Verlag: Suhrkamp Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Ein unvergänglicher Sommer E-Book

Isabel Allende  

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E-Book-Beschreibung Ein unvergänglicher Sommer - Isabel Allende

Ein Schneesturm in Brooklyn, und den Auffahrunfall tut Richard als belanglose Episode ab. Aber kaum ist der eigenbrötlerische Professor zuhause, steht die Fahrerin des anderen Autos vor der Tür. Evelyn ist völlig aufgelöst: In ihrem Kofferraum liegt eine Leiche. Zur Polizei kann sie nicht, denn das scheue guatemaltekische Kindermädchen ist illegal im Land. Richard wendet sich Hilfe suchend an Lucía, seine draufgängerische chilenische Untermieterin, die ebenfalls an der Uni tätig ist. Lucía drängt zu einer beherzten Aktion: Die Leiche muss verschwinden. Hals über Kopf machen sie sich auf den Weg in die nördlichen Wälder, auf eine Reise, die die drei zutiefst verändern wird. Und am Rande dieses Abenteuers entsteht etwas zwischen Richard und Lucía, von dem sie beide längst nicht mehr zu träumen gewagt hatten. »Nicht die Schwerkraft hält unser Universum im Gleichgewicht, sondern die Liebe.« Isabel Allende erzählt uns eine Geschichte, wie nur sie es kann, beseelt, humorvoll und lebensklug. Eine Geschichte von Flucht, Verlust und spätem Neuanfang. Und davon, wie viel wir Menschen erleiden können, ohne unsere Hoffnung zu verlieren.

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E-Book-Leseprobe Ein unvergänglicher Sommer - Isabel Allende

Isabel Allende

Ein unvergänglicher Sommer

Roman

Aus dem Spanischen von Svenja Becker

Suhrkamp Verlag

Für Roger Cukras, wegen der unverhofften Liebe

Au milieu de l’hiver, j’apprenais enfin

qu’il y avait en moi un été invincible.

Mitten im Winter erfuhr ich endlich,

dass in mir ein unvergänglicher Sommer ist.

Albert Camus, »Retour à Tipasa« (1952)

Lucía

Brooklyn

Ende Dezember 2015 ließ der Winter noch immer auf sich warten. Weihnachten kam mit seiner Überdosis Glöckchenklang, und die Leute trugen weiter T-Shirts und Sandalen, freuten sich über die Verwirrung der Jahreszeiten oder fürchteten die Klimaerwärmung, während hinter den Fensterscheiben künstliche, mit funkelndem Raureif bestäubte Bäume aufgestellt wurden, die unter Eichhörnchen und Vögeln Verwirrung stifteten. Drei Wochen nach Neujahr, als schon niemand mehr an eine kalendarische Verspätung glaubte, kam die Natur plötzlich zu sich, schüttelte ihre herbstliche Schläfrigkeit ab und ließ den ärgsten Schneesturm seit Menschengedenken über der Stadt niedergehen.

In einer Souterrainwohnung in Prospect Heights, einem Kellerloch aus Zement und Backstein mit einem Schneeberg vor dem Eingang, verfluchte Lucía Maraz die Kälte. Sie besaß das stoische Wesen der Menschen ihrer Heimat: An Erdbeben, an Überschwemmungen, an gelegentliche Riesenwellen und politische Erdrutsche war sie gewöhnt; geschah über geraume Zeit kein Unglück, wurde sie unruhig. Dennoch erwischte sie dieser nach Brooklyn verirrte sibirische Winter auf dem falschen Fuß. In Chile schneite es nur in den Anden und ganz unten im Süden, in Feuerland, wo der Kontinent in Inseln ausperlt, die antarktischen Winde einem den Frost in die Knochen treiben und das Leben hart ist. Lucía stammte aus Santiago, zu Unrecht gepriesen für sein lindes Klima, obwohl die Winter nasskalt, die Sommer trocken und sengend heiß sind. Die Stadt liegt zwischen violetten Bergen, die manchmal am Morgen weiß bemützt sind; dann strahlt das reinste Licht der Welt von den gleißenden Gipfeln wider. Sehr selten fällt über der Stadt ein trauriges, bleiches Puder, das wie Asche aussieht und die Stadtlandschaft nicht aufzuhellen vermag, ehe es zu brauner Matsche verkommt. Weiß ist Schnee nur in der Ferne.

In ihrem Bau in Brooklyn, der einen Meter unter Straßenniveau lag und sich schlecht heizen ließ, war der Schnee ein Albtraum. Die Eisblumen an den kleinen Fenstern machten das einfallende Licht noch schummriger, und die nackten Glühbirnen an der Decke sorgten kaum für Abhilfe. Die Wohnung verfügte nur über das Nötigste, eine wilde Mischung aus mehrfach weitergegebenen, abgewohnten Möbelstücken und ein paar Gerätschaften für die Küche. Ihr Eigentümer, Richard Bowmaster, hatte weder einen Sinn für Dekoration noch für Behaglichkeit.

Das Unwetter begann am Freitag mit dichtem Schneefall und heftigen Böen, die durch die fast menschenleeren Straßen fegten. Die Bäume bogen sich, und der jähe Frost tötete die Vögel, die in der trügerischen Milde des vergangenen Monats vergessen hatten, nach Süden zu ziehen oder sich ein warmes Plätzchen zu sichern. Die Stadtreinigung sollte hinterher säckeweise erfrorene Spatzen fortschaffen. Die mysteriösen Papageien auf dem Friedhof von Brooklyn überlebten den Schneesturm hingegen, wie man drei Tage später feststellen konnte, als sie wieder zwischen den Gräbern herumpickten. Schon seit Donnerstag hatten die Reporter im Fernsehen mit ernsten Mienen und Grabesstimmen, die sonst Berichten über Terroranschläge in fernen Ländern vorbehalten waren, vor dem nahenden Unwetter gewarnt und katastrophale Zustände für das Wochenende vorhergesagt. Für New York wurde der Notstand ausgerufen, und der Dekan der Fakultät, an der Lucía arbeitete, traf die entsprechenden Vorkehrungen und wies alle an, den Unterricht ausfallen zu lassen. Für Lucía wäre es ohnehin ein waghalsiges Unterfangen gewesen, sich nach Manhattan durchzuschlagen.

Den unverhofft freien Tag nutzte sie, um eine Totenerweckungssuppe zu kochen, dieses gehaltvolle chilenische Gericht, das einem Unglücklichen das Gemüt und einem Kranken den Körper stärkt. In ihren zurückliegenden vier Monaten in den USA hatte sie sich in der Cafeteria der Universität ernährt und wenig Lust verspürt zu kochen, außer in den seltenen Fällen, wenn sie von Heimweh befallen wurde oder Freunde zum Essen kamen. Für die Suppe bereitete sie jetzt eine kräftige, gut gewürzte Brühe aus angebratenem Fleisch und Zwiebeln, garte getrennt davon Gemüse, Kartoffeln und Kürbis und gab zu guter Letzt Reis dazu. Sie brauchte sämtliche verfügbaren Töpfe, und die kleine Kellerküche sah schließlich aus wie nach einem Luftangriff, aber das Ergebnis war es wert und verscheuchte das Gefühl von Einsamkeit, das sie befallen hatte, als das Schneegestöber draußen losging. Die Einsamkeit, dieser heimtückische, ungebetene Gast, wurde in den hintersten Winkel ihres Bewusstseins verbannt.

Als am Abend der Wind draußen brüllte, den Schnee um die Häuser trieb und aufdringlich durch die Ritzen pfiff, beschlich Lucía die Urangst ihrer Kindertage. Sie wusste, sie war sicher in ihrer Höhle; ihre Furcht vor der Naturgewalt war haltlos, es gab keinen Grund, Richard damit zu belästigen, außer dass er der Einzige war, an den sie sich unter den gegebenen Umständen wenden konnte, weil er in der Wohnung über ihr wohnte. Um neun gab sie dem Drang nach, eine menschliche Stimme zu hören, und rief ihn an.

»Was machst du so?«, sagte sie und gab sich Mühe, ihre Anspannung zu kaschieren.

»Ich spiele Klavier. Ist es zu laut?«

»Ich höre dein Klavier hier unten nicht, bei dem Weltuntergangsgetöse draußen. Ist das normal hier in Brooklyn?«

»Im Winter ist das Wetter manchmal schlecht, Lucía.«

»Ich habe Angst.«

»Wovor?«

»Einfach Angst, nichts Konkretes. Ich vermute, es wäre blöd, dich zu bitten, dass du kurz runterkommst und mir Gesellschaft leistest. Ich habe eine dicke chilenische Suppe gekocht.«

»Vegetarisch?«

»Nein. Ach, nicht so wichtig. Gute Nacht, Richard.«

»Gute Nacht.«

Sie genehmigte sich einen Pisco und schob den Kopf unters Kissen. Sie schlief schlecht, erwachte immer wieder aus demselben Traumsplitter, in dem sie in einem joghurtsauren, zähen Etwas Schiffbruch erlitten hatte.

