Eine riskante Mission - Verena Rank - E-Book

Eine riskante Mission E-Book

Verena Rank

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Beschreibung

Als Josh seine Heimatstadt London verlässt, um in einer Auffangstation für Schimpansen in Nigeria zu arbeiten, ahnt er bereits, dass dies das Abenteuer seines Lebens wird. Tierärzte, Forscher und freiwillige Helfer unternehmen alles, um die Menschenaffen vor Wilderern zu beschützen und gefangene Tiere zu befreien. Die größte Herausforderung für Josh ist jedoch die Begegnung mit dem attraktiven Tierarzt Matt, in den er sich Hals über Kopf verliebt. Und das ausgerechnet in einem Land, in dem auf Homosexualität teilweise noch die Todesstrafe steht …

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Eine riskante Mission

Ein Roman von Verena Rank

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2018

http://www.deadsoft.de

© the author

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com

Bildrechte:

© Sergei Uriadnikov – 123rf.com

© allover imagges – Alamy Stock Photo

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-219-9

ISBN 978-3-96089-220-5 (epub)

„Immer wieder bedrängen mich schreckliche Bilder in dieser Welt, so auch die verzweifelten Blicke von Schimpansen in Ketten oder in Versuchslabors. Das beeinträchtigt sogar meine Beobachtung der frei lebenden Schimpansen. Sobald ich denke 'sind sie nicht glücklich?' sehe ich Schimpansen vor mir, die in winzigen Gefängnissen stecken, obwohl sie kein Verbrechen begangen haben. Wer das einmal gesehen hat, kann es nie mehr vergessen.“

Inhalt:

Als Josh seine Heimatstadt London verlässt, um in einer Auffangstation für Schimpansen in Nigeria zu arbeiten, ahnt er bereits, dass dies das Abenteuer seines Lebens wird. Tierärzte, Forscher und freiwillige Helfer unternehmen alles, um die Menschenaffen vor Wilderern zu beschützen und gefangene Tiere zu befreien. Die größte Herausforderung für Josh ist jedoch die Begegnung mit dem attraktiven Tierarzt Matt, in den er sich Hals über Kopf verliebt. Und das ausgerechnet in einem Land, in dem auf Homosexualität teilweise noch die Todesstrafe steht …

1

Mai

„Jamie! Thomas!“ Ich dränge mich an den anderen Zoobesuchern vorbei, um meine Neffen nicht aus den Augen zu verlieren. „Nicht so schnell, die Affen laufen doch nicht davon! Wenn ich euch verliere, reißt mir eure Mutter den Kopf ab!“

Ich entschuldige mich halbherzig, als ich einen Mann fast umrenne und hetze weiter. Eigentlich brauche ich mir keine Sorgen zu machen, denn ich weiß genau, wo ich die beiden finde. Aber Jamie ist sieben und Thomas vier – und ich habe schließlich die Verantwortung für sie. Und da ich nicht nur diese trage, sondern auch den gesamten Proviant, inklusive gefühlten zehn Liter Wasser und Saft, schwitze ich wie ein Schwein, als ich endlich am Schimpansengehege ankomme. Dass wir den wärmsten Mai seit Jahren haben, kommt erschwerend hinzu.

„Danke fürs Warten“, sage ich japsend und verdrehe die Augen. Jamie und Thomas bemerken mich kaum. Sie drücken ihre Näschen an der großen Scheibe platt und haben nur Augen für die Schimpansen. Vor allem für einen von ihnen.

„Izzy! Izzyyyyyy!“ Thomas klopft gegen die Scheibe und ich muss ihn davon abhalten, während mich eine Frau neben uns entrüstet ansieht. Ich will ihr sagen, dass nicht ich die Rabauken erzogen habe, sondern meine Schwester, aber ich lasse es. Sanft nehme ich Thomas’ Handgelenk und schüttle es, sodass seine kleine Hand auf und ab wedelt.

„Siehst du? Du kannst Izzy auch winken“, erkläre ich ihm. „Er kommt von ganz alleine, wenn er uns sieht, warte ab.“

Thomas sieht mich kurz an, dann strahlt er übers ganze Gesicht, winkt und beginnt auf und ab zu hüpfen. Jamie schließt sich ihm lachend an, gemeinsam rufen sie nach Izzy.

Neben uns höre ich ein spöttisches Lachen.

„Mama, die meinen echt, der Affe kommt her, wenn sie winken!“

„Schon gut, Susan. Sie wissen eben nicht, dass man Tiere zu nichts zwingen kann. Sei brav und hampel nicht herum, ja?“ Die Mutter des Mädchens wirft mir einen herablassenden Seitenblick zu, der mich wohl darauf hinweisen soll, dass ich mit Ende zwanzig offensichtlich zu jung und zu dumm bin, meine Kinder anständig zu erziehen. Langsam verliere ich die Geduld und will etwas erwidern, als Thomas plötzlich freudig quietscht.

„Onkel Josh! Er hat uns gesehen!“

Ich wende mich wieder zur Glasscheibe und sehe einen Schimpansen in einem wortwörtlichen Affentempo auf uns zurasen. Izzy hat mit seinen achtzehn Jahren eine beeindruckende Statur, weswegen es richtig gefährlich aussieht. Die Zoobesucher, die direkt an der Scheibe stehen, (inklusive Mutter- und Minizicke) weichen erschrocken zurück, nur Jamie, Thomas und ich bleiben unbeirrt stehen. Izzy ist völlig aus dem Häuschen. Übermütig springt er ein paarmal gegen die Scheibe und macht einen Rückwärtssalto, bevor er direkt vor mir stehen bleibt. Seit beinahe achtzehn Jahren haben wir ein Ritual, das mich jedes Mal wieder bis ins Tiefste meines Herzens berührt. Ich gehe in die Hocke und lege meine Hände flach gegen die Scheibe. Izzy macht genau das Gleiche, achtet penibel darauf, dass seine Finger an derselben Stelle sind wie meine. Ich höre ein Raunen hinter uns – die Reaktion der Menschen bin ich nach all den Jahren schon gewohnt. Einige Sekunden lang sehen Izzy und ich uns an, genießen schweigend das Wiedersehen. Ich blicke in die runden, bernsteinfarbenen Augen, nehme die feinen Härchen auf seiner Oberlippe wahr. Für den Bruchteil einer Sekunde taucht das Bild eines zehnjährigen Jungen vor meinem inneren Auge auf, der ein Schimpansenbaby im Arm hält und ihm liebevoll das Fläschchen gibt.

„Hey, ich sehe da ein paar graue Haare in deinem Bart“, flüstere ich grinsend. Hinter uns ist es völlig still geworden. Plötzlich grinst Izzy breit zurück, dann schürzt er die Lippen und setzt einen dicken Schmatzer gegen die Scheibe. An dieser Stelle lachen die Leute … wie immer. Ich deute mit einem Kopfnicken auf meine Neffen, die es gar nicht erwarten können, Izzys Aufmerksamkeit zu erlangen.

„Na, alter Junge? Willst du Jamie und Thomas nicht begrüßen?“

Izzy gehorcht aufs Wort und widmet sich den Kindern, deren Augen vor Freude aufleuchten. Sie geben Küsschen durch die Scheibe, springen auf und ab, und Izzy macht Purzelbäume.

„Onkel, Josh! Erzählst du uns noch mal, wie Izzy bei dir zu Hause gewohnt hat?“, fragt Jamie. „Bitte!“

„Ja! Ja! Ja! Erzähl uns von Izzy!“ Thomas hüpft und klatscht begeistert in die Hände. Izzy tut es ihm gleich und erntet dafür Lacher von den Zoobesuchern. Ich spüre, wie die Menge hinter uns größer wird und neugierig näher rückt.

Ich lache, peinlich berührt und stolz zugleich.

„Ihr habt die Geschichte doch schon tausendmal gehört, Kinder“, antworte ich amüsiert.

„Ich will die Geschichte auch hören!“, sagt jemand hinter uns und kurz danach ertönt zustimmendes Gemurmel. Ich sehe mich um und blicke in ein pausbäckiges Jungengesicht von etwa elf, zwölf Jahren, das mich erwartungsvoll ansieht. Die Mutterzicke sieht peinlich berührt zu Boden, während die Minizicke mentale Todeslaser auf Thomas und Jamie abfeuert.

„Na schön“, sage ich, während die Leute noch ein wenig dichter herankommen. Gut, dass es schon spät ist und nicht mehr so viele Besucher im Zoo sind. Thomas streckt seine Arme nach mir aus, woraufhin ich ihn hochnehme. Aus dem Augenwinkel nehme ich wahr, dass auch Izzy auf den Arm genommen werden will. Wieder lachen die Leute. Ich streiche Jamie über das Haar und blicke zu Izzy hinüber. „Wie ihr wisst, hat euer Grandpa sehr lange im Zoo gearbeitet. Er war hier im Affenhaus für alles verantwortlich und hat sich sehr gut um seine Schützlinge gekümmert. Eines Tages brachte ein Schimpansenweibchen ein Junges zur Welt …“

„Izzy!“, unterbricht mich Thomas begeistert und hüpft auf meinem Arm auf und ab.

„Ja, Izzy“, wiederhole ich lachend. „Nun, aus irgendeinem Grund wollte die Affenmama ihr Junges nicht und hat es verstoßen.“

„Wie gemein!“, wirft der pausbäckige Junge ein.

