Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Einführung in die Ethik. Skriptum zur Vorlesung. Was bedeutet es, gut zu handeln? Wie prägen Gesellschaft und Philosophie unsere moralischen Maßstäbe? Der Autor lädt in seiner Einführung in die Ethik dazu ein, die Grundlagen ethischen Denkens aus der Perspektive von Sokrates, Aristoteles, Kant und anderen einflussreichen Denkern der Geschichte zu erkunden. Das Werk verbindet Aspekte der Geschichte der Ethik mit systematischer Klarheit und bietet einen umfassenden Überblick über zentrale Begriffe und Theorien der Ethik. Es gelingt dem Autor, die großen Fragen und Antworten der Philosophie zugänglich und lebendig zu machen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 410
Veröffentlichungsjahr: 2024
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Philosophie als Wissenschaft
Anfänge ethischer Theoriebildung
Deskriptive und normative Ethik
Der Handlungsmaßstab
Handlungskonventionen
Gutes und Güter
Das Sokratische Gespräch
Theorie und Praxis der Ethik
Geschichte und System der Ethik
Ethik und Moral
Aufbau der Ethik
Sokrates
Merkmale Sokratischer Dialoge
Verzicht auf die Schriftform
Begriffsanalyse
Dialektik
Mnemotechnik
Hebammenkunst
Umgang mit ethischen Dilemmata
Ethische Orientierungen
Die Bedeutung der sokratischen
Philosophie in der Praxis
Platon. Die Idee des Guten
Das Höhlengleichnis
Die höchste Tugend: Gerechtigkeit
Wirkungsgeschichte
Aristoteles: Das Gute als gelingendes Leben
Die Umkehrung des Höhlengleichnisses
Der aristotelische „Pragmatismus“
Das sprachlos Gute
Wissenschaftliche Tugenden
Ethik des Vergänglichen und Unvergänglichen
Die Stoiker:
Über die Unerschütterlichkeit der Seele
Freundschaft ohne Gefühle?
Jenseits der Nützlichkeit
Etwas um seiner selbst willen tun
Dilemmata
Beispiele heutiger Dilemma-Situationen
Von den Stoikern zu den Epikureern
Bedeutung der Stoa für die praktische Ethik
Epikur. Die Ethik des Freundschafsbundes
Das Streben nach Lust
Seelische Lust
Der epikureische Freundschaftsbund
Epikurs Vertragstheorie
Epikurs „vier Heilmittel“
Zusammenfassung
Machiavelli. Die Trennung von Politik und Moral
Manifest oder Satire?
Asymmetrische Formen handlungsleitender Motive
Unberechenbarkeit als Tugend?
Rousseau. Die Ethik des Gesellschaftsvertrages
Der Gesellschaftsvertrag
Verzicht auf Gewaltenteilung
Eine Frage der Natürlichkeit
Die Bedeutung der Schriften Rousseaus für die praktische Ethik
Kant. Die Pflichtethik
Der kategorische Imperativ
Kritik der reinen Vernunft
Kants ethische Maßstäbe
Der Gesetzes-Maßstab
Die "Naturgesetz"-Formel
Die "Achtungs-Formel“
Die „Selbstzweck-Formel“
Die „Reich der Zwecke“-Formel
Bedeutung der Ethik Kants für die Praxis
Hegel. Dialektische Ethik
Selbstbezügliches Denken
Traum, Selbstreflexivität und ethische Normen
Philosophie als Universalwissenschaft
Dialektik als Wissenschaftslogik
Sein und Sollen
Der Handlungsmaßstab
Herr und Knecht
Linkshegelianer, Rechtshegelianer und Pragmatiker
Stärken, Schwächen und Probleme
Der Utilitarismus
Der Wandel des Begriffs „Nützlichkeit“
„Nützlichkeit“ im Utilitarismus
Die doppelte Funktion von Handlungsbeschreibungen
Formen des Utilitarismus
Der Präferenzutilitarismus
Stärken des Präferenzutilitarismus
Schwächen des Präferenzutilitarismus
Der Regelutilitarismus
Der Konsequenzialismus
Negativer Utilitarismus
Schadensminimierung im Präferenzutilitarismus
Schadensminimierung im Regelutilitarismus
Schadensminimierung im Konsequenzialismus
Wittgenstein. Die deskriptive Ethik
Sprachspiele und grammatische Sätze
Woran sind Sprachspiele zu erkennen?
Deskriptive Ethik
„Ein Versprechen geben“
Grenzen der deskriptiven Ethik
Jonas. Das Prinzip Verantwortung
War Ethik bisher „Gegenwartsethik“?
Das Prinzip einer „Heuristik der Furcht“
Was bedeutet „Verantwortung“?
Sein und Sollen
Können wir die Zukunft erforschen?
Das Abgrenzungsproblem
Stärken des „Prinzips Verantwortung“
Schwächen des „Prinzips Verantwortung“
Praktische Ziele einer Verantwortungsethik
Habermas. Diskursethik
Dialektik der Aufklärung
Kritik der instrumentellen Vernunft
Lebenswelt und System
Geltungsansprüche
Gelingende Kommunikation
Diskurs und Kategorischer Imperativ
Geltungsansprüche
Stärken der Diskursethik
Schwächen der Diskursethik
Praktische Bedeutung der Diskursethik
Philosophie ist eine Wissenschaft und ihre ältesten uns bekannten Dokumente im europäischen Kulturraum entstanden ungefähr 500 Jahre v. Chr.
Philosophie, die „Liebe zur Weisheit“ (φιλοσοφία / philosophía), war bereits in ihren archaischen Anfängen eine Suche nach Antworten auf grundlegende Fragen. Zwar sind etliche jener Textfragmente, die uns aus der Zeit der sogenannten vorsokratischen Philosophie erhalten geblieben sind, in einer Sprache und Form verfasst, die heute nicht mehr geeignet zu sein scheint, diese Texte mit wissenschaftlichem Denken in Verbindung zu bringen.
Dennoch begegnet uns in diesen Fragmenten erstmals ein Denken, das die Entwicklung der Wissenschaften, vor allem aber die Entwicklung der Ethik, maßgeblich beeinflusst hat.
Philosophieren ist in der griechischen Antike – wie auch heute noch – im Wesentlichen ein Nachdenken über das, was vor aller Augen liegt. Auch wenn wir heute unter „Weisheit“ eher ein Denken verstehen, das aus der Reflexion subjektiver Erfahrungen entstehen mag, so ist doch dieses Nachdenken über unsere Lebenswelt immer auch ein Nachdenken über unsere Natur und über die Natur, die uns umgibt. Auch archaische Reflexionen über die Natur der Dinge waren Formen wissenschaftlichen Denkens; und was zur Zeit der griechischen Antike als „Liebe zur Weisheit“ galt, war zumindest in der griechisch-römischen Philosophie eine Einübung in wissenschaftliches Denken überhaupt. In dieser Tradition steht die Philosophie bis heute. Sie ist keine Sammlung von Lehrschriften. Ihre Texte dokumentieren vielmehr ihre wissenschaftliche Entwicklung und die Dynamik ihrer Theorien. Philosophie ist - in ihren frühen Entwicklungsstadien - der erkennbare Versuch, volksmythologische Überzeugungen und religiöse Lehrschriften durch frühe Formen wissenschaftlichen Denkens zu ersetzen.
Unsere heutige Einteilung der Wissenschaften war der Antike noch weitgehend unbekannt und wäre den Menschen jener Zeit unverständlich erschienen. Obwohl bereits mit Aristoteles eine Systematisierung der Wissenschaften einsetzte, galt die Philosophie dieser Zeit noch als
„Universalwissenschaft“ und - bis weit in die Neuzeit hinein - als transdisziplinäre Wissenschaft, in der beispielsweise auch Fragen der Astronomie, der Musik, der Rhetorik oder der Arithmetik behandelt wurden. Zugleich zeigen uns diese frühen Anfänge der Wissenschaft, erstmals in der Wissenschaftsgeschichte, dass die argumentative Kraft philosophischer Gedanken aus rationalen Motiven abzuleiten war, unabhängig von den religiös-mythologischen Konventionen der Zeit, aber auch weitgehend unabhängig von den jeweiligen regionalen machtpolitischen Konstellationen griechischer Stadt-Staaten.