Am Samstag war der Sturm auf seinem wütenden Weg weiter Richtung Atlantik gezogen, aber in Brooklyn war es noch immer trüb und kalt und schneite, und Lucía wollte das Haus nicht verlassen, denn auch wenn die Räumdienste bei Tagesanbruch mit der Arbeit begonnen hatten, war in vielen Straßen noch kein Durchkommen. Sie würde jede Menge Zeit haben, um zu lesen und ihre Seminare für die nächste Woche vorzubereiten. In den Nachrichten sah sie, dass der Sturm weiter Verwüstungen anrichtete. Sie freute sich auf die Ruhe, einen guten Roman, Erholung. Irgendwann würde sich jemand finden, der den Schnee vor ihrer Tür räumte. Die Jugendlichen aus dem Viertel würden gewiss bald von Haus zu Haus ihre Dienste anbieten, um sich ein paar Dollar zu verdienen. Sie beglückwünschte sich zu ihrem Dasein in diesem Kellerloch in Prospect Heights, wo sie tun und lassen konnte, was sie wollte. So schlecht war es hier gar nicht.

Am Nachmittag war sie das Eingesperrtsein ein wenig leid, gab Marcelo, dem Chihuahua, etwas von der Suppe ab und kuschelte sich dann mit ihm unter einem Berg von Decken auf die knubbelige Matratze eines Beistellbetts, um mehrere Folgen einer Krimiserie zu schauen. In der Wohnung war es frostig, und sie musste Wollmütze und Handschuhe anziehen.

In den ersten Wochen, als sie mit sich haderte, weil sie Chile verlassen hatte, wo sie wenigstens auf Spanisch lustig sein konnte, tröstete sie der Gedanke, dass alles sich wandelt. Das Unglück von heute ist morgen kalter Kaffee. Tatsächlich waren ihre Zweifel rasch verflogen: Die Arbeit gefiel ihr, sie hatte Marcelo, lernte Leute an der Universität und im Viertel kennen, überall waren die Menschen freundlich, und wenn man dreimal ins selbe Café ging, wurde man schon begrüßt, als gehörte man zur Familie. Die angebliche Kühle der Yankees war ein chilenischer Mythos. Die einzige irgendwie kühle Person, mit der sie zu tun hatte, war Richard Bowmaster, ihr Vermieter. Ach, zum Teufel mit ihm.

Richard hatte den braunen Sandsteinbau, der aussah wie Hunderte andere in Brooklyn, für wenig Geld von seinem besten Freund gekauft, einem Argentinier, der ein Vermögen geerbt hatte und von einem Tag auf den anderen in seine Heimat zurückgekehrt war. Wenige Jahre später war dasselbe Haus etwas heruntergekommener, aber über drei Millionen Dollar wert, weil massenhaft junge Leute, die ihr Geld in Manhattan verdienten, die malerischen Bruchbuden kauften und herrichteten und die Preise in skandalöse Höhen trieben. Früher war das Viertel von Verbrechern, Drogen und Gangs beherrscht worden, und nachts hatte sich niemand auf die Straße gewagt; aber in der Zeit, als Richard herzog, gehörte die Gegend schon, trotz der Müllcontainer, der Baumgerippe und Gerümpelhaufen in den Höfen, zu den begehrtesten des Landes. Lucía hatte Richard im Scherz vorgeschlagen, sich von diesem Relikt mit seinen knarzenden Treppen und quietschenden Türen zu trennen und seinen Lebensabend auf einer Insel in der Karibik zu genießen, aber Richard war ein Mensch von finsterem Gemüt, dessen melancholischem Naturell das Haus mit seinen Zumutungen und der Unbehaglichkeit entgegenkam, mit seinen fünf riesigen, leeren Schlafzimmern, den drei unbenutzten Bädern, dem verrammelten Dachboden und einem Erdgeschoss, in dem die Decken so hoch waren, dass man, um eine Glühbirne zu wechseln, eine Teleskopleiter brauchte.

Richard Bowmaster war Lucías Chef an der New York University, wo sie für sechs Monate als Gastdozentin lehrte. Was nach dem Semester sein würde, war offen; sie würde eine andere Arbeit und eine andere Wohnung brauchen, in der sie leben konnte, bis sie entschieden hätte, wie ihre Zukunft längerfristig aussehen sollte. Irgendwann würde sie nach Chile zurückgehen und ihre Tage dort beschließen, aber bis dahin war noch reichlich Zeit, und seit ihre Tochter Daniela in Miami Meeresbiologie studierte, offenbar verliebt war und dortbleiben wollte, zog nichts sie zurück in die Heimat. Sie hatte vor, die Jahre, ehe die Gebrechlichkeit sie ereilte, nach Kräften zu nutzen. Sie wollte im Ausland leben, wo die Herausforderungen des Alltags ihrem Kopf etwas zu tun gaben und ihr Herz einigermaßen unbehelligt blieb, denn in Chile lastete das Bekannte auf ihr, der Trott und die Begrenztheit. Dort fühlte sie sich dazu verdammt, eine alte, einsame Frau zu sein, heimgesucht von bösen, sinnlosen Erinnerungen, während sich anderswo Überraschungen und neue Möglichkeiten auftun konnten.

Die Stelle am Zentrum für Lateinamerika- und Karibikstudien hatte sie angenommen, um für eine Weile Abstand zu gewinnen und etwas näher bei Daniela zu sein. Außerdem, das musste sie zugeben, hatte Richard sie gereizt. Sie hatte eine Enttäuschung hinter sich und gedacht, Richard könnte ihr dabei helfen, sich Julián endgültig aus dem Kopf zu schlagen, die einzige nicht spurlos vergangene Liebe seit ihrer Scheidung 2010. In den letzten Jahren hatte sie feststellen können, wie spärlich das Angebot für eine Frau in ihrem Alter war. Gelegentlich ein Abenteuer, das nicht der Rede wert war, sonst nichts, bis Richard sich gemeldet hatte; sie kannte ihn schon seit über zehn Jahren, noch aus ihrer verheirateten Zeit, und hatte ihn damals bereits anziehend gefunden, ohne dass sie hätte sagen können, warum. Charakterlich war er das Gegenteil von ihr, und außer ihrer akademischen Tätigkeit hatten sie wenig gemeinsam. Früher waren sie sich gelegentlich bei Tagungen begegnet, hatten sich stundenlang über ihre Arbeit unterhalten und regelmäßig miteinander korrespondiert, ohne dass er ihr je Avancen gemacht hätte. Lucía hatte einmal eine Andeutung gewagt, was ungewöhnlich für sie war, weil sie nicht über die Nonchalance koketter Frauen verfügte. Richards Nachdenklichkeit und seine Scheu waren ein starkes Lockmittel gewesen, um nach New York zu kommen. Sie stellte sich vor, dass ein Mann wie er Tiefgang besaß, dass er ernsthaft war und edelmütig, man belohnt würde, wenn es einem gelang, die Hürden zu nehmen, die er auf dem Weg zu jeder Form von Nähe auftürmte.

Mit ihren zweiundsechzig Jahren hing Lucía noch immer Jungmädchenfantasien nach, gegen die war kein Kraut gewachsen. Sie hatte Falten am Hals, trockene Haut und schlaffe Arme, ihre Knie machten ihr zu schaffen, und sie hatte mit ansehen müssen, wie ihre Taille verschwand, weil sie nicht die Selbstdisziplin aufbrachte, sich in einem Sportstudio zu schinden. Ihre Brüste waren noch jung, aber es waren nicht ihre. Sie vermied es, sich nackt zu betrachten, fühlte sich bekleidet erheblich wohler, wusste, welche Farben und Schnitte ihr standen, und blieb strikt dabei. Sie konnte sich in zwanzig Minuten von Kopf bis Fuß neu einkleiden und ließ sich dabei selbst aus Neugier nicht ablenken. Der Spiegel war, genau wie die Fotografie, ein schonungsloser Gegner, weil in der Erstarrung jeder Makel ungemildert hervortrat. Wenn überhaupt, dann fand sie sich in der Bewegung attraktiv. Sie war gelenkig und besaß eine gewisse Anmut, unverdient, denn sie hatte nie etwas dafür getan, war esslustig und träge wie eine Odaliske und hätte, wäre es auf Erden gerecht zugegangen, fettleibig sein müssen. Ihre Vorfahren, arme kroatische Bauern, die schufteten und wahrscheinlich nie satt wurden, hatten ihr einen gesegneten Stoffwechsel vererbt. Wie eine sowjetische Gefängniswärterin, hatte ihre Tochter lachend gesagt, als sie das Foto in ihrem Reisepass sah, aber niemand bekam sie je so zu Gesicht: Ihre Mimik war lebhaft, und sie verstand es, sich zu schminken.