Ich zucke mit den Schultern. „Leider kommt es im Tierreich immer wieder vor, dass die Mütter ihre Jungen nicht annehmen. Die genauen Gründe dafür kennt man nicht.“

„Aber dann hat Grandpa Izzy mit heimgenommen!“, verkündet Thomas stolz.

Ich nicke grinsend. „Ja, er hatte sehr viel Erfahrung mit Affenbabys und da hat man ihn gefragt, ob er Izzy rund um die Uhr versorgen könnte, denn sonst würde er sterben. Also ist das kleine Affenbaby bei uns eingezogen und hat die ganze Familie auf Trab gehalten.“

Izzy grinst hinter der Scheibe so breit, dass für einen Moment nur seine gelben, großen Zähne zu sehen sind. Er weiß ganz genau, dass wir über ihn sprechen.

„Wir haben es mit der Flasche aufgezogen, mussten es alle zwei, drei Stunden füttern, wickeln und herumtragen – genau wie bei einem Menschenbaby auch. Manchmal bin ich in der Schule fast eingeschlafen, weil ich Izzy nachts unbedingt füttern wollte. Wir haben sehr viel miteinander gespielt, eure Tante Tess war damals erst vier Jahre alt. Sie wollte Izzy sogar mit in den Kindergarten nehmen, aber das ging natürlich nicht.“

Wieder Gelächter bei den Zoobesuchern.

„Und dann musste er wieder in den Zoo zurück?“, fragt ein etwa fünfzehnjähriges Mädchen. Als ich sie ansehe und ihr zulächle, wird sie rot und streicht sich peinlich berührt eine Haarsträhne hinters Ohr.

Ich nicke. „Ja, mit einem halben Jahr mussten wir Abschied von Izzy nehmen, denn es war wichtig, dass er unter seinesgleichen aufwächst. Wir hatten eine sehr turbulente Zeit hinter uns und der Abschied fiel uns unheimlich schwer. Wir Kinder haben viel geweint.“

„Hat Izzy auch geweint?“, fragt Thomas, obwohl er die Antwort schon kennt.

„Natürlich war Izzy zuerst auch sehr traurig, aber der Zoo fand eine neue Mama, die ihn adoptiert hat.“ Ich zeige auf eine ältere Affendame, die weiter hinten im Gehege auf einer Plattform sitzt und ausgiebig einen ihrer Artgenossen entlaust. „Mara hatte kurz zuvor eines ihrer Jungen verloren. Sie hat Izzy sofort akzeptiert und auch von der Gruppe wurde er gut aufgenommen. Das ist bei Schimpansen sehr wichtig. Seht ihn euch an.“ Ich zeige auf Izzy, der sich sofort der ihm gewidmeten Aufmerksamkeit bewusst ist, und Faxen macht. Er springt wie ein Riesenfrosch auf und ab, zieht Grimassen und schüttelt wild den Kopf. Die Leute lachen wieder – und dann klatschen sie Beifall. Auch das bin ich schon gewohnt, schließlich ist es nicht das erste Mal, dass ich hier im Zoo Izzys Geschichte erzähle.

~ * ~

Als wir wenig später Richtung Ausgang spazieren, kommt uns die stellvertretende Zoodirektorin Sarah entgegen. Sie war schon hier, als Dad leitender Tierpfleger war, ich kenne sie, seit ich denken kann.

„Hey, Josh!“, begrüßt sie mich mit einer herzlichen Umarmung, bevor sie sich Jamie und Thomas widmet. „Na, Jungs? Habt ihr Izzy mal wieder einen Besuch abgestattet?“

Die Jungs nicken begeistert. Thomas wirkt schon etwas müde, aber Jamie erzählt stolz, wie wir die Besucher unterhalten haben.

„Das ist schön.“ Sarah streichelt Jamie über den Kopf. „Hey, wir sollten Extraeintritt im Affenhaus verlangen, wenn euer Onkel alte Geschichten über Izzy erzählt“, sagt sie lachend und zwinkert mir fröhlich zu. Ich erwidere ihr Lachen.

„Lass dich doch mal wieder blicken, Sarah. Dad würde sich bestimmt freuen!“

„Mach ich, sobald ich jetzt mal ein paar Tage freihabe!“, antwortet sie. „Ich ruf ihn an.“ Wir verabschieden uns und machen uns auf den Weg zum Zug. Der Zoo liegt eineinhalb Stunden Bahnfahrt von London entfernt, weswegen wir Izzy nicht jedes Wochenende besuchen können – was die Jungs am liebsten tun würden. Als wir endlich sitzen, schläft Thomas schon bald auf meinem Schoß ein.

„Onkel Josh?“ Jamie sieht mich nachdenklich an.

„Ja?“

„Wenn ich groß bin, will ich so sein wie du. Und dann gehe ich auch nach Afrika zu den Schimpansen.“ Jamie nickt entschlossen, um sein Vorhaben zu unterstreichen und lehnt sich gähnend zurück.

Ich lächle. „Das ist schön, Jamie. Da wird deine Mum sehr stolz auf dich sein.“

Ich ziehe Thomas näher an mich und sinke seufzend in die Lehne der Sitzbank zurück. Jamie hat mich wieder daran erinnert, dass ich in nicht einmal zwei Wochen nach Nigeria aufbrechen werde, um im „Chimps Sanctuary Center“ zu arbeiten. Die Auffangstation kümmert sich um verletzte Schimpansen und verwaiste Jungen und engagiert sich stark gegen das grausame Abschlachten und Ausbeuten dieser wundervollen Geschöpfe. Vorfreude vermischt sich mit einem mulmigen Gefühl der Angst, was mich dort wohl erwarten wird. Ich blicke in die kleinen Gesichter meiner Neffen und denke bekümmert an den Rest der Familie, den ich bald für lange Zeit nicht mehr sehen werde. Der Vertrag in Nigeria läuft vorerst zwei Jahre, Verlängerung nicht ausgeschlossen. Klar, werde ich Urlaub haben und meine Familie besuchen, doch mein vorläufiges Zuhause wird nun erstmal Nigeria sein.

Meine Schwester Jenny nimmt mir den immer noch etwas schlaftrunkenen Thomas ab, während wir in die gemütliche Wohnküche gehen. Ich bin immer wieder aufs Neue fasziniert von der Einrichtung. Betritt man Jennys Wohnung, könnte man denken, man wäre eben mal nach Schottland gebeamt worden. Fast alles ist in Karos gehalten – die Stuhlpolster, die Vorhänge, die Tischdecke –, mir wird manchmal regelrecht schwindelig davon. An den Wänden hängen Bilder von den weiten, schottischen Highlands. Jennys Mann Pete ist Schotte, und das durch und durch. Wenn er nicht gerade in der Bank arbeitet, trägt er fast ausschließlich seinen traditionellen Kilt. Sogar Jamie und Thomas sind mit Minikilts ausgestattet worden. Pete ist ein Rotschopf, wie es sich für einen anständigen Schotten gehört, und diese Gene hat er an seine Jungs weitergegeben. Die rotblonden Haare der beiden sieht man meilenweit. Pete ist ein feiner Kerl, und er tut alles für seine Familie. Jenny hat richtig Glück mit ihm.

„Na? Ihr scheint ja einen anstrengenden Tag gehabt zu haben“, stellt Jenny erfreut fest. „War es schön? Wie geht es Izzy?“ Sie setzt ihren Jüngsten auf einem Stuhl ab und streicht ihm liebevoll über den Kopf. Thomas gähnt herzhaft, dann ist er plötzlich wieder hellwach.

„Onkel Josh hat alle Leute unterhalten, Mummy! Wir hatten gaaaaanz viel Publikum“, berichtet er mit ausholenden Handbewegungen stolz. Jamie nickt zustimmend, während er neben seinem kleinen Bruder Platz nimmt.

„Ja, und Izzy hat Faxen gemacht und Küsschen gegeben.“ Sie lachen beide, Jenny und ich stimmen mit ein.

„Sag mal, hast du geglaubt, wir sind ein ganzes Wochenende weg?“, sage ich ächzend, während ich den Rucksack abnehme und ihn auf den Tisch stelle. „Ich hätte eine ganze Schulklasse versorgen können.“

Jenny schüttelt lachend den Kopf. „Ach was, Kinder brauchen nun mal viel zu trinken, und die beiden haben ständig Durst.“

„Na ja, heute war anscheinend kein Trinktag, ich hab die Hälfte wieder zurückgeschleppt“, antworte ich, während ich mir einen karierten Stuhl zurechtrücke und mich setze. Jenny streicht mir über den Kopf.

„Och, du Armer. Du musst ja fix und fertig sein. Willst du ein schönes, kaltes Bier?“

Ich nicke. „Ja, gern. Das hab ich mir heute wirklich verdient.“ Ich sehe mich um. „Wann kommt Pete nach Hause?“

„Er hat vorhin angerufen, dass er noch zu einem Kunden muss. Wird wohl etwas später werden.“ Jenny nimmt eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank, entfernt den Kronkorken und reicht sie mir. Ich nicke dankbar und nehme ein paar kräftige Schlucke.

„Schade. Aber wir sehen uns ja dann am Wochenende zu meiner Abschiedsparty, ja?“

Jenny setzt sich zu mir.

