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Verena Rank

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Beschreibung

Nach einem heftigen Streit mit seinem Vater baut Jan mit seinem Motorrad einen Unfall. Als er aufwacht, glaubt er seinen Augen nicht zu trauen: eine schier undurchdringliche Dornenhecke umgibt ihn. Erst nach und nach wird ihm klar, dass er im Märchenreich gelandet ist. Und offenbar hat er eine wichtige Aufgabe zu erfüllen - er soll dem hübschen Prinzen bei seiner Mission beistehen. Doch auch der sexy Wolf hat es auf ihn abgesehen. Wie soll Jan sich entscheiden? Und gibt es einen Weg zurück nach Hause?

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Seitenzahl: 352

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Verena Rank

wachgeküsst

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2015

http://www.deadsoft.de

© the author

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com/

Bildrechte:

© Christine Krahl – fotolia.com

© Taiga – fotolia.com

© ASjack – fotolia.com

1. Auflage

ISBN 978-3-945934-16-6 (print)

ISBN 978-3-945934-17-3 (epub)

Inhalt:

Nach einem heftigen Streit mit seinem Vater baut Jan mit seinem Motorrad einen Unfall. Als er aufwacht, glaubt er seinen Augen nicht zu trauen: eine schier undurchdringliche Dornenhecke umgibt ihn. Erst nach und nach wird ihm klar, dass er im Märchenreich gelandet ist. Und offenbar hat er eine wichtige Aufgabe zu erfüllen - er soll dem hübschen Prinzen bei seiner Mission beistehen. Doch auch der sexy Wolf hat es auf ihn abgesehen. Wie soll Jan sich entscheiden? Und gibt es einen Weg zurück nach Hause?

Für alle, die noch an Märchen glauben …

1

München, Sommer 2015

„An deiner Stelle würde ich erst gar nicht hingehen, Jan! Komm doch gleich mit uns ins Sunshine. Bitte!“ Julia beobachtete mich vom Sofa aus und erwartete meine Antwort. Ich zupfte ein Blatt vom Kopfsalat ab, ging damit zu Herman hinüber und öffnete den Käfig meiner Schildkröte.

„Das kann ich nicht machen, Juli. Sie sind meine Eltern. Es ist mein dreißigster Geburtstag und sie haben mich zum Essen eingeladen.“ Ich legte das Salatblatt in Hermans Futterschale. „Ich komm doch nach, versprochen.“ Herman kam gemächlich angewackelt, streckte den Kopf weit aus seinem Panzer und schnappte nach seinem vegetarischen Abendessen. „Guten Appetit, Herman.“ Ich machte die Klappe des Käfigs wieder zu und sah zu meiner besten Freundin hinüber. Sie band sich ihr dunkles, widerspenstiges Haar zu einem kunstvollen Knoten. Mit ihrer schwarzen Hornbrille, und so streng, wie sie mich jetzt anblickte, glich sie eher einer Lehrerin als einer Medizinstudentin. Julia stieß ein Seufzen aus, erhob sich und kam zu mir herüber.

„Darum geht’s doch gar nicht. Sorry, wenn ich so über deinen Vater rede, aber er ist ein verdammter Ignorant! Er akzeptiert dich nicht, so wie du bist – Hauptsache das Ansehen der Familie und des Hotels bleibt nach außen hin perfekt!“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust, imitierte Kotzgeräusche und verzog das Gesicht. Ich musste lachen, aber insgeheim wusste ich ja, dass sie recht hatte.

„Solange er nicht akzeptiert, dass du schwul bist, würde ich ihn genauso ignorieren wie er dich. Und deine Mama guckt immer nur zu. Warum sagt sie nicht endlich mal was? Sie betont dir gegenüber immer, dass es für sie keinen Unterschied macht, aber vor ihm kuscht sie.“

Ich dachte über Julias Worte nach und einen winzigen Moment war ich drauf und dran, meinen Eltern abzusagen. Irgendeine Ausrede zu erfinden. Aber das konnte ich nicht bringen. Ich griff nach den beiden Krawatten, die ich mir zurechtgelegt hatte, und hielt sie hoch.

„Schwarz oder grau, Doc?“

Julia lächelte versöhnlich. Sie studierte Medizin im zweiten Semester und liebte es, wenn ich sie Doc nannte.

„Die Schwarze passt besser zur Hose.“

„Weißt du, meine Mutter hat schon immer nach Vaters Pfeife getanzt. Das ist schon so, solange ich denken kann, und das wird sich vermutlich auch nie ändern. Ich weiß nicht, wie sie seine patriarchische Art aushält.“ Ich seufzte kopfschüttelnd und legte mir die Krawatte um den Nacken. „Aber du vergisst, dass wir ein gut gehendes Hotel zusammen führen. Ich kann nicht den kleinen, bockigen Jungen spielen – wir müssen als Familienunternehmen funktionieren“, erklärte ich ihr, während ich an diesem bescheuerten Schlips herumfummelte. Ich stieß einen Fluch aus. „Ach, ich hasse diese saublöden Dinger! Hilfst du mir mal?“

Julia schlug grinsend meine Hand weg und entwirrte den missratenen Knoten.

„Ich weiß, dass es eine schwierige Situation für dich ist“, sagte sie verständnisvoll, während sie mir die Krawatte band. „Trotzdem ist das unfair und das hast du nicht verdient.“ Sie zupfte ein paar Fussel von meinem Hemd. „Ich kann einfach nicht verstehen, wie sich jemand an der sexuellen Ausrichtung eines Menschen stören kann. Noch dazu der eigene Vater!“ Julia sah wütend aus. „Dieser Mist hat schon deine Beziehung zu meinem Bruder zerstört. Wäre dein Dad nicht so verbohrt, wärt ihr vielleicht heute noch zusammen.“

Ich schüttelte den Kopf. „Das mit Mark und mir ist bald drei Jahre her! Wir waren lange zusammen, Juli. Klar war es nicht einfach, dass meine Eltern die Beziehung komplett ignoriert haben und wir nie zusammen zu Familienfeiern gehen konnten. Aber daran allein hat unsere Trennung nicht gelegen. Jeder ist irgendwann seinen eigenen Weg gegangen. Heute verstehen wir uns doch viel besser als früher.“ Ich zwinkerte ihr zu. „Mach dir meinetwegen nicht so viele Gedanken.“ Ich küsste Julia flüchtig auf den Scheitel. „Vielleicht kapiert mein alter Herr es ja irgendwann.“

Juli verdrehte die Augen. „Das bezweifle ich zwar, aber ich wünsche es dir natürlich.“

Ich trat einen Schritt zurück und breitete die Arme aus. „Und? Kann man mich so auf die Straße lassen?“

Julia musterte mich intensiv und rieb sich das Kinn, als müsse sie überlegen. Dann begann sie anzüglich zu grinsen und hob die Augenbraue.

