Ein Sommer im alten Bootshaus - Hannah Ellis - E-Book

Ein Sommer im alten Bootshaus E-Book

Hannah Ellis

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Beschreibung

Von all den Männern auf dieser Welt, verliebt sie sich ausgerechnet in den, den sie nicht haben kann… Emily Winters würde für ihre beste Freundin Josie alles tun. Jede Woche treffen sie sich am alten Bootshaus – einem idyllisch gelegenen kleinen Café an der Themse, in dem Josies Freund Jack arbeitet. Das Leben scheint in diesem Sommer einfach perfekt zu sein. Emilys Karriere als Schriftstellerin nimmt endlich Fahrt auf und sie geht sogar wieder auf Dates. Es gibt dabei nur ein Problem: Jeden Mann, den sie kennenlernt, vergleicht sie mit Jack. Und keiner kann ihm das Wasser reichen. Nun muss sie nur noch herausfinden, wie sie den Freund ihrer besten Freundin aus ihrem Herzen verbannen kann. Denn auch wenn Josie aufs Land zieht und ihre Beziehung mit Jack ins Wanken gerät, weiß Emily, dass es in einer Freundschaft Regeln gibt, die man niemals brechen sollte. Aber sind diese Regeln im Namen der Liebe dehnbar? Gibt es einen Weg, wie Emily sich den Mann ihrer Träume schnappen kann, ohne dabei ihre Freundschaft mit Josie aufs Spiel zu setzen? Eines ist gewiss: Wenn man in den Freund seiner besten Freundin verliebt ist, ist der Weg zur wahren Liebe alles andere als einfach…

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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EIN SOMMER AM ALTEN BOOTSHAUS

HOPE COVE BUCH 3

HANNAH ELLIS

Aus dem Englischen übersetzt vonDANIELA MAIZNER

Bearbeitet vonTHERESIA FINK

INHALT

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Gerüchteküche im Bluebell Inn

Weitere Titel der Autorin (auf Deutsch)

Ein paar Worte der Autorin

Impressum

Hannah Ellis

c/o easy-shop

Kathrin Mothes

Schloßstraße 20

06869 Coswig (Anhalt)

Copyright © 2018 Hannah Ellis

Translation Copyright © 2020 Daniela M. Hartinger

Der vorliegende Roman ist Fiktion. Die darin enthaltenen Namen, Personen und Ereignisse entspringen der Fantasie der Autorin. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen, Ereignissen oder Orten sind dem Zufall geschuldet.

Der Inhalt dieses Buches darf nicht vervielfältigt oder kopiert werden.

Cover Design von Aimee Coveney

PROLOG

Es war Valentinstag. Josie sollte sich längst für ein schönes Abendessen mit Sam bereitmachen, denn die beiden gingen an diesem Abend aus. Doch stattdessen hatte sie den Fehler begangen, sich nach der Arbeit auf die Couch zu legen, und konnte sich nun zu keiner einzigen Bewegung mehr motivieren. Sam würde jede Minute nach Hause kommen, sie an ihre Reservierung erinnern und sie zur Eile drängen. Vielleicht konnte sie ihn dazu überreden, einfach etwas zu bestellen. Es war eine anstrengende Woche gewesen und sie hätte nichts gegen einen kuscheligen Abend in trauter Zweisamkeit gehabt.

Sie griff nach der Decke und zog sie sich genüsslich über. Das war eine schlechte Idee … Ihre Augenlider wurden immer schwerer. Sie sagte sich, dass sie sich nur zwei Minuten ausruhen und dann unter die Dusche steigen würde.

Sie war gerade erst eingenickt, da vibrierte das Handy in ihrer Hosentasche. Vermutlich wollte ihr Sam Bescheid geben, dass er auf dem Heimweg war. Sie schob die Decke von sich und griff nach dem Handy. Doch es war nicht Sam.

Emilys Name stand auf dem Display. Für einen Moment überlegte Josie, den Anruf zu ignorieren. Allerdings hatte sie schon die vorangegangenen drei Anrufe ihrer besten Freundin ignoriert − oder waren es bereits vier gewesen? Sie war für ein Gespräch immer zu beschäftigt gewesen.

„Es tut mir leid“, meldete sie sich am Handy. „Sam führt mich zum Abendessen aus und ich muss mich fertigmachen. Kann ich dich morgen zurückrufen?“

„Nein.“ Emilys Tonfall überraschte Josie. Irgendetwas stimmte nicht. „Es reicht!“ Ein Knoten bildete sich in Josies Kehle, als sie hörte, dass Emily weinte. „Ich verstehe, dass du wütend auf mich bist, aber das habe ich nicht verdient und ich habe es satt, darauf zu warten, dass du endlich wieder meine Freundin sein willst.“

„Was?“ Josie richtete sich abrupt auf. Die Stimmung zwischen ihr und Emily war in den letzten sechs Monaten seit ihrem Umzug nach Devon angespannt gewesen, aber sie hatte keine Ahnung, warum Emily so aufgebracht war. „Ich war so beschäftigt mit der Hundepension, den Kursen und all dem. Ich hatte kaum Zeit für irgendetwas …“

„Nun, du wirst dir deswegen keine Sorgen mehr machen müssen. Ich erspare dir die Mühe, dir ständig Ausreden einfallen zu lassen, warum ich dich nicht besuchen kann oder warum du dich nicht mit mir treffen willst.“

„Das waren keine Ausreden …“

„Doch! Genau das war es. Du bist selbstsüchtig und stur und ich habe es satt, diejenige zu sein, die sich um unsere Freundschaft bemüht, obwohl du ganz offensichtlich kein Interesse mehr daran hast.“

„Doch natürlich! Du bist meine beste Freundin.“

„Beste Freunde behandeln einander aber nicht so, wie du mich behandelst. Ich mag vielleicht ein paar dumme Dinge getan haben, aber ich habe mich entschuldigt. Ich wollte dich nie verletzen, aber langsam glaube ich, dass dumir wehtun willst.“

„Bitte beruhige dich und lass uns ordentlich darüber sprechen …“

„Ich kann mich nicht beruhigen“, schrie Emily. „Ich habe Jack wehgetan. Ich habe es absichtlich getan und er wird vermutlich nie wieder mit mir sprechen. Aber das ist dir total egal.“

Josie spürte, wie ihr die Farbe aus dem Gesicht wich. Warum sollte Jack nicht mehr mit Emily sprechen? Das ergab doch keinen Sinn. „Ich verstehe nicht …“

