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Drei Jahre Ehe, danach werden sie wieder getrennte Wege gehen … Scarlett Mercer träumt davon, ihren eigenen Verlag zu gründen. Aber sie wird wohl auf ewig im Café ihrer Tante arbeiten müssen, denn ein Studium kann sie sich beim besten Willen nicht leisten. Dann ergibt sich zufällig eine Lösung für ihr Problem. Eine radikale, zugegeben, aber Scarlett ist verzweifelt. Verzweifelt genug, um einen Kerl zu heiraten, den sie kaum kennt. Dabei ignoriert sie die Tatsache, dass Veränderungen Scarlett schnell überfordern. Schon bald hat sie mit ihrem neuen Leben auf dem Campus – samt frischangetrautem Ehemann – zu kämpfen. Gleichzeitig versucht Fraser Graham zu verstehen, welche Faszination Scarlett auf ihn ausübt und warum er sie vom Fleck weg geheiratet hat. Als er schließlich erkennt, warum Scarlett so besonders ist, stellt das sein Leben völlig auf den Kopf … Wird es Scarlett gelingen, ihre Träume zu verwirklichen? Und was passiert, wenn sich in einer Scheinehe plötzlich echte Gefühle entwickeln?
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Epilog
Anmerkung der Autorin
Babyschritte in Hope Cove
Weitere Titel der Autorin (auf Deutsch)
Impressum
Hannah Ellis
c/o easy-shop
Kathrin Mothes
Schloßstraße 20
06869 Coswig (Anhalt)
Copyright © 2021 Hannah Ellis
Translation Copyright © 2022 Daniela M. Hartinger
Der vorliegende Roman ist Fiktion. Die darin enthaltenen Namen, Personen und Ereignisse entspringen der Fantasie der Autorin. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen, Ereignissen oder Orten sind dem Zufall geschuldet.
Der Inhalt dieses Buches darf nicht vervielfältigt oder kopiert werden.
Cover Design von Mario Ellis
Beinahe wäre er an ihr vorbeigelaufen. Hätte ihn die Sonne nicht geblendet, hätte er sich vielleicht nie in ihre Richtung gedreht. Doch als er stehenblieb und die Sonnenbrille vom Kopf herunterzog, sah Fraser eine junge Frau auf einer Bank sitzen und lächeln, als wäre sie der glücklichste Mensch auf der Welt.
„Dir ist da etwas runtergefallen“, rief sie.
Es dauerte einen Moment, bis er verstand, dass sie ihn meinte. Die zusammengerollte Broschüre der University of Exeter war ihm aus der Gesäßtasche gerutscht.
„Danke“, rief er zurück, während er sie aufhob. „Willst du auch hier studieren?“
„Vielleicht.“ Sie schloss die Augen, reckte ihr Kinn in die Sonne und strahlte regelrecht.
Fraser blickte vor zum Parkplatz, dann wieder zu ihr. Er nutzte die Tatsache, dass sie die Augen geschlossen hatte, und ließ seinen Blick über ihre schwarzen Leggings und das blaue T-Shirt-Kleid wandern, das ihr bis zur Mitte der Oberschenkel reichte. Ihr langes braunes Haar hatte sie hinter die Ohren gesteckt. Nichts an ihr war auffällig. Sie wirkte wie ein Mädchen von nebenan, doch es war dieser zufriedene Gesichtsausdruck, der ihn faszinierte.
„Hast du dich verlaufen?“, fragte sie, öffnete die Augen und erwischte ihn beim Starren.
„Ich ... ähm ... Nein ... Ich war nur ...“ Mist. Normalerweise verwandelte er sich vor hübschen Mädchen nicht in einen stammelnden Idioten. „Einen schönen Platz in der Sonne hast du da.“ Er deutete auf die Bank. „Darf ich mich zu dir setzen?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Die Bank gehört mir nicht. Sondern der Universität.“
„Klar.“ Er setzte sich neben sie. „Wie findest du den Campus?“
„Schön. Und es gibt hier genau das Studium, das ich machen will. Mir wurde bereits ein Platz angeboten. Vorausgesetzt, ich schaffe den erforderlichen Notendurchschnitt.“
„Was willst du studieren?“
„Englisch, mit der Spezialisierung Kreatives Schreiben.“
„Willst du Schriftstellerin werden?“
„Ich bin Schriftstellerin.“ Ihre Mundwinkel zuckten nach oben. „Ich habe zwei Romane geschrieben und arbeite am dritten.“
Er nickte anerkennend. „Du willst später also davon leben?“
Als sie sich zu ihm drehte, fiel ein Sonnenstrahl auf das Piercing unter ihrer Unterlippe und ließ den roten Stecker funkeln. „Eines Tages werde ich meine Bücher veröffentlichen. Außerdem werde ich einen eigenen Verlag gründen und die Romane anderer Autoren herausbringen.“
„Das klingt sehr ehrgeizig.“
„Ich weiß.“ Ihre Augen funkelten. „Aber ich werde es tun. Ich kann alles schaffen, was ich will.“
„Du weißt, was du willst. Das ist ziemlich cool.“
„Ja, das ist sehr cool“, stimmte sie zu.
Ihr Selbstvertrauen war ein wenig verstörend und ausnahmsweise fiel es Fraser schwer, sich zu unterhalten. Lässig nahm er seine Sonnenbrille ab und steckte sie in den Kragen seines Hemdes. Dann fuhr er sich mit der Hand durch sein dichtes, leicht gewelltes blondes Haar. Frauen standen darauf.
„Stört dich das?“, fragte sie und starrte auf seine Stirn.
„Was?“
„Dass dir dein Haar nach vorn ins Gesicht fällt. Das würde mich verrückt machen.“
„Den meisten gefällt das“, sagte er und zog die Augenbrauen nach oben. „Ich kriege oft Komplimente für mein Haar.“
Nachdem sie ihn einen Moment lang angestarrt hatte, schüttelte sie den Kopf und wandte sich dann ab.
„Die Sportplätze sind cool.“ Er räusperte sich, seine Stimme klang einen Tick zu hoch. „Die Turnhalle wurde vor kurzem neu gebaut.“
„Die Bibliothek auch.“
Er suchte fieberhaft nach einem intelligent klingenden Kommentar, doch es fiel ihm keiner ein. „Wohnst du in der Nähe?“
Sie zögerte. Kam er etwa so verrückt rüber, dass sie Angst hatte, ihm ihren Wohnort zu verraten?
„In Hope Cove“, sagte sie schließlich.
„Ein schöner Ort. Als Kind war ich ein paar Mal mit meinen Eltern dort.“
„Ja, es ist schön.“ Sie sah auf die Uhr. „Ich muss los.“
„Vielleicht sehen wir uns im September. Kommst du definitiv nach Exeter? Oder hast du noch andere Plätze zur Auswahl?“
„Ich habe mich nur in Exeter beworben.“
„Cool. Dann sehen wir uns wahrscheinlich.“ Dabei hatte er gar nicht vor, in Exeter zu studieren. Er wollte mit seinen beiden besten Freunden nach Manchester gehen und hatte keine Ahnung, warum er das gerade gesagt hatte.
„Das bezweifle ich.“ Sie fuhr mit dem Finger über eine Rille im Holz der Bank. „Eines Tages werde ich hier studieren, aber nicht im September.“
„Ich dachte, du hättest eine Zusage?“
„Ich werde absagen.“
Er wollte etwas darauf erwidern, wusste aber nicht was. „Das verstehe ich nicht.“
„Mir fehlt das Geld für die Studiengebühren.“ Der Wind blies ihr eine Haarsträhne ins Gesicht und sie schob sie beiseite.
„Nimm doch einen Studienkredit auf“, meinte er verwirrt.
Sie schüttelte den Kopf. „Kann ich nicht. Ich bin nicht förderfähig, weil meine Eltern sich die Gebühren leisten könnten. Aber sie wollen sie nicht bezahlen.“
„Sie wollen deine Studiengebühren nicht bezahlen?“
Sie sah ihn ungeduldig an. „Das habe ich doch gerade gesagt.“
„Warum nicht?“
„Weil sie nicht wollen, dass ich studiere.“ Sie blickte auf den Kies unter ihren Schuhen, doch er konnte den traurigen Ausdruck in ihren Augen erkennen.
„Das ist scheiße.“
„Ich werde noch ein Jahr arbeiten und Geld sparen. Eines Tages werde ich studieren und einen Verlag gründen. Auf jeden Fall.“
„Kannst du bei der Förderstelle nicht angeben, dass deine Eltern sich weigern, die Gebühren zu übernehmen? Es gibt doch sicher eine Möglichkeit, wie du trotzdem einen Kredit bekommen kannst.“
„Nein. Ich habe bereits nachgefragt.“ Sie schloss die Augen und reckte ihr Gesicht in die warmen Sonnenstrahlen. Ihre Gesichtszüge waren entspannt und wieder wirkte sie so, als ob nichts auf der Welt sie bekümmern würde. Beeindruckend, vor allem wenn man bedachte, dass das nicht stimmte.
