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Londinium, 1890. Bei einem verdeckten Einsatz auf einem Ball trifft die Kriegshexe Nastasia ihre alte Liebe Moosblüte wieder. Unerwartet bekommen die beiden Frauen so ihre Chance für eine gemeinsame Zukunft. Aber der Preis ist hoch: Mit einem Team aus Arkanen sollen sie in den Black Tower von Londinium einbrechen, um ein wertvolles Artefakt zu stehlen. Doch in dieser Stadt ist nichts, wie es scheint, und Verrat lauert an jeder Ecke – selbst in den eigenen Reihen. Plötzlich steht nicht nur ihr Leben, sondern das Schicksal von Millionen auf dem Spiel. Nastasia und Moosblüte müssen eine schwerwiegende Entscheidung treffen: Werden sie ihre Liebe für das Überleben einer ganzen Welt opfern? Ein alternatives London voller Magie, ein unmöglicher Einbruch und eine sapphic Liebe über die Zeit hinweg.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
© 2025 Yola Stahl
Lektorat
Mina Bekker
www.minabekker.de
https://www.instagram.com/minabekker.autorin/
Korrektorat
Ricarda Seidl
www.schreibklauberei.at
https://www.instagram.com/lektorat_schreibklauberei/
Cover, Illustrationen und Buchsatz
Yola Stahl
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Kontakt GPSR
Yola Stahl
Obere Gartenstraße 14
64646 Heppenheim
Ausschluss KI-Nutzung
Dieses Buch ist ohne den Einsatz von generativer KI entstanden.
Es ist ausdrücklich untersagt, dieses Werk oder Teile davon ohne vorherige schriftliche Genehmigung der Autorin für folgende Zwecke zu nutzen:
Automatisiertes Text- und Datamining (einschließlich KI-Training und maschinellem Lernen)
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Für alle, die ihre Heimat erst noch finden müssen.
Ihr seid nicht allein auf diesem Weg.
Liebe Leserin,
die Vorlage für mein “Londinium” ist das historische London um 1890. Obwohl ich Stunden über alten Karten, Artikeln und Quellen gebrütet habe, ist Londinium mit viel künstlerischer Freiheit entstanden. “Eine Blume aus Gift und Eisen” ist in erster Linie ein Fantasy-Roman und seine historische Akkuratesse sollte als solche verstanden werden – nämlich nicht vorhanden.
“Eine Blume aus Gift und Eisen” greift schwere Themen auf. Es behandelt u. a. Krieg, Verlust und Drogenmissbrauch. Wenn du dich dazu informieren möchtest, lies vorher die Content Notes, damit du beim Lesen nicht unangenehm überrascht wirst.
Und wenn dir das Buch gefallen hat, dann hinterlasse mir doch bitte eine Bewertung. Damit unterstützt du mich als Selfpublisherin sehr und hilfst anderen Fantasy-Fans vielleicht, ihr neues Lieblingsbuch zu finden.
Dann bleibt mir nur noch eins zu wünschen: Viel Spaß beim Lesen von “Eine Blume aus Gift und Eisen”.
Deine
Yola Stahl
Wenn du keine CN benötigst, kannst du direkt in das Abenteuer von Nastasia und Moosblüte einsteigen. Falls dir beim Lesen noch etwas auffällt, das ergänzt werden sollte, schreib mir bitte an: [email protected]
• Alkoholkonsum (explizit)
• Rauchen (explizit)
• Drogenmissbrauch, u.a. Alkohol, Rauchen, Rauschmittel (explizit)
• Opiumkonsum (explizit)
• Medikamentenmissbrauch (explizit)
• Trauma durch Krieg, Flucht und Verfolgung (Bericht)
• Suizidwunsch (Erwähnung)
• Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Pogrom (Bericht)
• Anschlag (explizit)
• Geiselnahme (explizit)
• Verlust der Familie (Bericht)
• Folter (explizit)
• Kampf (explizit)
• Blut, Verletzungen, Narben (explizit)
• Verlust eines Auges (explizit)
• Krieg und Schilderungen von Kriegsverletzungen (Bericht)
• Posttraumatische Belastungsstörung (explizit)
• Tod (Bericht, angedeutet)
• Toxische Beziehungsmuster (erwähnt)
• Verlust von Kindern (erwähnt)
• Waisen (erwähnt)
• Pandemie (angedeutet)
• Ableistische und rassistische Begriffe (“Rasse”, “Idiot”, “Wahnsinn”)
Durch den Nebel drangen die trägen Glockenschläge der Nachtwache. Sieben Mal hallte die Bronze und verklang dann im Gurgeln der Walbrook, die unter Nastasias Füßen die Brückenpfeiler umspülte.
Die Hexe nahm einen tiefen Zug von dem Zigarillo und ließ den würzigen Geruch von Opium und Stechapfel in die kalte Nachtluft entkommen. Behäbig schraubte sich der Rauch in die Höhe und verblasste ins Dunkelgrau.
Nastasia verlagerte ihr Gewicht und schnaubte verärgert. Ein weiterer Atemzug hing als weiße Wolke in der Luft und verflüchtigte sich dann ebenfalls in das Zwielicht der hereinbrechenden Nacht.
Er kommt zu spät.
Sie ließ den Stummel fallen, stieß ihn mit der polierten Schuhspitze über die Kante und die Glut wurde von dem Wasser verschluckt.
Nastasia fröstelte. Ihr Seidenkleid und das Cape konnten die Kälte nicht abhalten. Der schwere Schmuck lag um ihren Hals wie ein Ring aus gefrorenem Eisen.
Die Garderobe war vor drei Stunden in ihr Apartment geliefert worden. Und eine unmissverständliche Notiz hatte ihr klar gemacht, dass ihr Auftraggeber wünschte, dass sie alles davon heute Abend tragen sollte. Also hatte sie sich fluchend in das Kleid gezwängt, die Haare hochgesteckt, den Schmuck angelegt und stand jetzt herausgeputzt auf der Elder Tree Bridge.
Das Geräusch von beschlagenen Pferdehufen auf Kopfsteinpflaster ließ sie zusammenzucken. Keine drei Atemzüge später bog eine geschlossene Growler-Kutsche um die Ecke und kam vor ihr zum Stehen.
Nastasia fror erbärmlich und sie wäre lieber barfuß nach Hause gelaufen, als in den Growler zu steigen. Leider blieb ihr keine Wahl.
Der Kutscher sprang herab, öffnete ihr die Tür und Nastasia raffte ihr voluminöses Kleid zusammen, um die Trittstufe zu erklimmen. Sie ließ sich auf einem Eckplatz entgegen der Fahrtrichtung nieder. Er saß ihr immer auf der anderen Seite gegenüber.
»Guten Abend, Sir.«
»Miss Dobranov.« Die Stimme der Spinne war samtweich, geradezu verführerisch, aber Nastasia wusste, dass darunter klingenscharfes Kalkül und düstere Absichten lagen. Man durfte sich in seiner Gegenwart keine Unaufmerksamkeit erlauben, keine Ruhe, sich nicht sicher fühlen, zu keinem Moment. Und Nastasia beherzigte diesen Vorsatz gewissenhaft. Er half ihr dabei, unter seinem Befehl am Leben zu bleiben.
Sein Oberkörper lag in Schatten versunken und verhinderte, dass Nastasia seinen Gesichtsausdruck las. Eine seiner behandschuhten Hände ruhte auf dem großen Smaragd, der den Griff seines Gehstocks zierte. Nastasia war sich noch immer nicht sicher, ob er Accessoire oder Waffe war.
Wahrscheinlich beides.
Den schimmernden Stein musste sie vor zwei Monaten während einer Wohltätigkeitsveranstaltung aus einer Privatsammlung stehlen und sie hatte sich schon gefragt, was er mit dem Kristall anfangen wollte. Angeblich war der Smaragd verflucht und sie konnte diesen Aberglauben leider nur bestätigen. Der Einsatz war eine Katastrophe gewesen, der in einem Großbrand geendet hatte. Nastasia hatte der Auftrag eine neue Narbe in ihre Sammlung auf dem Rücken eingebracht.
Was für ein Dreck.
Und jetzt ziert der blöde Stein seinen Gehstock.
Die Spinne war anspruchsvoll, in allen Belangen, also passte es zu ihm. Seine Kleidung war von höchster Qualität; ein schwarzer Gehrock und polierte Lederschuhe.
Tadellos, so wie immer. Als hätten die schmutzigen Straßen von Londinium keinen Einfluss auf ihn.
Trotzdem haftete ihm beständig der Geruch von Funken an, wie zwei Feuersteine, die splitternd aneinanderschlugen und Feuer entfachten. Ein unsichtbares Glutnest, das war die Spinne für Nastasia. Und sie achtete penibel darauf, dass sie sich nicht an ihm verbrannte.
Sein Zeigefinger tippte auf das glänzende Grün und Nastasia zuckte zusammen.
Scheiße. Er ist nicht gut drauf.
Sie strich die zerknitterte Seide glatt.
»Gefällt Ihnen das Kleid, Miss Dobranov?«
Nastasia zögerte kurz. »Es entspricht nicht gerade meinem Stil. Aber die Farbe ist schön.«
Blutrot.
»Sie hassen es.«
»Ich bevorzuge Anzüge«, wich sie aus. »Darf ich den Anlass erfahren?«
Die Straßenlaternen warfen scharfes Licht in die Kutsche, zerschnitten die Schatten immer wieder mit ihren harten Kanten. Sie erhaschte einen Blick auf sein Gesicht. Er schmunzelte und Nastasia stellten sich die Nackenhaare auf.
»Sie werden einem Ball beiwohnen.«
»Muss ich tanzen? Ich mag es nicht zu tanzen.«
»Das hätten Sie sich überlegen sollen, bevor Sie versucht haben, mich für ihre grünhäutige Freundin zu hintergehen.«
Nastasia presste bei dem kalten Tonfall die Lippen zusammen. Sie wusste sehr genau, was sie mit ihrem Verrat riskiert, gewonnen und verloren hatte.
Moosblüte.
