Einfallende Dämmerung - Christian Haller - E-Book

Einfallende Dämmerung E-Book

Christian Haller

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Beschreibung

Das neue Buch des Schweizer Buchpreisträgers: eine Erkundungsreise ins unbekannte Land des Alters

Der Mikrobiologe Paul Bálint feiert mit ehemaligen Kollegen in Paris seinen 80. Geburtstag. Er wird geehrt und spürt zugleich, dass die Feier auch ein Abschied ist. Er befindet sich, so sein Freund Steinberg, an der Schwelle zwischen dem „jungen Alter“ und dem „alten Alter“ – einer Phase, in der nichts mehr selbstverständlich ist und sich die Vergänglichkeit in allen Dingen bemerkbar macht. Doch statt sich nur mit dem Verlust zu beschäftigen, will Bálint die neue Lebensphase erkunden wie ein unbekanntes Land: Was bedeutet das Alter für den Körper, die Erinnerung, das Gefühl für das Selbst und die Zeit, für das Verhältnis zu den Mitmenschen, den lebenden wie den toten? Je mehr er sich mit dem Alter beschäftigt, desto deutlicher zeigt sich ihm ein Leben voller neuer Möglichkeiten. Es bietet ihm zudem die große Freiheit, sich ohne Rücksicht auf Konventionen und wissenschaftliche Regeln einen eigenen Reim auf die heutige Welt und ihre Veränderung zu machen.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Zum Buch

Der Mikrobiologe Paul Bálint feiert mit ehemaligen Kollegen in Paris seinen 80. Geburtstag. Er wird geehrt und spürt zugleich, dass die Feier auch ein Abschied ist. Er befindet sich, so sein Freund Steinberg, an der Schwelle zwischen dem »jungen Alter« und dem »alten Alter« – einer Phase, in der nichts mehr selbstverständlich ist und sich die Vergänglichkeit in allen Dingen bemerkbar macht. Doch statt sich nur mit dem Verlust zu beschäftigen, will Bálint die neue Lebensphase erkunden wie ein unbekanntes Land: Was bedeutet das Alter für den Körper, die Erinnerung, das Gefühl für das Selbst und die Zeit, für das Verhältnis zu den Mitmenschen, den lebenden wie den toten? Je mehr er sich mit dem Alter beschäftigt, desto deutlicher zeigt sich ihm ein Leben voller neuer Möglichkeiten. Es bietet ihm zudem die große Freiheit, sich ohne Rücksicht auf Konventionen und wissenschaftliche Regeln einen eigenen Reim auf die heutige Welt und ihre Veränderung zu machen.

Zum Autor

Christian Haller wurde 1943 in Brugg, Schweiz, geboren, studierte Biologie und gehörte der Leitung des Gottlieb Duttweiler-Instituts bei Zürich an. Er wurde u. a. mit dem Aargauer Literaturpreis (2006), dem Schillerpreis (2007) und dem Kunstpreis des Kantons Aargau (2015) ausgezeichnet. Für die Novelle »Sich lichtende Nebel« erhielt er 2023 den Schweizer Buchpreis. Zuletzt erschien der Roman »Das Institut«. Christian Haller lebt als Schriftsteller in Laufenburg.

Christian Haller

Einfallende Dämmerung

Novelle

Luchterhand

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Copyright © 2026 Luchterhand Literaturverlag

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)

Umschlaggestaltung: buxdesign | Ruth Botzenhardt

unter Verwendung eines Motivs von plainpicture/Ramesh Amruth

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-32286-1V001

www.luchterhand-literaturverlag.de

facebook.com/luchterhandverlag

Für Regina Kammerer

Alles lag hinter mir, in der Vergangenheit. Vor mir lag, wie ich sagte, die Stille.