„Du und Jack, ihr wart meine besten Freunde.“ Emily schluchzte laut. „Und ich habe euch beide verloren.“

„Das stimmt doch gar nicht“, sagte Josie und versuchte verzweifelt, der Unterhaltung zu folgen. „Wir sind doch immer noch Freunde.“

„Nein.“ Die Traurigkeit in Emilys Stimme verwandelte sich in Zorn. „Das sind wir nicht. Ich werde dich nie wieder anrufen. Ich will nie wieder etwas mit dir zu tun haben.“

Dann brach die Leitung ab und Josie starrte verdutzt auf ihr Handy. In Oxford war sie mit Emily und Jack eng befreundet gewesen. Sie hatten ihre Meinungsverschiedenheiten gehabt, aber sie würden doch immer Freunde bleiben. Oder etwa nicht? Ihr Herz raste, als sie zu Jacks Nummer scrollte. Jack war zwar ihr Exfreund, aber immer noch ein Freund, auch wenn sie seit dem Umzug nach Devon nur ein einziges Mal mit ihm gesprochen hatte und dies keine sonderlich harmonische Unterhaltung gewesen war. Aber sie waren immer noch Freunde. Dessen war sie sich sicher.

Als das Klingeln in der Leitung in ihren Ohren widerhallte, wusste sie, dass er nicht rangehen würde. Ihre Brust schnürte sich zu bei der Vorstellung, wie er auf sein Handy sah und entschied, nicht abzunehmen, genauso wie Josie es selbst bei Emily in den letzten Monaten so oft getan hatte.

„Ich dachte, du wärst bereits angezogen und bereit“, ertönte Sams fröhliche Stimme hinter ihr. Sie hatte ihn nicht einmal zur Tür hereinkommen gehört. „Ist alles in Ordnung?“, fragte er.

Sie hielt ihm ihr Handy entgegen, als hielte es all die Antworten für ihn bereit. „Emily hat gerade angerufen.“

Sam setzte sich mit einem fragenden Gesichtsausdruck neben sie. „Wer ist Emily?“

In diesem Moment brachen sämtliche Dämme und sie konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Tief im Inneren wusste Josie, dass Emily recht hatte: Sie waren keine Freundinnen mehr. Lange Zeit hatte sie Emily die Schuld daran gegeben, aber in Wahrheit war sie mindestens genauso daran beteiligt.

Es war Josie, die alles zerstört hatte.

KAPITEL1

ZWEI JAHRE ZUVOR …

Auf Josie eifersüchtig zu sein, war ein altbekanntes Gefühl für Emily. Dieses Mal jedoch fühlte es sich anders an. Es war der Tag, an dem Josie ihren allerersten Schauspieljob begann. Das war ein wichtiger Meilenstein für sie und der erste Schritt auf Josies Weg zur erfolgreichen Schauspielerin. Der Traum, über den sie so viel gesprochen hatte, war plötzlich zum Greifen nah. Emily freute sich natürlich für ihre beste Freundin, aber es zwang sie auch, über ihre eigenen Träume nachzudenken.

Es waren zwei Monate vergangen, seitdem sie den Mut aufgebracht hatte, ihr Manuskript an eine Auswahl an Agenten und Verlage zu schicken. Sie hatte einen Roman geschrieben. Das war der erste Schritt auf dem Weg zur Erfüllung ihres Traums gewesen. In einem zweiten Schritt hatte sie sich nun an die Kontaktaufnahme mit den Verlagen und Agenten gewagt. Mittlerweile fühlte es sich jedoch auch wie der letzte Schritt an, denn sie hatte bislang keine einzige Antwort erhalten. Vielleicht war sie einfach nicht gut genug. Sie hätte zumindest ein oder zwei Absagen erwartet und das Ausbleiben der Rückmeldungen brachte sie um den Verstand. Sie wusste, dass sie sich gedulden musste, aber das war schwer, nachdem sie so viel Arbeit in ihren ersten Roman gesteckt hatte.

Nun arbeitete Josie an ihren Träumen und Emily versank hinter der Theke des Souvenirladens von Oxford Castle in Tagträumen. Es war eigentlich ein guter Job ‒ nur eben nicht ihr Traumjob. Sie wollte schreiben, nicht in einem Geschäft arbeiten. Zumindest bot ihr die Arbeit Zeit, um über ihr nächstes Buch nachzudenken. Die Charaktere wurden in ihrem Kopf lebendig und am Ende ihres Arbeitstages würde sie sich zuhause gleich an ihren Laptop setzen und so viel wie möglich davon niederschreiben.

„Entschuldigung.“ Sie sah lächelnd auf. Wie lange das freundlich lächelnde, ältere Paar wohl schon winkend vor ihr stand?

„Sie schienen tief in Gedanken versunken“, sagte der Mann.

„Das war ich. Verzeihen Sie.“ Sie nahm von der Frau das Notizbuch entgegen und suchte auf der Rückseite nach dem Preis. Was vielmehr ein Reflex war, denn sie kannte den Preis jedes einzelnen Stücks im Laden.

„Haben Sie die Führung mitgemacht?“, fragte sie.

„Ja.“ Die Frau strahlte. „Es war faszinierend. Der Guide war ausgezeichnet und äußerst charismatisch. Er brennt offensichtlich für seine Arbeit.“

Sie sprach bestimmt von Bernie. Jeder mochte ihn. „Schön, dass es Ihnen gefallen hat.“ Emily tippte den Preis in die Kasse ein und nahm das Geld entgegen. „Einen schönen Tag noch“, sagte sie, als das Paar ging.

Sie warf einen diskreten Blick auf ihr Handy, das unter der Theke versteckt lag. Nachdem sie eine Nachricht von Josie überflogen hatte, ließ sie sich schwerfällig in den Stuhl hinter ihr sinken.

Na großartig. Josie hatte nicht nur eine fantastische Zeit am Fernsehset, nein, offenbar hatte sie dort auch noch einen gutaussehenden Kerl kennengelernt, der sie nach dem Dreh zu einem Date ausführen wollte. Das war so verdammt typisch für Josie.

* * *

Im Verlauf der Woche erhielt Emily eine Flut an Nachrichten von Josie, in denen sie davon schwärmte, wie toll ihr Job und wie fantastisch dieser neue Typ war. Erst am Samstag fanden sie Zeit für ein ausführliches Gespräch. Es war später Nachmittag, als Emily Josies Wohnung erreichte.

„Ich glaube, ich bin verliebt“, seufzte Josie verträumt.

