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Eine Geschichtenstunde ist ein Buch für Leser, die auf der Suche sind und vielleicht auch manchmal im Leben enttäuscht wurden. Die Geschichte handelt von Penelope, die von Beginn an mit Hindernissen zu kämpfen hatte, welche ihre Kindheit und die wilden Jahre begleiteten. Da war immer ein von der Mutter unabsichtlich schlecht geschnittener Haarschopf allgegenwärtig und schon deshalb trocknete das Pflänzchen jugendlichen Selbstvertrauens dahin. Nun ja, keine Kindheit ohne Schaden! Einfach weiter machen, das ist ihr Motto und so lebt Penelope ihr Leben und funktioniert so einigermaßen in der Welt. Da ist ein Studium, an dem gescheitert wird, aber auch ein Lebensgefährte der gefällt und diese kompromisslose ausdauernde Suche. Bei dieser Fahndung, ihr Leben zu verwirklichen, hat unsere Heldin keineswegs nur ungefährliche Situationen zu meistern. Da wird schon mal ein Mann mit abgestorbenen Beinen nicht in das Hospital, sondern nach Südindien in einen Ashram transportiert. Manchmal verhelfen Visionen zu ersten Fundstücken, wie der gehenkte Sklave. Ist das die Erfahrung eines früheren Lebensendes oder doch nur die verwirrte Einbildung einer verzweifelten Suchenden? Egal, die Protagonistin vertraut auf das vielleicht auch nur Eingebildete und erkennt schon bald, dass sie es nur wagen muss, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen und ihr Leben einfach zu gestalten. Aber was hilft denn die beste Einsicht, wenn man nicht weiß, wie man diese ins Leben umsetzen soll? Also ab in ein neues Studium, jobben - typisch - bei einer Operation den Nahtod kennenlernen; in einem Vorstellungsgespräch kläglich scheitern und Visionen von Propheten haben oder waren letztere doch nur Einbildungen? Mit diesen Erfahrungen in ihrer eigenen, alles andere als bodenständigen Welt kommt Penelope vorwärts. Sie führt immer mehr ein vergeistigtes Leben und plötzlich gelingt es ihr auch, ihr Leben zu vervollkommnen....
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Seitenzahl: 209
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Wer frei von Hass ist gegen alle Wesen, sich freundlich zeigt und gütig gegen alle, wer frei ist vom selbstsüchtigen Ego und frei von Habgier, wer ausgeglichenen Geistes bleibt in Freud und Leid, wer stets vergeben kann und stets zufrieden ist.
Wer regelmäßig Yoga (Gebet) übt und sich um Kenntnis seines SELBST bemüht, damit er mit dem Geist verschmelzen kann, wer die Welt nicht stört und wen die Welt nicht stören kann, wer frei von Überschwang und Eifersucht, von Argwohn ist, wer frei von weltlichen Wünschen ist, wer rein ist an Geist und Körper, wer stets zur Tätigkeit bereit ist.
Wer jedem eigennützigen, selbstsüchtigen Wunsch entsagt, wer sich ruhig und gelassen verhält gegenüber Freund und Feind, bei Bewunderung und Beleidigung, bei Hitze und Kälte, bei Lust und Leid.
Wer keine Bindungen mehr hat, wem Lob und Tadel nichts bedeuten, wer ruhig bleibt und leicht zufrieden ist, von friedlicher Gesinnung und voller Andacht ist,
der ist Mein Jünger und Mir (Gott) lieb.
Die Bhagavad-Gita
Paramahansa Yogananda
Geburt und Kindheit
Die wilden Jahre
Die Plantage
Der Heilige
Die Einsicht
Der Himmel
Die Hölle
Die Erinnerung
Das richtige Gebet
Das Studium
Der Prophet
Die Visionen
Die aufgehenden Sonnen
Die Reise
Der Helm
Epilog
Ich wurde am ersten Jänner geboren. Die Jahreszahl kann ich leider nicht bekannt geben, da ich einmal gelesen habe, dass Damen ihr Alter nicht verraten sollen. Nur eines ist klar, ich erblickte definitiv im letzten Jahrhundert das Licht der Welt.