Alles in allem war sie zufrieden mit ihrer Erscheinung und hatte sich mit dem unvermeidlichen Verfall arrangiert. Ihr Körper alterte, aber die Jugendliche, die sie einmal gewesen war, blieb in ihrem Innern davon unberührt. Die Greisin, die sie einmal sein würde, konnte sie sich hingegen nicht vorstellen. Ihr Verlangen, das Leben auszukosten, wuchs beständig, während ihre Zukunft schrumpfte, und dazu gehörte für sie nicht zuletzt die vage, von der Wirklichkeit und ihrem Mangel an Möglichkeiten hintertriebene Hoffnung, sich neu zu verlieben. Sie sehnte sich nach Sex, Romantik und Liebe. Ersteren konnte sie ab und zu bekommen, die Romantik war dabei Glückssache, und die Liebe ein Geschenk des Himmels, das ihr wahrscheinlich nicht mehr zuteilwerden würde, wie sie gegenüber ihrer Tochter mehrfach eingeräumt hatte.

Lucía bedauerte, dass sie die Geschichte mit Julián beendet hatte, aber bereut hatte sie es nie. Sie wünschte sich Stabilität, während er mit seinen siebzig Jahren noch immer von einem Flirt in den nächsten unterwegs war, als sammelte er Trophäen. Auch wenn ihre Tochter ihr die Vorteile der freien Liebe schmackhaft machen wollte, kam für Lucía ein Zusammensein mit jemand, der sich nach anderen Frauen umsah, nicht in Frage. »Was willst du denn, Mama? Heiraten?«, hatte sich Daniela lustig gemacht, als sie von ihrer Trennung erfuhr. Nein, das nicht, aber sie wollte bei der Liebe lieben, weil sie das körperlich erregte und seelisch beruhigte. Sie wollte bei der Liebe jemand haben, der dasselbe empfand wie sie. Sie wollte sich angenommen fühlen, ohne etwas verbergen oder vorgaukeln zu müssen, und in den anderen ebenso tief hineinschauen und ihn annehmen. Sie wollte einen, mit dem sie den Sonntagvormittag zeitunglesend im Bett verbringen, im Kino Händchen halten, herumalbern und Gedanken austauschen konnte. Die Begeisterung für flüchtige Abenteuer lag hinter ihr.

Sie hatte sich an ihren Raum, ihre Stille, ihr Alleinsein gewöhnt; wahrscheinlich würde sie sich schwertun, ihr Bett zu teilen, ihr Bad und den Kleiderschrank, und kein Mann könnte je alle ihre Bedürfnisse befriedigen. In jungen Jahren hatte sie geglaubt, ohne einen Partner sei sie unvollständig und etwas Entscheidendes würde ihr fehlen. Inzwischen war sie dankbar für die Überfülle ihres Daseins. Dennoch hatte sie kurz, bloß aus Neugier, daran gedacht, sich bei einem Internetportal auf Partnersuche zu begeben. Aber Daniela hätte das von Miami aus spitzgekriegt. Außerdem wusste sie nicht, wie sie sich einigermaßen attraktiv darstellen sollte, ohne zu lügen. Den anderen ging es bestimmt genauso: Keiner sagte die Wahrheit.

Männer in ihrem Alter wünschten sich Frauen, die zwanzig oder dreißig Jahre jünger waren als sie. Das war verständlich, sie hätte auch lieber einen jungen Adonis als einen alten Tattergreis gehabt. Daniela hielt es für Verschwendung, dass sie heterosexuell war, es gebe doch jede Menge großartige Singlefrauen, tiefgründig, körperlich und emotional bestens erhalten und erheblich interessanter als die meisten verwitweten oder geschiedenen Männer zwischen sechzig und siebzig, die auf dem Markt waren. Lucía sah ein, dass sie in dieser Hinsicht eingeschränkt war, aber es schien ihr zu spät, um daran noch etwas zu ändern. Seit ihrer Scheidung hatte sie ein paar kurze intime Begegnungen gehabt, mit dem einen oder anderen Freund nach ein paar Drinks in einem Club oder mit Reise- oder Partybekanntschaften, nichts davon der Rede wert, aber es hatte ihr geholfen, die Scham zu überwinden, sich unter einem männlichen Blick auszuziehen. Die Narben an ihrem Brustkorb waren deutlich sichtbar, und ihre Brüste wie junge Zwillinge von Gazellen wirkten losgelöst von ihrem übrigen Körper; sie verhöhnten die sie umgebende Anatomie.

Ihre Vorstellung, Richard zu verführen, die ihr so reizvoll erschienen war, als sie das Jobangebot bekam, hatte sich innerhalb der ersten Woche in seiner Souterrainwohnung in Luft aufgelöst. Das relativ enge Beisammensein mit den häufigen, unausweichlichen Begegnungen bei der Arbeit, auf dem Nachhauseweg, in der U-Bahn, vor der Haustür, hatte sie einander nicht nähergebracht, sondern sie voneinander entfernt. Die Kameradschaft der internationalen Tagungen und die Herzlichkeit ihres Mailaustauschs hatten der Näheprüfung nicht standgehalten. Nein, mit Richard Bowmaster und ihr würde bestimmt nichts laufen; ein Jammer, denn er war dieser ruhige, verlässliche Typ Mann, mit dem sich zu langweilen ihr nichts ausgemacht hätte. Außerdem war sie nur ein Jahr und acht Monate älter als er, unerheblich, wie sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit anmerkte, obwohl sie sich eingestehen musste, dass sie im Vergleich mit ihm schlecht wegkam. Sie fühlte sich schwerfällig, wurde wegen einer Verkürzung ihrer Wirbelsäule immer kleiner und konnte das nicht mehr mit hochhackigen Schuhen ausgleichen, weil sie mit denen auf die Nase fiel. Gleichzeitig wuchsen die Leute ringsum in den Himmel. Ihre Studenten wirkten mit jedem Jahr größer, hoch aufgeschossen und teilnahmslos wie Giraffen. Sie war es leid, von unten die Nasenhaare ihrer Mitmenschen zu betrachten. Richard hingegen trug seine Jahre mit dem leicht verlotterten Charme des Professors, der ganz von den Fragen seines Fachs in Anspruch genommen ist.

Genau wie Lucía ihn ihrer Tochter beschrieben hatte, war Richard Bowmaster mittelgroß, besaß ausreichend viele Haare und gute Zähne, und seine Augenfarbe changierte, je nachdem, wie das Licht auf seine Brille fiel oder es seinem Magengeschwür ging, zwischen Grau und Grün. Er lächelte selten ohne triftigen Grund, aber die beständigen Grübchen in seinen Wangen und das verstrubbelte Haar gaben ihm etwas Jugendliches, obwohl er beim Gehen zu Boden starrte, immerzu Bücher mit sich herumtrug und ihn die Sorgen offenbar niederdrückten. Worin die bestanden, konnte Lucía sich nicht vorstellen, denn er schien gesund zu sein, befand sich auf dem Gipfel seiner akademischen Laufbahn und würde nach seiner Emeritierung einen komfortablen Lebensabend haben. Seine einzige wirtschaftliche Belastung war sein Vater, Joseph Bowmaster, der fünfzehn Gehminuten entfernt in einem Altersheim lebte, von Richard täglich angerufen und zweimal wöchentlich besucht wurde. Der Mann war inzwischen sechsundneunzig und saß im Rollstuhl, hatte aber so viel Herz und Verstand wie kein Zweiter; er vertrieb sich die Zeit damit, Briefe mit guten Ratschlägen an Barack Obama zu schreiben.