Anders gesagt: Die europäische Geschichte der Philosophie ist die Geschichte einer ursprünglich als Universalwissenschaft gedachten Philosophie, die sich im Laufe der Jahrhunderte in eine stets größer werdende Anzahl von Einzelwissenschaften ausdifferenzierte. Einzelwissenschaften, die sich ihrerseits aus ihrem ursprünglichen Entstehungskontext zu lösen begannen.
Die Geschichte dieser Wissenschaft beginnt zwar nicht erst mit Sokrates, aber zweifellos beginnt mit Sokrates die Ethik als wissenschaftliche Disziplin, die vor dieser Zeit und als ein spezifisch wissenschaftliches Denken in der Philosophie der Antike noch kaum nachweisbar ist.
Die griechische Philosophie unterscheidet sich in ihrer wissenschaftlichen Ethik deutlich von reinen Weisheitslehren, wie wir sie etwa zeitgleich in Asien bei Konfuzius (551 - 479 v.Chr.) oder im indischen Buddhismus finden.
Weisheitslehren finden wir im Mittelmeerraum erst in der Spätantike, an den Schnittstellen der griechisch-römischen und christlichen Strömungen der Philosophie1. In ihren Anfängen begegnen uns nahezu ausschließlich Formen des Denkens, die weniger an Fragen einer gelingenden Lebensführung als vielmehr an naturphilosophische Probleme erinnern2. Was hält die Welt zusammen? Wasser, Feuer oder Luft? Sind es atomare Teilchen, geometrische Urformen oder sind es vielmehr deren Ideen, denen wir verdanken, dass überhaupt etwas existiert? Was bedeutet es, dass etwas ist, anderes aber nicht? Diese und verwandte - ebenso archaische wie zeitlose - Fragen nach der Natur der Dinge verhalfen der Philosophie der Antike aus dem Bannkreis ausschließlich mythologischer Weltbeschreibungen und Schöpfungsmythen herauszutreten und ein vernunftgeleitetes Denken zu entwickeln. Hier – wenn überhaupt irgendwo – sind die Anfänge des verschriftlichten wissenschaftlichen Denkens im europäischen Kulturraum zu finden und damit auch die Anfänge der Ethik als einer philosophischen Wissenschaft.
In dieser frühen Epoche Europas, in einer Zeit der Suche nach den Grundlagen unseres Wissens, war es naheliegend, nichts weiter vorauszusetzen oder im Denken zu fordern als das, was entweder vor den Augen aller lag oder im Nachdenken über Probleme ein für alle naheliegender Gedanke war. „Vor aller Augen“ lagen aber nicht nur die erwähnten „Urelemente“: Feuer, Erde, Wasser und Luft3; vor aller Augen lag auch das gesellschaftliche Leben auf den Plätzen, Märkten und in den öffentlichen Versammlungen und Beratungen jener, die sich aktiv an der Gestaltung des Lebens in den griechischen Stadt-Staaten beteiligten. Griechenland, war der Ort, an dem man sich intensiv mit der Frage beschäftigte, wie in Gemeinschaften zu handeln sei, deren Mitglieder nach einem guten Leben streben. Die Lehre von dem, was in der Gemeinschaft und für die Gemeinschaft zu tun ist, war von Anfang an mit einem methodischen Denken verbunden, das wir heute für jede Wissenschaft als selbstverständlich voraussetzen. Auch wenn in den überlieferten Texten Probleme und Fragen des richtigen Handelns durchaus kontrovers diskutiert wurden, finden wir in diesen Diskussionen die methodischen Elemente früher Formen wissenschaftlichen Denkens, nämlich rationale, überprüfbare und erweiterbare Argumentationen. Die Werkzeuge der Philosophie waren damals wie heute begrifflicher Natur. Die Frage, warum Menschen untereinander bestimmte
Verhaltensweisen bevorzugen und andere ablehnen, wurde in diesen frühen Ethikdiskussionen mit Hilfe von Argumenten entschieden und nicht durch Berufung auf vermeintliche oder tatsächliche Autoritäten, nicht durch Berufung auf religiöse Offenbarungen oder unreflektierte Konventionen.
Der natürliche Ausgangspunkt der Ethik ist die teilnehmende Beobachtung des Lebens der Mitmenschen und die Beschreibung ihres Umgangs miteinander. Manchem mag diese Form der deskriptiven Ethik naiv erscheinen, aber es gab - zur Zeit der griechischen Antike - keine vernünftige Alternative zu dieser Methode, nämlich mit dem Offensichtlichen zu beginnen. Wer nicht weiß, was um ihn herum geschieht, kann auch nicht vernünftig darüber nachdenken, was um ihn herum geschehen soll. Jede Ethik ist daher - systematisch gesehen - deskriptiv und normativ zugleich. Am Anfang muss immer die Beschreibung des gelebten Lebens der Menschen stehen. Darauf weist schon der Philosoph Protagoras (490-411 v. Chr.) hin. Von ihm stammt der berühmte Ausspruch, der Mensch sei das Maß aller Dinge. Protagoras wurde vorgeworfen, es sei „vermessen“, dies zu behaupten, denn das Maß aller Dinge sei die Gottheit und nicht irgendein Mensch. Dabei hat Protagoras auf ganz unspektakuläre Weise eine alte Wahrheit ausgesprochen: Menschen setzen Maßstäbe, wenn sie Dinge messen. So gesehen ist jeder, der ein Maß benutzt, mit seinem Maß auch das Maß der Dinge, die er misst. Der Mensch ist ein Maßnehmer; und so gesehen ist er zweifellos nicht nur ein Maßnehmer, sondern er legt auch die Maßeinheiten fest und bestimmt die Methode des Messens.
Als man sich Ende des 19. Jahrhunderts auf die sogenannte Meterkonvention einigte und mit Hilfe eines Urmeters definierte, was unter der physikalischen Längeneinheit des Meterstabes zu verstehen ist, wurde es erstmals auch möglich, mit Hilfe dieses Urmeters die metrische Länge eines Gegenstandes zu messen. Es liegt in der Anwendungsform eines Maßstabs, dass er sowohl normierend als auch beschreibend verwendet werden kann. Diese Doppelfunktion unserer Maßstäbe finden wir auch in der Ethik. Auch ethische Maßstäbe werden sowohl normativ als auch deskriptiv verwendet.
Überhaupt führt uns die Metapher des Maßes und des Maßnehmens ins Zentrum der Ethik, denn diese liefert uns sittliche Maßstäbe, sowohl in der Beschreibung als auch in der Bewertung menschlicher Handlungen. Ethik ist, insbesondere in ihren Anfängen, immer auch deskriptive Ethik, denn sie sagt uns wie die Menschen leben, welchen Sitten und Gepflogenheiten sie folgen4. Auch heute noch wird jeder Soziologe oder Ethnologe, der die Gelegenheit hat, z.B. die Lebensformen indigener Gemeinschaften zu erforschen, deren Verhaltensweisen beschreiben, um darin nach Regeln zu suchen. Ethik (ἔθος) bedeutet - in der ursprünglichen Verwendung dieses Begriffs: die Sitten und Gebräuche im Zusammenleben der Menschen an einem Ort, zu einer bestimmten Zeit und in einem überschaubaren Personenkreis zu beschreiben und in Regeln zu fassen.
