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Eine Nacht in Kreuzberg ist ein erzählerisch aufgebautes Sachbuch, das reale Polizeieinsätze mit praxisorientierten Lektionen zum professionellen Umgang mit körperlicher Gewalt verbindet. Unter dem Untertitel Von der Abwendung und Anwendung von körperlicher Gewalt führt das Buch durch eine intensive Schicht im urbanen Streifendienst, ergänzt durch prägnante Rückblenden, die Erfahrungen aus fast drei Jahrzehnten operativer Polizeiarbeit reflektieren. Als Teil der Reihe unleashed richtet sich das Buch an Einsatzkräfte, Auszubildende, Trainer sowie an Leserinnen und Leser mit Interesse an klarer Entscheidungsfindung, taktischer Kommunikation und mentaler Einsatzvorbereitung sowie an tiefe Einblick in die echte Polizeiarbeit.
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Seitenzahl: 158
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Diese Reihe widmet sich der Aufgabe, die Handlungsfähigkeit von Polizeidienstkräften auf allen Ebenen, im wahrsten Sinne des Wortes ‚unleashed‘ - zu entfesseln. Ziel ist es, die Persönlichkeiten der Polizeidienstkräfte zu entwickeln und sie so zu stärken, dass sie ihre beruflichen Herausforderungen souverän, sicher und mit innerer Klarheit meistern können. Die Buchreihe beleuchtet zentrale Themen des Polizeialltags wie asymmetrische Kommunikation, sichere und effektive Einsatzfahrten, den professionellen Umgang mit körperlichen Einsätzen, eine geschärfte Wahrnehmung sowie die Steigerung der Berufszufriedenheit.
Ein besonderer Fokus liegt auf der spezifischen Dynamik zwischen Polizei und Bürger sowie auf den Handlungsmöglichkeiten, die selbst in den kürzesten Interaktionen, wie sie häufiger Bestandteil des operativen Polizeidienstes sind, bestehen.
Sascha Boden-Bogdán, Polizeihauptkommissar, Buchautor, Personal Coach und Experte für asymmetrische Kommunikation, vereint in dieser Reihe praxisnahe Einsichten aus über 28 Jahren Einsatzerfahrung in Duisburg, Essen, Bonn und Berlin-Kreuzberg mit modernen Konzepten der Persönlichkeitsentwicklung. Das Ergebnis ist ein einzigartiger Werkzeugkasten für echte Handlungsfähigkeit – fundiert, direkt und aus der Praxis für die Praxis.
Die Unleashed-Reihe unterstützt Polizeidienstkräfte dabei, ihre Fähigkeiten, ihre Haltung und ihr Potenzial voll zu entfalten – für eine starke Persönlichkeit und einen effektiven Dienstalltag.
Sascha Boden-Bogdán
Eine Nacht in Kreuzberg
- unleash your ultimate fighter -
Von der Abwehr und Anwendung körperlicher Gewalt
Polizeidienstkräfte in Standard- und herausragenden Einsatzsituationen
Für alle Kinder, deren Eltern im operativen Dienst arbeiten.
Vorwort
Einleitung
Kapitel 1 – Dienstantritt
Kapitel 2 – Massenpanik
Kapitel 3 – Der Hulk
Kapitel 4 – Plötzliche Eskalation
Kapitel 5 – Der Atem hinter dem Abzug
Kapitel 6 – Tödliche Hemmungen
Kapitel 7 – Der situative Zugriff
Kapitel 8 – Mann mit Todeswunsch
Kapitel 9 – Trigger für roten Alarm
Kapitel 10 – Solidarisierungseffekte
Kapitel 11 – Zugriff im Team
Kapitel 12 – Skorpione im Kopf
Kapitel 13 – Schwarzer Alarm
Warum ein Buch voller Geschichten – und kein Sachbuch über Einsatzverhalten?
Ganz einfach: Weil keine Theorie der Welt dich schützt, wenn es wirklich zählt. Ich wollte ein Werk schaffen, das berührt und gleichzeitig schärft – ein Buch, in dem sich Polizistinnen und Polizisten wiedererkennen. Es soll zeigen, was Einsätze auf der Straße wirklich bedeuten: nicht nur Taktik, Technik und Training, sondern Klarheit, Haltung und Entschlossenheit – selbst dann, wenn es unübersichtlich, laut und gefährlich wird.