Lucía vermutete hinter Richards schroffer Fassade ein stilles Depot von Menschenfreundlichkeit und diskreter Hilfsbereitschaft, denn nebenher half er bei der Essensausgabe einer Wohlfahrtsorganisation und kümmerte sich ehrenamtlich um die Mönchssittiche auf dem Friedhof. Dieser Charakterzug verdankte sich vermutlich dem beharrlichen Vorbild seines Vaters; Joseph hätte seinem Sohn ein Leben ohne Einsatz für eine gute Sache nicht durchgehen lassen. Zu Beginn hatte Lucía sich Richard genauer angesehen und nach einem Ansatzpunkt gesucht, um seine Freundschaft zu gewinnen, weil sie sich aber weder für Armenspeisung noch für Papageien egal welcher Art erwärmen konnte, war ihnen nur die gemeinsame Arbeit geblieben, und sie fand keinen Zugang zu seinem sonstigen Leben. Richards Gleichmut ihr gegenüber kränkte sie nicht, für die Flirtversuche der anderen Frauen im Kollegenkreis oder der Studentinnen, die ihm schöne Augen machten, schien er ebenso wenig empfänglich. Sein Einsiedlertum gab ihr Rätsel auf, welche Geheimnisse mochten sich dahinter verbergen und wie hatte er sechs Jahrzehnte, gut geschützt von seinem Gürteltierpanzer, ohne nennenswerte Herausforderungen überstehen können?

Sie hingegen blickte mit Stolz auf die Erschütterungen in ihrer Vergangenheit und wünschte sich für die Zukunft ein bewegtes Leben. Dem Glück misstraute sie aus Prinzip, sie fand es leicht kitschig. Einigermaßen zufrieden zu sein reichte ihr aus. Richard hatte lange in Brasilien gelebt und war mit einer sinnlichen jungen Frau verheiratet gewesen, dem Foto nach zu urteilen, das Lucía von ihr gesehen hatte, aber offenbar hatte nichts von der Freizügigkeit des Landes oder dieser Frau auf ihn abgefärbt. Trotzdem kam Richard überall gut an. Lucía hatte ihn ihrer Tochter gegenüber als leichtblütig bezeichnet, was man in Chile über Leute sagt, die augenscheinlich ohne Grund und ohne sich zu bemühen bei allen beliebt sind. »Er ist seltsam, Daniela. Stell dir vor, er lebt allein mit vier Katzen. Und Marcelo wird er auch noch nehmen müssen, wenn ich gehe, davon weiß er bloß noch nichts.« Sie hatte sich das reiflich überlegt. Zwar würde es ihr das Herz brechen, aber sie konnte einen greisen Chihuahua unmöglich um die Welt mitnehmen.

Richard

Brooklyn

Wenn er am Abend nach Hause kam, mit dem Rad, sofern das Wetter es erlaubte, oder sonst mit der U-Bahn, versorgte Richard Bowmaster zunächst seine vier wenig anhänglichen Katzen, die er aus dem Tierheim geholt hatte, um die Mäuse loszuwerden. Das war eine vernünftige Maßnahme gewesen, frei von Sentimentalitäten, aber unweigerlich waren die Katzen ihm zu Gefährten geworden. Als er sie bekam, waren sie kastriert und geimpft, trugen einen Chip unter der Haut, damit man sie identifizieren konnte, falls sie verlorengingen, und hatten Namen. Aber der Einfachheit halber hatte er sie auf Portugiesisch durchnummeriert: Um, Dois, Três und Quarto. Richard gab ihnen Futter und reinigte das Katzenklo, dann hörte er Nachrichten, während er am großen Tisch in der Küche, an dem sein häusliches Leben weitgehend stattfand, sein Abendessen zubereitete. Nach dem Essen setzte er sich eine Weile ans Klavier, mal weil es ihm Freude bereitete, mal aus Selbstdisziplin.

Theoretisch war in seiner Wohnung ein jedes Ding an seinem Platz, und es gab auch einen Platz für jedes Ding, praktisch jedoch vermehrten sich die Papierstapel, die Zeitschriften und Bücher wie weiße Mäuse in einem Albtraum. Am Morgen waren sie stets zahlreicher als noch am Abend zuvor, und manchmal fielen ihm Aufsätze oder einzelne lose Blätter in die Hände, die er nie zuvor gesehen hatte und bei denen ihm schleierhaft blieb, wie sie in seine Wohnung gelangt waren. Nach dem Klavierspielen las er, bereitete seine Lehrveranstaltungen vor, korrigierte Arbeiten und schrieb Aufsätze zu politischen Fragen. Seine akademische Karriere verdankte er mehr seiner kontinuierlichen Forschungsarbeit und den Veröffentlichungen als einer Neigung zum Unterrichten; entsprechend unerklärlich war ihm die Hochachtung, die ihm seine Studenten selbst nach ihrem Abschluss noch entgegenbrachten. Sein Computer stand in der Küche, der Drucker in einem Raum im zweiten Obergeschoss, der ausschließlich einen Tisch mit diesem Gerät darauf beherbergte. Zum Glück lebte er allein und musste die eigenwillige Anordnung seiner Büroausstattung vor niemandem rechtfertigen, denn dass er die steile Treppe zu Trainingszwecken hinauf- und hinabstieg, hätte wohl kaum jemand verstanden. Außerdem überlegte er es sich dadurch zweimal, ehe er etwas ausdruckte, was ihm aus Respekt vor den Bäumen, die der Papierherstellung geopfert wurden, angebracht schien.

Wenn er nachts keinen Schlaf fand und das Klavier sich nicht betören ließ, weil die Tasten ein Eigenleben führten, frönte er einer heimlichen Schwäche, lernte Gedichte auswendig und schrieb auch selbst welche. Dafür brauchte er sehr wenig Papier: Er schrieb sie von Hand in karierte Schulhefte. Er hatte schon etliche Hefte mit unvollendeten Gedichten gefüllt und besaß daneben zwei luxuriöse Notizbücher mit Ledereinband, in die er seine besten Verse übertrug, in der Absicht, ihnen eines Tages den letzten Schliff zu geben, was er nie tat. Wenn er sich vorstellte, sie noch einmal zu lesen, bekam er Bauchgrimmen. Er hatte Japanisch gelernt, um Haikus im Original zu lesen, sein Leseverstehen war gut, aber es zu sprechen wäre ihm vermessen erschienen. Seine Mehrsprachigkeit durfte er sich dennoch zugutehalten. Portugiesisch hatte er als Kind von seiner Familie mütterlicherseits gelernt und später mit Anita perfektioniert. Etwas Französisch hatte er der Liebe wegen gelernt und Spanisch, weil er es beruflich brauchte. Seine erste Liebe, mit neunzehn, galt einer acht Jahre älteren Französin, er lernte sie in einer Bar in New York kennen und folgte ihr nach Paris. Die Leidenschaft kühlte rasch ab, aber sie wohnten doch lange genug zusammen in einer Mansarde im Quartier Latin, dass er Grundkenntnisse auf dem Gebiet der fleischlichen Liebe und im Französischen erwarb, das er mit wüstem Akzent sprach. Sein Spanisch stammte weitgehend aus Büchern. In New York gab es jede Menge Hispanics, die seine am Berlitz Institut orientierte Aussprache allerdings selten verstanden. Und er konnte kaum folgen, sobald es über die Bestellung von Essen im Restaurant hinausging. So gut wie alle Kellner im Land sprachen offenbar spanisch.

Am Samstag war der Sturm bei Tagesanbruch abgeflaut und hatte Brooklyn unter Schnee begraben zurückgelassen. Richard erwachte mit dem schalen Nachgeschmack davon, dass er Lucía am Vorabend gekränkt hatte, als er ihre Ängste so kühl beiseiteschob. Er wäre gern bei ihr gewesen, während draußen Wind und Schnee ums Haus peitschten. Warum dann diese schroffe Abfuhr? Weil er fürchtete, der Liebe in die Falle zu gehen, eine Falle, der er seit fünfundzwanzig Jahren auswich. Warum er das tat, stellte er nicht in Frage, es lag auf der Hand: Das war die ihm auferlegte Buße. Über die Jahre hatte er sich in seinem mönchischen Dasein eingerichtet und in der inneren Stille von einem, der allein lebt und allein schläft. Nach dem Telefonat mit Lucía verspürte er kurz den Impuls, mit einer Thermoskanne Tee an der Tür zum Souterrain zu klingeln und ihr Gesellschaft zu leisten. Dass sich eine Frau, die schon einiges durchgestanden hatte und unverwundbar schien, auf so kindliche Weise fürchtete, machte ihn neugierig. Er hätte diese Bresche in Lucías Bollwerk gern genutzt, aber etwas daran kam ihm bedrohlich vor, als könnte er mit diesem Schritt in Treibsand geraten. Auch jetzt spürte er noch die Gefahr. Er kannte das. Manchmal packte ihn aus dem Nichts die Angst, dagegen halfen seine grünen Pillen. Gegen das Gefühl, dass er unaufhaltsam hinabsank auf den eiskalten Grund des Meeres und niemand da war, der nach seiner Hand fasste und ihn zurück an die Oberfläche zog. Seine bösen Vorahnungen hatten in Brasilien begonnen, unter dem Einfluss von Anita, die immer empfänglich war für Fingerzeige aus dem Jenseits. Früher hatten sie ihn häufiger überfallen, aber er hatte gelernt, damit umzugehen, weil sie sich kaum je bewahrheiteten.

