Beschreibung

Als June Mortens bester Freund ihr einen Aushilfsjob als Assistentin seines neuen Chefs besorgt, ahnt sie noch nicht, dass ihr Leben kräftig durcheinander gewirbelt wird. Denn June ist auf vieles vorbereitet, aber nicht auf Luca Bexton, der groß, gutaussehend und ungehobelt in London aufschlägt. Doch wie jede gute Physikstudentin ist June von den unbekannten Variablen, die er mit sich bringt, fasziniert - egal ob es sich bei ihnen um seinen äußerst charmanten besten Freund, lebendige Barbiepuppen oder seinen Dobermann Velvet handelt und schon bald entwickelt sich etwas zwischen ihnen, dem sich keiner von beiden entziehen kann …

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Beliebtheit


Eliza Hill

Einer wie Chicago: Band 1

Liebesroman

Das hier war einst meine erste Geschichte, und ich liebe sie wie keine andere, denn mit ihr bin ich erwachsen geworden. Und deshalb ist sie für Yasmin, die mich zum Schreiben gebracht hat, für Mirjam, die die großen Liebesgeschichten mochte, für Sarah, die auf sie verzichten konnte, und für Jazz, die sie einfach lebte. Ein Teil von uns wird immer sechszehn bleiben, unvernünftig und verschworen, auch wenn die großen Träume längst gegangen sind. Elaria80331 München

Kapitel 1

Das dreistöckige Mietshaus, in dem wir wohnen, riecht nach abgestandener Luft und die zarten Rosenblüten der Tapete lösen sich bereits an mancher Stelle, doch das Gefühl, endlich wieder zu Hause angekommen zu sein, lässt das altersschwache Treppenhaus zum schönsten Ort der Welt werden, während ich meiner besten Freundin dabei zusehe, wie sie beschwingt die Stufen nach oben nimmt. Ihr Backpacker-Rucksack ist so überladen, dass sie droht bei jedem Schritt nach hinten umzukippen. Im Gegensatz zu mir scheint sie jedoch noch genug Energie zu haben, um eine ganze Mount-Everest-Besteigung meistern zu können. Ich hingegen habe mein Gepäck erleichtert meinem Vater in die Hand gedrückt und es nicht sonderlich eilig, hinter ihm die Stufen zur Wohnung im dritten Stock zu erklimmen. Zu deutlich spüre ich die letzten beiden Wanderungen, die einfach nicht enden wollten, in meinen Knochen.

„June, du Sportskanone, jetzt mach mal hin!“ Sam, die meinen Vater oben in Empfang nimmt, wirft mir einen amüsierten Blick zu. „So schlimm sind die Stufen nun auch wieder nicht!“

„Sag das meinem Muskelkater. Der ist anderer Meinung.“

„Drei Monate und du bist so unsportlich wie am ersten Tag.“

„Mein Körper ist eben beratungsresistent“, erwidere ich und lasse mich erleichtert auf die letzte Stiege fallen, um meine Schuhe von den Füßen zu streifen und beglückt nach hinten zu fallen. „Ich liebe diese Dielen.“

„Du hättest wenigstens noch in die Wohnung wanken können.“

„Nein.“ Ich drehe den Kopf, um an Sam vorbei in unser Reich zu schielen. Die vertraute Unordnung auf der Kommode, auf der zu viele Zeitschriften und Flyer von Lieferdiensten liegen, ist noch immer vorhanden und der Duft von Karamelltee liegt in der Luft.

„Möchtest du einen Kaffee, Dad?“ Ich erkenne seine blank polierten Oxfords neben dem Türrahmen, höflich darauf wartend, dass auch ich die letzten Meter in die Wohnung zurücklege.

„Wenn es keine Umstände macht.“

„Nicht wirklich. Zumindest nicht, wenn mich jemand bis in die Küche trägt.“

„Dafür musst du schon Eric einspannen.“ Ich muss meinem Vater nicht ins Gesicht sehen, um zu wissen, dass er bei dem Kommentar die Augenbraue hebt.

„Wahrscheinlich.“ Ich komme mit einem Stöhnen vom Boden hoch. „Wo steckt mein herzallerliebster Bruder eigentlich?“

„Auf der Arbeit. Ich soll dir ausrichten, er erwartet dich am Sonntag zum Essen.“

„Und wo ist der Rest?“

Mein Vater verschränkt die Arme vor der Brust. „Wie du weißt, weigern sich deine Brüder noch immer standhaft Peilsender zu tragen. Sollte sich das ändern, gebe ich dir Bescheid.“

„Alles beim Alten, also“, entkommt es mir, als ich es endlich über die Türschwelle schaffe und meine Schuhe neben die schweren Rucksäcke stelle.

„Leider.“ Mein Vater mustert meine lädierten Zehen. „Du hättest deine Schuhe vorher einlaufen sollen.“

„Hätte ich.“ Ich zucke mit den Schultern. „Aber egal. Ich habe dir Kaffee versprochen.“

Alles in allem sieht unsere Wohnung noch genauso aus, wie ich es in Erinnerung hatte. Die Küche, schon immer das Herzstück unserer Dreier-WG, erstreckt sich hinter der beschaulichen Diele noch genauso klein und verwinkelt wie vor unserem Trip quer durch das alte Europa. Um den Esstisch scharen sich bunt zusammengewürfelte Stühle und die Regale und Schubkästen quellen über vor Geschirr und mehr oder weniger unnötigem Allerlei.

Es ist die perfekte Studentenbude im Herzen einer überteuerten Metropole, die für jeden Zentimeter Raum jeden Monat eine Unsumme verschlingt, und ich liebe jede winzige Ecke unseres kleinen, selbst finanzierten Reichs. Ebenso wie Trish, meinen dicken Kater, der auf dem Fensterbrett liegt und mich mit zusammengekniffenen Augen mustert. Seine Ohren zucken neugierig und wahrscheinlich überlegt er sich, ob es sich lohnt beleidigt zu sein, weil seine Dosenöffnerin ihn so lange alleingelassen hat. Samantha, die sich ein Wasser aus dem Kühlschrank nimmt, scheint er schon einmal zu ignorieren.