Nun, soll ich angeblich ein hässliches Baby gewesen sein. Wann immer mein Babydasein in meiner Familie zur Sprache kam, posaunte meine ältere Schwester Valerie heraus: „Du warst so weiß und eine blaue Nase hast du auch noch gehabt!“
Ich weiß nicht, ob das stimmt, denn ich konnte mich ja damals noch nicht im Spiegel betrachten, aber ich glaube, irgendwie hatte ich es nicht ganz geschafft, normal im Schoss meiner Mutter zu liegen; sondern ganz verdreht und verknautscht war meine Position. Als ich dann geboren wurde, war da eben eine blaue Nase, die soll aber nicht der eigentliche Grund gewesen sein, dass sich die Hoffnungen meiner Eltern in Luft aufgelöst hatten. Ich war nämlich der dritte Babyversuch und wieder einmal wurde es nur ein Mädchen. Ja, ja ein strammer Junge hätte ich werden sollen, mit dem Namen Philipp und da es halt nicht anders ging und mir eine Kleinigkeit fehlte, entschieden sich meine Eltern für den Namen Penelope. Zum Glück hatten sie sich dazu entschlossen, denn dieser Name gefällt mir noch heute und ziemlich selten ist er auch.
Ich wurde älter, aber leider nicht hübscher. Als Kleinkind war ich noch immer ziemlich unansehnlich. Zuerst bekam ich ein ganzes Jahr lang keine Haare und als die endlich wuchsen, schnitt mir Mama die Locken immer wieder ab. Meine Mutter liebte es, uns die Haare zu schneiden und eigentlich verschandelte sie uns damit nur noch mehr. Wir Kinder schrieen und wehrten uns, aber Mama wollte nicht locker lassen. Mit der Schere war sie uns durch den ganzen Garten nachgelaufen. Es wurde viel geweint, aber trotz allem, die Haare mussten ab. Mama schnitt uns die Stirnfransen radikal kurz, ich glaube, sie hatten nicht einmal mehr die Länge von einem Zentimeter. Sie war eben eine praktische Frau, denn wenn die Stirnfransen höchst kurz geschnitten waren, dann musste sie die Haare nicht so oft kürzen, denn schließlich bestehe ja das Leben aus wichtigeren Dingen als Haare schneiden, so lautete ihre Begründung. Nun gut, durch diese Behandlung brauchte es natürlich ein halbes Jahr bis man wieder von Stirnfransen reden konnte.
Seht meine Freunde, das war also mein Schicksal. Ich musste mit einem unmöglichen Haarschnitt herumlaufen und dazu kam noch zu meinem Leidwesen, dass ich damals ziemlich starke Brillen trug, sehr mager war und die Zähne wollten auch nicht so recht wachsen. Aufgrund dieser Zustände konnte man nicht wirklich erkennen, dass es sich bei mir um ein hübsches Mädchen handelte. Ganz im Gegenteil, meine Verwandtschaft war leicht entsetzt, wenn sie mir ins Gesicht guckten.
Ja, ich muss schon sagen, da gab es Tanten in meiner Familie, die hatten richtiges Mitleid mit mir, weil ich so furchtbar aussah. Sie hofften inständig, dass sich das alles noch auswachsen würde. Natürlich hörte ich diese Sätze am Mittagstisch und weil ich auch eine leicht beschränkte Auffassungsgabe hatte, bekam ich gar nicht so recht mit, dass eigentlich von mir die Rede war.
Mit sechs Jahren erkannte ich endlich, dass etwas mit meinem Äußeren nicht stimmte. „Ah ha“, dachte ich mir, „die Lösung liegt ganz sicher bei meinen Haaren!“ Also wollte ich unbedingt lange Haare haben und weil mir Mama diese immer abgeschnitten hatte, ließ ich mir etwas Besonderes einfallen. Am Spielplatz setzte ich mir von meiner Mutter drei paar Seidenstrümpfe auf, die ich zu langen Zöpfen zusammenflocht und so schwang ich auf der Schaukel hin und her. Dabei wehte mein nylon-langes Haar im Wind. Es war ein herrliches Gefühl, endlich lange Haare zu haben. Die anderen Kinder und deren Mütter guckten zwar ein bisschen seltsam, aber das war mir in diesem Augenblick egal, mir machte dieser Irrsinn Spaß.
