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Das Gefühl innerer Zufriedenheit, wenn man am Morgen ganz ruhig den Bienen am Bienenstand beim Ein- und Ausflug zuschaut; das Glück, einer Jungbiene beim Schlupf aus ihrer zu eng gewordenen Brutzelle aus Wachs zusehen zu können; oder das Gefühl, als würde die Zeit stillstehen, eingehüllt in eine Wolke aus Tausenden Bienen auf der Suche nach einem neuen Zuhause – oft sind es die kleinen Dinge und Augenblicke, die einen an die Schönheit des Lebens erinnern. Doch Gregor Haniaks lebhafte Schilderungen sind mehr als nur eine poetische Ode an die Bienen. Schließlich gibt es unendlich viel Wissenswertes über diese faszinierenden Tiere zu berichten. Sie schmecken die Süße der Blumen mit ihren Füßen, spüren schon im Flug, ob eine Blume bereits von einer anderen Biene besucht wurde, und sehen Dinge, die wir höchstens erahnen können. Kommen Sie mit auf eine Reise kreuz und quer durch diese bunte und spannende Welt und tauchen Sie ein in ein Leben voller Hingabe und Liebe zu diesen bezaubernden Insekten und die sie umgebende Natur.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Gregor Haniak
Ein Tag unter Bienen
ISBN (Print) 978-3-96317-413-1
ISBN (ePDF) 978-3-96317-984-6
ISBN (ePUB) 978-3-96317-985-3
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»Jene, welche die Schönheit der Erde wahrhaft sehen können, finden darin Kraftreserven, die ein Leben lang reichen.«
– Rachel Carson (1907–1964) –
Für Julia, die fleißigste aller Bienen
In einer Welt aus Wachs und Honig, in der nur die Düfte, Berührungen und Vibrationen der Abertausenden anderen Bienen durch das Dunkel der Wabengassen leiten, in der weder Gedanken an Vergangenheit noch Zukunft das momentane Tun beeinflussen, in einer Welt weit weg von egoistischen Belangen und vollkommen frei von persönlichen Besitzansprüchen, scheint es, als wäre man selbst nicht existent – als würde man mit all den anderen Bienen einen übergeordneten, lebendigen Organismus bilden, unter dessen Gesamtheit sich jegliche Individualität freiwillig unterordnet. Gleichzeitig ist alles erfüllt von einem wohltuenden Gefühl der Geborgenheit und der vollkommenen Zugehörigkeit, hervorgerufen durch den ständigen Austausch mit den unzähligen anderen Bienen ringsherum und den dominanten Duft der Königin überall im Stock. Ein kaum greifbares Gefühl, welches eine so tiefe Zusammengehörigkeit spüren lässt, dass völlig klar ist, dass man ohne diese nicht lange überleben würde. Ähnlich einem Kind im Mutterleib, umschlossen von Wärme und Geborgenheit – eins mit der Mutter und doch alleinstehendes Individuum.
Überall liegt der intensive Geruch von Honig, Propolis und Wachs in der Luft. Gleichzeitig ist alles umgeben von einer wohligen Wärme und einem alles einnehmenden Summen, erzeugt von der Gesamtheit aller Bienen des Volkes, als gäbe es eine Art Grundfrequenz, die es stets zu halten gilt – eine allumfassende Schwingung, die das Volk eint.
Der plötzlich aufkommende innere Drang, durch das Dunkel hindurch in Richtung des Lichts der Fluglochöffnung zu krabbeln, um so ins Freie zu gelangen, wird nun unbändig groß. Über Hunderte Wabenzellen hinweg, gefüllt mit Brut, Honig und Blütenpollen, vorbei an all den Bienen, jede ihrem eigenen Trieb folgend, doch stets hingebungsvoll im Dienst des Volkes, und schließlich durch die Öffnung am Boden des kleinen Königreichs hindurch ins Freie.
Beim Durchtritt nach draußen wechselt das dauerhaft umgebende Dunkel des Bienenstocks plötzlich in ein helles, glänzendes Licht, als hätte man eine Pforte in eine völlig andere Welt durchschritten – ein Licht, welches jetzt alles einzunehmen scheint, ein Licht, welches das innere Bestreben, die Flügel zu weiten und loszufliegen, nun unaufhaltsam stark werden lässt.