„Hey Trish, kennst du mich noch?“, ködere ich ihn. Gnädig erhebt er sich nach ein paar Sekunden des Zögerns. Mit seinen beinahe zehn Pfund ist Trish ein echter Killer auf vier Pfoten, den wir damals im Tierheim noch für eine Katze gehalten haben. Ein Irrglaube, von dem auch heute noch sein Name zeugt. „Na, mein Großer. Ich hoffe, du hast mich vermisst.“

Schnurrend hüpft Trish auf den Boden und schleicht mir um die Füße, während ich die Kaffeemaschine anstelle.

„Ich bin duschen“, verabschiedet sich Samantha. „Ruft mich, sobald ihr über etwas Essbares nachdenkt.“

„Sicher.“ Ich schnappe mir das schwarzweiße Fellknäul, bevor er mir auf die lädierten Füße treten kann, und lasse mich an den Küchentisch fallen. Mein Vater wirft mir einen prüfenden Blick zu, ganz so, als erwarte er, dass ich mitsamt Kater vom Stuhl kippe, und ich kann es ihm nicht verübeln. An Schlaf war in den letzten Tagen nicht wirklich zu denken. Dazu gab es noch zu viel in Sankt Petersburg zu entdecken.

Mein Vater räuspert sich. „Gut, dich wieder hierzuhaben.“

„Ja.“ Liam Morten ist keiner dieser Väter, die ihrer Zuneigung häufig durch Worte Ausdruck verleihen. Man darf sich ihrer sicher sein, aber sie zeichnet sich normalerweise durch ein gottgegebenes Urvertrauen aus und nicht durch Lippenbekenntnisse. Und normalerweise sind auch seine Augenringe nicht so tief und seine Mimik nicht so angespannt.

„Die Scheidung ist noch nicht durch, oder?“, schlussfolgere ich und er lässt seine Hände auf die Tischplatte sinken.

„Nein.“ Er presst die Lippen aufeinander. „Montag. Wahrscheinlich.“ Mein Vater seufzt schwer und fährt sich durch das dichte, an den Schläfen ergrauende Haar. Auch wenn ich seine baldige Exfrau nicht mochte, so weiß ich, dass sie für ihn nicht nur ein Rebound nach der Ehe mit meiner Mutter war, und es schmerzt zu wissen, dass er alles noch einmal durchmachen muss. „Deine Mutter hat ihr einen Anwalt empfohlen.“

„Mum hat was?“ Ich stocke. Wenn es jemanden auf der Welt gibt, den die neue Ehe meines Vaters stört, so ist es meine Mutter. Dass ausgerechnet sie ihr nun hilft, meinen Vater auszunehmen, schockiert mich mehr, als ich auszudrücken vermag.

„July war noch nie milde darin Vergebung walten zu lassen und du weißt so gut wie ich, dass deine Mutter mit dieser Ehe nicht einverstanden war. Es ist ihre Art sich zu bedanken, dass ich nicht auf sie gehört habe.“ Er sitzt so verloren da, dass ich meine Hand auf seine lege und sie mitfühlend tätschele.

„Tut mir leid.“

„Ich wusste, auf was ich mich einlasse.“ Er zuckt mit den Schultern. „Und das Geld, das ich zahlen muss, interessiert mich nicht.“

„Was ist es dann, was dich nicht schlafen lässt?“ Trish wälzt sich auf den Rücken und rekelt sich genüsslich auf meinen Beinen. Seine langen, schwarzen Haare kleben an meiner verwaschenen Jeans und meinem weißen Shirt. Offensichtlich bekommt mein Kater bereits sein Winterfell.

„July und ihre Aussage, dass ich unfähig bin eine Ehe zu führen. Dass ich kneifen würde, wenn es drauf ankommt.“

„Ihr wart beide unglücklich“, wehre ich mich. „Nur für uns zusammenzubleiben, das wäre nicht gutgegangen.“

Er reibt sich über die Schläfe. „Tu mir den Gefallen und lass uns über etwas Erfreulicheres sprechen. Hast du jemanden kennengelernt?“

Mein Vater ist manchmal ziemlich berechenbar. Um nicht über sein Liebesleben sprechen zu müssen, sprechen wir über meines. Über das meiner Brüder. Und auch sonst über jeglichen Klatsch und Tratsch, den es in London seit unserer Abreise gegeben hat, und ich hole aus dem Schrank zwei Tassen, um uns Kaffee einzuschenken.

Ihm zu erklären, dass ich keinen Sex mit wildfremden Männern hatte, stellt sich, wie befürchtet, als schwieriges, wenn nicht gar unmögliches Unterfangen heraus. Seine einzige Reaktion ist ein Kopfschütteln, ein ungläubiges Lächeln und ein mitleidiges Tätscheln meiner Hand, begleitet von einem: „Ist schon gut, June. Du brauchst nicht zu lügen."

Obgleich mich die Aussicht, mich mit meinem Vater über die Männer in meinem Leben zu unterhalten, nicht gerade vor Freude platzen lässt, habe ich doch nie etwas verheimlicht. Auch jetzt nicht. Aber das möchte er mir offenbar nicht glauben. Ich schätze jedoch, ich sollte dankbar sein, dass er mich nicht an den nächstbesten Lord verheiraten will, der seinen Weg kreuzt, sondern sich ein paar Abenteuer für seine Tochter wünscht.

Zwischen den Erörterungen meines Privatlebens finden wir tatsächlich Zeit, über meinen Urlaub zu sprechen, und ich zeige ihm die Bilder, die ich mit meiner Digitalkamera geschossen habe. Die meisten sind alle total verwackelt, weil Samantha mich weitergezogen hat, sobald ich mir „schon wieder einen dieser alten Steine“ ansehen wollte, und mein Vater grinst, nachdem ich ihm das vierte unscharfe Bild des Triumphbogens präsentiert habe.

