11,99 €
Bergsteigen ist so vielfältig wie die Berge, die bestiegen werden – durch glatten Fels, auf luftigen Pfaden, im Firn oder steilen Eis. Heute ist Bergsteigen ein Massensport, bis weit ins 18. Jahrhundert hinein aber mieden die Menschen das Hochgebirge. Malte Roeper ist ein ausgewiesener Kenner der Geschichte des Alpinismus. Er erzählt von den Anfängen, als wohlhabende Städter mit einheimischen Führern die höchsten Alpengipfel eroberten. Er schildert die ersten erfolgreichen Expeditionen auf Achttausender und beschreibt, wie die Freikletterrevolution der 1970er-Jahre ein Leitbild schuf, das noch die heutige Generation von Alpinisten prägt.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 204
Veröffentlichungsjahr: 2021
Malte Roeper
Malte Roeper
Von der Erstbesteigung des Mont Blanc zum Free Solo am El Capitan
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.
Für Fragen und Anregungen
Wichtiger Hinweis
Ausschließlich zum Zweck der besseren Lesbarkeit wurde auf eine durchgängige genderspezifische Schreibweise sowie eine Mehrfachbezeichnung verzichtet. Alle personenbezogenen Bezeichnungen sind somit geschlechtsneutral zu verstehen.
1. Auflage 2021
© 2021 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Türkenstraße 89
80799 München
Tel.: 089 651285-0
Fax: 089 652096
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Redaktion: Frank Martin Siefarth (DiE WORTSTATT)
Umschlaggestaltung: Isabella Dorsch
Umschlagabbildung: Shutterstock.com/Artem Musaev
Layout und Satz: Röser MEDIA, Karlsruhe
Druck: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN Print 978-3-7423-1605-9
ISBN E-Book (PDF) 978-3-7453-1287-4
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-1288-1
Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter
www.rivaverlag.de
Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de
Vorwort
Exkurs Frauenbergsteigen oder bergsteigende Frauen?
1. Anfänge und geführte Abenteuer
2. Führerlose und sportliche Regeln
3. Arbeiterbergsteiger, heroische Phase
4. Achttausender und die Eisenzeit
5. Mammutexpeditionen und die Ära Messner
6. Freikletterrevolution, Teil 1: Neue Perspektiven
7. Freikletterrevolution, Teil 2: Neue Dimensionen
8. Zurück zum Abenteuer
9. Professionalisierung und neue Höchstleistungen
Ausblick
Danksagung
Quellenverzeichnis
Zum Autor
Bergsteigen in all seinen Disziplinen erlebt einen Zulauf, der alle Beteiligten noch immer verblüfft, ja überwältigt. Mehr Aktive als je zuvor schwärmen aus zum Klettern, Bouldern, Wandern, zu Skitouren, Expeditionen und, und, und. All dies wäre nicht denkbar ohne die moderne und sich als immer bedrohlicher erweisende Industriegesellschaft. Erst der Überfluss schuf den Übermut, den Überdruss sowie die ebenso zwingend notwendige freie Zeit. Das sind die Zutaten.
Bergsteigen war der erste Outdoorsport im modernen Verständnis überhaupt. Vorher existierten nur zwei Aktivitäten unter freiem Himmel, die in der Motivationslage im weitesten Sinne vergleichbar waren: erstens die Jagd, die bereits frühzeitig nicht nur Nahrungserwerb war, sondern für Adlige auch Vergnügen und Zeitvertreib. Zweitens dürfte es frühe Formen von Wettkampf oder reinem Vergnügen auch beim Segeln und Schwimmen gegeben haben. Solch sportlicher Wettbewerb war aber lange Zeit nicht vorstellbar ohne die Verknüpfung mit einem unmittelbaren Nutzen. Bei der Jagd lag dieser Nutzen auf der Hand bzw. im Topf, und die Gewässer wiederum waren schon immer sowohl Nahrungsquelle als auch Verkehrsweg zugleich, folglich bot ihre Beherrschung, boten Fähigkeiten im Wasser oder am Segel einen konkreten Vorteil.