„Das ist unfair“, sagte er. „Gibt es wirklich keine Möglichkeit, einen Kredit zu bekommen?“
„Nur, wenn ich heirate. Aber das ist ziemlich unwahrscheinlich, in Anbetracht der Tatsache, dass ich nicht einmal einen Freund habe.“
Er blinzelte. „Wenn du verheiratet wärst, würdest du einen Kredit bekommen?“
„Ja, denn dann prüft die Förderstelle das Einkommen deines Ehepartners, nicht das deiner Eltern. Ein bescheuertes System, wenn du mich fragst.“ Sie stand auf und nahm ihre Tasche.
„Willst du vielleicht einen Kaffee trinken gehen?“, fragte er schnell. „Ich lade dich ein.“
„Ich muss vor dem Feierabendverkehr losfahren. Ich fahre nicht gern bei dichtem Verkehr.“
Sie sah ihn nicht an, als sie sich über ihre Schulter hinweg verabschiedete. Aus einem Impuls heraus schoss er von der Bank auf und lief ihr hinterher. Gerade als sein Verstand ihn im Stich ließ und kein Wort herausbringen wollte, warf sie ihm einen misstrauischen Blick zu.
„Verfolgst du mich?“
„Nein.“ Er zeigte nach vorne. „Mein Auto steht dort drüben.“
Als sie ihr Tempo beschleunigte, tat er dasselbe und machte eine unsinnige Bemerkung über das Wetter. Sie reagierte nicht darauf und sah ihn erst wieder an, als sie ihren Wagen erreichte ‒ einen alten blauen Nissan Micra.
„Es war nett, dich kennenzulernen.“ Sie sah sich um. „Wo steht dein Auto?“
Er blickte über den Parkplatz in Richtung seines wertvollsten Besitzes. Der silberne Audi war ein Geschenk seiner Eltern zum achtzehnten Geburtstag gewesen. Er zog den Schlüssel aus seiner Tasche und drückte den Knopf, woraufhin das Schloss piepste und die Lichter aufblinkten.
Sie sah nicht einmal hin, sondern stieg einfach in ihr Auto. Fraser fuhr sich wieder mit den Fingern durch die Haare, aber sie war offensichtlich immun dagegen. Sie verdrehte nur die Augen und griff nach der Tür, um sie zu schließen.
Rasch hielt er die Tür mit der Hand zurück. „Wie heißt du?“
„Scarlett Mercer“, sagte sie und schaute nervös auf seine Hand.
Er lächelte über ihre Förmlichkeit. „Ich bin Fraser Graham.“
„Auf Wiedersehen, Fraser Graham.“ Sie legte ihre Hand auf den Türgriff.
„Willst du Nummern austauschen?“, fragte er, neigte den Kopf und zog eine Augenbraue auf die Art nach oben, mit der er Frauen normalerweise zum Schmelzen brachte.
„Warum?“
Er sah sie fassungslos an. Manchmal, wenn es den Anschein hatte, dass eine Frau nicht auf seine Reize reagierte, verhielt er sich ihr gegenüber völlig gleichgültig. Damit sicherte er sich immer ihre Aufmerksamkeit. Jetzt hatte er aber das Gefühl, dass er in seinem eigenen Spiel geschlagen wurde.
„Ich weiß es nicht.“ Ihm fehlten selten die Worte. „Vielleicht könnten wir Freunde werden?“
„Ich habe schon zwei Freunde“, sagte sie selbstbewusst. Als er lachte, sah sie ihn mit einer Intensität an, die ihm das Lächeln aus dem Gesicht fegte. „Könntest du bitte die Tür loslassen, Fraser Graham? Ich muss los.“
Er zog seine Hand zurück. „Wir sollten trotzdem Nummern austauschen“, sagte er und die Worte sprudelten nur so aus seinem Mund, während sie schon an der Tür zog. „Du brauchst vielleicht keinen Freund, aber es klingt so, als könntest du einen Ehemann gebrauchen.“ Er riss die Augen auf. Was zum Teufel hatte er gerade gesagt?
Die Autotür blieb kurz vor dem Einrasten stehen. „Wie bitte?“
„Du brauchst doch einen Ehemann. Wir könnten heiraten. Dann kannst du einen Kredit aufnehmen und studieren.“
Sie tippte mit einem Finger auf das Lenkrad und starrte geradeaus. „Du machst mir einen Heiratsantrag?“
„Na ja ...“ Offensichtlich. Nicht, dass er sie tatsächlich heiraten wollte. Er wollte nur ihre Telefonnummer. Noch nie hatte ihm eine Frau einen Korb gegeben. „Ist doch nur ein Stück Papier, oder? Lass uns wenigstens Nummern austauschen. Wir denken darüber nach und dann treffen wir uns und reden darüber.“
Es folgte ein quälendes Schweigen. Er hatte ihr gerade angeboten, sie zu heiraten und somit all ihre Probleme zu lösen, und sie dachte beiläufig über den Vorschlag nach, so als bekäme sie ständig so ein Angebot. Womöglich hatte sie geahnt, dass er so weit gehen würde. Vielleicht hatte er eine ebenbürtige Gegnerin im Spiel der Gleichgültigkeit gefunden. Jedenfalls beherrschte sie es ausgezeichnet, denn er war sich ziemlich sicher, dass er um ihre Nummer betteln würde, wenn sie sie ihm nicht bald gab.
Sie drückte ihm ihr Handy in die Hand. „Speicher deine Nummer ein, Fraser Graham.“
Er tat, wie ihm geheißen. „Ich weiß nicht, ob das mit der Heirat wirklich klappt, oder ob man so überhaupt einen Kredit bekommen kann, aber wir sollten uns auf jeden Fall mal treffen und darüber reden.“
Als er das Telefon zurückgab, strich er sich die Haare zur Seite und schenkte ihr sein strahlendstes Lächeln. Sie rollte wieder mit den Augen und schloss die Tür mit einem Knall.
Während er ihr hinterherblickte, hatte er das ungute Gefühl, dass sie sich nicht melden würde.
„Wie war’s?“, fragte Tante Verity, als Scarlett in die Küche des Cafés kam. Das Lokal war bereits geschlossen und Verity räumte auf.
„Ganz okay“, antwortete Scarlett und lehnte sich gegen den Tresen.
„Ich weiß immer noch nicht, warum du zum Tag der offenen Tür gehst, wenn du den Studienplatz nicht annehmen wirst. Das war doch bestimmt deprimierend.“
„Nein, es war motivierend. Ich nehme den Platz nächstes Jahr an und werde bis dahin das Geld zusammensparen. Und eines Tages werde ich meinen eigenen Verlag gründen.“
Verity schaltete den Geschirrspüler ein. „Ich habe keine Ahnung, woher du diese Flausen im Kopf hast.“
„Ich kann alles schaffen, was ich will.“ Das hatte ihre Freundin Emily gesagt. Emily kennenzulernen war mitunter das Beste an ihrem Umzug nach Hope Cove gewesen. Zum ersten Mal hatte sie eine andere Autorin getroffen. „Nachdem Emily meinte, ich könnte meine Bücher veröffentlichen, habe ich darüber nachgedacht, was ich sonst noch gern machen will. Und ich will meinen eigenen Verlag haben. Ich weiß alles über das Veröffentlichen von Romanen, also gibt es keinen Grund, es nicht zu tun.“
„Das ist sehr ehrgeizig.“
„Sag jetzt nicht, dass ich das nicht kann. Dann klingst du wie Mum. Ich bin zu dir gekommen, damit ich mir das nicht mehr anhören muss.“
Verity stemmte die Hände in die Hüften und seufzte. „Ich würde dir wünschen, dass du es schaffst. Wenn es nur auf Entschlossenheit ankäme, hättest du überhaupt kein Problem. Aber das Ganze wird nicht einfach. Du musst ein gutes Abschlusszeugnis schaffen. Du brauchst Geld. Der Studienplatz war nur der erste Schritt. Um das Studium zu schaffen, wirst du hart arbeiten müssen ...“
„Ich weiß!“, entgegnete Scarlett ungeduldig. „Aber Emily und Lizzie helfen mir beim Lernen. Ich kriege das mit den Noten hin. Und ich werde auf die Uni gehen und meinen Abschluss machen.“
„Ein Unternehmen zu gründen, ist auch nicht einfach.“
„Du bist so pessimistisch, das mag ich nicht.“
„Ich bin nur realistisch. Du hast eine Menge Arbeit vor dir.“
„Ich weiß!“, wiederholte sie. „Kannst du nicht ein bisschen optimistischer sein?“
„Tut mir leid.“ Sie legte eine Hand auf Scarletts Schulter. „Du sollst alles erreichen, was du dir vornimmst. Aber ich will nicht, dass du enttäuscht bist, wenn du es nicht schaffst. Und es tut mir leid, dass ich dir nicht mehr helfen kann.“ Ihr Kinn bebte und Scarlett hoffte, dass sie nicht gleich anfing zu weinen. „Du weißt, dass ich dir das Geld für die Uni geben würde, wenn ich es hätte.“
„Ja“, sagte Scarlett. Die Intensität des Gesprächs verunsicherte sie.
„Du bist ein gutes Mädchen“, sagte Verity und tätschelte Scarletts Wange.
Sie wich der Bewegung aus. „Du bringst mich in Verlegenheit.“
„Tut mir leid.“ Verity lachte. „Ab mit dir nach oben, dann bist du mich los.“
„Ich muss lernen. Nächste Woche habe ich zwei Prüfungen.“ An der Tür drehte sie sich noch einmal um. „Danke, dass ich hier wohnen darf.“
„Ich habe dich gern hier“, sagte Verity und ihre Augen funkelten gütig.