Louise Glück

1

Paul Bálint betrat an seinem achtzigsten Geburtstag den Frühstücksraum des Hotels Ducret. Es war vor sieben Uhr, und erst wenige Gäste saßen an den Tischen. Bálint sah sich nach einer ruhigen Ecke um. Ob zu Hause oder unterwegs, er hatte die Eigenheit, den Tag mit zwei Tassen Kaffee zu beginnen, danach sich zurückzuziehen, zu lesen und zu schreiben, um nach ein, zwei Stunden zu frühstücken. In Hotels machte seine Gewohnheit oftmals Erläuterungen und Erklärungen nötig. An diesem Morgen jedoch wurde er von der Serviererin herzlich begrüßt. Sie wünschte ihm Glück und begleitete ihn zu einem Tisch, auf dem ein Kuchen mit vier brennenden Kerzen stand, und brachte umgehend eine Tasse Kaffee, schwarz mit zwei Tütchen Zucker. »Quatre-vingt! Von Herzen deine alte Freundin Madeleine.« Die Geste rührte ihn, hatte er doch mit nichts dergleichen gerechnet. Sie hatte die Überraschung organisiert, hatte aus ihrer Erinnerung angeordnet, dass ihm eine zweite Tasse Kaffee gebracht werde, mit der Bemerkung, er könne alles so stehen lassen, der Tisch bleibe für das spätere Frühstück reserviert. Bálint kannte das Hotel von früheren Aufenthalten. Wenig hatte sich verändert, und er schätzte die etwas verlebte, an vergangene Zeiten erinnernde Atmosphäre. In der Lobby standen Clubsessel wie aus den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts, überzogen mit leicht rissig gewordenem Leder, es gab ein Lesezimmer mit Pult und Bücherschränken, und im Frühstücksraum brannte ein Lüster, warf ein gedämpftes Licht auf eine antike Szene: eine kniende Figur, die einen Stab an einen thronenden Herrscher übergab.

Bálint trank den Kaffee gerne heiß, und die ersten Schlucke begleiteten »Ahhh«-Laute, die er wegen der anderen Gäste zwar dämpfte, doch ein unerlässlicher Teil des Genusses waren. Mit dem langsamen Ausatmen entfernten sich die Schlafreste, und Schluck für Schluck erwachte die Neugier, was sich in der Zeit ereignet haben mochte, seit er das Tablet zur Seite gelegt und das Licht gelöscht hatte.

Nachdem er die erste Tasse ausgetrunken und noch eine Weile vor sich hin sinniert hatte, holte er die Zeitung, die er beim Eingang zum Frühstücksraum auf einem Tisch bemerkt hatte. Er überflog die ersten Seiten, etwas ungehalten über die immer gleichen Katastrophenmeldungen, pessimistischen Vorhersagen und Politikerintrigen, hoffte auf den Kulturteil, blätterte und suchte und war überrascht, als er sich abgebildet fand. »Im Innern des Kerns, zum achtzigsten Geburtstag von Paul Bálint.« Das Foto war während eines Kongresses aufgenommen worden. Es zeigte ihn stehend am Tresen vor einer Wandtafel, breit auf die Arme gestützt, den Blick direkt in die Kamera gerichtet. Ein konzentrierter Blick aus leicht gekniffenen Lidern, doch einer, der nicht nach außen ins Auditorium gerichtet war, sondern ins Innere, zu den Themen seiner Forschung, der Zelle, ihres Kerns – und Paul Bálint nickte sich zu: Das war vor zehn Jahren gewesen, während seiner Abschlussvorlesung, nein, nicht hier in Paris, in Berkeley, wo er Jahre gelehrt hatte. Wie sehr ihn die Zeit verändert hatte, das Haar war noch nicht weiß und auch dichter, das Gesicht voller, ohne die jetzt ausgeprägten Falten und Tränensäcke. Der Text der Würdigung war eine Zusammenfassung der Laudatio anlässlich der Verleihung des Wissenschaftspreises, Sätze, die er alle schon kannte, wiederholt wurden, ihn in ein Netz gut gemeinter Wörter schnürten. Sie hatten nicht wirklich etwas mit ihm und seiner Arbeit zu tun, den Schwächen, den Enttäuschungen, dem hilflosen Versagen, das sein Leben neben den Erfolgen geprägt hatte. Es freute ihn trotzdem.