Der Übergang von der Beschreibung einer Handlung zu ihrer moralischen Bewertung vollzieht sich auf ganz natürliche und gleichsam intuitive Weise. Wenn wir uns die Beschreibung einer Handlung als einen Maßstab vorstellen, den wir auch an die Beschreibungen anderer Handlungen anlegen können, wird deutlicher, wie sich die Beschreibungen ergänzen. Die Beschreibung konventioneller Handlungen liefert uns in den von uns beschriebenen Handlungskonventionen die Maßstäbe, mit deren Hilfe wir klären können, ob jemand konventionsgemäß richtig handelt oder in seinem Handeln von einer Konvention abweicht.
Nur in einer hinreichend friedlichen und am Gemeinwohl interessierten Gesellschaft ist es den Menschen möglich, sowohl das für sie individuell Gute als auch das für andere Menschen Gute anzustreben. Bei diesem Streben sind aber alle Mitglieder einer Gemeinschaft darauf angewiesen, die genannten Maßstäbe zur Beschreibung und Bewertung dessen zu finden, was in ihrer Gemeinschaft als gut erkannt und angesehen wird. Offenbar reicht es nicht aus, wenn sich jeder nur auf das von ihm angestrebte Handlungsziel bezieht, denn das individuell für gut Befundene kann auch Konflikte zwischen den Mitgliedern einer Gemeinschaft auslösen.
Gesucht wird also ein geeigneter und allgemein anwendbarer Maßstab, mit dessen Hilfe das Leben in einer Gemeinschaft, typischerweise das Leben in einem antiken griechischen Stadtstaat, gemessen werden kann. Spätestens hier kommt das ins Spiel, was uns als Begriff der „Proportionalität“ vertraut ist5.
Auf den großen Plätzen der antiken Städte, insbesondere auf den Marktplätzen, war allen Marktteilnehmern bekannt, welche Waren zu welchen Preisen angeboten wurden. Was unter den zu erwartenden Preisen konkret zu verstehen war, wurde zwar von Fall zu Fall ausgehandelt, hatte aber in der Regel keinen beliebigen Spielraum, sondern war Teil der zu erwartenden Marktkonventionen. Märkte sind vielleicht die am leichtesten zu veranschaulichenden Beispiele dafür, was mit dem Maßstab der „Verhältnismäßigkeit“ menschlichen Handelns gemeint ist. Märkte zeigen uns, wie allgemeine Handlungsmaßstäbe auf alltägliche Weise entstehen und beispielsweise das ökonomische Verhalten der Marktteilnehmer/innen bestimmen. Wäre es anders, wüssten die Bürger/innen also nicht, ob eine Ware günstig ist oder ob ein genannter Warenpreis unverhältnismäßig hoch ist, dann hätten Begriffe wie „günstig“, „angemessen“ oder „teuer“ keine erkennbare Bedeutung. Das erwartete Waren-Preis-Verhältnis bestimmt auch die zu erwartenden Kauf- und Verkaufsgespräche. Was unter moralischem Verhalten auf Marktplätzen zu verstehen ist, wird niemanden überraschen, der Märkte beobachtet. Märkte sind Beispiele für das Verhältnis von Beschreibungen und Normierungen menschlichen Handelns. Proportionalitätsverhältnisse in der Funktion von Handlungsmaßstäben finden wir auch anderswo. Wer nach Handlungsmaßstäben sucht, braucht sich nur umzuschauen. Die Geometrie von Straßen, die Architektur einer Stadt, die Ausführung kultischer Bauten oder auch nur die Bewegungsmuster der Menschen an diesen Orten bilden gleichsam begehbare Maßstäbe gesellschaftlicher Konventionen.
Viele der überlieferten Texte zu den Anfängen der Ethik sind nur durch Zufall erhalten geblieben. Glücksfälle der Geschichte. Dass ausgerechnet der Philosoph und Ethiker, von dem die wichtigsten Impulse für die antike Philosophie und ihr ethisches Denken ausgingen, einen Schüler fand, der die Gespräche seines Lehrers aufzeichnete, war ein solcher Glücksfall. Dass dieser Schüler seinerseits einer der bedeutendsten Philosophen der Antike war, ermöglicht uns heute tiefe Einblicke in diese uns oft rätselhaft erscheinenden Anfänge der Philosophie als Wissenschaft.
Es war Sokrates, von dem noch die Rede sein wird, dessen philosophische Gespräche, die sogenannten „Sokratischen Dialoge“, den Beginn einer Systematisierung der Ethik markierten. Sokratische Gespräche beginnen mit der Erörterung einer bestimmten Frage, die sich auf eine den Gesprächsteilnehmern bekannte Situation bezieht. In diesem Fall genügt es, diejenigen zu befragen, die als Mitglieder einer Konventionsgemeinschaft entscheiden können, ob eine gesetzte Handlung einer Konvention entspricht. Wie es sich im Einzelfall verhält und ob dieser Einzelfall beispielhaft für allgemeine Verhaltensnormen ist, kann in Gesprächen geklärt werden, die zur systematischen Lösung eines Problems oder einer gestellten Aufgabe beitragen. Wenn Mitglieder einer Konventionsgemeinschaft gefragt werden, ob eine ihrer Meinung nach bestehende Handlungskonvention auch als Handlungsnorm gelten kann, dann müssen Meinungen ausgetauscht, geprüft, angenommen oder verworfen werden.
Im Sokratischen Dialog finden wir verschiedene Formen solcher Gespräche, an denen in der Regel ein Fragender, ein Befragter und ein oder zwei Zeugen teilnehmen6. Diese klären gemeinsam, ob und wie ein Handlungsmaßstab anzulegen ist oder ob ein angelegter Maßstab möglicherweise nicht geeignet ist, mit seiner Hilfe ein Handlungsgeschehen zu beschreiben.
Die Beschreibung einer Konvention ist - wie bereits erwähnt - immer auch geeignet, die Funktion einer normativen Bewertung des Handlungsgeschehens zu übernehmen. Mit dieser methodischen und dialogischen Transformation einer Handlungsbeschreibung in eine Handlungsnorm beginnt das, was wir heute „Ethik“ nennen. Ein kleiner Schritt für die Philosophie, aber ein großer methodischer Sprung für die Entwicklung der Ethik als Wissenschaft. Ein Schritt, der nicht möglich gewesen wäre, wenn man nicht erkannt hätte, dass gesellschaftliche Formen der Handlungsbeschreibung in der Regel nicht „wertfrei“ sind, weil Beschreibungen die Konventionen widerspiegeln, denen sie sich verdanken.
Jahrhunderts ist der Begriff des „Guten“ aus mehreren Gründen begriffsgeschichtlich belastet. Nicht nur erscheint er uns heute teils zu abstrakt, teils zu verstaubt, um komplexe Verhaltensweisen in einer modernen Gesellschaft zu beschreiben. Es ist für uns auch fraglich geworden, ob dieser Begriff in seiner unübersehbar vielfältigen, kulturell und religiös geprägten Geschichte überhaupt nicht-relativistisch verwendet werden kann. „Das Gute“ scheint vor allem mit religiösen oder religionsphilosophischen Bedeutungen gleichsam überfrachtet zu sein. „Ethik“ - so scheint es - ist vielfach zu einer Frage der Lebenskunst oder der subjektiven Geschmacksästhetik geworden, weil die Menschen zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten unterschiedliche Vorstellungen vom „Guten“ hatten.
Das Problem einer wissenschaftlichen Ethik ist nicht, dass sie sich entwickelt und dass die heutigen ethischen Theorien nicht mit denen früherer Jahrhunderte übereinstimmen. Es ist auch kein Problem der Naturwissenschaften, dass die Positionen der vorsokratischen Naturphilosophen heute nicht mehr in den Lehrbüchern der Physik zu finden sind.
Wissenschaften entwickeln sich, und auch der Ethik als Wissenschaft sollten Entwicklungsoptionen zugestanden werden. Neben vielfältigen Unterschieden - zwischen antiken Formen der Ethik einerseits und der Ethik des 21.