Nachdem ich meine Sachen in meinem Zimmer verstaut habe, die erste Maschine mit Wäsche geladen ist und ich Frischluft in die Wohnung gelassen habe, knurrt mein Magen so laut, dass Trish davon aus seinem Schlaf im Berg Dreckwäsche aufgeschreckt wird, und so beschließe ich, mich ums Mittagessen zu kümmern. Einen beherzten Griff zum Flyer des Pizzadienstes später will ich gerade Samantha fragen, welchen Belag sie gerne hätte, als mein Handy zu klingeln beginnt. Die lauten Klänge von Nancy Sinatras Bang Bang dröhnen irgendwo aus den Untiefen meiner Wäsche.

„Verflucht, wo steckt das Ding?“ Ich lausche angestrengt, während Trishs Augen mich bei meinem Tun verfolgen. Nancy Sinatra kommt gerade zur besten Stelle des Liedes, als ich endlich mein Telefon zwischen zwei verknäuelten Socken entdecke. Ich stürze mich freudig darauf und drücke die Ruftaste. „Ja?“

„June. Na so eine Freude, dich zu erreichen!“

„James“, bringe ich ertappt raus, da ich mich in den letzten drei Monaten kaum bei meinem besten Freund gemeldet habe, obwohl ich es ihm versprochen hatte. „James, aus dem Ausland ist das so teuer. Ich habe dir doch die Karten …“

„Ich scheiß auf die Karten! Sehr aufmerksam! Wirklich!“ Unter seinen wütenden Worten kann ich eine gewisse Enttäuschung ausmachen, obgleich ich an meinen schriftlichen Lebenszeichen nicht gespart habe.

„Ach komm schon, … früher hat man sich nur über Briefe verständigt.“

„Na toll. Wir leben aber im einundzwanzigsten Jahrhundert. Und so unglaublich, wie sich das vielleicht für dich anhören mag, ich habe dich wirklich vermisst.“

„Es tut mir leid.“

„Das will ich auch hoffen.“ Sein Schnauben ist nicht zu überhören. „Und weil es dir so leidtut, dass du mich, deinen besten Freund, so verletzt hast, … wirst du mir einen Gefallen tun.“ Seine Tonlage verrät mir, dass an dieser Tatsache nicht zu rütteln ist. Egal, ob es mir zusagt oder nicht.

„Okay?“, frage ich vorsichtshalber nach, da James Sachs manchmal auf wirklich seltsame Ideen kommt.

„Nun ja, ich dachte mir, nun, da du dank deines ersten Abschlusses nicht mehr hemmungslos von der Universität ausgenutzt werden kannst, biete ich dir einen neuen Nebenjob bei uns.“

Ich richte mich auf. „Ein Job bei GN? Ernsthaft?“

„Nun, nicht ganz. Wie du vielleicht weißt, wurden wir von der ELX Corporation aufgekauft. Und streng genommen hat der Job auch nichts mit dem zu tun, was du eigentlich machen willst. Aber er bringt gutes Geld.“

„Ich höre.“

„Nun, unser neuer Boss schlägt morgen in Heathrow auf und die Dame, die als seine Assistentin vorgesehen war, hat unserem Personalchef vor ein paar Minuten eröffnet, dass sie schwanger ist.“

„Du willst, dass ich die Assistentin eures Chefs werde?“

„Es war nur eine Idee. Reiß mir nicht den Kopf ab.“

Ich habe nicht vor, James Sachs den Kopf abzureißen. Im Gegenteil, denn wenn ich ehrlich bin, habe ich noch keine Ahnung, wie ich meine Miete und die Semestergebühren stemmen will, nun, da ich nicht mehr als Hilfskraft im Labor arbeite.

„Und das geht, wenn ich nur ein paar Stunden die Woche dort sein kann?“

„Na ja, zunächst einmal hast du ja noch Semesterferien. Und ich hoffe, dass sich hier bei uns in den kommenden Wochen alles so weit sortiert hat, dass wir dich in unser Entwicklungsteam holen können. Es wäre eher eine Übergangslösung. Für dich und uns.“

„Meinst du das ernst?“

„Ernster als ernst.“ James räuspert sich. „Also, was sagst du?“

„Wann soll ich da sein?“

„Neun Uhr!“ Bevor ich irgendwas anderes sagen kann, hat er aufgelegt und ich höre das penetrante Tuten am anderen Ende der Leitung. Ich atme tief durch, dass ich so schnell einen neuen Job finde, damit hätte ich nun nicht gerechnet.

 

Kapitel 2

Der nächste Morgen kommt, aber leider bleibt mein Wecker stumm, weshalb ich zu spät aus der Wohnung stürze, in Richtung Tube. Zwischen Rolltreppe und Plattform schaffe ich es meine Locken in einen Bun zu quetschen und stolpere drei Minuten später auf meinen zu hohen Schuhen in den überfüllten Wagon der District Line.

Obwohl ich mich hemmungslos an den anderen Pendlern vorbeidrängele, ist es schließlich kurz nach neun, als ich endlich in Richtung von James‘ Büro jogge, das an diesem Morgen viel zu weit oben liegt. Ausgerechnet jetzt sind sämtliche Lifte in Betrieb, also nehme ich die Treppe und stürze mit zehnminütiger Verspätung durch die Tür seines Reichs.

„June!“ James grinst mich so liebevoll an, dass ich es erwidere, obwohl ich so keuche, dass ich mir die Arme in die Seiten stemmen muss, um genug Luft zu bekommen.

„Tut mir echt leid, dass ich zu spät bin. Ich … habe verschlafen“, bringe ich nach Atem ringend raus und entdecke Michael, den Leiter der Personalabteilung, den ich bereits von diversen Geburtstagsfeiern kenne, hinter James‘ Schreibtisch. Sein schütteres graues Haar gibt ihm etwas von einem Heiligenschein, als er den Drehstuhl nach vorn kippt und seinen über dem Bauch spannenden Anzug zurechtrückt.

„Morgen, June“, begrüßt er mich und nickt auffordernd in James´ Richtung, dessen haselnussbraune Augen spitzbübisch leuchten.

