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»Um Himmels willen, wie sieht es denn hier aus?!« – eine Frage, die Janine Schweitzer niemals stellt. Sie ist Schädlingsbekämpferin, Messie-Entrümplerin und Tatortreinigerin. In ihrem Berufsleben hilft sie Menschen, die im eigenen Chaos versinken und erlebt dabei allerhand spannende Fälle. Ein gut aussehender Akademiker schläft zu Hause in einem Müllberg und uriniert in Pfandflaschen, eine perfektionistische Teamleiterin kauft ihre Kleidung neu statt sie zu waschen, ein Fahrzeugüberführer hortet Zehntausende Pornos, bis seine Freundin Alarm schlägt. Janine Schweitzer erzählt von allen Facetten ihres Berufs und gewährt uns einen packenden Blick hinter die Kulissen unserer Gesellschaft.
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Seitenzahl: 210
Veröffentlichungsjahr: 2020
Janine Schweitzer
EINE FRAURÄUMT AUF
Janine Schweitzer
EINE FRAURÄUMT AUF
Meine spektakulärsten Fälle als Tatortreinigerin und Messie-Entrümplerin
riva
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Für Fragen und Anregungen
Originalausgabe
1. Auflage 2020
© 2020 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Nymphenburger Straße 86
D-80636 München
Tel.: 089 651285-0
Fax: 089 652096
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Redaktion: Susann Harring
Umschlaggestaltung: Catharina Aydemir
Umschlagabbildung: shutterstock.com/Abstractor, Ceri Breeze, Milkovasa
Satz: Satzwerk Huber, Germering
Druck: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN Print 978-3-7423-1361-4
ISBN E-Book (PDF) 978-3-7453-1057-3
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-1058-0
Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter
www.rivaverlag.de
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Inhalt
Prolog
Teil 1 – Schädlingsbekämpfung
Tierärztin
Rattenkönigin
Teil 2 – Messie-Entrümpelungen
Löcher stopfen – im Herzen
An der Grenze
Ein Zimmer voller Windeln
Ein Zimmer voller Pornos
Der Akademiker und sein Eistee
Die Schöne und ihr Biest
Wenn die Kunst alles bedeutet
Teil 3 – Tatortreinigung
Der Geist
Die heilige Corona
Der Kleiderschrank
Der Hühnerknochen
Körperflüssigkeiten
Sägemehl
Die Winzer
Die Kinder
Der Abschied
Epilog
Endnoten
Ich habe schon viel gesehen – die blauen Lippen eines toten Kindes, das angestaute Blut in einer Duschwanne, Exkremente an den Wänden – doch hier sehe ich nichts. Jedenfalls nichts Besonderes, aber es wird der Auftrag sein, der mich mit dem Herzen sehen lässt.
Davon weiß ich natürlich noch nichts, als ich über die 40 Zentimeter hohe und zurechtgeschnittene Hecke spähe. Der Rasen ist raspelkurz, schon bald werden überall Tulpen sprießen, vielleicht auch in diesem Garten, der wie jeder andere in dieser Gegend aussieht. Der direkte Nachbar hat ein großes Schild mit seinem Namen darauf: POLIZEI. Weiß auf blau. Hier ist es sicher, ist die Welt in Ordnung, hier geht man gemeinsam statt einsam. Diesen Eindruck bekomme ich, und diesen Eindruck vermitteln auch die sich ähnelnden Häuser, die in der Form des Buchstaben U ausgerichtet sind. Nichts fällt aus dem Rahmen. Bin ich hier wirklich richtig?