Auf Berge steigen dagegen war ein vollkommen neues Konzept, etwas Vergleichbares hatte es nie zuvor gegeben: anstrengend, gefährlich und zudem von vornherein ohne jeden unmittelbaren konkreten Nutzen. In dieser Nutzlosigkeit liegen Sinn und Poesie des Bergsteigens. Oben angekommen, muss man auch schon wieder hinunter, und nichts bleibt als das Erlebnis, die Erinnerung, die gelebte Gemeinschaft mit denen, die dabei waren. Bergsteigen ist also eine eigentlich dekadente und zugleich romantische, lebensbejahende Antwort auf die Lebensumstände einer Industriegesellschaft, die all das zwar erst ermöglicht, die aber auch vollkommen außer Kontrolle geraten ist. Während der digital beschleunigte Turbokapitalismus den Planeten zermalmt und wir alle nach einer Rolle suchen, um unserer Verantwortung gerecht zu werden, ist die alpine Suche nach der blauen Blume zumindest insofern ein halbwegs konstruktiver Eskapismus, als wir hier das Nutzlose zelebrieren.
Niemand hat das je schöner formuliert als der zu früh verstorbene französische Kletterstar Patrick Edlinger: »Diese ganze Gesellschaft ist ausgelegt auf Effektivität. Ich für meinen Teil will nicht effektiv sein.« Noch kürzer auf den Punkt brachte es Anderl Heckmair, legendärer Erstbesteiger der Eiger-Nordwand: »Das einzige, worauf es beim Bergsteigen ankommt, ist das Erlebnis.«
Mich selbst hat Bergsteigen entscheidend geprägt und geformt; dass ich gegen alle statistische Wahrscheinlichkeit von Schleswig-Holstein aus 1973 von meinen Eltern zu einer Jugendgruppe des Alpenvereins geschickt wurde und mit großen Augen in ein Umfeld stolperte, aus dem ich als Bergsteiger hervorging, empfinde ich als den größten Glücksfall meines Lebens. Insofern bin ich, das sei vorausgeschickt, parteiisch. Die Arbeit an diesem Buch hat mir jedoch die Augen für Aspekte geöffnet, die mir vorher zwar natürlich bekannt waren, aber deren Ausmaß ich bisher nicht erfasst hatte: etwa, wie viele der großen Namen tatsächlich am Berg ums Leben gekommen sind. In meinen Augen war das extreme Bergsteigen im absoluten Grenzbereich schon immer eine Angelegenheit für ein bestimmtes Lebensalter, etwas für die jungen, ungebunden Krieger und Kriegerinnen. Sobald eine/r Verantwortung für andere trägt, sollte man/frau es vernünftigerweise ein wenig zurückschrauben. Im Frühling 2020 nun drehte ich im Auftrag des Deutschen Alpenvereins am Zugspitzmassiv ein Winterbiwak mit Nachwuchsbergsteigern. Junge Burschen, einer netter als der andere, alle voller Träume, Hoffnungen, Tatendurst. Ein Vierteljahr später war einer von ihnen tot, abgestürzt auf einer privaten Tour, niemand war schuld, aber tot bleibt tot.
Was wir am Berg erleben – beispielsweise auch bei jenem Dreh –, ist so intensiv, unvergleichlich und großartig, dass es das Risiko immer wieder wert scheint, aber: Wenn einer stirbt, klingt dieses Argument plötzlich schal, albern, selbstgerecht. Dies bleibt das große Dilemma, in dem der aktive Bergsteiger, vor allem der extreme Bergsteiger lebt.