„Hi“, entgegne ich ihm.

„Michael ist mit deinem Vertrag hier. Du musst nur kurz unterschreiben und dann kannst du auch schon los zum Flughafen.“ James sieht heute wieder aus, als wäre er direkt aus den Achtzigern zu uns gereist und hätte vorher noch einen kurzen Zwischenstopp in Londons hippen Läden auf der Oxfordstreet gemacht. Seine Jeans sitzt tief auf seiner Hüfte und ist von Löchern übersät, die überall seine gebräunte Haut durchblitzen lassen. Die Haare erstrahlen in wasserstoffblond. Bladerunner-Chic nennt er es. Das kantige Gesicht ist unrasiert und die Narbe, die sich von seiner Stirn bis hinunter zur Mitte seiner Wange zieht, lässt ihn nicht gerade zutraulich erscheinen und auf seinem schwarzen Shirt leuchtet der Umriss eines Showgirls auf, in etwas dunklerem Rosa, und darunter die Daten einer Spielemesse aus den späten Neunzigern.

„Ich muss gleich los?“ Ich verschränke abwehrend die Hände vor der Brust, um wenigstens den Anschein von Widerstand gegen seinen ungehobelten Jungencharme zu wahren, und kneife die Augen zusammen.

„Na ja, Zeit für einen Kaffee wird noch sein.“ Die Grübchen in seinen Wangen zucken und lassen seine Narbe noch ein paar Nuancen heller erscheinen.

„Ich denke nicht, James. Sein Flieger landet in kaum mehr als einer Stunde“, wirft Michael ein und lässt seinen Kugelschreiber klicken. „Es ist Zeit Nägel mit Köpfen zu machen.“

„Okay, dann zeig mal her.“

 

Ich bin überpünktlich am Flughafen und kaufe mir, nachdem mir meine Kaffeerunde mit James verwehrt geblieben ist, einen der überteuerten Kaffees in der Ankunftshalle, um der Dinge zu harren, die da kommen. Der Eingangsbereich brummt unter den vielen Stimmen der Wartenden und ich lasse meinen Blick immer wieder zur Anzeigentafel wandern.

Aus meinem Dutt haben sich mittlerweile so viele der blonden Strähnen gelöst, dass ich ihn mir neu binden muss. Meinen Kopf in den Nacken gelegt, nestle ich an meiner Frisur herum und sehe den Regentropfen dabei zu, wie sie unbarmherzig auf das Glasdach der Halle prasseln. Mistwetter mitten im August. London scheint meinen neuen Boss in all seiner Herzlichkeit begrüßen zu wollen.

In Gedanken zurück bei meiner gestrigen Ankunft ein Terminal weiter, zucke ich zusammen, als ich die monotone Stimme der Ansage höre, die mir verkündet, dass der Flieger von Chicago nach London soeben gelandet ist.

Mit einem letzten Blick nach oben werfe ich meinen halbvollen Kaffee in den Mülleimer, zupfe die Falten aus meiner Chiffonbluse und versuche das flaue Gefühl in der Magengegend zu ignorieren, während ich mich langsam in Richtung der Cheuffeurenriege durchkämpfe. Ich versuche mich an das Bild zu erinnern, das mir Michael von meinem neuen Boss präsentiert hat. Doch wenn ich ehrlich bin, konnte man nicht viel erkennen auf dem Schnappschuss. Alles, was ich weiß, ist, dass er schwarzes Haar hat und Michael um beinahe volle zwei Köpfe überragt. Doch ich habe keine Zeit nach meinem Handy zu greifen und meinen neuen Boss zu googeln, ergießt sich doch bereits eine Traube von Menschen durch die Tür der Ankunftshalle.

Und dann muss ich es gar nicht mehr. Weil ich weiß, dass ich ihn vor mir habe. Auf mich zu kommt das eindrucksvollste Raubtier, das ich je gesehen habe. Riesig und muskulös, mit tiefschwarzem Haar und graublauen Augen.

Mein Magen verkrampft sich. In meinem Leben habe ich schon einige Männer getroffen. Atemberaubend war keiner. Mit seinem kantigen Kinn und seinem Dreitagebart wirkt er wie ein Schwerverbrecher. Ein umwerfend männlicher Killer, dessen durchdringende Augen geradezu schreien, dass sie dem gefühlskältesten Arschloch von ganz Chicago gehören.

Devil, das sei der Spitzname meines neuen Bosses, meinte Michael vorhin, als ich meine Unterschrift auf den Vertrag gesetzt habe, und ich will nicht wissen, wie es ist, in Ungnade bei ihm zu fallen. Trotzdem stelle ich mir im Geiste die Frauen vor, die sich gegenseitig über den Haufen rennen, um mit ihm ins Bett zu hüpfen.

Ich suche fieberhaft nach meinen unerschrockenen Charakterzügen.

„Mr. Bexton?“, lächele ich tapfer, als er direkt auf mich zukommt.

Sein Blick ist eisig, während er mich mustert, und ich muss mit einem Schlucken feststellen, dass dieser Mann die eins neunzig locker geknackt hat.

Er nickt unmerklich.

„Ich bin June Morten. Freut mich, Sie kennenzulernen. Ich bin für die nächste Zeit Ihre Assistentin. Willkommen in London“, lasse ich mich nicht beirren.

Seine Augen liegen noch immer auf meinem Gesicht und ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, dass er mir wegen offensichtlicher Inkompetenz den Kopf abreißen wird. Das dunkle Blau an den Rändern seiner Iris verläuft zur Mitte hin zu einem eisgrauen Ring, der nun, da seine Pupillen ob der schlechten Beleuchtung mit jeder Sekunde größer werden, beinahe gänzlich verschwindet, bis nur noch finsteres Azurblau übrig bleibt.

„Luca Bexton.“ Seine Stimme ist tief und rau, aber durchaus angenehm im Klang, während er mir die Hand reicht. Sein weißes Designerhemd schmiegt sich an eine muskulöse Brust.