Ich suche nach Hinweisen, der verwitterte Stuhl, die zugezogenen Vorhänge. Irgendetwas muss doch darauf hinweisen, dass ich die Ärmel hochkrempeln soll, dass hinter diesem Gemäuer ein Schicksal auf mich wartet. Dass es das Ende ist. Das klingt vielleicht merkwürdig, aber für gewöhnlich werde ich gerufen, wenn es das Ende ist. Wenn die Menschen nicht mehr weiterwissen. Oder wenn die Nachbarn, die Angehörigen bereits da waren, die Kriminalpolizei und die Spurensicherung ihre Arbeit gemacht und die Bestatter die Leiche mitgenommen haben. Aber sie lassen zurück, was die meisten nicht wegmachen möchten. Blut, Materie und den Geruch des Todes. Aber ich bin nicht die meisten, ich habe kein Problem damit – denn ich bin Tatortreinigerin und Messie-Entrümplerin. Und heute soll ich die Wohnung eines Messies wieder auf Vordermann bringen.
Eine zierliche Frau tritt aus der Terrassentür. Sie hält sich am Geländer fest, wirkt gebrechlich, aber gleichzeitig wach, denn sie erblickt mich sofort. Sie winkt. Der Zipfel auf ihrer Baskenmütze wippt dabei im Takt, dann zieht sie an ihrer Zigarette und sieht aus, als hätte sie ein Leben gehabt, ein spannendes und ausschweifendes Leben. Als wäre sie Künstlerin an der Seine gewesen oder Tänzerin im Berlin der Zwanzigerjahre. Doch nach Ende sieht sie oder sieht das alles hier immer noch nicht aus. Sie ist gestylt und gepflegt – bis auf ihre zerzausten Haare, aus denen die Blondierung herausgewachsen ist, doch auch das ist noch kein Hinweis. Aber wenn ich eins gelernt habe während meiner Selbstständigkeit: Messies sind Menschen wie du und ich. Und nicht immer sieht man ihnen ihre Erkrankung an. Das Chaos der Wohnung, das innere Chaos muss sich nicht äußerlich widerspiegeln. Sie verstecken es ganz tief in sich drin und verstecken es hinter geschlossenen Türen. Die Türen der Frau vor mir blieben zehn Jahre lang verschlossen. Ganze zehn Jahre hat sie keinen mehr hineingelassen, nicht einmal ihre Töchter. Sie erfand immer neue Ausreden: »Heute nicht, Schatz«, »Oh, das passt mir leider nicht so gut« und »Lass uns doch woanders treffen«. Und wir beide treffen uns jetzt im Garten.
»Hallo Frau Meyer, ich grüße Sie«, sage ich und sie gibt mir die Hand. Leichter Händedruck und ein nettes Lächeln.
»Ich weiß selbst nicht genau … ich weiß nicht, wie es dazu gekommen ist«, sagt die Frau wenig später. Ich weiß ja noch nicht einmal, zu was genau es gekommen sein soll, denn sie setzt sich auf die Bank und bittet mich, auf dem Holzstuhl Platz zu nehmen. Aber ich möchte sie nicht drängen und keinesfalls unterbrechen. Sie soll mir erzählen, was sie mir erzählen möchte. Sie soll mir vertrauen können. Die Frau schlägt die Beine übereinander und holt Luft. Eine Pause. Ich ermutige sie, einfach draufloszuerzählen, und ihre Schilderungen gleichen jenen der Tochter am Telefon, die mich beauftragt hat. Sie und ihre Schwester hätten ihre Mutter immer als sehr organisiert und »wie aus einem Lack« erlebt. Sie hätten sie nie ungeschminkt gesehen, schon morgens war sie bereit für den Tag, mit perfekt nachgezogenen Lippen und langen Wimpern, auch wenn sie nur zum Bäcker musste. Die Wohnung war sauber und mit Liebe zum Detail eingerichtet. Bis ein Tag alles veränderte. Sie und ihre Schwester glaubten, es hänge mit dem Tod ihres Vaters zusammen, also des Ehemanns der Frau, die gerade vor mir sitzt. Ich kann mir das gut vorstellen, ich weiß, wie einen der Tod von geliebten Menschen aus der Bahn werfen kann. Wie der Zug entgleist, wie nichts mehr ist, wie es vorher einmal war. Auch die Frau erzählt, dass sie seit dem Tod ihres Mannes immer mehr gehortet hat, Dinge, die ihr gefielen, die ihr guttaten, und irgendwann wurde es mehr. Mehr und mehr. Das kam schleichend. Mit jedem leise gesprochenen Wort dieser Frau baue ich eine Beziehung zu ihr auf. Ich glaube, dass sie nicht nur einen Menschen verabschieden musste. Sie spricht von ihren drei Kindern, doch die Tochter erwähnte am Telefon nur sich und ihre »einzige Schwester«. Eine Familienfehde? Ein Unfall? Eine Krankheit? Ich werde es nie erfahren, aber ich erfahre, dass sie trinkt. Das gibt sie ohne Umschweife zu, schaut dann aber beschämt zu Boden.