„Ich kann immer noch nicht glauben, dass du für so lange Zeit weg sein wirst“, sagt sie niedergeschlagen und seufzt schwer. „Das wird ganz schön komisch sein, ohne meinen nervigen kleinen Bruder“, fügt sie gequält lächelnd hinzu.

„Ich hab auch so einen nervigen, kleinen Bruder!“, wirft Jamie mit erhobenem Finger ein, woraufhin ihm Thomas mit der Faust gegen die Schulter boxt. Jamie schreit auf und schubst Thomas, sodass er fast vom Stuhl fällt.

Jenny fängt ihn gerade noch auf und schüttelt tadelnd den Kopf.

„Ja, manchmal nerven kleine Brüder, aber wenn sie dann mal nicht da sind, vermisst man sie und wünscht sich, von ihnen genervt zu werden. Also vertragt euch, okay?“

„Okay, Mum“, antworten die Jungs gleichzeitig.

Jenny sieht mich mit einem traurigen Lächeln an.

„Musste es denn ausgerechnet Afrika sein? Du bist so weit weg  … wenn irgendetwas passiert.“ Sie wendet den Blick ab und seufzt schwer. „Dieser Job ist mit Sicherheit gefährlich.“ Ich werfe von ihr einen Blick zu den Jungs, die sind jedoch damit beschäftigt, die Reste unseres Proviants zu durchstöbern.

„Hey  … ich bin ja nicht für immer weg. Und es wird nichts passieren. Die Schutzstation hat viele Mitarbeiter – auch einheimische, die von Anfang an dabei sind. Und ich bin Zoologe und kein Ranger.“

Dass ich sehr wohl an den Missionen teilnehme, in denen die Tiere aus gefährlichen Situationen befreit werden, habe ich meiner Familie verschwiegen, aber ich habe das Gefühl, sie ahnt es. Ich stehe auf und lege meine Hände auf Jennys Schultern. „Endlich erhalte ich die Chance, mich um Menschenaffen zu kümmern  … sie zu beobachten, noch dazu in ihrer natürlichen Umgebung. Freu dich doch für mich.“

Jenny hebt den Kopf, ihre graublauen Augen schimmern verdächtig. „Das tu ich ja, Josh. Aber zwei Jahre lang! Mann, das ist echt ’ne verdammt lange Zeit!“

„Erstens komme ich nach Hause, wenn ich Urlaub habe, zweitens so lang sind zwei Jahre auch wieder nicht. Hey, zu deinem neununddreißigsten Geburtstag bin ich mit großer Wahrscheinlichkeit wieder ganz zu Hause.“ Ich grinse sie frech an. Jenny schlägt mir vor die Brust.

„Ach du!“

Ich küsse sie lachend auf die Wange, trinke noch einen Schluck von meinem Bier und wende mich an meine Neffen.

„Ich muss los, Jungs. Bekomme ich noch eine Umarmung?“

Jamie und Thomas nicken eifrig und schubsen sich gegenseitig, im Kampf um die erste Umarmung. Jenny ermahnt die beiden erneut, nett zueinander zu sein, und wirft mir einen resignierten Blick zu.

„Bedankt euch bei Onkel Josh, Jungs. Und danach macht ihr euch bettfertig.“

Es folgt – wie erwartet – synchroner Widerspruch, da sind sie sich wieder einig.

Lachend schließe ich die Jungs gleichzeitig in die Arme und wuschle durch ihre roten Haare.

„Bis Samstag!“

2

Ich nehme die U-Bahn, steige in Finsbury Park aus und schlendere meinen vertrauten Weg durch den Park, bis zur Oxford Road. Seit drei Monaten wohne ich wieder zu Hause, in meinem alten Kinderzimmer, da ich meine kleine Wohnung gekündigt habe. Ich weiß noch nicht genau, wie lange ich in Nigeria sein werde, also kann ich mir das Geld für die Miete sparen. Ganz bewusst sehe ich mich um und mir wird klar, dass ich mein altes Zuhause sehr vermissen werde. Hier bin ich jeden Tag zur Schule gelaufen, hier hat mir Dad das Fahrradfahren beigebracht. Es ist ein relativ milder Abend, selten, dass wir im Mai schon so schönes Wetter haben. Plötzlich muss ich wieder an Izzy denken und dass ich auch unsere Zoobesuche sehr vermissen werde. Meistens gehen wir mit Thomas und Jamie, aber ich war auch schon mit Dad alleine bei Izzy. Meine Schwestern und ich haben eine innige Verbindung zu unserem Dad. Unsere Mutter ist mit einem Spanier durchgebrannt, nachdem sie jahrelang eine Affäre mit ihm hatte. Jenny war damals schon ausgezogen, meine kleine Schwester Tess und ich wohnten noch zu Hause. Ich war schon achtzehn, aber Tess war damals erst zwölf – sie hat es am meisten belastet. Die Beziehung zu unserer Mutter war nie so, wie es eigentlich sein sollte. Sie war immer sehr auf sich fixiert und ihre Arbeit als Maskenbildnerin am Theater war ihr wichtiger als die Familie. Sie ist beruflich sehr viel gereist und war selten daheim. Dadurch haben wir uns immer weiter voneinander entfernt und ein sehr intensives Verhältnis zu unserem Dad aufgebaut. Obwohl er damals unglaublich viel gearbeitet hat, war er stets für uns da  … hat uns seine freien Tage gewidmet und sich unsere Sorgen angehört. Seit Mum fort ist, gab es keine andere Frau mehr in seinem Leben, denn er hat seine ganze Liebe und Energie uns gewidmet. Solange Tess noch bei ihm wohnt, ist er nicht alleine, doch wenn auch sie mal flügge wird, wird er sehr einsam sein. Der Gedanke daran schmerzt, denn Dad hat alles Glück der Welt verdient. Ich bin wahnsinnig froh, dass sich Tess damals entschieden hat, bei uns zu bleiben. Mum hat sie vor die Wahl gestellt, hätte sie mit nach Mallorca genommen. Doch meine kleine Schwester blieb bei uns. Am Anfang kamen regelmäßig Postkarten aus Spanien, wir schrieben uns E-Mails. Doch mittlerweile hören wir nur noch zu Geburtstagen und an Weihnachten von unserer Mutter.

Seit einem Jahr ist Dad nun im wohlverdienten Ruhestand, doch manchmal habe ich das Gefühl, er vermisst seine Arbeit im Zoo unheimlich.

Ich verlasse den Park und biege in die Oxford Road ein. Unser Haus liegt rechts auf halber Höhe und ist das einzige in der ganzen Straße, das ein Baumhaus im Vorgarten hat. Dad, Jenny und ich haben es damals gebaut – heute wird es von Jamie und Thomas genutzt. Ich öffne das weiß gestrichene Gartentor und schlendere den Kiesweg entlang bis zur Eingangstür mit dem Buntglas-Einsatz. Rechts davon steht der schwere Blumenkübel mit roten Rosen, unter dem immer ein Ersatzschlüssel für den Notfall bereitliegt. Links steht die wettergegerbte Holzbank, auf der wir schon so manche Sommerabende gesessen haben. Ich ziehe meinen Schlüsselbund aus der Jackentasche, setze mich und blicke auf die Straße hinaus. Es ist ruhig, nur das Zirpen der Grillen ist zu hören. Gegenüber geht die Haustür auf und Daisy Green lugt aus dem Türspalt. Sie ist über achtzig, sehr vergesslich, und hat schon wieder übersehen, den Schlüssel außen abzuziehen. Leise murmelnd zieht sie ihn aus dem Schloss und schließt die Tür wieder. Das macht sie jeden Abend. Weiter unten in der Straße bringt Rob Fuller seinen Müll raus und bei den Housemans flimmert der Fernseher durch das Wohnzimmerfenster. Wenn ich wollte, könnte ich sehen, welches Programm läuft. Ich weiß, dass Dad schon gespannt ist, wie mein Tag mit den Jungs war und Tess wie immer das Bad belegt. Obwohl das Haus zwei Stockwerke hat, besitzt es nur ein Bad mit einer Toilette, was schon so manches Mal zu kleinen Differenzen zwischen mir und meiner kleinen Schwester geführt hat. Ich muss unwillkürlich grinsen, als ich daran denke. Ich werde das alles hier unheimlich vermissen, aber ich freue mich auch schon sehr auf die Herausforderung in Nigeria.

Ich schrecke aus meinen Gedanken hoch, als plötzlich die Tür aufgeht und Dad im Türrahmen steht. In den Händen hält er zwei Flaschen Bier.

„Hey, Josh“, sagt er verwundert, während er mir ein Bier reicht. „Hab dich kommen sehen. Ist alles in Ordnung?“ Er nimmt seine Lesebrille ab und schiebt sie auf sein gewelltes, grau meliertes Haar. Es ist immer noch unglaublich dicht, aber genauso widerspenstig.

Ich nicke und rücke ein Stück, woraufhin sich Dad neben mir niederlässt.

„Alles gut“, antworte ich. „Ich genieße nur gerade die Ruhe, nach einem sehr anstrengenden, aber schönen Tag mit den Jungs. Die beiden haben echt Hummeln im Hintern  … ich bin ihnen kaum hinterhergekommen.“ Ich lache kopfschüttelnd.

Dad grinst. „Das kann ich mir gut vorstellen. Haben sie wenigstens auf dich gehört?“

„Ja, sie waren brav. Und bei Izzy kam ich endlich mal zum Verschnaufen.“

„Wie geht’s meinem alten Jungen?“, fragt Dad.

