Einer von Dreihundert - Sascha Groh - E-Book

Einer von Dreihundert E-Book

Sascha Groh

0,0
9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Von heute auf morgen änderte sich mein gesamtes Leben. Von einem agilen, mitten im Leben stehenden jungen Mann wurde ich zu einem pflegebedürftigen Menschen, der alles von Grund auf neu erlernen musste. Lange Zeit wussten die Ärzte nicht, was diese scheinbar unmittelbare Veränderung hervorgerufen hatte. Sieben Monate nachdem man mich fast verdurstet und völlig verwirrt in meiner Wohnung gefunden hatte, wurde nach zahlreichen Fehldiagnosen und -medikationen das Susac­Syndrom diagnostiziert. Eine jener seltenen Krankheiten, die zu weiten Teilen bis heute unerforscht und kaum publik ist. Mit diesem Buch möchte ich dazu beitragen, der Krankheit und vor allem den Betroffenen zu einer größeren Öffentlichkeit zu verhelfen. Dieses Buch wurde sowohl für Betroffene, Angehörige als auch medizinisch Interessierte oder Versierte geschrieben. Es ist eine Mischung aus persönlichem Erfahrungs­bericht, medizinischen Details und Informationen, die ich während meines Krankheitsverlaufes gesammelt habe. Es zeigt aber auch meinen Weg zurück in ein erfülltes Leben, trotz des Susac-Syndroms.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 163

Veröffentlichungsjahr: 2020

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

Das Susac-Syndrom, Informationen des European Susac Consortium

Vorwort von Prof. M. Krämer, Leitender Oberarzt Neurologie, Alfried Krupp Krankenhaus Essen

Prolog

Juni 2012

Auffinden

Universitätsklinik zu Köln

Erste Reha – Hilchenbach

Mutter-Sohn-WG

Erster Rückfall

Clean

Zweite Reha – Bonn

Zu Hause

Merry Christmas and Happy New Year

Zweiter Rückfall

Alfried Krupp Krankenhaus Essen

Dritte Reha – Bonn

Wiedereingliederung

Augen

Luxusprobleme

Folgen

Der Susac-Patiententag

Nachwort von Priv.-Doz. Dr. med. J. Dörr

DANKE

Liebe Leserinnen und Leser,

mit diesem Buch möchte ich Ihnen meine Geschichte erzählen. Im Juni 2012 erkrankte ich am Susac-Syndrom. Die endgültige Diagnose erhielt ich erst im Februar des darauffolgenden Jahres. Bis dahin durchlief ich eine Odyssee aus verschiedensten Krankenhausaufenthalten, Rehakliniken und Fehldiagnosen. In diesen langen acht Monaten war unklar, ob ich überleben würde und wenn ja, wie.

Das Buch ist für betroffene Menschen, Familien, Freunde und auch Ärzte geschrieben. Ich möchte zeigen, mit welchen Medikamenten ich es geschafft habe, die seltene Krankheit zu überwinden, aber auch, welche Hürden meine Familie und ich zu überwinden hatten.

Das Buch darf gerne als eine Art Ratgeber, Orientierung und Informationslektüre verstanden und gelesen werden. Dabei geht es nicht um den erhobenen Zeigefinger bei einer Fehldiagnose, sondern darum, Bewusstsein für diese und andere seltene Erkrankungen zu schaffen. Als ›selten‹ gilt, nach Christine Scholz, »eine Erkrankung dann, wenn im Durchschnitt weniger als 1 von 2000 Personen daran erkrankt ist. Mehr als 8000 Erkrankungen, so wird gegenwärtig [a. d. Verf. 2017] geschätzt, gelten als selten. In Deutschland leben ca. 3 Millionen Patienten mit seltenen Erkrankungen.«1

Der Text ist entstanden in Form von Collagen, die aus meinen persönlichen Erinnerungen, denen meiner Familie und Freunde, meines damaligen Chefs sowie meines behandelnden Arztes besteht. Für Interessierte finden sich zudem die Berichte meiner Ärzte. Zum Teil wurden meine Erinnerungen durch die Erzählungen anderer erweitert oder auch korrigiert.