Er sieht nicht erfreut aus, mich kennenzulernen, weshalb ich ihm nicht verübeln kann, dass er keine der allgemein üblichen Floskeln der Begrüßung raunt, während er mir einen festen, aber zu meinem Erstaunen nicht brutalen Händedruck schenkt.

Seine Fingernägel sind kurz und gepflegt. Etwas, das mir nicht aufgefallen wäre, wenn ich nicht seinem Blick ausweichen würde. Zu spät erinnere ich mich daran, dass man das nicht tut. Schon gar nicht, wenn man ein solches Raubtier vor sich hat. Und als ich mich zwinge, erneut aufzusehen, kann ich spüren, dass ich meinen ersten Eindruck in den Sand gesetzt habe.

„Ich, … mein Auto steht draußen“, schlucke ich, weil ich ohnehin nichts mehr an meinem ersten Eindruck ändern kann. „Sie werden erwartet. Haben Sie alles?“

Er wirft mir einen vernichtenden Blick zu, als sähe er es als Beleidigung an, ihn so etwas zu fragen. „Ja.“

„Gut. Mein Auto, … es steht im Parkverbot.“ Es hat keinen Zweck diese Tatsache verschweigen zu wollen, weil es ihm ohnehin auffallen wird. „Es gab, … ich, …wir sollten uns beeilen“, schneide ich mir selbst das Wort ab. Ihn auch noch darüber in Kenntnis zu setzen, dass ich zu spät war, das ginge nun wirklich zu weit.

„Mit was für einem Auto sind Sie hier?“

Ich bleibe notgedrungen stehen und drehe mich zu ihm um. „Einem schwarzen BMW, Firmenwagen. Ich, … sollte ich einen Strafzettel bekommen haben, werde ich es zahlen“, erkläre ich ihm geradeheraus und wünschte, ich könnte die Zeit ein paar Stunden zurückdrehen.

„Mit Ihnen habe ich nicht telefoniert, oder?“ Er kneift die Augen zusammen und ich bin mir ziemlich sicher, dass er den Fehler in diesem Aufeinandertreffen sucht.

„Meine Vorgängerin, sie ist schwanger.“ Ich versuche mich an einem Lächeln. „So kamen Sie zu mir.“ Ich deute auf mich, bevor ich betreten den Zeigefinger sinken lasse.

„Gut zu wissen.“ Er macht nicht gerade den Eindruck, als wäre an dieser Tatsache auch nur eine Facette gut, während er sich in Bewegung setzt, und ich straffe die Schultern und umklammere den Autoschlüssel etwas fester.

 

Bextons Blick wandert kurz gen Himmel, als die ersten Regentropfen auf seinem sündhaft teuren Anzug landen. „Geben Sie mir die Schlüssel. Ich fahre.“ Sein Koffer gibt wie zur Untermauerung seiner Worte ein protestierendes Ächzen von sich. Wieder begegne ich seinem Blick und ich schlucke trocken, als ich einen Muskel in seiner Wange zucken sehe.

„Können Sie …“, versuche ich es halbherzig.

„Ich bin durchaus in der Lage auch auf der falschen Seite Auto zu fahren.“ Er streckt auffordernd die Hand aus. Es regnet in Strömen und es ist ziemlich kalt. Kein Ort für eine erste ernsthafte Auseinandersetzung. Soll er doch fahren, wenn er unbedingt möchte. Ich lasse die vorgewärmten Schlüssel, an denen ich mich festgehalten habe, in seine Hand fallen und in diesem Augenblick bin ich mir sicher, dass er mich für das unfähigste Wesen auf diesem Planeten hält. Doch anstatt mir etwas Unfreundliches an den Kopf zu werfen, wendet er sich dem Wagen zu, um ihn aufschnappen zu lassen. „Schönes Auto.“

„Ja“, bestätige ich lahm.

Seine Haare kleben mittlerweile an seiner Stirn und sein Anzug weist Regenspuren auf, und da ich bezweifele, dass mein eigenes Outfit bei diesem Wetter ansehnlicher wird, umrunde ich den Wagen, um zur Beifahrertür zu gelangen.

Während er seinen Koffer verstaut, schnalle ich mich an und versuche die kleine Stimme in meinem Kopf dazu zu bringen den Mund zu halten, die mir zuflüstert, was für ein unglaubliches Weichei ich doch bin. Alles, was ich hätte tun müssen, wäre seinem Killerblick standzuhalten und zu schweigen. Mehr nicht.

Die Fahrertür geht auf und Bexton lässt sich neben mich fallen. Er flucht herzhaft, weil der Sitz so weit nach vorn gestellt ist, dass er mit angezogenen Gliedmaßen dahockt. Sein Kopf stößt fast ans Dach, seine Beine sind eingequetscht zwischen dem Sitz und der Armatur und er wirft mir einen anklagenden Blick zu.

„Ich wusste nicht, dass Sie darauf bestehen würden selbst zu fahren“, entkommt es mir in dem Versuch das Arbeitsklima nicht gleich am ersten Tag unter den Gefrierpunkt rutschen zu lassen.

Er zieht umständlich etwas aus seiner Jackentasche und ich erkenne den Timer erst, als er in meinem Schoß landet. „Schreib auf!“, fordert er, während er seinen Sitz in die richtige Position fährt.

„Ich habe keinen Stift“, informiere ich ihn.

Er holt genervt Luft, tastet sein Jackett ab und zieht schließlich einen Kuli aus der Tasche, den er mir anklagend unter die Nase hält.

„Danke.“ Ich schnappe mir das teure Schreibwerkzeug, bevor er es sich anders überlegt.

„Machen Sie einen Termin mit Paul aus, dann rufen Sie Max´ Sekretärin an und fragen Sie, ob er zum Golfen kommt. Anschließend legen Sie einen Termin für die Präsentation fest und rufen meinen Cheftrainer für die Spielbesprechung an.“ Plötzlich steckt ein geschäftsmäßiger Ton in ihm und ich kritzle das Ganze fahrig auf die erste Seite des vollgepackten Terminplans, ohne etwas davon verstanden zu haben. Währenddessen manövriert er den BMW geschickt aus der Parklücke und tritt aufs Gas. Wäre er nicht viel zu groß und erschreckend, gäbe er einen guten Rennfahrer ab.

