Einatmen. Ausatmen. - Maxim Leo - E-Book

Einatmen. Ausatmen. E-Book

Maxim Leo

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Beschreibung

Was passiert, wenn eine gefühlsresistente Spitzenmanagerin ein Achtsamkeitstraining bei einem Coach absolvieren muss, der selbst in einer Sinnkrise steckt? Maxim Leos rasend komischer und tief berührender Roman über die Jagd nach dem Glück und die mitunter schwer zu findende Leichtigkeit des Seins. Marlene Buchholz soll Vorstandsvorsitzende des Aviola-Konzerns werden. Ihre Kollegen sind sich einig, dass sie fachlich hochkompetent ist – aber menschlich eine ziemliche Katastrophe. Weshalb sie zum Coaching in ein Brandenburger Schloss geschickt wird – zu Alex Grow, dem berühmten Seelenflüsterer. Was niemand weiß: Seine Academy steht kurz vor dem Bankrott und Alex hat selbst mit Panikattacken zu kämpfen. Marlene ist seine letzte Hoffnung, denn im Erfolgsfall winkt ein Großauftrag der Aviola. Doch die Klientin bleibt skeptisch und verschlossen – bis ein verletztes Wildschwein, ein schüchterner Hausmeister und ein dreizehnjähriges Mädchen auftauchen, die sie erahnen lassen, was im Leben wirklich zählt.

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Seitenzahl: 301

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Einatmen. Ausatmen.

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Über Maxim Leo

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Über Maxim Leo

Maxim Leo wurde 1970 in Ostberlin geboren. Er schreibt gemeinsam mit Jochen Gutsch Bestseller über Alterspubertierende und sprechende Katzen, außerdem Drehbücher für den »Tatort«. Für sein autobiografisches Buch »Haltet euer Herz bereit« wurde er 2011 mit dem Europäischen Buchpreis ausgezeichnet. 2014 erschien sein Krimi »Waidmannstod«, 2015 »Auentod«. 2019 veröffentlichte er sein autobiografisches Buch »Wo wir zu Hause sind«, das ebenso wie der Roman »Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße« (2022) zum Bestseller wurde. 2024 folgte »Wir werden jung sein«.

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Über dieses Buch

Was passiert, wenn eine gefühlsresistente Spitzenmanagerin ein Achtsamkeitstraining bei einem Coach absolvieren muss, der selbst in einer Sinnkrise steckt? Maxim Leos rasend komischer und tief berührender Roman über die Suche nach dem richtigen Leben und den Weg zu uns selbst.

Marlene Buchholz soll Vorstandsvorsitzende des Aviola-Konzerns werden. Ihre Kollegen sind sich einig, dass sie fachlich hochkompetent ist – aber menschlich eine ziemliche Katastrophe. Weshalb sie zum Coaching in ein Brandenburger Schloss geschickt wird – zu Alex Grow, dem berühmten Seelenflüsterer. Was niemand weiß: Seine Academy steht kurz vor dem Bankrott und Alex hat selbst mit Panikattacken zu kämpfen. Marlene ist seine letzte Hoffnung, denn im Erfolgsfall winkt ein Großauftrag der Aviola. Doch die Klientin bleibt skeptisch und verschlossen – bis ein verletztes Wildschwein, ein schüchterner Hausmeister und ein dreizehnjähriges Mädchen auftauchen, die Marlenes Augen und Herz öffnen und sie erahnen lassen, was am Ende wirklich zählt.

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Impressum

Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KGBahnhofsvorplatz 150667 Köln

Mit Dank an Nataša Dragnić, die ihren Romantitel mit mir geteilt hat.

Zitat in Kapitel 28 aus: Bertolt Brecht, Die Dreigroschenoper © Bertolt-Brecht-Erben / © 1950, Suhrkamp Verlag GmbH, Berlin.

 

© 2026, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung: Barbara Thoben, Köln

Covermotiv: Franz Xaver Petter (1791-1866). Forest ground with daisies, primroses and dandelions, 1858. Private Collection. © Heritage Images / Kontributor, Getty Images

 

ISBN978-3-462-31275-1

 

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Inhaltsverzeichnis

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

EPILOG

1

Reisen waren für Marlene schon immer eine furchtbare Sache gewesen. Alles ging verloren, die Gewohnheiten, die Orte, an denen sie sich auskannte, die Menschen, die sie zu ertragen gelernt hatte. Und was sprang dabei heraus? Jede Menge unerfreuliche Überraschungen, seltsame Gerüche, verwirrende Eindrücke, überflüssige Informationen. Es hieß, die Menschen reisten, weil sie neugierig waren. In Wahrheit aber, vermutete Marlene, wollten sie nur ihrem Leben entkommen.

Sie warf die hellbraune Reisetasche aufs Bett, öffnete den Kleiderschrank und überlegte, was sie mitnehmen sollte. Sie war seit Ewigkeiten nicht mehr auf dem Land gewesen, sie hatte auch keine Ahnung, was man anzog, wenn man in so einer bescheuerten Achtsamkeits-Anstalt eincheckte. Wahrscheinlich irgendwas aus Filz oder fair gehandelte Batikkleider, aber vermutlich keine Hosenanzüge von Armani, wie sie in ihrem Kleiderschrank hingen. Sie hatte sich vor Jahren für dieses eine Modell in Wollstretch, mit schmalem Revers und bequemer Taille entschieden und besaß mittlerweile so um die zwanzig Farbvarianten. Genauer gesagt waren es verschiedene Grau-, Blau- und Schwarztöne. Dazu trug sie cremefarbene Seidenchiffonblusen mit abgerundetem Kragen. So musste sie morgens, bevor sie in die Firma fuhr, nicht lange überlegen, alles passte zu allem.