„Ihm geht’s gut. Er hat mit den Jungs herumgealbert und die Leute zum Lachen gebracht.“

„Ja, das ist Izzy“, antwortet Dad leise lachend, aber ich höre Wehmut in seiner Stimme.

„Hey, wenn ich in Nigeria bin, musst du mit den Jungs öfter in den Zoo gehen“, sage ich. „Sarah hat auch nach dir gefragt, ich soll schöne Grüße bestellen. Sie ruft dich bald mal an.“

Dad nickt und trinkt einen Schluck Bier. „Ich werde mit den Jungs hinfahren. Ich war in letzter Zeit viel zu wenig im Zoo.“ Er sieht mich prüfend an. „Bist du schon sehr aufgeregt wegen Afrika?“

Ich nehme ebenfalls einen Schluck aus meiner Flasche und zucke mit den Schultern.

„Ich weiß nicht  … ja, irgendwie schon. Aber ich freue mich auch unheimlich darauf. Ich kann noch gar nicht glauben, dass es in einer guten Woche schon losgeht.“

Dads Mundwinkel heben sich, aber sein Lächeln erreicht die Augen nicht.

„Jetzt, da ich mich schon so an unsere nette Dreier-WG gewöhnt habe“, sagt er leise. „Wo ist nur die Zeit geblieben? Mir kommt es vor, als wäre es erst gestern gewesen, dass du mir von Larry Fisherman und seiner Schutzstation erzählt hast.“

Ich nicke seufzend. „Dabei ist es drei Monate her. Und schon sehr bald wird sich mein Leben radikal ändern.“

Ich muss daran denken, wie ich Larry Fisherman, den Gründer des „Chimps Sanctuary Centers“ kennengelernt habe. Er war mir von Anfang an sympathisch. Die Tierschutzorganisation, für die ich arbeite, unterstützt verschiedene Projekte, unter anderem das in Nigeria. In meiner Aufgabe in der Öffentlichkeitsarbeit habe ich Larry vor einiger Zeit um ein Interview gebeten. Wir sind danach privat ins Gespräch gekommen und ich erzählte ihm von Dads Job und wie wir Izzy aufgezogen haben  … dass ich gerne mit Menschenaffen arbeiten würde, mit denen ich mich im Zuge meines Biologie- und Zoologiestudiums besonders beschäftigt habe. Larrys Arbeit und Hingabe für die gequälten Schimpansen haben mich tief beeindruckt. Einige Treffen und Gespräche später hat er mir eine freie Stelle im Schutzreservat angeboten, mit Aussicht auf Verlängerung meines Vertrages. Mein Boss hat mich für diese Zeit freigestellt – da es ein Projekt ist, das mit unserer Organisation verbunden ist. Ich kann also nach der Zeit in Afrika zurück in meinen Beruf gehen. Seit einer Woche habe ich Urlaub, da ich vor meiner Abreise noch einige Dinge zu erledigen hatte und auch, um privat noch ein paar Tage mit meiner Familie verbringen zu können.

„Auch wenn es schwer ist, dich gehen zu lassen, sollst du wissen, dass ich sehr stolz auf dich bin“, sagt Dad und reißt mich damit aus meinen Gedanken. „Du hast unglaublich viel erreicht.“

Ich sehe ihn lächelnd an.

„Danke, Dad. Und ich bin froh, dass du mir das Fortgehen nicht so schwer machst. Dass du mich immer in allem unterstützt.“

„Natürlich tu ich das“, antwortet er nachdrücklich. „Aber es ist auch beruhigend, zu wissen, dass du jederzeit abbrechen und wieder in deinen Job zurückkehren kannst. Ich muss mich also nicht um deine Zukunft sorgen.“

Ich nicke zustimmend und Dad stößt mit seiner Bierflasche leicht gegen meine.

„Auf dich und deinen Erfolg, mein Sohn. Auf deine Arbeit in Nigeria, dass sie dich glücklich macht. Und dass du uns gesund wieder nach Hause kommst.“

Ich will gerade etwas erwidern, als ich das leichte Quietschen der Haustür vernehme.

„Ach, hier seid ihr. Ich hab mich schon gewundert.“

Dad und ich sehen gleichzeitig zur Tür, wo Tess in einem rosa Jogginganzug im Türrahmen steht. Ihr hellbraunes, langes Haar ist noch feucht, was heißt, dass wir uns heute nicht mehr ums Bad streiten müssen.

Ich grinse. „Hey, Küken. Setz dich zu uns, wir genießen den lauen Sommerabend und sprechen über meinen wahnsinnig anstrengenden Tag im Zoo.“

Tess grinst, quetscht sich zwischen Dad und mich und nimmt mir die Bierflasche aus der Hand.

„Dann haben dich Jamie und Thomas also ordentlich auf Trab gehalten?“, fragt sie amüsiert und trinkt ein paar Schlucke, bevor sie mir die Flasche zurückreicht.

„Das kann man wohl sagen“, antworte ich lachend. „Ich bin so fertig, als hätte ich den ganzen Tag im Steinbruch gearbeitet.“

Wir sitzen noch eine ganze Weile draußen und genießen die Zeit, die wir zusammen verbringen dürfen. In diesem Moment kann ich mir noch gar nicht vorstellen, so lange auf meine Lieben verzichten zu müssen.

~ * ~

Am Wochenende vor meiner Abreise haben wir ein paar Leute eingeladen, von denen ich mich verabschieden möchte, bevor ich nach Nigeria gehe. Ich bin etwas nervös, denn es werden nicht nur Freunde und Familie da sein, sondern auch der Mensch, mit dem ich die letzten zwei Jahre in einer Beziehung verbracht habe. Dass Marc überhaupt noch mit mir spricht, zeugt von seinem ungewöhnlich gutmütigen Charakter. Kurz nachdem ich das Jobangebot in Afrika bekam, habe ich mit ihm Schluss gemacht. Ich kann nicht verlangen, dass er zwei oder womöglich drei Jahre auf mich wartet – auch wenn ich mir fast sicher bin, dass er es tun würde. Das war nicht der Hauptgrund, warum ich unsere Beziehung beendet habe, aber es hat mir die Entscheidung, diesen Schritt unendlich erleichtert. Ich liebe ihn – aber schon länger nicht mehr auf die Art und Weise, die eine Beziehung braucht. Irgendwann hat sich meine anfängliche Verliebtheit in ehrliche Zuneigung verwandelt  … Zuneigung zu einem sehr guten und vertrauten Freund.

Ich habe Marc noch nie ausflippen sehen, er verliert niemals die Beherrschung und sieht in Allem und Jedem nur das Gute. Vielleicht war es unter anderem diese Tatsache, die uns immer weiter voneinander entfernt hat. Zumindest in meinen Augen. Man kann nicht mal mit ihm streiten, weil er immer so verdammt ruhig bleibt und stets nachgibt. Marc ist unheimlich zärtlich und liebevoll – doch negative Emotionen gehören nun Mal auch zu einer Beziehung – und die gibt es bei ihm quasi nicht. Er wird nie laut, oder macht mal etwas völlig Verrücktes. Marc ist so ganz anders als ich. Ich bin abenteuerlustig, launisch und sehr emotional. Eigentlich wäre es perfekt, denn er sollte mein ruhender Gegenpol sein. Aber so einfach ist es leider nicht.

Nicht einmal, als ich unsere Beziehung beendet habe, hat er so reagiert, wie man es erwarten würde. Klar, er war geschockt und unendlich traurig, es hat auch Tränen gegeben. Er hätte um mich kämpfen können, doch Marc ist kein Kämpfer. Er hat mich gebeten, es mir noch mal zu überlegen, aber als ich ihm sagte, ich hätte unheimlich lange darüber nachgedacht und es wäre das Beste, hat er es so hingenommen.

Ich unterhalte mich gerade mit Daisy Green, unserer vergesslichen Nachbarin, als ich Tess und Marc in meine Richtung kommen sehe. Meine Schwester und mein Ex-Freund sind beste Freunde, sie gehen zusammen auf die Uni. Meine kleine Schwester hat mich damals mit Marc verkuppelt, wir haben uns von Anfang an verstanden. Ich wusste von Tess, dass er schwul ist – aber ich hätte es ohnehin schnell bemerkt. Er konnte die Augen nicht von mir lassen, war jedes Mal sichtlich nervös, wenn wir uns gesehen haben – und irgendwann hat mir Tess gesagt, dass er total in mich verknallt ist. Schließlich war ich derjenige, der nach einem Date gefragt hat, sonst wäre das nie etwas geworden. So kam eines zum anderen und einige nette Gespräche und Dates später waren wir ein Paar.

„Was feiern wir denn heute, junger Mann?“

Daisy Greens kratzige Stimme unterbricht meine Gedankengänge. Ich sehe hinunter in ihr runzeliges, kleines Gesicht, mit der viel zu großen Brille auf der Nase und lächle sie freundlich an.

„Ich fliege doch nächste Woche nach Afrika, Mrs. Green. Ich wollte mich einfach von den Menschen verabschieden, die mir wichtig sind.“

Mrs. Green zieht ihre Augenbrauen so hoch, dass sie beinahe unter dem grauen Pony ihrer Perücke verschwinden.