Sie schluckte ihre Sehnsucht und Verwünschungen hinunter. »Was wollen Sie von mir, Sir?«
»Sie werden auf den Ball des Friedens gehen, Miss Dobranov. Sie werden tanzen, lächeln und bezaubernd aussehen.« Der Befehl in seiner Stimme war unerträglich, klang klirrend wie zerbrochenes Glas in ihren Gedanken nach.
Sie nickte steif, weil sie keine andere Wahl hatte. »Und was noch?«
Er zuckte mit den Schultern. »Nichts.«
Ihre Augenbrauen formten ein scharfes Tal aus Misstrauen auf ihrer Stirn. »Nichts?«, hakte sie nach. »Es gibt nichts zu stehlen? Niemand soll bedroht oder ermordet werden? Das fällt mir schwer zu glauben.«
»Es spielt keine Rolle, was Sie glauben, Miss Dobranov.«
»Natürlich nicht«, erwiderte sie spitz. »Erlauben Sie mir trotzdem die Frage: Wer wird auf diesem Ball des Friedens anwesend sein?«
Ich muss wenigstens versuchen herauszufinden, was er vorhat.
Er lächelte schief, als hätte er ihre Gedanken gelesen. »Hohe Politik. Jeder, der Rang und Namen und etwas zu sagen hat. Oder das zumindest von sich denkt.«
»Und ich soll wirklich niemanden umbringen?« Der Unglaube in ihrer Stimme überraschte sie selbst. Nastasia war in der festen Überzeugung in diese Kutsche gestiegen, dass sie am Ende des Tages wieder mit Blut an den Händen zurückkehren würde. Das war bis jetzt bei jedem Einsatz so gewesen, zu den die Spinne sie gezwungen hatte. Wobei sie zu seiner Verteidigung zugeben musste, dass sie kein Mitleid mit ihren Opfern hatte. Es waren korrupte Politiker, Waffenhändler, Generäle und Oligarchen, denen sie wortwörtlich die Luft zum Atmen genommen hatte.
Mörder mit unschuldigem Blut an den Händen. Als ob ich besser wäre. Ich stehe nur auf der anderen Seite des Spielfeldes. Irgendwann werde auch ich geschlagen.
Die Spinne verfolgte ein größeres Ziel und sie war einfach nur ein Mittel zum Zweck. Nastasia hatte eigentlich keine Probleme damit, Befehle zu befolgen. Aber die vergangenen dreizehn Jahre hatten Spuren und Erkenntnisse hinterlassen, die sie nicht mehr leugnen konnte. Und die Arbeit für die Spinne war da nicht gerade hilfreich. Die Fingerknöchel knackten, als sie ihre Hände zu Fäusten schloss.
»Es wäre äußerst fatal, wenn auf diesem Ball jemand sterben würde, Miss Dobranov.« Die Spinne lehnte sich vor und für einen Augenblick zogen die Lichter der Laternen über seine glatten Gesichtszüge. »Äußerst fatal. Verstehen Sie?«
»Ja, Sir.«
Einen Scheißdreck verstehe ich. Was will er von mir?!
Er lachte amüsiert und sie hatte das Gefühl, dass ein Schauer aus Obsidian-Splittern über ihr niederging. Die Ahnung eines drohenden Unheils verstärkte sich.
»Sie sind zu misstrauisch, Miss Dobranov.«
»Ich glaube nicht, dass es in meiner Position so etwas wie zu misstrauisch gibt, Sir.«
»Da haben Sie wohl recht.« Er seufzte schwer und sank zurück in die samtene Schwärze des Sitzpolsters. Wenn Nastasia es nicht besser wüsste, könnte sie schwören, dass sich die Schatten wie schützende Hände um seine Gestalt legten. Sie erschauderte.
»Mir ist bewusst, dass ich Ihre Fähigkeiten in den letzten Monaten etwas … überstrapaziert habe.« Seine Finger tippten auf den Smaragd.
Sie lächelte säuerlich. »Etwas.«
»Jeder dieser Einsätze und jeder dieser Toten war ein notwendiges Übel. Sie waren fünf Jahre an der Front, Miss Dobranov. Sie wissen, dass manche Lösungen endgültig sein müssen, damit man weiter vorankommt.«
Nastasia wollte ihm vehement widersprechen. Aber sie konnte nicht. Stattdessen versuchte sie, nicht daran zu denken, wie oft sie sich im Graben gewünscht hatte, dass einfach alle Soldaten aufstehen und nach Hause zu ihren Familien und Geliebten laufen würden. Weiße Gesichter wühlten sich empor, flackerten wie bleiche Flammen vor ihren Augen auf. Sie biss sich auf die Lippen und der Schmerz ließ die Bilder verschwinden.
»Krieg ist ein ewiger Flächenbrand«, fuhr er fort. »Wir können uns nur entscheiden, ob wir in ihm verbrennen oder selbst zum Feuer werden. Zunder oder Flamme, mehr gibt es nicht.«
Zornige Magie loderte in ihrer Brust auf. Ihr Solcridh, das magische Herz im Herzen, schlug aufgebracht gegen ihre Rippen, als wollte es aus ihrem Brustkorb ausbrechen.
Selbstgefälliger Bastard. Krieg ist Brandstiftung am Leben. Er ist strategischer Zwang, aus Kalkül geboren. Und den Preis zahlen nie die Fädenzieher, immer nur die Marionetten.
Ihre geschlossenen Fäuste zitterten, während sie um Fassung rang. In ihren Ohren hallte ein Lied aus Mündungsfeuern, Explosionen und den Schreien der Verwundeten und Sterbenden wider. Sie trug diese scheußliche Melodie mit sich, wohin sie auch ging, wie ein Ohrwurm, der sie immer wieder heimsuchte, egal ob in ihren Träumen oder Momenten wie diesen. Nastasia atmete mit aller Kraft gegen diesen inneren Missklang an, während die Spinne unbeeindruckt weiterredete. Entweder war ihm ihr Zustand nicht aufgefallen oder es interessierte ihn nicht.
»Begreifen Sie diese Nacht als eine Wiedergutmachung. Ein wenig Ablenkung wird Ihnen guttun. Nehmen Sie eine andere Perspektive ein, so etwas belebt den Geist, Sie werden sehen.« Er lächelte und es wirkte wie der pure Hohn. »Ich habe gehört, es wird ein besonders guter Jahrgang Feenwein serviert. Dafür haben Sie doch eine Schwäche, oder?«
Nastasia stieg Schamesröte in das Gesicht. Knirschend presste sie ihre Backenzähne aufeinander und wandte den Blick von ihm ab.
Bastard.
Draußen zog das nächtliche Londinium an ihr vorbei. Sie fuhren durch Straßen, in denen wohlhabende Leute lebten. Die Fenster der Häuser waren hell erleuchtet. In Blackchapel war es dunkler, aber dorthin verirrte sich auch keine Kutsche dieser Größe.
Der Growler verließ die Innenstadt und bog auf die breiten Prachtstraßen der City of Londinium ab. Ohne Zweifel waren sie in der High Society der Stadt angekommen. Im raschen Tempo passierten sie säulengesäumte Häuser mit hohen Giebeln und Fensterfronten. Schmiedeeiserne Tore beschützten Gärten mit Springbrunnen. Auf den gepflegten Bürgersteigen flanierten Passanten im Rahmen eines abendlichen Spaziergangs. Die meisten von ihnen waren Menschen und Nastasia rutschte tiefer in ihren Sitz. Unwillkürlich zuckten ihre Flügel, die zusammengefaltet und sorgfältig im Korsett verstaut waren und unter der langen Schleppe verborgen lagen. Ansonsten wirkte Nastasia mit ihren dunklen Haaren und der blassen Haut menschlich genug und wusste um dieses Privileg. Höchstens die silbrige Augenfarbe verriet, dass sie eine Arkane war. Trotzdem fiel es ihr leicht, bei den Menschen unterzutauchen und sich als eine von ihnen auszugeben. Die Flügel verborgen, die silberhellen Augen im Sonnenlicht hinter einer Brille mit roten Gläsern versteckt. Sie konnte sich gut unter den Menschen tarnen und darin lag ihre Stärke als Spionin. Ihre Erscheinung löste keine Angst aus. Vielen Arkanen erging es da anders. Ihre bunte Haut, Fell, Hörner, Schweife, Flügel, Klauen und Zähne schreckten die Menschen ab.
Der Growler kam abrupt zum Stehen und riss Nastasia aus ihren Gedanken. Sie warf einen Blick aus dem kleinen Fenster der Kutsche. Hinter dem welligen Glas flackerten Fackeln und Feuerkörbe, die als Gang angeordnet zu einem hohen Haus mit weißen Säulen führten. Üppige Blumengestecke säumten den Kiesweg, auf dem zahlreiche Gestalten mit Zylindern und Abendgarderobe auf den hell erleuchteten Eingang zustrebten.
»Lynwood House?«
Als Antwort hielt die Spinne ihr ein Kuvert aus schwerem Büttenpapier vor die Nase, während der Kutscher die Tür aufriss. Nastasia wartete darauf, dass sich ihr Gegenüber erhob und zuerst das Gefährt verließ, doch die Spinne blieb seelenruhig sitzen. Fragend sah sie ihn an und erahnte das höhnische Grinsen in den Schatten.
»Sie gehen allein«, sprach er ihre Befürchtung aus und das Papier zwischen seinen Fingern wippte auf und ab.
Nastasia schnappte sich die Einladung und faltete sie auf. »Die ist nur auf Sie ausgeschrieben.«
»Sagen Sie, dass Sie in meinem Namen dort sind und dass ich nachkommen werde.«
»Werden Sie das denn?«
Die Spinne schwieg.
»Miss Dobranov?«, fragte der Kutscher von draußen.
Sie bewegte sich nicht.