Unten im Schrank fand sie eine Kiste, auf der »Urlaubssachen« stand. Interessant, dachte Marlene, sie konnte sich nicht daran erinnern, was da drin war, genauso wenig, wie sie sich an irgendeinen Urlaub erinnern konnte. Wenn sie sich mal freinahm, dann eigentlich nur, weil in der Seniorenresidenz ihrer Mutter irgendwas zu regeln war. Einmal hatte sie versucht, ein verlängertes Wochenende auf Sylt zu verbringen, weil sie davon gehört hatte, dass Mitte-dreißig-Single-Frauen das gerne machten. Sie hatte diese maritim eingerichtete Ferienwohnung mit Whirlpool und Kaminofen dann allerdings schon nach einem Tag wieder verlassen, weil ihr wahnsinnig langweilig geworden war.

Marlene hatte die Grundidee von Urlaub nie verstanden: dass man da extra irgendwo hinfährt, um gar nichts zu tun. Sie hatte sich wirklich Mühe gegeben, hatte sogar ein Buch gekauft, irgend so einen Roman über eine Frau, die auf einer Nordseeinsel lebte. Dann hatte sie sich mit dem Buch auf das Ferienwohnungs-Sofa gesetzt, sich in die Ferienwohnungs-Kuscheldecke gekuschelt und dazu einen Hibiskustee getrunken. Aber nach etwa zwanzig Minuten waren ihre Augen nur noch mechanisch über die Buchseiten geglitten, hatte sie nach Ablenkung gesucht, hätte sie sich wahrscheinlich sogar über einen Wasserrohrbruch in ihrer Ferienwohnung gefreut, weil so wenigstens irgendwas passiert wäre.

Sie hatte es dann noch mit einem Strandspaziergang versucht, was auf Sylt ebenfalls als beliebte Beschäftigung galt. Die Frau aus ihrem Buch machte das die ganze Zeit, die genoss den Wind, der durch ihr Haar fuhr, die genoss den Geruch des Seetangs und den Geschmack des Meersalzes auf ihren Lippen. Als Marlene dann an den Strand kam und die in Goretex-Jacken gehüllten Paare über den nassen Sand schlurfen sah, fiel es ihr schwer, die große Freude nachzuempfinden, von der die Roman-Frau die ganze Zeit erzählt hatte. Nach ein paar Schritten waren ihre Schuhe nass, der Wind pfiff ihr ins Ohr und der Seetang roch nicht wie im Buch nach Weite und Freiheit, sondern nach faulen Eiern. Das also waren die Momente, auf die sich andere Menschen so irre freuten? Die schönste Zeit des Jahres?

Marlene mochte ihr klimatisiertes Büro in der vierzehnten Etage eines Hochhauses an der Hamburger Außenalster, wo alles eine klare, sinnvolle Ordnung hatte, wo ständig interessante, herausfordernde Dinge passierten, wo sie umgeben war von ihren Assistenten, die keine ausufernden Gespräche mit ihr erwarteten und jederzeit in der Lage waren, einen guten Espresso zuzubereiten. Hier musste sie nicht entspannen, nicht dem Alltag entfliehen. Das war für sie übrigens die wichtigste Einsicht an diesem Wochenende am Meer gewesen: dass sie ihren Alltag wirklich gernhatte.

Sie öffnete die Kiste mit den Urlaubssachen, fand etliche bunte T-Shirts, eine hellblaue Jeans, eine Regenjacke und ein paar offensichtlich ungetragene Nike-Turnschuhe. Jetzt fiel ihr auch wieder ein, was es mit diesen Sachen auf sich hatte: Es war ein Versuch gewesen, mit ihrem damaligen Freund Markus nach Madeira zu reisen. Was dann doch nicht geklappt hatte, weil irgendeine Produkteinführung dazwischengekommen war, woraufhin Markus gefragt hatte, ob ihr Job denn wichtiger sei als er. Was für eine seltsame Frage, dachte Marlene, wenn irgendwann der Tag kommen sollte, an dem ihr ein Mann mehr bedeutete als ihre Arbeit, dann wäre das doch vor allem ein Zeichen dafür, dass sie sich dringend einen neuen Job suchen müsste.

Gut, vielleicht hätte sie Markus das damals nicht so direkt sagen sollen, andererseits fand sie es schon wichtig, ehrlich zu sein. Was nutzte es denn, sich zu verstellen? Sie sah das doch überall um sich herum, diese Ehen, die nur funktionierten, weil mindestens einer sich verbog. Oft waren es sogar beide, die etwas simulierten, was sie gar nicht waren, weil sie dachten, sie würden dadurch attraktiver oder kompatibler. »Man muss eben Kompromisse machen«, hieß es immer. Und irgendwann endeten dann die Ehen und man hatte nicht nur den Partner, sondern auch sich selbst verloren, weil man nach den vielen Jahren der Verstellung gar nicht mehr wusste, wer man eigentlich war.

Nun ja, das jedenfalls war ihr erspart geblieben, Markus war alleine nach Madeira geflogen und hatte ihre Beziehung dann auch ziemlich bald beendet, was sie schade fand, weil er wirklich ein netter, unkomplizierter Kerl gewesen war – aber was für eine Klette!

Sie nahm die hellblaue Jeans aus der Kiste, die könnte noch passen. Auch die T-Shirts schienen okay zu sein. Aber reichten die Sachen für zwei Wochen? Kaum war diese Frage in ihrem Kopf aufgetaucht, spürte sie auch schon die Verzweiflung: Wie sollte sie das aushalten, zwei Wochen lang in dieser Laber-Akademie? Zwei ganze verdammte Wochen!