Diese Geschichte und ihre Rückblenden basieren auf realen Erlebnissen aus fast drei Jahrzehnten im operativen Polizeidienst. Sie holen die Leser nah an die Einsätze heran, lassen sie mitfühlen, mitdenken – und mitlernen. Denn jede Szene, jeder Dialog, jede Entscheidung enthält eine Lektion, die im Ernstfall den Unterschied machen kann.
Die Arbeit auf dem Einsatzwagen ist oft ein Drahtseilakt: zwischen zu viel Nähe und notwendiger Distanz, zwischen innerer Ruhe und äußerer Bedrohung, zwischen Abwarten und Handeln. Wer diesen Beruf lange und gesund ausüben will, braucht mehr als nur Ausbildung. Er braucht Entscheidungssicherheit, einen klaren inneren Kompass – und den Mut, im entscheidenden Moment kompromisslos zu handeln.
Dieses Buch zeigt, was dich wirklich schützt – und was dich handlungsfähig macht:
Warum dein Auftreten deine erste Einsatzmaßnahme ist
Wie dein Körper schneller reagiert als dein Verstand
Was du brauchst, um in Millisekunden zu entscheiden
Wie du psychologische Barrieren im Ernstfall überwindest
Warum Rückzug keine Niederlage ist – sondern oft die klügste Entscheidung
Und wie du nach dem Einsatz wieder bei dir ankommst
Diese Lektionen sind kein Anhang – sie stecken mitten in der Geschichte. In einer Nacht in Kreuzberg, in der alles passieren kann.
Und auch passiert.
Willkommen in der Realität.
Willkommen in deiner Rolle.
Willkommen im Modus: Ultimate Fighter.
Dieses Buch ist keine Einführung. Es ist ein Werkzeug. Für Profis.
Wenn du noch lernst, deine Körpersprache im Bürgerkontakt zu kontrollieren oder deinen Stand bei Gegenwind zu halten – dann greif zuerst zum Standardwerk zur Eigensicherung.
Hier geht’s nicht um Basics. Nicht um Standortmeldungen, Akkus oder Abstände an der Tür. Das alles wird vorausgesetzt.
Dieses Buch beginnt dort, wo die Ausbildung endet. Wo Routine nicht reicht. Wo dein Auftreten Wirkung entfaltet – oder nicht. Wo ein Wimpernschlag über Sicherheit entscheidet.
Du begleitest Sven – einen Streifenpolizisten mit fast drei Jahrzehnten Einsatzerfahrung. Keine Show, keine Selbstdarstellung. Aber einer, der führt – leise, klar, konsequent. Und der weiß: Die wichtigsten Entscheidungen triffst du nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Körper.
In einer einzigen Nacht in Kreuzberg geraten Sven und sein Team in ein Dutzend hochbrisante Einsätze. Was wie ein Thriller beginnt, wird zu einer Reise durch das Innenleben professionellen Handelns.
Jeder dieser Einsätze basiert auf wahren (vom Autor selbst erlebten) Ereignissen. Jede Lektion ist wissenschaftlich fundiert. Und jede Erkenntnis hat sich auf der Straße bewährt.
Du wirst erleben, was wirklich schützt:
Körperliche Klarheit trotz Hochstress
Führungspräsenz durch Auftreten
Zugriffssicherheit in dynamischen Lagen
Souveränität – auch im Sturm
Für Polizisten ist dieses Buch mehr als ein Erfahrungsbericht: Es ist ein Trainingsraum für Entscheidungssicherheit, Präsenz und Führung im Einsatz. Erzählt in Geschichten – aber nutzbar im Ernstfall. Basierend auf echten Einsätzen, psychologischen Erkenntnissen und taktischer Klarheit.
Für Leser ohne Diensterfahrung ist es ein seltener, schonungsloser Einblick: Wie fühlt es sich an, um 3:27 Uhr mit einer Stichwaffe konfrontiert zu werden? Wie sieht ein Zugriff aus – nicht im Fernsehen, sondern im Hinterhof? Was geht in einem Beamten vor, wenn er vor der Entscheidung steht, zu ziehen oder nicht?
Wer Spannung sucht, wird sie finden. Wer verstehen will, wird mehr sehen.
Wenn du bereit bist, zu erfahren, was Sicherheit wirklich bedeutet – dann steig ein.
Unleash your ultimate fighter.
Jetzt.
Die Schwelle
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Die Tür zur Wache war keine Tür. Sie war eine Grenze. Wer sie übertrat, ließ etwas zurück: Alltag. Müdigkeit. Privates. Sven wusste das seit Jahrzehnten im Dienst. Trotzdem war es jedes Mal ein bewusster Schritt.