»Gehen Sie, wenn Ihnen etwas am Leben Ihrer bezaubernden Freundin liegt.« Ihr entging die Drohung in der Stimme der Spinne keinesfalls. Nastasia wog ihre Chancen ab und kam zu keinem guten Ergebnis. Wortlos rutschte sie zum Ausgang und trat hinaus. Kalte Luft schlug ihr entgegen und sie atmete so tief ein, als wäre sie in dem Growler um ein Haar erstickt. Sie drehte sich um, doch das Innere der Kutsche war in eine verschlingende Dunkelheit gehüllt.
»Ich wünsche Ihnen einen erquicklichen Abend, Miss Dobranov.« Es klang wie der reinste Hohn. Bevor sie der Spinne antworten konnte, schlug die Tür zu und die Droschke rappelte davon.
Nastasia zog das Capelet enger um die Schultern und starrte auf die Einladung in ihren Fingern.
Ich werde diese Nacht nicht überleben, dachte sie. Wenn ich könnte, würde ich jetzt weglaufen und untertauchen. Aber mir bleibt keine Wahl. Nicht, wenn ich Moosblüte beschützen will.
Sie schritt auf den Eingang zu. An den Seiten standen mehrere Transport-Kutschen des L.O.N.G.W.A.Y. Departments. Nastasia überschlug die Anzahl der vermuteten Constables in den Wagen.
Ungewöhnlich viele. Etwas hat sie in Alarmbereitschaft versetzt. Kein gutes Zeichen.
Sie ging weiter und musterte dabei die Diener, die das Portal flankierten und die Einladungen überprüften.
Zwei von ihnen waren Menschen und zwei Arkane. Sie steuerte einen jungen Faun an und hielt ihm lächelnd das Kuvert hin.
»Ich bin die Assistentin von Sir Darad«, erklärte sie, als der Faun beim Lesen die Stirn runzelte. »Er muss noch zu einem wichtigen Gespräch und wird bald kommen. Ich soll für ihn die Reden mitverfolgen. Ich hoffe, das ist kein Problem?«
Der Diener verbeugte sich knapp. »Natürlich nicht, Miss Skoros. Treten Sie ein. Wir werden Sir Darad angemessen empfangen und Sie über seine Ankunft informieren.«
Nastasia nickte zufrieden und atmete auf. Sie hatte bei einem solchen Fest mit mehr Misstrauen und Nachfragen gerechnet. Doch der stete Strom an Gästen ließ die Diener offensichtlich nach einfachen Lösungen suchen. Der Faun hatte ihre verschnürten Flügel sicher sofort entdeckt. Er lächelte ihr zu und wies einen weiteren Bediensteten an, Nastasias Capelet zur Garderobe zu bringen.
Nastasia folgte dem Strom von Menschen und betrat den großen Hauptsaal.
Tausende von Kerzen erhellten in goldenen Lüstern den Raum. Die deckenhohen Spiegel reflektierten von den Wänden das Licht und ließen den Saal größer wirken, als er tatsächlich war. An der Decke waren mythische Szenen aufgemalt, Bilder aus der Zeit, als die drei Welten zusammenstießen und Neaperia erschufen. Auf der Empore spielte das Orchester eine treibende Melodie, zu der sich Paare auf der Tanzfläche drehten. Ballkleider bauschten um die Wette und Militäruniformen klirrten und glänzten vor Orden. Neid regte sich in Nastasia. Sie hätte auch lieber ihre gut geschnittene Uniform getragen.
Ein mit Blumen und goldenen Kerzenhaltern geschmückter Tisch dominierte das Ende des Raumes. In der Mitte thronte eine Eisskulptur, die einen Werwolf und einen Mann darstellte. Beide reichten einander Hand und Klaue. Während der Mensch einen Eichenzweig zwischen den Fingern hielt, hatte der Wolf eine Sanduhr in den Krallen, durch die glitzernder Staub rieselte. Über ihnen stieg eine Taube empor, deren Flügel so kunstfertig geschliffen waren, dass man jede einzelne Feder erkennen konnte. Die Skulptur schimmerte, ohne zu schmelzen, und musste durch Magie geformt worden sein, vielleicht von einem Eisformer aus Norvegr.
FÜR EINE ZEIT DES FRIEDENS, stand auf einer Plakette darunter.
Frieden für wen?
Nastasia rümpfte die Nase und schnappte sich vom nächsten Tablett ein Kristallglas mit einer hellgrünen Flüssigkeit darin. Vorsichtig nippte sie an dem kühlen Getränk. Die Spinne hatte recht gehabt. Es war echter Feenwein. Prickelnd stieg ihr die Magie zu Kopf und sie nahm einen größeren Schluck. Regenbögen explodierten in ihrem Sichtfeld, bevor sie sich als irisierende Schlieren über das Kerzenlicht legten. Nastasia seufzte leise.
Allein dafür hat es sich gelohnt, herzukommen. Wenn ich heute Nacht hier draufgehe, dann wenigstens völlig betrunken.
Nastasia trank noch drei weitere Gläser und bereute jedes einzelne davon. Sie hasste es, wie sehr sie es liebte, wie sehr sie sich nach jedem betäubenden Schluck sehnte. Mit dem Rausch kam die Scham, aber aufhören konnte Nastasia auch nicht, dazu waren die bezaubernden Regenbögen zu verlockend.
Sie hatte einen Platz hinter einem großen Blumengesteck gefunden, der eine gute Sicht erlaubte und sie selbst verbarg. Vielleicht lag es auch an ihrem düsteren Gesichtsausdruck, dass niemand Notiz von ihr nahm, sie ansprach oder gar zum Tanz aufforderte.
Aus Gewohnheit, und um sich vom Wein abzulenken, ging sie die anwesenden Gäste durch. Sie entdeckte Generalin Hastings, die in ein Gespräch mit einem ranghohen Offizier vertieft war.
Krieg und Frieden sind so seltsam. Vor drei Jahren hätte ich sie sofort getötet. Und heute ist sie keine Kriegsverbrecherin mehr, sondern eine Heldin, die frisch ins Parlament gewählt wurde, um die menschliche Allianz als Vorsitzende zu führen.
Daneben stand Lucius Winthrop und stieß mit Lady Lucille Winterthom an. Lassen Sie uns das später in meinem Büro vertiefen, las Nastasia von seinen Lippen ab. Sein anzügliches Grinsen ließ sie erschaudern.
Ich hätte nicht nur seinen Vater töten sollen, dachte sie bedauernd. Man nimmt eine Schachfigur vom Feld, doch sofort rücken die nächsten nach.
Sie ging die Gäste weiter durch.
Großindustrielle, Militärs, korrupte Politiker.
Nastasia kam zum Schluss, dass sie sich in absolut miserabler Gesellschaft befand.
Missmutig nippte sie an ihrem Glas und machte sich einen kurzen Zeitvertreib daraus, die Constables zu identifizieren, die sich zum Schutz der Veranstaltung in Zivil unter das Publikum gemischt hatten. Aber die schlecht sitzenden Anzüge, das Fehlen von Getränken in ihren Händen und die Abdrücke der Zauberstäbe unter den Fracks entlarvten die Polizeibeamten zu schnell. Gelangweilt brach Nastasia ihre Suche ab.
Sie beobachtete die Paare, die gerade eine Quadrille tanzten und dem Grande Finale entgegenfieberten.
Ich vermisse es, mit ihr zu tanzen.
Nastasia ertappte sich bei dem sehnsüchtigen Gedanken und nahm noch einen Schluck Feenwein.
Der Ball war ein voller Erfolg. Doch je mehr Nastasia trank, desto mehr stieg Zorn als stechendes Gefühl in ihrem Magen auf. Das Lachen, die Musik, die Unbeschwertheit, all das machte sie wütend.
Reiche Bonzen! Faseln von Frieden und schieben sich gleichzeitig gegenseitig Aufträge für Waffenlieferungen und Eisenbahnstrecken zu.
Das Orchester setzte zum schrillen Coda an und spielte wie besessen, während sich die Tänzer für das Finale immer schneller umeinander drehten.
Im Augenwinkel bemerkte sie eine Dienerin mit Feenwein. Nastasia leerte in einem Zug ihr Glas, knallte es auf das Tablett und griff nach dem nächsten. Erst jetzt sah sie das Dienstmädchen an.
Der Saal schrumpfte auf das Gesicht der jungen Frau zusammen. Nastasia glitt das Glas aus den Fingern. Es zerbrach ungehört zeitgleich mit einem Paukenschlag, Sie nahm kaum wahr, wie der grüne Wein spritzte und Kristallsplitter über den Marmorboden schlitterten. Benommen starrte sie die Dienerin an, die ihren Blick mit weit aufgerissenen Augen erwiderte.
Nastasia entkam ein einziges Wort. »Moosblüte?!«
Baumsaft rauschte in Moosblütes Ohren. Ihr Solcridh pulsierte vor Aufregung in ihrer Brust. Für einen Atemzug wollte sie die Hexe an sich zerren, sie küssen, bis sie nach Luft schnappen musste, nur um sich noch begieriger in den Geschmack von Nastasia zu stürzen.
Dann setzte Moosblütes Denken wieder ein. Sie senkte rasch den Kopf und blickte sich um. Dank des Orchesters hatte niemand von dem Vorfall Kenntnis genommen. Die Gäste applaudierten und die Aufmerksamkeit lag bei den Tänzern.
Ich habe maximal fünf Sekunden Zeit, um ungesehen mit ihr zu verschwinden.
»Verzeiht Mylady«, nuschelte Moosblüte. »Folgen Sie mir bitte, damit ich den Saum Ihres Kleides reinigen kann.« Die Hexe starrte sie mit offenem Mund an. Ohne eine Antwort abzuwarten, griff Moosblüte nach Nastasias Arm und bugsierte sie sanft durch die Masse zur Tür der Dienstboten. Sie ging zügig, doch nicht so schnell, dass sie Aufmerksamkeit erregte. Der Feenwein in den Kristallgläsern schwappte hin und her, verteilte sich auf dem ganzen Tablett. Endlich erreichte sie die Tür und schob Nastasia hindurch.