„Würdest du nicht auf Kerle stehen, hätte ich dich spätestens heute angebaggert. Du siehst sehr sexy aus. Allerdings befürchte ich, dass die Lederhose nicht so gut bei deinen Eltern ankommt.“

Ich lachte und schnappte mir meine Geldbörse, Handy und den Schlüsselbund vom Küchentisch.

„Danke, Schatz. Wäre ich nicht schwul, wärst du die Erste, die ich flachlegen würde. Und mir ist egal, was sie zu meiner Hose sagen. Ich fahr mit dem Motorrad und trage meine Lederhose, fertig. Es hat geheißen, Hemd und Krawatte und diese Kriterien habe ich erfüllt, oder?“ Ich zwinkerte Julia zu, die amüsiert auflachte.

„Außerdem werde ich heute dreißig und nicht drei. Und jetzt raus mit dir, wir sehen uns nachher im Sunshine.“

„Lass es nicht zu spät werden, wir warten auf dich. Und dann wird abgefeiert!“ Julia vollführte auf dem Weg zur Wohnungstür Tanzbewegungen, und ich konnte nicht widerstehen, ihr einen Klaps auf den Hintern zu geben. Sie kicherte und schlug meine Hand weg. Im Flur blickte ich noch mal in den Spiegel, um meine Frisur zu überprüfen. Mit meinen Haaren war ich furchtbar pingelig, die mussten immer perfekt sein. Ich fuhr mit einer Hand durch das lange Deckhaar meines Undercuts und hoffte, der Motorradhelm würde nicht alles zerstören. Dann schlüpfte ich in meine Lederjacke und schnappte mir den Helm von der Kommode, bevor wir zusammen mein Appartement verließen.

*

Das Restaurant, das mein Vater ausgesucht hatte, war eines der exklusivsten in der Münchener Innenstadt. Wir besuchten es des Öfteren, sämtliches Personal kannte uns. Geiz konnte man Vater nicht nachsagen – zumindest was Geld betraf. Allerdings wäre es mir lieber, er wäre mit seinen Gefühlen auch so großzügig gewesen.

Bevor ich eintrat, überprüfte ich noch einmal den Sitz meiner Krawatte und kämmte mit gespreizten Fingern durch mein Haar. Mein Lieblingskellner Maurice hielt mir unverzüglich die Tür auf und nach einem kurzen, irritierten Blick auf meine Lederhose lächelte er amüsiert. Er war süß, ich mochte seine Sommersprossen und sein rotes gelocktes Haar, von dem sich immer einige Strähnen aus seinem Zopf stahlen. Seine Blicke waren eindeutig, das hatte ich bereits bei meinem ersten Besuch bemerkt.

„Guten Abend, Herr König. Darf ich Ihnen die Jacke und den Helm abnehmen?“

„Sicher, danke.“ Ich zog die Lederjacke aus und reichte sie ihm zwinkernd. „Soll ich sonst noch was ablegen?“, fragte ich frech, während ich ihm den Helm in die Hand drückte. Da war es wieder, dieses schüchterne Grinsen! Und seine Wangen nahmen die Farbe seiner Haare an. Ja, er war definitiv mein Lieblingskellner und ich genoss es jedes Mal aufs Neue, den Rotschopf aus der Fassung zu bringen.

„Ähm …“ Er lachte verlegen und machte eine einladende Handbewegung.

„Die Herrschaften sind bereits da. Moment, ich führe Sie sofort zu Ihrem Tisch.“ Rotschopf drehte sich dreimal um die eigene Achse, bevor ihm wieder einfiel, wo sich die Garderobe befand. Ich musste mir ein Lachen verkneifen. Nachdem er meine Sachen weggebracht hatte, ging er voran und ich konnte einen Blick auf seinen knackigen Hintern werfen.

Als ich meine Eltern an einem Tisch in einer kleinen Nische sitzen sah, bemerkte ich sofort, dass sie nicht alleine waren. Ich hatte eigentlich nur die beiden erwartet. Mein Vater sah auf, als ich mich dem Tisch näherte, und sprach mit der jungen Dame, die neben ihm saß. Ich stutzte. Was hatte das zu bedeuten?

Wie zu erwarten, warf Vater einen abwertenden Blick auf die schwarze Lederhose, verkniff sich jedoch einen Kommentar. Er stand auf und streckte mir die Hand entgegen.

„Jan, schön, dass du da bist. Alles Gute zu deinem Geburtstag.“ Ein kurzer Händedruck, ein gezwungenes Lächeln – das war alles.

Mama erhob sich von ihrem Platz und drückte mich an sich. Ich wusste, dass sie mich so liebte, wie ich war, und doch stand sie in Vaters Schatten und würde nie etwas tun, das ihn verärgern könnte. Es schien, als besäße sie keinen eigenen Willen.

„Alles Gute, Schatz“, flüsterte sie mir ins Ohr, bevor sie einen peinlich berührten Blick auf die junge Dame warf, die mich mit offenkundigem Interesse beobachtete.

Vater räusperte sich. „Jan, darf ich dir Silvia Kronstädter vorstellen?“

Ich war im ersten Moment so irritiert, dass ich beinahe meine guten Manieren vergessen hätte. Was hatte diese Frau Kronstädter bei meinem Geburtstagsessen zu suchen?

Ich reichte ihr die Hand. „Guten Abend“, begrüßte ich sie knapp, was ihre Augen aufblitzen ließ. Ein breites Lächeln offenbarte zwei strahlend weiße Zahnreihen. Ihre Haare waren glatt und platinblond gefärbt und offensichtlich war sie kurz zuvor in einen Farbtopf gefallen.

„Alles Gute zum Geburtstag, Herr König“, flötete sie mit einer unangenehmen Pieps-Stimme, die jeden Hund in die Flucht geschlagen hätte. Sie legte den Kopf schief und musterte mich intensiv. „Ihr Vater war so nett, mich einzuladen.“ Ihr Blick verweilte ein paar Sekunden auf meiner Lederhose.

„Ähm, danke“, antwortete ich gedehnt, während wir uns alle setzten. Ich wollte gerade fragen, wer sie genau war, als mir Vater zuvorkam.

„Frau Kronstädter ist sozusagen dein Geburtstagsgeschenk“, eröffnete er mir gekünstelt heiter. Bevor meine Kinnlade herunterklappen konnte, fuhr er fort. „Sie wird dich von nun an im Büro unterstützen, wo es nur geht. Am Besten verbringt ihr erst einmal viel Zeit miteinander, um euch kennenzulernen.“ Er sah mich kein einziges Mal an, während er sprach. Stattdessen zupfte er unentwegt imaginäre Fussel von der Tischdecke.