„Oh, du hast gar nichts davon gesagt“, antwortet sie sichtlich irritiert und ich spare mir die Mühe, ihr zu widersprechen, denn sie vergisst es ohnehin wieder. „Dann wünsche ich dir einen schönen Urlaub, Josh. Aber muss es denn ausgerechnet Afrika sein? Da ist es doch viel zu heiß. Und es gibt wilde Tiere. Hast du dir das auch gut überlegt?“

Ich atme tief durch und nicke.

„Ähm  … klar, Mrs. Green. Das hab ich.“

In dem Moment sind Marc und Tess endlich da.

„Mrs. Green!“, begrüßt meine kleine Schwester unsere Nachbarin überschwänglich. „Sie sehen heute wieder hinreißend aus.“ Sie zwinkert mir zu und bedeutet Marc und mir, dass wir uns aus dem Staub machen sollen. „Wollen wir uns Bowle holen?“

Daisy Green nickt begeistert und hakt sich bei Tess unter, die mich triumphierend angrinst.

„Wusstest du, dass dein Bruder nach Afrika geht?“, höre ich noch, als ich mich zu Marc umdrehe.

„Hey“, begrüße ich ihn nervös. „Schön, dass du kommen konntest.“

„Josh“, sagt Marc zurückhaltend, während er die Hände in seinen Hosentaschen vergräbt. „Na ja, ich dachte  … wir werden uns lange nicht sehen und ich wollte nicht, dass du denkst …“ Er sieht mich an und blickt dann rasch zu Boden. „Weißt du, ich bin natürlich enttäuscht und immer noch traurig, aber ich möchte, dass du mit dem Wissen nach Afrika gehst, dass ich für dich da sein werde, wenn du mich brauchst. Ich will dich trotzdem in meinem Leben haben, auch wenn wir nicht mehr zusammen sind.“

„Das will ich auch, Marc“, antworte ich erleichtert. „Und du kannst auch weiterhin auf mich zählen.“

Marc sieht wieder auf und ich bilde mir ein, dass er eine Träne wegblinzelt. Er will gerade noch etwas sagen, als plötzlich unsere Nachbarn, die Housemans, neben uns stehen.

„Josh“, begrüßt mich Lucy freundlich. „Wir wollten uns für die Einladung bedanken und dir alles Gute für Afrika wünschen. Wir finden toll, was du da machst.“ Sie lächelt so breit, dass ihre etwas hervorstehenden Zähne aufblitzen und überprüft kurz ihre Hochsteckfrisur. Dann blickt sie zu ihrem Mann und zu ihrer Tochter. „Nicht wahr, ihr Lieben?“

Fergus Houseman, ein außergewöhnlich großer Mann Ende vierzig, nickt grinsend und streckt mir die Hand entgegen.

„Alles Gute, Josh. Komm uns gesund wieder, ja?“

Ich sehe zu ihm auf und ergreife seine Hand.

„Danke, Fergus. Ich werde mein Bestes geben.“

„Na dann wollen wir mal die anderen begrüßen, oder, Lucy?“ Fergus nimmt die Hand seiner Frau und lächelt mir freundlich zu. „Kommst du, Greta?“

„Ähm  … gleich, Dad.“

Greta Houseman steht wie angewurzelt da und starrt mich an. Ihre Wangen färben sich dunkelrot, wie immer, wenn wir uns sehen. Greta macht keinen Hehl daraus, dass sie mich anhimmelt, sogar einen Heiratsantrag habe ich von ihr bereits bekommen. Gut, da war sie neun, aber sie schwört, dass sich an ihren Gefühlen auch nach fünf Jahren nichts geändert hat. Dass ich schwul bin, weiß sie, aber sie sagt, irgendwann würde ich schon merken, dass ich es doch nicht bin. Als hätte sie meine Gedanken erraten, blickt sie Marc an, als wäre er irgendein störendes Insekt. Mein Ex-Freund nimmt es gelassen und zuckt mit den Achseln.

„Hey, ich misch mich mal unter die Leute, ja?“ Er sieht mich belustigt an, denn er weiß genau, was jetzt kommt. Ich rolle innerlich mit den Augen, dann straffe ich die Schultern und widme mich meiner kleinen Freundin.

„Na, wie geht’s dir, Greta?“

Sie sieht zu mir auf. Aus ihrem langen, schwarzen Zopf hat sich eine Strähne gelöst, die sie sich hinters Ohr schiebt. Sie ist von Natur aus ein sehr blasser Typ, aber heute ist sie käseweiß. Ihre Lippen beginnen, zu beben, während sich ihre Augen mit Tränen füllen.

„Na wie soll es mir denn schon gehen?“, fragt sie trotzig, ihre silberne Zahnspange blitzt kurz hervor. „Du kehrst mir und Großbritannien den Rücken zu und lässt mich mit nervigen Eltern und gebrochenem Herzen zurück. Aber du sollst wissen, dass ich auf dich warten werde.“ Sie unterstreicht ihren letzten Satz mit einem entschlossenen Kopfnicken und verschränkt die Arme vor der Brust. Fassungslos von so viel Theatralik weiß ich gar nicht, was ich sagen soll.

„Ähm  … sorry, ich  …“, stammle ich irritiert, doch sie hebt die Hand, um mich zum Schweigen zu bringen.

„Schon gut, Josh. Du musst tun, was du tun musst. Aber es wird sehr schwer zu ertragen sein.“ Jetzt rollt ihr eine Träne über die Wange, die sie rasch mit dem Handrücken fortwischt. Sie sollte definitiv weniger dieser kitschigen Liebesromane lesen, mit denen ich sie meistens antreffe. Die triefen oft vor Schmalz mit Titeln wie Sehnsucht der gequälten Herzen oder Für immer du oder gar keiner und sind bestimmt nicht für vierzehnjährige, pubertierende Mädchen geeignet.

Ich überlege kurz, ob ich ihr ein für alle Mal sagen soll, dass aus uns nie ein Paar werden kann, da ich keinen Bock habe, zu warten, bis sie einundzwanzig wird und ich außerdem für alle Ewigkeiten schwul bleiben werde. Aber da ich Angst vor einem Heul- oder Schreikrampf habe, lasse ich es lieber.

„Ach, Greta  …“, sage ich stattdessen. „Genieße dein Leben und denk nicht so viel an mich, während ich fort bin, okay?“

Greta sieht mich mit riesigen Augen an und gibt einen empörten Ton von sich. Sie will etwas erwidern, doch in diesem Moment erlöst mich meine Schwester Jenny.

„Hey, Josh. Kommt ihr kurz ins Wohnzimmer?“, sagt sie und wirft Greta ein freundliches Lächeln zu, das diese mit mentalen Giftpfeilen erwidert. Wie kann es Jenny aber auch wagen, unsere womöglich vorerst letzte Konversation zu stören? „Dad hat eine kleine Rede vorbereitet, die er jetzt gerne loswerden möchte, bevor er noch nervöser wird.“ Sie grinst mich amüsiert an.

„Okay“, erwidere ich und werfe Greta einen versöhnlichen Blick zu. „Na komm.“

Unsere Gäste haben sich alle im geräumigen Wohnzimmer versammelt. Ich stelle mich zu Tess und Marc, Greta weicht nicht von meiner Seite. Dad steht am Kamin und schlägt mit einem kleinen Löffel ein paarmal gegen sein Sektglas, woraufhin das allgemeine Gemurmel verstummt. Er legt den Löffel auf dem Kaminsims ab und kämmt sich in einer nervösen Geste mit den Fingern durch das Haar.

„Liebe Freunde, liebe Familie  …“, beginnt er feierlich. „Ich freue mich, dass ihr alle gekommen seid. Wie ihr wisst, wird Josh in zwei Tagen nach Nigeria aufbrechen.“ Er deutet auf mich, woraufhin mich alle ansehen und zustimmend miteinander tuscheln. Mir ist das unangenehm und ich spüre, wie mir Hitze ins Gesicht steigt. Tess grinst mich von der Seite an und hakt sich bei mir unter. „Er wird in einer Auffangstation arbeiten, in der gequälte und hilflose Schimpansen Schutz finden“, fährt Dad fort. In seiner Stimme schwingt Stolz mit, aber auch Wehmut und eine gewisse Angst.

„Wilderer sind ein großes Problem in Afrika und nur durch den teilweise lebensgefährlichen Einsatz von Tierschutzorganisationen können einige Tiere gerettet werden. Das Fleisch von Schimpansen und Gorillas ist in vielen Regionen Afrikas heiß begehrt. Sie werden grausam abgeschlachtet und landen als sogenanntes ‚Buschfleisch‘ auf Märkten. Das Fleisch der Jungtiere ist unbrauchbar, deswegen werden sie oft als Haustiere oder Spielzeug verkauft.“ Er schüttelt traurig den Kopf. „Durch meine Arbeit im Zoo drehte sich in unserer Familie lange Zeit fast alles um diese wundervollen Tiere.“ Dad sieht mich an und lächelt in seiner Erinnerung daran. „Daher ist es nicht verwunderlich, dass meine Kinder diese Liebe teilen. Als ich vor achtzehn Jahren ein Schimpansenbaby mit nach Hause nahm, um es aufzupäppeln, ahnte ich bereits, dass dies kein leichtes Unterfangen wird. Gut, dass ich bei drei Kindern schon etwas erprobt darin war.“ Dad lacht verschmitzt, wir stimmen alle in das Lachen mit ein. Als es wieder ruhiger wird und vereinzelt nur noch Gekicher zu hören ist, fährt Dad fort. „Izzy brachte unseren Familienalltag ganz schön durcheinander.“ Er blickt in die Runde und scheint zu überlegen, ob er den nächsten Satz wirklich aussprechen soll. „Meine  … Ex-Frau war zu diesem Zeitpunkt bereits beruflich viel unterwegs und nachdem sich unsere Wohnung in ein Affenhaus verwandelt hatte, konnte sie sich plötzlich vor Aufträgen kaum mehr retten und wir bekamen sie immer seltener zu Gesicht.“

Ich beiße mir verlegen auf die Lippen und beobachte die anderen Gäste, die betreten schweigen. Tess legt ihren Kopf an meine Schulter und drückt meinen Arm.