»Trinken wir nicht alle einmal etwas über den Durst?«, sage ich, um die Situation zu lockern. Damit sie nicht das Gefühl hat, sich nackig zu machen, öffne auch ich mich ein wenig: Ich hätte Alkoholiker in der Familie gehabt und die hätte ich alle gut leiden können.
Sie lächelt und zieht ihre lila Daunenjacke enger zusammen. Wir sitzen hier zwischen Spätwinter und Frühling und spüren den kalten Wind im Nacken, die steifen Finger, und so sitzen wir bestimmt eine Dreiviertelstunde lang, bis ich vorsichtig sage:
»Brr. Ganz schön kalt geworden. Sollen wir mal reingehen?« Das Nicken kostet sie Überwindung, und dass sie die Tür ansteuert und sie aufmacht, ist mir gegenüber ein großer Vertrauensbeweis. Ich gehe ihr nach, die Stufen der Terrasse führen direkt ins Schlafzimmer. Am Eingang liegt etwas Erde und im Zimmer türmen sich vereinzelt Kleiderberge mit hochwertigen und wohl auch teuren Jacken. Insgesamt sieht es gar nicht so schlimm aus. Jedenfalls auf den ersten Blick. Das Bett ist sogar gemacht, die Bettwäsche weiß mit rosa und hellblauen Blumenranken, und die vielen Teddybären sind überall hübsch in Szene gesetzt. Auf dem Bett, auf dem Nachttisch. Aber auf den zweiten Blick bemerke ich die aufeinandergestapelten Rewe-Papiertüten. Als wir an ihnen vorbeilaufen, sehe ich, dass sich die Einkäufe noch darin befinden. Das Essen gärt und verfault – ich atme durch den Mund, doch schließe ihn schnell wieder wegen der vielen Fruchtfliegen. Als wir weiter in den Flur gehen, erkenne ich das ganze Ausmaß.
»Seien Sie vorsichtig«, sagt sie zu mir, hier würde man sich schnell verletzen, man könnte leicht umknicken oder fallen. Doch ich habe eher Sorge um sie als um mich. Ich schaue auf ihre dünnen Fußfesseln, auf ihre dünne Silhouette und entwickle den Wunsch, diese Frau zu beschützen. Sie schiebt mit den Beinen die Weinflaschen aus dem Weg, aber sie rollen immer wieder zurück, und so muss sie doch die Füße anheben und sich mit der Fußspitze einen Weg zwischen den Flaschen bahnen. Ich tue es ihr nach, fühle mich wie eine Bergsteigerin, halte mich an der Wand fest, an der eine Stelle völlig schwarz ist. Von den tagtäglichen Berührungen oder vom Zigarettenqualm. Wir steigen über noch mehr Weinflaschen. Das stellte ich mir nicht vor, als ich anmerkte, dass wir doch alle mal einen über den Durst trinken würden. Das ist nicht mehr über den Durst trinken, das ist der verzweifelte Versuch, sich und seine Gefühle zu ertränken, damit sie nicht mehr so schmerzen. Aber ich lasse mir nichts anmerken, und auch wenn ich mich wundere, verurteile ich sie nicht. Meine Eltern habe ich auch niemals verurteilt.
