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Mit seinem hier nach langer Zeit neu aufgelegten Standardwerk hat Howard Zinn die Geschichtsschreibung revolutioniert: Erstmals standen nicht die großen politischen Figuren im Vordergrund, sondern die Erfahrungen und Perspektiven der sogenannten »einfachen Bevölkerung«. Erzählt wurden nicht mehr die Erfolge der Eroberer, sondern die Verluste und die Gegenwehr der Besiegten und Unterjochten. Nicht im gehobenen Stil der Herrschenden, sondern in der ungeschmückten Sprache der Beherrschten wird hier Geschichte greifbar gemacht: Fabrikarbeiter:innen, Sklav:innen, Schwarze, Native Americans, Menschen aus der Arbeiterklasse und Eingewanderte erhalten das Wort. Seit der ersten Auflage vor knapp vierzig Jahren ist Zinns unkonventionelle Darstellung der amerikanischen Geschichte von Kolumbus bis zur Ära Clinton weltweit über zwei Millionen Mal verkauft worden und entwickelte sich vom Geheimtipp unter Studenten zu einem Standardwerk an amerikanischen Schulen und Universitäten. In der einen Hälfte der USA steht das Buch heute auf dem Lehrplan, in der anderen Hälfte ist es aus den Bibliotheken verbannt.
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Seitenzahl: 1511
Veröffentlichungsjahr: 2025
Eine Geschichte
des amerikanischen Volkes
Howard Zinn
Aus dem amerikanischen Englisch von Sonja Bonin
Mit einem Vorwort von Norbert Finzsch
Für Noah, Georgia, Serena, Naushon, Will – und ihre Generation
»In einem fahrenden Zug kann man nicht neutral sein«: Howard Zinn Eine Einführung von Norbert Finzsch
Anmerkungen der Übersetzerin und des Verlags zu rassismuskritischer Sprache
1. KOLUMBUS, DIE NATIVE AMERICANS UND DER FORTSCHRITT DER MENSCHHEIT
2. DIE ENTSTEHUNG DER SEGREGATION
3. PERSONEN GEMEINEN UND ELENDEN STANDES
4. TYRANNEI IST TYRANNEI
5. EINE ART REVOLUTION
6. DER KULT DER »WAHREN WEIBLICHKEIT«
7. SOLANGE GRAS WÄCHST ODER WASSER FLIESST
8. WIR NEHMEN NICHTS DURCH EROBERUNG, GOTT SEI DANK
9. SKLAVEREI OHNE UNTERWERFUNG, EMANZIPATION OHNE FREIHEIT
10. DER ANDERE BÜRGERKRIEG
11. RÄUBERBARONE UND REBELLEN
12. DAS IMPERIUM UND DAS VOLK
13. DIE SOZIALISTISCHE GEFAHR
14. KRIEG IST DIE GESUNDHEIT DES STAATES
15. SELBSTHILFE IN HARTEN ZEITEN
16. EIN KRIEG DES VOLKES?
17. »ODER EXPLODIERT ER?«
18. DER UNMÖGLICHE SIEG: VIETNAM
19. ÜBERRASCHUNGEN
20. DIE SIEBZIGER: AUSSER KONTROLLE?
21. CARTER-REAGAN-BUSH: DER ZWEI-PARTEIEN-KONSENS
22. DER VERSCHWIEGENE WIDERSTAND
23. DIE KOMMENDE REVOLTE
24. DIE CLINTON-REGIERUNG
25. DIE WAHL 2000 UND DER »KRIEG GEGEN DEN TERRORISMUS«
NACHWORT DES AUTORS ZUR AUSGABE 2003
BIBLIOGRAFIE
Maßeinheiten
DANKSAGUNG
Personen- und Sachregister
Howard Zinn (24. August 1922 – 27. Januar 2010) war ein überaus produktiver amerikanischer Historiker, Dramatiker, Philosoph, sozialistischer Denker und Veteran des Zweiten Weltkriegs. Er war aber auch ein streitbarer Aktivist, der als Public Intellectual in die politischen Kämpfe seiner Zeit eingriff. Zinn wuchs in Brooklyn in einem jüdischen Arbeiterhaushalt auf. Sein Vater arbeitete während der Depression als Grabenausheber und Fensterputzer. Die Eltern betrieben eine kurze Zeit lang einen Süßwarenladen in der Nachbarschaft und kamen gerade so über die Runden. Viele Jahre lang war sein Vater Mitglied der Kellnergewerkschaft und arbeitete als Kellner bei Hochzeiten und Bar-Mitzwas.
Mit 18 Jahren wurde Zinn Schiffsschlosser und ging dann zur Luftwaffe, wo er während des Zweiten Weltkriegs Bombeneinsätze flog. Diese Erfahrungen prägten seine Ablehnung des Krieges und seinen festen Glauben an die Bedeutung von Geschichtskenntnissen.
Nachdem er mit der G.I. Bill das College besucht hatte, arbeitete er als Lagerhausarbeiter und promovierte an der Columbia University in Geschichte. Von 1956 bis 1963 unterrichtete er am Spelman College in Atlanta, Georgia, wo er in der Bürgerrechtsbewegung aktiv wurde. Nachdem er von Spelman wegen seiner Unterstützung für protestierende Student:innen entlassen worden war, wurde Zinn Professor für Politikwissenschaft an der Boston University, wo er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1988 lehrte.
Zinn war der Autor von Dutzenden von Büchern, darunter A People's History of the United States (1980 bzw. dt. Eine Geschichte des amerikanischen Volkes, 2006), das Theaterstück Marx in Soho: A Play in History (1999), Vietnam. The Logic of Withdrawal (1967) und SNCC: The New Abolitionists (1964).
Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter etwa den Lannan Literary Award for Nonfiction, den Eugene V. Debs Award für seine schriftstellerische Tätigkeit und seinen politischen Aktivismus sowie den Ridenhour Courage Prize. Er schrieb ausführlich über die Bürgerrechtsbewegung, die Anti-Kriegsbewegung und die Geschichte der Arbeiterbewegung in den Vereinigten Staaten. Der Titel seiner Memoiren You Can't Be Neutral on a Moving Train1(Beacon Press, 1994) wurde auch zum Titel eines Dokumentarfilms über Zinns Leben und Werk aus dem Jahr 2004. Zinn starb 2010 im Alter von 87 Jahren.
Nach der 2012 durchgeführten Online-Abstimmung des History News Network (HNN) zu urteilen, verabscheuen viele amerikanische Historiker:innen Howard Zinns Geschichte des amerikanischen Volkes.2Mehr als 600 Historiker:innen, die an dieser merkwürdigen Abstimmung teilnahmen, erklärten Zinns radikale Geschichte zum zweitunglaubwürdigsten Geschichtsbuch, das im Druck ist. Die Kommentare der Teilnehmer:innen an der HNN-Abstimmung lassen dabei stark vermuten, dass dieses negative Urteil über Zinns Werk eine politische und ideologische Dimension hatte. Zinns »Betrachtung der amerikanischen Geschichte durch eine marxistische Linse ist eine schmerzhafte Übung in gequälter Argumentation«, beklagte ein Online-Kritiker, während ein anderer die Geschichte des amerikanischen Volkes als »absolut grässlichen Agitprop« anprangerte. Mein Doktorvater Erich Angermann, der Nestor der U.S.-Geschichte in Deutschland, verstieg sich zu folgendem Urteil: »Ein neues Geschichtsbild? Nein – eine melodramatische, auch gedanklich und sprachlich primitivisierte Negativfassung des alten.«3Solche Kommentare veranlassten die New York Times im Juli 2012 zu der Schlussfolgerung, dass zwar »die politische Richtung des Landesbis nach den Präsidentschaftswahlen im November offen sein mag«, dass aber mit dem Verdikt der Kolleg:innen gegen Zinn »die Rechte einen vorläufigen Sieg« in der Geschichtswissenschaft errungen habe. Das Zinn-Bashing ist keineswegs ein neues Phänomen. Schon bald nach der Veröffentlichung der Geschichte des amerikanischen Volkes im Jahr 1980 empörten sich prominente Historiker, die glühende Gegner der radikalen Geschichtswissenschaft waren, wie der Harvard-Historiker Oscar Handlin, sowohl über die »idyllische« Sicht auf das Leben der Afrikaner und der amerikanischen Ureinwohner als auch über die »aufgewühlte Qualität« von Zinns Erzählung, die die traditionelle Sichtweise der aufgeklärten Europäer, die Amerika zivilisierten, über Bord warf und die Leser stattdessen glauben ließ, dass es, in Handlins Worten, »nur noch bergab ging«, nachdem »die zerstörerischen weißen Fremden kamen«. Oscar Handlin prangerte Eine Geschichte des amerikanischen Volkes als ein »gestörtes Märchen« an. Michael Kammen, Historiker der Amerikanischen Revolution an der Cornell University, bezeichnete Zinns Darstellung Amerikas als »einseitig und einfältig«, da er die USA »nicht als ein Land der Freiheit, sondern als ein Land der unerbittlichen Ausbeutung und Heuchelei« zeigte. In Anspielung auf Zinns Rolle als prominenter Anti-Kriegs- und Bürgerrechtsaktivist in den 1960er-Jahren, dessen radikale Denkweise der Text widerspiegelt, bezeichnete Joseph Conlin Zinn als »einen der größten Gurus der ›Bewegung‹ der 1960er-Jahre« und nannte das Buch »ein Museumsstück dieser Zeit, wie LSD auf einem Zuckerwürfel«.4
Es besteht kein Zweifel daran, dass Zinns Text einige sachliche Fehler enthält. So behauptete er im Zusammenhang mit der Bombardierung Dresdens 1945, der alliierte Bombenangriff habe 135.000 Menschenleben gekostet. Wie wir heute wissen, ist die Zahl von ca. 25.000 Toten realistischer.5Andererseits war Zinns Buch der Forschung in vielen Bereichen voraus: Zinn verstand den Charakter des Kriegs von 1812 viel besser als die Kritikaster, nämlich als einen in Teilen expansionistischen Krieg, der amerikanisches Territorium aufKosten von Kanada und Florida arrondieren sollte.6Es wäre jedoch ein Fehler, Eine Geschichte des amerikanischen Volkes vordringlich oder gar ausschließlich auf der Grundlage solcher Kritik arrivierter weißer männlicher Konsensushistoriker zu beurteilen. Historiker:innen betreiben nur selten empirische Unterrichtsforschung und scheinen oft nicht in der Lage zu sein, sich daran zu erinnern, wie Leser:innen, die neu in der Geschichte sind, die Lektüre von Einführungstexten erleben. Leser:innen, für die die Geschichte der geschilderten Streiks neu und unbekannt ist, nehmen Zinns Narrativ so wahr, wie er es beabsichtigt hatte – als aufregende Geschichte eines heroischen Kampfes. Sie werden durch den Widerstand inspiriert und nicht durch das Ergebnis demoralisiert. Hinzu kommt, dass Zinns Geschichte des amerikanischen Volkes nicht für Historiker:innen, sondern für Highschool-Schüler:innen und andere Noviz:innen geschrieben wurde, um sie in eine radikale, andere Sicht auf die amerikanische Vergangenheit einzuführen.