Das Beglückende, Bereichernde, Stärkende der Erlebnisse am Berg freilich bleibt den Todesfällen zum Trotz Tatsache und Wirklichkeit. Wie sehr und wie universell das gilt und wirkt und funktioniert, auch das wurde mir während der Arbeit klar, wenn auch eher zufällig durch den Film Black Ice, Teil der »Reel Rock 15«, die 2020 wegen Corona nicht durch Europa tourte, sondern gestreamt wurde: In Memphis, einer der gefährlichsten Städte der USA, macht die Non-Profit-Kletterhalle »Memphis Rox« Furore als Sozialprojekt und Treffpunkt der vorwiegend farbigen Jugendlichen. Als Alpinlegende Conrad Anker die Leute von »Memphis Rox« zum Eisklettern nach Montana einlädt und die jungen farbigen Südstaatler zum ersten Mal einen echten Winter erleben und sich mit senkrechtem Eis auseinandersetzen, verfolgt der Zuschauer ein Zusammenwachsen der Gruppe und ein emotionales Wachstum der Einzelnen, dass man heulen möchte, weil es so großartig ist. Eben diese Aspekte des Bergsteigens – und das dürfen wir nicht vergessen – greifen aber auch, wenn die Menschen aus weniger problematischem Hintergrund kommen als Memphis; dabei gewinnt der Wert der Gemeinschaft in einer Zeit der digitalen Vereinsamung für alle Menschen immens an Bedeutung.
Allerdings war durch alle Epochen hindurch das Treiben dort draußen niemals eine separate Welt für sich, sondern immer unmittelbarer Ausdruck der jeweiligen Verhältnisse und Strömungen innerhalb der Gesellschaften. Sendungsbewusstsein und Imperialismus des späten 19. Jahrhunderts finden in der alpinen Geschichte genauso ihren Ausdruck wie die technikgläubige Ära nach dem Zweiten Weltkrieg, die Flower-Power-Kultur der späten 60er- und der große Umbruch der 70er-Jahre ebenso wie das Ich-Ich-Ich! der jüngsten Vergangenheit. Insofern ist die Geschichte des Bergsteigens auch Teil einer aufregenden Geistesgeschichte jener Länder mit alpiner Tradition. Dies zu zeigen und dabei mit kritischer Distanz zu einzelnen Personen und Aspekten das Bergsteigen zu preisen, ist Ziel dieses Buchs.
Malte Roeper
Traunstein, im Winter 2020/21
In vielen sportlichen Disziplinen sind Männer leistungsfähiger als Frauen, deswegen existieren sinnvollerweise getrennte Wertungen: Männer treten gegen Männer an, Frauen messen sich mit Frauen. Es gibt Frauenfußball, es gibt Frauenhandball, aber kein Frauenbergsteigen in diesem Sinne, sondern einfach bergsteigende Frauen – weil es keine getrennte Wertung gab und es sie bis heute nicht gibt. Zum einen war Alpinismus sehr lange wirklich eine Männerdomäne, es war ja fast die ganze Welt eine Männerdomäne. Der andere Teil der Ursache ist eigentlich positiv: Es existierte und existiert eben keine wirklich offizielle Wertung. Ausgenommen bei Kletterwettkämpfen gibt es beim Bergsteigen keine offiziellen Spielfelder und -regeln, keine Schiedsrichter, es gibt nur die Fachpresse. So etwas wie ein sportliches Regelwerk ergibt sich vielleicht aus definierten Leistungen wie etwa »rotpunkt«. Aber es gibt keine Verbote und Vorschriften: Sie, liebe Leserin, lieber Leser, könnten in diesem Moment Ihre Sachen packen, nach Grindelwald fahren (vorausgesetzt, die Corona-Beschränkungen lassen das zu) und solo in eine neue Route in der Eiger-Nordwand einsteigen, die einmal quer von links nach rechts durch die Wand führt. Sie dürfen das, jeder darf das. Ob Sie das wollen oder können, ist eine andere Frage. Eine vergleichbare Freiheit finden Sie in keiner konventionellen Sportart dieser Welt.