Ich bin im Süden Berlins groß geworden, in Steglitz. Urban und hip, das sind die Menschen in den anderen Kiezen. Wir wohnen idyllisch, beinahe in der Natur, und meine Mutter mag das besonders gern, denn sie ist eigentlich Sylterin. Dort sind wir jede Sommerferien, ganze sechs Wochen lang. Wir quartieren uns bei meiner Großmutter ein und wir sind: meine Mutter, mein Vater, mein Bruder und ich. Mein älterer Bruder und ich schlagen uns nicht die Köpfe ein, denn wir sind nie Rivalen gewesen, wir sind Freunde. Und auch mit unseren zwei Cousinen verstehen wir uns blendend. Bei Ebbe rennen wir ins Watt und schauen zu, wie die Würmer im Sand Spaghettihäufchen bilden. Bei Flut bespritzen wir uns mit Wasser und vergessen die Welt um uns herum. Und auch heute noch liebe ich es, mir vom Nordseewind den Kopf freiblasen zu lassen. Die Ferien sind und waren immer eine Auszeit. Und die brauchte ich später von Berlin immer dringender.
Denn als ich elf bin, ziehen wir in den Norden Berlins und die Idylle ist erst einmal Geschichte. Zwar ist bei uns in der Familie alles immer noch harmonisch, aber ich fühle mich trotzdem, als wären die Hunde in den Ring gelassen worden. Ich bin in diesem Ring und dieser Ring heißt Berlin-Wittenau. Wir wohnen zwar in einem Einfamilienhaus, aber in der Nähe ist das Märkische Viertel mit seinen weiß-grauen Häuserblöcken, wohin das Auge reicht. Sido rappte darüber in seinem Song, rappte von Koks, Sex und Kriminalität. Der Refrain geht so und ich kann ihn überhaupt nicht leiden: »Meine Straße, mein Zuhause, mein Block / Meine Gedanken, mein Herz, mein Leben, meine Welt / Reicht vom ersten bis zum sechzehnten Stock.« Aber ich will nicht, dass das meine Welt ist, obwohl Sido und ich auf die gleiche Schule gehen. Ich, ein schüchternes und sensibles Kind, finde niemals meinen Platz darin. Ich werde gemobbt und teile auch manchmal aus, es ist unerträglich. Ob Vater und Mutter auch anfangen zu trinken, weil es unerträglich wird? Ich weiß es nicht genau, aber um zwölf Uhr mittags hat Mutter bereits ein Glas Wein in der Hand und Vater ein Bier und ab 17 Uhr trinken sie zusammen eine ganze Flasche Weinbrand mit Cola. So geht das jeden Tag. Und am Wochenende sind sie richtig betrunken, aber auch ausgelassen. Menschen gehen aus und ein. Grillen auf der Terrasse, Fernsehabende und Gesellschaftsspiele oder eine richtige Party. Bei uns ist immer etwas los, und ich, mittlerweile im Teenageralter, mag das und feiere mit, mein Bruder hingegen mag das überhaupt nicht. Doch die Party ist zu Ende, als ich 21 Jahre alt bin. Mein Vater ist 55, im typischen Alter für einen Herzinfarkt. Er fällt einfach um. Sein Tod ist plötzlich und meine Mum trifft es am härtesten. Sie hat ihn bereits mit 14 Jahren kennengelernt, und sie hat sich nicht nur an ihn gewöhnt, sie hat sich auch ein bisschen zu sehr auf ihn verlassen. Der Alltag überfordert sie. Drei Jahre später macht meine Mutter Urlaub in ihrem Stammhotel in der Türkei. Ich denke, das wird ihr guttun. Aber nach dem Frühstück soll sie zu ihrem Freund gesagt haben, dass es ihr nicht gut gehe, dass sie duschen gehe. Im Zimmer fällt sie genau wie Vater einfach um und lässt mich allein als Vollwaise. Ich bin doch erst 24 Jahre alt und sie war doch erst 49 Jahre.