Doch da, ganz leise, wie die meist nicht bewusst wahrgenommene Hintergrundmusik in einem Film, beginnt sich ein sanftes Vogelgezwitscher zwischen die Szenen des sich jetzt langsam auflösenden Traumes zu schmuggeln. Als wären Traum und Realität für kurze Zeit eins, wagt sich sacht das Wachbewusstsein zwischen die Bilder und Gedanken der Nacht, um behutsam in den Tag zu überführen. Was bleibt, sind die noch kurz nachhallenden Erinnerungen und Gefühle sowie ein stetig leiser werdendes und nur noch hintergründig wahrnehmbares Summen als letzter Rest eines träumerischen Nachklangs, den der nun fast schon ganz verblasste Traum als flüchtige Erinnerung im Kopf zurückließ. Ein Traum, so lebendig und authentisch, als wäre man realer Teil dieser völlig anderen Welt. Doch hat sich der Vorhang der nächtlichen Bühne erst einmal geschlossen, erweist sich die so echt und gegenwärtig angefühlte Szenerie letztlich nur als Trugbild der eigenen Gedanken.
Eine glänzende Helligkeit, wie sie wohl nur die in das Zimmer scheinende Morgensonne verursachen kann, dringt durch die erst einen winzigen Spalt weit geöffneten Augenlider. Durch das über Nacht zum Garten offen stehen gelassene Fenster gelangt der melodische Gesang einer Amsel durch das Ohr in das inzwischen fast schon vollständig die Oberhand übernommene Wachbewusstsein.
Es muss ein sonniger Tag im Frühling sein. Der in das kleine Zimmer hereinströmende Duft der verschiedenen im Garten bereits aufgegangenen Frühjahrsblüten schürt die innere Vorfreude aufzustehen, um die jetzt in voller Kraft stehende Natur draußen genießen und entdecken zu können.
Ein Tag voller Arbeit steht bevor, schöne Arbeit. Arbeit an den Bienenvölkern, die auf einem sonnigen Platz am Wiesenhang direkt oberhalb des kleinen am Waldrand gelegenen Häuschens stehen, wo die Bienen vermutlich schon mit den ersten vereinzelten Ausflügen durch die noch kühle Morgenluft begonnen haben, um Pollen und Nektar von den nun in voller Blütenpracht stehenden Obstbäumen der um das Häuschen gelegenen Streuobstwiese sammeln zu können – Futter für sich und die jetzt im Frühjahr bereits stark zugenommene Bienenbrut. Dringend benötigtes Futter, welches jetzt für die zahlreichen hungrigen Maden im stetigen Takt herangebracht werden muss, um aus ihnen möglichst rasch möglichst viele arbeitsfähige Bienen heranzuziehen.
Schon im Winter, etwa um die Jahreswende herum, kann es sein, dass die Königin nach einer mehrwöchigen Winterpause wieder beginnt, die ersten Eier zu legen. Zunächst werden nur die Böden weniger nebeneinander liegender Zellen mit den kleinen weißen Stiften versehen. Mit den steigenden Temperaturen jedoch werden zum Frühling hin dann immer mehr Eier von ihr gelegt, bis schließlich ganze Waben voll mit neuer Bienenbrut bestückt sind. Und diese will natürlich gefüttert werden, so wie jegliche Nachkommenschaft.