In diesem anarchischen Durcheinander fielen und fallen nur die spektakulärsten Leistungen auf, was zur Folge hat, dass viele von Frauen erbrachte Großtaten untergingen. Paradebeispiel ist die fantastische Paula Wiesinger, geboren 1907 in Bozen. Mit ihrem späteren Mann, dem Münchner Paul Steger, eröffnete sie 1929 die Direkte Ostwand der Rosengartenspitze, 600 Meter hoch und im unteren sechsten Schwierigkeitsgrad. Damals verdammt sportlich, ist die Steger heute einer der beliebtesten Anstiege in diesem Grad in der Rosengartengruppe. Die Tradition mit den Routennamen ist aber folgende: Nach EINEM der Erstbegeher heißt eine Tour, wenn der alles vorgestiegen ist oder deutlich bekannter ist, so die meisten Erstbegehungen von Starbergsteigern wie Riccardo Cassin, Hermann Buhl oder Walter Bonatti. Bei zwei gleichberechtigten Bergsteigern heißt die Route nach BEIDEN, etwa die Solleder-Lettenbauer an der Civetta. Paula Wiesinger kletterte mit Paul Steger immer in Wechselführung, Steger-Wiesinger wäre also der richtige Routenname. Aber es gibt eben kein Gremium, welches den Namen verfügt, solche Routennamen bürgern sich im Lauf der Zeit ein. Vielleicht war es keine Diskriminierung, sondern schlicht Unwissen, da jahrzehntelang die meisten Frauen am Berg tatsächlich hinterhergestiegen sind. Vielleicht wollten die Männer Wiesingers Leistung auch nicht wahrhaben und ignorierten sie vorsätzlich, denkbar wäre auch das.
Aber die ohne Vater aufgewachsene Wiesinger war viel zu selbstbewusst, um mit dem Lautsprecher durch Südtirol zu laufen und zu rufen: »Ich bin die Frau, die vorsteigt!« Anders als etwa Leni Riefenstahl, die sich stets als unerschrockene Amazone inszenierte, sich aber von Wiesinger doubeln ließ, wenn es bei Dreharbeiten am Berg Ernst wurde. Wiesinger kletterte weitere Neutouren, gewann fünfzehn italienische Ski-Meisterschaften, 1932 den Weltmeistertitel in der Abfahrt. Bei einem Rennen, bei dem Frauen nicht zugelassen waren, startete sie als Mann verkleidet (wurde allerdings erwischt). Das Hotel »Steger-Dellai«, das sie mit ihrem Mann auf der Seiseralm gründete, existiert noch heute.
Im August 2011 erreichten vier Menschen keuchend den höchsten Punkt des K2, das Sammeln von Achttausendern war zu diesem Zeitpunkt schon lange nichts Neues mehr. Als Erster hatte bekanntlich Reinhold Messner alle vierzehn zusammen, nun waren drei von den vier Personen auf dem K2 schon Nr. 25, 26 und 27. Und diese Besteigung sollte deswegen bemerkenswert sein, weil hier mit Gerlinde Kaltenbrunner die dritte Frau auf ihrem vierzehnten Achttausender stand, sie das aber als erste Frau ohne künstlichen Sauerstoff geschafft hatte? Die zwei anderen, die mit ihr den Gipfel erreicht und nun ebenfalls alle vierzehn bestiegen hatten, hatten dies ja ebenfalls ohne künstlichen Sauerstoff bewältigt, waren aber Männer. Was ist noch wichtig daran, wenn einer Frau gelingt, was Männer schon lange können? Wir haben uns ja erfreulicherweise nicht nur an die Vorstellung gewöhnt, dass Männer nicht mehr alles besser können, sondern eben auch längst an die Praxis, den Alltag.
Dass und wie Gerlinde Kaltenbrunner im August 2011 den K2 bestieg, war am Ende deswegen eine wichtige Geschichte, weil jetzt eine so großartige Botschafterin des Bergsteigens endgültig weltbekannt wurde. Als Kind wollte sie bei Skirennen nicht gegen ihre Freundinnen antreten, weil sie das Konkurrenzdenken so verabscheute. Und auch auf Expedition lebte die zierliche Krankenschwester aus Oberösterreich den Teamgedanken und trat für die anderen so ausdauernd die Spur, dass man sie »Cinderella Caterpillar« nannte. So etwas zählt, so etwas bleibt.