Die Herren Kollegen können sich nicht erklären, warum ein Buch, das als Geschichtswerk angeblich so mangelhaft war, in der Öffentlichkeit, bei Lehrer:innen und Schüler:innen so einflussreich wurde – und vielen Menschen viel Geschichte beibrachte. Tatsächlich hat Zinns Geschichte des amerikanischen Volkes mehr Bewunderer als Kritiker. Es stand in der Endauswahl für den American Book Award und gehörte damit 1981 zu den zehn besten Sachbüchern in den Vereinigten Staaten, eine fast beispiellose Ehre für ein einführendes historisches Handbuch. Nur wenige Historiker seiner Generation – und ganz sicher keine radikalen Historiker – waren erfolgreicher als Zinn, wenn es darum ging, Leser:innen jenseits der College-Tore zu erreichen. Eine Geschichte des amerikanischen Volkes hat sich mit mehr als zwei Millionen Exemplaren seit seiner Veröffentlichung im Jahr1980 erstaunlich gut verkauft. Bis 2010 stiegen die jährlichen Verkaufszahlen, was umso bemerkenswerter ist, als die Veröffentlichung dieser »von unten nach oben« gerichteten, antikapitalistischen, antirassistischen und kriegsfeindlichen Geschichte der Vereinigten Staaten mit dem Rechtsruck der USA in der Reagan-Ära zusammenfiel. Die öffentliche Wirkung des Buches war so beeindruckend, dass die Popularität von Zinns Werk nach einer weiteren Erklärung schreit. Einige Hinweise für eine solche Erklärung lassen sich aus den Papieren Howard Zinns in der Tamiment Library and Robert F. Wagner Labor Archive in New York gewinnen. Die Leserberichte über das Zinn-Manuskript auf dem Weg zur Veröffentlichung, insbesondere die Einschätzung des Architektur-Historikers an der CUNY, Robert C. Twombly, sind hier besonders aufschlussreich. Die Berichte vermittelten Begeisterung über Zinns bahnbrechenden Versuch, Student:innen und der Öffentlichkeit eine erste Begegnung mit der neuen Sozialgeschichte zu bieten, die sich mit dem sozialhistorischen Turn der 1960er- und 70er-Jahre herausgebildet hatte. Erstmals wurden Schwarze, Arbeiter:innen, Native Americans, Frauen und andere vernachlässigte Gruppen ins Rampenlicht gerückt. Die neue Sozialgeschichte hatte in den 1970er-Jahren die akademische Welt im Sturm erobert, war aber noch nicht in der Lage, außerhalb der Universitäten Fuß zu fassen oder die populären Vorstellungen (und Missverständnisse) über die amerikanische Geschichte zu verändern, sodass Zinns Versuch, diese neue Geschichte zu popularisieren, auf fruchtbaren Boden fiel. Zinn bot, wie Twombly es ausdrückte, eine fesselnde »Geschichte von Grund auf«: In seinem auffallend originellen Text vermeidet Zinn die allgemein akzeptierten Kategorien, nach denen die amerikanische Geschichte traditionell organisiert wurde. Wenn er zum Beispiel über das koloniale Amerika spricht, beginnt er nicht mit der bekannten Geschichte vom expandierenden Europa und den verwegenen Abenteurern, ihren amerikanischen Außenposten, der Besiedlung der Kolonien, dem langsamen Wachstum der Freiheit und ihrem unvermeidlichen Kampf gegen ein tyrannisches England. Twombly lieferte, was Zinns Kritiker nicht leisteten, indem er eine vergleichende Analyse von Zinns Werk und jenen Büchern bot, die am häufigsten verwendet wurden, um Student:innen und allgemeine Leser:innen in die amerikanische Vergangenheit einzuführen – nämlich den Lehrbüchern zur U.S.-Geschichte, die in den Pflichtkursen der Colleges verwendet werden. Twombly stellte freimütig fest, dass solche Lehrbücher literarische und pädagogische Flops waren. Im Gegensatz dazu habe Zinns Buch größeres Potenzial als alle anderen, Geschichte real und lebendig zu machen, vor allem für Studierende niederer Semester. Der Unterschied lag nicht nur in der radikal neuen und aufregenden Sicht auf die amerikanische Vergangenheit, die sich aus Zinns »Bottom-up«-Ansatz für die Geschichte ergab, sondern auch in Zinns lebhaftem Stil, den Twombly mit Zinns politischer Leidenschaft und seinem Mitgefühl in Verbindung brachte. Zinn war nicht akademisch »neutral«, sondern er identifizierte sich ausdrücklich mit den Unterdrückten, deren Geschichten er erzählte.
Die Eindrücke aus Robert C. Twomblys Leserbericht werden durch Hunderte von Briefen und E-Mails bestätigt, die Schüler:innen und Lehrer:innen zwischen der Veröffentlichung von Eine Geschichte des amerikanischen Volkes im Jahr 1980 und seinem Tod im Jahr 2010 an Zinn schickten. Diese Quellen belegen, dass der Erfolg des Buches mit dem völligen Versagen des historischen Berufsstandes zusammenhängt, mit der Unfähigkeit, der Öffentlichkeit lesbare, kritische Lehrbücher zur amerikanischen Geschichte anzubieten. Nach den Zuschriften zu urteilen, die Zinn erhielt, fand kein Kapitel mehr Anklang als das erste über »Kolumbus, die Indianer und de[n] Fortschritt der Menschheit«. Nachdem er kurz und dramatisch die Geschichte von Kolumbus' brutaler Misshandlung der Arawak und der katastrophalen Dezimierung der indigenen Bevölkerung erzählt hatte, setzte Zinn zu einem Exkurs darüber an, wie Schulen, Schulbücher und das moderne Amerika selbst die Kolumbus-Geschichte und ihr Vermächtnis verzerren. Zinn nahm hier die klassische Kolumbus-Biografie des Harvard-Historikers Samuel Eliot Morison aufs Korn, weil sie Kolumbus romantisierte und seine Willensstärke, Glaubensfestigkeit und Seemannschaft hervorhob, während sie den Genozid an den indigenen Völkern herunterspielte.7Morison ist später wegen der verharmlosenden Darstellung der Sklaverei in den USA von Schwarzen und weißen Historiker:innen kritisiert worden und hat seine Fehleinschätzung auch zähneknirschend eingestanden.8Zinn warf Morison vor, die Geschichte von Kolumbus' Verbrechen »unter einer Masse anderer Informationen zu begraben, [die] dem Leser mit einer gewissen ansteckenden Ruhe sagen sollen: ›Ja, es gab Massenmorde, aber das ist nicht so wichtig – das sollte bei deinem abschließenden Urteil wenig zählen; es sollte sehr wenig Einfluss darauf haben, was wir in der Welt tun.‹« Zinn benutzte die Kolumbus-Geschichte, um seinen Geschichtsansatz vorzustellen, indem er bestritt, dass Neutralität möglich wäre, und darauf bestand, die Verzerrung der Historiker:innen als ideologisch zu kennzeichnen. Morison und die traditionellen Texte stellten sich auf die Seite von Kolumbus. Dies mündete in Zinns Erörterung seines Prinzips der Gegenerzählung, die Eine Geschichte des amerikanischen Volkes von herkömmlichen Lehrbüchern abhebt:
Angesichts der Unvermeidlichkeit, Partei zu ergreifen, die durch Auswahl und Schwerpunkt in der Geschichtsschreibung entsteht, ziehe ich es deshalb vor, zu versuchen, die Geschichte der Entdeckung Amerikas aus der Perspektive der Arawak zu erzählen, die der Verfassung vom Standpunkt der Sklaven aus, von Andrew Jackson aus der Sicht der Cherokee, vom Bürgerkrieg aus der Sicht der Iren von New York, vom Mexikanischen Krieg aus der Sicht der desertierenden Soldaten der schottischen Armee, vom Aufstieg der Industrialisierung aus der Sicht der Frauen in den Textilmanufakturen, vom spanisch-amerikanischen Krieg aus der Sicht der Kubaner, von der Eroberung der Philippinen aus der Sicht der Schwarzen Soldaten auf Luzon, vom Goldenen Zeitalter aus der Sicht der Farmer im Süden, vom Ersten Weltkrieg aus der Sicht von Sozialisten, vom Zweiten Weltkrieg aus der Sicht von Pazifisten, vom New Deal aus der Sicht der Schwarzen in Harlem, vom amerikanischen Nachkriegsimperium aus der Sicht der Landarbeiter in Lateinamerika.