Kaum dass sich die Augen geöffnet haben, fährt auch schon die große, feuchte Zunge des Hundes einmal quer über das gerade erst erwachte Gesicht. Regelrecht freudestrahlend sitzt er vor dem Bett und schaut einen mit seinen großen braunen und erwartungsvoll dreinschauenden Augen an. Aufgeregt hechelnd, mit einem Ausdruck im Gesicht, als wäre er ein Kind kurz vor der weihnachtlichen Bescherung. Als wäre dieser Tag nicht ähnlich den bereits vergangenen Tagen, als gäbe es heute etwas ganz besonders Aufregendes zu erleben – einhergehend mit einem völligen Unverständnis darüber, warum man noch nicht aufgestanden und mit ihm direkt aus dem Haus in den Garten gerannt ist. Zieht es ihn doch nun mehr als dringlich hinaus in die Natur, wo sicher schon tausend Gerüche und Düfte auf ihn warten. Gerüche, von denen wir noch nicht einmal eine Ahnung haben, wie sie riechen. Waren Rehe über Nacht auf der Wiese? Hier hat doch ein Marder den Weg gekreuzt! Hat dort das Eichhörnchen etwas im Boden versteckt? Oder ist des Nachbars Katze denn etwa schon wieder im Revier gewesen? Eine Duftwelt, die uns verborgen bleibt. Dass Hunde besser riechen können als wir Menschen, ist wohl unbestreitbar. Doch mit dem sensiblen Geruchssinn der Bienen können selbst Hunde nicht mithalten.
Tatsächlich sind Bienen mindestens ebenso gute Spürhunde wie unsere bellenden Hausfreunde. Zumindest was die Geruchswahrnehmung angeht. Auf Befehle wie »Platz« und »Such« werden sie wohl nicht so gut reagieren wie unsere vierbeinigen Spürnasen, doch sind Bienen den Hunden in Sachen Riechen dafür um eine »Nasenlänge« voraus. So können sie mit ihren zwei feinen Antennen, welche zusammen über etwa 60 000 Geruchsrezeptoren besitzen, schon einzelne Duftmoleküle in einem Kubikzentimeter Luft wahrnehmen. Zum Vergleich: Die Geruchsschwelle des Menschen liegt bei etwa 200 Millionen Molekülen in einem Kubikzentimeter Luft. Mit ihren sensiblen Rezeptoren auf den Antennen können Bienen Gerüche bereits aus mehreren Kilometern Entfernung identifizieren.
Diese unfassbare Geruchswahrnehmung ist für die fleißigen Sammlerinnen bei ihrer Suche nach Nektar von überaus großer Bedeutung, um nicht jedes Mal kreuz und quer die gesamte Umgebung suchend abfliegen zu müssen, sondern eine eventuell lohnende Futterquelle schon aus weiter Entfernung ausmachen zu können. Dabei können Bienen dank der paarig am Kopf angebrachten Antennen sogar orten, woher ein Duft kommt und so direkt zu dessen vielversprechendem Ursprung navigieren – eine Effizienz, die die Evolution in Millionen von Jahren nicht besser hätte hervorbringen können.
Doch hat sich inzwischen auch der Mensch die überragende Duftwahrnehmung der Biene zunutze gemacht. So konnte man Bienen tatsächlich auf einen bestimmten Geruch wie zum Beispiel den einer bestimmten Droge oder eines Sprengstoffes trainieren. Hierfür wurden Flugbienen zu Konditionierungszwecken mit geringen Mengen eines bestimmten Duftstoffes in Kontakt gebracht. Verbunden mit einer gleichzeitig verabreichten Futtergabe (in Form eines kleinen Tropfen Zuckerwassers) wurden die Bienen so auf den jeweiligen Geruch geprägt. Dies hatte zur Folge, dass sie bereits bei wenigen Molekülen des antrainierten Stoffes in der Luft begannen, in Vorfreude auf eine erneute Futtergabe ihren Saugrüssel herauszustrecken.
Doch wie macht man sich dieses Verhalten nun zunutze? Und zwar indem man die so konditionierten Bienen in einer Apparatur mittels einer Kamera überwacht und digital registriert, wie oft und wie lange die Bienen ihren Rüssel herausstrecken. Ab einem gewissen Schwellenwert gibt der Computer dem menschlichen Beobachter dann ein Signal, was wiederum meist ein eindeutiges Zeichen dafür ist, dass Moleküle des jeweiligen Stoffes irgendwo in der näheren Umgebung vorhanden sein müssen. Und tatsächlich wurde dies unter anderem bereits erfolgreich an Flughäfen getestet. Ob dieser Prozess nun wirklich praxistauglich ist, wird sich noch herausstellen. Auf der einen Seite spart man sich so ein zeit- und kostenintensives Training, wie es bei Spürhunden vonnöten ist, andererseits haben Bienen jedoch leider ein recht kurzes Leben, und der technische Aufwand beim Training und bei der Überwachung der Bienen mittels eines Computers ist sicher auch nicht zu unterschätzen. Allerdings sind Hunde nur eine kurze Zeit einsatzfähig, wohingegen man die Spürbienen viele Stunden durchgängig im Einsatz lassen kann. Wie sich der gesamte Prozess für so eine kleine Biene anfühlt, steht jedoch noch einmal auf einem ganz anderen Blatt. Könnte man sie fragen, wäre sie sicher nicht allzu begeistert von derlei missbräuchlichem Umgang mit ihrem eigentlich zur Futtersuche optimierten Geruchssinn.