Ohne die grandiosen Leistungen von Bergsteigerinnen wie Lynn Hill oder Catherine Destivelle wäre diese kleine Geschichte des Bergsteigens ohnehin unvollständig und unvorstellbar. Die alpine Geschichte aber umzudeuten, umzuschreiben und weil es dem Zeitgeist entspräche mehr weibliche Besteigungen einzubauen, das würde am Ende auf eine Betrachtungsweise hinauslaufen, die in meinen Augen die wirklich frauenfeindliche wäre: »Tolle Leistung ... also für eine Frau.«
Lange Zeit war es aber wirklich so, dass viele (der ohnehin wenigen) Frauen am Fels im Schlepptau von Ehemann, Freund, Lebensgefährte liefen. Dieses traditionelle Pärchenklettern hatte dann oft etwas von Missionarsstellung: er oben, sie unten – er stieg voraus, sie stand unten beim Sichern. »Genau das hat sich in den letzten Jahren extrem geändert«, beobachtet Ines Papert, neben immer mehr Bergführerinnen Deutschlands einzige reguläre Profibergsteigerin, »dass ER vorsteigt, SIE sichert und er ihr dann Griff für Griff die Route erklärt, das siehst du heute nicht mehr so oft. Heute gehen Frauen mehr mit Frauen klettern, und wenn sie mit einem Mann gehen, dann als Partnerin, auf Augenhöhe. Vor zwanzig Jahren war ich am Fels immer die Exotin, eben die Frau. Jetzt bin ich einfach die Ines. Den jüngeren Frauen geht es aber ziemlich ähnlich. Weil sie viel selbstbewusster an die Sache rangehen.«
So stand das 2000 aus der Taufe gehobene, jeweils über drei Jahre laufende Förderprogramm des Deutschen Alpenvereins für die besten deutschen Nachwuchsbergsteiger den Frauen zwar selbstverständlich offen, doch nur die wenigsten trauten sich an das Sichtungscamp für diesen »Expeditionskader« heran. Die wenigen Bewerberinnen, die es riskierten, wurden von den Prüfern meist schweren Herzens abgelehnt – die männlichen Kollegen waren einfach besser. Irgendwann ging den Verantwortlichen ein Licht auf: Galten nicht in sämtlichen anderen Sportarten getrennte Wertungen für Männer und Frauen – Leichtathletik, Kampfsport, Mannschaftssport? Und auch im Wettkampfklettern? Also rief man schließlich den »Expeditionskader Frauen« ins Leben. Die Teilnehmerinnen berichten übereinstimmend, wie sie in einem rein weiblichen Umfeld mehr Selbstvertrauen entwickelten. Fast zwei Drittel absolvieren anschließend die Ausbildung zur staatlich geprüften Berg- und Skiführerin und haben, wenn sie wollen, schnell mehr Arbeit als die männlichen Kollegen.
Was am Bergsteigen auch immer als typisch männlich galt, es ist letztlich das einsame Fokussieren auf ein Projekt, das am Ende ja niemanden interessiert außer einem selbst. Alles Geld zusammenkratzen und das Auto verkaufen für eine Expedition an einen Berg, dessen Namen niemand kennt, oder die oft Jahre dauernden Versuche an kurzen Sportkletterrouten. Frauen haben da selten so viel Zeit und Nerven investiert wie die Männer – weniger Frustrationstoleranz, könnte man sagen, ebenso gut: weniger verbissen. Die französische Profikletterin Melissa Le Nevé etwa investierte sechs Jahre (!) Training und Versuche in fünfzehn Metern Fels im fränkischen Jura, hängte ihre Wettkampfkarriere an den Nagel, es war ihr alles wurscht, sie wollte diese Route: Action Directe9a. 1991 war es die schwerste der Welt, heute lange nicht mehr. Heute klettern – wenn auch wenige – andere Frauen bereits die Schwierigkeitsgrade 9a+ und 9b, aber gerade, dass Le Nevé so lange probiert, so viel investiert, so viel Enttäuschung riskiert hat, bis es 2019 endlich gelang, gerade das zählt und inspiriert eigentlich noch mehr als andere weibliche High-End-Leistungen der letzten Jahre.