„Oh, dann rufen Sie Jensen an, wegen dem Boxkampf am Samstag. Und Dmitri braucht noch einen Termin für die Telefonkonferenz und ich benötige jemanden, der Monster abholt. Wobei, das können Sie tun“, fällt ihm ein, als er den Motor hochdrehen lässt.

Mein Kopf schmerzt. Lauter Namen, keine Erklärungen. Offensichtlich wird erwartet, dass ich das alles auch so weiß. Schätze, ich tue gut daran, wenn ich einfach so tue, als wäre das der Fall. „Okay.“

Er verzieht den Mund. „Gut. Hier ist meine Handynummer. Und meine Adresse.“ Er schnippt eine Visitenkarte lässig in meine Richtung und ich fange sie umständlich auf, um sie notgedrungen einzustecken.

 „Wissen Sie, wie man zum Firmengelände gelangt?“, versuche ich Konversation zu betreiben.

„Natürlich“, erwidert er knapp. Der Radiomoderator redet etwas von einem unvergesslichen Konzert in der Wimbledon Arena vor zwanzig Jahren und den guten alten Zeiten, in denen noch Rock-‛n’-Roll-Geschichte geschrieben wurde, und mein Nebenmann dreht kommentarlos die Lautstärke ab. Kurz glaube ich, er möchte etwas sagen, doch er fixiert nur die Rücklichter des Wagens vor uns, der an der roten Ampel warten muss.

„Waren Sie schon häufiger hier?“, frage ich höflich nach.

„Ich würde mich gerne auf den Straßenverkehr konzentrieren.“ Seine Augen streifen kurz über mich, als er nach links abbiegt. Der Regen wird stärker und das Trommeln der Tropfen auf dem Autodach lässt mich ruhiger werden. Auch wenn Bexton ohne Zweifel ein paar Nummern zu groß geraten ist, er ist der Boss eines Multimillionen-Dollar-Unternehmens. Er wird mich nicht fressen. Höchstens feuern.

Ich betrachte den in Leder gebundenen Timer auf meinem Schoß und fahre mit den Fingerkuppen die Prägung auf dem Einband nach. Nun bin ich also tatsächlich zur Sekretärin eines Amerikaners degradiert worden und habe keine Ahnung, wie ich auch nur eine der Aufgaben erfüllen kann, die er mir aufgetragen hat. Ich hätte mir einen normalen Nebenjob suchen sollen. Einen, bei dem ich Kaffee ausschenken und ein wenig mit den Kunden plaudern kann. Nicht das hier. Aber auf der anderen Seite ist da das Versprechen von James, dass ich zu ihm in die Abteilung wechseln kann, wenn erst einmal alles in der Firma wieder seinen geregelten Gang geht.

Nach der ersten halben Stunde der Stille wünschte ich mir fast, Bexton würde wieder den Mund aufmachen. Doch das tut er nicht und ich gebe ein erleichtertes Seufzen von mir, als der Wagen endlich aufs Firmengelände rollt. Noch nie ist mir eine Autofahrt so lang vorgekommen und ich flüchte aus dem Wagen, kaum dass er ihn in die große Parklücke vor dem achtstöckigen Hauptgebäude manövriert hat, in dessen großer Glasfassade sich der trübe Himmel spiegelt.

Bexton tritt neben mir aus dem Auto und nickt mir zu, zum Zeichen, dass ich mich in Bewegung setzen soll. „Ich komme gleich nach. Ich muss nur noch kurz telefonieren“, informiert er mich wenig freundlich.

In der Lobby haben sich sehr viele Herren in teuren Anzügen eingefunden, um Bexton einen angemessenen Empfang zu bereiten, und ich kann Michael auf mich zustürmen sehen, kaum dass ich durch die Tür gekommen bin. „June! Da bist du ja! Wo ist Mr. Bexton?“

„Gleich hinter mir. Telefoniert noch.“

Michael wischt sich den Schweiß von der Stirn und steckt fahrig sein Tuch weg. Seine Augen wandern zur Tür, als würde er den Leibhaftigen erwarten.

„Sind sie alle wegen ihm hier?“, will ich wissen.

„Ja, immerhin ist er der neue Boss.“

„Sie fühlen sich also genötigt, sich ins rechte Licht zu rücken, weil er am längeren Hebel sitzt“, stelle ich pragmatisch fest.

„Ganz recht. Wie ist er so? Er steht ja nicht gerade im Ruf einfach zu sein.“ In seinen hellen Augen liegt Besorgnis.

„Na ja. Sehr wortkarg. Hör zu, ich muss noch ein paar Dinge erledigen. Entschuldige mich.“

„Natürlich. Vielleicht sehen wir uns später noch.“

 

Gerade als ich um die Ecke biege, fängt mich James ab. Seine hellblonden Haarspitzen leuchten penetrant. „Na? Alles gut gelaufen?“, hakt er grinsend nach, ganz so, als wäre das für ihn alles ein überdimensionaler Scherz.

„Nein. Nicht wirklich. Ich denke, ich hätte lieber wieder einen Job an der Uni suchen sollen.“

„Oh, so schlimm?“ Er tätschelt mir mitfühlend die Schulter und fährt sich über seine Stoppeln.

„Er ist eine zwischenmenschliche Katastrophe, wenn ich schon mal eine erste Prognose abgeben muss.“

„Ach, du bist doch gut darin, mit schwierigen Männern umzugehen.“

Ich verschränke die Arme vor der Brust. „Wer sagt das denn?“

„Ich. Und alle, die dich kennen.“ James reibt mir über die Schulter. „Kopf hoch.“

„Das sagst du so einfach. Kannst du mir zufällig auch sagen, wer Max ist? Oder Jensen?“

James zieht eine Augenbraue nach oben. „Oh … ähm, nein. Aber das findest du schon raus.“

„Die Frage ist nur wie. Ich, … kann ich mir mal kurz dein Büro ausleihen? Ich will ein paar Sachen nachsehen, und wo mein eigenes Büro ist, weiß ich noch nicht.“

„Klar.“ Er drückt ein letztes Mal meine Schulter. „Ich geh mir den Boss jetzt auch mal angucken. Ich seh‘ dich später“, ruft er mir hinterher, als ich bereits die Glastür zum Treppenhaus öffne.