Fest steht, dass der Geruchssinn neben dem Sehsinn für Bienen eine ganz besondere Rolle in ihrem Leben spielt. Nicht nur, dass sie Futterquellen damit überaus effizient ausmachen können – auch läuft ein großer Teil ihrer Kommunikation über Gerüche ab. So wird beispielsweise durch Pheromone aus der Kopfdrüse der Königin die Harmonie im Volk erhalten, bestimmte Vorgänge, die das Brutverhalten beeinflussen, gesteuert oder fremde von volkseigenen Bienen unterschieden.
Eine Geruchswelt, die uns mit unserer doch eher sehr bescheidenen Duftwahrnehmung zu »erriechen« verwehrt bleibt, sodass wir für das Aufspüren von bestimmten Gerüchen zunächst wohl weiterhin auf die Hilfe aus der Tierwelt angewiesen sein werden. Eine Geruchswelt, von der wir überall in der Natur umgeben sind, aber nur einen minimalen Bruchteil wahrnehmen können.
Gerade erst zur Tür herausgestürmt, klebt der Hund auch schon mit vibrierender Nase am noch feuchten Gras der Streuobstwiese und zieht hektisch schnüffelnd seine Kreise durch den Garten. Welchen Spuren genau er da so eifrig folgt, lässt sich von menschlicher Warte aus höchstens erraten. Glücklicherweise bietet unser eingeschränkter Geruchssinn auch die Möglichkeit, sich auf all die anderen faszinierenden Geschehnisse in der Natur zu fokussieren. Gerade jetzt im Frühling, wenn die immer wärmer werdenden Sonnenstrahlen Bäume, Sträucher und Wiesen förmlich aufleben lassen und zum Erblühen bringen, passiert hier so viel Spannendes. Kann man doch gerade zu dieser Jahreszeit zahlreiche kleine und große Beobachtungen machen, nimmt man sich nur die Zeit dafür.
Bedingt durch die nun zunehmend aus ihrem Winterschlaf erwachte Natur stehen nach den ersten Frühjahrsblühern jetzt auch die Obstbäume in voller Blüte. Die Morgensonne lässt die weiße Pracht fast schon wie in einem verzaubert wirkenden Licht erscheinen. Der süßliche Duft der verschiedenen Obstblüten liegt mit belebender Frische in der Luft. Ein Duft, der einen während des morgendlichen Spaziergangs durch den direkt am Haus angrenzenden Obstgarten mit einer Art wohltuender innerer Freude und Geborgenheit erfüllt.
Erfreulicherweise ist der wunderbar liebliche Geruch des Frühlings auch mit der menschlichen Nase schon wahrnehmbar. Schließt man die Augen und beraubt sich so selbst für kurze Zeit um einen der dominantesten Sinne, kann man die verschiedenen Gerüche noch besser wahrnehmen. Das betörend blumig-süße Aroma der Obstbaumblüte ist nun so intensiv, dass es beinahe scheint, als wetteiferten die verschiedenen Pflanzen geradezu darum, den stärksten und dominantesten Duft abzugeben. Doch birgt der fast schon verschwenderisch in der Luft liegende Geruch auch eine Art Geheimnis, welches man nicht zu durchschauen vermag – wie ein Lied in einer fremden Sprache, dessen Bedeutung allerhöchstens zu erahnen ist. Schließlich ist diese »Sprache der Blumen« auch nicht für uns Menschen bestimmt, sondern richtet sich an die nun so zahlreich durch den Garten umherfliegenden Bestäuber. Eine Form der Kommunikation zwischen Blüten und Insekten, die bereits vor Millionen von Jahren, weit bevor es uns Menschen gab, entwickelt wurde.