Scarlett eilte die Treppe an der Rückseite des Gebäudes hinauf. Die Wohnung über dem Café war klein, aber gemütlich. Verity mochte Ordnung, war jedoch nicht so perfektionistisch veranlagt wie Scarletts Mutter. Diese Wohnung war für sie mehr ein Zuhause als die ihrer Eltern. Hier fand sie Ruhe und musste sich nicht ständig fragen, wofür sie als Nächstes Ärger bekommen würde.
Sie ließ sich erschöpft auf ihr Bett in dem kleinen Hinterzimmer fallen. Der Besuch an der Uni war anstrengend gewesen. Neue Orte und Menschen machten ihr Angst und selbst die Fahrt hin und zurück war eine Herausforderung gewesen. Hoffentlich hatte sie bis zum Beginn ihres Studiums genug Geld gespart, um auf dem Campus wohnen und sich das tägliche Pendeln sparen zu können. Die Fahrt dauerte in etwa eine Stunde, sodass sie weiterhin bei Verity wohnen könnte. Ideal wäre es aber nicht.
Sie zog ihr Handy aus der Tasche und scrollte durch die Kontaktliste, bis sie den letzten Eintrag erreicht hatte. Nach der Campusführung war sie ganz aufgeregt gewesen. Dann hatte der seltsame Typ sie angesprochen. Vermutlich war es an einer Uni normal, dass man verschiedene Leute kennenlernte. Das war definitiv nichts, worauf sie sich freute. Sie wollte nur ihren Abschluss, kein Sozialleben. Schon gar nicht, wenn sie dann mit so komischen Typen wie Fraser abhängen müsste. Wie er sich ständig durchs Haar fuhr, als hätte er einen Tick. Das hatte sie ganz nervös gemacht. Ganz zu schweigen davon, dass er sie bis zu ihrem Auto verfolgt hatte.
Dann dachte sie über den scherzhaften Heiratsantrag nach. Zumindest vermutete sie, dass es ein Scherz gewesen war. Manchmal verstand sie den Humor anderer Menschen nicht. Er hatte schon recht, es war nur ein Stück Papier. Allerdings wünschte sie sich, er hätte das nicht gesagt. Dass sie keinen Kredit bekam, hatte sie bislang nicht gestört. Doch der Gedanke, dass sie nur eine Heiratsurkunde bräuchte, ließ plötzlich alles in einem neuen Licht erscheinen. Ein Ja vor einem Standesbeamten, ein paar Unterschriften und schon hätte sie das Geld. Sie könnte im September an der Uni anfangen und müsste nicht das nächste Jahr über im Café arbeiten und jeden Penny sparen, den sie kriegen konnte.
Aber es war nur ein Scherz gewesen. Dessen war sie sich sicher.
Das Thorverton Arms war gut besucht, als Fraser am Samstagabend hineinschlenderte. Er war mit etwa der Hälfte der Gäste bekannt und lächelte und nickte in die Runde, während er darauf wartete, an der Bar bedient zu werden. Er unterhielt sich eine Weile mit Freunden seiner Eltern, die am Kamin saßen, bevor er in den Nebenraum ging, wo sich die jüngeren Leute aufhielten. Er entdeckte seine beiden besten Freunde an einem Tisch am Fenster und zog einen Hocker heran, um sich zu ihnen zu setzen.
Sofort spürte er Finger, die über seinen Nacken strichen. Als er aufblickte, grinste er eines der Mädchen an, mit denen er zur Schule gegangen war.
„Hallo Millie.“
„Hallo. Ich habe am Wochenende ständig versucht, dich zu erreichen. Wo warst du gestern Abend?“
„Mit den Jungs in Exeter.“
„Da war ich auch. Wir hätten uns treffen können, wenn du auf meine Nachrichten geantwortet hättest.“
„Tut mir leid. Du weißt ja, wie oft ich mein Handy verlege.“ Er schenkte ihr ein breites Lächeln. „Nächstes Mal klappt es bestimmt.“
„Dann unterhalten wir uns später“, sagte sie und ging davon.
„Erbärmlich“, murmelte Allie, während Liam ihm eine Hand zum Abklatschen entgegenhielt. „Ermutige ihn nicht auch noch!“, schimpfte sie ihn.
„Ach, komm schon. Es ist lustig, wie die Frauen sich auf ihn stürzen. Eine interessante Studie über das menschliche Verhalten.“ Liam nahm einen großen Schluck aus seinem Glas. „Mit wem warst du gestern Abend unterwegs?“
„Ian und Pete. Ihr hättet mitkommen sollen. Es war lustig.“
Liam legte seinen Arm auf die Lehne von Allies Stuhl. „Wir waren essen und dann im Kino.“
„Klingt nach einer wilden Nacht“, sagte Fraser spöttisch, was ihm einen Tritt von Allie gegen das Schienbein einbrachte. „Jedenfalls habe ich eine lustige Geschichte für euch ...“ Er wurde von einer Hand auf seiner Schulter unterbrochen und automatisch setzte er ein Lächeln auf, bevor er sich umdrehte. „Hi Monique.“
„Ich habe dich die ganze Woche über nicht gesehen“, sagte sie und klimperte mit den Wimpern, die ihre dunklen Augen umrahmten. „Vielleicht können wir später ein bisschen Zeit miteinander verbringen?“
„Ja, wir haben uns schon lange nicht mehr unterhalten.“
„Meine Eltern sind übers Wochenende weg, also habe ich das Haus für mich allein. Du könntest heute Abend vorbeikommen, wenn du willst.“
„Ich weiß noch nicht, was ich später mache, aber ich melde mich.“ Er drückte ihre Hand und sie ging zurück zu ihren Freunden.
„Ich dachte, du hättest dich von ihr getrennt?“, meinte Liam.
„Das habe ich.“
„Oh mein Gott!“ Allie schüttelte den Kopf. „Was für eine Schande für die Frauenwelt. Du hast mit ihr Schluss gemacht und sie will immer noch mit dir schlafen?“
Fraser sah zu Liam und unterdrückte ein Lachen. „Ich habe ihr deutlich gesagt, dass ich keine Beziehung will. Wenn sie mich wegen meines Körpers ausnutzen will, muss ich das so hinnehmen.“
Allie schnappte nach einem Bierdeckel und warf ihn ihm an den Kopf. „Sie nutzt dich nicht aus, du Schwein. Sie hofft darauf, dass du deine Gefühle für sie erkennst, wenn sie weiter in deiner Nähe bleibt. Halt sie doch nicht hin.“
„Tue ich nicht!“ Er zog sein Handy aus der Tasche und sah auf das Display, bevor er es auf den Tisch legte. „Kann ich jetzt meine Geschichte erzählen?“
„Solange es nicht darum geht, dass du Frauen wie Dreck behandelst“, sagte Allie. Er war sich sicher, dass ihre Empörung gespielt war. Sie nörgelte gern an ihm herum.
„Ich habe mir die Uni in Exeter angesehen“, sagte er und blickte wieder auf sein Handy.
„Warum?“, fragte Liam. „Ich dachte, du gehst auf jeden Fall nach Manchester. Mit uns. Du kannst doch nicht aus dem Dreier aussteigen.“
Allie zielte mit einem weiteren Bierdeckel auf Liams Kopf. „Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du das Wort ,Dreier‘ in Bezug auf uns nicht in den Mund nehmen sollst? Das klingt gruselig.“
Fraser legte seinen Arm um Liams Schulter. „Wenn ihr euer Sexleben aufpeppen wollt, gebt einfach Bescheid. Dafür sind Freunde doch da.“
„Das ist schwer in Ordnung von dir“, sagte Liam. Er legte ebenfalls einen Arm um Fraser und rieb seine Stirn an dessen.
„Hört ihr wohl auf!“ Allie schob sie auseinander. „Der Witz ist echt alt. Und ich finde es sehr verstörend, wie gern ihr diese Unterhaltung führt.“
„Jederzeit“, sagte Fraser und zwinkerte ihr zu.
Sie erschauderte. „Jetzt erzähl schon. Warum warst du in Exeter?“
„Um mir die Zeit zu vertreiben. Meine Mum hat mich genervt, wegen ... Ich weiß gar nicht mehr, was es diesmal war, aber ich musste aus dem Haus und an der Uni war Tag der offenen Tür. Also habe ich mich dort umgesehen. Ich dachte, vielleicht lerne ich ein paar heiße Mädchen kennen.“
„Ich fasse es nicht“, sagte Liam. „Wir gehen doch nach Manchester. Wir drei als WG, das wird ein Riesenspaß.“
Fraser trank bedächtig von seinem Bier. Die drei hatten sich am ersten Tag in der Grundschule kennengelernt und waren seither beste Freunde. Mit acht Jahren hatten sie beschlossen, als Erwachsene zusammenzuziehen. Irgendwie hatte das Vorhaben die Zeit überdauert und jetzt wollten die drei ein Haus in Manchester mieten. Vor allem Liam trieb die Idee voran. Fraser brachte es nicht über sich, es ihm zu sagen, aber eine WG mit einem Pärchen entsprach nicht gerade seiner Vorstellung vom Studentenleben. Er vermutete, dass Allie von dem Plan auch nicht begeistert war.