Draußen war er noch der Mann, der am Küchentisch den letzten Schluck Kaffee trank. Der seiner Frau leise die Schulter berührte, bevor er ging. Der den Müll mit rausnahm und an der roten Ampel stand wie jeder andere, wartend, geduldig, verletzlich. Drinnen war er Vertreter des Staates. Keine Mischung. Keine Grauzone.
Es war kurz vor halb sechs. Kreuzberg lag im gelben Laternenlicht, der Asphalt glänzte feucht. Über dem Eingang stand schlicht: Polizei Berlin.
Die Stahlflügel standen offen, zwei Stufen führten hinauf. Kein gangbarer Weg für Rollstühle und schwierig für Kinderwagen.
An Svens dienstlichem Schlüsselbund hingen Schlüssel für sein Waffenfach, die Handfesseln, seinen Spind, ein winziges TAN-Generierungsgerät, um sich in Dienstlaptops einzuloggen sowie ein Transponder – den er jetzt vor das Lesegerät an der Stahltür hielt. Ein Piepen, ein metallisches Klicken.
Der Gang dahinter war lang und schmucklos. Links vergitterte Fenster, jenseits davon Büsche, Zaun, die schmale Wohnstraße. Rechts teilweise offenstehende Türen zu Räumen, in denen Bildschirme flackerten und Lagerräume mit beschrifteten Kartons. Am Ende eine Rauchschutztür, die entgegen den Brandschutzbestimmungen offen stand – von den Kollegen blockiert, weil sie sie nicht jedes Mal öffnen wollten. „Rauchschutztüren bringen nur was, wenn sie geschlossen sind“, sagte Sven halblaut und bog in den Seitengang. Erste Tür rechts: Sein Umkleideraum.
Das Aufrüsten
Es roch nach Stoff, Metall, Putzmittel. Vier Reihen Spinde, matt, ungepflegt und verbeult. Am hinteren Ende befand sich ein älteres doppelflügliges Fenster mit weißem Rahmen.
Sven öffnete seinen Spind: An der Kleiderstange hingen diverse Kleidungsstücke. Hemden, Polo-Shirts, Hosen, Jacken und seine Schutzweste. Mit routinierten Bewegungen zog er sich um. Zum Schluss zog er sein Hemd glatt. Schloss die Knöpfe und den Gürtel. Alles saß. Dann die Weste. Schwer. Vertraut. Klick. Verschlüsse. Handfesseln. Taschenlampe. Alles am Platz. „Alles da?“ – „Ja.“
Routine bedeutet Sekunden. Sekunden entscheiden.
Peter kam herein, das Funkgerät in der Hand. Mitte zwanzig, kräftig gebaut, ein verlässlicher Partner und heute nicht frisch rasiert. „Gut, dich zu sehen“, sagte er leise. „Ich freu’ mich auf die Nacht mit dir. Der Wagen von der Tagschicht steht schon in der Halle – wir können ab 17:30 übernehmen.“
Sven nickte. Der Nachtdienst ging offiziell von 18:00 Uhr bis 06:00 Uhr, aber die Einsatzwagen lösten 15 bis 30 Minuten früher raus, weil Übergaben ihre Zeit brauchten und niemand auf den letzten Drücker fahren sollte.
Sven trug noch etwas schwarze Schuhcreme auf seine Schnürstiefel auf und machte sich dann auf den Weg zu seiner Dienstwaffe.
Sven war Anfang fünfzig und trug die Uniform, als wäre sie Gewohnheit und Versprechen zugleich. Er war Polizeihauptkommissar und auch in dieser Nacht Streifenführer auf dem Einsatzwagen „Berlin 2-0-1“. Man sah Sven die Jahre nicht an, man spürte sie in seiner Ruhe.
Beim Verlassen des Umkleideraums zeugten die kalten Wand- und Bodenfliesen davon, dass sich hier früher Gewahrsamszellen befanden. Vor dem Waffenraum wieder der Transponder, wieder das Klicken. Drinnen roch es nach Waffenöl. Der Kollege hinter dem Tresen nickte. „Fach 201?“ – „Wie immer.“
Sven prüfte Waffe, Magazin, Pfefferspray, Mehrzweckstock; jedes Teil dorthin, wo die Hand es später ohne Blick finden würde. Keine Hektik. Kein Reden. Präzision.