 

Da die gesamte Firma damit beschäftigt scheint, für den ach so tollen Bexton Spalier zu stehen, komme ich ungesehen in James´ Büro und lasse mich auf seinen Schreibtischstuhl sinken.

Wie soll ich das nur alles schaffen? Die schwarze Tischplatte möchte mir auch keine Antwort darauf geben und so massiere ich mir die Schläfe und sehe aus dem Fenster.

Nur keine Panik, beruhige ich mich selbst.

Leider funktioniert es nicht. Mein Blick wandert zurück auf den Schreibtisch und ich sehe das Buch des Grauens eine Weile an. Vielleicht gibt mir das Ding ja Aufschluss über die ganzen Namen? Ich schlage es auf und blättere konzentriert durch die Seiten. Das dicke Papier raschelt unter meinen Fingern. Nur Termine. Einzelne Namen. Einfach nichts. Ich fahre mir übers Haar. Wie konnte ich nur glauben, der Job als Sekretärin wäre leicht verdientes Geld? Unglücklich stoße ich die Luft aus und fahre über den schwarzen Ledereinband des Timers, während die Seiten immer weniger werden. Und dann entdecke ich sie. Eine Zahlenfolge. In die Ecke der letzten Seite gekritzelt, ganz so, als wäre sie unwichtig.

Gut, vielleicht habe ich zu viele Krimis gesehen, aber warum sollte ich es nicht versuchen? Ich schnappe mir das Telefon und tippe die Zahlen mit fliegenden Fingern ein.

Das Tuten am anderen Ende beschleunigt langsam meinen Puls und dann ist da ein Klicken.

„Ja?“ Die tiefe Stimme meines Gesprächspartners bringt mich kurz aus der Fassung, bevor ich mich auf die Immer-Vorwärts-Taktik verlege.

„June Morten hier, ich bin die Assistentin von Mr. Bexton. Ich wollte fragen, ob Sie mir weiterhelfen können?“, plappere ich schnell drauflos.

„Ich denke nicht.“ Die Stimme ist angenehm tief und unaufgeregt.

„Nein, Sir, Sie verstehen nicht. Ich habe keine Ahnung, von was er redet.“

„Lustig“, brummt es sarkastisch am anderen Ende der Leitung. „Habe ich häufig auch nicht. Und ich bin sein bester Freund.“

Mir wird ein wenig schwindelig. Luca Bextons besten Freund an der Strippe zu haben, damit habe ich nun nicht gerechnet und ich frage mich, wie ich ihm das Ganze bloß erklären soll, damit er es versteht. Wahrscheinlich so, wie ich es auch meinen Brüdern beibringen würde. „Nein, ernsthaft. Er hat mich mit Aufgaben zugepflastert, erwartet, dass sie erfüllt werden, und gibt mir keine Infos. Und ich brauche diesen Job. Sonst kann ich im nächsten Halbjahr von Tütensuppen und den Almosen meines Vaters leben.“ Ich fasse mir an den Kopf. Vielleicht war das ein wenig übertrieben, aber mein Bedürfnis, meinen Vater um das Geld für die Semestergebühren zu bitten, geht gegen null.

„Okay, das klingt dramatisch“, sagt er ernst.

„Das ist es auch. Ich bin durch mein gesamtes Bachelorstudium gekommen, ohne einen Penny von meinem Vater zu benötigen, und jetzt für das Masterstudium damit anzufangen, daran habe ich wirklich kein Interesse.“

„Verstehe. Na schön. Leg los. Vielleicht kann ich helfen.“

„Wer ist Paul?“

„Paul Ellsworth, ein Architekt, der bei der Planung des neuen Firmenkomplexes die Leitung innehat, er müsste im Firmenverzeichnis stehen.“

Ich schreibe schnell mit.

„Und wer ist Max?“

„Oh, nur ein dummer Typ aus dem College. Ich sage dir, noch nie ist mir so ein kleinkariertes Arschgesicht unter die Nase gekommen, aber leider ist er ein Finanzgenie. Ich glaube, er heißt Trenton oder so. Seine Bank hat einen Sitz in London.“

„Hm … gut. Wer ist der Cheftrainer?“, mache ich weiter.

„Jordan Mexwell. Trainer der Devils“, meint er triumphierend und eine Zahlenfolge später bin ich schon ein ganzes Stück optimistischer gestimmt. „Danke, … und wer ist Jensen?“

„Oh … Thomas Jensen. Er hasst ihn. Am besten legst du das, was immer er vorhat, an einen Tag, wo du ihn nicht sehen musst“, sagt er so leichthin, als wäre es ein guter Scherz.

„Okay. Und den finde ich wo?“, will ich wissen.

„Im Telefonbuch. Er wohnt in London.“

„Dmitri?“, frage ich hoffnungsvoll.

Er seufzt hörbar. „Sein Vater. Den hetzt du ihm am besten gleich nach Jensen auf den Hals, ruf einfach im Büro in Chicago an, du kannst ihn gar nicht verfehlen“, grummelt er.

„Danke. Ich weiß nicht, was ich ohne Sie gemacht hätte!“

Ich bin glücklich. Ich kann weiterhin meine Miete zahlen und muss nicht zu Dad ziehen.

„Ja, ich weiß, ich bin gut“, lacht er.

Ich muss ebenfalls lachen. „Ja, das bist du. Mein persönlicher Engel!“, entkommt es mir überschwänglich.

Er schnaubt. „Das glaube ich eher weniger. Würdest du mich kennen, wärst du anderer Meinung.“

„So ein Unsinn. Es gibt nicht viele Leute, die einem einfach so helfen“, widerspreche ich ihm.