„Wie bitte?“, sagte ich erstickt. „Bei allem Respekt, Vater, aber wobei sollte mich Frau Kronstädter denn unterstützen?“, fragte ich verwundert. „Ich wüsste nicht, wobei ich Unterstützung bräuchte. Ich bin bisher gut alleine zurechtgekommen.“

„Oh, ich fand einfach, du bräuchtest eine Sekretärin“, erwiderte Vater und zwinkerte mir auf eine Art und Weise zu, die sämtliche Alarmglocken schrillen ließ.

„Vater, was soll das?“, fragte ich gepresst. Ich spürte, wie mein Blut vor Zorn in Wallung geriet. „Was genau wird das hier?“

Vater blickte zwischen mir und Wasserstoffbarbie hin und her.

„Nun mach doch keine so große Sache daraus, Sohn.“ Er lachte süffisant in die Runde, bevor er mich wieder ansah. „Ich dachte, du könntest Frau Kronstädter erst einmal die Stadt zeigen. Sie kommt aus Berlin und kennt sich in München noch nicht aus.“

Gut, dass wir noch nicht gegessen hatten, denn spätestens jetzt wäre mir alles wieder hochgekommen. Ich stieß ein bitteres Lachen aus und stand so schnell auf, dass mein Stuhl umkippte. Mir platzte endgültig der Kragen.

„Sag mal, hältst du mich für so bescheuert, dass ich nicht weiß, was hier abläuft? Ich glaube, dass du mich noch immer nicht richtig verstanden hast, Vater – und darum sage ich es dir gerne noch einmal klar und deutlich zum Mitschreiben! Ich bin schwul, verdammt noch mal!“

Genau in diesem Moment kam sexy Sommersprosse mit der Speisekarte um die Ecke getänzelt. Er riss die Augen auf und blieb abrupt stehen. Zuerst starrte er mich an, dann meinen Vater, und dann wieder mich. Sein Blick schwankte zwischen völligem Entsetzen und absoluter Begeisterung. Die Speisekarten hielt er fest an seine Brust gepresst. Ich deutete mit einem Kopfnicken auf ihn.

„Wenn du mir dieses reizende Exemplar an den Tisch gesetzt hättest, wäre es etwas anderes gewesen, aber Barbie kannst du behalten!“ Meine Stimme überschlug sich fast, ich musste mich beherrschen, um nicht noch lauter zu werden. Sommersprosse wurde dunkelrot und begann peinlich berührt zu grinsen, während meine Eltern und Frau Krondingsbums fassungslos wirkten. Vater hatte eine rötlichblaue Gesichtsfarbe, die mir Angst machte, Mutter war weiß wie Ziegenkäse und Barbie hob pikiert eine gezupfte Augenbraue.

„So siehts aus!“, fügte ich hinzu. „Und wenn du das nicht akzeptieren kannst, tut es mir leid für dich! Mich jetzt auch noch mit einer Frau verkuppeln zu wollen, ist das Allerletzte!“

Vater starrte mich völlig perplex an, bevor er sich panisch umsah. Die Leute in unserer näheren Umgebung sahen zu uns herüber und schüttelten tuschelnd die Köpfe.

„Nicht so laut, was sollen denn die Leute sagen? Beruhige dich, Jan!“

 „Ich soll mich beruhigen?“ Ich machte eine ausholende Handbewegung in Richtung der anderen Gäste. „Oh ja, natürlich! Was sollen denn die Leute sagen?“ Ich schnaubte. „Das ist wohl dein einziges Problem, was? Was die Leute von dir denken, weil du einen schwulen Sohn hast!“

„Jan! Ich verbitte mir …“

„Ich verbitte mir auch so einiges!“, unterbrach ich ihn. „Steck dir dein Geburtstagsessen sonst wo hin! Ich gehe jetzt mit meinen Freunden feiern, die akzeptieren mich nämlich so, wie ich bin!“

Ich nickte den Damen kurz zu und murmelte ein: „Entschuldige, Mama.“

„Aber Jan!“ Sie erhob sich und streckte die Hand nach mir aus, doch Vater warf ihr einen mahnenden Blick zu.

„Setz dich, Elvira! Wir erregen schon genug Aufmerksamkeit!“

Sie gehorchte und sah sich peinlich berührt um.

Scheiße, ich hatte es so satt! Ich wandte mich ohne ein weiteres Wort um, und schenkte Sommersprosse im Vorbeigehen noch ein Zwinkern, worauf er mich schmachtend anblickte. Dann verließ ich fluchtartig das Restaurant. Ich hatte das Gefühl, keine Luft mehr zum Atmen zu haben. Ein verschreckter Kellner reichte mir an der Garderobe rasch meine Jacke und den Helm. Ich stürzte auf die Straße hinaus, riss mir die Scheiß-Krawatte vom Hals und schleuderte sie auf den Gehweg. Nachdem ich in meine Jacke geschlüpft war und den Helm aufgesetzt hatte, zog ich meine Schlüssel aus der Tasche. Ich schwang mich auf meine BMW, ließ den Motor an und brauste davon.

*

Der Türsteher vom Sunshine nickte mir grüßend zu, als ich den Vorraum der Diskothek betrat. Von drinnen hörte man schon die Bässe wummern, ich vernahm den typischen Geruch der Nebelmaschinen. Als ich eintrat, blendeten mich die rotierenden bunten Lichtkegel über der Tanzfläche, aus den Boxen trällerte Pharrell Williams sein Happy. Toll, das konnte er sich gerade sonst wo hinschieben!

Das Sunshine war, wie jeden Samstag, brechend voll. Ich bahnte mir einen Weg durch die Menschenmenge, um zu unserem Treffpunkt zu gelangen. Julia hatte Gott sei Dank reserviert. Ich war immer noch so wütend, dass ich gute Lust hatte, mich zu besaufen, um die ganze Scheiße für einen Moment zu vergessen. Schöner Geburtstag! Ich war fast am anderen Ende der Tanzfläche angelangt, als mich plötzlich jemand am Arm zurückhielt. Ich wandte mich verwundert um und entdeckte Sandra, eine ehemalige Angestellte des Hotels. Sie hatte ganz offensichtlich schon etwas zu viel getrunken, so wie sie sich plötzlich an meinen Hals warf und mich an ihre Brust drückte.

„Jan, das freut mich aber, dass wir uns mal wieder treffen!“, brüllte sie gegen die laute Musik an mein Ohr. „Wie geht’s dir? Bist du öfter hier?“ Sie grinste und hopste im Takt der Musik, sodass mir bei jedem Happy ihr Busen fast ins Gesicht sprang.