„Ich habe mich dort nur umgesehen“, sagte er. „Die Sportanlagen sind der Wahnsinn.“
„Willst du etwa dorthin?“, fragte Allie erstaunt.
„Nein, aber es ist etwas Seltsames passiert. Ich wollte gerade gehen, da traf ich ein Mädchen, das auf einer Bank saß.“
Allie stöhnte auf. „Wenn du mit ihr Sex im Auto hattest, will ich nichts davon hören.“
„Als ob er sich die Sitze versauen würde“, sagte Liam todernst.
„Das würde ich wirklich nicht tun“, stimmte Fraser zu.
Liam grinste. „Was ist dann passiert?“
„Nichts.“ Wieder griff Fraser zum Handy. „Es war so, als wäre sie gegen meinen Charme immun. Ich musste ihr meine Nummer regelrecht aufzwingen.“
„Du bist wirklich erbärmlich, weißt du das?“, fragte Allie.
Er schüttelte den Kopf und erinnerte sich daran, wie zufrieden Scarlett in der Sonne gelächelt hatte. „Sie hatte so etwas an sich. Ich kann es nicht genau sagen ...“
„Hat es vielleicht mit ihren Brüsten zu tun?“, fragte Liam.
Fraser stieß ihm in die Seite. „Es lag nicht an ihrem Aussehen. Also, ja, sie ist hübsch, aber das war es nicht. Sie war so selbstbewusst, dass sie schon fast unnahbar wirkte. Und dann hat sie so getan, als hätte sie kein Interesse. Ich habe mich immer gefragt, warum das funktioniert. Aber wenn man auf der anderen Seite steht, versteht man plötzlich, dass das wirkt.“
Allie lachte. „Hast du dir schon mal überlegt, dass sie dich einfach nicht attraktiv fand?“
„Ist das dein Ernst?“ Er deutete auf sein Gesicht. „Daran habe ich definitiv nicht gedacht.“
„Idiot!“
„Ist dir das etwa zum ersten Mal passiert?“, fragte Liam. „Dass du eine Frau anbaggerst und sie nichts von dir wissen will?“
„Wir wissen alle, dass das nicht oft vorkommt. Aber am Ende hat sie meine Nummer genommen.“ Er erschauderte bei der Erinnerung daran, wie verzweifelt er auf dem Parkplatz gewesen war.
„Hat sie sich gemeldet?“, fragte Liam.
Er rutschte auf seinem Stuhl hin und her. „Noch nicht.“
Allies Augen funkelten amüsiert. „Siehst du deshalb ständig auf dein Handy?“ Sie zog die Schultern hoch. „Das ist großartig! Eine Frau lässt dich auf ihren Anruf warten und dich deine eigene Medizin trinken. Und? Wie schmeckt sie?“
Fraser wünschte, es wäre ihm egal, dass sie nicht angerufen hatte. Stattdessen sah er wieder auf sein Handy. Es war schon fast eine Woche vergangen. Warum hatte sie sich nicht gemeldet?
„Sie wird sich nicht melden“, sagte Allie süffisant.
„Doch. Das wird sie“, entgegnete er.
„Nein, wird sie nicht. Sie steht nicht auf dich!“
Fraser griff nach seinem Bier. „Sie wird auf jeden Fall anrufen.“
Das sagte er sich in der darauffolgenden Woche immer wieder. Jedes Mal, wenn sein Handy klingelte oder eine Nachricht eintraf, verspürte er ein aufgeregtes Kribbeln, das jedoch schnell verflog. Am Donnerstag konnte er sich nicht einmal auf seine Abschlussprüfung in Biologie konzentrieren. Bei seinem Glück rief sie genau in den zwei Stunden an, in denen er sein Telefon nicht bei sich hatte.
Am Freitagabend hoffte er, dass Allie und Liam ihn von der Tatsache ablenken konnten, dass sie sich immer noch nicht gemeldet hatte. Als er vor ihnen im Pub ankam, setzte er sich an einen Tisch auf der Terrasse, um den schönen Frühlingsabend zu genießen. Ein paar ehemalige Schulkameraden saßen in der Nähe, aber er hatte keine Lust auf Trubel und genoss ein paar Minuten allein.
Als Liam und Allie auftauchten, unterhielten sie sich über die Abschlussprüfungen, die sie diese Woche geschrieben hatten. Allie beschwerte sich gerade über ihre kleine Schwester, als Fraser in einen Tagtraum versank.
„Was ist los mit dir?“, fragte Liam nach einer Weile und beugte sich näher an Fraser, um ihn aus seinen Gedanken zu reißen.
„Nichts.“ Er überlegte, ob er nach Hause gehen und an der Konsole zocken sollte. Am Wochenende war er eigentlich nie zu Hause, aber er verspürte heute keine Lust auf Gesellschaft.
„Hat sich das Mädchen gemeldet?“, fragte Liam.
„Nein.“ Er trank einen Schluck Bier, dann sah er zu Allie. „Ich denke, du hast dir ein ‚Ich hab’s dir ja gesagt‘ verdient.“
Sie presste die Lippen zusammen, ihre Augen funkelten. „Ich werde nichts sagen.“
„Das wäre das erste Mal“, sagte er heiter.
„Also gut. Ich werde etwas sagen ...“
Natürlich würde sie das. Seit er denken konnte, kommentierte Allie sein Leben. Die kleine Miss Perfect rieb ihm andauernd seine Fehler unter die Nase. Eigentlich sollte ihn das nerven.
„Verstehst du nicht, dass Frauen sich genau so fühlen, wenn du dich nicht bei ihnen meldest? Du machst ihnen ständig was vor.“
„Ich mache niemandem etwas vor. Wenn ich ihre Nummer nehme, aber mich nicht melde, dann ist das doch eine deutliche Aussage.“ Fraser zuckte zusammen, als ihm seine Worte bewusst wurden. Scarlett hatte sich sehr deutlich ausgedrückt und trotzdem hegte er immer noch einen lächerlichen Funken Hoffnung, dass sie sich bei ihm meldete. „Also schön“, sagte er zu Allie. „Ich bin vielleicht manchmal ein Arschloch. Aber so schlimm, wie du mich hinstellst, bin ich definitiv nicht.“
Sein Kumpel Ian winkte ihm zu. „Ich rufe ein Taxi, wir fahren in die Stadt. Kommst du mit?“
„Nein, danke. Viel Spaß.“
„Das sieht dir gar nicht ähnlich“, sagte Liam.
„Ich habe keine Lust auf Weggehen. Ich gehe bald nach Hause.“
Allie starrte ihn an und wollte ganz offensichtlich etwas darauf sagen. Wahrscheinlich fragen, ob er krank war.
„Ich schreibe am Montag eine Prüfung“, sagte er daher rasch. „Ich muss am Wochenende lernen.“
„Normalerweise hält dich das nicht vom Feiern ab“, sagte sie.
Er nippte an seinem Bier und als sein Handy vibrierte, holte er es aus der Tasche,. Als das Display aufleuchtete und er eine Nachricht von einer unbekannten Nummer sah, konnte er seinen Blick nicht mehr davon abwenden.
„Ist siedas?“, fragte Liam grinsend.
„Ich hoffe nicht“, antwortete Allie.
Fraser öffnete die Nachricht. Sein Herz klopfte wie wild und er verzog das Gesicht, als er die Nachricht las.
„Was schreibt sie?“, fragte Liam aufgeregt.
„Ähm ... nun ... Möglicherweise habe ich vergessen, euch ein winziges Detail zu erzählen ...“
„Gib her!“ Allie entriss ihm das Telefon und Fraser senkte bereits den Kopf, um sich für einen Kommentar zu wappnen.
„Das ergibt doch keinen Sinn.“ Allie hielt Liam das Handy hin. Dann las sie die Nachricht laut vor: „Hast du das mit dem Heiraten ernst gemeint oder war das ein Scherz?“
Liam nahm das Handy und starrte auf den Bildschirm. „Du hast hoffentlich nicht vergessen zu erwähnen, dass du ihr einen Heiratsantrag gemacht hast.“
„Es ist mir so rausgerutscht“, murmelte er. Der erwartete Kommentar blieb aus. Im Gegenteil, er hatte es offensichtlich endlich geschafft, Allie sprachlos zu machen. „Aber ich kann es erklären. Es ist nicht so schlimm, wie es klingt ...“
„Du hast also nicht versucht, sie ins Bett zu kriegen, indem du ihr einen Heiratsantrag gemacht hast?“, fragte Liam.
Er zuckte zusammen. „Doch, irgendwie schon. Aber das ist noch nicht alles. Sie bekommt wegen ihrer Eltern keinen Studienkredit. Also muss sie nächstes Jahr arbeiten und für die Studiengebühren sparen. Die einzige Möglichkeit, einen Kredit zu bekommen und noch dieses Jahr anfangen zu können, ist zu heiraten. Ich habe vage angedeutet, dass ich mir das vorstellen könnte.“ Er sprang von der Bank, als er Allies Arm auf ihn zukommen sah. Er hielt abwehrend die Hände hoch. „Ich habe ihr einen Gefallen angeboten. Warum willst du mir eine reinhauen?“
„Weil du sie nicht wirklich heiraten willst! Du hast das nur gesagt, um ein Date zu kriegen.“
Fraser nahm sein Handy zurück und tippte eine Nachricht ein. Als er aufblickte, sah er Allies wütenden Blick.