Jahrhunderts andererseits - finden wir auch weitreichende Gemeinsamkeiten ethischer Konzepte. „Gut“ nennen wir zum Beispiel etwas, das uns vertraut ist. Etwas, das uns umgibt oder mit dem wir uns umgeben, weil wir es brauchen, weil es uns - auf welchen Wegen und Umwegen auch immer - „gut tut“. Etwas galt und gilt auch heute noch als „gut“, wenn es den Menschen auf unverstellte Weise gut tut. „Gut“ für uns sind z.B. die in ihrer Alltäglichkeit ebenso vertrauten wie unauffälligen Dinge, die uns durch den Tag begleiten, seien es Nahrungsmittel, Werkzeuge oder andere Handelsgüter.
Die Einsicht, dass etwas Vertrautes und Unauffälliges für uns etwas Gutes sein kann, zeigt sich in unserem Wortschatz: Wir sprechen z.B. von „Gütern“ und nennen etwas „gut“, weil wir diese Güter zum Überleben brauchen. Wasser zum Beispiel ist für uns Menschen ein ebenso natürliches wie kostbares Gut.
Viele sprachliche Wendungen erinnern uns an diese alltäglichen Bedeutungen dessen, was wir „gut“ nennen.
Etwas „tut uns gut“, wurde als „Gut“ erworben oder wird als „bewegliches Gut“ gehandelt. Wenn jemand etwas gut kann, sagen wir zum Beispiel, dass er „seine Sache gut macht“. Wer ein Musikinstrument baut, hat seine Sache gut gemacht, wenn das Instrument den künstlerischen Ansprüchen seiner Kunden genügt. Wer Schiffe baut, hat seine Sache gut gemacht, wenn das Schiff den Erwartungen seiner Auftraggeber entspricht. Würde es sofort im Hafen versinken, wäre wohl niemand bereit zu sagen, dass hier etwas besonders „gut gelungen“ ist.
Wir sprechen immer von beweglichen oder unbeweglichen Gütern. Wenn jemand ein landwirtschaftliches Gut besitzt, dann besitzt er etwas, das für ihn etwas Gutes ist. Menschen kommunizieren also nicht nur mit Worten, sondern auch mit Gütern, und dieser wechselseitige Austausch von Worten und Gütern dürfte vor 2400 Jahren nicht viel anders ausgesehen haben als heute auf einem Marktplatz.
„Gut“ kann also etwas in vielerlei Hinsicht bedeuten. Die Menschen in einer Gemeinschaft streben auf unterschiedliche Weise nach dem Guten, aber sie sind sich darin einig, dass es etwas ist, wonach alle anderen Mitglieder der Gemeinschaft auch streben, wenn auch oft auf unterschiedliche Weise.
Offenbar leben Menschen in Gemeinschaften, deren Mitglieder nach dem für sie Guten streben, um ein Leben zu führen, das auch unter harten Lebensbedingungen und bei relativ geringer Lebenserwartung noch als ein gutes Leben gelten kann. Niemand kann aber das Gute erlangen, wenn andere Menschen es ihm vorenthalten. Das Gute ist also von Anfang an etwas, das seine Anerkennung fordert und voraussetzt, um als ein für alle Menschen Gutes erkannt und anerkannt zu werden.
In diesem Zusammenhang ist auf ein mögliches Missverständnis hinzuweisen: Die Rede vom Guten in Form von Gütern könnte dazu verleiten, das Gute als Folge des gemeinsamen Handelns mit Gütern zu beschreiben. Ethik" wäre dann eine Teildisziplin der Ökonomie. Die Suche nach dem Guten funktioniert aber anders als die Suche nach etwas, das einem Marktteilnehmer nützt, aber anderen schadet. Kein Händler auf einem Marktplatz kann sich wünschen, dass andere Händler die gleichen Produkte zu den gleichen Preisen und Bedingungen anbieten. Kein Händler wird sich wünschen, dass alle anderen Händler es ihm gleichtun, denn dann würde er als Marktteilnehmer jeglichen Wettbewerbsvorteil verlieren. Anders verhält es sich mit dem Streben nach dem, was für alle gut ist: Wer ethische Handlungsnormen mit anderen teilt, verbessert die Handlungsbedingungen aller Akteure. Würde dagegen ein Unternehmer seine Wettbewerbsvorteile und sein Alleinstellungswissen mit allen Konkurrenten teilen, könnte er nur verlieren. In der Ethik hingegen gilt das Handlungsprinzip "Gewinne durch Teilen! Das Gute für alle mag also auch auf den Marktplätzen der Antike gefunden worden sein, denn auch dort suchten die Philosophen ihre Gesprächspartner, aber dieses immaterielle Gut kann nicht auf Kosten anderer gehandelt, verkauft, besessen oder ausgespielt werden. Das Gute, das die Philosophen auf den Marktplätzen griechischer oder römischer Städte im Gespräch mit den Bürgern suchten, war nicht etwas, das man sich - auf Kosten anderer - hätte aneignen können. Gut ist nur, was nicht auf Kosten anderer instrumentalisiert wird.
Aber warum sollten wir etwas suchen wollen, von dem wir annehmen müssen, dass wir es nicht zu unserem persönlichen Vorteil nutzen können? Wie auch immer diese Frage zu beantworten ist, sie setzt voraus, dass eine Antwort nur im Dialog gefunden werden kann. Wir müssen Argumente und Gegenargumente erwägen und prüfen, um Antworten auf die Fragen zu finden, die sich uns stellen. Die Frage nach dem Guten kann nur im Dialog beantwortet werden. Die Suche nach dem Guten ist bereits ein erstes Gutes, denn das, worüber wir sprechen, muss allen Gesprächspartnern gemeinsam sein, sonst wüssten sie nicht, wovon die Rede ist.
Die Suche nach dem für alle Gesprächspartner Guten beginnt also damit, über dieses Gute zu sprechen.
Sokrates war wohl der erste unter den Philosophen der Antike, der klar erkannte, dass die Suche nach dem Guten, was immer das im Einzelfall sein mag, damit beginnen muss, dass man gemeinsam darüber spricht. Im philosophischen Gespräch begeben sich Menschen auf die Suche nach etwas, das ihre gemeinsame Anerkennung als etwas für alle Vernünftiges finden kann, und diese Suche wäre sinnlos, wenn ein vernünftiges Gespräch darüber nicht möglich wäre.
Wir suchen etwas, weil wir wissen, was wir suchen. Die Suche nach dem Guten ist also keine voraussetzungslose Suche.
Das sokratische Gespräch selbst ist dieser erste Maßstab des Guten, denn in ihm wird das Gute für alle verhandelt, ausgetauscht und erinnert.
Die antiken Philosophen entdeckten schon früh, dass öffentliche Plätze besonders geeignet sind, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen. In zahlreichen überlieferten Anekdoten und Berichten wird deutlich, wie Philosophen Marktplätze nutzten, um mit ihren Zeitgenossen ins philosophische Gespräch zu kommen.
So berichtet der Philosophiehistoriker Diogenes Laertius (3. Jh. n. Chr.) von einem gewissen Diogenes von Sinope (400323 v. Chr.), der bei strahlendem Sonnenschein mit einer Laterne über den Marktplatz von Athen ging. Auf die Frage, warum er dies tue, soll er geantwortet haben: "Ich suche einen Menschen! Diogenes hatte bereits verinnerlicht, was vor ihm Sokrates (469-399 v. Chr.) gelehrt hatte: Maßstäbe für das Gute lassen sich nur im gemeinsamen und ganz persönlichen Gespräch finden. So zeitgemäß uns diese Einsicht heute erscheinen mag, so ungewöhnlich und befremdlich muss sie vor 2500 Jahren geklungen haben, denn wenn das Gute etwas Göttliches, das Göttliche aber etwas Ewiges und Unveränderliches wäre, wie könnte es dann in flüchtigen Gesprächen gefunden werden? Wie könnte man von einem unveränderlichen Guten sprechen, wenn das, worüber man spricht, sich verändert, geprüft und bewertet, angenommen oder verworfen wird? Wenn das Gute etwas ist, das im gemeinsamen Gespräch entstehen kann, dann - so scheint es - wäre es etwas Veränderliches. So veränderlich und flüchtig wie die Gespräche selbst, aus denen es - angeblich - hervorgeht. Wie aber kann ein Handlungsmaßstab immer wieder neu verhandelbar werden, ohne seine Funktion als Maßstab zu verlieren? Wendet man den Blick von den vielfältig verhandelten Inhalten ab und betrachtet nicht mehr diese, sondern die Bedingungen, unter denen Gespräche geführt werden, so erkennt man bestimmte Voraussetzungen unserer wechselseitigen Verständigung.