Im Dezember 2020 gelang der Tirolerin Angela Eiter mit ihrer MadameChing 9b ein besonderes Highlight. Es ist die erste Route in diesem Grad, die eine Frau erstbegangen hat – und da die aktuell allerschwerste Tour der Welt mit 9c nur einen Buchstaben auf der für die ganz harten Wege üblichen französischen Skala schwieriger ist, sind die Frauen näher dran an den Männern als je zuvor. Es ist der Höhepunkt einer seit Jahren offensichtlichen Tendenz: Männer mögen in punkto Körperkraft Vorteile haben, beim Klettern geht es aber zuallererst nicht um die absolute Kraft wie etwa beim Kugelstoßen, sondern um die relative, also das Verhältnis von Kraft zu Körpergewicht wie etwa beim Hochsprung. Und bezüglich Technik und der für die maximalen Schwierigkeiten am Ende entscheidenden mentalen Fähigkeiten ist kein Vorteil für Männer zu erkennen.
Vielleicht das schönste Beispiel für die ebenso unprätentiöse wie unheroische Herangehensweise der jungen Generation ist die 2001 geborene New Yorkerin Ashima Hiraishi, ein Wunderkind, das mit zarten fünfzehn Jahren einen der härtesten Boulder des Planeten knackte und dann ganz selbstverständlich unter ihrem Pony strahlte: »My dream is to become the best climber in the world« – von female climber war da gar nicht mehr die Rede – wozu auch?
Die Geschichte des Bergsteigens ist die Summe der Handlungen von Einzelnen, die inspiriert und motiviert wurden durch das, was sie lasen, hörten, sahen. Bis in jüngster Zeit sah das meistens so aus, dass Männer anderen Männern nacheiferten, das ist im Großen und Ganzen der rote Faden in der Geschichte des Bergsteigens. Aber das muss und wird nicht so bleiben, Frauen holen gewaltig auf. Und wären sie in der einst tatsächlich so männerdominierten Bergwelt nicht auch bei den Männern willkommen (was sie sind): Es wäre ihnen wurscht, und das ist gut so.
Die erste große, das Bergsteigen begründende Tat, die Besteigung des Montblanc, unternahm man von französischem Boden aus, was kein Zufall war. Zum einen liegt die einfachste Seite des Berges nun einmal in Frankreich, von Italien aus ist der Aufstieg deutlich schwieriger. Und dieser höchste Berg gab dem Vorhaben ja seine Logik: Warum sonst hätte man hinaufsteigen sollen, wenn es nicht der höchste gewesen wäre? Der Arzt und Wissenschaftler Michel Paccard wollte dort oben wissenschaftliche Experimente durchführen, die Höhe erforschen und gleichsam diesen höchsten Punkt Europas den Gedanken der Aufklärung unterwerfen – so, wie man später Kreuze auf Gipfel montierte, um diese dem Christentum zu widmen.
Inspiriert von dem Naturforscher Horace Bénédict de Saussure, der zudem eine Belohnung auf die Besteigung des Montblanc ausgesetzt hatte, suchte sich Paccard in dem einheimischen Kristallsucher Jaques Balmat einen ortskundigen Führer. Und wie später noch so häufig, lagen die größten Schwierigkeiten, die es zu bewältigen galt, nicht irgendwo im Gelände, sondern im Kopf.
Unbedingt, so die Vorstellung, müsse man am selben Tag von einer sicheren Unterkunft hinauf und wieder herunter. Weil man auf dem Gletscher nicht übernachten könne, das würde den Tod bedeuten oder sonst etwas Gruseliges – wegen der Geister! Aufklärung gut und schön, aber vielleicht galt die ja dort oben nicht? Nach dem Motto: Wir wissen zwar, dass es keine Geister gibt, aber wissen die Geister das auch? Bei einem Versuch verirrte sich Balmat, überstand eine kalte Nacht auf dem Gletscher, und der Bann war gebrochen. Kleine Ursache, große Wirkung: Nun waren sie frei im Kopf für den Aufstieg.
Noch im selben Sommer stand Balmat mit Paccard, der ja auch die ganze Unternehmung finanzierte, auf dem höchsten Punkt der Alpen, 4807 Meter über dem Meer. Paccard unternahm brav seine Messungen – Temperatur, Wind, Luftdruck –, sie hissten einen Wimpel, mission accomplished. Dann ging es wieder hinunter ins Tal.