Über Radio und Fernsehen wurden die Leute aufgefordert, zu Hause zu bleiben, bis die Straßen geräumt wären. Manhattan war noch weitgehend lahmgelegt, die Geschäfte waren geschlossen, aber die ersten U-Bahnen und Busse fuhren bereits wieder. Einige Nachbarstaaten hatte es härter getroffen, dort waren Häuser zerstört, Bäume entwurzelt, ganze Ortschaften vom Verkehr abgeschnitten und ohne Gas und Strom. Innerhalb weniger Stunden waren die Bewohner um zwei Jahrhunderte zurückgeworfen worden. Brooklyn war noch glimpflich davongekommen.

Richard ging hinaus, um sein Auto, das auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand, vom Schnee zu befreien, ehe der festfror und er kratzen musste. Danach fütterte er die Katzen, frühstückte wie jeden Tag Haferflocken mit Mandelmilch und Obst und setzte sich an den Computer, um an seinem Artikel über die wirtschaftliche und politische Krise in Brasilien weiterzuarbeiten, die wegen der bevorstehenden Olympischen Spiele in den Fokus der internationalen Aufmerksamkeit rückte. Außerdem musste er die Abschlussarbeit eines Studenten durchsehen, aber das verschob er auf später. Er hatte den ganzen Tag vor sich.

Gegen drei fiel ihm auf, dass einer der Kater fehlte. Wenn er zu Hause war, blieben die Tiere zumeist in der Nähe. Ihr Verhältnis war von gegenseitiger Gleichgültigkeit geprägt, außer mit Dois, dem einzigen Weibchen, das jede Gelegenheit nutzte, um auf seinen Schoß zu springen, und gestreichelt werden wollte. Die drei Kater waren sich selbst genug und hatten von Beginn an verstanden, dass sie keine Kuscheltiere waren, sondern zur Mäusejagd da. Er sah Um und Quarto unruhig durch die Küche streichen, konnte aber Três nirgends entdecken. Dois lag auf dem Tisch neben dem Bildschirm – einer ihrer Lieblingsplätze.

Richard ging auf der Suche nach dem Vermissten durchs Haus und pfiff nach ihm. Er fand ihn im ersten Stock, ausgestreckt auf dem Boden, mit rosa Schaum vorm Maul. »Komm schon, Três, was ist denn? Steh auf, mein Junge.« Richard schaffte es, den Kater hinzustellen, und der machte ein paar taumelnde Schritte, bevor er wieder umkippte. An mehreren Stellen sah Richard Spuren von Erbrochenem, das kam schon mal vor, manchmal konnten die Katzen die Mäuseknochen nicht verdauen. Er trug Três hinunter in die Küche und versuchte vergeblich, ihn zum Wassertrinken zu bewegen, als dem Kater plötzlich die Beine steif wurden und er krampfte. Da begriff Richard, dass es eine Vergiftung sein musste. Eilig sah er die Reinigungsmittel durch, die im Haus waren, alle sicher verstaut. Erst beim zweiten Durchgang fand er unter der Geschirrspülmaschine eine umgekippte Dose Frostschutzmittel, das Três offenbar aufgeleckt hatte, denn es gab Pfotenspuren neben der Pfütze. Er war sich sicher, dass er die Dose und die Schranktür sorgfältig verschlossen hatte, ihm war unbegreiflich, wie es zu dem Unfall kommen konnte, aber das spielte jetzt auch keine Rolle. Er musste den Kater retten, das Zeug konnte ihn umbringen.

Alle waren angehalten, ihr Auto nur im Notfall zu benutzen, aber genau darum handelte es sich hier. Richard suchte im Internet nach der nächstgelegenen offenen Tierarztpraxis, stellte fest, dass er sie sogar kannte, wickelte den Kater in eine Decke und trug ihn zum Auto. Bloß gut, dass er es schon am Morgen vom Schnee befreit hatte, das hätte ihn nur aufgehalten, und nicht auszudenken, wenn das Unglück gestern während des Schneesturms passiert wäre, er hätte zu Hause festgesessen. Brooklyn war zu einer Polarstadt geworden, weiß auf weiß, alle Kanten vom Schnee gerundet, die Straßen leer und sonderbar friedlich, als würde die Natur gähnen. »Stirb bloß nicht, Três, bitte. Du bist doch ein proletarischer Kater, du hast Eingeweide aus Stahl, denen kann so ein bisschen Frostschutzmittel nichts anhaben, komm schon«, redete Richard dem Kater gut zu, während er entsetzlich langsam über den Schnee kroch und dachte, dass jede Minute, die er bei dieser Fahrt vergeudete, eine weniger Lebenszeit für den Kater war. »Nur die Ruhe, mein Freund, halt durch. Schneller geht es nicht, wenn wir hier wegrutschen und uns festfahren, sind wir geliefert, wir sind gleich da. Schneller kann ich nicht fahren, tut mir leid …«

Normalerweise hätte er für die Strecke zwanzig Minuten gebraucht, benötigte jetzt aber doppelt so lang, und als er endlich bei der Praxis ankam, hatte es wieder zu schneien begonnen, und Três krampfte erneut und sabberte rosafarbene Bläschen. Eine effiziente Ärztin, sparsam in ihren Worten und Gesten, zeigte keine Zuversicht angesichts der Katze und keine Sympathie für den Besitzer, der durch seine Verantwortungslosigkeit den Unfall verschuldet hatte, wie sie leise zu ihrer Assistentin sagte, aber doch laut genug, dass Richard es mitbekam. In einem anderen Moment hätte er auf ihre Bemerkung scharf reagiert, doch gerade löste sie eine Woge schlimmer Erinnerungen in ihm aus. Beschämt blieb er stumm. Schon einmal hatte seine Verantwortungslosigkeit fatale Folgen gehabt. Seither war er so auf Sicherheit bedacht und traf so viele Vorkehrungen, dass er sich manchmal fühlte, als schliche er auf Zehenspitzen durchs Leben. Die Tierärztin erklärte ihm, sie könne wenig tun. Die Untersuchungen von Blut und Urin würden zeigen, ob die Nieren nachhaltig geschädigt waren, was dem Tier große Qualen verursachen würde, die man ihm dann besser ersparte. Der Kater müsse dableiben. In zwei Tagen wüssten sie mehr, aber er solle sich auf das Schlimmste gefasst machen. Richard nickte, den Tränen nah. Das Herz war ihm eng, als er sich von Três verabschiedete und den harten Blick der Ärztin im Nacken spürte – eine Anklage und eine Strafe.

Die junge Frau an der Anmeldung, die karottenrotes Haar und einen Ring in der Nase hatte, erbarmte sich, als sie sah, wie zittrig er ihr die Kreditkarte für die Anzahlung über den Tresen schob. Sie versicherte ihm, sein Kätzchen sei hier bei ihnen gut aufgehoben, und deutete auf den Kaffeeautomaten. Die winzige Freundlichkeit löste in Richard ein übertriebenes Gefühl von Dankbarkeit aus, und er schluchzte unwillkürlich auf. Hätte man ihn gefragt, was er für seine vier Katzen empfand, er hätte geantwortet, dass er seinen Pflichten nachkam, sie fütterte und ihr Katzenklo säuberte. Ein verbindliches Miteinander, mehr nicht, außer mit Dois, die nach Zuwendung verlangte. Er hätte nie gedacht, dass die drei mürrischen Kater einmal so etwas wie Mitglieder einer Familie sein würden, die er nicht hatte. Unter dem mitfühlenden Blick der Sprechstundenhilfe setzte er sich auf einen Stuhl im Wartezimmer, trank einen verwässerten, bitteren Kaffee, nahm zwei grüne Pillen für seine Nerven und eine rosafarbene gegen das Sodbrennen und wartete ab, bis er sich wieder im Griff hatte. Er musste nach Hause zurück.