Der Lärm der Küche empfing sie mit dem Klirren von Gläsern und Porzellan. Zahlreiche Bedienstete huschten hinter den Kulissen hin und her, um der feinen Gesellschaft einen angenehmen Abend mit Häppchen und vielen Getränken zu ermöglichen. Moosblüte stellte das Tablett mit den halbleeren Gläsern ab und drückte Nastasia hinter ein hohes Regal, bevor jemand von den Dienern aufmerksam wurde.
»Schnell, hier lang!« Moosblüte zog Nastasia durch eine kleine Seitentür. Die Lufthexe sagte nichts und ließ sich ohne Widerstand mitnehmen. Stille umfing sie, als sie den spärlich beleuchteten Gang betraten. Die plötzliche Dunkelheit nahm ihr die Sicht, aber Moosblüte kannte den Weg. Sie war seit zwei Wochen in Lynwood House als Dienstmädchen angestellt und hatte alle nötigen Wege ausgekundschaftet.
Durch den Dienstboten-Ausgang kommen wir schnell und unauffällig aus dem Haus.
Ganz am Ende des Ganges stieß plötzlich jemand eine Tür auf, ließ einen Streifen Licht in die Schwärze fluten.
»Hier rein«, zischte Moosblüte und riss neben ihnen einen Schrank auf. Für einen Atemzug starrten sie beide auf den gefesselten Wachmann, der am Boden zwischen Eimern und Putzlappen lag und selig schnarchte. Die Verletzung an seinem Hals hatte aufgehört zu bluten, stellte Moosblüte zufrieden fest. In ein paar Stunden würde ihr Gift nachlassen.
»Ähm.« Nastasia räusperte sich. »Da passen wir nicht mehr dazu.«
»Falsche Tür.« Rasch schloss Moosblüte die Besenkammer wieder. »Er hat zu viele Fragen gestellt und der Weg musste frei sein.«
Nastasia zuckte nur mit den Schultern.
Warum ist sie so still?
Moosblüte öffnete den nächsten Schrank, in dem nur ein bisschen Weißwäsche verstaut war. »Das hier ist besser.« Ohne Widerstand schlüpfte Nastasia in den kleinen Raum und Moosblüte schloss die Tür, was gar nicht so einfach war, weil Nastasias Kleid ein beachtliches Volumen hatte.
Ungewöhnlich, dass sie überhaupt solche Kleidung trägt. Und die hochgesteckten Haare mit dem Schmuck. Ich habe sie fast nicht erkannt.
Gebannt hielten beide die Luft an, als jemand den Gang entlang eilte.
Josur, ein Faun. Er hinkt ein wenig. Eine alte Kriegsverletzung.
Es dauerte eine Ewigkeit, bis die klappernden Schritte endlich verklangen und beide aufatmeten.
»Was machst du hi…« Moosblütes Frage wurde von einem Kuss unterbrochen. Er war wie ein Überfall, wild, unbeherrscht und schmeckte nach Feenwein. Nastasia drückte sie gegen die Wand und machte Moosblütes Wunsch aus dem Ballsaal wahr. Sie war ihr so nah. Eine Hand rutschte unter ihren Rock, glitt zwischen ihre Beine, während die andere auf ihrer Brust lag.
Moosblüte stöhnte, ließ es geschehen, halb aus Überraschung, halb aus Erregung. Nastasias Finger kreisten und Moosblüte gab ein Wimmern von sich, ein sanftes, lustvolles Ächzen.
Kurz war es so, als wäre Nastasia nie weg gewesen.
Aber wo warst du, Sia?!
Der Kontakt zu dir ist schlagartig abgebrochen. Ich habe Briefe geschrieben, so viele und alle unbeantwortet. Nächtelang habe ich durchgeweint, weil ich dachte, dass ich dich schon wieder verloren habe. Ich habe Suchaufträge beim Militär aufgegeben und jedes Mal darum gefleht, dass sie niemanden finden, auf den meine Beschreibung zutrifft. Denn keine Leiche ist immer noch Hoffnung, immer noch die Möglichkeit, dass du lebst, zu mir zurückkehrst, bei mir sein kannst …
Und diese Hoffnung war gerade wahr geworden.
Moosblüte schluckte die Wut und die Trauer hinunter, ließ sie in dem kribbelnden Gefühl ertrinken, das sich in ihrem ganzen Körper ausbreitete, während Nastasia sie gierig küsste, immer wieder und wieder. Moosblüte versank in jedem Kuss, als wäre er ein weiches Kissen. Da war diese kleine Narbe an Nastasias Oberlippe, die Moosblüte bei jeder Berührung spürte, und der Geruch von Kirschblüten, Schießpulver und Opium. Die Hexe drückte Moosblütes Beine auseinander, entlockte ihr ein heiseres Stöhnen.
Doch das war keine Lust. Es war pure Verzweiflung, getrieben und hoffnungslos, als würde Nastasia etwas an sich reißen wollen, das längst verloren schien. Moosblüte fuhr ein Schauer aus Entsetzen über den Rücken.
Etwas stimmt nicht mit ihr.
Nein. Nein, nicht schon wieder.
»Stopp.«
Nastasia reagierte sofort, wich zurück, ließ nichts mehr als heißen Atem auf Moosblütes Haut zurück. »Es tut mir leid«, stieß sie aus. »Ich hätte dich vorher fragen sollen, ich …«
»Was ist los, Sia?« Moosblüte griff in der Dunkelheit nach Nastasias Gesicht, ertastete die Narben, die durch ihr linkes Auge verliefen. Tränen perlten über Moosblütes Finger. Und sie begriff.
»Kannst du darüber reden?«
Kopfschütteln.
»Ein Fluch?«
Nichts, keine Regung, kein Laut; nur ein Zittern, hilflos und schwach. Und die Stille sagte Moosblüte alles.
»Ich verstehe.« Sie schwieg kurz, dachte nach. »Ist er es?«
Nicken. Die Frage war offensichtlich so unspezifisch, dass sie den Fluch nicht weckte, der in Nastasias Geist schlummerte.
»Und bist du wegen mir hier?«
»Ich wusste nicht, dass du hier bist.«
»Aber er vermutlich schon«, schloss Moosblüte. »Er wollte, dass wir uns treffen. Warum?«
Wieder keine Antwort. Nur geballte Fäuste und eine gefangene Wut, die sich nicht entladen durfte.
Moosblüte schloss die Augen und verfluchte sich tausendfach.
Ich hätte es wissen müssen. Ihr bleibt keine Wahl. Wir haben zu hoch gespielt und verloren. Und Sia zahlt dafür jetzt den Preis. Oder wir beide. Was nur fair wäre. Doch vielleicht ist es noch nicht zu spät.
»Kannst du hier weg?«
Nastasia schnaubte und Moosblüte nahm ihren Zorn als warmen Atem auf der Haut wahr.
»Ich soll auf den Ball gehen«, spuckte Nastasia aus. »Ich soll tanzen, lächeln und bezaubernd aussehen.« Es klang wie eine Verfluchung und wahrscheinlich war es das auch.
»Also bezaubernd siehst du auf jeden Fall aus, Sia.«
Nastasia entkam ein leises Lachen. »Und du verlockend. Wusste nicht, dass dir diese Dienstmädchen-Uniform so gut steht.« Nastasia kam ihr näher und diesmal war es Moosblüte, die sie an sich zog. Wieder küssten sie sich, doch jetzt lag kein verzweifelter Hunger auf Nastasias Lippen, sondern nur salzige Traurigkeit. Langsam löste sie sich von ihr.
»Warum bist du hier, Butterblume?«
»Äh, verschiedene Gründe.« Moosblüte lächelte ertappt. Sie konnte förmlich sehen, wie Nastasia tadelnd eine Augenbraue hob.
»Du willst was stehlen?«
»Das ist schon erledigt.« Moosblüte grinste in die Dunkelheit hinein. »Sie werden es nicht vermissen. Niemand braucht so viel Geld.« Sie seufzte leise. »Aber darum geht es mir tatsächlich nicht. Ich habe Hinweise auf einen Anschlag, der heute Nacht hier stattfinden soll. Nichts Handfestes, nur Gerüchte. Ich bin auf der Suche nach einem Attentäter. Nur ist niemand hier, der einen solchen Auftrag umsetzen könnte. Bis auf …«
»Mich.«
Moosblüte schluckte schwer. »Ja.« Sie öffnete die Schranktür und spähte hinaus. Der Korridor lag düster und verlassen vor ihr. Sie schlüpfte aus dem Schrank und strich hastig ihre Schürze glatt. Nastasia machte ebenfalls einen großen Schritt auf den Gang. Ihre Silhouette warf einen langen Schatten, legte sich als Dunkelheit auf Moosblüte. Die Dryade zupfte an ihrem weißen Haarband, unter dem ihre Äste ordentlich zurückgebunden lagen.
»Sia, kannst du von hier weg?«
»Ich soll auf den Ball gehen. Ich soll tanzen, lächeln und bezaubernd aussehen.« Nastasia spieh die Wörter voller Verachtung aus.
»Das werte ich als Nein. Und soll jemand sterben?« Moosblüte hatte mit Stille gerechnet. Doch zu ihrer Überraschung schüttelte Nastasia den Kopf.
»Es wäre äußerst fatal, wenn auf diesem Ball jemand sterben würde.«
»Das …« Moosblüte stockte. »Sag das nochmal.«
»Es wäre äußerst fatal, wenn auf …« Nastasia holte tief Luft. »Diesem Ball jemand sterben würde.«
»Aber auf einem anderen Ball nicht?« Moosblüte runzelte die Stirn, dann riss sie die Augen auf. »James Russel? Lord Bentrick? Somerset Castle? Eversley Cross? Warst du das alles?«
Nastasia verlagerte ihr Gewicht und schwieg. Ihre zitternden Finger verrieten Moosblüte alles, was sie wissen musste.
»Beim Schwert im Stein, Sia! Das ist nicht alles, nicht wahr? Wie lange bist du schon wieder in Londinium? Ich dachte, du wärst an der Front oder bei einem Einsatz gefallen, ich habe dir Briefe geschrieben und gewartet, ich … ich …« Moosblüte brach ab und wurde sehr leise. »Ich bin vor Sorge fast gestorben, Sia.«
»Es tut mir leid.« Mehr brachte Nastasia nicht heraus.
