Eine einsame Lady - Rhiana Corbin - E-Book

Eine einsame Lady E-Book

Rhiana Corbin

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Beschreibung

Hazel Cox ist eine begnadete Schneiderin. Sie lebt allein für ihre ausgefallenen Kreationen. Als ein Geldeintreiber ihr den Schuldschein ihres Stiefbruders vorlegt, fällt sie aus allen Wolken. Es ist eine Kundin, die den Kerl in die Flucht schlägt. Madame Belleville, die Bordellbesitzerin der Stadt, bietet Hazel ihre Hilfe an. Hazel soll für Belle arbeiten, um so an das benötigte Geld zu gelangen. Doch plötzlich erhält sie Hilfe von ganz anderer Seite, denn schon lange hat Jamie Darksett, Earl of Wehterby eine Auge auf Hazel geworfen ... doch lässt das ihr stolzes Herz zu? Die Kurzgeschichte hat als Taschenbuch 122 Seiten.

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Seitenzahl: 115

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Rhiana Corbin

Eine einsame Lady

Eine einsame Lady

Rhiana Corbin

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Danksagung

Leseprobe

Deutsche Erstausgabe

Copyright © 2019, Rhiana Corbin

1. Auflage

Covergestaltung: Andrea Wölk

Unter Verwendung folgender Fotos:

© CoffeeAndMilk – Getty Images.com

Andrea Wölk, Lutherstr. 16, 46414 Rhede

www.mybooklove.de

1

London 1850

So viele Kunden hatte Hazel noch nie an einem Tag bedient. Pausenlos hatte sie das Läuten der Türglocke wahrgenommen. Die Leute gaben sich quasi die Türklinke in die Hand. Sie war froh, als sie gegen sechs Uhr die Tür abschließen konnte, denn sie hatte noch einige Änderungen vorzunehmen. Rose, ihre Aushilfe, die ihr zwei Mal in der Woche zur Hand ging, kam erst morgen, dabei hätte Hazel sie heute gut gebrauchen können. Wenn es weiter so gut lief, würde sie Rose bald einen zusätzlichen Tag beschäftigen können. Dass ihre beste Freundin, Lady Keely Darksett, eine ihrer Kreationen auf dem Ball des Duke of Daventry, ihrem damaligen Verlobten, getragen hatte, hatte sich als Glücksfall herausgestellt. Seitdem war Hazels Name in aller Munde bei den Damen der High Society.

Kaum hatte Hazel der Tür den Rücken gekehrt, klopfte es und ließ sie erschrocken zusammenzucken. Oh nein, bitte nicht noch ein Kunde! Sie stöhnte innerlich auf, doch als sie sah, wer da vor der Tür stand, lächelte sie und schloss die Tür wieder auf.

»Oh Hazel! Ich hatte gehofft, Sie noch anzutreffen.«

»Lady Belle, für Sie habe ich doch immer geöffnet. Wie kann ich Ihnen helfen?« Lady Belle war eigentlich Lady Isabelle Chapman, die einzige Tochter des Earls of Hartington. Dies wussten allerdings nur wenige Menschen und Hazel war sehr stolz darauf, dass Belle sie ins Vertrauen gezogen hatte.

»Mein Kleid, für den Hochzeitsempfang des Duke of Daventry! Ist es fertig?«, fragte sie aufgeregt.

»Leider noch nicht, aber ich verspreche Ihnen …«

»Ich bin mir nicht mehr sicher, ob dunkelrot die richtige Farbe für mich ist. Wenn ich schon bei einem Duke eingeladen bin, sollte ich vielleicht doch etwas … dezenter auftreten.«

Hazel atmete innerlich auf. Sie hatte schon befürchtet, dass sie Ärger bekommen würde, weil das Kleid noch nicht fertig war.

»Aber was soll ich nur stattdessen tragen?«, fragte Belle und sah sie verzweifelt an.

»Was halten Sie von einem Kleid aus dunkelblauer Seide? Es ist schlicht geschnitten, aber durch den glänzenden Stoff wirkt es edel und sehr elegant. Sie werden darin wie eine Lady …« Hazel verstummte augenblicklich. Was für ein Fauxpas! Hazel spürte, wie die Röte ihre Wangen hinaufkroch.