Ich hatte eigentlich gar keine Lust auf eine Unterhaltung, aber die Gute konnte ja nichts für meine schlechte Laune. Ich neigte mich zu ihr hinunter.

„Hi, Sandra! Ja, ab und zu bin ich mit Freunden hier. Heute feiere ich meinen Geburtstag!“, schrie ich in ihr Ohr.

Sie stieß einen entzückten Laut aus und drückte mich gleich noch mal an sich.

„Oh mein Gott, herzlichen Glückwunsch! Wie alt wirst du denn?“

„Dreißig. Ich feiere oben in der Lounge mit ein paar Freunden. Willst du mit hochkommen?“

Sandra strahlte über das ganze Gesicht, sie nickte hastig. Dann sah sie sich um, als würde sie jemanden suchen.

„Ich bin aber mit einer Freundin hier!“

„Dann bring sie doch mit!“

„Okay, super! Bis gleich!“

Ich nickte ihr flüchtig zu und drängte mich weiter durch die tanzende Menge, bis ich endlich die Treppe erreichte, die in die Lounge hinauf führte. Der obere Bereich war durch Glaswände abgetrennt, sodass man drinnen noch gut die Musik hörte, sich aber besser unterhalten konnte.

Ich entdeckte Julia und die anderen gleich an unserem Stammtisch und ging zügig hinüber. Julia zog verwundert die Brauen zusammen, als sie mich sah, und blickte auf ihre Armbanduhr. Sie kam auf mich zu und wie immer merkte sie sofort, dass etwas nicht stimmte. Sie kannte mich so gut … fast schon beängstigend gut.

„Schatz, was ist passiert?“ Sie umarmte mich. „Hab ich dir nicht gesagt, geh nicht hin?“

Ich erwiderte die Umarmung und wünschte uns beide in meine Wohnung, wo wir in Ruhe reden könnten. „Ich hätte auf dich hören sollen, verdammte Scheiße!“

Bevor ich ihr mehr erzählen konnte, hatten mich meine Freunde entdeckt. Die meisten kannte ich von der Hotelfachschule, oder noch länger.

„Heeeeeey, da ist ja unser Geburtstagskind! Jetzt wird gefeiert!“ Ich musste mich zusammennehmen und gute Laune vorspielen, als mir einer nach dem anderen gratulierte. Mark, mein Ex und zugleich Julias Bruder, umarmte mich herzlich und küsste mich auf die Wange.

„Alles Gute, Jan. Na? Das Essen mit deinen Eltern scheint ja nicht so spannend gewesen zu sein.“ Er blickte auf seine Uhr. „Wolltest du sie nicht um acht treffen? Es ist noch nicht mal neun.“

Ich machte eine abwertende Handbewegung und schüttelte den Kopf.

„Ach frag nicht. Es war die reinste Katastrophe.“ Ich bemühte mich, Gleichgültigkeit vorzutäuschen und wuschelte ihm kurz durch die blonden Locken. „Und? Wie geht’s dir? Was macht die Liebe?“ Wenn ich ihn so anblickte, sehnte ich mich manchmal nach der Zeit zurück, in der wir noch zusammen waren. Er sah verdammt gut aus. Sportliche Figur, männlich-kantiges Gesicht und ein strahlendes Lächeln. Er war treu, zärtlich und zuverlässig, besaß Humor. Zum einen gab ich Julia recht: Es hatte viele Streitgespräche gegeben, wegen meiner Familie. Aber das allein war es nicht. Wäre er der Richtige gewesen, wären wir noch zusammen. Heute war ich froh, so einen guten Freund in ihm gewonnen zu haben.

Mark riss mich aus meinen Überlegungen. „Ach, ich genieße momentan das Single-Leben. Genau wie du, oder?“ Er zwinkerte mich grinsend an. „Und jetzt vergiss deine Eltern mal für ein paar Stunden und lass uns feiern!“

Julia drückte mir ein Glas Sekt in die Hand und wir stießen alle gemeinsam an.

Als sich meine Freunde nach einer Weile etwas verteilten und in kleinen Grüppchen standen, zog mich Julia zur Seite.

„Also, was ist passiert? Hat er dir etwa an deinem Geburtstag eine Standpauke über das Schwulsein gehalten?“

Ich stieß ein bitteres Lachen aus. „Das wäre noch erträglich gewesen. Es war viel schlimmer.“

Julias Augen wurden groß. „Schlimmer?“, wiederholte sie entsetzt. „Was hat dieser Mistkerl getan?“

Kaum hatte ich ihr die Geschichte von Wasserstoffbarbie erzählt, sah ich meine Ex-Arbeitskollegin Sandra mit einer Blondine hereinkommen, die Frau Krondingsbums so ähnlich sah, dass ich im ersten Moment dem Drang widerstehen musste, ängstlich hinter Julias Rücken zu springen.

„Huhuuuuuu!“ Sandra winkte mir so enthusiastisch zu, dass ihr fast die Brüste aus dem Dekolleté sprangen. Erst jetzt bemerkte ich, dass auf ihrem pinkfarbenen Shirt „GLITZER BITCH“ stand. Julia krallte sich in meinem Hemdsärmel fest. „Was ist das denn?“, fragte sie sichtlich irritiert. „Der städtische Silikon-Verein?“

„Ähm …“ Zu mehr Worten war ich nicht fähig. Hatte Sandras Busen schon eine beachtliche Größe, so war der ihrer Freundin so überdimensional, dass er schon da war, bevor sie die Hand ausstreckte, um mir zu gratulieren.

„Ich bin Chantal. Alles Gute zum Geburtstag, Jan! Schön, dich kennenzulernen.“

Die Art und Weise, mit der sie mich musterte, ließ mich schlussfolgern, dass ihr Sandra nicht gesagt hatte, dass ich schwul bin. Chantal streckte die andere Hand aus und hielt mir eine Flasche Sekt unter die Nase. „Der ist von Sandra und mir! Lass uns anstoßen, Süßer!“

„Ich möchte mich übergeben“, murmelte Julia in mein Ohr, während sich Sandra und Chantal frische Gläser vom Tisch nahmen. Besonders Chantal hatte offensichtlich viel zu viel getrunken und benahm sich übertrieben albern. Mike, einer meiner Kumpels, sah mich grinsend an, steckte sich die Hände unter das T-Shirt und formte mit den Fäusten riesige Brüste.

„Auf Jan, unser heißes Geburtstagskind!“, rief Chantal mit erhobenem Glas und kicherte. In meiner Schockstarre leerte ich mein Glas in einem Zug. Scheiße noch mal, was war das eigentlich für ein Geburtstag? Konnte es noch schlimmer kommen?