Hier und da brummen schon die ersten Hummeln zwischen den Zweigen der Obstbäume umher, die sich mit ihrem dichten Pelz am kühlen Morgen noch vor den Honigbienen hinauswagen, um vom reichhaltigen Nektarangebot der nun in voller Pracht stehenden Blüten zu naschen.
Die morgendlichen Sonnenstrahlen treffen jetzt auch auf die von der Nacht ausgekühlten Bienenkästen, wo sich im Moment noch nur vereinzelt mutige Bienen an den Fluglöchern beim Ein- und Ausfliegen zeigen. In etwa einer Stunde jedoch wird der Flugverkehr am Bienenstand merklich zugenommen haben, und Tausende von Bienen werden emsig von Blüte zu Blüte fliegen, um sich am frischen Nektar der weißen Obstblüten zu stärken.
Von überallher hört man aufgeregt freudiges Vogelgezwitscher. Oft noch vor Sonnenaufgang, meist ganz oben auf der Spitze der großen Fichte am Waldrand sitzend, läutet das Amselmännchen voller Inbrunst mit seinem Gesang den Tag ein, als gäbe es nur diesen einen. Kurz gefolgt von dem fröhlichen Gepiepse der Kohl- und Blaumeisen sowie dem melodischen Morgengesang des Buchfinken.
Doch auch jetzt noch, nachdem die Sonne es schon über die Baumwipfel des angrenzenden Waldes geschafft und das in den frühen Morgenstunden so lautstarke Vogelgezwitscher bereits an Intensität abgenommen hat, ist ringsherum der bunte Gesang der verschiedenen Vögel aus den Büschen und Bäumen in der Umgebung zu vernehmen.
Fast wirkt es, als wolle der kleine Fluss hinter dem Haus mit seinem leisen Geplätscher freudig mit einstimmen in das morgendliche Frühjahrskonzert der Natur.
Noch liegt schwach der Nebel über der Wiese am Hang bei den Bienen. Doch bald schon wird er von der nun zunehmenden Sonneneinstrahlung vertrieben werden. Mit den steigenden Temperaturen wachen auch die Bienen immer mehr auf.
Spätestens jetzt, wenn die Obstbäume in voller Blüte stehen und so ausreichend Nektar für die Bienen liefern, ist der Zeitpunkt gekommen, mit der ersten Frühjahrsdurchsicht der Bienenvölker zu beginnen, um zu kontrollieren, wie die Bienen den langen und kalten Winter überstanden haben.
Schon am Treiben vor dem Flugloch kann man erkennen, wie gut die Bienen durch den Winter gekommen sind. Tragen die Arbeiterinnen fleißig Pollen ein und herrscht starker Flugverkehr am Eingang der Behausung, scheint alles in Ordnung zu sein. Die Königin hat den Winter vermutlich gut überstanden und wird wohl schon eifrig für künftige Nachkommenschaft sorgen. Ist der Eingang hingegen stark mit kleinen braunen Kotspritzern befleckt und fliegt nur selten mal eine Biene rein oder raus, kann es sein, dass das Volk erkrankt ist. Hier stellt sich dann die Frage, ob die Königin überhaupt noch lebt. Sollte die Königin den Winter nicht überstanden haben, wäre das Volk ohne imkerlichen Beistand zum Sterben verdammt. Sicher ist der Anblick eines leeren Bienenkastens mit lauter toten Bienen auf dem Boden nie schön und ist gerade zu Beginn der Imkerei stets wie eine kleine Katastrophe, doch steigt mit den Jahren das Verständnis dafür, dass auch dies letztlich zum Plan der Natur gehört und eine gewisse Sterberate unter den Bienenvölkern schlicht mit dazugehört und somit für eine notwendige Auslese sorgt, auch wenn aus menschlicher Warte immer eine gewisse Traurigkeit darüber mitschwingt. Glücklicherweise kommt dies nur recht selten vor. Die meisten Bienenvölker kommen in der Regel heil und unbeschadet über den langen Winter – hat die Natur sie doch über Jahrmillionen auf dieses alljährlich wiederkehrende Ereignis gut vorbereitet.