„Bitte tu das nicht“, sagte sie. „Das ist grausam. Lass das arme Mädchen in Ruhe.“
„Ich lade sie nur auf einen Drink ein, damit wir die Sache besprechen können.“
Liam legte seine Arme auf dem Tisch ab. „Du hast doch nicht wirklich vor, sie zu heiraten?“
„Natürlich nicht.“ Er lächelte schelmisch. „Aber ich habe vor herauszufinden, welche Farbe ihre Unterwäsche hat.“
Diesmal war er nicht schnell genug. Allies Hand traf seinen Oberarm mit voller Wucht.
Fraser hatte Scarletts Frage nicht wirklich beantwortet, sondern sie nur auf einen Drink eingeladen. Es war ärgerlich. Aber sie nahm an, dass er sie besser kennenlernen wollte, bevor er sie heiratete.
Sie fuhr am Nachmittag früh genug nach Exeter, um in Ruhe einen Parkplatz und den von ihm vorgeschlagenen Pub zu finden. Nachdem sie das geschafft hatte, schlenderte sie eine Weile durch die Stadt. Kurz vor der verabredeten Zeit kehrte sie zum Pub zurück und wartete vor einem Laden gegenüber. Auf der belebten Straße im Zentrum herrschte reges Treiben. Da ständig neue Leute zum Pub kamen oder ihn verließen, nahm sie an, dass es ein beliebter Treffpunkt für einen Samstagabend war.
Mehrmals überlegte sie, den Plan zu verwerfen und nach Hause zu fahren, aber nachdem sie in dieser Woche mehr als sonst im Café gearbeitet hatte, löste die Aussicht, dort ein Jahr schuften zu müssen, keine Freudensprünge bei ihr aus. Wenn die Chance bestand, dass dieser Typ sie heiratete, würde sie sie ergreifen.
Sie atmete tief durch und ging im Geiste die Liste der Dinge durch, die sie nicht vergessen durfte. Das passierte ihr nämlich oft, wenn sie nervös war. Der wichtigste Punkt war der Augenkontakt. Aus irgendeinem Grund war es anderen Leuten unangenehm, wenn sie sie nicht ansah. Nicht herumzappeln, erinnerte sie sich. Außerdem durfte sie nicht vergessen zu lächeln, ein Fehler, der ihr häufig unterlief. Sie sollte lachen, wenn er es tat, auch wenn sie den Witz nicht verstand. Und sie sollte Fragen stellen, um das Gespräch in Gang zu halten. Was noch? Ihre Mum hatte ihr die Sachen so häufig eingebläut, sie sollte sich besser daran erinnern. In Hope Cove musste sie nicht so oft daran denken. Den meisten Leuten schien es nichts auszumachen, wenn sie keinen Augenkontakt hielt oder sie wenig zu einer Unterhaltung beitrug.
Aber das hier war wichtig. Fraser musste sie mögen. Sie war so tief in Gedanken versunken, dass sie ihn beinahe verpasst hätte. Sie sah gerade noch, wie er den Pub betrat, und eilte über die Straße.
„Hi“, sagte sie und stellte sich neben Fraser an die Bar. Drinnen war es laut, der Geruch von Schweiß und abgestandenem Bier hing in der Luft.
„Hey!“ Er lächelte. „Perfektes Timing. Ich bin gerade erst gekommen.“
Sie fühlte sich leicht schwindelig, während sie ihre Checkliste durchging und überlegte, was sie jetzt zu tun hatte. Ihr fiel zwar nichts ein, was sie sagen könnte, aber zumindest erinnerte sie sich daran, zu lächeln. Und ihn anzusehen.
Er strich sich das Haar zurück. „Was willst du trinken?“
„Limo, bitte.“
„Trinkst du heute nichts?“
„Doch. Sobald ich die Limo bekomme.“
Er lachte. „Du bist witzig. Ich meinte etwas Alkoholisches.“
„Oh.“ Sie spürte, wie ihr die Röte in die Wangen stieg. „Ich muss noch fahren, also kein Alkohol für mich.“
„Schade“, sagte er und wandte sich ab, um die Getränke zu bestellen.
Nachdem er ihr die Limonade gereicht hatte, folgte sie ihm und setzte sich ihm gegenüber an den Tisch, der gerade frei geworden war.
„Kommst du oft nach Exeter?“, fragte er.
„Nein. Nie.“ Sie beobachtete das Kondenswasser, das an ihrem Glas herunterlief. „Du?“
„An den meisten Wochenenden.“ Er sah sie aufmerksam an und es fiel ihr schwer, den Blick nicht abzuwenden. Der Impuls war wirklich stark. „Ich freue mich, dass du dich gemeldet hast.“
„Ich wusste nicht, ob du das mit dem Heiraten ernst gemeint hast ...“
Sein Lächeln entglitt ihm. „Ich auch nicht. Um ehrlich zu sein, ist es mir spontan rausgerutscht.“
„Ich habe mich erkundigt. Um zu heiraten, muss man sich einen Monat vorher beim Standesamt anmelden. In sechs Wochen muss ich entscheiden, ob ich den Studienplatz annehme. Ich muss es also bald wissen, denn wir müssen heiraten, bevor ich zusage, damit ich sicher weiß, dass ich den Kredit bekomme.“
„Klar. Ja, ja. Das macht Sinn.“
„Wirst du es also tun?“
Er kratzte sich am Hinterkopf. „Ich denke, wir sollten uns besser kennenlernen, bevor ich das entscheide.“
Das klang logisch. „Was willst du wissen?“
„Ich weiß nicht.“ Er trank aus seinem Glas. „Was machst du, wenn du nicht gerade Bücher schreibst und Pläne für einen großen Verlag schmiedest?“
„Ich arbeite im Café meiner Tante. Und lerne für meine Prüfungen.“
„Was ist mit Freunden?“
„Ich habe zwei: Emily und Lizzie.“
Er kniff die Augenbrauen zusammen. „Zwei Freunde?“
„Ja.“
„Das ist ... nett.“ Seine Wange zuckte, während er in sein Bier starrte. Sie hatte das Gefühl, dass ihn das Gespräch langweilte.
„Seit ich bei meinen Eltern ausgezogen bin, konzentriere ich mich auf das Lernen und das Schreiben“, sagte sie. Hoffentlich dachte er dann, dass sie zu beschäftigt war, um sich mit anderen Leuten zu treffen, und nicht, dass sie einfach keine Lust darauf hatte.
„Was ist das Problem mit deinen Eltern?“, fragte er. „Worüber habt ihr euch so gestritten, dass sie dir die Uni nicht zahlen wollen?“
„Wir haben uns gestritten, weil sie mir die Uni nicht bezahlen wollen.“
„Können sie es sich nicht leisten?“
„Doch. Aber sie halten das für Geldverschwendung. Ich bin Legasthenikerin, deshalb denken sie nicht, dass ich einen Abschluss schaffe.“
Er beugte sich nach vorne. „Ist das dein Ernst?“
„Ja.“ Sie war sich nicht sicher, auf welchen Teil sich die Frage bezog. Vielleicht hätte sie die Legasthenie nicht erwähnen sollen. „Ich bin nicht dumm. Ich bringe nur Wörter durcheinander. Das Studium schaffe ich auf jeden Fall.“
Er schüttelte den Kopf. „Deine Eltern wollen ernsthaft die Studiengebühren nicht bezahlen, weil du Legasthenikerin bist?“
„Ja.“
„Was sind das für Leute?“
„Nervige.“
Fraser lächelte. „Seid ihr denn reich?“
„Nicht wirklich. Aber sie hätten genug, um die Uni zu bezahlen. Meine Mum meinte allerdings, dass sie dann ihren Urlaub einschränken müssten. Und sie könnten sich das neue Auto nicht leisten, das sie sich kaufen wollen.“
Er starrte sie mit offenem Mund an. „Das glaube ich nicht.“
„Doch. Ich schwöre es.“ Sie hatte selten in ihrem Leben gelogen.
„Entschuldige. Ich meinte nicht, dass es nicht stimmt. Sondern ... das ist ja schrecklich.“
„Meine Mutter meinte ständig, dass ich mir einen Job in einem Laden oder einem Restaurant suchen soll. Das hat mich genervt und ich bin zu Tante Verity gezogen. Sie ist wirklich nett. Ich darf ihr Auto benutzen und sie würde die Studiengebühren bezahlen, wenn sie könnte. Aber ich muss ihr keine Miete zahlen, das ist cool.“
Fraser schien das Interesse an dem Gespräch verloren zu haben, er blickte stirnrunzelnd über ihre Schulter hinweg.
„Das ist echt scheiße“, sagte er und zog die Augenbrauen so fest zusammen, dass sie sich beinahe berührten.