Obwohl zum Beispiel über den Preis der angebotenen Waren gestritten werden kann, obwohl Klatsch und Tratsch auf Marktplätzen die Regel sind und obwohl das Niveau der Gespräche sicher nicht an eine philosophische Akademie erinnert, verlassen Käufer und Verkäufer in der Regel den Ort in der Gewissheit, ein gutes Geschäft gemacht zu haben.
Hätten sie sich auf diesen Märkten nicht an die ritualisierten Verhandlungsregeln gehalten, wäre es wohl kaum zu einem guten Geschäft gekommen. Die Idee, dass sich ein gemeinsames Gutes für alle Marktteilnehmer finden lässt, ist also keine Spinnerei antiker Philosophen, denn dieses gemeinsame Gute ist auch in den Bedingungen gelingender Verständigung zu suchen. Das sokratische Gespräch ist der Versuch, diese Suche nach dem Guten - unter Anleitung eines erfahrenen Gesprächsleiters - auch jenseits aller Marktplätze in Gang zu setzen.
Wenn wir uns auf diese Weise der Frage nähern, wie Ethik in der griechischen Antike entstanden ist, dann bieten uns die erwähnten sokratischen Gespräche, die von Platon (428-348 v. Chr.), einem Schüler des Sokrates, aufgezeichnet oder teilweise aus dem Gedächtnis rekonstruiert wurden, anschauliche Beispiele. (→ Sokrates / Platon) Die Praxis der gemeinsamen Arbeit an einer Frage war in den sokratisch-platonischen Dialogen eng mit allgemeinen theoretischen Überlegungen und Argumenten verbunden.
Philosophie wurde aber nicht nur betrieben, um theoretisches Wissen zu vermitteln. Auch das praktische Handeln war Gegenstand der Erörterungen und Diskussionen.
Beides war zu bedenken: Theorie und Praxis des Handelns.
Das Sprichwort „Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis“ verweist auf das bekannte Problem der Trennung zwischen Philosophen, die im Rahmen ihrer Grundlagenforschung über ein Problem nachdenken, und jenen Praktikern, die bereits gewonnene Erkenntnisse anwenden. Eine Trennung zwischen „Theorie“ und „Praxis“ ist jedoch in vielen Fällen weder sinnvoll noch zweckmäßig.
Letzteres lässt sich leichter erkennen, wenn man elementare Formen sprachlicher Kommunikation betrachtet. Wenn eine sprachliche Äußerung mit ihrem Vollzug verbunden ist, kann niemand ein Versprechen nur „theoretisch“ abgeben.
Aussagen wie „Hiermit verspreche ich dir, dass...“ erlauben keine Trennung von Theorie und Praxis des Sprachgebrauchs.
Dies mag unter anderem ein Grund dafür gewesen sein, dass vielen antiken Philosophen nur das gesprochene, nicht aber das geschriebene Wort geeignet erschien, philosophische Probleme zu erörtern. Das uns heute vertraute Lehrer-Schüler-Verhältnis verzerrt diesen Sprachgebrauch. So legte Sokrates großen Wert darauf, nicht mit einem Lehrer verwechselt zu werden, der seinen Schülern theoretisches Wissen vermittelt, das diese lediglich zu akzeptieren haben.
Sokratische Dialoge sind kein „Buchstabenwissen“, sondern greifen in das Handeln selbst ein. Das Verhältnis von Lehren und Lernen wird austauschbar: Der Lehrende ist nicht weniger ein Lernender als der Lernende ein Lehrender ist. Ein Bildungsideal, das für viele Jahrhunderte in Vergessenheit geraten sollte.
Wenn wir heute über das Verhältnis von Theorie und Praxis sprechen, gehen wir davon aus, dass ein theoretisches oder praktisches Problem - so oder so - lösbar ist. Wenn die Theorie versagt, findet sich vielleicht in der Praxis eine Lösung. Umgekehrt, wenn keine praktische Anwendung gefunden werden kann, ist es immer noch möglich, dass ein Problem zumindest in der Theorie gelöst werden kann. Was wir aber in den erwähnten sokratischen Dialogen finden, ist gerade nicht ein Wechselspiel zwischen theoretischen und praktischen Lösungsansätzen für ein Problem. Wenn ein argumentativer Lösungsversuch eines ethischen Problems scheitert, dann scheitert er nicht nur in der Theorie. Wenn andererseits eine Handlungspraxis scheitert, dann sind theoriegeleitete Begründungen möglich, die dieses Scheitern erklären. Wenn ein praktisches Beispiel die Anwendung einer allgemeinen Theorie oder einer allgemeinen theoretischen Annahme ist, dann scheitert mit der Praxis auch eine theoretische Verallgemeinerung dessen, was im praktischen Anwendungsfall geschehen ist. Unter dieser Voraussetzung kann eine Situation nicht eintreten, nämlich dass etwas in der Praxis funktioniert, in der Theorie aber nicht. In der sokratischen Philosophie war die Praxis des gemeinsamen Arbeitens an einer Frage so eng mit allgemeinen theoretischen Überlegungen und Argumenten verbunden, dass es unmöglich gewesen wäre, diese Gespräche gleichsam als Unterrichtseinheiten zur Vermittlung theoretischen Wissens zu beschreiben.
Und doch ist diese Trennung - bedingt durch Formen wissenschaftlicher Arbeitsteilung - auch heute noch üblich, auch wenn allenthalben zu hören ist, es sei an der Zeit, Theorie und Praxis zu versöhnen und die Wissenschaft aus ihren praxisfernen Elfenbeintürmen zu befreien.
Die Unterscheidung von Theorie7 und Praxis geht im Wesentlichen auf Aristoteles zurück, bezieht sich dort aber auf Vermittlungsprozesse zwischen Lehrenden und Lernenden, also gerade nicht auf Gespräche unter Wissenschaftlern, die gemeinsam nach Antworten suchen, um eine Frage zu beantworten oder um ein gestelltes Problem zu lösen. In Lehrer-Schüler-Verhältnissen und bei vorausgesetztem Wissensgefälle haben wir es nicht länger mit der Einheit von Theorie und Praxis zu tun, wie sie uns noch in der Akademie Platons begegnet. Aristoteles vertritt das Prinzip der wissenschaftlichen Arbeitsteilung. Theorie und Praxis der Forschung repräsentieren diese Arbeitsteilung jedoch nur, solange beide unterschiedliche Ziele verfolgen.
Weil es aber Aufgabe der Ethik ist, die für alle gemeinsamen Handlungsziele zu beschreiben, muss auch Aristoteles in seiner Ethik die Trennung von Theorie und Praxis wieder zurücknehmen8. Traditionsbildend wurden in der Folge dennoch beide Ansätze: das sokratisch-platonische Modell der Einheit von Theorie und Praxis ebenso wie jenes der wissenschaftlichen Arbeitsteilung und das Auseinandertreten von Theorie und Praxis in der aristotelischen Philosophie.