Letzten Donnerstag hatte Dr. Finckenstein, der Boss, Hauptanteilseigner und Vorstandsvorsitzender der Aviola, sie zu einem Gespräch in sein Büro gebeten. Zuerst hatte er eine längere Lobrede auf sie gehalten, weil sie so effizient, so kompetent und so entscheidungssicher sei. Dann hatte er, wie sie es erwartet hatte, die Zukunftsfrage angesprochen und freiheraus gesagt, dass sie seine Nachfolgerin werden sollte, wenn er kommendes Jahr in den Ruhestand ginge.

Das war ein unglaublicher Moment gewesen, obwohl sie damit gerechnet hatte. Aber wenn ein so lang gehegter Traum endlich Wirklichkeit wurde, dann fühlte es sich eben ganz besonders an: sehr leicht, ja geradezu beschwingt ob der großen Freude und gleichzeitig tonnenschwer wegen der Verantwortung, die da bald auf sie zukommen würde. Aber bevor sie ihre Freude wirklich genießen konnte, sagte Dr. Finckenstein, dass es da noch ein Problem gebe. »So sehr ich Ihre fachlichen Kompetenzen schätze, liebe Marlene«, sagte er, »so sehr frage ich mich, ob Sie auch die Persönlichkeit mitbringen, die nötig ist, um ein solches Unternehmen erfolgreich führen zu können.«

Es folgte eine Aufzählung kritischer Bewertungen von namentlich nicht genannten Mitarbeitern, die vor allem ihren Charakter und ihren Führungsstil infrage stellten. »Die Kollegen beschreiben Sie als unempathisch, sie haben nicht das Gefühl, von Ihnen gesehen zu werden«, sagte Dr. Finckenstein. »Etliche Mitarbeiter fühlen sich nicht motiviert, sondern unter Druck gesetzt. Von einem Klima der Kälte und Angst ist die Rede. Mit Lob sollen Sie dagegen sehr sparsam sein.«

Klar war das erst mal ein Schock für sie gewesen. Klima der Kälte und Angst? Sie waren doch kein sibirisches Straflager! Generell galt in den Abteilungen, für die sie verantwortlich war, dass jeder Mitarbeiter als selbstständiger Mensch zu betrachten war. Gute Leute brauchten keine Anleitung, sondern wussten, was sie zu tun hatten, um ihre Leistung zu bringen. Die Mitarbeiter, die sich über sie beschwert hatten, gehörten ganz offensichtlich zu denen, die ihre Leistung nicht brachten und die deshalb von Marlene zur Rechenschaft gezogen worden waren.

Sicherlich gab es verschiedene Arten, mit solchen Problemen umzugehen, nur hielt Marlene überhaupt nichts davon, den Leuten Honig ums Maul zu schmieren. Ein Unternehmen war kein Montessori-Kindergarten, wo selbst die Versager erst mal ein Kompliment bekamen, bevor man sich behutsam ihren Problemen zuwandte. Dieses ganze Loben und Motivieren führte doch nur dazu, dass die Leute selbst ihre Defizite nicht erkannten. Man half ihnen nicht, wenn man ihre Schwächen verschwieg, wenn man sich »erst mal auf das Positive konzentrierte«, wie in den Manager-Lehrgängen erklärt wurde. Warum sollten die Mitarbeiter denn Fortschritte machen, wenn eigentlich alles okay war? Wie sollten sie ihre Kräfte entdecken, wenn sie immer nur gestreichelt wurden? Die ganze Welt funktionierte nach dem Prinzip von Druck und Gegendruck, es war, davon war Marlene überzeugt, das ehrlichste und transparenteste Prinzip, das es gab.

Außerdem war es doch kaum zu übersehen, dass die Ergebnisse in ihren Abteilungen deutlich besser ausfielen als in den anderen. War das nicht sogar exakt der Grund, warum Dr. Finckenstein sie zu seiner Nachfolgerin machen wollte und nicht einen von diesen Wohlfühl-Managern, von denen sie ja nun wahrlich genug an der Unternehmensspitze hatten?

Das alles hatte sie dem Boss genau so gesagt, woraufhin dieser sogar ein wenig gelächelt hatte, bevor er dann noch mal auf die Sache von vor zwei Wochen zu sprechen gekommen war: Eine Frau aus dem Rechnungswesen war zu ihr gekommen, weil sie sich von ihrem Abteilungsleiter sexuell belästigt gefühlt hatte. Der Abteilungsleiter hatte der Frau offenbar Komplimente zu ihrem Aussehen gemacht, hatte sie dabei »mit unangebrachten Blicken bedacht«, wie die Frau sagte, und sie wiederholt »auf ziemlich schmierige Art« zum Essen eingeladen. Marlene war an dem Tag, an dem sie das Gespräch mit der Frau führte, im Dauerstress gewesen, außerdem hatte sie den Vorgang nicht besonders ernst genommen, sie kannte doch den Abteilungsleiter, der war zwar ein Macho, aber völlig harmlos. Das hatte sie auch der Kollegin gesagt und ihr geraten, die Sache positiv zu betrachten, immerhin sei sie von ihrem Chef gelobt worden, da gebe es doch wahrlich Schlimmeres.

Die Frau war dann direkt zur Personalabteilung gerannt und hatte sich über Marlene beschwert, woraufhin die Geschichte bis in den Vorstand hochgewandert war, der sie wegen mangelnder Sensibilität gerügt hatte. Und klar, aus heutiger Sicht musste sie zugeben, dass sie da möglicherweise nicht ganz optimal reagiert hatte. Sie war vermutlich zu sehr von sich ausgegangen. Sie selbst hätte diesen Typen einfach abblitzen lassen, hätte ihn daran erinnert, dass er verheiratet und hässlich war, und die Geschichte anschließend im Kollegenkreis gestreut. Das ging natürlich leichter, wenn man die Vorgesetzte dieses Typen war, das wusste sie jetzt auch, weshalb sie sich ja später bei der Frau entschuldigt hatte.