Scarlett brauchte einen Moment, um zu verstehen, dass er immer noch über ihre Eltern sprach. „Ein bisschen. Trotzdem werde ich eines Tages einen Verlag haben. Nur weil meine Eltern mir nicht helfen wollen, heißt das nicht, dass ich es nicht schaffen kann. Und wenn ich meine Bücher veröffentlicht habe, werde ich ihnen ein Exemplar schicken.“
„Mit einer Nachricht, in der steht, dass sie dumm sind und nicht du?“
Sie lachte. „Ja, vielleicht.“
„Jetzt fühle ich mich echt bescheuert“, sagte er dann. „Um ehrlich zu sein, bin ich mir nicht einmal sicher, ob ich in Exeter studieren will. Ich wünschte, ich könnte dir helfen, aber ich glaube nicht, dass ich dich heiraten kann.“
Scarlett blinzelte die Tränen zurück. Es sollte sie nicht überraschen. „Wir können definitiv nicht heiraten, wenn du in einer anderen Stadt lebst.“
„Tut mir leid“, sagte er und griff nach ihrer Hand.
Sie zog sie zurück. „Schon gut. Ich dachte mir ohnehin, dass der Vorschlag ein Scherz war. Aber du hast auch gesagt, dass es nur ein Stück Papier ist. Deshalb war ich mir nicht sicher.“
„Ich habe die Sache nicht ganz durchdacht.“
„Ist doch egal.“ Scarlett wollte nur noch weg. „Danke für den Drink. Ich muss jetzt gehen.“ Abrupt stand sie auf und lief durch den Pub.
Fraser holte sie draußen ein. „Du hast doch nicht wirklich geglaubt, dass ich dich heiraten würde, oder?“
Sie schluckte und richtete ihren Blick auf den Bürgersteig. Jetzt kam sie sich dumm vor. Sie hatte es tatsächlich gedacht.
„Es wäre nur ein bisschen Papierkram“, sagte sie. „Außerdem war es dein Vorschlag. Hättest du das nicht angesprochen, hätte ich nie darauf gehofft, im September an die Uni gehen zu können. Und ich wäre nicht den ganzen Weg hergefahren, um dich zu treffen.“ Sie nahm ihre Tasche von der Schulter und holte Papiere heraus. „Ich hätte nicht stundenlang recherchiert und diese Formulare ausgefüllt.“ Sie drückte sie ihm in die Hand. „Ich verstehe nicht, warum du dich mit mir getroffen hast, wenn du es gar nicht ernst gemeint hast. Du hast meine Zeit verschwendet.“
Sie reckte den Kopf in die Höhe und während sie davonging, weigerte sie sich, den Tränen freien Lauf zu lassen. Eines Tages würde sie auf die Uni gehen und ihren Abschluss machen. Wenn ihr niemand dabei helfen wollte, musste sie es eben allein schaffen.
* * *
Am nächsten Mittag lag Fraser mit dröhnenden Kopfschmerzen im Bett. Eine halbe Stunde zuvor hatte er die Türklingel gehört, aber nicht weiter darüber nachgedacht. Ein sanftes Klopfen ertönte an der Schlafzimmertür, dann kam Allie herein.
„Bist du schon lange hier?“, fragte er, ohne sich zu rühren.
„Ich habe Kaffee mit deiner Mum getrunken.“
„Nett“, sagte er, ohne zu wissen, warum er so verärgert war.
Allie schloss die Tür und kam weiter ins Zimmer herein. Sie zog die Vorhänge auf und Fraser kniff die Augen im Sonnenlicht zusammen. „Sie meinte, du wärst vor ein paar Stunden nach Hause gekommen und hättest gestunken wie ein Brauereipferd.“
Er setzte sich auf und starrte sie an. „Hast du unten gesessen und mit meiner Mum über mich gelästert?“
Sie antwortete nicht, sondern blickte aus dem Fenster. Dass sie es nicht einmal abstritt, sagte viel über ihre Freundschaft aus.
„Du hattest also einen schönen Abend mit dem Mädchen, das dich heiraten will?“
„Nicht wirklich.“ Nachdem Scarlett gegangen war, war er in den Pub zurückgekehrt, um mit Alkohol die Erinnerung an ihren traurigen Gesichtsausdruck auszulöschen. Das hatte allerdings nicht funktioniert, also hatte er Monique angerufen. Ihre Eltern waren über das Wochenende weg und sie hatte ihn zu sich eingeladen.
„Du hast nicht die Nacht mit ihr verbracht?“, fragte Allie.
„Ich habe bei Monique übernachtet, wenn du es genau wissen willst.“ Er wandte den Blick ab, um den Ekel in ihren Augen nicht mitansehen zu müssen. „Bist du aus einem bestimmten Grund hier?“
Das Schweigen zog sich in die Länge. „Ich will nicht mit dir in eine WG ziehen.“
Sie sagte es so, als erwarte sie, dass ihn die Aussage überraschte. Doch er lachte nur. „Ich bin sowieso nicht scharf darauf, mit einem Pärchen zusammenzuwohnen. Du kannst dir allein etwas mit Liam suchen. Mach dir keine Sorgen um mich.“
„Es geht nicht nur um Liam und mich. Ich will nicht mit dir zusammenwohnen, weil ich dich nicht mag.“
Er schwang seine Beine von der Bettkante und lächelte. Er hatte vergessen, was für ein Spaßvogel Allie sein konnte. Allerdings lachte sie nicht.
„Ich habe keine Ahnung, warum du dich in den letzten Jahren so verändert hast“, sagte sie und klang dabei todernst. „Zuerst dachte ich, es wäre nur eine Phase und dass du irgendwann wieder der Alte wirst. Aber ich habe es satt, mitanzusehen, wie du andere Menschen verletzt. In letzter Zeit tust du nichts anderes.“
„Geht es hier um Monique? Denn sie weiß, was Sache ist, und kann selbst entscheiden, ob sie was Lockeres will oder nicht. Es ist nicht meine Schuld, wenn sie sauer ist.“
„Und was ist damit, einem Mädchen zu sagen, dass du es heiratest, nur um ein Date zu bekommen?“
Seine Kopfschmerzen wurden stärker und er rieb sich die Schläfen. „Natürlich wollte ich sie nie heiraten. Es ist doch nicht meine Schuld, dass sie das für bare Münze genommen hat.“
„Du glaubst das wirklich, oder?“ Tränen glitzerten in ihren Augen. „Aber mich stört nicht nur die Art, wie du Frauen behandelst. Sondern auch Liam.“
„Was?“ Er hatte keine Ahnung, wovon sie sprach, und der Kater wurde dadurch nicht besser.
„Du weißt, dass sein Vater sehr krank ist?“
„Ja. Aber die Chemo hat gut angeschlagen. Er wird wieder gesund.“
„Das ist nicht der Punkt.“ Allies Kinn bebte, dann liefen ihr Tränen über die Wangen. „Sondern dass Liam ein beschissenes Jahr hinter sich hat und du nicht für ihn da warst. Du warst viel zu sehr mit Saufen, Partys und Weibern beschäftigt.“
„Ich biete Liam ständig an mitzukommen.“
„Er will aber nicht ausgehen!“, entgegnete sie. „Und das Schlimmste daran ist, dass er glaubt, dir ein schlechter Freund zu sein. Jedes Mal, wenn er dir absagt, hat er das Gefühl, dich zu enttäuschen. Du solltest ihn lieber mal fragen, was er machen will. Und wenn es ein ruhiger Abend ist, an dem du dir anhörst, was ihm auf dem Herzen liegt, solltest du das tun. Aber nein, es muss sich ja alles um dich drehen.“
„Das ist nicht wahr“, protestierte er halbherzig.
„Du musst Liam sagen, dass du nicht mit uns zusammenziehen willst. Er hat Angst, dich zu verärgern, also muss es von dir kommen.“
„Okay. Ich werde mit ihm reden.“
„Deine Mum macht sich auch Sorgen um dich.“
Er fuhr sich mit den Händen über sein Gesicht. „Bist du nur gekommen, um mich anzumeckern? Du hast dich nämlich klar ausgedrückt. Ich bin ein furchtbarer Mensch, das ist deutlich rübergekommen. Du kannst also gehen.“
„Du kannst so nicht weitermachen“, sagte sie und ging, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Fraser ließ sich auf das Bett zurückfallen und schloss die Augen. Er wollte nur noch schlafen. Allie und ihr Hang zur Melodramatik. Zugegeben, er war nicht immer für Liam dagewesen, aber es war auch schwierig, wenn Allie ständig um ihn herumschwirrte. Sie war in solchen Dingen ohnehin viel besser. Fraser wusste nie, was er sagen sollte. Das machte ihn doch nicht zu einem schlechten Menschen. Er schob die Gedanken beiseite und schlief ein.
Als das Klingeln des Telefons ihn wachrüttelte, wusste er nicht, wie lange er geschlafen hatte. Er griff nach dem Handy und ging ran, ohne auf den Anrufer zu achten.
„Ich wollte nur überprüfen, ob du den Termin für die Hochzeit eingetragen hast“, sagte Monique.
„Was?“, fragte er und rieb sich die Augen.
„Die Hochzeit meiner Cousine. Cool, dass du mich begleitest. Es wird bestimmt lustig.“
„Ich begleite dich zu einer Hochzeit?“ Er ging seine Erinnerung durch. Vergeblich. Offenbar hatte er einige Lücken, was den gestrigen Abend anging.
„Sehr witzig! Am 18. November. In Bristol.“
„Da bin ich an der Uni“, sagte er.
Schlagartig verlor ihre Stimme an Fröhlichkeit. „Du hast gesagt, dass es geht, weil es ein Samstag ist. Und dass wir uns ein schönes Wochenende machen könnten.“
„Richtig ...“ Er drückte seinen Nasenrücken zusammen. „Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist.“
„Warum nicht?“
„Na ja ... Wir sind nicht mehr zusammen.“
„Wir sind immer dann zusammen, wenn es dir passt“, entgegnete sie.