Die Leser:innen fanden all dies elektrisierend, weil Zinns radikal kritische Geschichte so anders, intellektuell so viel anregender und moralisch engagierter war als alles, was sie in ihren Geschichtsstunden gehört oder in Lehrbüchern gelesen hatten. Für viele Student:innen war Zinns Eröffnungskapitel mit seiner Kritik an Morisons schmeichelhafter Kolumbus-Biografie und an Lehrbüchern, die sich an Morison anlehnten, der erste Kontakt mit historiografischen Kontroversen und Debatten über die Vergangenheit.9Dabei wird häufig übersehen, dass Eine Geschichte des amerikanischen Volkes vor allem an Erwachsene verkauft wurde. Nur etwa 20 Prozent der Verkäufe des Buches gingen an Highschools, wahrscheinlich weil das Buch viel zu radikal war, um von den meisten Schulsystemen übernommen zu werden. Wenn Schüler:innen Zinn in der Highschool lasen, dann in der Regel, weil einzelne Lehrer:innen Zinns Werk bewunderten und wussten, dass seine Lektüre die historische Debatte wirksam fördern würde, und deshalb einige Zinn-Kapitel als Ergänzung und Alternative zu den Standardlehrbüchern ausgewählt hatten. Die Briefe von Geschichtslehrer:innen an Zinn sind ein eindrucksvolles Zeugnis dafür, dass seine kritische und leidenschaftliche Auseinandersetzung mit Race, Klasse, Geschlecht, Krieg und Imperium – trotz ihrer Unvollkommenheit – Schüler:innen auf eine Weise intellektuell und politisch ansprach, die dem historischen Berufsstand und den Schulbuchfirmen entgangen war.10Ein Geschichtslehrer aus Wisconsin schrieb im Jahr 2000 in einem Brief an Zinn: »Trotz der gegenteiligen Meinung meines Studienberaters bewundere ich Ihre Arbeit. Die akademische Welt hat den Kontakt zur Masse der Bevölkerung verloren, aber Ihre Arbeit, Herr Zinn, erreicht die Menschen und bringt junge Menschen dazu, das zu hinterfragen, was man ihnen über Geschichte beigebracht hat.«11
Natürlich werden nur wenige Historiker:innen an das Verfassen von Einführungsbüchern herangehen, wie es Zinn getan hat, um Amerikaner:innen dazu zu bringen, die Legitimität des Kapitalismus infrage zu stellen. Aber selbst dann sollte Zinns Fähigkeit, zwei Millionen Leser:innen zu erreichen, unsere Aufmerksamkeit erregen. Mit der Geschichte des amerikanischen Volkes hat Zinn eine kraftvoll geschriebene historische Synthese für eine breite Leserschaft veröffentlicht, er tat dies im Alleingang, behielt seine unverwechselbare Stimme bei, setzte sich im Text mit anderen Historikern auseinander,stellte ethische Fragen über den Missbrauch amerikanischer Macht, wollte eher provozieren als umfassend sein, verband ausdrücklich die Gegenwart mit der Vergangenheit und ging seinen eigenen Weg mit einem Fachverlag, anstatt sich der Reglementierung durch eine Lehrbuchabteilung zu unterwerfen. In all diesen Punkten bot Zinn ein Modell für erfolgreiche Geschichtsschreibung und -lehre. Erfolgreich bedeutet indessen nicht fehlerfrei. Man könnte kritisch gegen Zinn einwerfen, dass er es versäumt hat, zu erklären, warum die meisten amerikanischen Arbeiter:innen den Kapitalismus nicht abgelehnt haben. Michael Kammen hatte darin recht, dass Zinns Werk die Religionsgeschichte vernachlässigte. Zinn beurteilte reformistische Präsidenten zu negativ und unterschätzte Abraham Lincolns Lernfähigkeit, was die Sklaverei betraf. Doch wir befinden uns im Jahr 2025 – mehr als 100 Jahre nach Zinns Geburt und 45 Jahre nach der Veröffentlichung seiner Geschichte des amerikanischen Volkes – und die U.S.-amerikanische Geschichtswissenschaft hat es nicht geschafft, Zinn zu übertreffen oder ihm auch nur nahezukommen, wenn es darum geht, die Öffentlichkeit über einen radikalen Geschichtsbestseller zu erreichen. Als großer politischer Organisator, Debattierer, Pamphletist und Redner hatte Zinn durch seine Arbeit in der Schwarzen Freiheits- und Anti-Kriegsbewegung sowohl den brennenden Wunsch als auch die Fähigkeit, über den akademischen Bereich hinauszugehen und radikale Geschichte an die Öffentlichkeit zu bringen. Das Fehlen dieses Wunsches und dieser Fähigkeiten in der heutigen Geschichtswissenschaft ist weitaus besorgniserregender als irgendwelche Mängel in Zinns Werk.
Berlin, Juni 2025
1Deutsche Ausgabe: Schweigen heißt Lügen, Hamburg 2010.
2Zu den Kritikern gehörten Michael Kazin, Professor of History, Georgetown University, David Kaiser, William B. Pratt Chair of Military History, Naval War College, und Michael Kammen, Newton C. Farr Professor of American History and Culture, Cornell University, in: {historynewsnetwork.org/article/147149#Zinn}, letzter Zugriff am 20. Mai 2025.
3Erich Angermann, Besprechung von A People's History of the United States in: Historische Zeitschrift, Bd. 234, H. 1 (Feb. 1982), S. 137–138, hier S. 138.
4Joseph Conlin, Besprechung, in: The Wisconsin Magazine of History, Bd. 64, Nr. 2 (Winter 1980/81), S. 138–140, hier S. 139.
5Mark Clapson, The Blitz Companion. Aerial Warfare, Civilians and the City since 1911, London 2019, S. 92.
6Joseph Conlin, Besprechung in: The Wisconsin Magazine of History, Bd. 64, Nr. 2 (Winter 1980/81), S. 138–140, hier S. 140. Rachel Hope Cleves u. a., »Interchange: The War of 1812«, in: The Journal of American History, Bd. 99, Nr. 2 (2012), S. 520–555. Rodney P. Carlisle und J. Geoffrey Golson (Hg.), Manifest Destiny and the Expansion of America, Santa Barbara 2007, S. 44; David S. Heidler und Jeanne T. Heidler, The War of 1812, Westport 2002, S. 4; Spencer C. Tucker (Hg.), The Encyclopedia of the War of 1812. A Political, Social, and Military History, Bd. I, Santa Barbara 2012, S. 236; George F. G. Stanley, The War of 1812. Land Operations, Toronto 1983, S. 32.
7Samuel Eliot Morison, Admiral of the Ocean Sea: A Life of Christopher Columbus, Boston 1942.
8Leon Litwack, »Forgotten Heroes of Freedom«, in: The Atlantic, November 1999, online verfügbar unter {www.theatlantic.com/magazine/archive/1999/11/forgotten-heroes-of-freedom/377880}, letzter Zugriff am 20. Mai 2025.
9Robert Cohen, »The Second Worst History Book in Print? Rethinking A People's History of the United States«, in: Reviews in American History, Bd. 42, Nr. 2 (2014), S. 197–206, hier S. 202–204.
10Ebd., S. 204.
11Ebd.
Respektvolle Sprache ist uns wichtig. Übersetzerin und Verlag haben sich große Mühe gegeben, rassismuskritische Sprache zu verwenden, soweit dies mit der Integrität des Textes zu vereinbaren war. Wir sind überzeugt, dass dies im Sinne des Autors wäre.
Dabei gilt zu bedenken, dass Howard Zinns Buch bis auf wenige ergänzende Kapitel am Ende aus dem Jahr 1980 stammt und damit selbst bereits ein Zeitzeugnis darstellt. Auch enthält er viele historische Zitate ab dem 15. Jahrhundert, die vom Autor oft gerade als Beleg für historischen Rassismus zitiert werden.
Bestimmte Begriffe aus Howard Zinns Text, die uns problematisch erschienen, haben wir ersetzt, so zum Beispiel »Indianer« durch »Indigene« oder »Native Americans«; andere nicht mehr akzeptierte Bezeichnungen durch »People of Color« oder »Schwarze«. Die Ausdrücke »Mestize/Mestizin« für Personen mit gemischter, meist indigener und weißer, sowie »Criollo« für Menschen gemischt europäischindigener und/oder -afrikanischer Herkunft sind vom Autor eindeutig nicht pejorativ gemeint und wurden beibehalten.
Um zu verdeutlichen, dass Race ein diskriminierendes soziales Konstrukt ist, haben wir eine gängige Schreibweise der rassismuskritischen Aufklärungsarbeit übernommen und verwenden im Haupttext zumeist Race. Die Zuschreibung »Schwarz« schreiben wir auch als Adjektiv groß, wenn sie sich auf die Hautfarbe einer Person bezieht.
Das generische Maskulinum, das der Bezeichnung von Gruppen und Gruppierungen dient, bitten wir als geschlechtsneutral zu verstehen. An erforderlichen, dem Textgehalt dienenden Stellen haben wir auf Doppelnennung zurückgegriffen.
Innerhalb von historischen Zitaten bleiben jedoch Begriffe stehen, die heute nicht mehr gebraucht werden. So zum Beispiel auch »Rasse/n«. Der Ausdruck »Farbige« (»Colored« in Eigennamen) bleibt innerhalb von historischen Zitaten erhalten, da er belegt, wie Schreibkonventionen sich aufgrund sukzessiver Sensibilisierung wandeln.
Besonders diskriminierende Ausdrücke wie beide Varianten des N-Worts möchten wir auf keinen Fall unkommentiert beibehalten. Da Übersetzungen oft weniger präzis ausfallen würden, haben wir sie in Zitaten durch Fußnoten kenntlich gemacht oder durch Platzhalter ersetzt: Ne*** bzw. Ni****. Für das Wort »Mulatte/in« (Menschen mit gemischt Schwarzer und weißer Herkunft) steht der Platzhalter Mul****.
Außerdem möchten wir transparent machen, dass Howard Zinn unhinterfragt eine inzwischen widerlegte Zahl für die Opfer der alliierten Luftangriffe auf Dresden vom 13.-15. Februar 1945 übernommen hatte. Von einer Historikerkommission gründlich untersucht, gelten heute bis zu 25.000 Toten als historisch belegt. Höhere Zahlen beruhen auf Falschangaben, die häufig politisch motiviert waren oder politisch ausgeschlachtet wurden, wie zum Beispiel in dem von Howard Zinn als Quelle herangezogenen Buch des berüchtigten Holocaustleugners David Irving. Wir haben diese Zahl im Text geändert und die Quelle aus dem Literaturverzeichnis gestrichen.