»Diese Geschichte zeigt, dass Sie in Fragen der Personalführung durchaus noch Entwicklungsmöglichkeiten haben«, hatte Dr. Finckenstein gesagt. Statt das brav nickend zur Kenntnis zu nehmen, hatte sie dummerweise einen kleinen Vortrag zur Stellung der Frau in ihrem Unternehmen gehalten. Beginnend damit, dass ihr selbst doch auch niemand etwas geschenkt habe, dass sie im Gegenteil immer viel stärker sein müsse als ihre männlichen Konkurrenten, die sie alle unterschätzt hätten, weil Frauen ja angeblich so weich, kooperativ und verständnisvoll seien. »Wäre ich so gewesen, lieber Herr Dr. Finckenstein, ich hätte nie im Leben diese Karriere hingelegt. Und Sie würden mich nicht als ihre Nachfolgerin haben wollen.«

Auch da hatte der Boss zustimmend genickt, weshalb sie leichtsinnigerweise noch den Gedanken geäußert hatte, dass ja jetzt ständig alle beleidigt, schockiert oder tief in ihrer Würde verletzt seien. »Meine Güte, was ist das für eine mimosenhafte Welt geworden?«

Da hatte der Boss dann nicht mehr genickt. »Vor zehn Jahren, liebe Marlene, wären Sie mit dieser Einstellung vermutlich Managerin des Jahres geworden«, hatte er gesagt. »Heutzutage führt Sie das direkt in ein Achtsamkeits-Seminar.«

Zuerst hatte sie das für einen Witz gehalten, aber dann merkte sie, dass Dr. Finckenstein es wirklich ernst meinte. »Sie gehen zu Alex Grow, ein ausgezeichneter Unternehmens-Coach«, sagte er. »Es gibt Intensivkurse, zwei Wochen lang in einem kleinen Schloss in Brandenburg. Danach sprechen wir uns wieder.«

Na gut, hatte Marlene da noch gedacht, ich bin da zwei Wochen, reiße das runter, kriege meine Achtsamkeits-Urkunde und alles ist gut. Aber der Boss schien ihre Gedanken gelesen zu haben. »Nehmen Sie das ernst, Marlene, das ist Ihre große Chance. Ich kann Sie nur unterstützen, wenn Sie Ihre Einstellung zur Personalführung ändern, wenn Sie bereit sind, eine moderne Chefin zu werden.«

»Nach zwei Wochen?«

»Erst einmal ist für mich entscheidend, dass Sie sich wirklich darauf einlassen, dass Sie Ihre Mitarbeiterführung kritisch betrachten und zu neuen Ergebnissen kommen. Dann wird Ihrer Ernennung zum CEO von Aviola nichts im Wege stehen.«

Na ja, so war die Lage. Marlene griff fluchend nach der Reisetasche, zog die Wohnungstür zu und fühlte sich wie eine frisch Verurteilte auf dem Weg zum Haftantritt.

2

Er versuchte die Atemgeräusche zu überhören, die von der anderen Seite des Bettes kamen. Keine leichte Sache, wenn sonst gar nichts zu hören ist, wenn die Nacht die Welt in tiefe Stille hüllt. Was schlimmer ist als Schlaflosigkeit? Wenn neben einem ein anderer friedlich schläft, mit provozierend regelmäßigem Atem, mit einer Entspanntheit, die einen selbst immer mehr verspannt.

Ein Blick auf die Leuchtanzeige des Radioweckers verriet Alex, dass es schon viereinhalb Stunden her war, dass Johanna ihm eine gute Nacht gewünscht hatte. Kurz darauf war sie eingeschlafen. Er hatte dann erst mal die 4-7-8-Methode probiert, also vier Sekunden durch die Nase einatmen, sieben Sekunden die Luft anhalten und acht Sekunden ausatmen. Normalerweise brachte ihn das runter, aber diesmal funktionierte es nicht. Genauso wenig wie die progressive Muskelentspannung nach Jacobson und die anschließend zugegebenermaßen schon etwas hektisch abgehaltene Meditationsübung.

Das lag auch an Johanna, er war es einfach nicht gewohnt, dass jemand in seinem Bett schlief. Johanna hatte vor sechs Monaten das Modul Selbstvertrauen, Selbstliebe und Selbstkenntnis gebucht und war in seiner Übungsgruppe gelandet. Natürlich war es ein absolutes No-Go, sich mit einer Klientin einzulassen, es war das erste Mal, dass ihm so etwas passierte, seit er vor nun über zwanzig Jahren die Academy gegründet hatte. Es machte die Sache auch nicht besser, dass sie sich erst nähergekommen waren, als ihr Kurs schon fast vorbei gewesen war, das Verbot der körperlichen Annäherung gehörte zu den grundsätzlichsten Coaching-Grundsätzen. Alex hatte mal einen Assistenten gefeuert, der mit einer Kursteilnehmerin in der Teeküche geknutscht hatte, und jetzt erlaubte er sich selbst einen solchen Fauxpas! Wenn seine Leute oder die Öffentlichkeit davon erführen, wäre er geliefert.

Alex legte sich seufzend auf die linke Seite, zog die Oberschenkel zur Brust und schloss die Augen. Als gäbe es nicht schon genug Probleme! Gestern erst hatte er neue Zahlen bekommen, im letzten Quartal waren die Verluste der Academy noch mal gestiegen. Das ging jetzt seit zwei Jahren so, wenn er nicht regelmäßig den Kreditrahmen erhöhen würde und sogar schon eigenes Geld dazugeschossen hätte, wäre die Academy längst pleite. Klar könnte er Leute entlassen oder einzelne Abteilungen schließen, aber dann würden eben auch alle anderen von den Problemen erfahren. Und wenn »der berühmteste Coach Deutschlands«, wie ihn die Bild-Zeitung erst kürzlich wieder genannt hatte, seinen eigenen Laden nicht in den Griff bekam, was konnte er dann den Führungskräften anderer Unternehmen beibringen?