Was war nun das Ergebnis von all diesen Haarschnitt-Behandlungen?
Ich betrachtete mich mit der Zeit als geschädigt, verlor enorm viel Selbstvertrauen und wurde in der Schule verhaut, weil ich so unansehnlich war, vor allem mit meiner von Mama neu geschnittenen Frisur. Wie auch immer, ich habe überlebt und vieles dazu gelernt. Zum Beispiel, dass man sich über das Aussehen anderer Menschen niemals lustig machen sollte und Demut eine gute Tugend ist.
In der Schule war ich eine mittelmäßige Schülerin. Ich empfand meine Lehrer, bis auf ein paar Ausnahmen, irgendwie lieblos und oft konnte ich spüren, dass ich ihnen nichts bedeutete. Zu dieser Art von Pädagogen gehörte auch meine Volksschullehrerin. Frau Immerkrise war schon eine ältere Dame, bei der es nichts zu lachen gab. Überaus streng war ihr Auftreten. Ihre auffällig toupierten Haare umrahmten ihre sachliche Miene. Auf der breiten Nase trug sie eine zu große, aber höchstwahrscheinlich zur damaligen Zeit moderne Brille, die ihre blaugrauen Augen noch größer erscheinen ließen. Irgendwie erinnerte sie mich an eine Eule, aber diese Vögel waren im Vergleich zu dieser Dame sicher harmlos, wie ich mit der Zeit erfahren durfte. Noch heute kann ich in trüber Erinnerung nachempfinden, wie mich Fr. Immerkrise einmal misshandelte. Mama hatte meine Haare am Hinterkopf doch zu lange wachsen lassen und so konnte mich diese Lehrerin in der Kirche bei der Probe zur Erstkommunion heftig an den Haaren reißen. Ich habe bei dieser Generalprobe nicht gestört, nicht geflüstert oder Nase gebohrt. Eigentlich stand ich nur ganz ruhig da und machte trotz allem einen verheerenden Fehler.
Wir Kinder sollten in einer Zweierreihe vor dem Priester stehen, der uns eine nicht geweihte Hostie verabreichte. Nachdem ich die kleine Oblate schon eingenommen hatte, war meine Nachbarin dran. Ich wurde darauf trainiert auf sie zu warten, bis sie ihr Plätzchen zum Schlucken bekam. Dann erst sollten wir uns gleichsamen Schrittes wenden und uns hinten in der Reihe wieder anstellen. Die Zweierreihe der Kinder wäre dann in der Mitte und meine Partnerin und ich würden jeweils links oder rechts zurückschreiten. Diese ganze Inszenierung hatte also die Aufgabe, unseren Auftritt in einer gewissen Ordnung erscheinen zu lassen. Damit war diese Planung des richtigen Schreitens und Herumstehens, das eigentliche Ziel dieser Übung.
Nun was kann ich dazu sagen. Heute leuchtet mir dieses Anliegen ein. Damals aber hatte ich irgendwie dieses Anstellsystem nicht ganz durchschaut. Ich wollte einfach so schnell wie möglich von diesem großen Mann weg, denn eigentlich hatte dieser Priester mich schon früher einmal an den Ohren gezogen und das hatte weh getan. Bei einer kurzen Unterhaltung im Kindergarten raunzte er mir auch einmal zu, dass Hermes, unser Schäferhund, nicht in den Himmel kommen würde, weil Tiere keine Seele hätten. Ich erstarrte, als ich diese für mich unbegreifliche Feststellung hörte, denn Hermes war von Jägern erschossen worden und ich konnte nicht verstehen, warum ausgerechnet dieses süße Familienmitglied, das mich immer nur beschützt hatte, nicht in den Himmel kommen darf. Hermes war doch nur unterwegs, um sich ein Weibchen zu finden und daher war er unschuldig.