Das Lachen von Belle durchbrach die Stille. »Sie brauchen nicht zu erröten, Sie haben ja vollkommen recht, meine liebe Hazel. Ein bisschen mehr Seriosität würde mir gut zu Gesicht stehen. Allerdings denke ich, dass es bei mir vergebene Liebesmüh wäre. Ich werde von der guten Gesellschaft gemieden. Der Ton blickt auf mich hinunter, als wäre ich eine lästige Fliege, und am Abend vergnügen sie sich bei mir. Ich werde immer die Bordellbesitzerin bleiben.« Sie lachte und es war nicht gespielt. »Zeigen Sie mir das Kleid.«

Hazel verschwand kurz hinter dem Vorhang, um das Kleid aus der Werkstatt zu holen. Es war gerade erst fertig geworden und sie war sehr stolz auf ihren eigenen Entwurf.

»Ist das ein Pariser Modell?«, fragte Belle überrascht und bekam den Mund gar nicht zu. Staunend sah sie sich das kostbare Stück an. Die kleinen glitzernden Applikationen und das Dunkelblau des Stoffes passten gut zu ihren grauen Augen und dem schwarzen Haar.

»Nein«, gab Hazel ehrlich zu, »es ist eine meiner Kreationen.«

»Wirklich?«, fragte Belle begeistert. »Sie sind eine wahre Künstlerin. Glauben Sie, dass es mir passt? Ich würde es gerne sofort mitnehmen.«

»Ich denke schon. Sie können es kurz anprobieren.«

»Ich nehme es. Packen Sie es mir schnell ein. Ich bin heute spät dran.« Belle strahlte sie regelrecht an.

»Aber wollen Sie es nicht eben überziehen? Dann kann ich kleine Änderungen sofort vornehmen.«

»Gut, dann husche ich schnell hinter den Vorhang.« Belle nahm das Kleid entgegen und begab sich eilig in den hinteren Teil des Ladens.

Es klopfte erneut an der Tür. Was war denn heute nur los? Hazel ging zur Tür und öffnete.

»Hazel Cox?«, fragte ein unfreundlicher Kerl mit tiefer Stimme und sie trat vor Schreck einen Schritt zurück.

»Ja«, sagte sie eingeschüchtert.

Der Mann, ganz in Schwarz gekleidet, drängte sie rückwärts in den Laden hinein und schloss die Tür hinter sich.

»Was wollen Sie von mir?«, fragte sie lautstark und richtete sich gerade auf, um größer zu wirken. Sie war zwar eine kleine Frau, aber der Mann war auch nicht gerade ein Riese, dafür aber mächtig bullig. Dass er kein Kleid kaufen wollte, war klar, daher unterließ sie einen Satz wie: Wir haben geschlossen!

»Eintausend Pfund.« Die Worte kamen wie kleine Pfeile aus seinem Mund.

Laut lachte Hazel auf. »Sie sind verrückt. Was für eine Summe! Glauben Sie, dass ich so reich bin? Wenn Sie mich schon überfallen …«

»Ich raube Sie nicht aus«, unterbrach sie der wüste Kerl. »Ich will einen Schuldschein eintreiben.« Er machte eine drohende Bewegung.

»Schuldschein?« Hazel sah ihn verständnislos an. »Ich habe nie so etwas unterschrieben«, gab sie trotzig zurück und hob ihr Kinn.

»Sie nicht, Lady! Aber Ihr Bruder.«

Hazel lachte. »Da haben wir den Fehler. Mein Bruder? Ich habe keinen Bruder. Sie müssen mich mit jemandem verwechseln, guter Mann. Ich denke, Sie sollten jetzt gehen.« Hazel trat dem Mann einen Schritt entgegen, in der Hoffnung, es würde ihn einschüchtern, er würde gehen, doch diesen Gefallen tat er ihr nicht.

»Genaugenommen ist es Ihr Halbbruder. Ein Bastard, den Ihr Vater kurz vor seinem Tod gezeugt hat.«

Ihr Vater war mehr als zwanzig Jahre tot. Wie konnte das sein? Sie hatte keine Erinnerungen an ihn.

»Ihre Mutter weiß nichts davon, doch wenn Sie diesen Schuldschein nicht bezahlen, werde ich mich an Ihre Mutter wenden, und um keine Zweifel aufkommen zu lassen, ich weiß, dass Ihre Mutter in Brighton lebt.« Er zischte die Worte und Angstschweiß lief Hazel den Rücken hinunter. Wenn ihre Mutter davon erfuhr … nicht auszudenken! Es war um das Herz ihrer Mutter ohnehin nicht gut bestellt.

»Ich brauche Beweise, dass Sie mir keine Lügenmärchen erzählen.« So schnell wollte Hazel nicht nachgeben. Er konnte ihr ja sonst was erzählen.

Mit einer langsamen Bewegung zog er einen Umschlag aus seiner Jackentasche und reichte ihn Hazel.