Einer der beglückendsten Momente als Imker ist es, die Bienen bei ihren ersten Ausflügen im Frühjahr zu beobachten. Sobald die Frühjahrssonne auf die hölzerne Behausung trifft und die Außentemperatur über 10 °C steigt, wagen sich die ersten mutigen Bienendamen nach draußen, um den oft dringend benötigten Blütenpollen und Nektar für sich und die vielen hungrigen Madenmäuler im Bienenstock zu sammeln.
Die hier in der Umgebung zahlreich vorkommenden Salweiden bieten mit ihren gelben Weidenkätzchen meist die erste ergiebige Futterquelle für die Bienen, während die anderen Bäume noch im Winterschlaf zu sein scheinen und erst wesentlich später austreiben. Zu dieser Zeit kann man an den Fluglöchern der Bienenkästen immer wieder Bienen mit dicken gelben Pollenpaketen an den Hinterbeinen zurück in den Stock fliegen sehen. Der Pollen und Nektar der Salweiden, Märzenbecher, Krokusse und Schneeglöckchen sind im zeitigen Frühjahr ein wichtiger Futterlieferant für die immer zahlreicher werdenden Brutzellen und die sich darin entwickelnden Jungbienen im Stock.
Doch bringen gerade die ersten Ausflüge der Bienen noch ein ganz anderes Problem der fleißigen Damen zum Vorschein. Nachdem die Bienen mehrere Wintermonate eng zusammengekuschelt in ihrem Stock verbracht haben, oft ohne ein einziges Mal nach draußen austreten zu können, ist das Bedürfnis, die inzwischen übervolle »Kotblase« endlich zu entleeren, doch recht hoch. In der Kotblase werden die den Winter über angefallenen Verdauungsreste meist bis zum Frühjahr gespeichert, um aus hygienischen Gründen nicht das eigene Zuhause damit verunreinigen zu müssen. Letztlich dient dies dazu, der Verbreitung von eventuell im Kot vorkommenden Krankheitsüberträgern Einhalt zu gebieten. Die Kotblase kann hierbei bis zu vier Fünftel des gesamten Hinterleibs einnehmen. Zum Frühjahr hin ist diese allerdings dann oft randvoll gefüllt und es besteht dringender Handlungsbedarf. Schaffen es die Außentemperaturen endlich über 10 °C, gibt es oft kein Halten mehr und die Bienen drängt es hinaus, um sich endlich erleichtern zu können. In der Imkerei spricht man hier auch vom sogenannten »Reinigungsflug« der Bienen. Gelegentlich kommt es vor, dass dabei sogar noch Schnee liegt, was dazu führen kann, dass die Bienen, von der Reflexion des Schnees irritiert, abstürzen, was leider fast immer einen recht schnell eintretenden Unterkühlungstod der mutigen Flieger nach sich zieht.
Aber nicht nur für Bienen ist der Reinigungsflug gefährlich. Auch das Auto der Nachbarn oder die frisch gewaschene, draußen aufgehängte Wäsche laufen große Gefahr, mit vielen kleinen braunen Kotspritzern übersät zu werden, was wiederum nicht immer Sympathiepunkte für die bienenhaltende Person vor Ort mit sich bringt. Hier hilft nur Aufklärung mittels eines vorwarnenden Gesprächs mit eventuell hiervon betroffenen Nachbarn. Sollte es doch zum Streitfall kommen, kann auch – je nach nachbarlicher Beziehungslage – auf das »Bürgerliche Gesetzbuch« (BGB) verwiesen werden. In diesem steht sinngemäß, dass hier eine Duldung durch die von dem kleinen Bombardement betroffenen Nachbarn zu erfolgen hat, sofern die Bienenhaltung als »ortstypisch« anzusehen ist. Als nicht »ortstypisch« anzusehen wäre es zum Beispiel, wenn der Nachbar im Schrebergartenverein spontan beschließt, seine Gartenparzelle in einen professionellen Imkereibetrieb umzuwandeln und die gesamte Fläche des kleinen Areals mit Dutzenden Bienenkästen vollstellt, sodass die anliegenden »Laubenpieper« aus dem Gartenverein vor lauter herumzischenden Bienen kaum noch die Karotte vor Augen sehen können und sich aus Angst vor den Bienen in ihre Gartenhütten zurückziehen müssen. Gegen wenige Bienenvölker im eigenen Garten mit ausreichendem Abstand zu nachbarlichen Grundstücken lässt sich jedoch schwerlich etwas sagen. Die Bienenhaltung sollte aber stets den örtlichen Gegebenheiten angepasst sein. Generell ist es wohl zu empfehlen, einen eventuellen Zuzug von Bienen immer vorher mit der anliegenden Nachbarschaft abzusprechen. Schon allein des lieben nachbarschaftlichen Friedens willen. Hilfreich für besagten Frieden ist es auch, die Nachbarschaft immer mal wieder mit einem Glas Honig zu beglücken. Sollte jedoch jemand in der näheren Umgebung eine Bienengiftallergie haben, ist es sicher ratsam, vorsichtshalber besser über einen anderen Standort für die Bienen nachzudenken.