Emily ließ sich auf die gemütliche Couch im Wohnzimmer fallen. „In den Job oder in den Typen?“

„Beides!“ Sie setzte sich mit überkreuzten Beinen in den übergroßen Armsessel und band ihr glänzendes braunes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen. „Aber eigentlich meinte ich den Kerl. Er ist einfach unglaublich.“

„Ich kann nicht glauben, dass du gleich am ersten Tag am Set jemanden kennengelernt hast.“

„Nicht wahr? Ich kann es auch nicht glauben. Ich bin wirklich ein Glückspilz.“

Das konnte man wohl so sagen. „Er ist also Schauspieler?“

„Er ist Statist, so wie ich. Er spielt einen Soldaten und sieht in seiner Uniform richtig heiß aus.“ Josies Worte sprudelten nur so aus ihr heraus und ihre Augen strahlten vor Begeisterung. „Ich muss diese schrecklichen Schuhe mit verrückt hohen Absätzen tragen und bin direkt gestolpert, als ich am Montag versuchte, darin zu laufen.“ Sie legte ihre Hand an die Stirn und spielte eine Ohnmacht vor. „Er kam mir zu Hilfe und fing mich auf. Wie in einem Film. Er ist mein Retter!“

Die beiden lachten.

„Gerettet vor der dezenten Peinlichkeit, in einem Raum voller Fremder zu stolpern?“

„Richtig! Dann kamen wir ins Plaudern. Er ist unbeschreiblich lustig und reißt einen Witz nach dem anderen. Und er wohnt ganz in der Nähe, deshalb fahren wir gemeinsam zur Arbeit. Wir waren seitdem jeden Abend gemeinsam aus.“ Ihre Augen funkelten schelmisch. „Die letzten beiden Nächte war ich dann bei ihm.“

„Du hast also auf einen Schlag deinen Traumjob und deinen Traummann gefunden?“

„Ich denke schon! Er ist perfekt. Und die Arbeit ist großartig. Es fühlt sich gar nicht wie Arbeit an.“

„Was ist deine Aufgabe? Hast du überhaupt Text?“

„Noch nicht. Aber meine Agentin Michaela meinte, die Rolle würde ausgebaut werden. Ich bekomme also vielleicht später meine eigene Geschichte. Im Moment stehe ich im Hintergrund, spüle Gläser und schenke Drinks aus. Umgeben von Männern in Uniform. Wenn das mal kein Traumjob ist.“

„Wirklich?“, fragte Emily. „Auch wenn du nur im Hintergrund stehst? Glaubst du nicht, dass das bald langweilig wird?“ Sie wollte Josies Enthusiasmus nicht einbremsen, aber es fiel ihr schwer, das Großartige daran zu erkennen. Und Josie hatte tatsächlich eine kurze Aufmerksamkeitsspanne. Sie wurde der meisten Dinge rasch überdrüssig.

Zum Glück nahm Josie ihr die Bemerkung nicht übel. „Es ist spannend am Set“, sagte sie verträumt. „Es herrscht ein ständiges Gewusel und es ist alles so aufregend. Ich kann es gar nicht beschreiben. Ich hatte noch nie zuvor einen Job, der mir solchen Spaß machte.“ Sie zog die Augenbrauen nach oben. „Und du weißt, dass ich schon viele Jobs hatte.“

„Schön, dass es gut läuft“, sagte Emily. „Aber ich nehme an, du wirst nicht so schnell nach London ziehen, wenn dein neuer Freund in Oxford lebt?“ Das war ihr gemeinsamer Traum gewesen: sich eine Wohnung in London zu teilen und ihre jeweiligen Karrieren voranzutreiben. Als Josie vor kurzem die Rolle in der Seifenoper erhalten hatte, hatten sie ernsthafter darüber nachgedacht.

„Ach, daran denke ich noch gar nicht. Vielleicht zieht er ja auch um. Die Pendelei nach London ist ein Albtraum.“

Emily lächelte. „Ich weiß. Weißt du noch, als du mir den Job bei dieser Zeitschrift besorgt hast und ich mich drei Monate lang über die Fahrerei beschwert habe?“

„Oh ja. Und jetzt verstehe ich dich.“

„Vermutlich ist es viel erträglicher, wenn dir ein süßer Kerl Gesellschaft leistet.“

„Absolut. Es wäre schrecklich, wenn ich jeden Tag alleine unterwegs sein müsste.“

„Was macht er so?“ Emily wägte ihre Worte gründlich ab. Die Frage, ob er einen richtigen Job hatte, wäre vielleicht beleidigend gewesen, nachdem die Schauspielerei immerhin der Karriereweg war, für den sich Josie entschieden hatte. „Ich meine, was hat er vorher gemacht? Ist er Vollzeit-Statist?“

„Nein“, sagte Josie. „Das ist sein erster Schauspieljob. Bisher hat er in einem Handyladen in Oxford gearbeitet.“

„Und dann dachte er sich, dass er lieber zum Fernsehen möchte? Das ist ein merkwürdiger Berufswechsel.“

„Ich weiß nicht einmal, wie er genau zu seiner Rolle gekommen ist.“ Ein Lächeln breitete sich auf Josies Gesicht aus. „Ich weiß nur, dass er einfach umwerfend ist.“

„Kaum zu glauben, wie schnell du dich verliebst.“ Emily schüttelte den Kopf. Genau genommen ging es bei Josie noch extremer. Sie wusste, dass Josie sich in einen Kerl am anderen Ende eines Raums verlieben konnte, nur um sich kurz darauf wieder zu entlieben, nur weil ihr seine Schuhe nicht gefielen. „Was weißt du sonst noch über ihn?“

Josie überlegte. „Er spielt Fußball und hängt viel mit den Jungs aus seiner Mannschaft ab. Sie gehen jede Woche ins Fox and Greyhound. Wie oft wir beide schon dort waren! Ich wette, wir haben sie schon hundert Mal gesehen.“

Emily seufzte in Gedanken. Sie hätte etwas Bedeutsameres über ihn erfahren wollen, aber was Josie anging, war die Stammkneipe eines Kerls eine wichtige Information.

„Ich kann es nicht erwarten, dass du ihn kennenlernst“, sagte Josie.