Während er die zweite Tasse trank, deren Genuss schwächer war im Vergleich zur ersten Tasse, näherte sich ein jüngerer Mann seinem Tisch. Er mochte um die vierzig sein, hatte krauses Haar und trug eine Hornbrille mit starken Gläsern, die seine Augen vergrößerten. Bálint schaute auf die Lippen, die etwas vorgewölbt und ebenmäßig geschwungen waren und sich jetzt bewegten.

– Verzeihen Sie die Frage, sind Sie nicht Paul Bálint?

Er habe bei ihm studiert, und Bálint sei bis heute sein Vorbild geblieben. Er arbeite am Scherrer-Institut, nein, nicht mehr in der Zellforschung, es ginge hauptsächlich um Radiologie, um die möglichst punktgenaue Zerstörung karzinogener Gewebe mittels Protonen. Doch bei Versuchen denke er oftmals an ihn, frage sich, wie Paul Bálint reagiert hätte, wenn ein Experiment nicht gelingen wollte.

– Ich bin niemandem mehr begegnet, der so ruhig bei experimentellen Misserfolgen geblieben ist, stets Mut gemacht hat, es erneut zu versuchen. »Beharrlich, aber flexibel« – ist mir zu einer Art Leitspruch geworden – »Sie brauchen nicht Erfolg, Sie brauchen den Mut weiterzugehen.«

Bálint erinnerte sich weder an den Studenten noch daran, dass er solche Sätze gesagt haben soll, und wenn er sie jetzt von diesen sinnlichen, wohlgeformten Lippen ausgesprochen hörte, schmeichelten sie ihm, auch wenn er sie nicht für besonders originell hielt. Er hatte Erfolg gehabt, und da ließ sich leicht »vom Mut zum Weitergehen« reden. Hätten seine Forschungsprogramme zu keinen neuen Erkenntnissen geführt, die Mittel für weitere Untersuchungen wären sehr schnell gestrichen worden.

Der ehemalige Student, jetzt ein Mann Mitte vierzig, beglückwünschte ihn zum Geburtstag und zog sich dann zurück: Er möchte nicht länger stören.

Bálint saß verwundert und etwas irritiert an seinem Tisch. Was für ein Morgen, was für ein Auftakt zu seinem Geburtstag! Er überlegte, ob er vielleicht gegen seine Gewohnheit eine dritte Tasse Kaffee bestellen sollte, verzichtete jedoch. Auch waren die Kerzen auf dem Kuchen heruntergebrannt.

2

Madeleine hatte im 7. Arrondissement ein altes, nicht allzu großes Bistro gemietet. Es würde eine einfache Feier werden, und Madeleine wusste, Paul würde das Lokal mögen: die gusseisernen Säulen, die vergilbten Wände, den zinkbeschlagenen Bartresen. Es entspräche einem Stück Paris seiner Erinnerung. Als Bálint sich dem Lokal näherte, löste sich Madeleine aus einer Gruppe von Gästen, die bereits eingetroffen waren. Sie lief auf ihn zu. Ihr Kleid schwang um die Beine, das offene Haar flatterte, die Arme hielt sie ausgestreckt. Sie umarmten sich wortlos, und als Madeleine sich von ihm löste, sah er, dass sie feuchte Augen hatte: Ja, sie war mehr als eine gute Freundin. Sie hatten zusammen am Pasteur-Institut gearbeitet, später in London, dann in einem Kooperationsprojekt zweier Universitätslabors in den USA. Aus der gegenseitigen Wertschätzung war eine Freundschaft geworden, die für Bálint einmalig war und die auch nach den gemeinsamen Forschungsarbeiten andauerte. Er schätzte Madeleines fachliche Kompetenz und achtete ihre Integrität. Es gab in allen theoretischen Fragen ein tiefes gegenseitiges Verständnis, aus dem eine geistige Beziehung gewachsen war, tiefer, als ein Verhältnis hätte sein können. Doch Bálint verspürte Madeleine gegenüber noch immer eine Spur schlechten Gewissens. Er war nicht so integer gewesen, wie er es von ihr kannte. Sie hatten oft über die Ungerechtigkeit gesprochen, dass bei den gemeinsamen Publikationen – und es waren durch die Jahre etliche geworden – Madeleine stets an zweiter Stelle als Verfasserin genannt wurde, selbst wenn es hauptsächlich ihre Forschungsergebnisse waren, die sie veröffentlichten. Die Anerkennung blieb somit weitgehend an seinem Namen hängen. Madeleine beteuerte zwar, dass ihr nichts daran liege, an erster Stelle genannt zu werden. Aber war das so? Zumal Anerkennung, wenn auch uneingestanden, Bálint durchaus wichtig wurde. Irgendwann hatte er begonnen, sich durch seine Forschung einen Namen machen zu wollen, und dafür hatte er einiges getan. Ihm war zwar nicht der Sjöberg Prize verliehen worden – die Vorstufe zum Nobelpreis –, doch Preise, die bedeutend genug waren, um den Neid der Kollegen zu erregen.