Die Frage beantwortete sich von selbst, als Monsterbusen-Chantal ihr Glas abstellte und mit einem Blick auf mich zukam, der meine Libido in ewiges Eis einschloss. Konnte ein Schwanz noch schlaffer werden als schlaff? Oh Gott, ich spürte ihn gar nicht mehr. Ich musste den Drang unterdrücken, mir prüfend in den Schritt zu greifen. Mein ganzer Körper fühlte sich taub an, als Chantal anfing, um mich herumzutänzeln und ihren Hintern an meinem Schritt rieb.

„Komm schon, Süßer! Sei nicht so verkrampft“, versuchte sie mich mit ihren weiblichen Reizen zu locken. „Bist du etwa schüchtern?“ Ihre Anmache war billig und ich war ohnehin schon genervt. Warum gingen die Mädels eigentlich immer davon aus, dass jeder Mann automatisch hetero war?

Sie drehte sich um, hob die Hand und wuschelte durch mein Haar. Das war das Schlimmste, was sie machen konnte – ich hasse es, wenn jemand ungefragt meine Haare anfasst! In meinem Kopf drehte sich alles … Bilder des Abends zogen vorbei. Ich hatte die Nase gestrichen voll. Hilflos sah ich zu meinen Freunden hinüber. Julia verdrehte die Augen, die anderen lachten, teilweise peinlich berührt. Mir wurde alles zu viel. Ich packte Chantal bei den Schultern und schob sie so weit von mir weg, dass ich ihr in die Augen blicken konnte.

„Lass das!“

Sie torkelte und blickte mich irritiert an.

„Was’n los, mein Süßer?“, fragte sie, während sie torkelnd nach meiner Hüfte grapschte, um sich festzuhalten.

Ich schüttelte den Kopf. „Erstens bin ich nicht dein Süßer, zweitens ist deine billige Anmache einfach nur peinlich. Wir kennen uns doch gar nicht!“

Chantal glotzte, als würde ich chinesisch sprechen. „Peinlich?“, wiederholte sie schrill. „Also das hat auch noch keiner zu mir gesagt!“ Sie verschränkte die Arme unter ihrem Monsterbusen und blies sich eine Haarsträhne aus der Stirn. Dabei wäre sie fast seitlich umgekippt, aber sie fing sich wieder. „Was bist du denn für ein verklemmter Spießer? Komm mal klar, Mann!“

Plötzlich stand Sandra neben ihr und wollte sie am Arm wegziehen.

„Chantal. Hör auf“, bat sie ihre Freundin sichtlich verlegen. Aber Chantal riss sich los und funkelte mich böse an.

„Hör mal, Mister Rühr-mich-nicht-an! Da unten sind massenweise Kerle, die würden alles tun, um mit mir tanzen zu dürfen!“ Sie drehte sich zur Seite und deutete mit einem Kopfnicken zu Julia. „Oder stehst du etwa auf die kleine Öko-Tante da drüben?“ Sie lachte ordinär.

„Meine Freundin besitzt natürliche Schönheit und Klasse, die du niemals erreichen wirst!“, antwortete ich und merkte, dass meine Stimme vor Wut zitterte. Jemand legte seinen Arm über meine Schultern. Es war Mark.

„Sorry, aber niemand beleidigt hier meine Schwester. Und lass Jan in Ruhe, du ruinierst seinen Geburtstag. Zieh Leine!“

Chantal glotzte Mark wütend an und stützte die Hände in die Hüften.

„Und wer bist du jetzt, Softie? Schwul, oder was?“

Noch bevor Mark antworten konnte, zog ich ihn an mich und drückte meine Lippen auf seine. Es fühlte sich schön an und sehr vertraut. Auf Chantal hatte der Kuss die gewünschte Wirkung, denn sie sog hörbar die Luft ein und trat einen Schritt zurück.

„Das ist ja widerlich!“ Sie drehte sich ein paar Mal im Kreis, auf der Suche nach ihrer Freundin. „Sandra, der ist ja schwul! Warum hast du mir das nicht gesagt?“

Sandra packte Chantals Arm und warf mir einen entschuldigenden Blick zu.

„Sie ist total betrunken. Wir gehen jetzt, tut mir echt leid, Jan.“

Plötzlich stand Mike neben uns und fragte, ob alles in Ordnung sei. Ich kannte ihn schon seit vielen Jahren, er hatte bei uns im Hotel eine Kochlehre absolviert. Mittlerweile besaß er eine eigene Kneipe, irgendwo am Stadtrand. Mike war ein Riesenkerl mit tätowierter Glatze und Ziegenbärtchen und Händen so groß wie Klodeckel. Er trug meistens Jeans und Lederjacke, in seinen Ohren steckten schwarze Plugs mit Totenköpfen. Wenn ich nicht wüsste, dass er keiner Fliege etwas zuleide tun könnte, hätte sogar ich Angst vor ihm. Nichts erinnerte mehr an den schlaksigen Kochlehrling von früher. Ich wollte lieber nicht wissen, in was für Kreisen er sich heute herumtrieb – und welche dubiosen Geschäfte sich unter seinem Ladentisch abspielten. In meinem Freundeskreis benahm er sich tadellos, und das war alles, was für mich zählte.

„Alles klar hier, oder muss ich jemandem zeigen, wo der Maurer das Loch gelassen hat?“, fragte er mit seiner tiefen Stimme und baute sich auf wie ein Schrank. Seine einsfünfundneunzig und die Optik zeigten Wirkung.

„Ähm, nein … nein, wir wollten grade gehen“, fiepte Sandra schrill und zerrte weiter an Chantals Arm.

Chantal schielte kurz irritiert von mir zu Mike hinauf und wieder zurück, dann zuckte sie mit den Schultern. „Ewig schade, um so einen heißen Kerl! Ewig schade!“, lallte sie, während sie von ihrer Freundin zur Tür hinaus geschoben wurde.

„Alles klar, Jan?“ Mark blickte mich einen Moment besorgt an. „Mann, war die betrunken.“ Dann grinste er mich verwegen an. „Übrigens: netter Kuss.“

Ich musste lachen, obwohl mir eigentlich gar nicht danach zumute war. Mark zog mich mit einem Arm an sich und küsste mich auf die Schläfe. „Ich hol mir noch was zu trinken. Soll ich dir etwas mitbringen?“

Ich schüttelte den Kopf. „Im Moment nicht, danke.“

„Okay.“

Mike klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter und ich nickte ihm dankbar zu.

„Weiber gibt’s“, brummte er kopfschüttelnd, während er sich wieder seiner Flasche Bier widmete und zu den anderen zurück ging.