Kaum dass der Hund seinen Kontrollgang durch den Garten beendet hat, scheint er nun voll und ganz auf seine anstehende Fütterung fokussiert zu sein. Zurück im Haus wirkt es, als gäbe es jetzt nur noch dieses eine Ziel – als wäre sein gesamtes Leben ausschließlich von dieser einen Futtergabe abhängig.
Den Blick voller aufmerksamer Spannung verfolgt er nun jeden Handgriff, ist er sich doch sicher, dass nun wie jeden Tag seine morgendliche Speisung folgen muss. Nähert man sich dem Schrank, in dem das Futter steht, scheinen seine Augen nochmals ein Stückchen größer zu werden. Öffnet man jetzt noch die Tür zum verheißungsvollen Schrank, scheint es, als bekäme ihn nichts und niemand aus seiner momentanen Fokussierung heraus. Geist und Körper sind jetzt gänzlich auf die anstehende Futtergabe konzentriert. Vermutlich könnte das Haus um ihn herum einstürzen und der Hund würde immer noch dastehen und voller Erwartung auf den Schrank mit dem so heiß begehrten Inhalt stieren.
Endlich erlöst von seinem sehnsüchtigen Warten, verschlingt er dann sein Futter, als gälte es, einen neuen Zeitrekord in der Kategorie Futteraufnahme aufzustellen. Mit Essen hat dies allerdings nicht mehr allzu viel zu tun. Es wirkt eher, als würde er versuchen, sein Futter wie ein Waran hinunterzuschlingen. Danach will er natürlich am liebsten gleich auf einen Spaziergang in den Wald, wo sicher schon frische Hasen-, Reh- und Wildschweinspuren auf ihn warten. Doch da muss er sich noch etwas gedulden.
Beim nachfolgenden Frühstück ist für ihn das einzig Spannende, ob nicht doch ein leckeres Stück Honigbrot vom Teller fällt. Doch dieser Wunsch bleibt ihm heute leider verwehrt.
Die sich anschließende und vom Hund bereits erwartungsvoll ersehnte Gassirunde durch den unterhalb des Grundstücks direkt angrenzenden Wald ist ein fast täglich ausgeführtes Ritual, welches vor Beginn der Arbeiten an den Bienen eine Art Initiation in den Tag darstellt.
Direkt bei Eintritt in die dichte, Schatten spendende Vegetation des Waldes steigt auch schon der angenehme Duft von harzigen Kiefern und feuchtem Waldboden in die Nase. Waldgeruch, der nachweislich wohltuend auf die menschliche Psyche wirkt. Nicht nur, dass die wohlriechende Luft positiven Einfluss auf das Hormonsystem nimmt, sie enthält auch natürlich vorkommende, von den Bäumen zum Schutz vor Hitze und Schädlingen gebildete ätherische Öle, welche gesundheitsfördernd auf unser Atemsystem wirken.
Ein leises, gleichmäßiges Rauschen der sich im leichten Wind wiegenden Baumkronen liegt über dem gesamten Wald wie eine beruhigende Begleitsymphonie.