»Wie lange geht das schon, dass du für ihn mordest?«
Nastasia stöhnte gequält. »Das ist doch jetzt nicht wichtig, oder?« Sie klang verzweifelt, ließ die Schultern sinken.
»Natürlich ist das wichtig!«, fauchte Moosblüte. »Du bist verflucht, Sia!«
»Aber dir geht es gut, oder? Du bist am Leben.«
Moosblüte zuckte zusammen.
Es ist wegen mir, wurde ihr voller Entsetzen klar. Ich bin daran schuld.
Ich muss einen Weg finden, den Fluch von Nastasia zu nehmen. Doch das kann ich hier und jetzt nicht tun.
»Er hat dir gedroht, nicht wahr? Hat dich mit meiner Sicherheit erpresst. Oh, Sia ...« Moosblüte presste kurz die Lippen fest zusammen und schüttelte getroffen den Kopf. »Es tut mir leid, das wollte ich nicht. Später werde ich mich darum kümmern, das verspreche ich dir. Aber jetzt muss ich herausfinden, was hier passieren soll.«
»Es hat einen Grund, warum wir beide hier sind.« Nastasia sah in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Die Geräusche des Orchesters und der Küche klangen gedämpft zu ihnen. »Was weißt du über diesen Anschlag?«
Moosblüte seufzte leise. »Nicht viel. Es gab Gerüchte im arkanen Untergrund. Jemand hat einen Eisformer gesucht, der ohne offizielle Lizenzierung arbeitet.«
»Vermutlich wegen der Statue da draußen.«
»Ja. Hier soll heute ein Vertrag unterschrieben werden, der den Frieden zwischen New Crunamara und Ulster endgültig besiegelt«, sagte Moosblüte. »Ein Zwischenfall wäre für die diplomatischen Beziehungen fatal.«
»Das würde die ganzen Constables erklären. Es wäre Selbstmord unter dieser Polizeipräsenz einen Anschlag auszuüben. Der Täter hätte überhaupt keine Zeit, um zu entkommen.«
Moosblütes Augen weiteten sich. »Zeit!«, stieß sie aus. »Schnell, komm mit!« Sie wetzte durch die Tür, durchquerte die Küche und schubste einen Diener mit einem vollen Tablett zur Seite. Geschrei erhob sich. »Entschuldigung, Yas!«, schrie Moosblüte über die Schulter und hastete weiter. Hinter ihr rannte Nastasia knirschend durch Scherben und fluchte dabei. Moosblüte schlug die Tür mit einem Knall auf und diesmal wurde sie bemerkt. Ein paar Diplomaten blickten pikiert auf. Sofort kamen drei Constable auf sie zu.
Nastasia wird sich um sie kümmern.
Moosblütes Aufmerksamkeit fixierte sich auf die Sanduhr in den Händen der Merrow. Die letzten funkelnden Partikel rieselten durch das Eis und setzten einen Zauber in Bewegung. Moosblüte stellten sich die Blätter im Nacken auf.
»Alle raus hier!«, brüllte sie und deutete auf die Skulptur. »Das ist eine Bombe!«
Verwirrt drehten sich die Leute um. Das Orchester stockte. Die Eisfiguren öffneten den Mund. »Für die Arkanen!«, schrillte der Zauber, dann fiel die Skulptur in sich zusammen, krachend und brechend, als würde sie von einer gewaltigen, unsichtbaren Hand zerknüllt. Moosblüte wusste, dass es der Zauber war, der sich zusammenzog, um dann mit aller Kraft zu explodieren.
»Schaff die Leute hier raus!«, schrie sie Nastasia an, doch die Hexe war schon bei der Arbeit. Ihre Hände fuhren durch die Luft, zerrten einen Sturm aus dem Nichts hervor. Die Windmagie riss Tänzern, Musikanten, Constables und Diplomaten von den Füßen und presste sie in Richtung Ausgang. Eine Welle aus kreischenden Menschen floh hinaus in die Nacht.
»Aufhören!«, hörte Moosblüte noch, da explodierte schon der erste Zauber dicht neben Nastasias Kopf. Die Lufthexe schnaubte und riss dem Constable den Zauberstab aus den Händen und warf ihn dann mit einem Windstoß verächtlich durch das nächste Fenster.
»Sia!«, schrie Moosblüte. »Wir müssen hier weg!«
Es war zu spät. Der Zauber schraubte sich zu einem Kreischen empor, dann wurde alles grell und verschwand im Nichts.
Vielleicht bin ich ja tot, hoffte Nastasia. Die dröhnenden Kopfschmerzen machten den Gedanken noch im selben Atemzug zunichte. Es war dunkel und stickig. Nastasia dämmerte zwischen Wachsein und dem Verlangen, wieder ins Nichts zu gleiten. Ihre Sinne erfüllten ihr diesen Wunsch nicht und zerrten sie zurück ins Leben.
Der Untergrund schaukelte. Eisenbeschlagene Räder ratterten über Kopfsteinpflaster und ließen den Schmerz in ihren Schläfen erneut jäh aufflammen.
Eine Kutsche.
Nastasia blinzelte. Die Dunkelheit blieb, das Atmen fiel ihr schwer.
Toll, ein Sack über dem Kopf.
Das Gefährt nahm eine enge Kurve und sie stieß mit der Schläfe gegen etwas Hartes. Vermutlich eine Sitzbank aus blankem Holz, wie es bei den Polizei-Kutschen üblich war.
Panik kratzte in ihrem Hinterkopf, aber sie zwang sie nieder. Während ihr Herz Alarm schlug, wurde ihr Geist ruhig und fokussiert.
Eisenschellen an meinen Händen. Standard-Ausführung mit Magnisia zur Sicherung von Arkanen und magisch begabten Gefangenen. L.O.N.G.W.A.Y. vermute ich. Der Leinensack ist ungewöhnlich. Sie wollen etwas verbergen. Und nicht nur mich.
Etwas Weiches stieß gegen ihre angewinkelten Beine.
Da ist noch jemand, mir gegenüber. Moosblüte? Japp, zerdrückte Blätter und ein Hauch von Harz. Das ist sie. Und vier weitere Personen. Wohin fahren wir? Das sind nicht die gut ausgebauten Straßen der City oder das verstärkte Pflaster rund um die Gefängnisse. Das hört sich an wie …
»Blackchapel?«, fragte Moosblüte mit gedämpfter Stimme. Nastasia unterdrückte ein erleichtertes Seufzen.
Sie lebt und ist bei Bewusstsein. Jetzt muss ich nur dafür sorgen, dass es so bleibt. Wenn die uns hätten umbringen wollen, wäre es längst passiert.
Vorsichtig testete sie den Sitz ihrer Fesseln aus. Leider waren sie von guter Qualität und korrekt angelegt. Nastasia erweckte probeweise ihre Magie. Sofort wurde sie von dem magischen Metall aufgesogen und hinterließ nur Hitze auf ihrer Haut.
»Denk nicht einmal daran, Hexe«, zischte eine Frauenstimme. Das drohende Knistern eines geladenen Zauberstabs erklang. Nastasia bewegte sich nicht mehr. Auf ein Loch in ihrer Brust konnte sie trotz ihrer misslichen Situation gut verzichten.
Die Kutsche holperte wieder über eine Bodenwelle und Moosblütes Wade drückte sich behutsam gegen Nastasias angewinkelte Beine. Es war eine arglose Berührung, die eine Nachricht überbrachte.
Abwarten.
Das sagst du so leicht, Butterblume. Andererseits bleibt uns gerade auch nicht viel anderes übrig.
Das Gefährt kam abrupt zum Stehen. Geübte Hände zogen sie hoch und bugsierten sie aus der Kutsche. Kaum war sie in die kalte Luft eingetaucht, stolperte sie über eine Türschwelle und tauchte in die Wärme eines gut beheizten Gebäudes ein.
Teures Holzparkett. Zigarren. Druckerschwärze.
Eine Tür wurde geöffnet und Nastasia auf einen Stuhl gedrückt. Dann riss ihr jemand den Sack vom Kopf.
Die Gestaltung des Raums offenbarte sich in vagen, grauen Umrissen, wurden langsam schärfer. Nur die Farblosigkeit blieb. Es war dunkel in dem eichenvertäfelten Zimmer. Eine einzelne Öllampe spendete auf einem Schreibtisch spärliches Licht. Die leeren Stühle zu beiden Seiten und die Kreidetafel an der Wand verrieten den Raum als Zentrale für taktische Manöver. Zumindest deutete das Nastasia aus den Überresten der halbherzig weggewischten Kreidezeichnungen. Am Ende der Tafel blätterte jemand geräuschvoll eine Zeitung um. Nastasia wusste jetzt schon, wer in dem abgewendeten Drehstuhl saß. Der Geruch nach kalten Eisen und Obsidiansplittern war unverkennbar.
Bastard. Was soll das hier werden?
Nastasia sah zu Moosblüte, die in die Helligkeit der flackernden Öllampe blinzelte. Ihre Augen waren nicht für die Dunkelheit geschaffen.
»Ich wünsche Ihnen einen guten Abend, meine Damen.«
Nastasia schnaubte verächtlich, als sich der Drehstuhl langsam umdrehte, und wie erwartet die Spinne darin saß. Die Lampen im Zimmer wurden heller.
Oder ziehen sich die Schatten zurück?
Nastasia zerrte an ihren Fesseln, aber das Eisen blieb hartnäckig.
»Gut getroffen, oder?« Er hielt die Zeitung hoch und ihr rauschte das Blut in den Ohren. »Die Morgenausgabe, die ich in einer Stunde freigeben werde.«
ANSCHLAG BEIM BALL, prangte auf der Titelseite und darunter war ein erstaunlich detaillierter Holzstich von Nastasia, wie sie gerade mit ihrer Magie die Menschen aus dem Saal fegte. Im Hintergrund erkannte man Moosblüte. Zumindest vermutete Nastasia das, denn der Xylograph hatte sie zu einem Monster aus Ästen und Dornen gemacht. Daneben war eine Photographie von Nastasia abgebildet. GESUCHT!, stand darüber. SEHR GEFÄHRLICH!