»Hier finden Sie alles, was Sie an Beweisen brauchen. Und jetzt will ich die tausend Pfund.« Plötzlich blitzte ein Messer in seiner Hand auf.

Hazel starrte auf die dreckigen Nägel des Mannes und begann zu zittern.

»Sie werden jetzt Ihr Messer nehmen und verschwinden.« Eine laute Stimme war zu hören, die aus dem dunklen hinteren Teil des Ladens kam. Hazel hatte vergessen, dass sie nicht allein war. Sie wandte den Kopf, und sah Belle neben sich stehen, eine kleine Pistole in der Hand, die sie auf den ungebetenen Gast richtete. »Stecken Sie das Messer weg und dann verschwinden Sie. Ich bin geübt im Umgang mit Feuerwaffen und glauben Sie mir, ich werde sie ohne Vorwarnung benutzen, wenn es notwendig erscheint.« Belles Stimme klang kalt und abgebrüht. Es war ihr anzumerken, dass sie es gewohnt war, mit Kerlen wie diesem umzugehen.

Er behielt die Waffe im Auge, während er langsam das Messer wieder in seine Jackentasche steckte. »Sie haben drei Tage Zeit, die Unterlagen zu prüfen und das Geld zu besorgen, Lady. Dann komme ich wieder, denn dann ist Zahltag.« Er nickte beiden zu und verließ den Laden, ohne ihnen den Rücken zuzudrehen.

Erst als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, atmete Hazel hektisch aus. Sie hatte sich in den letzten Minuten nicht bewegt, so gebannt war sie von der Situation. »Danke, Lady Belle«, flüsterte sie und wandte sich ihr zu. Sie musste sich an dem Thekentisch festhalten, die Beine wollten ihr versagen. Führsorglich strich Belle ihr über den Rücken.

»Was ist in dem Umschlag?« Belle zeigte mit ihrem Kinn, dessen feine Linien am Ende etwas spitz zuliefen, auf das braune Papier in Hazels Hand.

Mit zittrigen Fingern öffnete sie den Umschlag und zog ein Dokument und ein Foto heraus. Auf dem Foto waren ihr Vater und ein junger Mann abgebildet, den sie bisher noch nie gesehen hatte.

»Das ist die Abschrift einer Geburtsurkunde«, erklärte Belle, die ganz ungeniert einen Blick über Hazels Schulter geworfen hatte.

»Es stimmt. Mein Vater scheint einen unehelichen Sohn zu haben«, murmelte Hazel abwesend. »Gott, das darf meine Mutter niemals erfahren, es wäre ihr Tod.« Sie sah Belle entgeistert an und Tränen traten ihr in die Augen. Aus einem Impuls heraus, begann sie hilflos zu schluchzen.

»Kommen Sie, Hazel. Setzen Sie sich.« Belle nahm ihren Arm und führte sie in den hinteren Bereich des Ladens, drückte sie auf einen Stuhl nieder.

Mit tränennassen Augen sah Hazel zu Belle auf. »Was soll ich denn jetzt machen? Ich besitze nicht so viel Geld. Selbst wenn ich den Laden verkaufen würde …« ein unkontrolliertes Zittern erfasste ihren Körper.

»Hazel, Liebes! Sie müssen jetzt die Nerven behalten und alle Optionen durchgehen. Sind die Beweise echt?«

»Ich nehme es an. Ich werde meine Mutter unmöglich danach fragen können, das würde sie umbringen. Ich werde das Geld zahlen müssen, auch wenn ich diesen angeblichen Stiefbruder gar nicht kenne.«

»Gibt es vielleicht jemand, der Ihnen das Geld leihen könnte?« Belle ließ sich auf dem Stuhl ihr gegenüber nieder.

Mit einem tiefen Seufzer schüttelte Hazel den Kopf. »Nein, es gibt niemanden. Ich habe keine Verwandten mit Vermögen. Es gibt nur noch meine Mutter, die auf dem Land lebt. Ich schicke ihr regelmäßig Geld. Ansonsten habe ich nur Keely, die Duchess of Daventry. Aber ich könnte sie niemals um so viel Geld bitten. Sonst gibt es niemand.« Energisch schüttelte Hazel den Kopf. Das kam nicht infrage, dass sie ihre Freundschaft mit dieser Angelegenheit belastete. »Ich lebe sehr einsam und zurückgezogen.«

»Meine liebe Miss Cox, ich denke nicht, dass dieser Kerl Sie in Ruhe lassen wird. Er wird wiederkommen und den Schuldschein eintreiben. Glauben Sie mir, ich kenne mich mit diesem Gesindel aus. Er wird nicht lockerlassen.«