Wie auch immer, zurück zum Priester, der die Himmelspforten für die Tiere nicht öffnen wollte. Ich wusste damals schon, dass er nicht die Wahrheit sprach, denn ich war davon überzeugt, dass alle Geschöpfe zu Gott zurückkehren. Erstens haben auch sie eine Seele, denn schließlich verfügen sie über eine persönliche Wesensart, die sie von ihren Artgenossen unterscheidet und zweitens kommen sie auch von Gott, da er ja auch der Ursprung allen Lebens ist. Daher war ich schon im Kindergarten zuversichtlich, dass der Herr dieses Universums für alle Lebewesen ein himmlisches Plätzchen eingerichtet hatte. Na ja, auf alle Fälle wollte ich nicht vor diesem großen Priester zu Stehen kommen und da habe mich gleich hinten wieder ruhig angestellt.
Fr. Immerkrise bestrafte mich. Sie erhob sich von der Sitzbank in der Kirche, schrie, sodass es die Hälfte auch getan hätte und riss mich ziemlich heftig an den Haaren. Der Priester schwieg und guckte. Ich jedoch biss die Zähne zusammen, denn ich wollte nicht weinen und hielt meine Tränen zurück. Es war wirklich eine sehr peinliche Situation und alle anderen Kinder haben es natürlich gesehen.
Ja, und was unternahm der liebe Gott in diesem Augenblick? Der war leider nicht zuhause, wie ich feststellen musste, denn er eilte mir keineswegs zur Hilfe. So blieb ich verängstigt zurück und spürte das erste Mal eine große Angst in mir.
Gut, das war nun die Probe zur Erstkommunion und ich musste nicht lange warten, als der große Tag angebrochen war, bei dem ich meine erste geweihte Hostie bekam. Noch heute kann ich mich erinnern, dass wir von Fr. Immerkrise natürlich mit eiserner Miene beobachtetet wurden.
Nun, meine Freunde, unter diesem Blick hatte ich meinen großen Auftritt. Was glaubt ihr? Habe ich es geschafft, es richtig zu machen? Habe ich das System durchschaut und auf meine Freundin gewartet?
Nein! Ich lief regelrecht davon und meine Lehrerin saß direkt in der ersten Reihe und beobachtete mich mit einem versteinerten Gesicht. Ja, ja mir war so richtig übel, die ganze Messe hindurch hatte ich Angst und dabei sollte die Erstkommunion ein ganz besonderer Tag für ein Christenkind sein.
Die Jahre gingen dahin. Ich wurde älter und auch ein bisschen hübscher. Ich ging freiwillig in ein Internat, das von Klosterschwestern geleitetet wurde, da meine Eltern berufstätig waren. Es war eine herausfordernde Zeit.
Wir durften wegen Wassermangel nicht täglich duschen. Es war uns auch nicht gestattet, alleine auszugehen.
Um frische Luft schnappen zu können, war es uns genehmigt, mit der gesamten Mädchengruppe in einer Zweierreihe spazieren zu gehen, selbstverständlich unter der Aufsicht von Klosterschwestern.
Zum Essen gab es keine Nachspeisen, zu wenig Gemüse, statt dessen Speisen wie Blutwurst. Furchtbar! Heute bin ich Gott sei Dank Vegetarier. Einmal im Monat durften wir Fernsehen. Die Sendung hieß „Aktenzeichen XY“, in der Schwerverbrecher gesucht wurden. Damit wollte man uns Mädchen demonstrieren, wie schlecht die Welt sei und vor allem natürlich die Männer. Mir war das alles einerlei.
Am Abend mussten wir manchmal singen, vorwiegend langweilige Kirchenlieder, die wir auf der Stiege für einen Auftritt in der Kirche probten. Es wurde auf Latein gesungen und es war eine sehr ermüdende Sache. Ich störte diese Probe nicht. Ich verhielt mich ganz ruhig, stand nur ganz still im Schlafrock da und sang nicht mit, weil ich einfach zu müde zum Singen war. Mein ruhiges, eintöniges Dastehen reizte aber scheinbar meine Erzieherin. Sie schrie los und beschimpfte mich. Also ging ich mich nach dem Gesang entschuldigen.