In den aktuellen wissenschaftstheoretischen und ethischen Debatten zeigt sich glücklicherweise deutlich die Tendenz, Theorie und Praxis nicht länger zu trennen und die Praxistauglichkeit einer Theorie nicht weniger zu fordern als die Theorietauglichkeit der Praxis.
So verwirrend die Unterscheidung zwischen Theorie und Praxis in der Philosophie sein mag, noch verwirrender ist wahrscheinlich die Unterscheidung zwischen historischen und systematischen Aspekten der Philosophie. Woher kommt diese Verwirrung?
Jede Geschichte kann auf unterschiedliche Weise erzählt werden. Aber selten besteht eine Geschichte aus einer Abfolge von Ereignissen. Man könnte die Geschichte der Philosophie als eine chronologische Abfolge von Lehrmeinungen beschreiben. Aber das wäre eine sehr oberflächliche Erzählung. Diejenigen, die schon in der Antike die Aufgabe hatten, diese Geschichte aufzuzeichnen, konnten dieser Aufgabe nur gerecht werden, indem sie entweder die Fülle der zu vermittelnden Informationen einschränkten oder die Informationslücken durch subjektive Rekonstruktionen oder fiktionale Erzählungen zu füllen versuchten. Wenn heute Zeitschriften oder Zeitungen ihre Zielgruppen bedienen und die Weitergabe von Informationen filtern, setzen sie damit eine Technik fort, die wir bereits in der Antike finden. Auch die Reporter oder Chronisten früherer Zeiten bedienten die Interessen ihrer Auftraggeber oder des Publikums. Was als wichtig genug erachtet wurde, um darüber zu berichten, hing damals wie heute von Faktoren ab, die sich zwar im Laufe der Zeit verändert haben, aber nie in einem sozusagen interessenfreien gesellschaftlichen Vakuum entstanden sind. Zum anderen ist die Frage, welche Texte überliefert werden, auch dem Zufall überlassen, denn zahllose unvorhersehbare Ereignisse spielen ebenfalls eine entscheidende Rolle bei der Textüberlieferung. Oft sind nur jene Texte überliefert, die nicht den Flammen oder anderen verheerenden Ereignissen zum Opfer gefallen sind. Schätzungen gehen davon aus, dass aus den Beständen antiker Bibliotheken heute vielleicht nur noch jeder tausendste Text erhalten ist. Der Gesamtbestand der heute bekannten antiken Texte (ca. 3000 Schriftrollen) könnte in jedem größeren Raum untergebracht werden. Manchmal kennen wir nur die Schriftenverzeichnisse und Berichte späterer Autoren, die uns eine gewisse Kenntnis der damaligen Literatur vermitteln. So berichtet der Philosophiehistoriker Diogenes Laertius (3. Jh. n. Chr.) von Texten, die bis heute unauffindbar sind oder nur in Fragmenten die Zeiten überdauert haben. Von zahllosen Texten der antiken Philosophiegeschichte sind nicht einmal die Titel überliefert. Dass es sie dennoch gegeben haben muss, lässt sich indirekt erschließen. Zum Beispiel aus dem Rauminhalt der Ruinen antiker Bibliotheken. Kurz: Es grenzt an ein Wunder, dass sich aus den Schriften überhaupt ein einigermaßen gesichertes Wissen über die Philosophie dieser Zeit rekonstruieren lässt. Die erhaltenen antiken Schriften zu Fragen der Ethik sind oft nur in Abschriften oder Übersetzungen aus zweiter Hand bekannt. Nicht wenige der auf oft abenteuerlichen Wegen überlieferten Werke griechischer Philosophen wirken heute auf den unbefangenen Leser so, als habe jemand mit Schere und Klebstoff aus Bruchstücken etwas zusammengesetzt, das zwar den Anschein eines in sich geschlossenen Textes erwecken mag, tatsächlich aber auf einer fragwürdigen Zusammenstellung überlieferter Fragmente beruht. Wenn es dennoch möglich ist, einen gewissen Konsens darüber zu finden, was die Philosophen dieser Epoche gelehrt haben, so verdanken wir diesen Konsens der philologischen und textvergleichenden Forschung.
Gelegentlich erinnert die Rekonstruktion dieser Texte an den Versuch, den Verlauf einer antiken Straße aus verstreuten Pflastersteinen zu rekonstruieren. Erstaunlicherweise gelingt dies oft, denn unter normalen Umständen berücksichtigt der Verlauf einer Straße die geographischen und geologischen Gegebenheiten einer Trasse. Überträgt man diese methodische Analogie auf die Rekonstruktion antiker Texte, so wird man auch hier in vielen Fällen die Textgestalt rekonstruieren können. Bedenkt man andererseits, dass zur Kenntnis der Entwicklung philosophischer Positionen und Theorien auch die Kenntnis der historischen Kontexte ihrer Entstehung gehört, so wird deutlich, dass trotz aller philologischen, komparatistischen oder archäologischen Leistungen und Errungenschaften ein erheblicher Teil des überlieferten Wissens in seiner überlieferten Form problematisch bleiben muss. Die Geschichte der Philosophie gleicht in gewisser Weise einem komplizierten Puzzle, dessen wenige überlieferte Teile Anlass zur Hoffnung geben, aus ihnen auf den Inhalt eines viel größeren Bildes schließen zu können. Ein beträchtlicher Teil der heute als gesichert geltenden Geschichte der antiken Philosophie beruht auf solchen Rekonstruktionsversuchen, philologischen Analysen, historischen Interpolationen, paläographischen Rekonstruktionen und anderen Methoden der Textrekonstruktion.
Dennoch ist die Frage, was unter „Philosophiegeschichte“ zu verstehen ist, häufig mit Klischees verbunden. Zum einen ist die Vorstellung einer Philosophiegeschichte als Chronik von Ereignissen irreführend. Eine Geschichte so zu erzählen, dass in ihr eine kulturgeschichtliche Entwicklungslinie des Denkens sichtbar wird, kann niemals in einer inhaltsleeren Aneinanderreihung verstreuter Texte enden, so als seien Herkunft, Überlieferungs- und Rezeptionsgeschichte etwas fraglos Gegebenes. Zum anderen ist die Philosophiegeschichte bereits der erste Anwendungsfall philosophischer Theoriebildung, in dem sie sich zu bewähren hat. Die Suche nach Motiven und Gründen für die Überlieferung eines Textes schließt die Suche nach einer Theorie der Wissenschaftsentwicklung ein. Niemand wird behaupten können, ein Philosoph aus Athen habe diese oder jene Auffassung vertreten, wenn man nicht zugleich weiß, welche Auffassungen von Natur und Gesellschaft zu dieser Zeit und an diesem Ort üblich oder zu erwarten waren.
Andererseits setzt ein Vergleich der damals und heute verwendeten Begriffe natürlich auch voraus, dass man zumindest annähernd weiß, welche Wandlungen philosophische Begriffe im Laufe der Jahrhunderte durchlaufen haben. Erst wenn diese Fragen geklärt sind, macht eine systematische Darstellung der Begriffe Sinn. Kurz: Systematisch nennt man jene Form der Philosophie, die das Funktionieren eines Begriffs unter der methodischen Voraussetzung beschreibt, dass seine Verwendung zu allen Zeiten im Wesentlichen vergleichbar ist, weil - über alle Zeiten hinweg - ein und dasselbe Problem geblieben ist. Beispielsweise ist die Frage, unter welchen Bedingungen welche Handlungen ethisch geboten sind, eine zu allen Zeiten im Wesentlichen vergleichbare Frage, deren Antworten systematisch verglichen werden können. Mit anderen Worten: Systematische Philosophie setzt voraus, dass philosophische Begriffe und Theorien über die Jahrhunderte hinweg vergleichbare Probleme untersuchen konnten. Ein philosophisches Problem der Antike ist in gewisser Weise zeitlos, wenn wir heute noch an seiner Lösung arbeiten, auch wenn sich die wissenschaftlichen Arbeitsmethoden und Theorien natürlich ständig verändern und verbessern. Wenn eine Geschichte der Philosophie diese systematische Ebene der Vergleichbarkeit von Problemen erreicht, ist sie nicht länger eine Chronologie verstreuter Lehrmeinungen.