In diesem Jahr würde sie 64 werden, ungefähr wie die Frau, bei der ich heute bin. Irgendetwas regt sich in mir und ich weiß nicht, was, denn das hatte ich so noch nicht. Ich gehe jeden Auftrag pragmatisch und professionell an, und das tue ich auch heute, nur dass jetzt auch die Emotionen hinzukommen. Meine Gedanken kreisen. Sie ist meiner Mutter ähnlich. Die Vorliebe für Wein, das Liebevolle. Und obwohl sie sich körperlich unterscheiden, die Frau ist eher knochig und meine Mutter war zum Kuscheln, kann ich nicht aufhören, die beiden miteinander zu vergleichen. Das könnte meine Mutter sein. Und als mir die Frau zeigt, wo sie schläft, überrumpelt es mich völlig. In mir schreit es laut: Nein! Keine Mutter auf der ganzen Welt sollte so schlafen.
»Also hier schlafen Sie?«, frage ich, vielleicht um diese Information zu verarbeiten, vielleicht um sicherzugehen, dass ich richtig gesehen habe, wo ihr Finger hinzeigt. Ich muss näher heran gehen, von Weitem sehe ich nur Müll. Aber dort zwischen dem Sofa und einer meterhohen Müllbarriere ist eine Kuhle. Dort ist gerade mal ein Meter vom grauen Sofa frei geblieben. Ich sehe ein Kissen und viele vorsortierte Häufchen, als hätte sie versucht, das Durcheinander nicht zu sehr durcheinanderzubringen. Eine ganz eigene Ordnung. Neben dem Kissen liegen Hunderte Zigarettenstummel, darüber Plastikverpackungen von Lebensmitteln wie Hühnerbrust und Frischkäse. Ein paar ganze Croissants liegen dazwischen, daneben wieder Weinflaschen und der größte Haufen scheint der Fernsehabendhaufen zu sein. Flipstüten, Salzbrezeln, Erdnussdosen, Zigarettenschachteln und die Fernbedienung. Der Fernseher leuchtet das Zimmer aus. Konstantes Blau, darauf steht: »Kein Signal«. Ich empfange ebenfalls kein Signal, ich höre die Worte der Frau nur gedämpft, ich brauche eine Minute, um mich zu sammeln, dabei habe ich schon viele solcher Schlafstellen gesehen. Aber wenn ein junger Mann sich dafür entscheidet, so zu schlafen, freiwillig entscheidet, dann macht das weniger mit mir. Will sie mir ernsthaft sagen, dass sie hier auf Kippen und scharfkantigen Dosen schläft? Warum schläft sie nicht im Schlafzimmer, das in wesentlich besserem Zustand ist? Aber ich bin nicht hier, um Mitleid zu haben oder um zu mutmaßen. Ich bin hier, um aufzuräumen.
»Ich helfe Ihnen. Das bekommen wir hin«, sage ich entschieden und merke, dass sie wirklich gewillt ist, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Sie sagt, ich solle alles wegwerfen, was nötig ist. Das muss sie mir nicht zweimal sagen.