Die Autoscheinwerfer beleuchteten menschenleere, trostlose Straßen. Richard fuhr langsam, spähte angestrengt durch den Halbkreis, den die Scheibenwischer von den Schneekristallen befreiten. Diese Straßen gehörten zu einer unbekannten Stadt, die Zeit war angehalten, die Heizung summte, die Scheibenwischer klickten hektisch, und kurz glaubte er, er habe sich verfahren, obwohl er den Weg doch vorhin erst genommen hatte. Ihm war, als schwebte das Auto durch wattiges Weiß und er wäre das einzige menschliche Wesen auf einem verlassenen Planeten. Er fing an, mit sich selbst zu reden, sein Kopf war voller Geräusche und unseliger Gedanken an das unvermeidliche Grauen der Welt im Allgemeinen und das seines Lebens im Besonderen. Wie lange würde er noch leben und wie? Wer lange genug lebte, bekam Prostatakrebs. Wer noch länger lebte, dessen Gehirn zerfiel. Er hatte das Alter der Schreckhaftigkeit erreicht, zu reisen lockte ihn nicht mehr, er klebte an der Bequemlichkeit daheim, mied das Unvorhersehbare, hatte Angst, sich nicht zurechtzufinden oder krank zu werden oder zu sterben, und dass seine Leiche erst nach vierzehn Tagen entdeckt würde, wenn die Katzen schon große Teile davon gefressen hätten. Die Vorstellung, dass man ihn in einer Pfütze stinkender Eingeweide fand, schreckte ihn so sehr, dass er mit seiner Nachbarin, einer älteren Witwe mit eisernem Temperament und wachsweichem Herzen, vereinbart hatte, ihr jeden Abend eine Textnachricht zu schicken. Wenn sie zwei Tage keine erhielte, sollte sie nachschauen, dafür hatte sie einen Schlüssel zu seiner Wohnung. Seine Nachricht bestand aus zwei Wörtern: »Lebe noch.« Sie war nicht verpflichtet zu antworten, litt aber unter derselben Furcht und schickte immer drei Wörter zurück: »Mist, ich auch.« Das Erschreckendste am Tod war die Aussicht auf Unendlichkeit. Tot für immer, wie entsetzlich.

Richard befürchtete, die Panikwolke könnte sich über ihm zusammenbrauen. Wenn das geschah, tastete er nach seinem Puls und fand ihn nicht oder fand ihn rasend. Zwei Panikattacken hatte er erlebt, die einem Herzanfall so sehr ähnelten, dass er deswegen im Krankenhaus gewesen war, aber in den letzten Jahren hatte sich das, dank der grünen Pillen und weil er gelernt hatte, was zu tun war, nicht wiederholt. Bei den ersten Anzeichen stellte er sich die Wolke über seinem Kopf bildlich vor und dazu starke Sonnenstrahlen, die sie durchdrangen wie bei einer Marienerscheinung. Mit dieser Vorstellung und ein paar Atemübungen konnte er die Wolke auflösen. Diesmal brauchte er den Trick jedoch gar nicht, sondern überließ sich einfach der Neuartigkeit seiner Lage. Er sah sich aus der Ferne, als würde er in dem eigenen Film nicht die Hauptrolle spielen, sondern wäre nur Zuschauer.

Seit Jahren besaß er über alles in seinem Leben die perfekte Kontrolle, keine Überraschungen, keine Aufregung, aber ganz vergessen hatte er den Reiz der wenigen Abenteuer früherer Zeiten nicht, etwa seine kopflose Liebe zu Anita. Er musste über seine Anspannung schmunzeln, bei schlechtem Wetter einige Blocks weit durch Brooklyn zu fahren war nicht gerade abenteuerlich. Jäh wurde ihm bewusst, wie klein und eingeschränkt sein Dasein inzwischen war, und da bekam er es mit einer handfesten Angst zu tun, weil er so viele Jahre in sich selbst verkrochen vergeudet hatte, weil die Zeit so schnell verging, das Alter greifbar nah kam, der Tod. Seine Brille beschlug von Schweiß oder Tränen, er riss sie von der Nase und wollte sie am Ärmel abwischen. Es dunkelte schon, die Sicht war miserabel. Die linke Hand am Lenkrad, versuchte er mit der Rechten die Brille wieder aufzusetzen, aber die Handschuhe behinderten ihn, sie fiel ihm aus den Fingern und landete zwischen seinen Füßen. Er fluchte.

Kurz war er abgelenkt, tastete im Fußraum nach seiner Brille, da bremste vor ihm ein weißes, im Schnee kaum zu sehendes Auto an einer Kreuzung. Richard fuhr auf. Der Zusammenstoß traf ihn so unerwartet und hart, dass ihm kurz schwarz vor den Augen wurde. Gleich darauf kam er wieder zu sich, sein Herz raste, er schwitzte, sein Gesicht glühte, das Hemd klebte ihm am Rücken, aber zugleich überkam ihn dasselbe Gefühl wie eben, als steckte er nicht in der eigenen Haut. Er spürte das körperliche Unbehagen, sein Geist schaute aber von einer anderen Ebene aus zu, losgelöst von dem, was hier geschah. Der Typ in dem Film stieß weitere Flüche aus, während er als Zuschauer von einer höheren Warte aus das Geschehen kühl einschätzte, unbeteiligt. Der Zusammenstoß war harmlos, das stand außer Frage. Beide Autos waren sehr langsam gefahren. Er musste seine Brille finden, aussteigen und sich mit dem anderen Fahrer höflich verständigen. Schließlich gab es Versicherungen.

Beim Aussteigen rutschte er auf dem vereisten Asphalt weg, und er wäre rücklings hingefallen, hätte er nicht die Tür zu fassen bekommen. Er begriff, dass er den Unfall auch durch Bremsen nicht verhindert hätte, denn er wäre sicher noch ein paar Meter gerutscht, ehe er gestanden hätte. So hatte er das Fahrzeug, einen Lexus CS, am Heck erwischt und ein Stück nach vorn geschoben. Ohne die Füße vom Boden zu heben, kämpfte sich Richard gegen den Wind das kurze Stück auf den Lexus-Fahrer zu, der ebenfalls ausgestiegen war. Im ersten Moment dachte er, dass diese Person zu jung war, um schon den Führerschein zu haben, aber dann erkannte er, dass es sich um eine sehr zierliche junge Frau handelte. Sie trug eine Hose, schwarze Gummistiefel und einen viel zu großen Anorak. Ihr Kopf verschwand unter der Kapuze.

»Das war meine Schuld. Verzeihen Sie, ich habe Sie nicht gesehen. Meine Versicherung übernimmt das«, sagte er.

Die junge Frau warf einen schnellen Blick auf das kaputte Rücklicht und den eingedellten, einen Spaltbreit klaffenden Kofferraum. Vergeblich versuchte sie, ihn zu schließen, während Richard das mit der Versicherung wiederholte.

»Wir können auch die Polizei rufen, wenn Sie möchten, aber es wird nicht nötig sein. Hier, meine Karte, Sie können mich jederzeit erreichen.«

Sie schien ihn nicht zu hören. Sichtlich aufgewühlt, hieb sie weiter mit den Fäusten auf den Kofferraumdeckel, bis sie einsah, dass er nicht einrastete; dann hastete sie, gegen die Böen kämpfend, zurück zu ihrer Fahrertür, gefolgt von Richard, der weiter darauf drängte, ihr seine Karte zu geben. Sie stieg in den Wagen, ohne ihn auch nur anzusehen, und er warf ihr die Karte noch eben in den Schoß, ehe sie aufs Gas trat und gleichzeitig die Tür zuzog. Beim Anfahren erwischte sie Richard am Arm und stieß ihn um. Im nächsten Moment war das Auto um die Ecke gebogen und verschwunden. Mühsam rappelte Richard sich auf und rieb sich den schmerzenden Arm. Heute ging wirklich alles schief, jetzt fehlte bloß noch, dass der Kater starb.

Lucía, Richard, Evelyn

Brooklyn

Um diese Uhrzeit lag Richard normalerweise schon mit der schnurrenden Dois an seiner Seite im Bett und zählte Schäfchen, damit er morgens um fünf aufstehen und ins Sportstudio gehen konnte, aber die unseligen Vorkommnisse des Tages hatten ihn so gründlich aus der Bahn geworfen, dass er sich auf eine schlaflose Nacht gefasst machte und zur Einstimmung irgendwelchen Blödsinn im Fernsehen schaute. Er wollte auf andere Gedanken kommen. Gerade war die unvermeidliche Sexszene dran, und er musste mit ansehen, wie der Regisseur mit dem Drehbuch und die Darsteller mit der überzuckerten Erotik kämpften, die wohl erregend sein sollte, aber bloß die Handlung ausbremste. »Jetzt macht schon hin«, fauchte Richard den Fernseher an und dachte wehmütig an die Zeiten zurück, als das Kino den Geschlechtsakt andeutete, indem sich diskret eine Tür schloss, ein Licht gelöscht wurde oder eine Zigarette einsam im Aschenbecher verglomm. Die Türklingel riss ihn aus seinen Gedanken. Er sah auf die Uhr: zwanzig vor zehn. Nicht mal die Zeugen Jehovas, die seit ein paar Wochen im Viertel missionierten, würden sich trauen, um diese Zeit noch zu stören. Befremdet ging er zur Tür, ließ das Licht im Flur ausgeschaltet und versuchte, durch das Glas am Eingang etwas zu erkennen, sah aber nur einen Schemen in der Dunkelheit. Er wollte schon kehrtmachen, als ein zweites Klingeln ihn erschreckte. Unwillkürlich drückte er auf den Lichtschalter und öffnete die Tür.