Nastasia runzelte die Stirn. Dieses Bild war im Rahmen der Musterung der Arkanen Volksarmee entstanden und mindestens siebzehn Jahre alt. Sie zeigte eine junge Frau, die Nastasia mittlerweile völlig fremd war; ein Kind ohne Narben und magische Tattoos, dem der harte Zug um die Lippen fehlte, der sich im Laufe der Zeit in ihre Mundwinkel eingegraben hatte. Es war vermutlich die einzige Photographie, die von ihr existierte.
Da hat jemand sehr tief in den Archiven gegraben.
»Was soll das?«, fauchte sie. »War das alles Ihr Werk? Brauchen Sie ein Bauernopfer?«
Die Spinne lachte. »Sie unterschätzen Ihren Wert im Spiel bei Weitem, Miss Dobranov. Sie sind ein Turm. Aber Ihre Begleitung …«
Moosblüte stand fließend auf, die Metallfesseln fielen klappernd auf den Boden und hinterließen ein paar tiefe Schrammen im polierten Parkett. Ranken wucherten aus dem still aufgesprengten Schloss hervor.
Sie ist frei!
Für einen Moment hoffte Nastasia, dass Moosblüte einfach fliehen würde. Doch sie strich sich betont langsam einen Ast aus dem Gesicht, dann fixierte sie die Spinne mit einem derartig zornigen Blick, dass Nastasia die Luft anhielt. Moosblüte machte einen Schritt auf den Tisch zu und knallte beide Hände auf die Mahagoni-Platte. Mit einem wütenden Knirschen zerbrach das Holz. Die Täfelung des Raums knackte und trieb Blätter aus. Moosblüte deutete auf die Spinne und als wollte sie seine Brust mit ihrem Finger durchbohren. Was ein verlockender Gedanke war, fand Nastasia.
»Sie haben eine Minute Zeit zu reden, dann sind wir hier raus«, zischte Moosblüte. »Also, kommen Sie zur Sache.«
»Da ist die Königin.« Er nickte anerkennend. »Gut, verhandeln wir.« Die Spinne griff in seine Westentasche und zog einen silbernen Schlüssel heraus. »Hier. Befreien Sie ihre Soldatin.« Das Metall schlitterte über den schiefen Tisch und Moosblüte bremste es ab. Sie warf Nastasia den Schlüssel zu, ohne den Blick von der Spinne zu nehmen. Nach einem Atemzug fiel das Magnisia zu Boden und die Magie strömte tosend zurück in ihren Körper. Wut brodelte kochend heiß in ihr hoch. In einer Bewegung stand sie neben Moosblüte. Die Vorhänge in dem Raum blähten sich bei geschlossenen Fenstern bedrohlich auf, dann spürte Nastasia die behutsamen Fingerspitzen von Moosblüte auf ihrem Arm. Die Berührung war der rettende Anker in ihrem Meer aus Zorn, der einzige Halt, den Nastasia noch hatte.
»Sie sprachen von einem Handel«, sagte die Dryade, ohne sich von Nastasia zu lösen. »Was bedeutet, wir haben etwas, das Sie wollen.«
Die Spinne faltete seine Hände und stützte sich auf der Tischplatte ab, als würde ihn der handbreite Riss nicht stören. Selbst im gut geheizten Raum trug er schwarze Handschuhe. »In der Tat, Madame. Aber was ich haben will, befindet sich noch nicht in Ihrem Besitz. Sie sollen es für mich beschaffen.«
»Was ist es?«
»Ein Artefakt aus dem Black Tower von Londinium.«
»Das ist unmöglich!« Nastasia entkam ein verbittertes Lachen. »Niemand bricht in den Tower ein.«
Die Spinne bedachte sie mit dem gleichen herablassenden Blick, den er immer aufsetzte, wenn er ihr einen neuen Auftrag erteilte, und sie hasste alles daran.
»Sie werden nicht einbrechen, Miss Dobranov. Sie werden als Gäste ankommen, die Beute aus dem Archiv entwenden und als Gäste den Tower wieder verlassen.«
»Kalan Gayaf«, vermutete Moosblüte. »Sie wollen uns auf dem Fest der Seelen einschleusen.«
Er nickte. »Die Veranstaltung ist ideal. Viele Menschen und Arkane, Schausteller, Masken und ein Feuerwerk.«
»Nein.« Nastasia schob sich vor Moosblüte. »Das ist Selbstmord. Sie geht, ich bleibe. Suchen Sie sich für den Job jemand anderen!«
Die Spinne lächelte schräg, als Moosblüte Nastasia sanft, aber bestimmt zur Seite drückte und ihr einen warnenden Blick zuwarf.
»Ich glaube, Ihre Begleitung sieht das nicht so, Miss Dobranov.«
Sieh mich nicht so an, Butterblume.
Ich will dich nicht bevormunden. Ich will dich beschützen. Das weißt du ganz genau.
Moosblüte unterbrach den stummen Blickkontakt und verschränkte die Arme. »Was ist Ihr Angebot? Ich hoffe mehr, als diese lächerlichen Vorwürfe fallen zu lassen.«
»Selbstverständlich.« Die Spinne lächelte und Nastasia ballte die Hände zu Fäusten.
Warum verhandelt sie überhaupt mit ihm?!
»Ich biete Ihnen Freiheit. Der abtrünnigen Lufthexe und der Terroristin.«
Moosblüte verdrehte die Augen. »Oh bitte. Das kauft Ihnen niemand ab.«
»Mir muss niemand glauben, Madame. Es werden die Zeitungen sein, die ihr Schicksal entscheiden. Sie waren die einzigen Besucher, die nicht auf der Gästeliste standen, und es gibt genug Zeugen, die gesehen haben, wie Sie beide Magie gegen die Gäste angewandt haben.«
»Wir haben diesen undankbaren Bonzen das Leben gerettet!«, spuckte Nastasia aus, aber wusste noch im selben Moment, dass das kein Argument war.
»Miss Nastasia Dobranov.« Die Spinne lächelte kühl. »Tochter eines Dieners und eines Zimmermädchens für eine gehobene Familie, eine Hexe aus einfachen Verhältnissen, tritt 1871 in die Arkane Volksarmee ein und steigt innerhalb kürzester Zeit zur Captain auf. Dienst an der Front von 1877 bis 1881, es folgen weitere Auszeichnungen. Eintritt in A.R.C.A.N.E. 1882 und zwei Jahre später … Desertation.« Er legte den Kopf schief. »Was für eine Enttäuschung, Sie waren so vielversprechend.«
Nastasia schnaubte verächtlich. »Kann ich von A.R.C.A.N.E. leider nicht behaupten.«
»Doch ich war interessant, nicht wahr, Miss Dobranov?« Sein Grinsen machte sie krank. »Ich habe Ihnen einen Neuanfang unter meinem Schutz gewährt.«
»Jedem passieren mal Fehler.«
»Ja und Ihnen besonders gerne.« Er lachte. »Es liegen drei Haftbefehle gegen Sie vor, Miss Dobranov, zwei davon sind von Militärgerichten ausgestellt. Sie haben Fahnenflucht und Befehlsverweigerung begangen, mehrmals. Ich denke, das Erschießungskommando wird sich nicht dafür interessieren, wen Sie gerettet haben.«
»Schön, Sie erpressen uns also.« Moosblütes Blätter raschelten. »Aber soweit ich weiß, werde ich auch in mehreren Ländern steckbrieflich gesucht. Und zwar für schlimmere Dinge, als ein paar reiche Schnösel durch den Tanzsaal zu kegeln oder mein Leben zu retten, weil ich aus einem Schützengraben weggerannt bin.« Ihre Finger tippten auf den gespaltenen Tisch, der unter ihrer Berührung weiter Äste austrieb. »Hören Sie also auf, uns zu drohen, sondern geben Sie mir eine Motivation, aus ihrem Schädel keine Blumenvase zu machen und danach mit Sia hier rauszuspazieren.«
Um den Mundwinkel der Spinne zuckte es und Nastasia wappnete sich innerlich gegen seinen scharfen Zorn. Doch zu ihrer Überraschung geschah nichts.
»Motivation?«, fragte er. »Was könnte Sie wohl motivieren, Madame?«
»Vernichten Sie unsere Akten.«
»Akten?« Er hob eine Augenbraue.
»Alles. Jeden Hinweis auf unsere Existenz, sowohl bei L.O.N.G.W.A.Y. als auch bei der Armee und A.R.C.A.N.E.«
»Sicher. Das lässt sich ohne Probleme einrichten.«
»Wir wollen ausreichend Geld. Und Papiere mit neuen Identitäten.«
Er lehnte sich vor und lächelte Moosblüte schräg an. »Ich begreife, was Sie verlangen, Madame. Und ich werde es Ihnen gewähren.«
Moosblüte schnaubte verächtlich. »Wie großzügig.«
»In der Tat.« Die Spinne lehnte sich zurück. »Wenn Sie liefern.«
Für einen Atemzug schwieg Moosblüte und Nastasia hatte schon die Hoffnung, dass sie sich einfach umdrehen und gehen würde. Aber stattdessen zog Moosblüte einen Stuhl an den zerbrochenen Tisch und ließ sich nieder. »Besprechen wir die Details.«
Nastasia blieb stehen.
Das ist ein abgekartetes Spiel. Er wird uns verraten. Er fängt Moosblüte auch ein, genauso wie er mich eingefangen hat.
Und ich bin in keiner Position, um mit ihm zu verhandeln oder Bedingungen zu stellen. Wie auch? Er hat mich in der Hand.