Diese Manager-Schulungen brachten nun mal den meisten Umsatz, auch wenn sie ihn persönlich am wenigsten interessierten. Er hatte die Academy ja nicht gegründet, um Leitungsstrukturen in börsennotierten Tech-Firmen zu optimieren, sondern um Menschen dabei zu helfen, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Das war es, was ihn nach wie vor am meisten inspirierte, auch wenn er immer weniger Zeit dafür hatte, direkt mit den Klienten zu arbeiten, weil er ja selbst ein Manager geworden war.

Am schönsten war es ganz am Anfang gewesen, als er mit nur zwei Assistenten in der Fabriketage in Köln-Porz angefangen hatte. Menschen zu begleiten, die sich selbst entdecken, die Lasten abschütteln, Ängste über Bord werfen, neue Kraft und Hoffnung entwickeln wollten, das war toll. Schon damals war klar gewesen, dass er ein Talent dafür hatte, den Menschen in die Seele zu schauen, ihre Verknotungen, Verletzungen und Bedürfnisse zu spüren, auch wenn das ziemlich esoterisch klang. Das war ihm damals übrigens auch egal gewesen, wie etwas klang. Wichtig war, dass es sich richtig anfühlte. Er war seinen Eingebungen gefolgt, ohne zu wissen, wohin sie ihn führten. Er hatte seine Emotionen freigelassen und geschaut, was passierte. Vielleicht war es das, was die anderen bei ihm gespürt hatten, was ihnen den Mut gab, sich selbst auf den Weg zu machen.

Wie bei der Sache mit dem Kanzlerkandidaten, dem Game-Changer, wie man heute sagen würde. Einer seiner Klienten hatte zu der Zeit in der Bonner SPD-Zentrale gearbeitet und ihn gefragt, ob er sich vorstellen könne, einem prominenten Parteifreund bei der Bewältigung eines sehr privaten Problems zu helfen. Das Problem des Mannes bestand darin, dass ihm gerade die dritte Ehefrau weggelaufen war, was ihn stark verunsicherte, weshalb er es sich nicht zutraute, seine Partei in den Wahlkampf zu führen. Nach ein paar Sitzungen wurde klar, dass die eigentliche Ursache seiner Verunsicherung ganz woanders lag, worüber der Mann so erleichtert war, dass er umgehend seine Kandidatur bekannt gab und ein halbes Jahr später, seine vierte Frau im Arm, die Wahl gewann.

Diese Geschichte hatte der Mann, der damals Kanzler geworden war, mit erstaunlicher Offenheit in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen erzählt. »Alex Grow hat mich zum Kanzler gemacht«, lautete die Zeitungsschlagzeile, womit sein Ruf als Seelenflüsterer erschaffen war. Als dann noch im selben Jahr eine bekannte Sängerin ebenfalls in der Öffentlichkeit darüber berichtete, wie Alex sie von ihren Selbstzweifeln befreit hatte, konnte er sich vor Klientenanfragen nicht mehr retten.

So hatte es begonnen, die Academy war gewachsen, mit irrer Geschwindigkeit, zuerst hatte er das Schloss im brandenburgischen Schönerlinde gekauft, zu dem ein zehn Hektar großer Park gehörte, der in einen herrlichen Buchenwald überging. Anschließend hatte er nicht nur Dutzende Coaches eingestellt, sondern auch Ernährungsberater, Yogalehrer, Physiotherapeuten, Tanzpädagogen, Psychologen, Gärtner und Hausmeister, Marketing- und Presseleute. Von der Charité warb er einen Pneumologen ab, der den Klienten bei der Tiefenatmung half, aus einem Aschram im indischen Bengaluru ließ er drei Yogis einfliegen, die das Meditationszentrum aufbauten. Später kamen dann noch Gestalt-Therapeuten, NLP-Berater, Business-Coaches, Thalasso-Meister und Ayurveda-Köche dazu, mittlerweile waren es hundertsiebzig Angestellte, die in ihren rostfarbenen Uniformen aus indischer Wildseide das Schlossgelände bevölkerten.

Das Erstaunliche war, dass es wirklich funktionierte, dass dieser raketenartige Aufstieg ohne größere Dramen gelang. Zumal dann auch noch Die Show mit Alex Grow auf RTL dazukam und später das AG-Magazin und der Hier-kommt-Alex-Podcast. Zehn Jahre brummte der Laden, dann ließ die Nachfrage zwar etwas nach, aber es lief immer noch hervorragend – bis Alex vor drei Jahren diesen Zusammenbruch hatte.

Aus heiterem Himmel, hatte er damals gesagt, was natürlich Blödsinn war, weil die Belastung so hoch gewesen war, dass er sie selbst mit größter Freude und Hingabe nicht auf Dauer hätte bewältigen können. Und ehrlich gesagt war es auch mit der Freude und Hingabe schon lange nicht mehr so prall gewesen. Die Academy war eine riesige Maschine geworden, die immer neuen Treibstoff brauchte. Und Alex, der war dann irgendwann leer gewesen. Und obwohl er ja quasi im Epizentrum der Achtsamkeit lebte, hatte er es gar nicht mitbekommen. Auf einmal waren sie da gewesen, die schwarzen Gedanken, die wie Krähen um einen kreisten, die Enge in der Brust, diese absurd traurige Traurigkeit. Alle diese Sachen, von denen ihm die Klienten immer erzählt hatten, waren auf einmal auch bei ihm angekommen.