Dann erhielt er den Taser – mit frischem Akku. Die Kartuschen saßen, die Anzeigen wiesen 100% auf beiden Slots aus. Sven führte den Funktionstest durch, er ließ an der Spitze des Tasers den blauweißen Lichtbogen aufspringen: flackernd, dynamisch, ein markantes Knistern, das die Stille fraß. Sofort legte sich Ozon in die Luft – metallisch, scharf. Die Pfeilelektroden konnte man nicht testweise abfeuern; der Lichtbogen diente dazu, die Einsatzbereitschaft zu prüfen und im Einsatzfall dem polizeilichen Gegenüber die Ernsthaftigkeit der Lage klar zu machen. Sven hielt das Gerät leicht abgewinkelt, beendete den Test nach zwei Herzschlägen, kontrollierte die Anzeige und holsterte. Er wusste: Schon dieses Geräusch brachte selbst die Härtesten oft zum Umdenken – niemand wollte den Schmerz, den dieses Gerät setzen konnte.
Am Ausgang übernahm er Schlüssel, Funkgerät, Diensthandy vom 20-1 - Team der Tagschicht. „Akku voll, Wagen getankt.“
Sven bedankte sich mit einem kurzen Lächeln. Er clippte das Funkgerät an seine Schutzweste – ein leichter Druck auf die Brust. Dienstmodus.
Das Glas der Rauchschutztür fing seine Uniform ein: sauber, geschlossen, ohne Pose. Ein Hauch Papierstaub vom nahen Schreibraum lag in der Luft. Sven hielt den Blick einen Atemzug zu lang auf dem Spiegelbild. Ordnung vor Worten, dachte er – und das zog eine alte Szene hoch.
Rückblende: Guck dich mal an
Es gibt Momente, die bleiben. Nicht, weil sie spektakulär waren. Sondern weil sie leise wehgetan haben. Sven war gerade 21 Jahre alt.
Polizeimeister. Frisch aus der Ausbildung, ehrgeizig, wach – aber noch weit davon entfernt, souverän zu wirken.
Einsatzort: ein grauer Wohnblock in Mülheim an der Ruhr. Der Aufzug defekt, drei Etagen zu Fuß. Wände schmuddelig, Flur muffig vom kalten Rauch vergangener Jahrzehnte. Irgendwo bellte ein Hund. Jemand kochte Kohl. Die Wohnungstür stand offen.
Ein Streit: laut, wirr, aufgeheizt. Ein Mieter fühlte sich vom Vermieter bedroht. Der wiederum war genervt, blockierte die Tür mit dem Fuß. Sven trat nach vorn. Sein erster Streit-Einsatz. Sein Hemd hing rechts halb aus der Hose und sein Funkgerät schief an der Weste. Bei Friseur war an diesem Morgen zu viel Kundschaft, um seine Dienste noch vor dem Dienst aufzusuchen. Entsprechend stand Sven mit zerzaustem Haar vor den Bürgern. Aber er merkte es erst, als er schon zwischen ihnen stand.
„Stopp. Beruhigen sie sich bitte.“ Die Worte klar, sogar freundlich. Doch sie verpufften. Der Vermieter zog den Fuß zurück. Der Mieter musterte Sven von oben bis unten. Dann kam das Grinsen. „Was willst du mir sagen, Kleiner? Guck dich mal an. Du siehst doch selber aus wie ein Problem.“
Der Satz traf. Nicht wie ein Schlag, sondern wie ein falscher Ton, der alles kippt. Sven blieb stehen. Sprach nicht weiter. Etwas in ihm zuckte – doch er brachte es nicht zu Ende. Der Mieter schloss die Tür. Der Fall war vorbei. Nicht gelöst, nur erledigt.
Erkenntnis
Man kann sachlich richtig liegen. Freundlich sein. Professionell sprechen. Aber wenn das Bild nicht passt – wird man nicht gehört.
Dein Auftreten spricht, bevor du ein Wort sagst.
Das ist kein Appell an Eitelkeit – es ist Verantwortung.
Denn im Dienst bist du nicht Privatperson.
Du bist Repräsentant.
Und bevor du etwas sagst, wurdest du längst gesehen.
Was du ausstrahlst, entscheidet, was du auslöst.