Wenn wir wie im Vorwort definieren, dass Bergsteigen ein in sich als nutzlos anerkannter Selbstzweck ist, würde dieser Startschuss am Montblanc eigentlich nicht dazugehören. Paccards Ziel waren ja seine Messungen und vielleicht auch Anerkennung und Belohnung von de Saussure. Aber, lieber Monsieur Paccard, falls Sie das im Himmel lesen (was ja am Ende auch nicht ausgeschlossen ist): Hand aufs Herz, waren die Messungen nicht doch ein bisschen auch ein Vorwand, um dieses Abenteuer zu rechtfertigen? Und dieses Gefühl, als erste dort oben zu stehen und hinterher davon erzählen zu können?
Die Leistung der Montblanc-Erstbesteiger war in jedem Fall die von wahren Pionieren: Sie hatten diesen Berg bestiegen, ohne sich auf Erfahrungen anderer verlassen zu können. Allein schon deshalb muss man eben doch sagen: Tusch!, die Geschichte des Bergsteigens hatte begonnen.
Und dass diese Geschichte eben auf französischem Boden ihren Anfang nahm, lag keineswegs nur daran, dass von hier der Aufstieg leichter ist als von Süden, also Italien. Frankreich war das Zentrum der Aufklärung, das aufgeschlossenste Land Europas. In Frankreich formulierte Ideen hatten auf der anderen Seite des Atlantiks in Nordamerika jenen ungeheuren Vorgang ermöglicht, sich vom König loszusagen. Obwohl doch immer alles den Königen gehörte – das Land, die Steuern, die Jungfrauen, die Soldaten! Drei Jahre nach der Erstbesteigung des Montblanc setzte die Französische Revolution diese Idee fort, sie setzte den König ab, welch ein atemberaubender Gedanke. Und deklarierte die allgemeinen Menschenrechte. Rechte, für alle Menschen gleich! Eine Idee, die leicht mehr Schwindelfreiheit erfordern mochte als die wenig steilen, endlosen Schneehänge oben am Montblanc.
Jede Erstbesteigung und überhaupt jede Besteigung beginnt nicht mit dem ersten Schritt, sondern zuallererst mit der Vorstellung, dass sie überhaupt möglich ist. Dieser Aspekt wird uns noch oft begegnen, und für ihn ist das Abenteuer von Jaques Balmat und Michel Paccard mitsamt dem Biwak am Gletscher ein ausgezeichnetes Beispiel.
Die anderen Gipfel der Alpen sollten nun bitteschön sämtlich machbar sein, dachte man, schließlich waren sie alle niedriger. Bis man sich an die nächsten heranwagte, dauerte es allerdings vierzehn Jahre. Damals hat aber auch noch niemand vom Gipfel sein Selfie getwittert, es gab kein Radio, kaum Zeitungen, noch nicht einmal die Fotografie. Natürlich sprach sich die Sache mit dem Montblanc herum, aber die ganz große Story war es damals nicht, dafür war es zu schwer vorstellbar und vor allem – genau: zu nutzlos.
Im Jahr 1800 folgte der Großglockner, höchste Erhebung im damals noch erheblich größeren Österreich. Wieder lieferte also die Höhe den Vorwand. Fürstbischof Franz II. Xaver von Salm-Reifferscheidt – der Name ist so lang wie die Geröllhalden am Fuße des Berges – hatte befohlen, den Berg doch bitteschön, nun ja, irgendwie zu erledigen. Man errichtete in der Nähe der heutigen Salmhütte einen Stützpunkt, der immerhin dreißig Menschen Platz bot. Am Ende umfasste die Mannschaft der erfolgreichen Erstbesteigung sage und schreibe zweiundsechzig Personen. Die Bergführer, die vorausgingen, wurden namentlich gar nicht erfasst, wir ignorieren hier daher zum Ausgleich die Namen der offiziellen Erstbesteiger. Bergsteigen war das aber ohnehin nur bedingt, hier wurde ein markanter geographischer Punkt dem Reich einverleibt, fertig. Interessant aber ist trotzdem einer, der hier dabei war, der sechsundzwanzigjährige Theologiestudent Valentin Stanič.