– Voilà, Paul, c’est mon cadeau!

Madeleine führte Bálint zu der Gesellschaft, die vor dem Bistro versammelt einen Aperitif trank. Er wurde herzlich begrüßt, man wünschte Glück zum Geburtstag, und Bálint war erfreut, unerwartet Bekannte zu treffen, die er seit Jahren nicht mehr gesehen hatte – Kolleginnen, Postdoktoranden, Mitarbeiter, auch vom Biozentrum, seinem letzten Arbeitsort. Doch besonders überraschte ihn, unter den etwa zwanzig Gästen Martha Herschova von der California University zu sehen.

– Was für ein unerwartetes Geschenk, liebe Martha, und welche Ehre.

– A pleasure to see you. A long time since you were part of our team.

Sie sei auf dem Weg zu einem Kongress in Singapur, habe aber unbedingt an der Feier teilnehmen wollen, seit sie von Madeleine davon erfahren habe.

Martha war eine Koryphäe, und an der langen Tafel wurde sie Bálint gegenüber gesetzt. Rechts von ihm saß Madeleine und links einer ihrer Freunde, ein Professor der Sorbonne. Er spürte, man erwarte, dass er eine kleine Rede halte. Er schlug ans Glas, bedankte sich bei Madeleine für das Ausrichten der Feier, bei den Gästen für ihr Kommen und ganz besonders dafür – mit angedeuteter Verbeugung – dass Martha Herschova in die verkehrte Richtung geflogen sei, um hier in Paris mit ihnen zu sein. Er sagte auch ein paar Sätze zu anderen Gästen und kam zum Schluss, er sei stolz, noch immer der Forschungscommunity anzugehören: »Ihr seid meine Familie.« Die Gläser wurden erhoben und auf sein Wohl getrunken.

Während des Essens unterhielten sich die Gäste angeregt. In den Gesprächen ging es um Forschungsgelder, um Arbeitssituationen und Beziehungen – und selbstverständlich auch um Klatsch. Schon bald fühlte sich Bálint von der Konversation ausgeschlossen. Er konnte zu den Gesprächen nichts beitragen, außerdem war Martha der Mittelpunkt. Jeder an der Tafel wusste um ihren Einfluss, wollte mit ihr kurz sprechen, seine Arbeit anpreisen. Ihm, Bálint, klopfte man freundlich auf den Rücken, versicherte ihm, wie gut er aussehe, und es das größte Geschenk sei, in dem Alter gesund zu sein. Das Geburtstagsmenü schloss mit einer Mousse, und nach dem Espresso endete die Feier. Bálint schüttelte Hände, umarmte Madeleine, dann ging er allein durch die nächtlichen Straßen. Es war kalt, und er fühlte eine seltsame Leere. Nein, nicht Enttäuschung, doch so, als wäre seine seit dem Frühstück gehobene Stimmung in sich zusammengefallen. Er sann darüber nach, was das gewesen war, das er heute Abend erlebt hatte. Eines war dabei offensichtlich geworden: Womit er seine Rede geschlossen hatte – dass er stolz sei, noch immer der Forschungscommunity anzugehören –, stimmte nicht. Er war kein Teil mehr von ihr. In ihrem Kreis gab es ihn lediglich als eine Erinnerung: gut und ehrenwert, doch längst vergangen....Ende der Leseprobe