Emily warf ihr einen fragenden Blick zu. „Wie war noch mal sein Name?“

„Jack.“ Josie stieß einen dramatischen Seufzer aus. „Sein Name ist Jack. Du wirst ihn lieben.“

KAPITEL2

Josie bestand darauf, dass Emily mit ihr und Jack an diesem Sonntag zum Mittagessen in den Pub ging. Sie hatte auch vorgeschlagen, dass Jack einen Freund mitnahm, aber Emily hatte sogleich protestiert und gesagt, dass sie nicht kommen würde, sollte sie mit jemandem verkuppelt werden. Schließlich stimmte sie zu, auf einen Drink vorbeizuschauen und die beiden dann zum Mittagessen wieder alleine zu lassen. Das dritte Rad in Josies neuer Beziehung zu spielen, war kein besonders reizvoller Gedanke. So wie sie Josie kannte, war es eine sehr physische Beziehung und ihre ständige öffentliche Zurschaustellung von Zuneigung behagte Emily nicht.

Der Pub lag neben dem Fluss Cherwell im Norden der Stadt. Es war keines ihrer Stammlokale und Emily war noch nicht einmal in der Gegend gewesen oder hatte von dem Pub gehört. Daher nahm sie an, dass es Jacks Vorschlag gewesen war. Es war ein schönes Gebäude und der Efeu schlängelte sich die weißen Wände rund um den Eingang hinauf.

Sie kam ein wenig später als vereinbart an. Ohne Begleitung in Bars und Restaurants zu gehen, machte sie nervös, und sie wollte sichergehen, dass sie nicht alleine herumsaß.

Sie sah Josie gleich beim Eintreten am Fenster am anderen Ende des hell eingerichteten Pubs sitzen. Mit ihren Ellbogen auf den Tisch gestützt beugte sie sich zu Jack hinüber. Sie unterhielten sich angeregt, bis Josie nach seiner Hand griff und ihr einen Kuss aufdrückte. Emily verzog automatisch das Gesicht. Das bestärkte sie in ihrer Entscheidung, nur für ein Getränk zu bleiben.

Jacks Blick traf den ihren, noch bevor Josie sie sah. Er lächelte sie an, während er seine Freundin sanft anstupste. Als sie ihre Freundin erblickte, sprang Josie auf und umarmte sie. „Das ist Jack“, sagte sie und trat einen Schritt zurück.

„Ich bin Emily.“ Sie streckte ihm ihre Hand entgegen, als er ebenfalls aufstand.

Er gab ihr die Hand, kam jedoch näher und küsste sie auf die Wangen. „Ich habe schon sehr viel über dich gehört.“

„Keine Sorge.“ Josie blinzelte ihr zu. „Ich habe ihm nur Gutes erzählt!“

„Ich habe gehört, du bist Schriftstellerin“, sagte er, als sie sich setzten.

Emily spürte, wie die Röte sich von ihrem Nacken hinauf bis über die Wangen ausbreitete. „Ich habe nichts veröffentlicht oder so.“ Sie funkelte Josie an. Warum hatte sie ihm davon erzählt?

„Noch nicht“, entgegnete Josie. „Aber das wirst du schon bald.“ Sie wandte sich an Jack. „Wir haben nämlich einen Plan. Emily wird eine erfolgreiche Schriftstellerin und ich eine berühmte Schauspielerin. Die Hälfte davon haben wir schon geschafft, jetzt wo ich einen Schauspieljob habe.“

„Dann bist du etwa berühmt, oder was?“ Jacks Augen funkelten amüsiert. „Tut mir leid, das habe ich nicht bemerkt.“

„Na ja, ich schauspielere immerhin!“, sagte Josie empört.

„Das nennst du schauspielern? Für mich sieht das mehr nach Gläser spülen aus und ich finde, dass du nicht einmal gut darin bist.“

Sie schlug ihm verspielt auf den Arm. „Ich bin eine sehr überzeugende Barkeeperin.“

„Ich ziehe dich nur auf“, sagte er. „Ich bin mir sicher, ihr werdet beide sehr erfolgreich werden und irgendwann werde ich jedem von dem Tag erzählen, an dem ich mit euch Mittagessen war.“ Er lächelte Emily an. „Ich gehe an die Bar. Was möchtest du trinken?“

„Ich kann mir auch selbst etwas holen“, sagte sie.

Er winkte ab und blickte auf Josies beinahe leeres Weinglas. „Nochmal das Gleiche?“

Josie nickte und Emily bestellte dasselbe.

„Was denkst du?“, flüsterte Josie, als er davongegangen war.

„Er wirkt nett.“ Jack war tatsächlich anders, als Emily es erwartet hatte. Er sah natürlich gut aus, mit seinem seidig braunen Haar und den funkelnden Augen. Und er war lustig, genau wie Josie es gesagt hatte. Aus irgendeinem Grund hatte sie aber angenommen, dass er distanzierter wäre. Vielleicht hatte das mit der Schauspielerei zu tun. Sie ging davon aus, dass Menschen in diesem Business sich stets ein wenig über andere stellen mussten. Diesen Anschein machte er jedoch nicht, sondern hatte bei Emily einen guten ersten Eindruck hinterlassen. Er wirkte nett, authentisch und auf dem Boden geblieben.

„Er ist großartig“, schwärmte Josie. „Warte nur, bis du ihn besser kennenlernst. Du hättest gestern Abend mit uns ausgehen sollen. Er hat wirklich ein paar nette Freunde.“

„Mir war nicht danach. Ich dachte, du wärst sowieso die ganze Zeit mit Jack beschäftigt und ich wollte nicht alleine rumsitzen.“ Sie war nicht unbedingt auf Partynächte mit Josie aus, nicht einmal zu zweit. Unmengen von Alkohol zu trinken, mit Fremden zu plaudern und die ganze Nacht zu tanzen entsprach nicht gerade Emilys Vorstellung von Spaß.

„Natürlich hätte ich dich nicht alleine gelassen“, sagte Josie. Offenbar hatte sie die vielen Abende vergessen, an denen sie genau das getan hatte.

„Ich musste sowieso arbeiten.“ Emily verbrachte aktuell ihre gesamte Freizeit mit der Arbeit an ihrem nächsten Buch. „Schön, dass du seine Freunde kennengelernt hast.“

Josies Augen wanderten zu Jack und flogen dann eilig zurück, als er sich wieder auf den Weg zu ihnen machte.

„Schnell, wechsle das Thema, damit er nicht bemerkt, dass wir über ihn gesprochen haben.“

„Worüber sollten wir sonst sprechen, wenn er an die Bar geht?“

„Ich weiß nicht“, sagte Josie mit einem breiten Grinsen. „Literatur, Politik, … irgendetwas, das uns intelligent aussehen lässt.“

„Wir sind intelligent!“

„Dann sag doch etwas Gescheites“, zischte sie ihr zu.