Kaum waren Mark und Mike fort, tauchte Julia neben mir auf. „Oh Mann, die ist vermutlich auch ohne Alkohol nicht die hellste Kerze auf der Torte!“

Ich sah auf sie hinunter. „Sorry Juli, aber ich brauch mal ganz dringend frische Luft.“

„Soll ich mitkommen?“

„Nein, sei nicht böse, aber ich muss kurz allein sein. Irgendwie wird mir das alles gerade zu viel.“

„Ach Jan!“ Julia umarmte mich und streichelte meinen Rücken. „Es ist dein Geburtstag. Versuch, die ganze Scheiße mit deinen Eltern nicht so an dich ranzulassen und genieße deine Party. Deine Freunde sind hier und wir lieben dich, so wie du bist.“

Ich erwiderte die Umarmung kurz und nickte. „Ich werds versuchen. Lass mich nur ganz kurz. Ich komm gleich wieder.“

„Okay, ich bestell dir jetzt was Ordentliches zu trinken, du lässt deine Maschine stehen und schläfst heute Nacht bei mir. Was hältst du davon?“ Sie blickte mich lächelnd an und legte eine Hand auf meine Wange. „Wir quatschen und kuscheln die ganze Nacht und morgen mach ich dir dein Lieblingsfrühstück.“

Julia entlockte mir mit ihrem Angebot ein Lächeln. Ich nickte dankbar, nahm ihre Hand und setzte einen Kuss darauf.

„Was würde ich nur ohne dich machen, Doc?“

2

Ich trat hinaus in die laue Sommernacht und atmete tief durch. Meine Wut war nicht im Geringsten verflogen – im Gegenteil. Ich zitterte innerlich und hatte das Gefühl, gleich irgendwas kurz und klein schlagen zu müssen. Ich sah hinüber zu meiner Maschine und verspürte plötzlich den unbändigen Wunsch, aufzusteigen und einfach davonzubrausen. Ohne Ziel. Ich wusste, dass es unvernünftig war, schließlich hatte ich schon etwas getrunken. Mein Gemütszustand war auch nicht die beste Voraussetzung, aber vielleicht würde ich bei einer kurzen Spritztour den Kopf freikriegen. Ich ging noch mal hinein, um meine Jacke und meinen Helm zu holen.

Die Szene im Restaurant kreiste ständig in meinen Gedanken. Ich fuhr die Drygalski-Allee hinunter und gab Gas. Vielleicht konnte ich mit der vorbeiziehenden Landschaft das hinter mir lassen, was geschehen war. Dass mein Vater völlig ignorierte, wer ich war und wie ich leben wollte – und nun endgültig zu weit gegangen war – verletzte mich zutiefst. Ich ging anständig meiner Arbeit nach, war zuverlässig und schließlich vögelte ich ja nicht ständig an jeder Ecke irgendeinen Typen! Welche Vorstellungen hatte er denn um Himmels willen von Homosexuellen? Seit meiner Beziehung mit Mark war ich Single und mein Sexleben kaum vorhanden. Klar, ab und zu nahm ich mal einen Kerl aus der Diskothek mit nach Hause, aber das taten Hetero-Singles schließlich auch!

Völlig in Gedanken versunken nahm ich die Kreuzung viel zu spät wahr. Das Letzte, was ich registrierte, waren zwei Scheinwerfer, die sich in rasender Geschwindigkeit von rechts näherten. Ich musste schnell handeln. Bremsen wäre in dieser Situation völlig zwecklos gewesen, das hätte ich nicht mehr geschafft. Also gab ich Gas, um noch die Straße zu überqueren, bevor mich der Transporter erwischte. Mit einhundertzwanzig Sachen raste ich in ein Feld auf der anderen Straßenseite. Es ging alles wahnsinnig schnell. Ich verlor die Kontrolle über meine Maschine und flog mit dem Kopf voran über die Lenkstange. Scheiße! Mein Körper prallte irgendwo dumpf auf, grelle Blitze zuckten wild umher, dann wurde es plötzlich stockfinster.

*

Ich musste vorübergehend das Bewusstsein verloren haben, denn ich konnte mich nur vage an den Sturz erinnern. Das Letzte, von dem ich wusste, war mein stuntreifer Flug über die Lenkstange meiner BMW. Von da ab war alles weg. Ich lag auf dem Bauch, von meiner Maschine keine Spur. Mein Bein schmerzte sehr, aber es schien Gott sei Dank nicht gebrochen zu sein. Ich konnte zwar in der Dunkelheit kaum etwas sehen, doch ich spürte, dass mich meine Motorradkleidung vor größeren Schürfwunden bewahrt hatte. Noch etwas benommen setzte ich mich auf, nahm meinen Helm ab und versuchte mich zu orientieren. Wo ich auch hinsah, konnte ich nur dichtes Gestrüpp erkennen. Na wunderbar. Das war also der krönende Abschluss meines dreißigsten Geburtstages! Herzlichen Glückwunsch noch mal, Herr König!

Trotz der Schmerzen im Bein wollte ich aufstehen – und schrak zurück, als sich die Hecke plötzlich regte.

„Verdammt, was …“ Sie zuckte mit meinen Bewegungen mit, als würde sie nur darauf lauern, mich anzugreifen. „Was zum Henker …“  Ungläubig streckte ich den Arm aus, um zu testen, ob ich mich geirrt hatte – und stieß einen überraschten Laut aus, als die Dornenzweige mein Handgelenk packten. „Scheiße!“ Nur mit Mühe konnte ich mich davon befreien und schüttelte irritiert den Kopf. Ich sah mich nach meiner Maschine um und fluchte erneut. In diesem Gestrüpp brauchte ich erst gar nicht versuchen, sie zu finden, geschweige denn, damit zu fahren. Meine Gedanken wurden von einem Geräusch unterbrochen … einem schwachen Stöhnen. Ich horchte in die Dunkelheit – da, war es wieder!

Ich sah mich verwundert um und erkannte dank des Vollmondes in einigen Metern Entfernung die Umrisse eines Mannes. War er in den Unfall verwickelt? Hatte ich ihn etwa angefahren?

„Hallo?“ Meine Stimme klang belegt, ich räusperte mich.

„Helft mir …“ Die Stimme des Fremden war nur ein raues Flüstern.

Ich war für einige Sekunden wie erstarrt. Was zum Teufel machte der Typ da? Was war das hier überhaupt für eine Scheiße? Als er erneut aufstöhnte, zuckte ich zusammen.