Bis heute weiß ich nicht, was ich falsch gemacht hatte. Mir kam diese Zeit nur sehr verdreht vor. Ich sah wie junge Mädchen von unseren geistlichen Erzieherinnen beschimpft und gekränkt wurden. Ich hörte, wie man ihnen sagte, dass sie verkommen und schlecht seien. Die so gezüchtigten Mädchen weinten dann halbe Nächte lang und oft wurde den Eltern nahe gelegt, ihre Töchter aus dem Internat zu entfernen.
In dieser Zeit lernte ich, mich in meine innere Oase zurückzuziehen und einfach nur zu funktionieren. Die Internatswelt war eigentlich kalt, unpersönlich und das praktizierte Christentum ließ alle Wünsche offen. Ich hatte damals die Empfindung, dass Gott entweder immer nur alles verschlief oder wieder einmal auf Urlaub war. Es war mir damals noch nicht bewusst, dass ich ihn eines Tages als meinen besten Freund erkennen würde, der mich schon immer von Anfang an durch mein Leben begleitet hatte, aber dazu später. Eines wusste ich als Kind ganz sicher, dass seine Vertreter hier auf Erden oft ungerecht handelten und dies so nicht richtig sein konnte.
Trotz allem gibt es auch Gutes zu berichten. Beispielsweise mein Firmungsunterricht. Der war eigentlich spannend, denn da würde ich ja vorbereitet werden, damit der Heilige Geist endlich über mich kommen konnte. Ich dachte mir damals schon: „Na endlich, dann geht es ja auch in der Schule besser weiter; Zeit wird’s, ich muss meine Noten verbessern.“
Nun ja, ich ging also brav zum Firmungsunterricht und hoffte auf den Heiligen Geist. Meine Eltern hatten die glorreiche Idee, mich im weit entfernten Stephansdom firmen zu lassen. Ich bin eigentlich aus Niederösterreich und keine Wienerin, aber egal der Stephansdom ist ein großartiger Dom.
Noch heute ist es mir in Erinnerung, dass ich fix und fertig angezogen war. Ich hatte ein steirisches Kostüm an, mit einer weißen Bluse. Meine kurz geschnittenen Haare waren gekämmt, ich war geduscht und meine Brillen waren geputzt. So stand ich also im Schlafzimmer meiner Eltern unter dem Glasluster und entdeckte auf der Kommode die Einladung zur heiligen Firmungsmesse. Da stand auch die genaue Uhrzeit halb elf, dann würde es also losgehen. Nun war es neun Uhr und folgende Szenen spielten sich vor meinen Augen ab. Ich sagte meinen Eltern, dass es in eineinhalb Stunden losgehen würde und wir schon längst im Auto sitzen sollten. Meine Eltern glaubten mir nicht. Sie meinten, ich würde mich verschauen und so eilten sie rasch zu der Einladung und erstarrten.
Meine Mama hatte noch ihre Lockenwickler im feuchten Haar und Papa fing zu schimpfen an, da Mama immer viel zu lange brauchen würde. Er sei schon längst fertig und überhaupt sei Mama Schuld an dieser Misere. Mama wiederum suchte auch nach einem Schuldigen, der dafür verantwortlich gemacht hätte werden können, dass sich auf mysteriöse Weise der Beginn der Messe geändert hatte.
Von da an wurde das Tempo erhöht. Mamas Locken wollten nicht werden. Ihre Haare waren nass und sie war auch noch gar nicht ausreichend geschminkt.
Papa kramte in seinem Jackett herum und rief Onkel Emil in Wien an, ob man denn nicht eine spätere Messe noch in Betracht ziehen könnte.
Wie auch immer, einiges kam jetzt in Bewegung. Während noch immer ein Schuldiger gesucht wurde, föhnte sich meine Mama schleunigst die Haare, während Papa seinen besonderen Mercedes aus der Garage fuhr und natürlich streng nach Mama hupte. Ich hingegen stieg ein und machte mir ein bisschen Sorgen, ob ich heute noch den Heiligen Geist erreichen würde. Endlich kam Mama elegant gekleidet mit vorwurfsvollem Blick aus dem Haus und stieg in das Gefährt ein. Sie könne nichts dafür, aber keiner außer ihr sei daran interessiert, das Haus abzusperren. Alles würde immer nur an ihr hängen bleiben. Nun ja meine Freunde, von da an ging die Post ab, denn Papa gab Gas. Auf der Westautobahn brausten wir mit 180 Sachen unserer schönen Hauptstadt Wien entgegen. Es war ein Samstag, die Straßen waren frei, als wir eine Motorradgang mit erheblich vielen Ledersachen überholten.