„Jenny war zu diesem Zeitpunkt bereits ausgezogen und so war ich mit Josh, Tess und Izzy alleine. Tess war erst vier Jahre alt und ging noch in den Kindergarten.“ Er wirft ihr einen zärtlichen Blick zu und fügt hinzu: „Sie war so wild, dass ich manchmal nicht wusste, ob der Affe oder sie gerade durchs Wohnzimmer sprangen. Einmal hat sie Izzy ihre Puppenkleider angezogen und wollte ihn mit in den Kindergarten nehmen.“

Alle lachen wieder und Tess rollt belustigt mit den Augen, während sie Dad mit einer Handbewegung zum Schweigen bringen will.

„Sie war natürlich noch viel zu klein, um zu begreifen, dass Schimpansen wilde Tiere sind und wir Izzy auf das Leben in einer Gruppe vorbereiten müssen.“

Dad zeigt auf mich. „Dieser junge Mann war mir damals die größte Hilfe, die ich mir hätte wünschen können. Josh war genau wie seine Geschwister öfter bei mir im Zoo und hat mir bei der Arbeit über die Schulter geschaut. Von Anfang an habe ich die besondere Liebe und Hingabe gespürt, die er für die Schimpansen empfunden hat. Er hat Izzy gefüttert und mit ihm gespielt  … auch in der Nacht. Damals hat er angefangen, Bücher über Menschenaffen zu lesen und stundenlang Dokumentationen geschaut. Ich bekam etwas Ärger mit der Schule, weil Josh im Unterricht ab und zu eingeschlafen war. Die Befürchtung, dass er Stoff versäumt, war völlig unbegründet. Schließlich hat er später Biologie und Zoologie studiert und einen tollen Job gefunden.“ Er nickt mir zu und spricht mich direkt an. „Und jetzt gehst du nach Nigeria. Wir wissen alle, dass dies etwas ganz Besonderes ist und sind sehr stolz auf dich – auch wenn wir uns auf den Tag freuen, an dem du wieder bei uns sein wirst.“ Er hebt sein Glas und prostet mir und den Gästen zu. „Auf dich, Josh. Mögest du immer glücklich sein mit dem, was du tust! Und jetzt seid ihr von meinem Geschwafel erlöst!“

Wir prosten uns lachend zu, während Dad zu uns rüberkommt. Tess küsst mich flüchtig auf die Wange und lässt meinen Arm los.

„Schöne Rede, Dad“, sage ich gerührt. „Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Oh Mann, ihr werdet mir wirklich fehlen.“ Wir umarmen uns kurz, Dad klopft mir auf die Schulter.

„Du wirst uns auch sehr fehlen, Junge. Ich wollte einfach, dass alle genau wissen, was du machst und dass deine Familie sehr stolz auf dich ist.“

„Das sind wir wirklich“, stimmt Tess zu. „Auch wenn ich mir noch gar nicht vorstellen mag, wie es ohne dich sein wird.“

Ich führe einige nette Unterhaltungen, alle sind sehr interessiert an meiner Arbeit in Nigeria und stellen mir allerhand Fragen, die ich gerne beantworte. Meine Schwestern suchen ganz bewusst meine Nähe, als ob sie jede Sekunde auskosten wollten, die wir noch zusammen sind. Dad ist unheimlich bemüht um unsere Gäste und versucht, niemanden zu vernachlässigen. Jamie und Thomas wuseln ständig zwischen den Leuten umher und unterhalten auf ihre ganz eigene, liebenswerte Art. Ich habe das Gefühl, Marc geht absichtlich schon mal etwas auf Abstand, auch wenn er mir immer wieder verstohlene Blicke zuwirft. Er ist einer der ersten, der die Party verlässt und bittet mich, ihn hinauszubegleiten.

Wir gehen langsam nebeneinander den Kiesweg entlang bis zum Gartentor. Die Stimmung ist gedrückt, ich schlucke einen dicken Kloß in meiner Kehle hinunter. Am Tor legt Marc die Hand auf das weiß gestrichene Holz und seufzt leise.

„Jetzt ist es also so weit“, sagt er leise, seine Stimme klingt zittrig. Seine blauen Augen schimmern dunkel im Schein der Straßenlaterne, als er mich traurig ansieht.

„Komm her.“ Ich ziehe Marc in meine Arme. „Ich wünsche dir, dass du jemanden findest, der dich so liebt, wie du es verdient hast. Du bist der gutherzigste Mensch, der mir je begegnet ist.“ Ich atme einmal tief ein und wieder aus. „Du bist mir unheimlich wichtig und wirst immer einen Platz in meinem Leben haben. Wenn du mich lässt. Ich will dich als Freund nicht verlieren.“

Marc antwortet eine ganze Weile nicht, er hält mich nur fest, gräbt seine Finger in meine Schultern. Dann löst er sich sachte von mir und sieht mich nachdenklich an.

„Du wirst mich nicht verlieren, Josh. Aber ich werde einige Zeit brauchen, um darüber hinwegzukommen, dass wir nicht mehr zusammen sind.“ Er wendet rasch den Blick ab und zuckt hilflos mit den Schultern. „Es ist gut, dass du so weit weg sein wirst, denn ich brauche diesen Abstand jetzt. Auch wenn ich mir noch gar nicht vorstellen kann, wie ich ohne dich leben soll.“

Es bricht mir fast das Herz, ihn so zurücklassen zu müssen.

„Ach, Marc“, sage ich nachdrücklich. „Du bist erst zweiundzwanzig. Du wirst wieder jemanden finden.“

„Jetzt tu doch nicht so, als wärst du zwanzig Jahre älter als ich!“, herrscht er mich an, doch sofort entschuldigt er sich wegen seines Tons.

„Nein, mir tut es leid“, flüstere ich schulterzuckend.

Marc wendet den Blick ab. „Ich muss gehen“, sagt er mit brüchiger Stimme. „Alles Gute, Josh. Pass auf dich auf.“ Er öffnet das Tor und geht, ohne sich noch einmal umzudrehen.

„Marc!“ Ich sehe ihm nach und muss dem Drang widerstehen, ihm nachzulaufen. Aber das würde alles nur noch schlimmer machen. Plötzlich höre ich rasche Schritte hinter mir und spüre gleich darauf eine Hand auf meinem Arm.

„Tess.“ Ich blicke in das verständnisvolle Gesicht meiner kleinen Schwester.

„Mach dir keine Sorgen, ich kümmere mich um Marc, versprochen“, sagt sie ruhig. „Es ist schwer für ihn, weil er dich liebt. Aber die Zeit wird es ihm leichter machen und ich bin sicher, dass ihr eines Tages Freunde sein könnt. Nicht sofort, aber mit ein wenig Abstand  … wenn du aus Afrika zurückkommst. Dann bestimmt.“

Ich seufze schwer und blicke auf die orangerote Sonne, die gerade hinter den gegenüberliegenden Häusern verschwindet.

„Ich hoffe es, Tess. Ich hoffe es wirklich. Es war nie meine Absicht, ihm wehzutun. Marc hat nur das Beste verdient, ich möchte, dass er glücklich ist.“

„Ich weiß“, antwortet Tess leise. „Und Marc weiß das auch.“ Sie tätschelt meinen Arm und deutet mit einem Kopfnicken zu meinem Ex-Freund, der die Straße hinuntergeht. „Ich gehe ihm nach, er braucht mich jetzt.“ Sie ruft nach ihm, woraufhin er stehen bleibt und sich umdreht.

„Danke, Küken. Ich hab dich lieb.“

„Ich dich auch. Bis gleich.“

Etwas deprimiert gehe ich zurück ins Haus, wo nun allgemeine Aufbruchsstimmung herrscht.

Als Erstes verabschieden sich die Housemans mit einer heulenden Greta. Sie lässt sich von mir in den Arm nehmen und ich verspreche, ihr etwas aus Afrika mitzubringen. Das beruhigt sie – wenn auch nur ein kleines bisschen. Dann folgt Mrs. Green, die mich beim Hinausgehen fragt, ob ich ihr nächste Woche behilflich sein könnte, weil das Wasser in ihrer Dusche nicht richtig abläuft. Ich antworte ihr resignierend, dass ich es mir ansehen werde, weil es ohnehin keine Rolle spielt, was ich sage.

Nun bleiben noch meine Schwester Jenny, Pete und die Kinder. Jenny drückt mich fest.

„Hey, ich bin dann am Montag frühzeitig da – wir fahren mit meinem Wagen zum Flughafen, ja?“

Ich nehme sie in den Arm und nicke.

„Okay, danke, Jenny.“

Sie küsst mich auf die Wange und tritt zur Seite, um Pete Platz zu machen.