„Ähm … ja warte, ich bin gleich bei dir.“ Als ich aufstehen wollte, schoss mir ein scharfer Schmerz ins Bein und ich sackte aufstöhnend zusammen. „Scheiße!“ Unterhalb des Knies fühlte es sich beunruhigend taub an, aber ich musste das jetzt irgendwie ignorieren, wenn wir hier rauskommen wollten. Vorsichtig richtete ich mich erneut auf und versuchte, das Bein nicht zu belasten. Ich hatte die Rechnung jedoch ohne das Killergestrüpp gemacht. Als ich erneut aufstehen wollte, griff es nach mir und bohrte sich schmerzhaft in meine Hand. Ich fluchte und überlegte einen Moment. Über das Wie und Warum nachzudenken, war erst mal sinnlos, also würde ich zunächst handeln müssen. Ich zog meine Lederhandschuhe aus der Jackentasche und streifte sie über, dann setzte ich meinen Helm auf und humpelte los. Die angreifenden Dornenzweige konnte ich, so geschützt, einigermaßen abwehren, und schaffte es schließlich, wenigstens bis zu dem Fremden vorzudringen. Hochkonzentriertes Adrenalin schoss durch meine Adern, ich bekam kaum noch Luft vom angestrengten Atmen. Ich musste aussehen – und mich anhören – wie Darth Vader für Arme.

Als ich bei dem Mann war, hob dieser schwerfällig den Kopf und erstarrte in völligem Entsetzen. Okay, ich sah offensichtlich wirklich lächerlich aus.

„Was … was bist du für ein Ungeheuer?“, stieß er atemlos aus und versuchte vergeblich, zurückzuweichen.

Ich nahm den Helm ab und sah ihn beleidigt an. „Hey, jetzt mach mal halblang“, entgegnete ich trocken. „Du siehst im Moment auch nicht gerade besser aus.“ Durch das fahle Licht des Mondes konnte ich ihn einigermaßen erkennen. Einige Strähnen seines langen Haares klebten an seinen Wangen, an denen getrocknetes Blut haftete. Erst jetzt bemerkte ich, was der Typ anhatte. Das Zeug hing ihm zwar teilweise in Fetzen herab, doch es war eindeutig nicht die neueste Mode. Er trug ein weißes Leinenhemd und darüber eine Art Brustpanzer aus Leder und Metall an den Schultern. Anscheinend kam er von einem dieser Mittelalter-Festivals, die gerade überall in der Gegend stattfanden. Womöglich war er mit etwas zu viel Met intus zu Fuß nach Hause gelaufen und hatte die Orientierung verloren.

Ich schluckte. „Hab … hab ich dich mit dem Motorrad erwischt?“, fragte ich schuldbewusst.

Er starrte mich einige Sekunden lang völlig entgeistert an, schien überhaupt nicht zu verstehen, was ich von ihm wollte.

„Helft mir “, entgegnete er schließlich schwach.

„Ähm …“ Ich sah mich verwirrt um. „Ich bin alleine.“

„Mein … Schwert!“ Der Kerl deutete mit einem schwachen Kopfnicken nach unten. Einen winzigen Moment war ich mir fast sicher, dass ich es mit einem Perversen zu tun hatte, als ich tatsächlich ein Schwert auf dem Boden liegen sah. Wow, der Typ war allem Anschein nach ein echter Mittelalter-Freak und hatte an alles gedacht. Wollte er etwa die Hecke mit diesem Spielzeug bezwingen?

Als ich mich bückte, um es aufzuheben, schlangen sich die Dornenzweige abermals um meine Arme und Handgelenke. Ich fluchte. „Was ist das eigentlich für eine Scheiße hier?“ Mit aller Kraft griff ich nach der Waffe, riss den Arm hoch und stöhnte überrascht auf. „Fuck, für eine Fake-Waffe ist die ganz schön schwer!“ Mit beiden Händen um den Griff des Schwertes gelang es mir, die Zweige abzuwehren. Mein Bein brannte mittlerweile wie die Hölle.

„Hey …“ Ich streckte die Hand nach dem Typen aus und berührte ihn an der Schulter. In diesem Moment geschah etwas Unglaubliches:

Die Dornenhecke zog sich plötzlich zurück, teilte sich und gab uns beide frei. Der Fremde sackte zusammen, ich konnte ihn gerade noch auffangen und sank mit ihm zu Boden. Der Schmerz in meinem Bein trieb mir Tränen in die Augen, doch ich biss die Zähne zusammen. Blinzelnd versuchte ich, etwas zu erkennen. Vor uns lag nun ein schmaler Pfad, der offensichtlich nach draußen führte.

„Ich schätze, wir haben Freigang“, sagte ich verblüfft. Ich richtete mich auf, dabei achtete ich darauf, dass ich nur das gesunde Bein belastete. Ich griff unter die Arme des Mannes und zog ihn hoch. Der Fremde stöhnte leise, sein Kopf fiel auf meine Schulter, und seine Arme baumelten an den Seiten herab. Ich entdeckte die Scheide für das Schwert, die an einem Ledergürtel um seine Taille hing, und steckte die Waffe hinein.

„Du … du musst schon mithelfen, sonst schaffen wir es nicht!“ Ich legte mir den Arm des Fremden um die Schultern und hielt ihn an der Hüfte fest. „Na komm schon!“ Aufgeregt blickte ich den Pfad hinunter. „Gleich sind wir draußen.“

Es war völlig verrückt, aber ich hatte Angst, die Dornenzweige könnten uns beide gleich wieder verschlucken. Das war doch alles so absurd! Bestimmt lag ich gerade im Krankenhaus und die Ärzte kämpften um mein Leben.

Der Kerl krallte sich an meiner Lederjacke fest. Wir stolperten und humpelten zusammen den engen Weg entlang und erreichten tatsächlich schon bald das Ende des Gestrüpps. Kaum waren wir draußen, schloss sich die Hecke mit lautem Rascheln. Wir ließen uns auf den Boden fallen, ich stieß einen Schmerzensschrei aus, als mein Bein rebellierte. Der Typ atmete heftig und blickte mich an. Der Mond schien direkt auf sein Gesicht, und das, was ich sah, gefiel mir ausgesprochen gut.

Bis er zu sprechen begann.

„Ich stehe tief in Eurer Schuld“, sagte er mit rauer Stimme. „Ihr habt mein Leben gerettet.“ Er deutete auf mein Bein. „Seid Ihr verletzt?“

„Äh …“ Ich tätschelte unbeholfen seine Schulter, worauf er mich fast brüskiert anblickte. Komischer Kauz. „Schon gut, mach dir keine Sorgen um mich“, antwortete ich kopfschüttelnd. „Bleib ganz ruhig, ich ruf uns ein Taxi.“ Ich griff in die Innentasche meiner Jacke und holte mein iPhone raus. Als ich es einschaltete, gab der Kerl einen überraschten Laut von sich und starrte das Ding an, als hätte er noch nie ein Handy gesehen. Der Typ war echt strange.

„Fuck! Kein Empfang … wir müssen in einem Funkloch stecken.“ Ich überlegte. Nachdem ich einen Unfall melden musste, konnte ich ohnehin auch die Notrufnummer wählen. Verdutzt stellte ich fest, dass nicht mal das ging. „Ich kann weder die Polizei noch den Notarzt rufen“, murmelte ich.