Ich dachte mir damals: „Juchhe, wir sind die Schnellsten, ist ja echt cool!“ Mama meinte zu Papa, er solle nicht so irrsinnig fahren und außerdem könne er sich hin und wieder auch um familiäre Termine kümmern. Papa wurde es zu bunt und daraufhin gab er noch mehr Gas. Der Mercedes 450 S-Klasse flog mit 210 km/h dahin. Die Vierlitermaschine gab ihr Bestes und ich dachte mir: „Großartig wie Papa fährt, ja ich erreiche heute doch noch den Heiligen Geist!“
In Wien angekommen, erklärte uns Onkel Emil, dass es zum Glück noch die Möglichkeit gebe, einen Firmungsplatz in der zweiten Messe um zwölf Uhr zu bekommen. Nun ja, von da entspannten sich alle und man hatte noch Zeit für eine Tasse Tee.
Pünktlich wurde ich endlich in ein blumengeschmücktes Taxi gesetzt, denn Onkel Emil verkaufte Blumen und so war es gar nicht verwunderlich, dass ich mit einem blumenduftenden Taxi in Wien unterwegs war, so ähnlich wie es Brautpaare betreiben. Tante Greti, meine liebe Firmpatin, elegant gekleidet und die Ruhe selbst, war zuversichtlich, dass wir es zur Messe schaffen würden und so fuhren wir in aller Besinnlichkeit hübsch geschmückt in die Innenstadt zum Stephansdom.
Meine Eltern kamen nicht mit. Sie blieben bei Onkel Emil, da sie von der anstrengenden Zureise doch ein bisschen mitgenommen waren und außerdem glaube ich, waren sie nicht wirklich davon überzeugt, dass der Heilige Geist über mich kommen würde. Nun ja, wenn sie gewusst hätten, mit welchen Mitteln und vor allem mit welchem Nachdruck ich den Heiligen Geist anrufen würde, dann hätten sie sich dieses Schauspiel ganz sicher nicht entgehen lassen.
Angekommen beim Stephansdom, betraten meine Tante und ich das Wahrzeichen Wiens und stellten uns auf die linke Seite. Der gesamte Gang des Doms war voller Teenager. Auf der linken Seite die Mädchen, auf der rechten die Jungs. Hinter den Firmlingen standen die Firmpaten, die ihre rechte Hand auf die Schulter ihres Firmlings legten. So stand ich also in dieser Reihe mit Tante Greti. Mir fiel auf, dass das Herumstehen ziemlich lange dauerte und es im Dom sehr heiß war. Ich bemerkte, dass immer wieder junge Priester, schwarz gekleidet den Gang auf und abschritten, um Firmlinge aufzufangen, die von der Hitze ohnmächtig wurden.
Da sind tatsächlich auch Buben zusammengebrochen. Diese wurden dann aufgesammelt und hinausgetragen oder wenn sie noch bei Bewusstsein waren, hinausgeschleift. Die Messe hatte noch nicht begonnen, aber bei all diesen ganzen Zusammenbrüchen, die da um mich stattfanden, entschloss ich mich, dass mir jetzt auch schlecht werden würde.
Also machte ich einen Schritt nach vorne. Plötzlich sausten zwei junge Priester auf mich zu, packten mich jeweils links und rechts unter dem Arm. Sie hoben mich beim Gehen so stark in die Höhe, dass ich den Boden unter meinen Füßen kaum spürte. Tante Greti ganz aufgeregt und nicht wissend, was jetzt geschehen würde, folgte dieser Prozession.