Rückblende: Müllermilch
Es war 06:42 Uhr, Wache Friedrichstraße. Sven betrat den Wachbereich. Kathleen, in der Funktion des Wachhabenden, telefonierte konzentriert. Murat, ihre Unterstützung, beugte sich über den Tresen; verwaschenes Poloshirt, ein eingetrockneter Kaffeefleck auf der Brust. Die Uniformjacke hing achtlos über der Lehne. Murat war ein fähiger Kollege – keine Frage. Aber oft mehr Street als Staatsgewalt. Und das sah man ihm an.
Das rote Licht der Türsprechanlage flackerte. Eine Frau mittleren Alters stand draußen, mit fahrigen Bewegungen und unruhigen Augen. Sie drückte den Klingelknopf. „Ich muss mit jemandem reden! Sie beschießen mich. Strahlen, durch die Decke. Seit Tagen! Ich kann nicht mehr schlafen!“
Kathleen nickte Sven knapp zu und telefonierte weiter. Murat aktivierte das Mikro. „Guten Morgen. Was genau passiert bei Ihnen?“
Die Frau starrte ihn durch die Scheibe an – dann verzog sie das Gesicht. „Ich will lieber mit ihr reden.“ Sie deutete mit dem Kinn auf Kathleen. Murat blieb ruhig. „Ich bin genauso im Dienst. Meine Kollegin ist beschäftigt. Sie können mit mir sprechen.“
Zögern. Dann kam es: „Also… Sie sehen einfach nicht aus wie ein Polizist. Das Shirt… der Fleck…“
Ein kurzes Schweigen. Murats Kopf hob sich leicht. „Oder liegt’s daran, dass ich Türke bin?“ Die Frau fuhr zurück. „Was? Nein! Das habe ich nicht gesagt. Ich – das hat damit nichts zu tun!“ „Doch. Und auf meinem Namensschild steht Atatürk – das reicht Ihnen schon, um mir nicht zu glauben.“ „Ich will nur Hilfe! Von jemandem, der… der ordentlich aussieht und… nicht so …“, „…nicht so wie ich. Ja. Habe ich verstanden.“ Die Stimme blieb sarkastisch ruhig, und die Temperatur im Raum sank.
Die Frau griff in ihre Plastiktüte, zog eine Flasche Müllermilch heraus – und schleuderte sie gegen die Sicherheitsglasscheibe. Rosafarbene Tropfen liefen langsam nach unten. Dann drehte sie sich um, murmelte etwas Unverständliches und verschwand. Stille. Sven sah die klebrige Spur an der Scheibe. Er lächelte schmal: „Ich glaube, Erdbeergeschmack.“ Murat schüttelte den Kopf, seufzte, griff nach dem Glasreiniger.
Erkenntnis
Nicht nur Worte zählen. Nicht nur Haltung. Auch das, was andere sehen – Kleidung, Name, Vorurteile – entscheidet, ob man als Polizist akzeptiert wird. Die Wirkung liegt nie zu 100% in der eigenen Hand. Aber grobe Fehler kann man vermeiden: Flecken, Schlampigkeit, unsichere Haltung. Denn das schwächt – und macht angreifbar.
Du bestimmst nicht das Bild, das andere sich von dir machen – aber du lieferst das Material dafür.
Auftreten, Haltung, Ordnung: kein Garant für Vertrauen, aber die Eintrittskarte für Respekt.
Wer diese Basics missachtet, wird oft gar nicht erst gehört.
Der Gang zum Hof
Im Hof stand der Einsatzwagen, dunkelblau – teilweise gelb foliert und regungslos. Peter war schon da und durchwühlte alle Ablagen des Innenraums. Sven ging zuerst zum Kofferraum, er sah Verbandskasten, Einwegdecke, Absperrband, Warndreieck, Schutzhandschuhe, Feuerlöscher, Einweghandschuhe, Schutzausrüstung, Maschinenpistolen – die Liste war lang. Sven berührte jeden Gegenstand. Es genügt ihm nicht, sie nur gesehen zu haben. Auf diese Weise funktionierte sein Priming. Er teilte seinem Bewusstsein mit, dass die Gegenstände vorhanden und einsatzbereit waren. Damals, im tiefsten Winter, als sie den Nothammer gebraucht hätten, der jedoch fehlte… Seitdem prüfte Sven mit seinen Fingern, nicht mit seinen Augen – und er trug seitdem am Gürtel eine Zweittaschenlampe mit Nothammerfunktion.