Die Spinne musste ihr Unbehagen erkannt haben, denn er entblößte ein breites Lächeln. »Nehmen Sie Platz, Miss Dobranov.«
»Ich bevorzuge es zu stehen, danke.«
»Ich sagte: Nehmen Sie Platz.«
Nastasias Gedanken wurden zu weißem Rauschen. Ihr Körper gehörte ihr nicht mehr. In einer fließenden Bewegung hatte sie einen Stuhl herangezogen und sich darauf niedergelassen. Ihr Herz raste in ihrer Brust, während sich der Fluch schmerzend in ihr Solcridh krallte. Ihrer Kehle entkam ein leises Keuchen, als sich die zwingende Magie endlich verflüchtigte.
»Ah«, machte Moosblüte und verengte die Augen zu Schlitzen. »Das werden Sie nie wieder machen.« Die Täfelung knirschte, als Dornen aus ihr herausbrachen. »Das ist meine erste Bedingung für den Handel. Sie lösen diesen Fluch. Hier und jetzt.«
Die Spinne verlagerte unmerklich sein Gewicht. »Ich löse ihn, wenn ich habe, was ich will.«
Moosblüte schüttelte den Kopf, ihre Finger bohrten sich in das Holz. »Nein, oder wir beide haben gleich keinen Deal, sondern ein Problem.« Moos wuchern über das zerbrochene Mahagoniholz, zerfaserte es weiter. Das Leder der leeren Stühle erblühte in Grün.
»Wollen Sie das wirklich?« Die Stimme der Spinne war eine heisere Drohung, aber Moosblüte lachte nur leise. Nastasia nahm hastig die Hände von dem Holz, als sich Pilze und Flechten über dem zerstörten Möbelstück ausbreiteten.
»Und wollen Sie es wirklich herausfinden?« Die Äste der Dryade stellten sich angriffslustig auf. Für zwei Atemzüge herrschte eisige Stille, nur durchbrochen vom Geräusch aufblühender Dornen.
»Schön, ich löse den Fluch, als Zeichen meines guten Willens.« Zu Nastasias Überraschung lenkte die Spinne ein. »Doch dafür stelle ich ebenfalls eine Bedingung.«
»Ich höre.« Das bedrohliche Knacken wurde leiser.
»Zur gegenseitigen Sicherheit sollten wir einen Pakt eingehen.« Polierte Bronze glänzte zwischen den Handschuhen der Spinne, als wäre ein Vorhang aus Schatten zur Seite gewichen.
»Ein magischer Dodekaeder?« Moosblütes Blätter raschelten leise. »Ich dachte …« Sie brach ab und die Spinne grinste breit.
»Ich wusste, dass er Ihnen gefallen würde.«
»Gefallen ist das falsche Wort«, widersprach die Dryade mit gerunzelter Stirn. »Es ist nur sehr lange her, dass ich einen gesehen habe.«
»Und ich habe sowas noch nie gesehen«, knurrte Nastasia. »Was ist das?«
»Der einfachste Weg, um sicherzugehen, dass jeder am Ende das bekommt, was ausgemacht wird, Miss Dobranov.«
»Vom Regen in die Traufe«, seufzte Moosblüte. »Es ist ein Blutfluch. Aber …« Sie hob beschwichtigend die Hand, weil Nastasia bereits Luft holte. »Er geht in beide Richtungen. Beide Seiten werden gezwungen, ihre Absprachen einzuhalten, ansonsten treffen sie die Konsequenzen.«
»Konsequenzen?«
Das klingt ganz und gar nicht gut.
»Bei Verrat wird der Fluch tödlich.« Die Spinne lehnte sich in seinem Sessel zurück und wurde wieder von seinen Schatten eingehüllt. »Auch für mich.«
»Das ist eine Falle.« Nastasia entkam der Gedanke laut ausgesprochen. »Sie locken uns in den nächsten Fluch hinein.«
»Nein.« Moosblüte schüttelte den Kopf. »Das wäre Verrat. Die Magie würde ihn augenblicklich bestrafen. Dodekaeder können nicht manipuliert werden.«
»Dann können wir ja mit den Verhandlungen weitermachen.« Die Spinne griff nach einem dünnen Aktenordner auf dem Tisch und ließ ihn durch die Luft fliegen. Nastasia reagierte sofort und fing die Schriftstücke mit ihrer Magie ein.
»Ihr Team.«
Sie schlug den roten Pappendeckel auf und überflog die abgehefteten Papiere. »Suire Siorc.«
»Sie führt die Schausteller von Londinium an. Sie benötigen sie, um auf das Fest zu kommen.«
»Schausteller«, brummte Nastasia verächtlich. »Eher eine der schlimmsten Straßengangs von Londinium. Und Kallichore Kelaino? Wird sie nicht wegen gut zwanzig Morden gesucht?«
»Sechsunddreißig. Wie Sie, Miss Dobranov, verfügt sie über sehr spezielle Fähigkeiten, falls es kritisch wird.«
Nastasia stutzte bei dem nächsten Namen. »Arabella Seymourne? Das Medium?«
»Und eine sehr begabte Ritualistin. Sie werden sie brauchen, um mit den Schutzzaubern des Towers fertig zu werden.«
»Danke, aber …« Nastasia schlug die Mappe zu. »Da arbeiten wir lieber allein.«
Die Spinne lächelte schmal. »Ich fürchte, diese Möglichkeit steht nicht zur Verhandlung, wenn Sie Ihren Fluch loswerden wollen.«
»Nur unter einer Bedingung«, sagte die Dryade und warf Nastasia einen warnenden Blick zu. »Ich darf ein sechstes Mitglied der Truppe hinzufügen.«
Die Spinne hob eine Augenbraue. »Wen?«
»Das hat Sie nicht zu interessieren.«
Nastasia versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, doch in ihrem Kopf rauschte es vor Verwirrung.
Das kann sie nicht verlangen.
Die Spinne schien ebenfalls irritiert zu sein. »Warum sollte ich so einer Forderung zustimmen?«
»Weil er über den Erfolg dieser Unternehmung entscheiden wird. Er ist ein Erfinder. Entweder ist er mit dabei oder wir haben keinen Deal.«
Die Spinne schnaubte und schien kurz nachzudenken. »Schön. Holen Sie ihn mit in das Team. Und Sie bürgen mit ihrem Leben für seine Vertrauenswürdigkeit.«
»Selbstverständlich.«
Nastasia biss sich auf die Zunge. Es gefiel ihr nicht, wie schnell Moosblüte zugestimmt hatte.
Keinem dieser Leute können wir vertrauen. Die Spinne hat in den zwielichtigsten Ecken von Londinium gesucht und den Abschaum der Stadt zusammengekratzt. Sie seufzte innerlich schwer. Und ich gehöre anscheinend dazu.
»Wenn Sie nun Ihren Fluch endlich brechen würden …«, forderte Moosblüte kühl auf.
Die Spinne tippte einen Moment mit dem Zeigefinger auf den Smaragd seines Gehstocks, dann hob er die Hand. »Ich gebe Sie frei, Miss Dobranov.« Er schnipste mit den Fingern, aber die Geste war mehr Dramatik als Magie. Die eigentliche Kraft lag in den Worten.
Ein glühendes Brennen breitete sich in Nastasias Brust aus. Sie schnappte nach Luft, als das Solcridh in ihrem Herzen freigegeben wurde und die schneidenden Ketten des Fluchs vergingen. Erleichtert atmete sie auf. Der Kronleuchter in dem Saal wiegte sich in einem sachten Wind.
Endlich …
Wieder legten sich behutsam Moosblütes Finger auf ihren Arm. Es war Trost und Warnung zugleich.
Keine Angst, Butterblume. Ich weiß, dass ich ihn nicht töten kann. Auch wenn ich es gerne versuchen würde.
»Und jetzt?«, fragte Moosblüte.
»Jedes Mitglied dieser Unternehmung ist den Bund mit dem Dodekaeder bereits eingegangen – außer Sie beide und unser Überraschungsgast.«
Die müssen ja mindestens genauso in der Falle sitzen wie wir. Nicht gerade ein gutes Zeichen.
Moosblüte deutete auf den Würfel in seinen Händen. »Nach Ihnen.«
Die Spinne umschloss das hohle Bronze-Objekt mit der Faust. Magie erblühte, dann entfaltete sich so grelles Licht, dass es fast wirkte, als ob das Artefakt gar nicht von seiner Hand umfasst war.
»Ich sichere zu, die Akten zu zerstören, Geld und Dokumente zur Verfügung zu stellen, damit die beiden Vertragspartner ein neues Leben beginnen können. Die Bedingung wird erfüllt, sobald sich PROP-713 in meinem Besitz befindet.«
Das Licht erlosch, das Artefakt erhob sich in die Luft und drehte sich kreiselnd zu Moosblütes ausgestreckter Hand. Sanft senkte es sich auf ihre hellgrünen Finger und wurde von der Dryade umschlossen. Wieder war da das helle Leuchten und Moosblüte gab ein leises Ächzen von sich.
»Ich sichere zu, dass ich PROP-713 mit dem Team holen und ausliefern werde.«
Das Licht verblasste. Moosblüte wandte sich Nastasia zu. »Jetzt du.«
Langsam streckte Nastasia ihre Hand aus. Der Dodekaeder schwebte auf sie zu und ließ sich ohne Schwierigkeiten einfangen. Nastasia wollte schon fragen, was sie tun sollte, da kam der Schmerz. Es war kein Licht. Es war Magie, die sich durch ihre Handflächen bohrte und ihre gesamte Hand aufgespießt hatte. Gierig sog das Artefakt ihr Blut in sich auf. Ihr erster Reflex war, den Würfel wieder loszulassen. Doch er ließ sie nicht mehr gehen.
Es ist zu spät für einen Rückzieher.
»Sag es, Sia«, flüsterte Moosblüte.
»Ich …« Sie holte tief Luft. »Ich versichere, dass ich PROP-713 mit dem Team holen und ausliefern werde.« Nastasia sprach die Worte und war sich gleichzeitig sicher, dass sie einen furchtbaren Fehler gemacht hatte. Zufrieden erlosch das Artefakt und lag still in ihrer geöffneten Hand. Auf der Haut hatten sich blutige Stiche eingebrannt und malten ein Muster aus fünfeckigen Flächen. Entgegen ihrer Erwartung schmerzte die magische Verletzung kaum. Aber sie hörte den Zauber in ihrem Hinterkopf arbeiten, wie das beständige Ticken einer Uhr in einem anderen Zimmer, diffus und doch allgegenwärtig. Es war unangenehm.