„Pass auf dich auf, Josh“, sagt er in seinem unüberhörbaren, schottischen Akzent. „Versprichst du mir das?“ Er reicht mir die Hand und zieht mich in eine herzliche Umarmung.

„Natürlich“, erwidere ich. „Und du auf meine Schwester und die Jungs. Wir sehen uns.“

Er nickt mir zu und nimmt Thomas hoch, der ungeduldig zappelnd an ihm hochspringt. Kaum hat ihn Pete auf dem Arm, lehnt sich Thomas zu mir rüber und zieht mich an sich. Seine kleinen Ärmchen schlingen sich fest um meinen Hals, als ich ihn Pete abnehme und an mich drücke.

„Zeit, Abschied zu nehmen, Kumpel“, sage ich leise. „Wir sehen uns spätestens Weihnachten, ja? Seid brav und besucht mir Izzy ab und an.“ Thomas schüttelt vehement den Kopf, seine Schultern beben.

„Ich will aber mit dir in den Zoo“, beginnt er, zu schluchzen. „Bitte bleib hier, Onkel Josh.“ Er weint so heftig, dass es mir fast das Herz bricht.

„Tom  … ich bin doch nicht für immer weg“, versuche ich, ihn zu trösten. „Die Zeit vergeht ganz rasch, versprochen. Ich bin viel schneller wieder da, als du glaubst. Und dann fahren wir als Erstes in den Zoo.“

„Aber das dauert soooooo lange“, schluchzt er gegen meinen Hals, der schon ganz nass ist. „Izzy weint bestimmt auch ganz doll.“

Jamie fällt solidarisch in das Schluchzen mit ein und umklammert meine Taille.

„Hey, hey, hey  … was habe ich denn da für zwei kleine Äffchen an mir hängen?“, frage ich gespielt belustigt, dabei hätte ich am liebsten mit geheult. Aus dem Augenwinkel bemerke ich, wie sich Jenny verstohlen eine Träne fortwischt. Ich setze Thomas behutsam ab, gehe in die Hocke und lege die Hände auf die Schultern meiner Neffen. Sie blicken mich schniefend an, Thomas zieht einen Schmollmund. Ich spüre einen Stich in der Brust und denke daran, wie lieb ich die beiden habe. „Ich werde ganz viele Fotos von dort machen, wo ich arbeite – und natürlich von den Schimpansen. Und die schicke ich eurer Mum aufs Handy. Ihr schreibt mir zurück und wir können auch skypen. Also sehen wir uns ja eigentlich ab und zu, ja? Und dann werdet ihr sehen, vergeht die Zeit bis Weihnachten doppelt so schnell.“

„Versprochen?“, fragt Jamie weinerlich.

Ich nicke und ziehe beide Jungs in eine feste Umarmung.

„Versprochen.“

Thomas hat vor lauter Weinen Schluckauf bekommen.

„Ich sag  … Hicks! … Izzy, dass du bald  … Hicks!  … wiederkommst, damit er nicht traurig ist. Hicks!“

Jamie lacht ihn aus, woraufhin Thomas ihm gegen die Schulter boxt.

Dad, Tess und ich begleiten die kleine Familie noch mit hinaus und winken Jennys Wagen nach, bis er am Ende der Straße abbiegt.

3

Juni

Ich sehe durch das kleine Fenster des Flugzeuges, wie mein geliebtes London immer kleiner wird. Schließlich verschwindet es unter einer dicken Wolkendecke und ich seufze schwermütig und erleichtert zugleich auf. Jetzt gibt es endgültig kein Zurück mehr, das Abenteuer Nigeria kann beginnen. Gute sechs Stunden Flug liegen vor mir, sechs Stunden, in denen ich über vieles nachdenken kann. Meine Gedanken springen hin und her, dass ich sogar für einige Momente vergesse, wie sehr ich das Fliegen hasse. Das Gefühl, mein Leben dieser Maschine und einem fremden Menschen anzuvertrauen, der sie steuert, macht mir Angst. Nervös blicke ich auf den Bildschirm, der die Höhenmeter und die Flugmeilen anzeigt und atme einmal tief ein und aus.

Ich vermisse meine Familie jetzt schon, es wird eigenartig sein, frühmorgens nicht mit Tess ums Badezimmer streiten zu müssen. Ich fühle einen stechenden Schmerz in der Brust, als ich an das tränennasse Gesicht meiner kleinen Schwester denke. Ihr fällt es besonders schwer, mich gehen zu lassen, da wir sehr viel Zeit miteinander verbringen.

Der Abschied am Flughafen war schrecklich. Jenny und Tess haben geweint und es mir damit noch schwerer gemacht, zu gehen. Auch Dad hat seine Tränen nicht verbergen können und hat mich angesteckt. Das muss ein herzzerreißendes Bild abgegeben haben und der ein oder andere Passagier hat bestimmt geglaubt, ich wandere für immer aus oder gehe ins Exil.

Ich muss an Marc denken – seine traurigen Augen, als ich ihm noch mal sagte, es hätte keinen Sinn, auf mich zu warten. Ich hoffe nur, er kommt schnell darüber hinweg und findet einen netten Kerl, der es ernst mit ihm meint. Wir werden Freunde bleiben – das weiß ich, weil es mit Marc gar nicht anders sein kann. Wenn es einen Orden für Güte geben würde, wäre er der Erste, dem dieser verliehen wird.

Mit den Flugstunden steigt auch meine Nervosität. Ich freue mich sehr auf das Wiedersehen mit Larry Fisherman und bin gespannt auf das „Chimps Sanctuary Center“ und meine neuen Kollegen.

Dass ich einen sehr gefährlichen Job angenommen habe, ist mir bewusst. Die Organisation hat Feinde – allen voran die Wilderer und diejenigen, die mit dem Buschfleisch Geschäfte machen. Bei den Rettungsaktionen geraten die Mitarbeiter der Schutzstation des Öfteren in Lebensgefahr. Es hat bereits Zwischenfälle gegeben, bei denen Leute verletzt wurden. Ein afrikanischer Ranger kam vor einiger Zeit bei einem Schusswechsel ums Leben. Das alles hat mir Larry offen gesagt und mich von Anfang an auf die Gefahren hingewiesen. Diese Tatsachen habe ich Dad und meinen Schwestern natürlich verschwiegen.

~ * ~

Als der Kapitän die bevorstehende Landung ankündigt und ich meinen Gurt anlege, steigt meine Nervosität. Meine Hände sind feucht, ich wische sie an meiner Jeans ab und sehe aus dem Fenster. Der Flieger durchbricht die Wolkendecke und es wird etwas holprig. Ich klammere mich automatisch an den Armlehnen meines Sitzes fest, obwohl ich weiß, dass das ganz normal ist. Und dann tut sich die unendlich weite, grün- und sandflächige Landschaft Afrikas vor mir auf, vereinzelt durchzogen von feinen Linien  … eindeutig Flüsse und größere Straßen.

Ich atme noch einmal tief durch und wappne mich mental auf das wahrscheinlich größte Abenteuer meines Lebens.

Pünktlich um halb eins Mittag lande ich in Abuja, der Hauptstadt Nigerias. Ich werfe einen Blick auf mein Handy, das bereits die Ortszeit halb zwei anzeigt.

Als ich aus dem Flugzeug steige, hüllt mich das feucht-heiße Klima Afrikas ein, als würde ich in ein Dampfbad fallen. Zusammen mit den anderen Fluggästen geht es in einem viel zu kleinen, überfüllten Bus zum Terminal. Von der einheimischen Familie mit schreienden Kindern, über den weißen Geschäftsmann im Anzug und in farbenfrohe Stoffe bekleidete Männer und Frauen ist alles vertreten. Es ist laut und stickig im Transfer und ich bin froh, als ich nach einigen Minuten wieder aussteigen kann. Ich lasse mich von der Menge bis zur Gepäckausgabe treiben, wo ich auf meinen Trolley warte. In Afrika geht alles etwas langsamer und behäbiger zu, weswegen beinahe eine Dreiviertelstunde vergeht, ehe ich mit meinem Gepäck Richtung Ausgang marschieren kann. Abujas Flughafen hat nur zwei Terminals – einen für Inlands- und einen für Auslandsflüge. Daher ist alles recht überschaubar und es dauert nicht lange, bis ich Larry im Wartebereich entdecke. Zwischen den vielen bunten Kleidern und den überwiegend dunkelhäutigen Menschen ist es nicht schwer, ihn auszumachen. Er ist ein großer Mann mit breiten Schultern, Ende fünfzig. Sein Haar ist schon mehr grau als dunkelbraun, genau wie sein Bart. Am auffälligsten ist seine runde John-Lennon-Brille, ohne die ich ihn gar nicht kenne.

Ich bin überrascht und erfreut zugleich, dass er mich persönlich abholt.

„Josh!“ Er winkt mir zu und schüttelt überschwänglich meine Hand, als ich ihn erreicht habe. „Ich wollte eigentlich einen Fahrer schicken, konnte mir aber dann doch die Zeit nehmen, um dich selbst abzuholen“, begrüßt er mich herzlich. „Willkommen in Nigeria – wie war dein Flug?“

„Hallo, Larry“, erwidere ich. „Danke, es hat alles wunderbar geklappt.“

Wir durchqueren die Halle und verlassen das Flughafengebäude durch einen der Hauptausgänge.