„Ich habe dir doch gesagt, dass ich im Moment keine Beziehung will.“ Er war sich nicht sicher, warum sie verärgert war. Er hatte sich doch klar ausgedrückt.
„Du hast gesagt, du willst es ein bisschen langsamer angehen“, sagte Monique.
„Ja. Genau. Eine Beziehung ist im Moment zu viel für mich.“
„Also, was läuft da genau zwischen uns?“
„Ich weiß nicht ... eigentlich nichts.“
„Oh mein Gott.“ Sie stieß einen seltsamen Laut aus, eine Mischung aus Lachen und Husten. „Ist das dein Ernst?“
„Ja, wir haben darüber gesprochen.“
„Du hast mich also nur benutzt?“
„Nein.“
Eine Pause entstand und er fragte sich, ob sie aufgelegt hatte. Dann hörte er ihr Schniefen. „Die anderen haben mich davor gewarnt, dass du mich nur ausnutzt. Ich habe dich auch noch verteidigt.“
„Ich habe dich nicht ausgenutzt.“
„Was war das dann gestern Abend?“ Ihre Stimme bebte. „Hast du das mit der Hochzeit nur gesagt, damit ich mit dir schlafe?“
Er konnte sich nicht mehr genau daran erinnern, warum er zugestimmt hatte, aber er vermutete, dass es so war. „Tut mir leid.“
„Ach ja?“ Jetzt weinte sie wirklich. „Kümmert dich denn das überhaupt? Interessierst du dich für irgendjemand anderen als dich selbst?“
„Du bist mir wichtig“, murmelte er.
„Tatsächlich?“ Sie schniefte. „Wenn das so ist, kannst du mir bitte einen Gefallen tun?“
„Welchen denn?“, fragte er vorsichtig. Er hatte nicht vor, auf irgendwelche Familienfeiern zu gehen, aber er war kein schlechter Mensch. Wenn er konnte, würde er ihr helfen.
„Halte dich von mir fern.“
Er schluckte und schüttelte den Kopf. „Wir können Freunde sein.“
„Ich brauche keine Freunde wie dich“, sagte sie wütend. „Niemand braucht die.“
Bevor er etwas darauf sagen konnte, war die Leitung tot. Er hätte ohnehin keine Antwort darauf gewusst.
Es dauerte zwei Wochen, bis Fraser Liam und Allie wieder traf. Jedes Mal, wenn er sich mit ihnen verabreden wollte, mussten sie angeblich für ihre Prüfungen lernen. Er versuchte, es nicht persönlich zu nehmen, aber nach der Standpauke von Allie fiel ihm das schwer.
Schließlich überredete er sie zu einem Drink am Freitagabend im Thorverton Arms. Auf der Terrasse standen Holzbeete mit frischen Blumen und die Farbenpracht verlieh der Umgebung ein fröhliches Flair. Und zog Wespen an. Er verscheuchte eine von seinem Bier und trank sich dann mit einem kräftigen Schluck Mut an, um seinen Freunden die Nachricht zu überbringen.
„Ich habe nachgedacht“, sagte er. „Ich werde nicht mit euch zusammenziehen.“
Liam zog die Augenbrauen hoch. „Sei nicht albern. Wir drei machen das zusammen, wie immer. Du kannst doch jetzt nicht aussteigen.“
„Tut mir leid“, sagte Fraser.
„Was ist los?“, fragte Liam. „Willst du lieber eine Junggesellenbude? Sind wir dir zu langweilig?“
„Nein.“ Fraser verscheuchte eine weitere Wespe und deckte dann sein Glas mit einem Bierdeckel ab. Die Freundschaft mit Liam und Allie stand schon seit einer Weile auf wackligen Beinen, deshalb wusste er nicht, warum ihn der Gedanke, dass sie getrennte Wege gehen würden, so traurig machte. Außerdem war es unvermeidlich. Nur weil sie seit ihrer Kindheit befreundet waren, hieß das nicht, dass sie für immer Freunde bleiben würden. Sie waren nicht mehr dieselben Menschen, die sie mit vier Jahren gewesen waren. „Ich werde nicht mit euch zusammenziehen, weil ich nicht nach Manchester gehe.“
Allie beugte sich über den Tisch und runzelte überrascht die Stirn. „Wovon redest du?“
„Ich werde in Exeter studieren.“
„Machst du Witze?“, fragte Liam. „Warum solltest du nach Exeter gehen?“
„Die Uni ist wirklich gut und es gibt dort tolle Sportanlagen. Ich habe das Gefühl, dass es der richtige Ort für mich ist.“
„Aber das ist nur zwanzig Minuten von hier“, sagte Liam. „Du hast gesagt, dass du weiter weg willst.“
Allie starrte ihn an. „Ist es, weil ich dich neulich so angeschnauzt habe?“
„Nein. Nun, ja, teilweise.“ Er tat so, als würde er eine weitere Wespe wegscheuchen, aber hauptsächlich um Zeit zu schinden. „Ich habe mit Scarlett gesprochen ...“ Nicht wirklich gesprochen, denn sie schien nicht gern zu telefonieren. Sie tauschten nur Kurznachrichten aus.
„Das Mädchen, das dich heiraten wollte?“, fragte Liam.
„Ja.“ Seine Kehle war trocken und er nahm einen Schluck von seinem Bier. Seit zwei Wochen redete er sich ein, dass das, was er tat, vollkommen logisch und vernünftig war, aber er ahnte, dass sobald er es laut aussprach, ihm klar werden könnte, dass es verrückt war.
„Oh mein Gott.“ Allie schlug sich die Hand vor den Mund. „Sag, dass das nicht wahr ist.“
„Ich werde sie heiraten.“ Überraschenderweise musste er lächeln, als er es laut aussprach.
„Auf keinen Fall“, sagte Liam. „Du verarschst uns. Haha!“
Allie sah ihn skeptisch an. „Du kannst niemanden heiraten, den du nicht kennst.“
„Ich weiß, es klingt lächerlich, aber als wir uns trafen, erzählte sie mir, dass ihre Eltern ihr das Studium nicht finanzieren wollen, weil sie Legasthenikerin ist. Könnt ihr euch das vorstellen? Deine Eltern unterstützen dich nicht, weil sie dich für dumm halten.“
„Das ist nicht dein Problem“, sagte Liam.
Fraser kaute auf der Innenseite seiner Wange. „Sie hat auch nur zwei Freunde.“
„Du solltest deshalb kein Mitleid mit ihr haben“, entgegnete Liam. „Sondern dich vielmehr fragen, warum sie nur zwei Freunde hat!“
„So ist das nicht. Sie war nicht auf Mitleid aus. Aber bei beiden Treffen erwähnte sie, dass sie zwei Freunde hat. Die Art, wie sie das sagte, war so ...“
Liam seufzte. „Hat sie auch eine Geige herausgezogen und eine traurige Melodie gespielt?“
„Sie hat mir keine rührselige Geschichte erzählt. So war das nicht ... Ich kann es nicht erklären, aber ich spüre eine Art Verbindung zu ihr. Sie braucht Hilfe und ich kann sie ihr bieten.“ Und das würde vielleicht die Tatsache wettmachen, dass er in letzter Zeit ziemlich viele Menschen verletzt hatte. „Es geht nur um ein paar Worte und Unterschriften auf dem Standesamt.“
Na ja, er musste auch mit ihr zusammenwohnen. Daraufhin hätte er fast einen Rückzieher gemacht. Nachdem er sich darauf eingestellt hatte, dass er nicht mit Allie und Liam zusammenwohnen würde, hatte er sich eigentlich für das erste Jahr eine Junggesellenbude auf dem Campus suchen und später mit ein paar Jungs eine Wohngemeinschaft gründen wollen. Dass er jetzt mit Scarlett zusammenleben würde, fühlte sich wie eine Abbitte für all seine Fehlentscheidungen an, aber er hatte den Entschluss gefasst, ihr zu helfen, und dabei würde er bleiben. Auch wenn die Wohnsituation seinen Lebensstil ernsthaft einschränken würde.
Liam starrte ihn an. „Kumpel, meinst du das ernst?“
„Ja. Wenn ich ihr helfen kann, warum nicht?“
„Ist es wegen neulich?“, fragte Allie. „Ich wollte nur sagen, dass du dich nicht mehr so scheiße aufführen sollst und nicht irgendeine Frau heiraten, um dich reinzuwaschen!“
Liam runzelte die Stirn. „Habt ihr euch ohne mich getroffen?“
„Ist doch nicht wichtig“, sagte Allie und tätschelte sein Bein. „Wir müssen uns auf Fraser konzentrieren und ihn davon abhalten, sein Leben zu ruinieren.“
„Das tue ich doch gar nicht! Du bist manchmal wirklich dramatisch.“
„Unglaublich, dass wir diese Unterhaltung führen“, sagte Allie. „Wer zum Teufel ist dieses Mädchen, dass sie es geschafft hat, dich um den kleinen Finger zu wickeln?“
„Hat sie nicht!“, entgegnete Fraser mit einem Lachen.