Aus ihrem Ärmel zupfte Hazel ein Spitzentaschentuch, tupfte die Tränen aus ihren Augenwinkeln. »Ich habe noch einige Tage Zeit, das Geld aufzutreiben. Meine Mutter hat mir ein wenig Schmuck geschenkt, vielleicht kann ich ihn versetzen, auch wenn der Wert bei Weitem nicht ausreichen wird. Aber wenn ich einen Teilbetrag begleiche, bekomme ich vielleicht einen weiteren Aufschub. Ich könnte auch versuchen, eine zusätzliche Arbeit anzunehmen, wobei ich nicht weiß, was das sein könnte, ich bin eine kleine Schneiderin, mehr habe ich nicht gelernt.« Mutlos ließ sie die Schultern hängen.

»Meine Liebe, ich muss leider los, aber ich möchte Sie bitten, mich morgen Abend im Belleville zu besuchen. Ich denke, dass ich eine Lösung für Ihr Problem habe. Sagen Sie nicht nein, ich möchte Ihnen helfen. Sie wissen, wo Sie mich finden?«

Verlegen blickte Hazel auf und nickte. Wer kannte das elegante Haus in der Victoria Street nicht? Ob sie allerdings den Mut besaß, ein Bordell zu betreten, würde sich erst noch herausstellen.

»Sorgen Sie sich nicht. Wir haben einen Hintereingang. Folgen Sie dem Gehweg um das Haus herum. Ich werde Sie dort um zwanzig Uhr erwarten«, erklärte Belle und erhob sich, berührte Hazel leicht am Arm. »Wir werden gemeinsam einen Ausweg finden, meine Liebe. Lassen Sie den Kopf nicht hängen.«

Hazel nickte, auch wenn sie diese Zuversicht nicht ganz teilen konnte.

2

Die ganze Nacht hatte Hazel kein Auge zugemacht, musste am nächsten Tag wieder im Laden stehen. Sie konnte es nicht erwarten, bis es endlich Abend wurde. Den ganzen Tag über war sie fahrig und unaufmerksam, was ihren Kundinnen nicht entging.

Sie schloss den Laden früher als üblich und richtete sich frisch her. Sie hatte keine Ahnung, was Lady Belle ihr vorschlagen würde, doch egal was es war, sie musste zu Geld kommen, wenn sie einen Skandal verhindern wollte.

Das große Haus machte von außen einen sehr seriösen Eindruck. Die weiße Fassade und der penibel gepflegte Vorgarten ließen nicht erahnen, was hinter den sorgsam geputzten Fenstern vor sich ging. Obwohl die Vorhänge zugezogen waren, drang Licht nach draußen.

Hazel ging zügig an dem Gebäude vorbei, warf verstohlen einige Blicke darauf, bog dann um die Ecke, wie Lady Belle es ihr erklärt hatte. Der Hintereingang lag in einer kleinen Sackgasse und Hazel sah einen schwarzen Schopf. Aber es war nicht wie erwartet Lady Belle, sondern ein Mann. Riesig, mit Händen so groß wie Bärentatzen.

»Miss Cox?«, fragte er mit ruhiger Stimme. »Lady Belle erwartet Sie. Wenn Sie mir folgen wollen.«

So hatte sie überhaupt keine Möglichkeit, es sich noch einmal anders zu überlegen.

Er wies ihr den Weg in einen großen Salon, der ganz in Rot gehalten war. Lady Belle saß an einem Schreibtisch, erhob sich, als Hazel eintrat.

»Meine liebe Hazel, ich freue mich, dass Sie den Weg zu mir gefunden haben.« Sie kam mit großen Schritten auf Hazel zu, nahm sie in die Arme und küsste sie auf beide Wangen. »Wie wäre es mit einem Glas Portwein?«, fragte sie, und wandte sich direkt dem kleinen Barschränkchen zu. »Nehmen Sie doch bitte Platz.« Belle zeigte auf den Diwan, der mitten im Raum stand.

Mit klopfendem Herzen setzte sich Hazel und sah sich neugierig um. Dieser Raum wirkte nicht anders, als ein Raum in den großen Häusern ihrer reichen Kundinnen. Sie war sich nicht sicher, was sie erwartet hatte, das auf keinen Fall.

Mit einem warmen Lächeln nahm Belle neben ihr Platz und reichte ihr ein Glas. »Ich freue mich wirklich, dass Sie mir ihr Vertrauen schenken«, sagte Belle ungezwungen.

Die beiden Frauen nippten an den Gläsern und in Hazel legte sich allmählich ihre Unsicherheit.