„Woah  … ich wusste, dass es heiß hier ist, aber das übertrifft meine Vorstellungen“, sage ich grinsend, ziehe ein Haargummi aus der Tasche und fasse meine Haare im Nacken zu einem lockeren Knoten zusammen.

Larry lacht. „Ja, wir haben heute bestimmt wieder kuschelige fünfundfünfzig Grad in der Sonne. Und jetzt herrscht natürlich auch noch die große Mittagshitze. Aber du wirst dich schnell daran gewöhnen, glaub mir.“

Auf dem Parkplatz erkenne ich Larrys Auto sofort, denn der große, schwarze Jeep hat seitlich das Logo und die Aufschrift des „Chimps Sanctuary Center“ aufgeklebt.

Ich lehne mich im Sitz zurück, während Larry den Motor anlässt.

„Es sind gute zwei Stunden Fahrt bis zur Schutzstation“, erklärt er mir. „Aber wir haben ja Gott sei Dank eine Klimaanlage.“ Er grinst. Ich nicke ihm lächelnd zu und lege den Gurt an.

„Das ist gut“, antworte ich erleichtert und sehe mich neugierig um, als wir den Flughafen verlassen und auf eine zweispurige Autobahn fahren. Die Straßen sind staubig und teilweise fehlen die Markierungen, aber ich habe mir das alles noch viel bescheidener vorgestellt. Larry scheint zu ahnen, was mir durch den Kopf geht.

„Die Airport Road führt bis nach Abuja“, sagt er. „Bis zur Hauptstadt brauchen wir eine gute halbe Stunde, dann noch mal eineinhalb Stunden bis zur Schutzstation. Warte mal ab – du wirst aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommen, wenn wir gleich durch Abuja fahren.“ Er lächelt geheimnisvoll. „Wer noch nicht hier war, glaubt nicht, wie erstaunlich westlich doch diese Stadt wirkt. Und das Umland hat durchaus sehr schöne Fleckchen – bestimmt hast du mal die Gelegenheit, diese zu sehen.“

„Ich bin sehr gespannt, was mich hier alles erwartet“, erwidere ich. „Es wird völlig anders sein als das, was ich bisher gemacht habe, aber ich freue mich auf diese neue Herausforderung.“

Larry nickt. „Die Arbeit ist unglaublich erfüllend und wir sind jeden Abend stolz auf das, was wir geschafft haben“, sagt er. „Diese Tiere zu retten und ihnen die Chance auf ein neues Leben zu geben, erfüllt einen mit großer Befriedigung und Stolz. Aber wir haben natürlich auch sehr gefährliche und traurige Momente. Schließlich läuft es nicht immer so, wie wir uns das vorstellen. Für einige Schimpansen kommt jede Hilfe zu spät, oder sie sterben kurz darauf im Schutzreservat an den Folgen ihrer Gefangenschaft. Das Schicksal der Affen ist schrecklich und manchmal kaum zu ertragen, aber jedes einzelne Tier, das gerettet werden kann, gibt Hoffnung und die Kraft, diese wichtige Arbeit weiterzumachen.“ Er sieht mich kurz an und widmet sich dann wieder der Straße. „Ich bin mir ganz sicher, dass du sehr gut in unser Team passt, Josh. Und wir sind sehr froh, dass du da bist. Eins der Teams besteht momentan nur aus zwei Mitarbeitern, dadurch springt einer immer hin und her. Das ist auf Dauer anstrengend und manchmal schwer zu organisieren – vor allem wenn jemand krank ist, oder Urlaub hat. Jetzt können wir uns wieder ganz auf unsere Schützlinge konzentrieren.“

Während der Fahrt staune ich über das ständig wechselnde Landschaftsbild. Wir fahren etwa zehn Minuten lang durch Einöde, an Müllbergen und rostigen Autowracks vorbei, bis wir in das Stadtcenter von Abuja kommen. Die Hauptstadt erscheint optisch in einigen Teilen tatsächlich sehr westlich. Hochhäuser mit glänzenden Fassaden, von Palmen gesäumte Hauptstraßen und weiße Zäune vor größeren Anwesen wechseln sich mit ärmeren Vierteln ab, die im Kontrast dagegen schmutzig und heruntergekommen sind. Ich ahne bereits jetzt, dass dieses Land viel mehr bietet, als sich die meisten vorstellen können. Wir unterhalten uns über allgemeine Dinge und Larry erzählt mir, dass er seit 2004 mit seiner Frau Sulola, einer Nigerianerin, verheiratet ist. Als er zwei Jahre zuvor aus Texas nach Nigeria kam, hat er als reicher Geschäftsmann die Zelte in seiner Heimatstadt Dallas abgebrochen und das „Chimps Sanctuary Center“ aus eigener Tasche finanziert und aufgebaut. Seine Firma, die mit Immobilien und Aktien handelt, leiten mittlerweile seine erwachsenen Söhne aus erster Ehe.

„Ich bin damals mit einem meiner besten Freunde nach Nigeria gekommen“, erklärt Larry. „Mason Steward ist Tierarzt und mit mir der Dienstälteste im Reservat. Du wirst ihn sicher heute noch kennenlernen.“

Wir sind noch nicht lange raus aus der Stadt – und es kommt mir vor, als hätte man einen Schalter umgelegt und uns aus der Zivilisation herauskatapultiert. Anstatt Hochhäuser, Geschäfte, saubere Straßen und Parkanlagen hinter uns zu lassen, fahren wir auf staubigen Wegen, die umgeben sind von wilder Natur, Wäldern, Felsen und abgelegenen Dörfern. Zum Teil scheinen die Hütten nur aus Pappe, Holz und Wellblechen zu bestehen.

Ich zucke zusammen, als eine Hupe ertönt. Uns kommt gerade ein Transporter entgegen, auf dem so viele Menschen sitzen, dass ich Angst habe, dass einer von ihnen herunterfällt. Nicht nur auf der Ladefläche, sondern auch auf dem Dach befinden sich Männer und Frauen, die uns fröhlich zuwinken. Larry bemerkt mein erstauntes Gesicht und lacht auf.

„Das ist ganz normal. Hier besitzen nur sehr wenige Menschen ein Auto und so werden Fahrgemeinschaften gegründet, die oft aus einem ganzen Dorf bestehen. Sie fahren meist zum nächsten Markt oder zu einem Brunnen, um Wasservorräte zu holen.“

„Ich möchte nicht wissen, wie voll der Transporter ist, wenn sie zurückfahren“, antworte ich kopfschüttelnd, woraufhin Larry wieder lacht.

„Du würdest dich wundern, was da noch alles drauf geht.“ Er fährt in seinem Bericht über die Anfänge des Schutzcenters fort und ich erfahre, dass es Anfeindungen von Einheimischen gab. Nicht nur die Dorfbewohner, die teilweise Angst vor den Menschenaffen haben, standen dem Projekt feindselig gegenüber. Die größte Gefahr ging von denjenigen aus, die Geschäfte mit dem sogenannten Buschfleisch machen. Deswegen ist das rund sechshundert Hektar große Areal, auf dem das Reservat erbaut wurde, mit schweren, hohen Stacheldrahtzäunen abgesperrt und wird rund um die Uhr von bewaffneten Parkrangern bewacht. Es gab aber auch einige, die gekommen waren, um zu helfen – darunter ein Lehrer aus einem der umliegenden Dörfer und seine Schwester Sulola.

„Sulola ist dank des Einflusses ihres Bruders gebildet, kann lesen und schreiben, was hier nicht selbstverständlich ist“, erklärt mir Larry. „Und sie spricht sehr gut Englisch. Aus der Gruppe der freiwilligen Helfer stach sie mit ihrer offenen, freundlichen Art hervor und ist mir bereits am ersten Tag aufgefallen“, schwärmt er, während ein verträumtes Lächeln auf seinen Mundwinkeln liegt. „Sie wollte alles über die Schimpansen und unsere Arbeit wissen – aber genauso interessiert war sie daran, wo ich herkomme und was ich dort gemacht habe. Es hat nicht lange gedauert, sich in diese Frau zu verlieben. Ihr Bruder ist noch ihr einziger, lebender Verwandter und so bat ich ihn irgendwann um die Hand seiner Schwester. Er hat sofort zugestimmt, weil er sie versorgt und in guten Händen wusste.“

„Ich freue mich schon darauf, deine Frau kennenzulernen“, erwidere ich, als wir gerade auf einen holprigen Feldweg abbiegen. Ich kann bereits die von Larry erwähnten Stacheldrahtzäune erkennen, die die Grenzen des Reservats bilden und ahne, welch riesige Ausmaße es hat. Schließlich kommen wir an ein großes, schweres Eisentor, das geschlossen ist. Ein bewaffneter Ranger kommt sofort aus dem Wachhäuschen, doch als er Larrys Wagen erkennt, winkt er uns zu und öffnet uns das Tor.

„Wir fahren erstmal zum Hauptgebäude und gehen in mein Büro“, erklärt Larry. „Ich stelle dir ein paar Kollegen vor und anschließend zeige ich dir, wo du wohnen wirst.“

Ich nicke. „Das hört sich gut an“, antworte ich zustimmend und blicke aus dem Fenster. „Wow“, sage ich beeindruckt. „Man hat das Gefühl, in eine andere Welt zu gelangen.“

„Ich weiß“, antwortet Larry schmunzelnd. „Das sagt jeder, der das erste Mal herkommt.“