Die Arawakmänner und -frauen, nackt, braungebrannt und voller Neugier, kamen aus ihren Dörfern heraus an den Inselstrand gelaufen und schwammen hinaus, um das fremde, große Schiff aus der Nähe zu betrachten. Als Kolumbus und seine Seeleute an Land kamen, mit Schwertern bewaffnet, seltsam sprechend, liefen ihnen die Arawak zur Begrüßung entgegen und brachten ihnen Wasser, Essen und Geschenke. Er schrieb darüber später in sein Logbuch:
Sie … brachten uns Papageien und Baumwollballen und Speere und viele andere Dinge, die sie gegen unsere Glasperlen und Falkenglöckchen eintauschten. Sie tauschten willig alles, was sie besaßen. Sie waren kräftig gebaut, mit guten Körpern und angenehmen Gesichtszügen … Sie tragen keine Waffen und kennen auch keine; als ich ihnen nämlich ein Schwert zeigte, ergriffen sie es aus Unwissenheit an der Schneide und verletzten sich dabei. Sie haben kein Eisen. Ihre Speere sind aus Schilfrohr gemacht … Sie würden sich gut als Dienstboten eignen … Mit fünfzig Mann könnten wir sie alle unterwerfen und sie zu allem zwingen, was wir wollen.
Diese Arawak auf den Bahamas glichen den Native Americans auf dem Festland, die (wie europäische Beobachter immer wieder feststellten) auffallend gastfreundlich waren. Sie glaubten an das Teilen. Diese Eigenschaften stachen im Europa der Renaissance nicht gerade hervor, beherrscht wie es war von der Religion der Päpste, der Regierung der Könige, dem Geldrausch, der die westliche Zivilisation und ihren ersten Boten nach Nord- und Südamerika, Christoph Kolumbus, kennzeichnete. Kolumbus schrieb: »Sobald ich in den Antillen ankam, auf der ersten Insel, auf die ich stieß, nahm ich einige der Eingeborenen gefangen. Sie sollten lernen und mir Informationen darüber geben, was es in diesen Breiten zu holen gibt.«
Die Information, die Kolumbus am meisten interessierte, war: Wo ist das Gold? Er hatte den König und die Königin von Spanien überredet, eine Expedition in dieses Land zu finanzieren; der Reichtum, dachte er, liege auf der anderen Seite des Atlantiks – im ostindischen Raum und in Asien, Gewürze und Gold. Denn wie alle gebildeten Menschen seiner Zeit wusste er, dass die Erde rund ist und dass er nach Westen segeln konnte, um in den Fernen Osten zu gelangen.
Spanien hatte sich erst vor Kurzem zu einem modernen Nationalstaaten vereinigt wie Frankreich, England und Portugal. Seine Bevölkerung, hauptsächlich arme Bauern, arbeitete für den Adel, der 2 Prozent der Bevölkerung ausmachte, aber 95 Prozent des Landes besaß. Spanien hatte sich mit der katholischen Kirche verbündet, alle Juden ausgewiesen und die Mauren vertrieben. Wie andere Staaten der modernen Welt strebte Spanien nach Gold, das sich zum neuen Zeichen für Reichtum entwickelte und mehr wert war als Grundbesitz, weil man alles damit kaufen konnte.
In Asien, so glaubte man, gab es Gold und ganz bestimmt Seide und Gewürze. Marco Polo und andere hatten in den vorhergehenden Jahrhunderten wunderbare Dinge von ihren Land-Expeditionen mitgebracht. Jetzt, wo die Türken Konstantinopel und das östliche Mittelmeer erobert hatten und die Landrouten nach Asien kontrollierten, brauchte man einen Seeweg. Portugiesische Seeleute bahnten sich ihren Weg um die Südspitze von Afrika herum. Spanien setzte auf eine lange Seereise über einen unbekannten Ozean.
Als Belohnung für Gold und Gewürze sicherten sie Kolumbus 10 Prozent des Gewinns zu, Gouverneursherrschaft über neu entdeckte Länder und den Ruhm eines neuen Titels: Admiral des Ozeans. Er war der Angestellte eines Kaufmanns aus der italienischen Stadt Genua, Teilzeitweber (Sohn eines ausgebildeten Webers) und ein erstklassiger Seefahrer. Er begann die Reise mit drei Segelschiffen – das größte davon war die Santa Maria mit vielleicht 30 Metern und 39 Mann Besatzung. Kolumbus hätte es nie bis Asien geschafft. Es lag Tausende Meilen weiter weg, als er berechnet hatte, weil er die Welt zu klein einschätzte. Die immense Weite des Ozeans hätte ihn zum Scheitern verurteilt. Aber er hatte Glück. Auf einem Viertel des Weges stieß er auf ein bisher unbekanntes, nicht kartiertes Land zwischen Europa und Asien – Amerika. Das war Anfang Oktober 1492, und genau 33 Tage nachdem er und seine Mannschaft die Kanarischen Inseln vor der Atlantikküste Afrikas verlassen hatten. Jetzt sahen sie Zweige und Äste im Wasser treiben. Sie sahen Vogelschwärme.
Das waren Anzeichen für Land. Dann, am 12. Oktober, beobachtete ein Matrose namens Rodrigo, wie der frühe Morgenmond auf weißen Sand schien, und verkündete Land. Es war eine Insel auf den Bahamas, in der Karibik. Der Erste, der Land entdeckte, sollte eine jährliche Rente von 10.000 Maravedí auf Lebenszeit erhalten, aber Rodrigo bekam sie nie zu Gesicht. Kolumbus behauptete, er habe bereits am Vorabend ein Licht gesehen – und erhielt die Belohnung.
Als sie nun Land erreichten, wurden sie also von den Arawak empfangen, die ihnen zur Begrüßung entgegenschwammen. Die Arawak lebten in Dorfkommunen und bauten Mais, Süßkartoffeln und Maniok an. Sie konnten spinnen und weben, hatten aber keine Pferde oder Arbeitstiere. Sie kannten kein Eisen, aber sie trugen winzigen Goldschmuck im Ohr.
Das sollte enorme Konsequenzen haben: Es veranlasste Kolumbus dazu, einige von ihnen auf seinem Schiff gefangen zu nehmen; er bestand darauf, dass sie ihn zur Quelle des Goldes führten. Er segelte danach weiter bis zum heutigen Kuba, dann nach Hispaniola (die Insel besteht heute aus Haiti und der Dominikanischen Republik). Dort führten sichtbare Goldstückchen in Flüssen und eine Goldmaske, die ein einheimischer Stammeshäuptling Kolumbus präsentierte, zu wilden Vorstellungen von wahren Goldfeldern.
Auf Hispaniola baute Kolumbus ein Fort aus dem Holz der Santa Maria, die auf Grund gelaufen war. Es war die erste europäische Militärbasis der westlichen Hemisphäre. Er nannte sie Navidad (Weihnachten) und ließ 39 Matrosen dort zurück, mit dem Befehl, das Gold zu finden und zu verwahren. Dann nahm er weitere Native Americans gefangen und brachte sie auf seinen verbleibenden zwei Schiffen unter. Auf einem Teil der Insel geriet er mit Native Americans in Streit, die sich weigerten, so viele Pfeile und Bogen einzutauschen, wie er und seine Leute wollten. Zwei wurden mit Schwertern aufgespießt und verbluteten. Dann setzten die Niña und die Pinta Segel in Richtung Azoren und Spanien. Als es kälter wurde, begannen die Native Americans zu sterben. Kolumbus' Bericht an den spanischen Hof war abenteuerlich. Er beharrte darauf, Asien (tatsächlich war es Kuba) und eine Insel vor der Küste Chinas (Hispaniola) erreicht zu haben. Seine Beschreibungen waren teils wahr, teils erfunden:
Hispaniola ist ein Wunder. Berge und Hügel, Ebenen und Wiesen sind ebenso schön wie fruchtbar … die Häfen sind unglaublich gut, und es gibt viele breite Flüsse, von denen die meisten Gold bergen … Es gibt viele Gewürze und große Minen mit Gold und anderen Metallen …
Die Native Americans, berichtete Kolumbus, »sind so naiv und großzügig mit ihren Besitztümern, dass niemand, der es nicht gesehen hat, es glauben würde. Wenn man um etwas bittet, das sie besitzen, sagen sie nie Nein. Im Gegenteil, sie bieten jedem an zu teilen …« Er schloss seinen Bericht mit der Bitte um etwas Hilfe von Seinen Majestäten; im Gegenzug würde er ihnen von seiner nächsten Reise »so viel Gold« mitbringen, »wie sie brauchten … und so viele Sklaven, wie sie wünschten«. Der Bericht strotzte vor religiösem Gerede. »So gewährt der ewige Gott, unser Herr, Triumph denen, die seinem Weg folgen, mag er auch unmöglich scheinen.«
Aufgrund von Kolumbus' übertriebenen Berichten und Versprechungen wurde seine zweite Expedition mit 17 Schiffen und 1200 Mann ausgestattet. Das Ziel war klar: Sklaven und Gold. Sie fuhren in der Karibik von Insel zu Insel und nahmen Native Americans gefangen. Aber je mehr sich die Absichten der Europäer herumsprachen, desto häufiger fanden sie leere Dörfer vor. Auf Haiti waren die in Fort Navidad zurückgelassenen Seeleute im Kampf gegen die Native Americans getötet worden, nachdem sie die Insel in Banden nach Gold abgesucht und Frauen und Kinder als Arbeits- und Sexsklaven genommen hatten.