Er war dann ziemlich schnell wieder aufgetaucht aus diesem Tal, er hatte ja die Leute, die wussten, wie man ausgebrannte Overachiever wie ihn wieder aufbaute. Weshalb er dann auch später nicht mehr vom »Zusammenbruch« sprach, sondern nur noch vom »Zwischenfall«, vom »Dämpfer«, vom »kleinen Warnsignal«.

Aber obwohl er schon bald wieder funktionierte, hatte sich doch etwas verändert, war etwas verloren gegangen, was er lange nicht hatte benennen können. Selbst heute fiel es ihm schwer, Worte dafür zu finden, diesem Gefühl Ausdruck zu verleihen. Was möglicherweise daran lag, dass es sich eher um ein Gefühlsloch handelte, um etwas, dass eben nicht mehr da war, dem er hinterherhorchen musste wie ein Amputierter, der seinen Arm nur noch im Phantomschmerz spürt. Um es kurz und ungenau zu sagen: Ihm fehlte die positive Energie, die vermutlich sein wichtigstes Betriebskapital gewesen war.

Ohne diese Energie fühlte er sich leer, zerfielen die Coaching-Mantras zu Worthülsen, war sein einstiges Strahlen bestenfalls noch als Glimmen zu erkennen. Es war nicht sofort aufgefallen, die Maschine drehte sich weiter, er hatte exzellente Leute eingekauft, die exzellent performten. Auch Alex selbst war noch immer ein guter Coach – wer ihn vorher nicht gekannt hatte, konnte ihn sogar für einen sehr guten Coach halten. Aber er spürte natürlich den Unterschied: Er hatte die Technik, das Timing, die Erfahrung. Nur der Zauber, dieses Unbeschreibliche, das die meisten seiner Coach-Kollegen vermutlich nie gekannt hatten, war ihm abhandengekommen.

Alex wälzte sich auf die andere Seite, sein Herz pochte nervös, er schwitzte, dieses nächtliche Grübeln machte ihn fertig. Wie sollte er denn so zur Ruhe kommen? Er schob die Bettdecke weg, setzte sich hin, öffnete langsam die Augen. Der Mond tauchte das Zimmer in ein milchiges Licht, Johanna lag auf dem Rücken, er sah ihre dichten Wimpern, den leicht geöffneten Mund. Alex stand auf, lief über das knarzende Eichenparkett zum Fenster, sah in den Park hinaus, der unter einer feinen Dunstwolke lag. Auf der großen Rasenfläche vor dem Schloss stand ein Wildschwein, das mit der Schnauze in der Erde wühlte. »Das kann doch wohl nicht wahr sein!«, zischte Alex. Er hatte Mattissen wiederholt angewiesen, den Zaun an der Waldseite auszubessern, damit diese verdammten Viecher ihnen nicht den schönen Yoga-Rasen zerwühlten. Er öffnete das Fenster, klatschte in die Hände, was das Wildschwein nicht zu beunruhigen schien. Er rief: »Hau ab!«, da zuckte das Tier zusammen und trabte davon. Johanna drehte sich leise seufzend im Bett herum. »Was ist denn los?«, fragte sie. »Nichts«, sagte Alex, schloss wütend das Fenster und legte sich wieder hin. Um zehn Uhr würden die neuen Kursteilnehmer ankommen, bis dahin musste er dringend Schlaf finden.

Aber er fand wieder nur zu seinen Grübeleien zurück, er dachte daran, wie absurd es war, dass er anderen den Weg zeigen konnte, aber selbst nicht mehr weiterwusste. Sein zweiter Zusammenbruch lag nur drei Monate zurück. Es war mitten in einer Gruppensitzung passiert, gerade hatte er den Teilnehmern eine praktische Übung zur aktiven Selbstliebe erklärt, als er plötzlich von dem Gefühl befallen worden war, die anderen würden ihn absolut lächerlich finden. Er sah es in ihren Blicken, sie betrachteten ihn mit Häme und unverhohlenem Hass, sie wollten ihn scheitern sehen. Und obwohl er wusste, dass er sich das alles nur einbildete, dass kein einziger Kursteilnehmer ihm etwas Böses wollte, gelang es ihm nicht, die Panik abzuschütteln. Er war rausgerannt, hatte im Park geheult, bis seine Assistentin ihn gefunden und in seine Wohnung gebracht hatte.

Seitdem hatte es keinen Zwischenfall mehr gegeben, aber die Angst blieb. Die Krähen kreisten über ihm, er konnte sie nicht sehen, aber er wusste, dass sie da waren. Anfangs dachte er noch, er könne sich selber heilen, so wie er das früher immer getan hatte, aber seine wunderbaren Tools und Methoden, mit denen er all die Jahre so vielen Menschen hatte helfen können, schienen bei ihm selbst nicht mehr zu funktionieren. Er war wie ein Gläubiger, der seinen Gott verloren hatte.

Trotzdem ließ Alex sich nicht hängen, er war diszipliniert, machte seinen Job, so gut er konnte, aber es war eben nicht mehr so wie früher. Unbestreitbar gab es einen Zusammenhang zwischen seinen miesen Betriebsergebnissen und seiner miesen Energie. Er spürte das in den Verhandlungen mit den Großkunden, früher war er da einfach reingegangen, hatte mit seinem Jungslächeln und seiner Begeisterung alle mitgerissen. Heute musste er sich quälen.