Zu spät. Sie schwiegen und lächelten Jack steif an, als er mit den Getränken den Tisch erreichte.

„Worum geht es in deinem Buch?“, fragte er, nachdem er sich gesetzt hatte.

„Das darfst du sie nicht fragen“, sagte Josie. „Sie kann ein ganzes Buch schreiben, aber wenn du sie nach dem Inhalt fragst, sieht sie aus, als würde ihr Kopf gleich explodieren.“

Emily errötete. Es stimmte.

„Tut mir leid“, sagte Jack. „Dann werde ich wohl darauf warten müssen, bis ich es kaufen und selbst lesen kann.“

Emily rang sich ein Lächeln ab. „Darauf musst du wohl lange warten.“

„Aber das Buch ist fertig und du suchst schon einen Verlag?“

„Sie will auch darüber nicht sprechen“, unterbrach Josie ihn und verzog das Gesicht. „Sie wartet noch auf Rückmeldungen von den Agenten und Verlagen.“

„Tut mir leid“, entschuldigte sich Jack erneut. „Aber ich finde das interessant. Toll, dass du ein Buch geschrieben hast.“

„Danke.“ Emily blickte nervös zum Fenster hinaus. Der träge fließende Fluss erstreckte sich über mehrere Meter Breite und ein abgenutztes Boot war am Ufer vertäut. Die Bäume wirkten dunkel und unheilvoll mit den Krähen, die auf den nackten Ästen saßen. Der Frühling näherte sich mit großen Schritten und in nur ein paar Wochen würde der Ausblick schon ein ganz anderer sein, aber selbst diese trostlose Winterszene war atemberaubend. Ein paar Enten stiegen vom Ufer auf und landeten dann mit einem Platsch im Wasser. „Der Ausblick ist herrlich.“

Jack grinste. „Nahtloser Themenwechsel.“ Er sah zu Josie. „Du hättest mir sagen können, dass ich das Buch nicht ansprechen soll.“

„Schon gut“, sagte Emily. „Lieb von dir, dass du fragst. Ich bin nur ein bisschen …“ Sie suchte nach dem richtigen Wort. Wie konnte sie ein ganzes Buch schreiben, aber Probleme damit haben, einen vollständigen Satz herauszubringen?

„Sie ist ein wenig schüchtern, was das angeht“, beendete Josie für sie den Satz. „Das ist alles.“

Jacks lächelte aufmunternd und folgte mit seinem Blick dem von Emily durch das Fenster. „Es ist wirklich eine tolle Aussicht. Ich bin gerne hier. Gutes Essen, ein schönes Panorama, was will man mehr?“ Er griff nach den Speisekarten, die in der Mitte des Tisches lagen. „Wo wir von essen sprechen, ich bin am Verhungern. Sollen wir bestellen?“

„Ich werde nichts essen“, wehrte Emily sogleich ab. „Ich bin nur auf ein schnelles Getränk vorbeigekommen, dann lasse ich euch auch schon wieder allein. Aber bestellt ihr nur.“

„Du solltest zum Essen bleiben.“ Jack reichte ihr eine Speisekarte. „Hier gibt es den zweitbesten Shepherd’s Pie in ganz Oxford.“

„Und wo gibt es den besten?“, fragte sie.

Seine Augen funkelten. „Bei meiner Mum.“

Emily überflog gedankenverloren die Speisekarte. Sie hatte geglaubt, dass sie es gar nicht erwarten konnte, wieder zu verschwinden, aber sie fühlte sich überraschend wohl. „Die Hühnerpastete klingt wirklich gut …“

Nachdem sich auch Josie, die über fast jeden Eintrag auf der Speisekarte laut nachdachte, entschieden hatte, ging Jack an die Bar, um zu bestellen.

„Ich wollte wirklich nicht zum Essen bleiben“, sagte Emily. „Ich hoffe, ich störe euch nicht.“

„Natürlich nicht. Ich habe dich doch eingeladen. Ich wusste, dass du dich mit Jack gut verstehen wirst. Er kommt einfach mit jedem gut aus.“

Er kam ein paar Minuten später zurück und wandte sich an Emily. „Wenn dir dieser Ausblick gefällt, solltest du dem Café meines Onkels nahe der Folly Bridge einen Besuch abstatten. Dasalte Bootshaus. Im Sommer ist es dort wunderschön.“

„Das kenne ich“, sagte Josie. „An warmen Tagen ist es dort wirklich voll.“

Er nickte. „Ich arbeite dort am Wochenende. Im Winter ist es geschlossen, aber wir werden nächstes Wochenende eröffnen, wenn das Wetter mitspielt.“

Josies Augen strahlten. „Vermutlich habe ich dich dort schon einmal gesehen. Ist das nicht verrückt? Unsere Wege müssen sich schon oft gekreuzt haben.“

Emily kannte das Café ebenso. Es war ein schöner Ort mit einer herrlich friedlichen Atmosphäre. Neben dem Café befand sich eine große Wiese, auf der man sich in den Schatten der Bäume legen konnte.

Sie wollte mehr über Jacks berufliche Situation wissen. „Du arbeitest also unter der Woche als Schauspieler und am Wochenende im Bootshaus?“

Jack sah amüsiert drein. „Nein, das mit der Schauspielerei ist eine einmalige Sache. Ich arbeite nur zwei Wochen lang vorübergehend bei diesem Pilotdreh mit.“

„Was hast du davor gemacht?“, fragte sie.

„Ich arbeite in einem Handyladen und habe mir für den Dreh zwei Wochen freigenommen. Ich bin zufällig dazu gekommen, aber ich fand, es könnte lustig werden.“

„Ich bin sehr froh, dass du mitmachst.“ Josie legte ihren Kopf auf seine Schulter und drückte seinen Arm.

„Wie in aller Welt hast du zufällig einen Schauspieljob bekommen?“, fragte Emily. Josie hatte es seit Jahren versucht und er stolperte einfach zufällig darüber?

Er kicherte. „Eine Freundin meiner Mutter wollte zu einem der offenen Vorsprechen und ihr Glück versuchen. Ich habe sie hingefahren und als wir dort waren, dachte jeder, ich wolle mich auch bewerben. Sie haben mir an Ort und Stelle den Job angeboten.“

„Oh, wow!“ Emily musste lachen.