Ich befand mich plötzlich in einem kühlen Nebenraum, wurde auf ein Bett gesetzt und bekam Kekse mit Tee verabreicht. Eigentlich war ich dort recht glücklich, da ich nicht in der Reihe stehen musste. Tante Greti war besorgt, aber ich beruhigte sie, denn irgendwie war ich mir jetzt doch nicht mehr sicher, ob mir wirklich übel im Magen gewesen war. Vielleicht hatte ich mir das Ganze auch nur eingebildet.
Auf alle Fälle hatte währenddessen die Messe begonnen. Im Dom selbst ging es so richtig los. Da wurde gesungen, es gab ganz viel Weihrauch und immer wieder wurde vom Heiligen Geist gesprochen. Plötzlich stand ein Priester vor uns und fragte, ob wir jetzt für die Firmung bereit seien oder ob wir sie später einmal nachholen möchten. Natürlich entschloss ich mich, sofort mitzumachen und so stand ich auf, damit ich endlich den Heiligen Geist empfangen würde. Tante Greti und ich gingen in den Dom. Wir stellten uns auf den alten Platz und erwarteten den Bischof. Es wurde gleichzeitig gefirmt. Auf der einen Seite die Mädchen und auf der anderen Seite die Jungs.
Da plötzlich konnte ich den schon in die Jahre gekommenen, ernsten Bischof mit seinem Anhang von Priestern erblicken, der von Kind zu Kind schritt und den Gottessegen vollzog. So weit so gut, ich muss schon sagen, ich habe mich bemüht wirklich aufzupassen. Bei den Mädchen, die vor mir dran waren, habe ich ganz fest geguckt, damit ich es auch so machen würde. Der Bischof sprach auf Latein einen Segen, da wurde Wasser versprengt, ein Kreuz von den jungen Priestern gehalten, es waren etwa fünf, die dem Bischof die wichtigsten Utensilien reichten. Nun, an und für sich wäre es ja gar nicht so schwierig gewesen. Ich hätte ja nur „Amen“ sagen sollen, aber bei mir lief es ein bisschen anders.
Als der Bischof vor mir stand, begleitet von seinem Gefolge, sprach er auf Latein seinen Segen. Bis dahin war noch alles in Ordnung. Dann wurde ich mit Wasser bespritzt und der Bischof machte plötzlich eine auffordernde Handbewegung in meine Richtung. Er hielt mir also irgendwie die Hand entgegen.
Das war mein Zeichen! Ich packte ziemlich zuversichtlich seine Hand und schüttelte sie, als wäre ich ein Geschäftsmann, der sein bestes Geschäft in seinem Leben abgeschlossen hatte. Der Bischof reagierte, er versuchte mir seine Hand zu entziehen, aber ich ließ nicht locker. Ich hielt seine Hand so fest, dass es ihm nicht möglich war, sie los zu bekommen. Ohne Ende schüttelte ich weiter, bis er endlich mit einem hochroten Kopf, Amen zischte.
Die jungen Priester hinter dem Bischof bebten am ganzen Körper. Sie durften nicht loslachen, aber ich sah, dass sie schwer kämpften. Jetzt endlich verstand ich. Ich hätte eigentlich nur „Amen“ sagen sollen. Ich piepste also erschrocken ein langgedehntes: „Amen“. Der Bischof schüttelte den Kopf, sah mich verärgert an und zog weiter zum nächsten Kind.
Nun ja, da war ich ziemlich verdattert. Irgendwie fühlte ich mich gar nicht wohl, denn Entsetzen machte sich in mir breit. Wie konnte mir nur diese Peinlichkeit passieren?
So wie die anderen Mädels empfing ich den Heiligen Geist mit Lateingemurmel und Wasser spritzen. Die Einlage mit dem Händeschütteln war von mir jedoch eine unbeabsichtigte Draufgabe und ich hoffte inständig, dass mir der Heilige Geist dieses Hoppala nachsehen würde. Eigenartig war es für mich schon ein bisschen, dass ich gar keinen Unterschied zu meinem noch nicht gefirmten Zustand wahrnehmen konnte. Eigentlich fühlte ich mich noch genauso wie bei der vorhin stattgefundenen Autofahrt, nämlich leicht durchgeschüttelt und benommen. Wie auch immer, anschließend ging es zurück zu Onkel Emils Haus mit dem Blumentaxi und ich war glücklich, die Firmung überstanden zu haben.