Im schummrigen Licht, die schwarze Nacht im Rücken, stand die junge Frau mit dem Anorak. Richard erkannte sie sofort. Mit ihrem gesenkten Kopf, den hochgezogenen Schultern, dem von der Kapuze verborgenen Gesicht sah sie noch winziger aus als vor ein paar Stunden auf der Straße. Richard nuschelte ein »Ja, bitte?«, und als Antwort hielt sie ihm die Karte hin, auf der sein Name stand, seine Position an der Uni, seine Büro- und seine Privatadresse. Eine endlose Minute stand er da mit der Karte in der Hand und wusste nicht, was er tun sollte. Erst als er den schneekalten Wind spürte, der durch die geöffnete Tür wehte, kam er zu sich, trat einen Schritt zur Seite und bat die Frau mit einer Handbewegung herein. Er schloss die Tür hinter ihr und sah sie wieder fragend an.

»Sie hätten doch nicht herkommen müssen. Das mit der Versicherung lässt sich telefonisch klären.«

Sie antwortete nicht, stand da im Flur, ohne ihn anzusehen, wie ein sturer Besucher aus dem Jenseits. Richard wiederholte das mit der Versicherung, aber sie rührte sich nicht.

»Sprechen Sie Englisch?«, fragte er schließlich.

Weiter Schweigen, sekundenlang. Richard fragte dasselbe noch einmal auf Spanisch, weil die Statur der Frau nahelegte, dass sie aus Mittelamerika kam, aber sie hätte auch aus Südostasien sein können. Sie antwortete mit einem unverständlichen Murmeln, das sich anhörte wie ein stetiges Wassertropfen. Weil er auf diese Weise offensichtlich nicht weiterkam, bat Richard sie schließlich in die Küche, wo das Licht besser war und sie sich vielleicht würden verständlich machen können. Sie kam hinter ihm her, sah dabei den Boden an und blieb exakt in seiner Spur, als balancierte sie auf einem nur locker gespannten Seil. In der Küche schob Richard seine Unterlagen beiseite und bot ihr einen der Hocker an.

»Es tut mir sehr leid, dass ich Ihr Auto beschädigt habe. Ich hoffe, Sie haben sich nicht wehgetan«, sagte er.

Als keine Reaktion kam, wiederholte er das Gesagte radebrechend auf Spanisch. Sie schüttelte den Kopf. Richard mühte sich noch eine Weile erfolglos weiter herauszufinden, was sie um diese Uhrzeit bei ihm wollte. Die Delle an ihrem Auto konnte unmöglich der Grund dafür sein, dass sie derart verschreckt war, womöglich war sie vor etwas oder vor jemand auf der Flucht.

»Wie heißen Sie denn?«

Mühsam, über jede Silbe stolpernd, brachte sie ihren Namen heraus: Evelyn Ortega. Richard fühlte sich von der Situation überfordert. Er brauchte dringend Unterstützung, um diese ungebetene Besucherin wieder loszuwerden. Stunden später, als er das Geschehen noch einmal Revue passieren ließ, sollte er sich darüber wundern, dass er ausgerechnet die Chilenin in seiner Souterrainwohnung angerufen hatte. In all der Zeit, die sie einander jetzt kannten, hatte sie zwar ihre fachlichen Fähigkeiten bewiesen, aber es gab keinen Grund, davon auszugehen, dass sie mit einem so ungewöhnlichen Zwischenfall umzugehen wüsste.

Gegen zehn wurde Lucía von einem Anruf überrascht. Um diese Zeit rief sonst nur ihre Tochter an, aber es war Richard, der sie bat, eilig zu ihm hochzukommen. Nachdem sie den ganzen Tag vor Kälte gebibbert hatte, war es Lucía jetzt endlich im Bett warm geworden, und sie dachte nicht daran, ihr Nest zu verlassen, nur weil der Mann nach ihr verlangte, der sie dazu verdammt hatte, in einem Iglu zu hausen, und der noch am Abend zuvor ihre Bitte um Gesellschaft abgelehnt hatte. Die Souterrainwohnung besaß keinen direkten Zugang zum Rest des Hauses, sie würde sich anziehen, sich einen Weg durch den Schnee vor ihrer Tür graben und zwölf glatte Stufen bis zu seiner Wohnungstür hinaufgehen müssen. So viel Aufwand war Richard nicht wert.

In der Woche zuvor hatte sie sich mit ihm angelegt, weil das Wasser im Hundenapf am Morgen von einer Eisschicht überzogen gewesen war, aber nicht einmal dieses Beweisstück hatte ihn dazu bewogen, die Heizung hochzudrehen. Er hatte ihr bloß eine Heizdecke geliehen, die jahrzehntelang nicht benutzt worden war, und als sie das Ding einschaltete, hatte es puff gemacht, und die Sicherung war rausgesprungen. Die Kälte war Lucías jüngste Beschwerde. Vorher hatte es andere gegeben. Nachts hörte man eine Mäusearmee im Mauerwerk, was laut ihrem Vermieter gar nicht sein konnte, weil die Katzen alle auffraßen. Was sie höre, seien die rostigen Rohre und die knarzenden Dielen.

»Entschuldige die späte Störung, aber ich brauche dich hier dringend, Lucía, ich habe wirklich ein Problem«, sagte Richard am Telefon.

»Was für ein Problem? Blutest du? Andernfalls musst du warten bis morgen.«

»Eine hysterische lateinamerikanische Person ist in meine Wohnung eingedrungen, und ich weiß nicht, was ich mit ihr anstellen soll. Vielleicht kannst du ihr helfen. Ich verstehe sie so gut wie nicht.«

»Okay, dann nimm eine Schaufel und grab mich frei«, sagte sie, jetzt doch neugierig geworden.

Kurz darauf rettete Richard, verpackt wie ein Eskimo, seine Mieterin und Marcelo aus dem Keller und brachte sie in seine Wohnung, wo es kaum wärmer war. Über seinen Geiz beim Heizen murrend, folgte Lucía ihm in die Küche, die sie von früheren Stippvisiten kannte. Kurz nach ihrer Ankunft in Brooklyn hatte sie sich bei ihm eingeladen und ihm ein vegetarisches Abendessen gekocht, weil sie hoffte, dadurch ihren Kontakt zu vertiefen, aber Richard hatte sich als harter Brocken erwiesen. Lucía hielt vegetarische Ernährung für einen Spleen von Leuten, die immer genug zu essen gehabt hatten, gab sich für dieses Menü aber wirklich Mühe. Richard aß kommentarlos zwei Teller davon, bedankte sich lasch und erwiderte die Geste nie. Damals hatte Lucía gesehen, wie spartanisch er lebte. Ein paar wenige schlichte Möbel, teilweise in fragwürdigem Zustand, und dazwischen ein prächtig glänzender schwarzer Konzertflügel. Mittwochs und samstags hörte sie abends in ihrem Keller Fetzen der Hauskonzerte, die Richard zusammen mit drei anderen Musikern zum Vergnügen spielte. Was sie davon mitbekam, fand sie ansprechend, sie besaß aber kein gutes Ohr, und ihre musikalische Bildung war bescheiden. Über Monate hatte sie darauf gewartet, dass Richard sie einlud, um dem Quartett zu lauschen, doch das war nie geschehen.

Richard schlief im kleinsten Raum des Hauses, einer nackten Gefängniszelle mit Fensterloch, und nutzte das Wohnzimmer im Erdgeschoss als Lager für bedrucktes Papier. Die Küche, in der sich ebenfalls die Bücher stapelten, war an der Spüle zu erkennen und an einem eigensinnigen Gasherd, der sich zuweilen ohne menschliches Zutun einschaltete und nicht zu reparieren war, weil es keine Ersatzteile mehr gab.