Von dieser Basis auf Haiti aus schickte Kolumbus nun eine Expedition nach der anderen ins Landesinnere. Sie fanden keine Goldfelder. Aber sie mussten die Schiffe, die nach Spanien zurückkehrten, mit irgendeiner Ausbeute füllen. Im Jahr 1495 gingen sie auf große Sklavenjagd, fingen 1500 Arawak – Männer, Frauen und Kinder –, packten sie in Käfige, die von Spaniern und Hunden bewacht wurden, und suchten dann die 500 besten Exemplare heraus, um sie auf die Schiffe zu verladen. Von diesen 500 starben 200 unterwegs. Der Rest kam lebend in Spanien an und wurde vom Erzdiakon der Stadt zum Verkauf freigegeben. Dieser berichtete, dass die Sklaven, obwohl »nackt wie am Tag ihrer Geburt, nicht mehr Verlegenheit als Tiere« an den Tag legten. Kolumbus schrieb später: »Lasst uns im Namen der Heiligen Dreieinigkeit nach allen Sklaven schicken, die sich verkaufen lassen.«
Aber zu viele Sklaven starben in Gefangenschaft. Und so musste Kolumbus, verzweifelt bemüht, seinen Investoren einen Gewinn auszuschütten, sein Versprechen wahr machen und die Schiffe mit Gold füllen. In der Provinz Cicao auf Haiti, wo er und seine Leute riesige Goldfelder vermuteten, befahlen sie allen Personen über 14 Jahren, alle drei Monate eine bestimmte Menge Gold anzusammeln. Bei der Ablieferung erhielten sie Kupfermünzen, die sie sich um den Hals hängen konnten. Native Americans, die ohne Kupfermünzen um den Hals vorgefunden wurden, hackte man die Hände ab und ließ sie verbluten.
Den Native Americans war eine unmögliche Aufgabe zugefallen. Das einzige Gold, das es gab, war ein bisschen Staub aus den Bächen. Also flohen sie, wurden mit Hunden gejagt und getötet.
Die Arawak versuchten, eine Widerstandsarmee aufzubauen, aber sie standen Spaniern mit Rüstungen, Musketen, Schwertern und Pferden gegenüber. Wenn die Spanier Gefangene nahmen, hängten sie sie oder verbrannten sie bei lebendigem Leib. Massenselbstmord mit Maniok-Gift machte sich unter den Arawak breit. Kleinkinder wurden getötet, um sie vor den Spaniern zu bewahren. Innerhalb von zwei Jahren war die Hälfte der 250.000 Native Americans auf Haiti tot – durch Mord, Verstümmelung oder Suizid.
Als deutlich wurde, dass es kein Gold mehr gab, wurden die Native Americans als Sklavenarbeiter auf riesige Anwesen gebracht, die man später encomiendas nannte. Sie mussten in einem höllischen Tempo arbeiten und starben zu Tausenden. Im Jahr 1515 gab es noch etwa 50.000 Native Americans. 1550 waren es 500. Ein Bericht aus dem Jahr 1650 verzeichnet keinen einzigen ursprünglichen Arawak oder Nachkommen von Arawak auf der Insel.
Die Hauptquelle – und in manchen Punkten die einzige Informationsquelle – darüber, was nach der Ankunft von Kolumbus auf den Inseln geschah, ist Bartholomé de Las Casas, der als junger Priester an der Eroberung Kubas teilnahm. Eine Zeit lang besaß er eine Plantage, auf der indigene Sklaven arbeiteten, gab diese aber auf und wurde zum vehementen Kritiker der spanischen Grausamkeiten. Las Casas transkribierte Kolumbus' Tagebuch und begann in seinen Fünfzigern eine mehrbändige Geschichte der Westindischen Länder. Darin beschreibt er die Native Americans. Sie sind agil, schreibt er, und können lange Strecken schwimmen, besonders die Frauen. Sie sind nicht vollkommen friedlich; ab und zu führen sie Krieg gegen andere Stämme, aber ihre Verluste scheinen gering, und sie kämpfen, wenn sie einen individuellen Grund dafür haben, nicht weil es ein Kapitän oder König befiehlt. Frauen wurden in der Gesellschaft der Native Americans so gut behandelt, dass es die Spanier aus der Fassung brachte. Las Casas beschreibt das Geschlechterverhältnis:
Es gibt keine Ehegesetze. Frauen wie Männer wählen ihre Partner und verlassen sie, wie es ihnen gefällt, ohne Beleidigung, Eifersucht oder Groll. Sie vermehren sich reichlich; schwangere Frauen arbeiten bis zur letzten Minute und gebären nahezu schmerzlos; am nächsten Tag stehen sie auf, baden im Fluss und sind so sauber und gesund wie vor der Geburt. Wenn sie ihrer Männer überdrüssig werden, treiben sie mit Kräutern ab, die Totgeburten herbeiführen, und bedecken ihre weiblichen Stellen mit Blättern oder Baumwollstoff – obwohl die Indianerfrauen und -männer im Allgemeinen totale Nacktheit als so selbstverständlich ansehen wie wir den Kopf oder die Hand eines Mannes.
Die Native Americans, sagt Las Casas, haben keine Religion, zumindest keine Tempel. Sie leben
in großen, glockenförmigen Gemeinschaftshäusern, die bis zu 600 Menschen auf einmal beherbergen können … aus starkem Holz errichtet und mit Dächern aus Palmblättern … Sie bewundern bunte Vogelfedern, Halsketten aus Fischgräten und grüne und weiße Steine, mit denen sie ihre Ohren und Lippen schmücken, aber sie legen keinen Wert auf Gold oder andere wertvolle Dinge. Sie betreiben keinerlei Handel, kaufen nichts, verkaufen nichts, sondern verlassen sich, was ihre Versorgung angeht, ganz auf ihre natürliche Umgebung. Sie sind extrem großzügig mit ihren Besitztümern und begehren aus demselben Grund die Besitztümer ihrer Freunde und erwarten dieselbe Freizügigkeit von ihnen …
Im zweiten Buch seiner Geschichte der Westindischen Länder beschreibt Las Casas (der zunächst dafür eintrat, Native Americans durch Schwarze Sklaven zu ersetzen, weil er meinte, diese seien stärker und würden überleben, später aber Mitleid hatte, als er die Auswirkungen der Sklaverei auf die Schwarzen sah) die Behandlung der Native Americans durch die Spanier. Es ist eine einzigartige Aufzeichnung und verdient, ausführlich zitiert zu werden:
Endlose Zeugnisse … belegen das sanfte und friedliche Gemüt der Eingeborenen … Aber unser Werk war es, Verzweiflung zu bringen und zu verwüsten, zu töten, zu zerfleischen und zu zerstören; kein Wunder also, dass sie ab und zu einen von uns umzubringen versuchten … Der Admiral war wahrlich blind, wie die, die nach ihm kamen, und so ängstlich bedacht, dem König zu gefallen, dass er nicht wieder gutzumachende Verbrechen gegen die Indianer beging …
Las Casas beschreibt, wie die Spanier »von Tag zu Tag eingebildeter« wurden und nach einer Weile überhaupt nicht mehr zu Fuß gingen. Sie »ritten auf den Rücken von Indianern, wenn sie in Eile waren«, oder ließen sich von Native Americans, die einander beim Laufen abwechselten, in Hängematten herumtragen. »In dem Fall ließen sie auch Indianer mit großen Blättern nebenherlaufen, die sie vor der Sonne schützten, während andere ihnen mit Gänseflügeln Luft zufächeln mussten.«
Totale Kontrolle führte zu totaler Grausamkeit. Die Spanier »dachten sich nichts dabei, Indianer im Dutzend zu erstechen oder Stücke aus ihnen herauszuschneiden, um die Schärfe ihrer Messer zu testen«. Las Casas erzählt, wie »zwei dieser sogenannten Christen eines Tages zwei Indianerjungen trafen, jeder mit einem Papagei; sie nahmen sich die Papageien und enthaupteten die Jungen, einfach aus Spaß«.
Die Verteidigungsversuche der Native Americans scheiterten. Und wenn sie in die Hügel flüchteten, wurden sie aufgetrieben und umgebracht. »Also«, berichtet Las Casas, »litten und starben sie in den Minen und bei anderen Arbeiten, in verzweifeltem Schweigen, denn sie kannten keine Menschenseele, an die sie sich um Hilfe wenden konnten«. Er schildert ihre Arbeit in den Minen:
Berge werden von oben nach unten und wieder von unten nach oben gekehrt, tausendmal; sie graben, spalten Felsen, bewegen Steine, und tragen Schutt auf ihrem Rücken zum Waschen am Fluss; während die Goldwäscher die ganze Zeit im Wasser stehen, ihr Rücken ständig gebeugt, bis er bricht; und wenn Wasser in die Minen eindringt, besteht die mühseligste aller Arbeiten darin, die Mine zu trocknen, indem sie das Wasser mit Becken abschöpfen und nach oben aus der Mine hinauswerfen …
Nach jeweils sechs bis acht Monaten Arbeit in den Minen, der Zeit, die eine Mannschaft brauchte, um genügend Gold zum Schmelzen auszugraben, waren bis zu einem Drittel der Männer tot.
Während die Männer meilenweit weg in die Minen geschickt wurden, blieben die Frauen zurück, um den Boden zu beackern; qualvoll mussten sie graben und Tausende von Hügeln für Maniokpflanzen anlegen.
Ehemänner und Ehefrauen waren dadurch nur alle acht bis zehn Monate einmal zusammen, und wenn sie zusammenkamen, waren sie beide so erschöpft und deprimiert, … dass sie aufhörten, sich fortzupflanzen. Wenn es Neugeborene gab, starben sie schnell, weil ihre Mütter, überarbeitet und unterernährt, keine Milch hatten, mit der sie sie hätten stillen können. Während ich in Kuba war, starben aus diesem Grund 7000 Kinder in drei Monaten. Einige Mütter ertränkten sogar ihre Kinder aus purer Verzweiflung … Auf diese Weise starben die Männer in den Minen, die Frauen bei der Arbeit und die Kinder, weil es keine Milch gab, … und innerhalb kurzer Zeit war dieses Land, einst so eindrucksvoll, mächtig und fruchtbar … entvölkert … Ich habe diese Taten, die so wider die menschliche Natur sind, mit eigenen Augen gesehen, und zittere, während ich dies schreibe …
Als er 1508 auf Hispaniola ankam, schreibt Las Casas, »lebten 60.000 Menschen auf der Insel, inklusive der Indianer, sodass von 1494 bis 1508 mehr als drei Millionen durch Krieg, Sklaverei und die Minen zugrunde gegangen waren. Werden künftige Generationen das glauben können? Selbst ich als sachkundiger Augenzeuge kann es kaum glauben …«
So begann, vor etwa 500 Jahren, die Geschichte der europäischen Invasion der Siedlungsgebiete von Native Americans in Nord- und Südamerika. Dieser Anfang bedeutet, wenn man Las Casas liest, Eroberung, Sklaverei, Tod – selbst wenn seine Schätzungen übertrieben sind (gab es ursprünglich drei Millionen Native Americans, wie er sagt, oder weniger als eine Million, wie manche Historiker ausgerechnet haben, oder acht Millionen, wie andere heute glauben?). Wenn wir die Geschichtsbücher lesen, die man Kindern in den Vereinigten Staaten gibt, dann begann alles mit heldenhaften Abenteuern – es gibt kein Blutvergießen –, und Columbus Day wird gefeiert.
