onkel Bruno. Danach sofort mein Vater und Herr Bischof, unten aus unserem Haus. Frau Bischof war nun auch alleine mit ihren vier Kindern. Tante Trude wollte vorübergehend mit ihren beiden Jungens Horst und Günter bei uns bleiben. Sie hatte Angst alleine ohne Onkel Bruno. Ich fand das gut, jetzt hatte ich neben meinem Bruder noch zwei Brüder. Wie immer wurde abends der Schwarzsender abgehört. Alle Nach-richten waren beunruhigend. Meine Mutter ging nicht mehr arbeiten, denn die Bernsteinfirma hatte inzwischen geschlossen, und meine Tante hatte auch keinen Arbeitsplatz mehr. Stattdessen kam ein Befehl von zwei SS-Soldaten. Wir mussten alle Keller ausräumen, für den Fall, dass Krieg ausbrach. Bei dieser Kelleraktion hatte ich großes Glück. Ich bekam von einer Nachbarin ein Fahrrad geschenkt. Sofort wurde geübt und schon am nächsten Tag fuhr ich mit dem Rad ganz stolz zur Schule. Nach der Schule kam mein kleiner Bruder noch hinten drauf und dann fuhren wir zum Sackheimer Tor oder zum Königstor, dort gab es immer was zu sehen und zu spielen.

Wir alle zusammen hatten die Keller leergeräumt. Dann wurden Metallbetten geliefert, die wir in unsere Keller immer zwei übereinander zusammenbauen und aufstellen mussten. Das war schwere Arbeit für uns Frauen und Kinder, denn Männer gab es bei uns nicht mehr. Alle waren in den Krieg eingezogen. Der erste Alarm kam pünktlich und zwar nachts. Wir stürmten alle in unsere Keller. Ein SS-Soldat stand schon bereit und klärte uns darüber auf, dass das ein Probealarm war und wir im Ernstfall Decken mit nach unten nehmen müssten und etwas Essbares. Danach durften wir wieder in unsere Wohnungen. Abends kamen nur noch zwei meiner Onkel, um den Rias Sender abzuhören. Die beiden waren als einzige noch nicht eingezogen. Einer arbeitete als Meister in einer Mercedes-Werkstatt, der hatte die Fahrzeuge der SS-Generäle zu versorgen, und der andere war untauglich, da er nur ein Auge hatte.