„Ich weiß“, sagte er. „Ich wollte es zuerst gar nicht machen, aber dann dachte ich, es könnte eine nette Abwechslung sein.“

„Es klingt zumindest nach sehr viel Spaß.“

„Wir lachen viel.“ Er tätschelte liebevoll Josies Bein. „Der Job selbst ist ziemlich langweilig und besteht fast nur aus Warten.“

„Es ist aber so aufregend, am Set zu sein.“ Josie strahlte. „Man kann die Schauspieler beobachten und dem Regisseur zusehen, der ständig ‚Action‘ oder ‚Cut‘ ruft. Ich finde es toll.“

„Es sind aber nur zwei Wochen?“ Emily blickte Jack fragend an.

Er nickte. „Derzeit wird nur der Pilot gedreht.“

Emily war verwirrt. „Dann wirst du also auch nur zwei Wochen arbeiten?“, fragte sie an Josie gewandt.

„Vorerst ja. Dann gibt es eine Pause, bis die erste Staffel gedreht wird.“

„Falls sie in Auftrag gegeben wird“, wandte Jack ein.

„Das wird sie.“ Josie kräuselte die Nase. „Michaela ist sich ziemlich sicher.“

„Dann drücke ich dir mal die Daumen“, sagte Emily diplomatisch. Sie war sich ziemlich sicher, dass Josies Agentin geneigt war, ihren Schützlingen alles zu sagen, was diese hören wollten. Zumindest dem nach zu urteilen, was sie bislang über sie gehört hatte. Aber wenn Josie sich keine Sorgen machte, sollte sie das wohl ebenso wenig tun.

Als ihr Essen serviert wurde, schmeckte es genauso gut, wie Jack es versprochen hatte. Die Unterhaltung verlief ganz natürlich und Emily war überrascht, wie schnell die Zeit verging und wie entspannt die Stimmung war. Beinahe drei Stunden waren vergangen, bevor sie wieder aus dem Pub traten.

„Ich kann dich nach Hause fahren, wenn du möchtest“, bot Jack an, als sie auf dem Parkplatz standen und Josie sie zum Abschied umarmte. Sie wollte mit zu ihm, damit sie morgen zusammen zur Arbeit fahren konnten.

„Schon gut, ich kann den Bus nehmen. Es ist nicht weit.“

„Ich fahre dich gern.“

„Danke, aber ich muss in eine andere Richtung.“ Sie hatte bereits herausgefunden, dass er im Süden des Stadtzentrums an der Iffley Road und somit nicht weit weg von ihr wohnte, aber sie wollte ihm keine Umstände bereiten. Außerdem brauchte sie frische Luft. Es war kalt, aber die Sonne schien und das wollte sie ausnutzen. „Oder ich gehe zu Fuß und mache einen kleinen Verdauungsspaziergang.“

„Okay.“ Er beugte sich zu ihr und küsste sie auf die Wange. „Es war schön, dich kennenzulernen.“

„Ebenfalls.“ Erstaunlicherweise stimmte das sogar. Sie war angenehm von ihm überrascht.

KAPITEL3

Als sich Emily das nächste Mal mit Josie traf, hatte diese den Dreh für die Pilotfolge der Seifenoper bereits abgeschlossen. Es war ein Montagmorgen und Josie besuchte ihre Freundin im Souvenirladen des Schlosses. Es war ruhig, wie meist zu Beginn der Woche. Eine Schulklasse hatte eine Führung gebucht und würde im Anschluss daran bestimmt durch den Laden strömen, Emilys Ruhe stören und dann doch nichts kaufen.

Sie bereitete sich mental bereits darauf vor, besonders gründlich nach Ladendieben Ausschau zu halten. Nicht, dass sie Jugendlichen nicht trauen würde, aber … nein, sie traute ihnen tatsächlich nicht. Die Führung hatte noch nicht begonnen, also würden die Schüler sie frühestens in einer Stunde stören.

„Du bist also wieder arbeitslos?“, fragte Emily. Sie hatte noch nicht genau verstanden, wie es jetzt mit diesem Schauspieljob weitergehen sollte.

„Genau genommen ja“, antwortete Josie unbeschwert. „Aber Michaela meint, dass in ein paar Wochen mit dem Dreh der nächsten Folgen begonnen wird. Ich muss mir also keinen neuen Job suchen.“

„Das ist gut“, sagte Emily.

„Ja, es ist wie ein kleiner Urlaub für mich.“

„Hmm.“ Emily machte sich daran, ein paar Ritterfiguren im Schaukasten zu ordnen. Sie fand eher, dass Josie öfter Urlaub hatte, als dass sie arbeitete. Und das, was Josie ihr über den Dreh erzählt hatte, klang nicht besonders spannend. „Schade, dass du nicht weißt, wann es wieder weitergeht. Vielleicht solltest du dir einen Übergangsjob suchen, der dich über Wasser hält.“ Im Grunde wusste sie aber, dass sich Josie keine Sorgen um Geld machte.

Sie hatten, was das Finanzielle anging, schon immer unterschiedliche Ansichten gehabt. Emily sorgte sich ständig deswegen, wohingegen Josie vermutlich noch nie in ihrem Leben Geldsorgen gehabt hatte.

Es war ein wenig ironisch, dass ausgerechnet Emily, die noch bei ihrer Mutter wohnte, stets darauf achtete, ein regelmäßiges Einkommen zu haben, wo es doch Josie war, die in einer eigenen Wohnung lebte. Es war Emilys bewusste Entscheidung gewesen, bei ihrer Mutter wohnen zu bleiben. Sie könnte es sich leisten, eine Wohnung zu mieten, und spielte auch immer wieder mit dem Gedanken. Mit sechsundzwanzig Jahren wäre es vermutlich auch an der Zeit, auszuziehen. Aber schlussendlich entschied sie sich doch immer wieder dagegen, nachdem sie sich so gut mit ihrer Mutter verstand.

Josie setzte sich auf den Hochstuhl hinter der Theke und drehte sich um ihre eigene Achse. „Schon gut. Mum und Dad greifen mir gerne mit der Miete unter die Arme. Außerdem wäre es wirklich sinnlos, mir jetzt einen anderen Job zu suchen“, fügte sie hinzu. „Wenn es doch in ein paar Wochen schon mit dem Dreh weitergeht.“

Emily murmelte etwas Zustimmendes. Sie kam an die Theke zurück und ordnete die Prospekte, die neben der Kasse lagen. Sie war nur eifersüchtig, sagte sie sich. Wie schön wäre es, wenn ihr jemand sagen würde, sie bräuchte nicht zu arbeiten, da sie mit ihrer Schriftstellerkarriere sowieso kurz vor dem Durchbruch stand. Aber sie wusste, dass sie nicht einmal finanzielle Unterstützung annehmen würde, wenn ihre Mutter es sich leisten könnte. Und was machte Josie überhaupt den ganzen Tag, wenn sie nicht arbeitete? Es war Emily unerklärlich.