Im Anschluss an Elementary und High School finden sich nur gelegentliche Hinweise auf etwas anderes. Samuel Eliot Morison, der Harvard-Historiker, war der renommierteste Kolumbus-Experte, Autor einer mehrbändigen Biografie und selbst Segler, der die Route von Kolumbus über den Atlantik nachvollzog. In seinem beliebten Buch Christopher Columbus, Mariner aus dem Jahr 1955 vermerkt er über die Versklavung und das Töten: »Die grausame Politik, die Kolumbus in Gang setzte und die seine Nachfolger fortführten, resultierte in vollständigem Völkermord.«
Das steht auf einer einzigen Seite, versteckt inmitten einer glanzvollen Romanze. Im letzten Absatz des Buches fasst Morison seine Meinung über Kolumbus zusammen:
Er hatte seine Fehler und Macken, aber das waren größtenteils die Schattenseiten der Qualitäten, die ihn groß machten – sein unbezähmbarer Wille, sein vortrefflicher Glaube an Gott und seine eigene Sendung als der Überbringer Christi in Länder jenseits des Ozeans, sein dickköpfiges Durchhaltevermögen entgegen aller Entbehrung, Armut und Enttäuschung. Aber es gab keinen Makel, keine dunkle Seite an seiner herausragendsten und unerlässlichsten Eigenschaft: seiner Seemannskunst.
Man kann über die Vergangenheit offen heraus lügen. Oder man kann Tatsachen verschweigen, die zu unwillkommenen Schlussfolgerungen führen könnten. Morison tut keines von beidem. Er lehnt es ab, über Kolumbus zu lügen; er verschweigt nicht die Geschichte des Massenmordes, ja, er charakterisiert ihn sogar mit dem härtesten Wort, das es dafür gibt: Völkermord.
Aber er tut etwas anderes: Er erwähnt die Wahrheit kurz und geht dann zu anderen Dingen über, die ihm wichtiger sind. Offene Lügen oder stillschweigende Auslassungen bergen das Risiko, entdeckt zu werden, was, wenn es passiert, den Leser gegen den Autor aufbringen könnte. Die Tatsachen aber zuzugeben und dann in einer Masse von anderen Informationen zu vergraben, sagt dem Leser, mit einem gewissen ansteckenden Gleichmut: Ja, es gab Massenmorde, aber das ist nicht so wichtig – das sollte bei deinem abschließenden Urteil wenig zählen; es sollte sehr wenig Einfluss darauf haben, was wir in der Welt tun.
Es ist nicht so als könnte der Historiker vermeiden, den Schwerpunkt auf bestimmte Fakten zu legen und auf andere nicht. Das ist für ihn genauso natürlich wie ein Kartenzeichner die Form der Erde erst flach machen und entstellen und dann aus einer verwirrenden Menge von geografischen Informationen die heraussuchen muss, die er für diesen oder jenen speziellen Zweck einer Karte braucht, wenn er eine handhabbare Zeichnung mit praktischem Nutzen produzieren will.
Mein Argument kann sich unmöglich gegen Auswahl, Vereinfachung und Hervorhebung richten; diese sind für den Historiker ebenso unvermeidlich wie für den Kartografen. Aber die Verzerrung des Kartenzeichners ist eine handwerkliche Notwendigkeit für einen gemeinsamen Zweck aller, die eine Karte brauchen. Die Verzerrung des Historikers ist mehr als handwerklich; sie ist ideologisch. Sie wird in eine Welt gegensätzlicher Interessen hinausgeschickt, in der die gewählte Schwerpunktsetzung (ob der Historiker es will oder nicht) irgendein Einzelinteresse stützt, sei es wirtschaftlich, politisch, national oder sexuell.
Darüber hinaus wird dieses ideologische Einzelinteresse nicht im selben Maße offengelegt, wie das handwerkliche Interesse des Kartenzeichners offensichtlich ist (»Dies ist eine Mercator-Projektion für die Langstreckennavigation – für Kurzstrecken empfiehlt sich eine andere Projektion«). Nein, sie wird so präsentiert, als hätten alle Leser von Geschichtsbüchern dasselbe Interesse, dem der Historiker nach bestem Wissen dient. Dies ist keine bewusste Täuschung; der Historiker wurde in einer Gesellschaft ausgebildet, in der Wissen, Bildung und Ausbildung als Probleme handwerklichen Könnens dargestellt werden, und nicht als Werkzeuge widerstreitender sozialer Klassen, Races und Nationen.
Das Heldentum von Kolumbus und seinen Nachfolgern als Seefahrer und Entdecker zu betonen und den Genozid herunterzuspielen, ist keine handwerkliche Notwendigkeit, sondern eine ideologische Entscheidung. Sie trägt – ungewollt – zur Rechtfertigung des Geschehens bei.
Ich sage nicht, dass wir, wenn wir über Geschichte schreiben, Kolumbus in absentia anklagen, richten, verurteilen sollen. Dafür ist es zu spät; es wäre eine sinnlose, rein akademische Betätigung in Sachen Moralität. Aber die Haltung, Gräueltaten einfach als einen bedauerlichen, aber notwendigen Preis, den man für den Fortschritt zahlen muss, hinzunehmen (Hiroshima und Vietnam, um die westliche Zivilisation zu retten; Kronstadt und Ungarn, um den Sozialismus zu retten; die Verbreitung von Atomwaffen, um uns alle zu retten) – diese Haltung steckt immer noch in uns. Ein Grund, warum diese Gräuel immer noch unter uns sind, ist, dass wir gelernt haben, sie unter Massen von anderen Fakten zu begraben, so wie radioaktiver Müll in Containern in der Erde vergraben wird. Wir haben gelernt, ihnen genau das Maß an Aufmerksamkeit zu widmen, das Lehrer und Autoren ihnen oft in den angesehensten Klassenzimmern und Schulbüchern zugestehen. Dieses erlernte Gefühl für moralische Größenverhältnisse, das der scheinbaren Objektivität des Gelehrten entspringt, nehmen wir leichter an, als wenn es von Politikern auf Pressekonferenzen stammt. Aus diesem Grund ist es auch tödlicher.
Die Behandlung von Helden (Kolumbus) und ihren Opfern (den Arawak) – die stille Hinnahme von Mord und Eroberung im Namen des Fortschritts – ist nur ein Aspekt einer bestimmten Herangehensweise an Geschichte, bei der die Vergangenheit aus der Sicht von Regierungen, Eroberern, Diplomaten, Anführern erzählt wird. Es ist, als ob sie, wie Kolumbus, universelle Anerkennung verdienen, als repräsentierten sie – die Gründungsväter, Jackson, Lincoln, Wilson, Roosevelt, Kennedy, die führenden Mitglieder des Kongresses, die berühmten Richter des Obersten Gerichtshofs – die Nation im Ganzen. Das erweckt den Anschein, dass es wirklich so etwas wie »die Vereinigten Staaten« gibt, die manchmal in Konflikte und Querelen geraten, aber im Grunde eine Gemeinschaft von Menschen mit gemeinsamen Interessen sind. Als ob es wirklich ein »nationales Interesse« gäbe, das sich in der Verfassung, in Gebietserweiterungen, in den vom Kongress erlassenen Gesetzen, in Gerichtsurteilen, in der Entwicklung des Kapitalismus, der Erziehungskultur und in den Massenmedien wiederfindet.
»Geschichte ist die Erinnerung der Staaten«, schrieb Henry Kissinger in seinem ersten Buch, A World Restored, in dem er fortfuhr, die Geschichte Europas im 19. Jahrhundert aus der Perspektive der Herrscher von Österreich und England zu erzählen. Die Millionen, die unter der Politik dieser Staatsmänner gelitten haben, ignorierte er. Aus seinem Blickpunkt wurde der »Frieden«, den Europa vor der Französischen Revolution erlebte, durch die Diplomatie einiger weniger nationaler Führungspersönlichkeiten »wiederhergestellt«. Aber für Fabrikarbeiter in England, Bauern in Frankreich, People of Color in Asien und Afrika, alle Frauen und Kinder außerhalb der Oberschicht – für sie alle war es eine Welt der Eroberung, der Gewalt, des Hungers, der Ausbeutung. Keine wiederhergestellte, sondern eine zerrüttete Welt.
Meine Einstellung zur Darstellung der Geschichte der Vereinigten Staaten ist eine andere: dass wir die Erinnerung der Staaten nicht als unsere eigene hinnehmen dürfen. Nationen sind keine Gemeinschaften und waren es noch nie. Die Geschichte jedes Landes, die uns als Geschichte einer Familie präsentiert wird, verbirgt bittere Interessenkonflikte (die manchmal ausbrechen, meistens aber unterdrückt werden) zwischen Eroberern und Eroberten, Herren und Sklaven, Kapitalisten und Arbeitern, aufgrund von Herkunft oder Geschlecht Dominierten und Dominierenden. Und in einer solchen Welt der Konflikte, einer Welt von Opfern und Henkern, ist es, wie Albert Camus gesagt hat, die Aufgabe der denkenden Menschen, nicht auf der Seite der Henker zu stehen.