„Vielleicht erwarte ich ja etwas dafür?“ Dass er ein Lächeln auf den Lippen hat, kann ich regelrecht vor mir sehen.

„So? Was denn? Ein Dankeschön?“, spiele ich mit.

„Ja. Das auch, … aber eigentlich dachte ich daran, dass du mal mit mir ausgehst, wenn ich in der Stadt bin.“

Lässigkeit war noch nie meine Stärke, wenn ich offensichtlich angemacht werde. „Ich … weiß noch nicht einmal, wie du heißt. Und du weißt nicht einmal, wie ich aussehe.“

„Oh, so eine schöne Stimme kann keinem hässlichen Mädchen gehören und ich heiße Damon. Damon Roux.“

„Du bist ein Playboy“, stelle ich trocken fest.

„Was macht dich da so sicher?“

„Du bist einer, gib es zu“, versuche ich, Damon dingfest zu machen.

„Und? Vielleicht werde ich handzahm?“

„Goldig. Aber unglaubwürdig. Und du vergisst, dass ich vielleicht nichts von dir will“, kontere ich amüsiert.

„Vielleicht nicht, vielleicht doch.“ Seine Stimme ist bestimmt, aber weil er so offensichtlich darauf aus ist, mich zu necken, verzeihe ich ihm seinen Spruch.

„Wie alt bist du?“, hake ich nach. Der Kerl gefällt mir.

„Neunundzwanzig. Genau wie Luca.“

„Ernsthaft?“ Ich weiß, wie erschrocken ich klingen muss, habe ich ihn und Bexton doch für deutlich älter gehalten.

„Warum so ungläubig?“ Damon scheint leicht verletzt.

„Sie klingen älter“, rede ich mich heraus. Bexton ist tatsächlich noch so jung?

„Älter als 30?“, bohrt er nach.

„Hm“, bringe ich in Gedanken heraus, bevor ich bemerke, wie blöd meine Antwort war.

„Das nehme ich jetzt als die Beleidigung, die es sein sollte.“ Sein Lachen ist kehlig und kribbelt in meinem Bauch.

„Tut mir leid.“

„Himmel. Entschuldige dich doch nicht! Ich habe seit Ewigkeiten mit keiner Frau mehr so normal geredet!“, meint er.

„Du bist lustig.“

„Warum?“, gluckst er.

„Du hältst dieses Gespräch für normal? Eine Wildfremde ruft dich an und will alle Infos, die du über verschiedene Leute hast, du machst mich dabei an und das hältst du für normal?“, frage ich ungläubig.

„Für normaler als meine anderen Gespräche.“ Seine Stimme ist plötzlich wieder ernst.

„Ihre Gesprächspartner müssen einen Schuss haben.“ Ich schüttle den Kopf und vergesse dabei, dass er mich nicht sehen kann.

„Mein bester Freund ist Luca Bexton.“

Volltreffer. Der Mann hat Humor. „Punkt für dich“, grinse ich geschlagen.

„Danke. Hör mal, ich muss zu einem Geschäftstermin, aber du rufst mich wieder an, wenn du Probleme hast, ja? Ich möchte dieses Gespräch unbedingt fortführen!“

„Gut … Danke, Damon“, meine ich verwirrt. „Oh … Halt! Wer ist Monster?"

Ich höre Damon lachen. „Er heißt Velvet und ist sein Hund. Mach´s gut."

Ich vernehme ein Tuten in der Leitung, spüre gleichzeitig ein Grinsen auf meinen Lippen erscheinen, das ich nicht mehr abstellen kann. Was um alles in der Welt war das? Der Typ ist ja mal abgefahren! Richtig goldig. Und ich werde doch ganz sicher etwas finden, bei dem ich unbedingt seine Hilfe brauche!

„June?“ James steckt seinen Kopf durch die Tür. „Tut mir leid, aber Bexton fragt, wo du steckst. Er wartet in seinem Büro.“

„Einen Moment.“ Ich rufe das Firmenverzeichnis auf und kritzle die Nummern hektisch auf die Seiten hinten im Buch. „Bin gleich so weit. Und dann kannst du mir vielleicht zeigen, wo ich hinmuss.“

„Sicher.“ Er lehnt sich gegen die Tür. „Es ist toll dich hierzuhaben, weißt du das?“

Da ich noch immer dabei bin, hektisch Nummern aufzuschreiben, kann ich James‘ zufriedenes Lächeln leider nur erahnen. Trotzdem weiß ich, dass James Sachs voll und ganz zufrieden mit dem Ausgang seines nonchalanten Vorschlags ist, den er mir erst gestern unterbreitet hat.

„Danke. Aber noch sollten wir uns nicht daran gewöhnen.“

„Du hast schon härtere Knochen geknackt. Mich zum Beispiel“, lässt er meinen Einwand einfach von sich abprallen.

 

 

 

Kapitel 3

Bextons Büro ist im Bauhausstil gehalten. Waschbeton an den Wänden, Granitfliesen auf dem Boden. Derb und schnörkellos, genau wie seine Einrichtung aus schwarzem Holz und Leder. Ein aus Naturstein geschlagener Tisch mit einer Glasplatte zieht meinen Blick wie magisch an. Diesem Büro fehlt das Drumherum. Eindeutig männlich. So wie sein Herrscher, der nicht in Sichtweite ist. Ich trete etwas weiter ein und entdecke einen riesigen Flachbildschirm an der Wand, bevor ich an die halbrunde Fensterfront trete. Wäre es nicht so regnerisch, könnte man von hier über halb London sehen.

Die wuchtigen Aktenschränke und der monströse Schreibtisch werfen lange Schatten, trotz der indirekten Beleuchtung, und mich fröstelt es. Hier fehlen die Farben. Gerade, als ich den Schreibtisch näher in Augenschein nehmen will, höre ich Stimmengewirr und dann steht Bexton plötzlich mit einem mörderischen Gesichtsausdruck in der Tür.