„Hast du schon Pläne für die nächsten Wochen?“, fragte sie. Eine weitere Welle der Eifersucht überrollte sie. Wie herrlich es doch sein musste, ein paar Wochen nicht arbeiten zu müssen. Sie könnte ganz in das Schreiben versinken.

„Nicht wirklich“, sagte Josie. „Vermutlich werde ich öfters hier bei dir abhängen.“

Emily zwang sich zu einem Lächeln, während Josie fortfuhr. „Ich habe Lizzie versprochen, sie nächstes Wochenende zu besuchen, das könnte lustig werden. Unglaublich, dass ich ihr neues Haus noch gar nicht gesehen habe.“

Josies Schwester Lizzie war kürzlich in ein Dorf an der Küste von Devon gezogen. Der Umzug von Oxford nach Hope Cove war ziemlich drastisch gewesen und Emily war noch immer überrascht darüber. Sie kannte Lizzie recht gut, seitdem sie ein Praktikum bei der Zeitschrift gemacht hatte, bei der Lizzie als Chefredakteurin gearbeitet hatte. Lizzie hatte auch Emilys Buch lektoriert, bevor diese es an die Verlage geschickt hatte. Es war ziemlich inspirierend gewesen, wie Lizzie einfach ihre Sachen gepackt und ein neues Leben an der Küste begonnen hatte.

„Ein paar Tage am Meer tun immer gut“, sagte Emily. Neid war doch wirklich ein schlechter Charakterzug. Sie war eine schreckliche Person. „Ich hoffe, Lizzie geht es gut.“

„Ich kann es kaum erwarten, sie zu sehen“, sagte Josie. „Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich sie nicht früher besucht habe.“

Die Ladentür wurde abrupt aufgerissen. Es war Doug, Emilys Kollege und Vorgesetzter. Er war Anfang sechzig und meist ziemlich entspannt und gut gelaunt. Heute aber wirkte er gestresst. Als er Josie sah, wirkte er kurzzeitig verwirrt. Sie rutschte geräuschlos vom Stuhl und kam hinter der Theke hervor.

„Hallo, Doug.“ Emily winkte, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. „Alles in Ordnung?“

„Der Tag beginnt schon schlecht“, brummte er. „Bernie hat gerade angerufen. Er hatte auf dem Weg hierher einen Fahrradunfall und muss zum Röntgen ins Krankenhaus.“

„Oh nein“, sagte Emily. „Aber geht es ihm gut?“

Doug seufzte. „Ja. Aber ich habe hier eine Schulklasse, die auf eine Führung wartet, aber keinen Guide!“

Erst jetzt bemerkte Emily, was Doug in seiner Hand hielt. Der Stoff sah aus wie Sackleinen, aber sie wusste, dass es eines der Kostüme aus dem Fundus war. Die Guides spielten jeweils eine andere Rolle und imitierten während der Führung eine Person aus der Schlossgeschichte.

Emily schüttelte langsam den Kopf, als Doug ihr das triste, graue Kleid entgegenhielt.

„Wie stehen die Chancen, dass du für die nächste Stunde Emily, die Gefangene aus der Zeit von 1900, mimen könntest?“ Er zog die Augenbrauen nach oben und sah sie hoffnungsvoll an.

„Nein.“ Ihr Kopfschütteln wurde immer entschlossener, als sie hinter die Theke zurückging. „Ich befürchte, ich habe schon genug damit zu tun, Emily, die Verkäuferin, zu sein.“

„Ich stecke wirklich in der Klemme, Emily. Die warten schon und ich will sie nicht fortschicken.“

„Du könntest sie doch herumführen“, schlug sie vor.

„Leider nicht“, erwiderte er. „Ich erwarte jede Minute eine Lieferung für das Café und ich muss etwa zwanzig Anrufe tätigen. Außerdem muss ich jemanden finden, der den Rest des Tages für Bernie einspringt.“

„Das alles könnte ich doch machen“, bot Emily an. „Dann hättest du Zeit, um die Gruppe zu betreuen.“

„Du weißt doch, dass ich diese Treppen mit meinen kaputten Knien nicht schaffe.“

Panik machte sich in ihr breit. Sie würde niemals eine Gruppe herumführen! Sie arbeitete in einem Souvenirladen, denn das war gemütlich und stressfrei. „Ich habe noch nie eine Führung gemacht“, sagte sie. „Ich wüsste gar nicht, wie das geht.“

Doug lehnte sich gegen die Theke und blickte auf das Bücherregal über Emilys Schulter. „Wie viele von diesen Büchern über die Geschichte des Schlosses hast du gelesen?“

Sie drehte sich um, auch wenn sie die Antwort bereits kannte. Sie hatte sie alle gelesen, die meisten davon sogar mehrmals. Das half gegen die Langeweile an ruhigen Tagen. Fehlendes Wissen war somit keine glaubwürdige Ausrede.

„Und du hast die Führung bereits mitgemacht. Du weißt, wie das geht. Tu einfach so, als wärst du eine Gefangene von vor hundert Jahren und zeige ihnen das Schloss.“

„Das kann ich nicht“, sagte sie so entschlossen, wie sie konnte. „Ich bin in sowas nicht gut. Ich bin keine Schauspielerin.“

„Ich schon!“, rief Josie. „Wenn ich etwas über das Schloss wüsste, würde ich es sofort tun. Das klingt lustig.“

Doug sah sie fragend an und rätselte wohl, wer sie war. Aber es blieb keine Zeit für Smalltalk.

„Du solltest es tun“, drängte Josie Emily. „Du wirst das toll machen.“

„Ich kann nicht gut mit Kindern“, sagte Emily.

„Es sind nicht wirklich Kinder“, sagte Doug. „Sie sind vierzehn und fünfzehn Jahre alt.“

„Noch schlimmer.“ Emily ging zum Fenster und sah hinaus. Dort draußen stand die Gruppe Jugendlicher, die auf die Führung wartete. Einige von ihnen rauften sich − Emily hoffte inständig, dass es nur zum Spaß war. „Ich will nicht“, jammerte sie.