Johanna drehte sich zu ihm, streichelte mit ihrer warmen Hand über seinen Rücken, flüsterte: »Schlaf, Kindchen, schlaf.« Das beruhigte ihn, das tat gut. Er dachte daran, wie fertig Johanna gewesen war, als sie den Kurs hier angefangen hatte. Null Selbstbewusstsein, null Lebensfreude, null Kenntnis davon, wer sie war oder sein könnte. Gleich am ersten Tag hatte er eine Übung mit ihr gemacht, die Wunderfrage, die im Grunde darin bestand, sich vorzustellen, alle Probleme wären über Nacht verschwunden. Er hatte sie gefragt, woran sie am nächsten Morgen, nach dem Aufwachen, bemerken würde, dass offenbar ein Wunder mit ihr geschehen sei. Und sie hatte ohne zu zögern geantwortet: »Ich würde mich nicht mehr danach sehnen, mit dem Kopf unter der Decke liegen zu bleiben.«

Er hat sie dann wieder aufgebaut, Schritt für Schritt, nach einer Woche hatte sie ihre Flüsterstimme verloren, nach zwei Wochen begannen ihre Augen zu glänzen, nach drei Wochen hatte sie zum ersten Mal gelächelt. So war sie langsam ins Leben zurückgekommen. Und obwohl es für sein Verhalten keinerlei Entschuldigung gab, sollte nicht unerwähnt bleiben, dass sie zu ihm gekommen war. Eines Abends hatte sie mit einer Flasche Prosecco vor seiner Wohnungstür im Dachgeschoss der Academy gestanden. Und er hatte gedacht, dass er es womöglich verdient habe, ein bisschen von dem Glück zu naschen, das in seiner Begleitung entstanden war, wie ein Vampir, der sich von den anderen holte, was er selbst nicht mehr haben konnte.

Und jetzt lag sie neben ihm, hauchte ihm Kinderlieder ins Ohr, die sein Herz beruhigten. Die Verhältnisse hatten sich umgekehrt, er war jetzt derjenige, der am liebsten für immer unter seiner Decke geblieben wäre. Alex fiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf, aus dem er erst erwachte, als der Radiowecker zu den Neun-Uhr-Nachrichten ansprang. Er tauchte langsam auf, der Kopf schmerzte, sein Magen rumorte, offenbar war in dieser Nacht zumindest bei ihm kein Wunder geschehen.

3

Marlene nahm den Aufzug in die Tiefgarage, setzte sich in ihr nachtblaues Mercedes-Cabrio und startete den Motor. Sie fuhr an der Elbe entlang Richtung Autobahn, durch Vororte, die sie noch nie gesehen hatte. Seit zehn Jahren wohnte sie in Hamburg, aber die einzigen Strecken, die sie kannte, waren die von ihrem möblierten Appartement ins Büro und ins Fitness-Studio, in das sie zweimal die Woche ging. Eigentlich war das Appartement nur für den Anfang gedacht gewesen, bis sie etwas anderes gefunden hatte. Aber je länger sie dort wohnte, desto unsinniger erschien es ihr, sich irgendwo eine Wohnung zu suchen, die sie ja dann auch hätte einrichten müssen, was für sie eine ähnlich grauenhafte Vorstellung war wie die, von irgendwelchen Nachbarn umgeben zu sein, die im schlimmsten Fall mit Brot und Salz vorbeikamen, um die Neubewohnerin zu begrüßen.

In ihrem Appartement-Haus gab es nur Business-Leute, die hier wochen- oder monateweise logierten. Sie war die einzige Dauermieterin, weshalb die Hausverwaltung neulich angefragt hatte, ob sie vielleicht ihren Namen auf dem Klingelschild haben wolle, auf dem normalerweise nur die Wohnungnummer vermerkt war. Wollte sie natürlich nicht. Warum auch?

Sie ging morgens um sieben aus dem Haus, kam gegen zweiundzwanzig Uhr zurück, im Grunde brauchte sie nur das Bad und das Schlafzimmer. Die übertrieben große, karamellseidige Sofalandschaft, die in ihrem Wohnzimmer stand, war in diesen ganzen Jahren fast unbenutzt geblieben. Genau wie die Küche, auf deren Arbeitsflächen aus geölter Eiche noch nie gearbeitet worden war. Neulich hatte sie mal versucht, eine Pizza im Backofen aufzuwärmen, was zu starker Rauchentwicklung geführt hatte, weil die Transportsicherung aus Styropor Feuer gefangen hatte. In ihrem Kühlschrank standen ein abgelaufener Diät-Joghurtbecher, ein noch eingeschweißtes Stück Chia-Butter und eine Flasche Champagner.

Marlene wusste, dass die Leute sie für seltsam hielten, aber sie war daran gewöhnt. Sie war auch schon ein seltsames Kind gewesen, eine seltsame Jugendliche, eine seltsame junge Frau, irgendwann hatte sie aufgehört zu versuchen, nicht seltsam zu sein. Sie musste an ihre Mutter denken, wie sie damals in dem kleinen Flur daheim in Schwabach vor ihr gestanden hatte und sie in den Arm nehmen wollte. Was so überraschend gewesen war, dass Marlene instinktiv zurückgezuckt war. Sie erinnerte sich an die kalten Mutterhände auf ihren nackten Oberarmen, an ihren Fluchtreflex, an die enttäuschten Augen und die Worte ihrer Mutter: »Was ist nur falsch mit dir, Marlenchen?«

Tja, gute Frage. Marlene bog auf die Autobahn ein, sie spürte den warmen Fahrtwind, die Sonne, sie roch das Gras, das gerade auf dem Grünstreifen gemäht wurde. Sie stellte erstaunt fest, dass sich das alles ziemlich gut anfühlte. Sie hatte wenig Übung mit solchen ungeplanten Momenten, normalerweise trennten getönte Panoramafenster und diskret parfümierte Klimaanlagen sie von der Außenwelt. Das Sommergefühl, das da in sie hineinschwappte, war intensiv, erinnerte sie an den Bungalow in dieser Feriensiedlung am See, wo sie mal mit der Mutter hingefahren war. Was so eine spontane Autofahrt für Erinnerungen produzierte, dachte Marlene, normalerweise war die Mutter in ihren Gedanken nicht präsent und jetzt war sie ihr innerhalb einer halben Stunde schon zum zweiten Mal begegnet. Was wiederum zu der Frage führte, ob Spontanität wirklich so eine gute Sache war.