»Nehmen Sie den Dodekaeder mit«, sagte die Spinne. »Damit Ihr letztes Teammitglied den Vertrag ebenfalls eingehen kann. Die Übergabe von PROP-713 findet noch in der Nacht des Diebstahls statt. Wir sehen uns also in einer Woche wieder, wenn das Fest stattfindet. Seien Sie bereit.« Er deutete mit einer müden Geste zur Tür. »Der Kutscher wird Sie hinbringen, wohin Sie auch wollen. Ich wünsche Ihnen eine erquickliche Nacht.«
Moosblüte stand auf.
»Und noch etwas …« Er verschränkte die Finger ineinander und lehnte sich auf dem zerstörten Tisch ab. »Sollten Sie erwischt werden, werde ich jegliche Kenntnis von diesem Unternehmen abstreiten. Und man wird mir glauben. Versuchen Sie also gar nicht erst, mich zu diskreditieren.«
Nastasia nickte steif. Moosblüte hingegen wartete kaum das letzte Wort der Spinne ab, da stürmte sie bereits zur Tür. Hastig folgte Nastasia ihr. Sie liefen den langen Gang entlang, den sie vorhin blind gekommen waren. Jetzt verstand Nastasia, dass es sich um eine Galerie handelte. Durch die einseitige Fensterfront blickte man hinab in eine Maschinenhalle. Gewaltige Druckmaschinen rotierten und spuckten Zeitungen über Zeitungen aus. Nastasia erhaschte einen Blick auf das zerstörte Gebäude von Lynwood House und eine reißerische Überschrift, aber wenigstens war es nicht ihr Gesicht, das sie tausendfach anstarrte.
Sie riss sich von dem Anblick los und holte Moosblüte mit zwei großen Schritten ein. Der Gesichtsausdruck der Dryade war wie versteinert.
»Was tun wir jetzt? Wir können doch nicht …«
»Nicht hier!«, unterbrach Moosblüte sie. »Ich will aus der verfluchten Kleidung raus. Du nicht auch?«
Nastasia blickte an sich hinab. Die Seide hatte sichtbar gelitten und war von den Strapazen der Nacht ordentlich in Mitleidenschaft gezogen worden. Außerdem war ihr kalt. »Zu dir oder zu mir?«, fragte sie leise.
Ein Lächeln zupfte in Moosblütes Mundwinkel. »Zu mir.«
Nastasia hielt der Dryade die Tür auf und beide verließen das Gebäude. Es war eine klobige Fabrikanlage, errichtet aus rotem Sandstein.
Sanders & Partners Print Inc. stand auf einem großen Schild über der Tür.
Wie versprochen, wartete eine kleine Kutsche auf dem Platz vor der Druckerei. Nastasia öffnete die Tür.
»Zum Whispering Willow, Bethnal Green, Roman Road«, wies Moosblüte den Kutscher an, bevor sie in dem Gefährt verschwand. Nastasia warf einen letzten Blick auf die Druckerei. Durch eine halb geöffnete Lagertür sah sie im Laternenschein die Kutsche von L.O.N.G.W.A.Y., mit der sie hergekommen waren.
Die Zeitung. Die Polizei. Uns.
Er kontrolliert alles.
Sie erschauderte, stieg in die Droschke und sofort fuhren sie los.
Sie schwiegen auf der gesamten Fahrt. Moosblüte entdeckte tausend unausgesprochene Fragen in Nastasias silbernen Augen. Aber sie wusste auch keine Antwort und kniff die Lippen zusammen. Die Hexe wandte den Blick ab und starrte ebenfalls in die Nacht.
Als die Kutsche vor dem Whispering Willow zum Stehen kam, schlugen die Glocken von Big Eudora in weiter Ferne zur Mitternacht.
Nastasia öffnete die Tür und hielt Moosblüte beim Aussteigen eine Hand hin. Dankbar nahm sie die Hilfe an. Ihre Beine zitterten, als sie die Droschke verließ.
Kaum standen sie auf dem Gehweg, ließ der Kutscher die Peitsche über den Ohren der Pferde knallen und trieb das Gefährt in die Nacht.
Nastasia schickte ihm einen scharfen Fluch hinterher und trat nach einer leeren Flasche, die splitternd am Kopfsteinpflaster zerschellte.
Moosblüte zuckte zusammen und schlang die Arme um den Oberkörper. Sie mochte diese unbeherrschte Seite der Hexe nicht.
»Was für eine scheiß Nacht!«, fluchte Nastasia. »Und was für ein scheiß Kleid.« Sie schien kurz davor, sich das rote Gewand einfach vom Leib zu reißen, nur damit sie es in die Gosse treten konnte.
»Komm.« Moosblüte drehte sich rasch dem Eingang des Whispering Willow zu. »Ich hab noch ein paar Sachen von dir.« Als sie die Tür aufdrückte, bemerkte sie, dass Nastasia ihr nicht folgte.
Sie stand vor dem hohen Gewächshaus und starrte die roten Plakate an, die quer über die Scheiben geklebt worden waren.
ZWANGSSCHLIESSUNG prangte in fetten, schwarzen Blockbuchstaben auf dem Papier, darunter ein Wappen; ein fünfzackiger Stern, der von zwei Drachen gehalten wurde.
L.O.N.G.W.A.Y., der Abzweig der Polizei, der sich um Verbrechen in Londinium kümmert, die von Arkanen begangen wurden.
Missmutig runzelte die Hexe die Stirn. »Hast du Einspruch erhoben?«
»Mehrmals.« Moosblüte seufzte. »Sie finden immer etwas, das nicht ihre Vorschriften erfüllt. Am Ende habe ich meine eigene Lösung gefunden.«
Nastasia hob eine Augenbraue. »Welche?«
»Komm, ich zeig’s dir.« Moosblüte drückte die Tür auf und die schwüle Luft des Gewächshauses schlug ihr entgegen. Ihre Blätter stellten sich erwartungsvoll auf. »Halte dich links«, flüsterte sie Nastasia zu. »Die Dionaea schnappt gerne zu.« Moosblüte kraulte die fleischfressende Pflanze behutsam im Vorbeigehen die Blüte, während sich Nastasia an der Wand entlang drückte.
»Warum hast du sie an den Eingang gestellt?«, fragte die Hexe gepresst.
Moosblüte griff nach ihrer kalten Hand und zog die Hexe weiter. Unter ihrem Daumen spürte sie eine Narbe, die irgendein Schrapnell in Nastasias Hand hinterlassen hatte. »Aus dem gleichen Grund, warum die Calystegia hier steht.« Moosblüte klopfte der Winde auf die Ranke, als sie spielerisch nach ihr griff. »Hab heute keine Zeit zum Spielen, Süße«, flüsterte sie und tätschelte der Pflanze die verzweigte Sprossachse.
»Es ist seltsam, wenn du so mit ihnen redest«, brummte Nastasia.
»Eifersüchtig?« Moosblüte lachte leise.
»Vielleicht. Und das macht es nicht besser.« Die Hexe drückte sich an der Schlingpflanze vorbei. »Also, wieso sind sie hier? Man könnte meinen, du hast sie als Türsteher engagiert.«
»Das ist korrekt.«
»Hä?« Nastasia blieb stehen, zwang so auch Moosblüte zu verharren. »Hörst du das?«
Moosblüte lauschte. Aus der Dunkelheit des künstlichen Dschungels klang ein Hauch von Musik. Ein Quartett aus Klarinette, Geige, Akkordeon und Kontrabass spielte eine treibende Melodie, dazwischen johlten immer wieder gedämpfte Stimmen auf.
»Kommt das aus dem Keller?«
Moosblüte lachte leise über die Fassungslosigkeit der Hexe. Sie zog sie weiter und führte sie durch den dunklen Dschungel in den Anbau, wo einst exotische Setzlinge und Jungpflanzen für den nahen Friedhof und die Gewächshäuser der hohen Gesellschaft angezogen wurden. Hier befand sich auch die Tür zum Heizungskeller. Moosblüte klopfte fünfmal. Von der anderen Seite antworteten zwei sachte Schläge. Sie wiederholte das Muster und diesmal öffnete sich eine kleine Klappe.
Bevor sie etwas sagen konnte, wurde die Tür aufgerissen und Moosblüte fand sich in einer festen und sehr haarigen Umarmung wieder. »Du erwürgst mich, Luke!«, quietschte sie.
»Hab mir Sorgen gemacht, Boss!«, knurrte der Werwolf. »Wo warst du so lange?«
»Später.« Sie befreite sich von ihm und zog Nastasia in den engen Gang hinein. Rasch schloss der Wolf die Tür hinter ihnen und sie standen in rotem Dämmerlicht. Rauchschwaden von Tabak zogen schwerfällig durch die Luft. Es war stickig, aber auf eine seltsam gemütliche Art.
»Wie läuft’s?«, fragte Moosblüte.
»Gut.« Der Wolf grinste und entblößte sein schimmerndes Gebiss. »Das Yellow Book hat mit »Die zehn Leben der Julie d’Aubigny« seine Premiere gefeiert. Mrs. Savougni hat das gesamte Ensemble mitgebracht. Man munkelt, die Inszenierung ist skandalös und stachelt zu Aufständen an.«
Sie wird in den nächsten Wochen die Schlagzeilen beherrschen und dann aus dem Programm genommen werden. So wie immer.
»Verstehe. Ich bleibe nicht lange, will ihr nur kurz den Laden zeigen.« Moosblüte deutete auf Nastasia.
Das Grinsen des Wolfs wurde breiter. »Alles klar.« Er zwinkerte ihr zu. »Dann noch einen schönen Abend.«
»Werde ich haben.« Moosblüte hüpfte die Treppe hinab. Die Musik hallte von den alten Ziegelsteinen wider.
»Du hast einen illegalen Club eröffnet?«, zischte die Hexe, während sie ihr folgte.