Nicht weniger verwirrend als die begrifflichen Konsequenzen unserer Unterscheidung zwischen Theorie und Praxis oder zwischen Geschichte und System der Ethik ist die Unterscheidung zwischen Ethik und Moral. Ethik im ursprünglichen Sinne bedeutet die Sitten und Gebräuche der Menschen an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit.
Als der römische Rechtsanwalt, Schriftsteller und Philosoph Marcus Tullius Cicero (106-43 v. Chr.) begann, griechische Texte ins Lateinische zu übersetzen, suchte, fand und erfand er lateinische Begriffe, sozusagen sprachliche Entsprechungen der griechischen philosophischen Fachterminologie für die lateinische Sprache. Aus dem altgriechischen „êthikê“ wurde „philosophia moralis“ und daraus das deutsche Lehnwort „Moral“ bzw. „Moralphilosophie“. Dennoch hält sich bis heute die Auffassung, Ethik und Moral seien unterschiedliche Disziplinen, weil die Moralphilosophie die Aufgabe habe, konkrete Handlungsnormen zu finden, während die Ethik die Aufgabe habe, den theoretischen Überbau der Moralphilosophie zu beschreiben.
Diese noch immer verbreitete Auffassung ist aus mehreren Gründen zurückzuweisen. Jeder Mensch ist, wenn er handelt, Mitglied einer Gemeinschaft. Wenn also derjenige, der denkt und plant, auch derjenige ist, der handelt und seine Pläne im Handeln umsetzt, dann ist jede Handlungspraxis das Ergebnis rationaler Überlegungen. Man könnte auch sagen, dass jede Handlung theoriegetränkt ist, weil es unmöglich ist, Mittel und Zweck einer Handlung zu bestimmen, ohne über ihr Verhältnis zueinander nachzudenken. Genau für diesen Fall wurde in der Antike der Begriff „Ethik“ geprägt, denn moralisch handelt, wer als Individuum und in Übereinstimmung mit gesellschaftlich anerkannten Sitten handelt. Ein Athener handelte im Stadtstaat der Athener als Athener, sonst wäre er kein Athener. Wollte man einem Athener sagen, er handele wie ein Spartaner, der sich nach Athen verirrt habe, so würde man ihn beleidigen.
Die bereits angedeutete Unmöglichkeit, Theorie und Praxis in einer Handlungskonvention zu trennen, wird vielleicht noch deutlicher, wenn wir diese Unterscheidung am Beispiel eines Gesellschaftsspiels erläutern. Niemand kann ein Gesellschaftsspiel nur in der Theorie spielen, denn jedes Beispiel, das die Theorie beschreibt, ist ein Beispiel für die Spielpraxis dieses Gesellschaftsspiels. In jedem Fall erklärt die Spielpraxis das Spiel nicht weniger als die Theorie, die dieses Spiel beschreibt. Wenn wir also zwischen „Ethik als Theorie“ und „Moral als angewandter Ethik“ unterscheiden müssen, dann können wir diesen Unterschied als einen Aspekt desselben moralischen Handelns beschreiben. Wir wären auch fiktiv nicht in der Lage, Beispiele für ein angeblich theoriefreies Handeln zu finden. Auch eine Moral setzt eine Handlungstheorie voraus, sonst wäre sie nur blindes aktionistisches Handeln. Soweit Fragen der Anwendung einer Ethik ins Spiel kommen, können wir von angewandter Ethik oder von Bereichsethiken sprechen, nicht aber davon, dass Moral für unreflektiertes Handeln steht und „Ethik“ nur für praxisferne Theorie der Moral.
Bereichsethiken sind z.B. Sozialethik, Medizinethik, Umweltethik, Medienethik etc. Insofern sich Ethik und Moral auf das oben beschriebene Verhältnis von Theorie und Praxis beziehen, ist die Trennung dieser Begriffe (Ethik / Moral) in unserer Sprachpraxis zwar noch präsent, aber die Gründe, die gegen die Trennung von Theorie und Praxis sprechen, sind auch die Gründe, die gegen die Unterscheidung von Ethik und Moral sprechen.
Auf der Grundlage der bisher beschriebenen begrifflichen Differenzierungen lässt sich die Ethik - grob gesprochen - wie folgt gliedern:
Die deskriptive Ethik beschreibt das Verhalten von Menschen, bewertet es aber nicht. Die normative Ethik hingegen formuliert ethische Imperative, entweder auf der Grundlage allgemein gültiger Regeln oder auf der Grundlage der Anwendung einer Theorie anhand von Beispielen. Deskriptive Ethik, die sich der normativen Bewertung menschlichen Handelns enthält, ist die Voraussetzung jeder normativen Ethik, denn niemand kann sagen, was in einer Situation zu tun ist, wenn er nicht in der Lage ist, diese Situation adäquat zu beschreiben. Ob dies der Fall ist, kann wiederum nur die deskriptive Ethik zeigen, mit deren Hilfe wir beschreiben, was geschieht.
In diesen Skripten werden sich die meisten Texte auf normative Ethiken beziehen. Eine Ausnahme bilden die deskriptive Ethik Wittgensteins und die Diskurstheorie bei Habermas, letztere aber nur insofern, als in ihr immer auch Geltungsansprüche der Diskursteilnehmer/innen beschrieben werden können, ohne aus der Beschreibung dieser Ansprüche diese auch in ihrer normativen Verallgemeinerung behaupten zu müssen.
Die noch nicht erwähnte „Metaethik“ beschreibt das Verhältnis verschiedener Theorien der Ethik zueinander. Auch die Metaethik ist eine Form der deskriptiven Ethik, denn sie entscheidet nicht, welcher der von ihr analysierten Theorien der Ethik der Vorzug zu geben ist. Vielmehr analysiert sie den Stufenbau der Ethik, der bei individuellen Handlungsentscheidungen beginnt und bei allgemeinen Theorievergleichen universeller Handlungsnormen endet.
Lernziele
Verstehen des Unterschieds zwischen deskriptiven und normativen Aussagen
Verstehen, warum und wie in der Ethik nach Handlungsnormen gesucht wird
Erste Einsicht in die Interdependenz von gesellschaftlichen Konventionen und Handlungsregeln
Einsicht in die einerseits vielfältige, andererseits universale Bedeutung des "Guten
Erste Einsicht in die Funktion des Diskurses bei der Suche nach allgemeingültigen Bestimmungen des Guten
Verständnis des Verhältnisses von Theorie und Praxis
Erstes Verständnis der Unterscheidung zwischen „Geschichte“ und „System“ der Ethik
Verständnis der Begriffe "Ethik" und "Moral
Übungen
Übungen zur Begriffsanalyse:
Was bedeutet es, wenn Menschen etwas als „gut“ bezeichnen?
Übungen zur Klärung der folgenden Begriffsbeziehungen:
Diskutieren Sie die folgenden Begriffsbeziehungen und suchen Sie nach analytischen Beschreibungen der verwendeten Begriffe:
Übungen zur Frage, ob und inwiefern Beschreibungen theoriegetränkt sind:
Diskutieren Sie, ob die Auswahl eines Beschreibungsausschnittes bereits eine Bewertung des zu Beschreibenden enthalten muss.
Diskutieren Sie, ob eine theoriefreie Beschreibung unserer Umwelt möglich ist.
Übungen zur Frage der Unterscheidung von deskriptiven und normativen Aussagen:
Diskutieren Sie die Frage, was man tun muss, um mit einem Maßstab eine Länge zu normieren, und was man tun muss, um mit diesem Maßstab etwas zu beschreiben.
Was kann man unter „Verhältnismäßigkeit“ verstehen, wenn man menschliches Handeln beschreibt?