„Hast du schon mal überlegt, dass sie dich ausnutzen könnte?“ Allie legte ihm eine Hand auf den Arm. „Sie braucht Geld und umgarnt den erstbesten reichen Jungen, den sie finden konnte.“
„Ich bin kein ...“ Es war zwecklos. „Sie weiß nicht einmal, dass ich reich bin.“
Allie schlug sich an die Brust, als sie sich an ihrem Getränk verschluckte. „Ist sie blind? Alles an dir schreit ‚reicher, verwöhnter Junge‘.“
„Du bist offensichtlich wirklich kein großer Fan von mir.“
Ihre Gesichtszüge wurden sanfter. „Tut mir leid. Du weißt, dass ich dich gern habe. Sonst würde ich mir gar nicht die Mühe machen, dich anzuschnauzen. Aber du kannst sie nicht heiraten.“
„Wir haben den Papierkram schon erledigt und den Termin am Standesamt vereinbart.“ Er konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, als er die Gesichter der beiden sah. „Ich wollte fragen, ob ihr unsere Trauzeugen werden wollt?“
„Nein!“, entgegnete Allie. „Das werden wir nicht. Niemals. Wir werden da nicht mitmachen.“
Diese Reaktion hatte er erwartet. Er wusste aber auch, dass es nicht lange dauern würde, sie umzustimmen.
* * *
Drei Wochen später standen sie vor dem Standesamt und warteten auf Scarlett.
„Du kannst es dir immer noch anders überlegen“, sagte Allie. „Noch kannst du die Sache abblasen.“
„Dann könnte sie nicht studieren.“ Fraser fingerte an den Ringen in seiner Tasche und suchte die Straße ab. Sie waren ein bisschen zu früh dran, aber er hatte vermutet, dass sie es auch war. Er hatte ihr eine Nachricht geschickt und sie hatte bestätigt, dass sie sich mit ihnen vor dem Standesamt treffen würde.
„Ich weiß nicht, warum du so nervös bist“, sagte Liam. „Wenn sie nicht auftaucht, bist du aus dem Schneider.“
„Sie wird kommen“, sagte er und wusste nicht, warum er sich selbst beruhigen wollte. Schließlich hatte Liam recht. Es wäre nicht schlimm, wenn sie ihn versetzte. Für ihn war diese Ehe nicht wichtig.
„Du magst sie wirklich, nicht wahr?“, fragte Allie.
„Nein.“ Beim Kauf der Ringe war ihm klar geworden, dass sie absolut nicht sein Typ war. Eigentlich hatte er das schon beim ersten Date gemerkt. „Ich meine, ja, ich mag sie. Aber nicht so wie ...“ Er verlagerte sein Gewicht und fragte sich, warum er sich so ungeschickt ausdrückte. „Sie ist nett, aber es ist nicht wie ... ich weiß nicht. Ich habe noch nie jemanden wie sie getroffen.“ Es hatte schon damit angefangen, dass sie sich nicht die Mühe gemacht hatte, über seine Witze zu lachen. Das war irgendwie erfrischend gewesen. Schließlich waren die Witze lahm und verdienten keinen Lacher, aber er war an Mädchen gewöhnt, die über alles kicherten.
„Oh, du magst sie!“, sagte Liam mit einem breiten Lächeln.
„Ich glaube, das macht alles noch schlimmer“, sagte Allie. „Heiratest du sie, damit du mit ihr schlafen kannst?“
„Nein!“ Er schüttelte den Kopf. „So ist es nicht.“ Nicht, dass er etwas dagegen hätte, die Ehe zu vollziehen, aber dafür tat er es nicht. „Da ist sie“, sagte er, als er sie erblickte. Er strich mit den Händen über die Vorderseite seines weißen Hemdes, um es zu glätten.
„Welche?“, fragte Allie.
„Die mit dem braunen Haar“, antwortete er und wandte seinen Blick nicht von ihr ab. „Sie trägt ein weißes Sommerkleid mit blauen Blumen.“ Es war nicht übertrieben, sah aber süß aus. Ihre Finger klopften gegen ihre Daumen, als sie sich ihnen näherte.
„Hallo“, sagte sie und blieb vor ihm stehen.
Fraser machte ihr ein Kompliment über ihr Äußeres und sie nickte. Allie und Liam würdigte sie kaum eines Blickes.
„Wir müssen Händchen halten, damit es echt aussieht“, sagte sie. „Und wenn sie uns zu Mann und Frau erklären, musst du mich küssen. Sei ganz schnell. Steck deine Zunge ja nicht in meinen Mund. Okay?“
„Ja, okay.“ Er ahnte, dass sie die Ehe nicht vollziehen würden.
„Hast du die Ringe?“
Er klopfte auf seine Brusttasche und reichte ihr dann die Hand. „Wollen wir?“
Zögernd nahm sie seine Hand und sie betraten das Gebäude. Sie wirkte so nervös, dass er sich sicher war, dass der Standesbeamte Verdacht schöpfte. Fraser lächelte sie immer wieder an, aber die wenigen Male, in denen sie es sah, erwiderte sie es mit einem finsteren Blick. Niemand hätte vermutet, dass er ihr einen Gefallen tat.
Zum Glück dauerte der Austausch von Gelübden und Ringen nicht lange. Ehe er sich versah, waren sie verheiratet und standen wieder auf der Straße.
„Soll ich ein Foto machen?“, bot Allie an und hielt ihr Handy hoch.
„Warum?“, fragte Scarlett.
Allies Lächeln glich einer Grimasse. „Zur Erinnerung.“
„Wir haben eine Eheurkunde. Wir brauchen keine Fotos, es ist nicht diese Art von Hochzeit.“ Scarlett wandte sich an Fraser. „Du musst für meinen Kreditantrag ein Formular über deine Einkommenssituation ausfüllen. Ich schicke es dir per E-Mail. Die Kopie der Heiratsurkunde schicke ich dir auch.“
„Ich glaube nicht, dass ich sie für irgendetwas brauche“, sagte er vage.
„Du musst deinen Kredit auch als Verheirateter beantragen.“
Er schüttelte den Kopf. „Ich brauche keinen. Meine Eltern bezahlen die Uni.“
„Oh.“ Sie sah verwirrt aus. „Was ist mit dem Geld für Miete und Essen? Wirst du dir einen Job suchen?“
„Das bezahlen meine Eltern.“
Ihre Augen rollten nach oben, so als ob sie diese Information verarbeiten musste. „Okay. Aber wir können nicht auf dem Campus wohnen. Wenn wir uns dort bewerben, kriegen wir nur eine Wohnung als Ehepaar und dann hätten wir nur ein Schlafzimmer. Das ist blöd. Ich habe nach den günstigsten freien Wohnungen gesucht. Ich schicke dir die Liste per E-Mail, dann kannst du entscheiden, welche dir am besten gefällt. Sie sind nicht schön, aber ich kann mir nicht mehr leisten.“
„Der Kredit deckt auch die Miete ab“, erklärte Fraser, der befürchtete, dass er in einer Bruchbude in einem zwielichtigen Viertel landete.
„Ich weiß, aber je niedriger meine Ausgaben sind, desto weniger Schulden habe ich nach dem Abschluss.“
„Klar.“ Er fuhr sich über den Unterkiefer. „Ich werde mit meinen Eltern sprechen. Sie bezahlen bestimmt die Miete für uns beide, du musst dir keine Sorgen machen.“ Ihnen zu erklären, dass er ein Mädchen geheiratet hatte, das er kaum kannte, würde kein besonders angenehmes Gespräch werden. Im Allgemeinen waren sie aber entspannt und er war sich sicher, dass sie den Schock bald überwinden würden.
„Das geht nicht“, sagte Scarlett und schüttelte den Kopf. „Ich muss meine Miete selbst bezahlen.“
„Das macht ihnen nichts aus.“
„Mir aber.“ Sie starrte ihn an. „Ich kann mir das leisten. Wir müssen nur etwas Billiges finden.“
„Okay.“ Er berührte ihren Arm, in der Hoffnung, sie damit zu beruhigen. „Schick mir die Wohnungen. Ich werde mich auch umsehen, wir finden bestimmt etwas Passendes.“
„Gut.“ Sie verlagerte ihr Gewicht und starrte auf seine Hand auf ihrem Arm, bis er sie zurückzog. „Danke, dass du mich geheiratet hast.“
„Gern geschehen. Willst du etwas essen gehen?“
„Wann?“
„Jetzt ...“
„Nein. Ich habe noch zu tun. Ich muss gehen.“ Sie trat ein paar Schritte von ihm weg. „Tschüss.“
„Tschüss“, sagte er, blieb wie angewurzelt stehen und blickte ihr nach.
„Das war merkwürdig“, sagte Liam, als er und Allie sich jeweils neben ihn stellten.
„Ja“, antwortete Fraser.
Liam klopfte ihm auf die Schulter. „Nur, damit ich das richtig verstanden habe. Du wirst die nächsten drei Jahre in einem Drecksloch mit einer Frau wohnen, die dich hasst?“
„Sie hasst mich nicht.“
„Doch, ich bin mir ziemlich sicher.“ Allie lehnte ihren Kopf an seine Schulter. „Aber ich mag sie irgendwie.“
Fraser rang sich ein halbherziges Lächeln ab. Was zum Teufel hatte er getan?
Seinen Eltern die frohe Botschaft zu überbringen, war noch schwieriger als erwartet.