Sascha Groh Köln, im März 2020

1 Scholz, Christine: Liste der Zentren für Seltene Erkrankungen. Aktueller Stand. In: medizinische genetik volume 29, 2017, S. 13-20. online unter: https://link.springer.com/article/10.1007/s11825-017-0128-4 abgerufen am 29.02.2020.

Das Susac-Syndrom, Informationen des European Susac Consortium

Das Susac-Syndrom gehört nach Informationen des European Susac Consortium zu den sehr seltenen Erkrankungen. Ursache und Entstehung sind nach derzeitigem Forschungsstand im Detail noch nicht bekannt, jedoch können genetische oder sonstige Risikofaktoren für das Susac-Syndrom bislang nicht nachgewiesen werden.2 Eine autoimmune Ursache ist anzunehmen. Nach derzeitigem Wissensstand erkranken deutlich mehr Frauen als Männer im Alter zwischen 16 und 40 Jahren. Zum Krankheitsverlauf heißt es auf den Internetseiten des European Susac Consortiums:

»Es lassen sich zwei Verlaufsformen abgrenzen: ein monophasischer, nach einigen Jahren zumeist selbstlimitierender Verlauf und eine polyzyklische, eher schubartig verlaufende Form. […] Auf dem Boden der anzunehmenden vaskulopathischen Prozesse in den entsprechenden drei Organen manifestiert sich das Susac-Syndrom symptomatisch mit einer Trias aus zentralnervösen Symptomen (vorwiegend Enzephalopathie und/oder fokalneurologische Symptome), Hörstörungen (Innenohrschwerhörigkeit, Tinnitus) und Sehstörungen (Visusminderungen, Gesichtsfelddefekte), wobei alle drei Komponenten eher selten zeitgleich vorhanden sind. Oft liegen Jahre zwischen den einzelnen Manifestationen […].Es kommt zu Verengungen und Verschlüssen von ganz kleinen Gefäßen im Hirn, Gehör und Auge. Jüngste Forschungsergebnisse vermuten fehlgesteuerte Immunzellen, sogenannte zytotoxische CD8+ Zellen als Ursache des Übels. Initial häufig sind episodisch auftretende Kopfschmerzen, die den übrigen Symptomen auch mehrere Monate vorausgehen können. Die Kombination aus den klinischen Symptomen Sehstörungen und ZNS-Symptomen bei Patienten in der 2. – 4. Lebensdekade führt insbesondere bei der polyzyklischen Verlaufsform regelmäßig zu der Fehldiagnose einer Multiplen Sklerose […]«3.

Zum Zeitpunkt meiner Diagnose 2012 waren insgesamt 304 Patienten weltweit ausgewertet.4

2 vgl. https://eusac.net/ueber-SusacSusac-syndrom-krank-heitsbild.html. abgerufen am 17.03.2019.

3 Präsentation von Ilka Kleffner für das Eusac Netzwerk.

4 Online unter: Nat Rev Neurol. 2013 Jun;9(6):307-16. doi: 10.1038/nrneurol.2013.82. Epub 2013 Apr 30. Characteristics of Susac syndrome: a review of all reported cases. abgerufen am 21.10.2019.

Vorwort von Prof. M. Krämer, Leitender Oberarzt Neurologie, Alfried Krupp Krankenhaus Essen5

Liebe Leser, liebe Susac-Interessierte, sehr geehrte Damen und Herren, mit meinem Geleitwort möchte ich Ihnen diese autobiographischen Erinnerungen eines Susac-Patienten zur Lektüre empfehlen.

Bei seltenen Erkrankungen sind Informationen in verständlicher Sprache wichtig. Das Buch kann jedoch nicht nur Wissen über eine seltene Erkrankung vermitteln. Es ist kein Sachbuch, sondern es gibt mit subjektiven Eindrücken auch anderen erkrankten Menschen Hoffnung und Mut. Gesunden Lesern und im Gesundheitswesen arbeitendem Personal sei das Buch empfohlen, da facettenreich geschildert viele Dimensionen einer Erkrankung zum Perspektivwechsel einladen. Von stinkenden Krankenzimmern, wirren Bettnachbarn und Schmacht nach Zigaretten wird sympathisch nichts Menschliches ausgelassen.