»Du warst ein Unfall«, hatte die Mutter immer gesagt und dabei geguckt, als ginge es um das Reaktorunglück von Tschernobyl. Die Mutter war vierzig gewesen und offenbar gerade dabei, sich von ihrem Mann zu trennen, als Marlene dazwischengekommen war. Vielleicht hätte sie noch mal neu anfangen wollen damals, irgendein anderes Leben mit irgendeinem anderen Mann. Aber das ging ja dann nicht mehr. Weil eben der Unfall passierte. So blieben die Eltern zusammen – und es blieb auch der Vorwurf, der nie ausgesprochen wurde, aber immer zu spüren war.

Besorgt war sie gewesen, die Mutter, immer besorgt, vor allem wegen der vielen Viren und Krankheiten, die es in der Welt gab. Ließ Marlene als Kind ein Spielzeug fallen, dann wischte die Mutter zuerst das Spielzeug, dann Marlenes Hände und dann ihre eigenen Hände mit Desinfektionstüchern ab. Noch heute hatte Marlene den Sagrotan-Geruch in der Nase, der sich mit dem süßlichen Parfüm der Mutter zu einer widerlichen Mischung vereint hatte.

Auch Wasser trinken war ganz wichtig gewesen. Die meisten Leute wurden krank, weil sie nicht genug tranken, sagte die Mutter. Vor dem Schlafengehen musste Marlene immer zwei große Gläser Wasser in sich hineinkippen, damit der Körper nicht austrocknete über Nacht. Marlene hatte nur selten durchgeschlafen, weil sie entweder auf Toilette musste oder aus Albträumen erwachte, in denen sie sich in eine Trockenmumie verwandelt hatte.

Später, als Jugendliche, trank Marlene kaum noch, aß dafür Blumenerde und brannte mit dem Feuerzeug Löcher in die von der Mutter penibel geschnittene Ponyfrisur. Wenn sich mal ein Junge trotz Marlenes offenkundigen Seltsamkeiten für sie interessierte, sorgte die Mutter dafür, dass die Anbahnung scheiterte, indem sie entweder dem Jungen peinliche Geschichten von Marlene erzählte oder ihr vor dem Jungen Angst machte. »Du musst dich vorsehen, Marlenchen«, sagte die Mutter, »die Jungs, die lauern nur auf ihren Moment.«

Sie zog immer mehrere Kleidungsschichten übereinander, weshalb ihr Körper nur noch andeutungsweise zu erkennen war. Sie hatte dreckige Fingernägel, die sie mit schwarzem Nagellack übermalte, hörte Gothic-Musik und mochte verlassene Friedhöfe.

Mit neunzehn hatte sie das erste Mal Sex, mit einem Typen, den sie kaum kannte. In einem Gebüsch im Park. Kalt, schmerzhaft. Die Mutter schien recht gehabt zu haben.

Als niemand mehr irgendetwas von ihr erwartete, studierte sie Philosophie und Betriebswirtschaft und bewarb sich auf einen Job im mittleren Management bei Aviola, für den sie weder die Qualifikation noch die Erfahrung hatte. Trotzdem schlug sie im Assessment-Center alle Konkurrenten, bekam den Job und begann ihr rauschhaftes Arbeitsleben. Sie entdeckte, dass die Arbeit für sie die perfekte Lebensform war, weil es in der Firma vor allem um Produktivität und Effizienz ging und auch ihre Seltsamkeiten akzeptiert wurden, solange sie erfolgreich war.

Den Sozialkontakt mit ihren Kollegen organisierte sie nach rein funktionalen Aspekten: Sie hatte ein gutes Gespür dafür, mit wem zusammen sie noch produktiver werden konnte, sie scharte die richtigen Leute um sich, die wiederum von der Nähe zu ihr profitierten. Es gab keine falschen Erwartungen, keine komplizierten Gefühle, nur glasklare Interessen.

Marlene fuhr von der Autobahn ab, kam an Dörfern und Seen vorbei. Das Kopfsteinpflaster wurde immer holpriger, die Dörfer immer seltener, bis nur noch Wälder die Straßen säumten und sie sogar einen Fuchs über die Fahrbahn huschen sah. So war das hier also, in diesem Brandenburg, dachte Marlene, ganz schön eigentlich, nicht zu viele Menschen, nur Buchen und Kiefern, wilde Tiere und ein Himmel, der nicht zu enden schien. Sie fuhr langsamer, atmete die nach Kiefernharz duftende Luft ein, fühlte sich gar nicht mal schlecht, bis ihr Blick auf das Navi fiel: noch acht Minuten bis zum Umerziehungslager.

4

Es war kurz vor zehn, als Alex, begleitet von seinen Assistenten, auf die Gartenterrasse des Schlosses trat, um die Neuen zu begrüßen. Zehn Teilnehmer hatten sich für das zweiwöchige Programm Connect with yourself angemeldet. Ein Intensivpaket mit Yoga- und Meditationsrunden, Eins-zu-eins-Coachings, Gruppenübungen, Waldbaden, Feedback-Sessions, Körper- und Energiearbeit, Shiatsu-Massagen und Thalasso-Bädern. Die Klienten wohnten in luxuriösen Appartements, es gab ein Ayurveda-Frühstück, ein veganes Mittagsbuffet und ein abendliches Fünf-Gänge-Menü. Kurzum, es war ein Programm für Menschen, die es zumindest nicht für ausgeschlossen hielten, dass Geld glücklich machen konnte.