Angesichts der Unvermeidlichkeit, Partei zu ergreifen, die durch Auswahl und Schwerpunkt in der Geschichtsschreibung entsteht, ziehe ich es deshalb vor, zu versuchen, die Geschichte der Entdeckung Amerikas aus der Perspektive der Arawak zu erzählen, die der Verfassung vom Standpunkt der Sklaven aus, von Andrew Jackson aus der Sicht der Cherokee, vom Bürgerkrieg aus der Sicht der Iren von New York, vom Mexikanischen Krieg aus der Sicht der desertierenden Soldaten der schottischen Armee, vom Aufstieg der Industrialisierung aus der Sicht der Frauen in den Textilmanufakturen, vom spanisch-amerikanischen Krieg aus der Sicht der Kubaner, von der Eroberung der Philippinen aus der Sicht der Schwarzen Soldaten auf Luzon, vom Goldenen Zeitalter aus der Sicht der Farmer im Süden, vom Ersten Weltkrieg aus der Sicht von Sozialisten, vom Zweiten Weltkrieg aus der Sicht von Pazifisten, vom New Deal aus der Sicht der Schwarzen in Harlem, vom amerikanischen Nachkriegsimperium aus der Sicht der Landarbeiter in Lateinamerika. Und so weiter, so gut eben ein einzelner Mensch, so sehr er oder sie sich auch bemüht, Geschichte »aus der Sicht anderer« betrachten kann.
Es geht mir nicht darum, die Opfer zu betrauern und die Henker anzuklagen. Diese Tränen, diesen Ärger auf die Vergangenheit zu richten, hieße, die moralische Energie der Gegenwart zu verbrauchen. Und die Grenze ist nicht immer einfach zu ziehen. Auf lange Sicht ist auch der Unterdrücker ein Opfer. Kurzfristig (und bisher besteht die Geschichte der Menschheit nur aus Kurzfristigem) suchen sich die Opfer, verzweifelt und von der Kultur besudelt, die sie unterdrückt, ihre eigenen Opfer.
Dennoch, im Verständnis der Komplexitäten, ist dieses Buch skeptisch gegenüber Regierungen und ihrem Versuch, einfache Leute mithilfe von Politik und Kultur und unter Vorspiegelung eines gemeinsamen Interesses in einem gigantischen Netz des Nationalen einzuspannen. Ich werde versuchen, die Grausamkeiten nicht zu übersehen, welche die Opfer einander antun, während sie im Viehwaggon des Systems zusammengepfercht sind. Ich will sie nicht romantischer darstellen, als sie sind. Aber ich erinnere mich an einen Satz (sinngemäß wiedergegeben), den ich einmal gelesen habe: »Die Schreie des Armen sind nicht immer gerecht, aber wenn wir nicht auf sie hören, werden wir nie wissen, was Gerechtigkeit ist.«
Ich möchte keine Siege für Volksbewegungen erfinden. Aber die Annahme, Geschichtsschreibung bestehe einzig darin, die Misserfolge zu rekapitulieren, die die Geschichte prägen, macht Historiker zu Kollaborateuren in einem endlosen Kreis von Niederlagen. Wenn Geschichtsschreibung kreativ sein soll, wenn sie eine mögliche Zukunft vorwegnehmen soll, ohne die Vergangenheit zu verleugnen, dann sollte sie, meine ich, neue Möglichkeiten aufzeigen, indem sie die verschollenen Gelegenheiten aus der Vergangenheit aufdeckt, bei denen, wenn auch nur in einem kurzen Aufzucken, Menschen ihre Macht gezeigt haben, Widerstand zu leisten, sich zusammenzuschließen und gelegentlich sogar zu gewinnen. Ich nehme an, oder vielleicht hoffe ich es nur, dass unsere Zukunft eher in den flüchtigen Momenten des Mitgefühls in der Vergangenheit zu finden sein mag als in ihren beständigen Jahrhunderten des Krieges.
Das ist, so offen wie möglich gesagt, meine Herangehensweise an die Geschichte der Vereinigten Staaten. Der Leser sollte dies ruhig gleich zu Beginn wissen.
Was Kolumbus den Arawak auf den Bahamas antat, fügte Cortés den Azteken von Mexiko zu, Pizarro den Inkas in Peru und die englischen Siedler von Virginia und Massachusetts den Powhatan und den Pequot.
Die aztekische Zivilisation in Mexiko entstammt dem kulturellen Erbe der Maya, der Zapoteken und der Tolteken. Sie schuf enorme Konstruktionen mithilfe von Steinwerkzeugen und menschlicher Arbeitskraft und entwickelte ein Schriftsystem sowie eine Priesterschaft. Sie beging ebenfalls (das sollten wir nicht übersehen) rituelle Morde an Tausenden von Menschen als Opfer für die Götter. Doch die Grausamkeit der Azteken hatte eine gewisse Unschuld nicht ausgelöscht, und als die spanische Armada in Veracruz einlief und ein bärtiger weißer Mann an Land kam, mit fremdartigen Geschöpfen (Pferden), mit Eisen bekleidet, glaubten sie, dass er der legendäre aztekische Mensch-Gott war, der 300 Jahre zuvor mit dem Versprechen seiner Rückkehr gestorben war – der mysteriöse Quetzalcoatl. Und so hießen sie ihn mit großzügiger Gastfreundschaft willkommen.
Das war Hernando Cortés, der mit einer von Grundbesitzern und Kaufleuten finanzierten und von den Stellvertretern Gottes gesegneten Expedition aus Spanien gekommen war, mit einem einzigen, gekommen war, besessenen von einem einzigen Gedanken: das Gold zu finden. Montezuma, der König der Azteken, schien gewisse Zweifel zu hegen, ob Cortés tatsächlich Quetzalcoatl war. Er sandte zwar 100 Läufer zu Cortés, beladen mit enormen Schätzen, Objekten von fantastischer Schönheit, aus Gold und Silber gehämmert; aber gleichzeitig beschwor er ihn auch, wieder abzufahren. (Der Maler Dürer beschrieb später, was er direkt nach der Rückkehr dieser Expedition in Spanien gesehen hatte: eine Sonne aus Gold, einen Mond aus Silber, ein Vermögen wert.)
Cortés begann dann seinen Todesmarsch von Stadt zu Stadt. Er verwendete Lügen, hetzte Azteken gegen Azteken auf, tötete mit der Zielstrebigkeit, die mit einer Strategie einhergeht – den Willen der Bevölkerung durch einen plötzlichen, schrecklichen Tod zu lähmen. Auf diese Weise lud er in Cholula die Ältesten des Cholula-Volkes auf den Dorfplatz ein. Und sie kamen, gemeinsam mit Tausenden unbewaffneten Dienern. Cortés erwartete sie mit einer kleinen Armee von Spaniern, die mit Kanonen um den Platz herum postiert waren, beritten und mit Armbrüsten bewaffnet, und massakrierte sie alle, bis auf den letzten Mann. Dann plünderten sie die Stadt und zogen weiter. Am Ende ihrer Mordprozession waren sie in Mexiko-Stadt, Montezuma war tot, und die zerschmettere Zivilisation der Azteken war in spanischer Hand.
All dies geht aus den eigenen Berichten der Spanier hervor.
In Peru setzte Pizarro, jener andere spanische Conquistador, dieselbe Taktik ein, und aus demselben Grund: der Gier der frühkapitalistischen europäischen Staaten nach Gold, nach Sklaven, nach landwirtschaftlichen Erzeugnissen, um die Aktionäre und Anteilseigner an den Expeditionen auszuzahlen, um die erstarkenden monarchischen Bürokratien Westeuropas zu finanzieren und um das Wachstum der neuen Geldwirtschaften anzukurbeln, die aus dem Feudalismus entstanden; um ihren Anteil an dem zu sichern, was Karl Marx später die »ursprüngliche Akkumulation von Kapital« nennen sollte. Dies war der brutale Beginn eines komplexen Systems von Technologie, Wirtschaft, Politik und Kultur, das für die nächsten 500 Jahre die Welt beherrschen sollte.
In den nordamerikanischen englischen Kolonien setzte man früh Maßstäbe, so wie Kolumbus auf den Inseln der Bahamas. 1585, bevor es irgendeine ständige englische Siedlung in Virginia gab, landete Richard Grenville dort mit sieben Schiffen. Die dortigen Native Americans waren gastfreundlich, aber als einer von ihnen eine kleine Silbertasse stahl, plünderte und verbrannte Grenville das ganze Dorf.
Jamestown selbst wurde auf dem Territorium einer Konföderation von Native Americans gegründet, deren Anführer Powhatan war. Powhatan beobachtete, wie die Siedler sich auf dem Land seines Volkes niederließen, griff aber nicht an, sondern übte Zurückhaltung. Als die Engländer im Winter 1610 ihre »Hungerzeit« durchlitten, liefen einige zu den Native Americans über, wo sie zumindest zu essen hatten. Als der Sommer kam, sandte der Gouverneur der Kolonie einen Boten zu Powhatan mit der Aufforderung, die Ausreißer zurückzuschicken, worauf Powhatan, laut englischer Darstellung, mit »nichts als stolzen und verächtlichen Erwiderungen« antwortete. Daraufhin wurden einige Soldaten losgeschickt, um »Rache zu üben«. Sie überfielen eine Siedlung von Native Americans, töteten 15 oder 16 von ihnen, brannten die Häuser nieder, zerstörten den Mais, der um die Häuser herum wuchs, entführten die Königin des Stammes und ihre Kinder auf Boote, wo sie letztendlich die Kinder über Bord warfen und »ihnen im Wasser ihr Hirn wegpusteten«. Die Königin wurde später vom Schiff geholt und erstochen.
Zwölf Jahre später, beunruhigt über das stetige Wachsen der englischen Siedlungen, beschlossen die Native Americans offensichtlich, sie ein für alle Mal auszurotten. Und so gingen sie auf Raubzug und massakrierten dabei 347 Männer, Frauen und Kinder. Von da an herrschte Krieg.