Susac-Syndrom – dieser Name klingt geheimnisvoll. Viele Betroffene haben bis zur korrekten Diagnose und zielgerichteten Therapie eine wahre Odyssee hinter sich. Was sich dahinter verbirgt, bringt Ihnen dieses Buch näher.

Wie bei vielen seltenen Erkrankungen besteht nicht nur ein Risiko, nicht früh genug richtig behandelt zu werden, sondern auch das Risiko von gefährlichen und teuren Fehlbehandlungen ist immens.

Seltene Erkrankungen sind in ihrer Gesamtheit gar nicht »selten«. Es gibt in Deutschland mehr als 4,8 Millionen betroffene Bürger, in der EU sind es etwa 40 Millionen Betroffene, die an einer der etwa 8000 seltenen Erkrankungen leiden. Da kein Arzt alle seltenen Erkrankungen kennen kann, wir Menschen aber dazu neigen, nur das zu sehen, was wir kennen, ist Demut die größte Tugend als Arzt, aber auch im sonstigen Umgang mit Patienten mit unklaren Beschwerden: zuhören, hinterfragen und um Rat und zweite Meinung fragen. In Deutschland hat sich da in den letzten Jahren viel getan, mit Initiativen der Bundesregierung, Akademien für seltene Erkrankungen, aber vor allem in der Medizinerausbildung mit dem Ziel, weniger voreingenommen Patienten zuzuhören. Diesen Bemühungen stehen der wirtschaftliche Druck, die geringen Zeitressourcen im Gesundheitswesen und der All-inclusive-Preis in Praxen und Krankenhäusern gefährdend im Wege.

Ich hoffe, Sie können bei der Lektüre dieses Buches nicht nur etwas aus Saschas Erfahrungen lernen, sondern haben trotz der Tragik auch Spaß beim Lesen. Manche Episoden sind komisch-skurril, manche einfach nur rührend und traurig. Der Zusammenhalt der Familie und das Bleiben von einigen wenigen Freunden stellen neben der relativen Genesung von Sascha Groh sicherlich ein Happy End dar.

Ich wünsche Ihnen allen Mut und Kraft bei und mit seltenen Erkrankungen. Nicht-Unterkriegen-Lassen, da ist Sascha Groh sicher ein Vorbild!

Ihr

Markus Krämer

Professor Neurologie medizinische Fakultät Düsseldorf

5 Herr Prof. Dr. M. Krämer ist seit 2013 mein behandelnder Neurologe

Prolog

Mein Name ist Sascha. Ich wurde 1976 in Koblenz als zweites Kind meiner Eltern Horst und Marlies Groh geboren. Meine drei Jahre ältere Schwester Nicole und ich wuchsen in der näheren Umgebung der Rhein-Mosel-Stadt auf. Unsere Eltern trennten sich, als ich neun Jahre alt war. Fortan lebte ich bei meiner Mutter, während Nicole im Elternhaus im gleichen Wohnort bei unserem Vater blieb. Ich war ein mittelmäßiger Schüler und mochte es, unauffällig zu bleiben, nicht im Mittelpunkt zu stehen. Gerne verbrachte ich meine Freizeit mit älteren Menschen aus meiner Nachbarschaft. Sie waren so herrlich unaufgeregt und hatten viel zu erzählen. Außerdem gab es dort Eis in allen Variationen, was nicht das Schlechteste war.