Zurück im Internat verging die Zeit nach den gewohnten Gegebenheiten. Es kam der Sommer, der auch schnell wieder dahin ging und der bunte Herbst klopfte an die Tür. In diesem Jahr, in dem ich meine Firmung erhielt, bescherte mir das Leben noch eine traurige Erfahrung, die sich zu einer regelrechten Herausforderung entpuppte.
Es war in der Adventzeit, eigentlich zwei Tage vor Weihnachten, als uns Tante Greti besuchte. Irgendwie kam meine Mama und Tante Greti, auf meinen Großvater zu sprechen. Mein Opa war verstorben und meine Tante weinte in der Küche, wo Mama versuchte, sie zu trösten.
Ich saß mit meinem Papa im Wohnzimmer und bekam plötzlich ein eigenartiges Gefühl, das ich bereits von früher her kannte, als ich noch ein kleines Volksschulkind war. Schon während meiner Volksschulzeit hatte ich immer eine Art Vorahnung, dass eines Tages etwas Schlimmes in meiner Familie zu Weihnachten geschehen würde. Nun saß ich im Teenageralter vor meinem Vater und plötzlich wusste ich, dass diese besondere von mir gefürchtete Weihnachtszeit angebrochen war, denn ich hatte auf einmal die Gewissheit, dass mein Papa bald sterben würde.
Also sagte ich zu ihm: „Papa, du wirst auch bald sterben.“ Dabei wurde mein Herz ganz schwer. Ich fing zu weinen an und wusste, dass ich die Wahrheit sprach. Mein Vater sah mich an und lächelte. Er erwiderte: „Nein, ich lebe bestimmt noch zehn Jahre.“ „Nein Papa, es wird bald sein!“, widersprach ich, und schüttelte meinen Kopf. In diesem Augenblick kam meine Mama aus der Küche. Sie fragte, was da los sei, weil wir beide so traurig wirkten. Als sie hörte, was ich gesagt hatte, meinte sie, dass dies Unsinn sei und wir nicht mehr über das Sterben reden sollten.
Am selben Abend ging ich in mein Zimmer und schrieb meine Vorahnung in mein Tagebuch. Ich wollte alles Gesagte festhalten. Zwei Tage später nach unserem Gespräch feierte meine Familie den Heiligen Abend. Mein Papa rauchte wie immer seine Zigaretten und jeder vergaß dieses eigenartige Gespräch.
Nun am ersten Januar feiere ich meinen Geburtstag und ein Tag davor, am 31. Dezember mittags, starb mein Vater. Er hatte am 30. Dezember am Abend eine Gehirnblutung und wurde noch schnell in das Krankenhaus nach Linz gebracht, wo die Ärzte in derselben Nacht eine Notoperation durchführten. Am nächsten Tag bekam mein Papa eine weitere Gehirnblutung und da zerriss sein Lebensfaden. Die Schäden des geplatzten Aneurysma waren einfach zu groß, um ihn retten zu können. Es waren zehn Tage zwischen unserem Gespräch und seinem Tod vergangen. Ich konnte es nicht glauben, dass ich mit meiner Vorahnung Recht behalten hatte und es war mir nicht möglich gewesen, etwas für ihn zu tun.
Mein Papa war ein lieber Vater, denn ich konnte eine Menge schlechter Noten nach Hause bringen und er schimpfte nicht einmal mit mir. Er war sehr großzügig und darüber hinaus hatte er auch viel Charme. Die Menschen mochten ihn, und das zu beobachten, gefiel mir als Teenager außerordentlich gut.
Wenn ein Polizist Papa aufgehalten hatte, weil er wieder einmal zu schnell gefahren war, dann hatte mein Vater immer eine ganz besondere Art, mit den Polizisten zu sprechen. Es gelang ihm jedes Mal, keine Strafe zu erhalten, die bezahlt hätte werden müssen. Irgendwie hatte er die Begabung, Menschen für sich zu gewinnen. Also, das fand ich schon beeindruckend und im Grunde wollte ich auch so werden wie er.