Die Person, von der Richard gesprochen hatte, war eine Zwergin. Sie saß mit baumelnden Füßen auf einem Hocker an dem großen, schweren Holztisch, der als Arbeitsplatz und Esstisch diente, vergraben in einen neongelben Anorak, die Kapuze tief im Gesicht, die Füße in Feuerwehrstiefeln. Anzeichen von Hysterie konnte Lucía nicht erkennen, sie wirkte im Gegenteil eher wie betäubt. Sie zeigte keine Regung, als Lucía zu ihr trat, um ihr die Hand zu geben, dabei weiter Marcelo festhielt und die Katzen beobachtete, die den Hund aus nächster Nähe mit gesträubten Nackenhaaren anfunkelten.

»Ich bin Lucía Maraz, aus Chile, die Mieterin von unten«, stellte sie sich vor.

Aus dem gelben Anorak schob sich eine zittrige Kinderhand weich in Lucías Rechte.

»Sie heißt Evelyn Ortega«, meldete sich Richard, weil die Angesprochene den Mund nicht auftat.

»Freut mich«, sagte Lucía.

Wieder sekundenlang Stille, bis Richard sich nervös räusperte und erklärte:

»Ich bin ihr von hinten aufs Auto gefahren, als ich vom Tierarzt kam. Einer meiner Kater hat sich mit Frostschutzmittel vergiftet. Mir kommt sie völlig verschreckt vor. Kannst du mit ihr reden? Du verstehst sie bestimmt.«

»Warum das?«

»Du bist doch eine Frau, oder? Und du sprichst ihre Sprache besser als ich.«

Lucía wandte sich auf Spanisch an die Besucherin und fragte, woher sie komme und was passiert sei. Die junge Frau erwachte aus ihrem schockartigen Zustand, streifte die Kapuze ab, blickte aber weiter zu Boden. Sie war keine Zwergin, sondern nur sehr klein und schmal, ihr Gesicht so zart wie die Hände, ihre Haut von einem hellen Holzton und das schwarze Haar im Nacken zusammengefasst. Lucía vermutete, dass sie indianische Wurzeln besaß, vielleicht eine Maya war, auch wenn deren charakteristische Merkmale, die Adlernase, die markanten Wangenknochen und die Mandelaugen, bei ihr nicht sehr ausgeprägt waren. Richard sagte sehr laut, sie könne Lucía vertrauen, weil er offenbar davon ausging, dass Ausländer Englisch verstanden, wenn man sie anschrie. In diesem Fall funktionierte es, und mit dünnem Stimmchen sagte die junge Frau, sie stamme aus Guatemala. Sie stotterte so sehr, dass man ihr kaum folgen konnte. Bis sie am Ende des Satzes anlangte, hatte man den Anfang bereits vergessen.

Lucía verstand schließlich so viel, dass Evelyn das Auto ihrer Arbeitgeberin, einer gewissen Cheryl Leroy, genommen hatte, ohne vorher zu fragen, weil Mrs Leroy gerade Mittagsschlaf hielt. Nach dem Auffahrunfall hatte sie nicht mehr nach Hause fahren können, ohne zu sagen, was sie getan hatte. Vor Mrs Leroy fürchtete sie sich nicht, wohl aber vor deren Mann, Frank Leroy, der ein böser Mensch und gefährlich war. Sie war ziellos herumgefahren, hatte versucht, eine Lösung zu finden, konnte aber keinen klaren Gedanken fassen. Der Kofferraum war eingedellt und schloss nicht mehr richtig, zweimal war er während der Fahrt aufgesprungen, und sie hatte anhalten und ihn mit dem Gürtel ihres Anoraks festbinden müssen. Den ganzen Abend hatte sie so zugebracht, hatte an verschiedenen Stellen der Stadt angehalten, war aber nie lange geblieben, weil sie fürchtete, jemand würde auf sie aufmerksam oder sie würde einschneien. Bei einem ihrer Zwischenstopps hatte sie Richards Visitenkarte gesehen, und in ihrer Verzweiflung war sie dann zu ihm gefahren.

Während Evelyn weiter auf ihrem Hocker in der Küche saß, nahm Richard Lucía kurz zur Seite und raunte ihr zu, die junge Frau sei offenbar geistig zurückgeblieben oder auf Drogen.

»Wie kommst du denn darauf?«, fragte Lucía, ebenfalls flüsternd.

»Sie kriegt doch keinen geraden Satz raus.«

»Aber merkst du denn nicht, dass sie nur stottert?«

»Bist du sicher?«

»Ja, natürlich! Außerdem ist sie völlig verschüchtert, das arme Ding.«

»Was können wir denn für sie tun?«

»Es ist schon sehr spät, heute können wir nichts mehr unternehmen. Was hältst du davon, wenn sie heute Nacht hierbleibt, und morgen begleiten wir sie zu ihren Arbeitgebern und erklären ihnen das mit dem Unfall. Deine Versicherung übernimmt die Reparatur. Sie müssen sich nicht aufregen.«

»Außer darüber, dass sie ungefragt das Auto genommen hat. Bestimmt wird sie gefeuert.«

»Das sehen wir morgen. Erst einmal müssen wir sie beruhigen.«

Durch die Fragen, die Lucía der jungen Frau stellte, bekamen sie ein paar Einblicke in ihr Leben bei den Leroys. Evelyn hatte keine festen Arbeitszeiten, theoretisch arbeitete sie täglich von neun bis fünf, tatsächlich verbrachte sie aber den ganzen Tag mit dem Kind, um das sie sich kümmerte, und schlief auch in seinem Zimmer, um da zu sein, wenn sie gebraucht wurde. Das heißt, sie erledigte die Früh-, Spät- und Nachtschicht. Dafür bekam sie weit weniger Geld, als ihr nach Lucías und Richards Einschätzung zustand. Für die beiden klang das nach Zwangsarbeit oder nach gesetzeswidriger Ausbeutung einer Hausangestellten, aber das spielte für Evelyn keine Rolle. Sie hatte ein Dach über dem Kopf, das war das Wichtigste, sagte sie. Mrs Leroy behandelte sie sehr gut, und Mr Leroy gab ihr nur hin und wieder Anweisungen und beachtete sie ansonsten nicht. Für seine Frau und seinen Sohn hatte er auch nichts übrig. Er war gewalttätig, und alle im Haus, vor allem seine Frau, fürchteten sich vor ihm. Wenn er hörte, dass sie das Auto genommen hatte …

»Beruhig dich erst einmal«, sagte Lucía zu ihr, »es passiert dir nichts.«

»Du kannst heute Nacht hierbleiben«, ergänzte Richard. »Das ist alles halb so wild. Wir helfen dir.«

»Jetzt könnten wir einen Drink vertragen. Hast du was da, Richard? Vielleicht ein Bier?«

»Du weißt doch, dass ich nicht trinke.«

»Aber Gras wirst du doch haben. Das würde uns guttun. Evelyn ist fix und fertig, und ich bin durchgefroren.«

Richard begriff, dass es nicht der richtige Zeitpunkt war, sich zu zieren, und holte eine Blechdose mit Schokoladenkeksen aus dem Eisschrank. Wegen seines Magengeschwürs und der Kopfschmerzen hatte er vor ein paar Jahren eine Berechtigung bekommen, mit der er Cannabis zu medizinischen Zwecken erwerben konnte. Sie teilten einen Keks durch drei in der Hoffnung, dass sich Evelyns Stimmung dadurch bessern würde. Lucía schien es angebracht, ihr zu erklären, was das für ein Keks war, aber sie hatte ihn sich schon vertrauensvoll in den Mund geschoben und keine weiteren Fragen.

»Du musst hungrig sein, Evelyn. Bei der ganzen Aufregung hast du sicher nichts zu Abend gegessen. Wir brauchen was Warmes im Bauch.« Lucía öffnete den Kühlschrank. »Du hast ja gar nichts da, Richard!«

»Samstags erledige ich den Einkauf für die Woche, aber heute bin ich nicht dazu gekommen, wegen des Schnees und des Katers.«

Lucía dachte an die Reste der Suppe in ihrer Wohnung, konnte sich aber nicht aufraffen, noch einmal nach draußen zu gehen, in die Katakomben hinabzusteigen und den Topf über die glatte Treppe nach oben zu balancieren. Mit dem wenigen, was sie in Richards Küche fand, bereitete sie glutenfreie Toasts und große Tassen laktosefreien Milchkaffee zu, während der Hausherr vor sich hin murmelnd im Raum auf und ab ging und Evelyn mit zwanghafter Hingabe Marcelos Rücken kraulte.