Ich bestelle einen Container. Einige Tage später wird er im Vorgarten angeliefert und mein Team, mein Mann und ich rücken aus. Wir tragen weiße Schutzanzüge und Einmalhandschuhe aus Nitril. Jetzt begutachtet auch mein Mann die Wohnung. Er nimmt die glamourösen Outfits in die Hand, wirft Unmengen an abgelaufener Kosmetik weg und dann hat er einen Spitznamen für die Frau gefunden: Frau Prada. Er meint das nicht respektlos, er möchte mich nur zum Lachen bringen und schafft es auch. Gute Laune und gute Musik helfen immer beim Aufräumen. Wir arbeiten uns langsam vor, werfen die leeren Verpackungen vom Lieferservice weg, sortieren die gute Kleidung aus und ich wage mich in die Küche vor. Noch mehr Verpackungen, und was mir auffällt: Hunderte Kaffeekapseln für die Kaffeemaschine. Was wir Menschen heutzutage an Müll produzieren, ist nicht mehr normal. Das alles hat sich anscheinend in drei Jahren angesammelt. Seit drei Jahren hat Frau Prada ihren Müll nicht mehr hinausgebracht. Denn die Nachbarn könnten sie ja sehen. Eine Logik, die schwer zu verstehen ist. Ich kämpfe mich weiter durch, rechts gestapelter Müll, links auf den Ablageflächen noch mehr, in der Mitte immerhin etwas weniger. Der Müll ist sogar in der offenen Spülmaschine, auf dem Herd. Er leuchtet rot. Wenn sie einmal an die Schalter gelangen sollte, würde alles in Sekundenschnelle Feuer fangen. Am Spülbecken sieht es so aus, als hätte es bereits gebrannt. Schwarze Töpfe sind zu sehen, dahinter ein blau leuchtendes Zwiebelmuster, unter einer Glasglocke sogar noch ein ganzer Obstkuchen mit Teiggitter, auf dem Fensterbrett ein Topf, in dem mal Kräuter sprossen. Hier gab es mal menschenwürdiges Leben, ich müsste nur das Schwarze wegrubbeln. Ja, ich werde Frau Prada ihr Leben zurückgeben, und wenn ich das nicht kann, dann wenigstens ihre Wohnung.
Erst einmal muss ich die Fenster öffnen, damit die Fruchtfliegen entweichen können. Denn ich muss auch Ursachenforschung betreiben, statt ohne Verstand Insektizide zu versprühen. Woher kommen die Millionen von Fliegen in der Luft und auf den Fensterbrettern? Ja, es sind wirklich so viele, ich neige nicht zu Übertreibungen. Sie kommen von den verrotteten Lebensmitteln, und wenn alles weg ist, werden auch sie weg sein. Nach und nach trage ich den Müll hinaus, dort stehen nun die neugierigen Nachbarn. Sie sprechen mich an: Mensch, das hätten sie ja gar nicht gewusst, wie konnte das sein.
Ja, denke ich, wie kann das sein, an einem Ort, wo es sicher ist, wo die Welt in Ordnung zu sein scheint und wo man gemeinsam statt einsam geht. Vielleicht müssten wir alle einmal an der Oberfläche kratzen und bei unseren Nachbarn klingeln, statt nachzufragen, wenn es zu spät ist. Die Nachbarn haken nach, was denn genau los sei, aber ich gebe natürlich keine Informationen weiter. Wenn Frau Prada das wüsste, sie hat extra den Müll nicht hinausgebracht und jetzt kommt doch alles ans Licht. Ich hätte den Container gerne wie bei anderen Aufträgen woanders platzieren lassen, doch es gibt keinen versteckten Winkel, über die niedrige Hecke kann man uns sozusagen aufs Butterbrot schauen. Der Container ist schon jetzt randvoll, über 3000 Flaschen haben wir aus der Wohnung getragen, und abends liege ich im Bett und kann nicht so recht aufhören, an Frau Prada zu denken. Wie sie mich angesehen hat, mit diesen sanften Augen, wie ihre Töchter über sie gesprochen haben. Eine einzige Last, die ihnen jetzt auch noch Arbeit aufhalsen würde.
Ich hätte niemals so abfällig über meine Mutter gesprochen. Jetzt muss ich auch an sie denken. Wie mich meine Mutter mit dem Fahrrad von der Schule abgeholt hat und wir schwimmen gegangen sind. Wie sie mich jeden Dienstag zum Fleischer geschickt hat. Dann habe ich uns ein halbes Brathähnchen geholt, ich weiß nicht, wo mein Vater war oder mein Bruder, aber diese Zeit hatten Mutter und ich nur für uns. Zeit, in der wir zusammen gegessen und uns nebenher die Muppet Show oder etwas anderes angesehen haben. Mit offenen Augen liege ich im Bett und mein Mann merkt, dass mich der Tag beschäftigt. Wir unterhalten uns und schließlich kann ich besser einschlafen.