„Was ist das für Teufelszeug und worin stecken wir?“, fragte der Typ aufgeregt. Er war völlig durch den Wind und starrte immer noch mein Handy an. Was zum Henker hatte der sich reingeworfen? „Wen wollt Ihr rufen? Hier ist niemand weit und breit.“

Ich steckte mein Handy zurück in die Jacke und seufzte. Dieser Geburtstag wurde wirklich immer besser.

„Hey, hab ich dich am Kopf erwischt, oder hast du was genommen?“ Ich neigte mich vor und versuchte, seine Augen im Dunkeln besser zu erkennen. „Was zur Hölle gibt es auf diesen Festivals zu saufen?“

„Verzeiht, aber ich verstehe nicht. Ihr sprecht in Rätseln, wählt eigenartige Worte. Ihr habt mir das Leben gerettet und ich möchte mich bedanken.“

„Okaaaaaay …“ Oh. Mein. Gott. Ich wusste nicht genau, wie ich reagieren sollte. Warum mussten die heißesten Kerle immer entweder hetero oder verrückt sein? Der Fremde blickte sich indessen um und zuckte die Schultern.

„Ich bin müde und erschöpft. Sobald der Tag anbricht, wird jeder von uns seiner Wege ziehen. Ich habe eine Mission und diese ist, die Prinzessin von ihrem Fluch zu befreien.“

Ich stöhnte verzweifelt auf. „Prinzessin? Oh Mann, das muss ja heftiges Zeug sein – und wenn ich ehrlich bin, könnte ich gerade auch etwas davon gebrauchen. Du hast nicht zufällig etwas dabei?“

Als er mich hilflos ansah, tat er mir fast leid. Ich lächelte ihn versöhnlich an und streckte ihm die Hand entgegen. „Ich bin übrigens Jan. Jan König.“

Blondie blickte mich mit zusammengekniffenen Augen an und drückte kurz meine Hand.

„König?“

Ich nickte.

„Ich bin Prinz Richard, Erbe von Sonnthal.“

Ich verdrehte seufzend die Augen. „Schon klar.“

„Und Ihr seid König welchen Reiches?“ Er beäugte mich skeptisch.

„München?“, gab ich zynisch zurück.

„Verzeiht, Ihr erscheint mir recht jung für einen König und dieses Land München ist mir gänzlich unbekannt.“ Kopfschüttelnd blickte er sich um. „Hier ist weit und breit kein Schloss. Ich dachte, es befindet sich direkt hinter dieser vermaledeiten Hecke.“ Er sah mich an. „Ob dies eine weitere Prüfung ist?“, fragte er nachdenklich.

Mann, der Typ hatte wirklich ordentlich einen an der Klatsche. „Was denn für eine Prüfung?“, erwiderte ich verständnislos und sah mich Hilfe suchend um. Wo verdammt waren wir? Die Gegend war mir völlig unbekannt, es gab offensichtlich keine Straßen in unmittelbarer Nähe. „Hör mal, ich glaube, du solltest dich ausruhen. Vielleicht hast du eine Gehirnerschütterung. Was war das eigentlich für eine gruselige Nummer mit der Hecke?“

Bevor Richard antworten konnte, gab es plötzlich einen lauten Knall und die Umgebung erhellte sich wie durch einen Blitz.

Ich rappelte mich auf und fluchte laut, als der Schmerz erneut in mein Bein schoss. Wir blickten geradewegs in eine rosa Nebelwolke, der wie aus dem Nichts eine Frau in einem Albtraum aus Tüll und Glitzer entstieg. Sie stand in einem hellen Lichtkegel, der ihr folgte, als sie langsam auf uns zuging. Okay, jetzt wurde es nicht nur unheimlich, sondern auch lächerlich.

„Habt keine Angst, euch geschieht nichts.“

Ich wollte gerade etwas erwidern, da mischte sich Prinz Sonnenschein ein.

„Gute Fee!“, sagte er sichtbar erleichtert, während er sich schwerfällig erhob und eine Verbeugung andeutete. „Ich hatte gehofft, Euch irgendwann im Laufe meiner Reise anzutreffen.“

Die Gute Fee lächelte milde und warf mir einen flüchtigen Blick zu. Wie durch Zauberei hielt sie plötzlich zwei Silberbecher in der Hand, die sie uns reichte.

„Hier, trinkt, ihr müsst halb verdurstet sein. Richard, Ihr wart sehr tapfer. Mit der Hilfe des Fremden habt Ihr es als Erster durch die verfluchte Hecke geschafft und könnt nun den zweiten Teil Eurer Mission antreten.“

Richard blickte mich kurz an, dann schüttelte er irritiert den Kopf. „Verzeiht, ich verstehe nicht. Den zweiten Teil?“

Die Fee nickte. „Ihr müsst durch den Zauberwald, dahinter erst liegt das Schloss, in dem Prinzessin Rosalinde in tiefem Schlaf liegt. Befreit Ihr sie von ihrem Fluch, wird Euch die Welt zu Füßen liegen.“ Ohne Richards Antwort abzuwarten, wandte sie sich an mich. „Und für Euch mein Lieber habe ich auch eine Aufgabe.“

Ich gab ihr schnell den Becher zurück und hob abwehrend die Hände.

„Oh nein, danke. Ich hab genug von euren Ritterspielen und werde mich auf den Heimweg machen. Sorry, aber ihr seid ja völlig übergeschnappt!“

Die Frau kicherte amüsiert und blickte Prinz Sonnenschein an. „Ihr müsst ihm einiges nachsehen, mein Prinz. Jan ist nicht von hier … er kommt von weit weit weg – aus der Welt der Menschen. Und auch er hat eine Mission zu erfüllen.“

Verdammt, woher wusste sie meinen Namen? Ich hatte ihn in ihrer Gegenwart nicht genannt. Und was redete die Tante für Müll?

Sonnenschein dagegen sah mich überrascht an. „Aus der Menschenwelt? Ich dachte, das sind nur Legenden. Es gibt sie wirklich?“

„Natürlich“, entgegnete die rosa Glitzerfee. „Und von nun an ist euer beider Schicksal aneinander gebunden, ihr werdet ohne den anderen euer Ziel nicht erreichen.“

„Hey, was soll der Scheiß?“ Ich schüttelte den Kopf. „Sorry, aber ich hatte gerade einen Unfall mit meinem Motorrad und würde gerne nach Hause gehen. Wenn ihr mir freundlicherweise noch sagen würdet, in welcher Richtung die nächste Straße liegt?“

Glitzerfee seufzte schwer. „So einfach ist das nicht, junger Mann. Aufgrund des Unfalls seid Ihr durch eines der Portale in unsere Welt gelangt.“