Er war kein Adliger, der vor Langeweile nicht wusste, wie er den Tag herumbringen soll, sondern stammte von einem Bauernhof in Kärnten. Aber ihm gefiel es in den Bergen so gut, dass er wenige Tage später mit nur fünf Begleitern aufbrach, um den Watzmann zu besteigen. Ohne Auftrag, einfach so. Und weil seine Begleiter dann irgendwo am Grat besorgt bis ratlos stehenblieben, stieg er allein weiter: »Diesen sicher noch von keinem menschlichen Fuße betretenen Spiz entschloss ich mich zu ersteigen. Siegesgewohnt wollte ich auch dieses stolze Horn entkränzen …« Und weil ihm das alles so viel Freude machte, ging er kurz darauf auch noch auf den Hohen Göll. Gleich ganz allein, wieder ohne Auftrag, einfach so.
Zwar hatte er ein paar Geräte dabei, führte pflichtschuldig ein paar Messungen durch, aber der eigentliche Grund, warum er da hinaufstieg, blieb das Erlebnis. Das war radikal neu und die eigentliche Geburtsstunde des Bergsteigens, wie wir es heute begreifen. Stanič bestieg noch ein paar kleinere Gipfel, wurde Priester und schließlich Domherr in Friaul, wo er die Pockenimpfung einführte. Wie groß seine Freiheit des Denkens war, ermessen wir auch daran, dass hier ein Bürger Österreichs im bayerischen Ausland seinem Vergnügen nachgeht. Und dass die Höhe des Gipfels nebensächlich ist, denn dass der höchste Berg Bayerns die Zugspitze ist, das wusste man schon.
1804 organisierte der Botaniker Johannes Nepomuk Gebhard nach bekanntem Muster, nämlich im Auftrag des Erzherzogs Johann von Österreich, die Erstbesteigung des Ortlers, die nach mehreren gescheiterten Versuchen schließlich dem einheimischen Jäger Josef Pichler gelang. Im Jahr darauf gelangte Gebhard unter Führung Pichlers dann auch selbst zum höchsten Punkt. Dass es in den folgenden Jahrzehnten mit dem Bergsteigen nur langsam voranging, hing genau wie der Anfang am Montblanc mit Frankreich zusammen, genau genommen mit den Kriegen Napoleons. In Kriegszeiten hat man eben andere Sorgen.
1820 endlich kam die Zugspitze an die Reihe, auch sie im offiziellen Auftrag. Das »Königlich Bairische Topographische Bureau« wollte den Gipfel vermessen haben für sein großes Projekt, den Atlas von Bayern. Leutnant Josef Naus, in Österreich geboren, war betraut mit der Kartierung des Werdenfelser Landes, in dem Deutschlands höchste Erhebung liegt. Dass er eine so zeitaufwendige und gefährliche Unternehmung wie die Besteigung der Zugspitze auf eigene Faust unternommen hätte, ist unwahrscheinlich. Wir dürfen also auch hier von einer Auftragsarbeit ausgehen.
Zunächst stellte sich ihm dasselbe Problem wie allen anderen alpinen Erschließern auch: Schon die Wege hinauf bis in die Regionen, wo es für sie spannend wurde, waren weder ausgebaut noch markiert oder gar beschildert. Es gab zwar Hirtensteige, die folgen aber einer anderen Logik: Sie führen dorthin, wo es Gras gibt und nicht auf Gipfel oder Übergänge. Und Hütten mit Schnitzel, Bier und Pommes gab es natürlich auch noch nicht. Wenn man das bedenkt, ging Naus die Sache verdammt sportlich an, nämlich mit nur zwei Begleitern, seinem Bergführer Johann Georg Tauschl und seinem Vermessungsgehilfen, von dem absurderweise nur der Nachname überliefert ist, der dann auch noch Maier lautet. Da steht man als jemand von den ganz hinteren Bankreihen bei der Erstbesteigung des höchsten Berges der Heimat mal ganz vorn, und dann können die Nachfahren dich nicht einmal zuordnen, weil die Herren von der Obrigkeit damals eben nur »Maier« notiert haben.