In den nächsten Tagen ist die Wohnung vollständig vom Müll befreit und der Rest der schönen Einrichtung kommt zum Vorschein. Das Sofa muss natürlich ebenfalls entsorgt werden, aber da stehen auch ein massiver Holzschrank, eine geschwungene Konsole, Rattanstühle und eine Kaminattrappe, die mir schon vorher ins Auge stach. Darauf stehen ein großer silberner Spiegel, zwei Lampen rechts und links und dazwischen Kerzenständer in verschiedenen Höhen. Frau Prada wird es hier schön haben, denke ich, während ich wie wild schrubbe. Und dann erstrahlen die braunen und fleckigen Küchenmöbel schon wieder in Hochglanzweiß, die Rundbogenfenster lassen das Licht herein, das Bad ist wieder zum Wohlfühlen da und das Parkett glänzt bis auf wenige Flecken. Da hat sich der Müllsaft leider schon eingefressen, da muss ein anderer Profi ran, wie auch an die Wände. Ein Maler wird kommen, sodass die Tabakschicht nicht länger zu sehen und zu riechen ist. Die Wohnung konnte ich Frau Prada zurückgeben, aber leider werde ich ihre Reaktion nicht sehen, denn sie ist im Krankenhaus. Sie hat sich drei Wirbel gebrochen, vermutlich hat sie ihren eigenen Ratschlag, vorsichtig zu sein, nicht befolgt. Ich schätze, sie ist auf einer der vielen Flaschen ausgerutscht, aber das wird ihr wenigstens nicht noch einmal passieren, nie wieder. Das hoffe ich jedenfalls, und dieser Gedanke macht mich glücklich, obwohl ich noch wochenlang an diese Frau denken muss. Es ist eines der wenigen Male, die ich meine Arbeit mit nach Hause nehme, aber auch das ist wichtig, um mir zu zeigen, wie wichtig meine Arbeit ist.
»Was willst du werden, wenn du groß bist?«»Tatortreinigerin und Messie-Entrümplerin!«
Nein, das antworten Kinder nicht, wenn sie nach ihrem Berufswunsch gefragt werden. Sie wollen Piloten, Feuerwehrfrauen und Ballerinen werden. Keiner stellt sich vor, dass er später einmal die Überreste und den Müll anderer Menschen wegmacht. Auch ich nicht. Ich wollte Tierärztin werden. Ich habe Tiere schon immer geliebt, die Vorstellung, mit ihnen zu kuscheln, ihnen zu helfen, die gefiel mir. Als ich klein war, hatten wir einen weißen Schäferhund und heute habe ich zwei Katzen und unzählige Fische in zwei Aquarien. Mit Tieren kam ich immer besser zurecht als mit Menschen. Menschen, die können einen verletzen, und das mit voller Absicht, obwohl sie Verstand haben, obwohl sie sich selbst kontrollieren können. Tiere dagegen sind Tiere – wenn ein Hund zubeißt, liegt es in seiner Natur, ebenso wie es in seiner Natur liegt, treu zu sein. Trotzdem verlor ich den Wunsch, Tierärztin zu werden, aus den Augen. Ärzte und Ärztinnen, das wurden andere Menschen. Mir kam es überhaupt nicht in den Sinn zu studieren, aber ich wollte sehr gerne eine Ausbildung machen. Aber in welchem Beruf? Da war ich ratlos, so ratlos, wie Sechzehnjährige eben sein können. Deshalb bewarb ich mich auf so gut wie alles. Darunter war Tierarzthelferin, aber auch Industriekauffrau und Bürokauffrau, denn das hatte mir mein Vater nahegelegt, der selbst ein »Bürohengst« war. Aber ich wollte etwas anderes, nur was genau, konnte ich nicht sagen, und somit war ich in den Vorstellungsgesprächen wenig überzeugend. Manchmal zu stotternd, manchmal zu lässig, und am Ende schrieb ich über 200 erfolglose Bewerbungen. Nach einigen Monaten entschied ich mich dafür, nicht länger auf der Couch Trübsal zu blasen, sondern übergangsweise einen Nebenjob anzunehmen. So landete ich auf einem Weingut, aber nicht vor einem Glas Wein, sondern hinter dem Schreibtisch. Als Telefonistin kümmerte ich mich um die Terminierung für den Außendienst.