Peter leuchtete mit seiner Taschenlampe auf die Karosserie, er suchte nach Dellen und Kratzer. Sven setzte sich auf den Fahrersitz, nahm das Bedienteil des Funkgeräts in die Hand. „Berlin für Berlin 2-0-1. Funkcheck.“ Die Leitstelle Berlin antwortete fast augenblicklich und war offenbar bereit, ihren Beitrag zur Einsatzbewältigung der Nacht zu leisten: „2-0-1. Klar und deutlich.“ „Hier 2-0-1. Verstanden“, quittierte Sven abschließend.
Sven prüfte das Fahrtenbuch und legte es dann zufrieden zurück in die Fahrertür. Er wollte noch einmal in die Wache zurück, um den Wachhabenden nach den bisherigen Ereignissen des Tages zu fragen. Er drehte sich halb um - da flog ein Fenster der Wache auf. „Sven!“, rief der Wachhabende in den Hof. „Einmal mit Sonder- und Wegerechten zum Kottbusser Tor – Schlägerei.“ Sven und Peter ließen sich zeitgleich in ihre Sitze fallen und schnallten sich sofort an, denn wenn sie erst einmal das Schritttempo verlassen hatten, sanken die Chancen, sich auf einer Sonderwegerechtsfahrt anschnallen zu können, aufgrund des Gurtstraffersystems auf fast Null.
Motorstart. Kickdown. Tastendruck auf Blaulicht und Martinshorn. Funkgerät auf Status „Sprechwunsch“, um sich im Einsatz anzumelden.
Der Wagen zog aus dem Hof und nahm Kurs auf den Kotti.
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Der Regen hing wie ein feines Netz über der Kreuzung, als Sven den Blinker setzte und ihren Mercedes Vito, also den Berlin 2-0-1 aus dem Hof des weitläufigen Dienstgeländes zog. Das Blaulicht stand auf den nassen Scheiben, das Martinshorn brach in kurzen Stößen über die Gasse. Vor ihnen war die Straße voll, Samstagabend, Kreuzberg in Bewegung. Ein Lieferwagen blockierte halb die Spur, ein Taxifahrer suchte einen Fahrgast, zwei E-Scooter-Fahrer drängten in eine sich öffnende Lücke durch platzschaffende Autofahrer, als hätte das Martinshorn für sie nicht gegolten.
„Bin gespannt, ob außer uns noch jemand kommt“, sagte Peter. Das Heulen ihrer Sirene schnitt durch die beginnende Nacht, brach an der nächsten Häuserkante und kehrte als Echo zurück. Die Fahrzeuge vor ihnen zuckten auseinander, nicht schnell, eher zögerlich. Eine Kleinwagenfahrerin starrte in den Rückspiegel und fuhr unbeholfen halb auf den Bordstein. Ein SUV blieb in der Mitte stehen, als versuche er gleichzeitig zu weichen und wichtig zu bleiben.
Sven sprach kein Wort. Er ließ den Wagen in der Spur gleiten, millimetergenau. Beide Hände am Lenkrad, nicht verkrampft, sondern kontrollierend.
Die Leitstelle kam mit der breiten Stimme, die den Einsatz in einen Plan verwandelte: „Berlin 2-0-4, 3-0-1 und 3-0-8 von Berlin. Sie fahren ebenfalls unter Inanspruchnahme von Sonderwegerechten zur Schlägerei am Kottbusser Tor, auf einem Bahnsteig der U8. Mindestens drei männliche Personen, vermutlich Drogenszene.“
Nacheinander meldeten sich die Wagen, nicht nur von „Berlin 2“, sondern auch vom anderen Abschnitt Einsatzkräfte von „Berlin 3“: „Hier Berlin 3-0-1, wir quittieren Anfahrt zum Kotti mit Sonderwegerechten.“ „Hier Berlin 3-0-8. Ebenfalls Quittung.“ „Hier Berlin 2-0-4. Ebenfalls mit Quittung zum Kotti. Eintreffen in zwei Minuten.“ Das war die konkreteste Funkdurchsage, eine, mit der man arbeiten konnte. Zwei Minuten. Die Kollegen seiner Dienststelle wussten, worauf es ankam, er hatte es ihnen oft genug deutlich gemacht.
Sven sah im Kopf die Karte aufklappen. „Wir sind zuerst da“, sagte er, ohne Pathos. Es war absehbar: ihr Standort, die Ampelschaltung, die Trägheit der anderen Verkehrsadern. Wer als Erster ankam, führte, auch wenn die zuständigen Einsatzkräfte von Berlin 3 wegen ihrer örtlichen Zuständigkeit nachher die schriftlichen Arbeiten würden übernehmen müssen. So einfach, so kompliziert.