Im März 1997 zog ich aus beruflichen Gründen nach Nordrhein-Westfalen, nachdem ich erfolgreich eine Lehre zum Hotelfachmann absolviert hatte. Hier bin ich mit kleineren Standortwechseln, sowohl beruflich als auch privat, geblieben. Als alles begann, war ich 35 Jahre alt und Assistent sowie Mitarbeiter im Projekteinkauf eines großen namhaften Unternehmens in Bonn. Mein Job bot mir täglich neue Herausforderungen. Ich lebte in einer schicken Singlewohnung im Herzen der Stadt Köln. Wie es sich für einen Immigranten Kölns gehörte, war ich aktiver Karnevalist in einer aufstrebenden Karnevalsgesellschaft. Mein Bekanntenkreis war groß, ich war viel und gerne unterwegs und genoss das kulturelle Angebot der Domstadt. Zukunftsängste gab es für mich nicht – bis zu diesem einen Tag im Juni 2012.

Das Foto zeigt mich vor meiner Erkrankung.

Juni 2012

Sascha

26.06.2012

Alles begann an einem Montagmorgen Ende Juni 2012. Als ich aufwachte, zitterte ich am ganzen Körper. Mir liefen die Tränen über das Gesicht. Jeder Versuch, einen klaren Gedanken zu fassen, schien zu scheitern. Ich hatte keine Ahnung, was mit mir geschehen war, nur, dass ich schnellstens Hilfe brauchte. So versuchte ich, meinen Hausarzt telefonisch zu kontaktieren. Dort lief jedoch nur ein Band, das die Telefonnummer des Vertretungsarztes ansagte. Ich weiß heute nicht mehr so genau, wie es mir gelang, dort einen Termin zu vereinbaren. Die Sprechstundenhilfe muss meine Panik realisiert haben, denn sie forderte mich auf, noch am gleichen Vormittag vorbeizuschauen. Unfähig selbst zu fahren, bat ich meine Schwester Nicole, mich zum Arzt zu begleiten.

Als der behandelnde Arzt mich wenig später fragte, was mir fehle, fing ich unmittelbar an zu weinen. Eine Reaktion, die ich so nicht von mir kannte. Daher suchte ich fieberhaft nach einer schlüssigen Erklärung für meinen Zustand. Meinen Ausnahmezustand erklärte ich mir und zugleich dem behandelnden Arzt wie folgt: Seit geraumer Zeit hatten mich neue Arbeitsabläufe in meinem Job vermehrt angestrengt. Mit zunehmender Unternehmenszugehörigkeit vermehrten sich auch die Tätigkeiten, für die ich Verantwortung übernahm. Ich arbeitete zum Zeitpunkt meines Zusammenbruchs als Assistent im Projekteinkauf. Seit kurzem gehörte hierzu auch das Abteilungs-Reporting. Die dazugehörenden Aufgaben hatten mich in den letzten Wochen zusehends gefordert. Gewohnt, mich solchen Problemen alleine zu stellen, gelang es mir aber nun schon einige Zeit nicht mehr abzuschalten, was unweigerlich dazu führte, dass ich zunehmend nervöser und angespannter wurde. Dies war für mich, aber auch für den Arzt Erklärung genug. Es bedurfte offenbar keiner weiteren Untersuchung. Der Arzt verschrieb mir ein Antidepressivum und verordnete Ruhe. Ich bat ihn panisch, er möge meinen Chef über meine Krankmeldung informieren und ihm ausrichten, er solle mich bitte in dieser Zeit nicht kontaktieren. Es war mir einerseits unangenehm, Schwäche zu zeigen, andererseits wollte ich nichts mehr, als wieder abschalten zu können. Das Telefonat zwischen meinem Arzt und meinem Chef bekam ich nicht mit.

Torsten Stannieder, Vorgesetzter von Sascha Groh 2008-2012

Im Juli 2008 wechselte ich das Unternehmen, hier sollte mir ein Assistent zur Seite stehen. Bei Arbeitsantritt erfuhr ich, dass dieser derzeit in Urlaub war. Dies war meine erste Begegnung mit Herrn Sascha Groh.