Weder in der Lage, die Native Americans zu versklaven, noch fähig, mit ihnen zu leben, beschlossen die Engländer, sie auszumerzen. Edmund Morgan schreibt in seiner Geschichte des frühen Virginia, American Slavery, American Freedom:
Da die Indianer sich geschickter in den Wäldern bewegten als die Engländer und nahezu unmöglich aufzuspüren waren, war die Vorgehensweise die, friedliche Absichten vorzutäuschen, sie siedeln und Mais anbauen zu lassen, wo immer sie wollten, und dann, kurz vor der Ernte, über sie herzufallen, möglichst viele zu töten und den Mais niederzubrennen … Innerhalb von zwei bis drei Jahren dieses Massakers hatten die Engländer die Toten jenes Tages um ein Mehrfaches gerächt.
In jenem ersten Jahr des weißen Mannes in Virginia, 1607, hatte Powhatan einen Aufruf an John Smith gesandt, der sich als prophetisch herausstellen sollte. Wie authentisch er ist, mag in Zweifel stehen, aber er spiegelt so gut wieder, wie viele dieser Aussagen der Native Americans klangen, dass er, selbst wenn er nicht als grobe Wiedergabe jener ersten Bittschrift gelten kann, doch genau deren Tenor wiedergibt:
Zwei Generationen meines Volkes habe ich sterben sehen … Ich kenne den Unterschied zwischen Frieden und Krieg besser als jeder sonst in meinem Land. Ich bin nun schon alt und muss bald sterben; meine Macht wird an meine Brüder, Opitchapan, Opechancanough und Catatough übergehen, dann an meine beiden Schwestern und dann an meine beiden Töchter. Ich wünsche ihnen, dass sie ebenso viel wissen, wie ich weiß, und dass eure Liebe zu ihnen gleich groß sei wie meine zu euch. Warum nehmt ihr euch mit Gewalt, was ihr auf friedliche Weise aus Liebe heraus bekommen könntet? Warum vernichtet ihr uns, die wir euch mit Essen versorgen? Was könnt ihr durch Krieg gewinnen? Wir können unsere Vorräte verstecken und in die Wälder fliehen, dann werdet ihr für den Verrat an euern Freunden verhungern. Warum seid ihr neidisch auf uns? Wir sind unbewaffnet und bereit, euch zu geben, was ihr wollt, wenn ihr freundlich auftretet; wir sind nicht so dumm, dass wir nicht wüssten, dass es viel besser ist, gutes Fleisch zu essen, bequem zu schlafen, in Ruhe mit seinen Frauen und Kindern zu leben, mit den Engländern zu lachen und zu scherzen und mit ihnen Kupfer und Äxte einzutauschen, als vor ihnen zu flüchten und frierend in den Wäldern zu liegen, sich von Ahorn, Wurzeln und ähnlichem Mist zu ernähren und verfolgt zu werden, sodass man weder schlafen noch essen kann. In diesem Krieg müssen meine Männer Wache halten, und wenn ein Zweig knackt, schreien sie alle: »Kapitän Smith kommt!« So muss ich nun mein elendes Leben beenden. Packt eure Gewehre und Schwerter weg, die Ursache für eure Missgunst, oder ihr werdet alle auf dieselbe Art sterben.
Auch die Pilger betraten in Neuengland kein unbewohntes Land, sondern das Territorium von Stämmen von Native Americans. Der Gouverneur der Massachusetts Bay Colony, John Winthrop, erklärte als Ausrede für den Raub von Land von Native Americans die Gegend zum legalen »Vakuum«. Die Native Americans, sagte er, hätten sich das Land nicht »untertan« gemacht und hätten daher nur ein »natürliches« Anrecht darauf, kein »Bürgerrecht«. Ein »natürliches« Recht war nicht einklagbar.
Die Puritaner beriefen sich auch auf die Bibel, Psalm 2,8: »Fordre von mir, so gebe ich dir die Völker zum Erbe und dir zum Besitz die Enden der Erde.« Und um ihre Anwendung von Gewalt bei der Besitznahme des Landes zu rechtfertigen, zitierten sie den Römerbrief 13,2: »Wer sich also der Obrigkeit widersetzt, der lehnt sich damit gegen Gottes Ordnung auf; und die sich auflehnen, werden sich selbst ein Strafurteil zuziehen.«
Die Puritaner lebten in einem brüchigen Waffenstillstand mit den Pequot, die das heutige südliche Connecticut und Rhode Island bewohnten. Aber sie wollten sie aus dem Weg haben. Sie wollten ihr Land. Und sie wollten anscheinend auch ihre Herrschaft über alle Siedler von Connecticut in dieser Gegend durchsetzen. Der Mord an einem weißen Händler, Entführer von Native Americans und Störenfried bot im Jahr 1636 einen willkommenen Vorwand für Krieg gegen die Pequot.
Eine Strafexpedition zog von Boston los, um die Narragansett auf Block Island anzugreifen, die lose mit den Pequot verbunden waren. Gouverneur Winthrop schrieb:
Sie hatten den Auftrag, die Männer von Block Island zu töten, die Frauen und Kinder am Leben zu lassen und zu entführen und die Insel in Besitz zu nehmen; dann sollten sie zu den Pequot ziehen und die Herausgabe der Mörder von Kapitän Stone und anderen Engländern fordern, außerdem tausend Muschelketten als Schadensersatz etc. und einige ihrer Kinder als Geiseln; falls die Indianer dies verweigerten, sollten sie es sich mit Gewalt holen.
Die Engländer landeten und töteten ein paar Native Americans, aber der Rest floh in die dichten Wälder der Insel, und die Engländer zogen von einem menschenleeren Dorf zum nächsten und zerstörten die Ernte. Dann segelten sie zurück aufs Festland, überfielen Pequot-Dörfer entlang der Küste und zerstörten auch hier die Ernte. Einer der Offiziere dieser Expedition liefert in seinen Aufzeichnungen einen Eindruck von den Pequot, denen sie begegneten: »Die Indianer, die uns beobachtet hatten, kamen haufenweise am Wasser entlang angelaufen und riefen: Wie geht es euch, Engländer, wie geht es euch, wofür seid ihr hier? Sie erwarteten nicht, dass wir kamen, um Krieg zu führen, und blieben fröhlich …«
So begann der Krieg mit den Pequot. Es gab Massaker auf beiden Seiten. Die Engländer entwickelten eine Kriegstaktik, die schon zuvor von Cortés und später systematischer im 20. Jahrhundert angewandt wurde: gezielte Angriffe auf Zivilisten, um den Feind in Angst und Schrecken zu versetzen. Der Ethnohistoriker Francis Jennings interpretiert Kapitän John Masons Angriff auf ein Pequot-Dorf am Mystic River in der Nähe von Long Island Sound folgendermaßen:
Mason schlug vor, Angriffe auf Pequot-Krieger möglichst zu vermeiden; das hätte seine unerfahrenen und unzuverlässigen Truppen überfordert. Kämpfen war nicht sein eigentliches Ziel. Die Schlacht ist nur eine Möglichkeit, den Kampfwillen des Feindes zu zerstören. Massaker erreichen dasselbe mit geringerem Risiko, und Mason hatte sich für das Massaker entschieden.
Also zündeten die Engländer die Wigwams des Dorfes an. Aus ihren eigenen Berichten: »Der Kapitän sagte noch: Wir müssen sie verbrennen; und betrat sofort den Wigwam, … zog eine Fackel hervor, legte sie an die Matten an, die sie umhüllten, und setzte den Wigwam in Brand.« William Bradford beschreibt John Masons Überfall des Pequot-Dorfes in seiner zeitgenössischen History of the Plymouth Plantation:
Die den Flammen entkamen, wurden mit Schwertern erschlagen; einige hieb man in Stücke, anderen rammte man den Degen in den Bauch, sodass sie schnell versprengt waren und nur sehr wenige entkamen. Man schätzte, dass sie dieses Mal ungefähr 400 vernichtet hatten. Es war ein schrecklicher Anblick, sie im Feuer brennen und das Blut hervorquellen zu sehen, und der Gestank war fürchterlich, aber der Sieg erschien als ein süßes Opfer, und sie sandten ihre Gebete zu Gott, der so wundervoll für sie gewirkt hatte, indem er ihnen ihre Feinde derart in die Hände spielte und ihnen einen so schnellen Sieg über diesen stolzen und beleidigenden Feind gebracht hatte.
Wie Dr. Cotton Mather, puritanischer Theologe, es ausdrückte: »Man nahm an, dass nicht weniger als 600 Pequot-Seelen an diesem Tag in die Hölle hinab geschickt wurden.«
Der Krieg ging weiter. Stämme von Native Americans wurden gegeneinander ausgespielt und schafften es anscheinend nie, sich gegen die Engländer zu verbünden. Jennings fasst zusammen:
Der Terror war sehr real für die Indianer, aber sie begannen auch, über seine Grundlagen nachzudenken. Sie zogen drei Schlussfolgerungen aus dem Pequot-Krieg: (1) dass ein Engländer sein heiligstes Versprechen brechen würde, sobald seine Verpflichtungen mit seinem Vorteil in Konflikt geraten; (2) dass die Kriegsführung der Engländer keine Skrupel und keine Gnade kannte; und (3) dass indianische Waffen nahezu nutzlos waren gegen Waffen europäischer Bauart. Diese Lektionen prägten die Indianer sich gut ein.
Eine Fußnote in Virgil Vogels Buch This Country Was Ours (1972) lautet: »Die offizielle Zahl von Pequot in Connecticut beträgt derzeit 21 Personen.«
40 Jahre nach dem Pequot-Krieg kämpften Puritaner und Native Americans wieder. Dieses Mal waren es die Wampanoag, die an der Südküste der Massachusetts Bay wohnten, die im Weg waren und außerdem begonnen hatten, etwas von ihrem Land an Leute außerhalb der Massachusetts Bay Colony zu verkaufen. Ihr Häuptling, Massasoit, war tot. Sein Sohn Wamsutta war von Engländern ermordet worden, und Wamsuttas Bruder Metacom (den die Engländer später König Philip nannten), wurde Häuptling. Die Engländer fanden einen Vorwand, einen Mord, den sie Metacom vorwarfen, und begannen einen Eroberungskrieg gegen die Wampanoag, einen Krieg, um ihnen ihr Land wegzunehmen. Sie waren ganz klar die Aggressoren, behaupteten aber, präventiv anzugreifen. Wie Roger Williams, den Native Americans