Etwa eineinhalb Jahre später kam die schöne Nachricht nicht mit der Post, aber von der Post: Ich würde Briefträgerin werden, wie es im Volksmund heißt. Die Ausbildung dafür dauerte zwei Jahre und auch das Berufsleben gefiel mir sehr. Ich war jung und hatte richtig Bock und richtig Spaß. Ich war viel an der frischen Luft und hatte das Training meines Lebens. In Berlin gab es viele Häuser, die keine Briefkastenanlagen hatten, und so musste ich oft in den vierten, fünften Stock sprinten.
Nach weiteren drei Jahren schickte ich selbst einmal ein Paket los. Darin befand sich ein altes Tonbandgerät mit zwei großen Spulen, einige kennen so etwas vielleicht noch. Es war auf dem Weg nach Hessen, zu einem Mann, der mit 28 Euro das Höchstgebot auf eBay abgegeben hatte. Wir schickten uns Nachrichten hin und her, aus Nachrichten wurden Treffen und aus Treffen eine Beziehung. So war ich wenig später selbst auf dem Weg nach Hessen. Ich organisierte alles von Berlin aus, damit ich weiterhin bei der Deutschen Post AG arbeiten könnte.
»Wie praktisch«, dachte ich – bei einer deutschlandweiten Firma wäre es ein Leichtes, sich versetzen zu lassen. Und siehe da, die Personaleinsetzerin meinte, das sei alles gar kein Problem, also stellte ich einen Versetzungsantrag und kündigte. Doch zwei Tage vor meinem Umzug sagte sie:
»Frau Fenske« – das ist mein Mädchenname – »das wird doch nichts.«
Wie, das wird doch nichts? Ich hatte mich auf ihre mündliche Zusage verlassen, außerdem hatte sie nie angedeutet, dass es Schwierigkeiten geben könnte. Hätte ich das gewusst, hätte ich niemals gekündigt. Hätte, hätte, Fahrradkette. Meine Personaleinsetzerin meinte, dass ich bleiben könnte. Doch jetzt saß ich auf gepackten Koffern und war bereit – und so brach ich mit 23 Jahren auf in die Ungewissheit, in ein Abenteuer.
Leider verlief der Neustart schwierig. Meine Ausbildung brachte mir nicht viel, wenn ich nicht bei der Post arbeiten konnte. Ich war praktisch eine Ungelernte. So verschlug es mich in die häusliche Pflege, aber das war eine kurze Zwischenstation. Ich befand mich in der Probezeit und wurde nach Absprache entlassen, da meine Mutter verstarb und ich mich um einige Dinge kümmern musste. Diese schwere Zeit überstand meine Beziehung leider nicht, und so war ich nicht nur arbeitslos, sondern auch allein. Doch ich wollte etwas reißen und die Chance, von Neuem anzufangen, ergreifen – noch einmal. Die Chance, die ich ergriff, war ein über sechs Jahre andauerndes Martyrium. Ich begann mit dem langweiligsten Job, den es gab: Telefonakquise. Ja, dieser war noch schlimmer als Telefonistin. Denn die Menschen am anderen Hörer begegnen einem mit purer Verachtung. Sie wollen nicht gestört werden, nichts verkauft bekommen und ich musste mir den Mund fusselig reden und dabei trotzdem freundlich bleiben. Dabei war mir überhaupt nicht nach einem Lächeln in der Stimme zumute.