Nach seinem Urlaub lernten wir uns kennen. Die Vorsicht, mit der Herr Groh mir begegnete, bemerkte ich in der Anfangszeit deutlich, es dauerte bis sich diese legte. Mir fiel auf, dass Herr Groh im Unternehmen schon sehr viel erlebt hatte und trotzdem sehr motiviert war. Unsere Arbeitsabläufe spielten sich zunehmend ein. Jeder wusste, was zu tun war und was er von dem anderen erwarten konnte. Als Team (Chef und Mitarbeiter) wurden wir in der Zusammenarbeit von Monat zu Monat und in den Jahren immer besser, bis ich im Jahr 2012 eine Veränderung in unserem beruflichen Umgang feststellte. Herr Groh war nachdenklicher, seine Leichtigkeit schien verloren gegangen zu sein und er wirkte deutlich dünnhäutiger als sonst. Als erstes überprüfte ich mich selber: Habe ich mich verändert, habe ich etwas falsch gemacht, und überforderte ich jobtechnisch Herrn Groh? Das Ergebnis meiner Überlegungen war jedoch, dass wir wie in den Jahren zuvor kommunizierten. Daraufhin sprach ich ihn an und er sagte nur, dass »alles fein, alles ok« sei. In seinem Job war er auch für das wöchentliche Reporting in meinem Bereich zuständig. Dies lief nach anfänglicher Einarbeitung gut, was aber auch kein Hexenwerk darstellte. Ein bisschen Excel ›zusammenschieben und hübsch machen‹. Für Herrn Groh wurde diese Arbeit 2012 immer belastender, er hatte (aus meiner Sicht) schon leichte Panik und anscheinend auch Magen- und Darmbeschwerden. Nach Rücksprache habe ich daraufhin das Reporting geteilt und ein anderer Kollege hat eine Hälfte übernommen. Einige Teammitglieder reagierten mit Unverständnis auf meine Entscheidung, was ich wiederum nicht verstand.

Dann kam der Juni 2012, ich saß in meinem Büro und erhielt einen Anruf. Der Anrufer stellte sich als Arzt von Herrn Sascha Groh vor und sagte als erstes: »Ich darf Ihnen nicht alles aus Gründen der ärztlichen Schweigepflicht und aus Datenschutzgründen sagen.« Dieser Anruf schockte mich. Noch nie hatte ein Arzt eines Kollegen und Mitarbeiters bei mir angerufen. Der Arzt wollte Informationen über die letzten Monate der Zusammenarbeit und die Tätigkeit von Herrn Groh. Ich bestätigte ihm, dass speziell das Reporting kein Hexenwerk sei, aber für Herrn Groh zurzeit nicht machbar. Dann schilderte er mir oberflächlich sein Erlebtes, und mir kam sofort der Gedanke: BURNOUT! Ich fragte den Arzt direkt nach BURNOUT. Er bestätigte es nicht, aber ließ mich in dem Glauben. Am Ende des ca. 20-minütigen Gespräches teilte er mir mit, dass er Herrn Groh für längere Zeit aus dem Verkehr ziehen müsse. Nach dem Gespräch informierte ich umgehend meinen Vorgesetzten und die Kollegen aus meinem Bereich. Auch hier wieder dieses für mich lapidare Verhalten der Kollegen und Mitarbeiter, die den Ausfall von Herrn Groh zu belächeln schienen, wobei mein damaliger Vorgesetzter super reagierte und auch Hilfe anbot – eigentlich wie ich.

Sascha

26.06.2012

Mit der Diagnose Burnout und einem Rezept für ein Antidepressivum ausgestattet, wurde ich drei Wochen krankgeschrieben. Erleichtert und im festen Glauben, dass sich mein Zustand bald verbessern würde, verließ ich die Praxis.

Heute weiß ich, dass ich keinem Arzt mehr eine erste Selbsteinschätzung geben würde.