„Du wirst das gut machen.“ Dougs Tonfall hatte sich verändert. Nun schien er nicht mehr zu fragen. „Na los. Zieh das an.“ Er hielt ihr das Kleid entgegen. Josie nahm es ihm ab und zog es über Emilys Kopf.

„Nein!“, rief Emily. „Was ist mit dem Laden?“

Doug drehte das Schild an der Tür auf Geschlossen und grinste.

Bevor sie sich versah, wurde sie aus der Tür gedrängt und über den Hof zu der wartenden Gruppe geführt.

„Mir wird schlecht“, flüsterte sie Josie zu.

„Sieh dir mal den Lehrer an”, flüsterte Josie aufgeregt zurück. „Er ist süß!“

Emily starrte sie ungläubig an. „Was?“

„Na sieh nur. Du solltest ihm nach der Führung deine Nummer geben. Sag ihm, er kann dich anrufen, wenn er noch Fragen hat.“ Josie stupste Emily im Gehen mit dem Ellbogen an. „Zwinkere ihm dabei zu.“

„Josie! Ich erleide hier gleich einen Nervenzusammenbruch und du denkst an Männer?“

Sie verstummten, als sie die Gruppe erreichten. Emily bemerkte nun auch den Lehrer und musste sich eingestehen, dass Josie recht hatte, er sah wirklich gut aus. Er war groß, blond und lächelte breit.

Als er nach vorne trat, streckte er Emily seine Hand entgegen. „Sie sind vermutlich unsere Führerin“, sagte er. „Die Bande hier nennt mich Mr. Proctor, aber für Sie gerne Stuart.“ Sein Lächeln war überwältigend. Emilys Herzschlag, der bereits deutlich erhöht war, beschleunigte sich noch mehr bei dem warmen Gefühl, das seine Hand auslöste.

„Hallo“, brachte sie gerade so hervor.

„Das ist Emily“, stellte Doug sie vor. „Sie ist eine unserer kompetentesten Guides. Sie befinden sich also in besten Händen.“

Stuart drehte sich um und rief den raufenden Jugendlichen zu, endlich ruhig zu sein. In der Zwischenzeit funkelte Emily Doug an. Warum warb er auch noch damit, wie kompetent sie doch war? Sie war ja nicht einmal ein richtiger Guide und die Gruppe tat ihr jetzt schon leid. Sie hätten von Bernie geführt werden sollen, der immer voller Energie war, lustige Witze erzählte und gut mit Menschen konnte – ein richtiger Showman eben, der vor Publikum erst so richtig in Fahrt kam. Und nun mussten sie sich mit ihr zufriedengeben, die keine Ahnung hatte, was sie machen sollte. Würde es sich um eine Gruppe alter Leute handeln, wäre es vielleicht noch okay gewesen, aber einer Horde Jugendlicher fühlte sie sich keinesfalls gewachsen.

Die Gruppe verstummte und alle Blicke wanderten zu ihr. Oh Gott, was sollte sie jetzt nur sagen? Sie winkte ihnen verlegen zu. „Hallo … ich bin Emily …“ Sie wusste nicht einmal, wo sie anfangen sollte. Sollte sie gleich ihre Rolle einnehmen oder ihnen zuerst einen Überblick über die Führung geben? Sie spürte, wie ihre Wangen immer röter wurden. Vielleicht sollte sie einfach davonlaufen …

Doug räusperte sich und sprach mit lauter Stimme. „Ich bin mir sicher, ihr alle wisst, in welchem Jahr wir uns befinden … es ist das Jahr 1913. Das ist Emily. Emily ist siebenundzwanzig Jahre alt und seit Jahren Gefangene im Schlossgefängnis.“ Doug blickte nun zu ihr. „Nicht wahr, Emily?“

Sie nickte. „Das stimmt.“ Ihre Stimme klang krächzend und sie schluckte schwer. „Heute werde ich euch im Schloss und im Gefängnis herumführen und euch etwas über das Leben hier erzählen. Wenn ihr mir folgen würdet …“ Sie ging über den Hof voraus in Richtung des großen Turms. Zumindest würde sie während dem Treppensteigen erst einmal ihre Gedanken ordnen können. Sie sprach sich selber Mut zu, indem sie sich daran erinnerte, dass sie alles wusste, was es über diesen Ort zu erzählen gab. Wenn sie es schaffte, ihre Nerven im Zaum zu halten, könnte sie ganz sicher eine interessante Führung bieten.

Als sie sich umdrehte, sah sie, dass die Gruppe ihr folgte. Josie und Doug waren zurückgeblieben und Josie winkte ihr enthusiastisch zu und gab ihr dann ein Daumen hoch.

„Wenn ihr Fragen habt“, rief sie der Gruppe zu, „immer raus damit …“

„Warum sind Sie im Gefängnis?“, fragte ein Mädchen neben ihr. Emily lächelte. Ein paar interessierte Teenies, die ihr Fragen stellten, würden alles einfacher machen.

„Diebstahl“, sagte sie und versuchte, so laut wie möglich zu sprechen, damit alle sie hören konnten. „Ich stahl zwei Laib Brot, nachdem mein Mann seine Arbeit verlor und wir kein Geld mehr hatten. Die Kinder waren am Verhungern, deshalb entwendete ich in meiner Verzweiflung das Brot. Ich wurde erwischt und zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt.“ Einige Kinder nickten und sie entspannte sich etwas. „Hundertundeine Stufe führen hinauf in den Turm.“ Für einen Moment blieb sie vor dem Eingang stehen. „Ihr könnt gerne mitzählen, wenn ihr mir nicht glaubt.“

Sie folgten ihr nach drinnen, wo sie die engen Steinstufen erklommen. Vielleicht würde es ja gar nicht so schlimm werden.

KAPITEL4

Die Führung verlief überraschend gut. Als sie sich erst einmal in ihrer Rolle eingefunden hatte, machte Emily das Ganze sogar Spaß. Die Jugendlichen ließen sich von den Geschichten über die schrecklichen Bedingungen im Gefängnis und die schlechte Behandlung der Gefangenen mitreißen. Die meisten zumindest. Eine Gruppe bestehend aus vier Jungs schien sich jedoch für gar nichts zu interessieren. Sie hielten stets ein paar Meter Abstand und schrien ab und zu etwas nach vorne, was sie wohl für einen besonders lustigen Kommentar hielten.

---ENDE DER LESEPROBE---