Der Heimweg erwies sich in meinem Zustand als beschwerlich, da meine Schwester wieder zur Arbeit aufgebrochen war. Obwohl mein Kopf massiv schmerzte und ich mich nur schwer konzentrieren konnte, fuhr ich mit dem Auto nach Hause, was aus heutiger Sicht unverantwortlich war, stellte ich doch in meinem Zustand eine Bedrohung für mich und meine Mitmenschen dar. Zu Hause verkroch ich mich sofort ins Bett. Immer noch schien mein Kopf völlig durcheinander. Innerlich war ich aufgewühlt, obwohl ich ruhig dalag. Angst stieg in mir auf und schien mir die Luft zum Atmen abzuschnüren. Eine irrationale Angst ergriff mich. Angst davor, dass jemand etwas von mir verlangen könnte, was ich nicht leisten wollte und konnte, zu dem ich mich nicht in der Lage fühlte. Mein Kopf schien nichts mehr filtern zu können, alle Gedanken und Reize waren unmittelbar nah. Würde ich jetzt verrückt werden? Zum ersten Mal in meinem Leben stellte ich alle meine Kommunikationsgeräte aus. Nun war ich weder über meine beiden Handys (Firma/ Privat), noch mein Festnetztelefon erreichbar. Diese Ruhe um mich herum gab mir Sicherheit, denn nun konnte niemand mit Forderungen an mich herantreten. Ich entzog mich allem und jedem. Ich weiß nicht, wie lange ich da so gelegen haben muss, irgendwann wurde ich müde und schlief ein.

Die nächsten Tage verbrachte ich abwechselnd auf der Couch und im Bett. Irgendwann merkte ich, wie ich durch die verschriebenen Tabletten ruhiger wurde. Endlich gelang mir das, was mir seit langer Zeit nicht mehr gelungen war: Die Seele baumeln lassen! Ich blühte auf. Nach 14 Tagen fuhr ich in bester Laune übers Wochenende mit meiner Schwester Nicole zu meinem Vater in die nahe gelegene Heimat. Nachmittags traf ich mich mit Freunden in der Koblenzer Altstadt auf einen Kaffee, es schien wieder Bergauf zu gehen.

Iris

14.07.2012

Als ich vom Rad stieg, sah ich Sascha schon von weitem. Er saß bereits vor seinem ersten Kaffee. Etwas umständlich schloss ich mein Rad ab und schaute an mir herunter. Der Fahrtwind hatte meine Haare zerzaust, und mein altes Kleid hatte auch schon bessere Tage gesehen. Wenn ich mich mit Sascha traf, überkam mich immer routinemäßig ein etwas schlechtes Gewissen. Im Gegensatz zu mir sah er immer perfekt aus. So auch am heutigen Nachmittag. Wir umarmten uns herzlich, und schnell wurden die letzten Wochen aufgearbeitet. Sascha wohnte eine Stunde Autofahrt von mir entfernt. Seitdem ich eine kleine Familie hatte, sahen wir uns nicht mehr so häufig wie früher. Wir hatten uns vor Jahren bei einer gemeinsamen Jugendfreizeit, die wir betreuten, kennengelernt. Und seither war der freundschaftliche Kontakt nicht abgebrochen. Sascha gehörte für mich zu jenen Menschen, zu denen man auch nach längeren Kontaktpausen nicht den Draht verlor. Als ich heiratete, fuhr er stolz und aufgeregt unseren Brautwagen und meine Tochter schob er gerne im Kinderwagen durch die Koblenzer Altstadt. Mit einem verschmitzten Lächeln freute er sich darüber, wenn die Leute glaubten, er sei ihr Vater. Wir lachten immer herzlich darüber und spielten das Spiel mit.

Sascha war immer der gut organisierte Typ. Planen, vorbereiten, Strukturen schaffen, das gehörte zu seinen Leidenschaften. Gerne erzählte er von seinem Job und den jeweiligen Themen, die er betreute. Häufig musste ich innerlich schmunzeln, wenn er wieder voller Euphorie von der Organisation irgendwelcher Events berichtete. Ich selbst verstand nicht selten wenig davon. An diesem Nachmittag wirkte Sascha jedoch etwas abgehetzt. Er erzählte, dass er krankgeschrieben sei. Diese Info fiel wie beiläufig in einem Nebensatz, sodass ich nicht unmittelbar nachfragte. Erst später berichtete er, dass er mit der Diagnose Burnout vorerst zu Hause bleiben sollte. Auf Nachfragen bekam ich nur eine kurze Antwort, dass alles im Moment etwas viel sei. Da noch ein weiterer Bekannter von Sascha zu unserer Kaffeerunde dazu gestoßen war, den ich nicht kannte, bohrte ich nicht weiter nach. Nach drei großen Milchkaffees, der ein oder anderen Zigarette – der Sucht, der wir trotz aller gesellschaftlichen Ächtung leidenschaftlich frönten – verabschiedeten wir uns lachend voneinander. Dass Sascha an diesem Nachmittag unruhig wirkte, wäre mir wahrscheinlich nicht nachhaltig in Erinnerung geblieben, wäre es nicht das letzte Mal gewesen, das ich ihn vor seinem Zusammenbruch gesehen hätte.

Sascha

14.07.2012

Den Abend verbrachte ich mit meinem Vater und meiner Schwester in einer von uns geliebten Straußwirtschaft bei leckerem Wein und Hausmannskost. Es war ein entspannter Abend, wie ich ihn schon lange nicht mehr erlebt hatte. Wir übernachteten im väterlichen Haus. Morgens wachte ich mit leichten Kopfschmerzen auf, die wohl das Ergebnis des allzu leckeren Weines am Vorabend geschuldet waren. Unseren Frühstücksbrunch nahmen wir in einer in der Nähe gelegenen Bäckerei ein. Die Geräusche meiner ›Mitfrühstücker‹ machten mir und meinem Kopf zu schaffen. Mein Vater und Nicole lachten und betonten, dass ich als Nesthäkchen wohl nicht so viel vertrüge wie meine große Schwester. Mit handelsüblichen Mitteln versuchte ich, meinen stärker werdenden Kater zu bekämpfen, was mir nur mäßig gelang.

Den Nachmittag auf der Terrasse meines Vaters habe ich trotz der Kopfschmerzen als sehr entspannend in Erinnerung. In familiärer Atmosphäre blühten viele Kindheitserinnerungen wieder auf, die mir im Alltag und mit den Jahren komplett entfallen waren. Es sollte für lange Zeit einer der letzten unbeschwerten Nachmittage sein.

Papa

14.-15.07.2012

Selten sah ich meine großen Kinder alleine. Umso schöner war der sonnige Nachmittag, den wir in einer Straußwirtschaft verbrachten. Sascha und Nicole waren ausgelassen und alberten herum. Der Wein tat seines dazu. Meine Kinder hatten die Bedienung fest im Griff, die unsere Gläser immer unmittelbar nachfüllte. Gegen 23 Uhr brachen wir auf und beschlossen, am kommenden Morgen gemeinsam auswärts zu frühstücken. Nicole und Sascha verschwanden sofort in ihren Betten. Ich fühlte mich gut mit meinen großen Kindern. So stolz ich auch auf sie war, so wehmütig stimmte es mich, dass ihr Erwachsenwerden so schnell gegangen war. Als die zwei am nächsten Morgen wie verabredet aus ihren Betten krochen, klagten sie kollektiv über Kopfschmerzen. Einer der Weine war wohl zu viel gewesen. Das würde sich spätestens nach dem gehaltvollen Frühstück ändern, so mein Gedanke. Der guten Stimmung vom Vorabend tat dies jedoch keinen Abbruch. Gegen Nachmittag verabschiedeten sich meine Kinder trotz Kater gut gelaunt Richtung Bonn und Köln. Alles schien in bester Ordnung zu sein.

Mama

Juli 2012

Endlich, ich hatte es geschafft! Meine Altersteilzeit begann. Darauf freute ich mich schon seit vielen Jahren. Meine Kinder waren erwachsen, selbstständig und wohlgeraten. Nicole und Sascha lebten in meiner Nähe und unser Verhältnis war eng. Nach der langen Erwerbstätigkeit und dem Familienleben freute ich mich nun auf einen neuen Lebensabschnitt. Ausschlafen, keinen Stress mehr im Büro, lesen, shoppen mit Freundinnen, und und und…

Sascha

15. –18.07.2012