Übungen zur Frage der Vergleichbarkeit von ökonomischen und ethischen Gütern:
Wodurch unterscheiden sich ökonomische und ethische Güter?
Übungen zu den diskursiven Grundlagen der Anerkennung des Guten:
Inwiefern ist ein Diskurs über das Gute Voraussetzung für die begriffliche Bestimmung des Guten?
Wie kann das, was dauerhaft gut ist, aus Diskursen mit wechselndem Inhalt hervorgehen?
Was versteht man unter einer relativistischen Ethik?
Was spricht für, was gegen einen ethischen Relativismus?
Nennen Sie Beispiele für die vielfältigen Bedeutungen von „gut“ im alltäglichen Sprachgebrauch.
Übungen zur Unterscheidung der Begriffe „Theorie“ und „Praxis“:
Warum ist es problematisch, Theorie und Praxis der Ethik gegeneinander auszuspielen?
Übungen zur Unterscheidung von „Ethik“ und „Moral“:
Diskutieren sie die Frage, was für und was gegen eine Trennung von Theorie und Praxis in den Wissenschaften spricht.
Übungen zur Unterscheidung von Geschichte und Systematik der Philosophie:
Was unterscheidet eine chronologisch berichtete Abfolge von Ideen von einer Entwicklungssystematik dieser Ideen?
1 Etwa bei den Philosophen Seneca (1-65 n. Chr.), Marc Aurel (121-180 n.Chr.) oder Boethius (480-524 n. Chr.).
2 Beispielsweise bei Thales von Milet (624-545 v.Chr) , Anaximander (610-547 v.Chr.), Anaximenes (585-525 v.Chr.), Parmenides aus Elea (520-460 v. Chr.), Empedokles (495-435 v.Chr.), Demokrit (460-370 v. Chr.).
3 Die Tätigkeit der Seele wird seit der Antike als etwas der Luft Verwandtes gedacht, weil Wind und Seele gleichermaßen durch die Natur gelenkt werden können.
4 Die Frage, wie ein Maßstab beschaffen sein muss, um unser Verhalten zu vermessen, ist z.B. in Platons Dialog „Philebos“ ein Diskussionsthema.
5 Wir werden dieses Konzept einer Ethik des „angemessenen Verhaltens“ im Kontext der aristotelischen Philosophie an anderer Stelle näher betrachten.
6 Diese Konstellation entspricht nicht nur dem szenischen Aufbau der sokratisch-platonischen Dialoge, sondern auch dem der griechischen Tragödie oder Komödie.
7 „θεωρεῖν / theoreîn“: „beobachten, betrachten, schauen“ und „πρᾶγμα / prâgma: Tat, Handlung, Verrichtung.
8 Die „Nikomachische Ethik“ des Aristoteles wurde nach seinem Sohn (Nikomachos) benannt, und deutet bereits im Titel die Verbindung Theorie und Praxis an, die jede Handlungstechnik voraussetze.
Was Abraham für die drei Weltreligionen war, ist Sokrates
(469-399 v. Chr.) für die Philosophie der Antike. Alle philosophischen Strömungen und Schulen dieser Zeit beziehen sich direkt oder indirekt auf Elemente oder Methoden der sokratischen Philosophie, sei es die Philosophie seines Schülers Platon, seien es die Lehren der Stoa, der Kyniker oder der Epikureer.
Spätestens mit diesem Denker war die Philosophie der griechischen Antike auch aus dem öffentlichen Diskurs und dem politischen Leben Athens nicht mehr wegzudenken. Sokrates verzichtete darauf, sein philosophisches Denken schriftlich niederzulegen. Er hat sein ganzes Leben lang keine Zeile geschrieben, jedenfalls keine, die uns bis heute bekannt ist. Was wir über Sokrates wissen, wissen wir aus den Aufzeichnungen seines Schülers Platon. Wir wissen aber nicht, welche Teile der erhaltenen Texte auf Platon und welche auf Sokrates zurückgehen. Über eine angemessene Antwort auf die Frage, welche der Dialoge (διάλογος / diálogos / Gespräch) eher sokratische oder eher platonische Inhalte vermitteln, streiten sich die Gelehrten seit Jahrhunderten. Umstritten ist bereits, ob alle Texte, die unter dem Namen Platons überliefert sind, tatsächlich von Platon stammen. Immer wieder wurden Platon auch Texte zugeschrieben, die nicht von ihm, sondern von seinen Schülern und/oder von Nachlassverwaltern der Akademie verfasst worden waren. Die Diskussion über die Authentizität dieser Texte hält bis heute an9. Insbesondere in den späten Dialogen Platons ist der Grad der Authentizität der Aussagen des Sokrates zweifelhaft, da ein Maßstab fehlt, um diese Frage außerhalb der Kontexte der platonischen Schriften überprüfen zu können. Lediglich die von Xenophon, einem Schüler des Sokrates, überlieferten Texte erlauben im Falle einzelner Dialoge („Symposion“, „Apologie“, „Glaukon“) vage Vergleichsmöglichkeiten. In allen anderen Fällen fehlen uns die Maßstäbe für vergleichende Textanalysen, da uns kaum andere Quellen zur Einschätzung und Bewertung des sokratischen Denkens zur Verfügung stehen als die, die uns Platon hinterlassen hat. Immerhin lassen sich in den von Platon überlieferten Gesprächen wiederkehrende Argumentationsmuster der Gesprächsführung erkennen, die für die sokratischen Dialoge typisch sind. So drängt Sokrates seine Gesprächspartner, die Antworten auf die ihnen gestellten Fragen durch eigenes Nachdenken zu finden, verwickelt sie immer wieder in ein Geflecht von Fragen, Einwänden und neuen Problemstellungen oder hilft ihnen, ihre eigenen Thesen präziser zu formulieren. Sokrates geht es
in diesen Gesprächen aber nicht nur darum, neue Antworten auf alte oder neue Fragen zu finden; sein Interesse an diesen Dialogen ist vielmehr von der Absicht motiviert, seine Gesprächspartner in einen Zustand zu versetzen, den die Stoiker, die sich ebenfalls auf Sokrates beriefen, als Zustand der Seelenruhe beschrieben, weil er die Voraussetzung für klares und vorurteilsfreies Denken sei. Die uns heute vertraute Vorstellung, dass der Zweck eines Problems seine Lösung sei oder dass eine Frage nur dort bestehe, wo es auch eine Antwort gebe, war weder vorrangiges Motiv noch Ziel des sokratischen Philosophierens. Möglicherweise hat Sokrates als Philosoph nur deshalb zahllose andere Philosophen nachhaltig beeinflusst, weil in seiner Person das philosophische Denken erstmals nicht unter dem selbst auferlegten Zwang leidet, auf jede Frage zwingend auch eine Antwort finden zu müssen. Dieser offene Zugang zur Philosophie findet sich allerdings nur in den frühen sokratischen Dialogen. In den späteren Dialogen scheinen immer mehr Gedanken und Überzeugungen Platons in die Aufzeichnungen der sokratischen Gespräche einzufließen. Die Frage nach der Authentizität der von Platon überlieferten Gespräche des Sokrates ist daher ein Dauerthema ihrer Interpretationsgeschichte.
Unabhängig von Fragen der Authentizität dieser Texte ist die Wirkungsgeschichte der sokratisch-platonischen Texte ein kulturgeschichtliches Faktum, an dem sich auch dann nichts ändern würde, wenn einzelne Texte von anderen Autoren als bisher angenommen verfasst worden wären. Die Wirkungsgeschichte eines Textes ist nicht notwendigerweise eine Folge unserer Kenntnis der Textquellen bzw. unserer Kenntnis ihrer Verfasserschaft. Dies kann hier nur angedeutet werden.
Auf den ersten Blick erscheinen die Texte, die uns Platon als Aufzeichnungen der Gespräche und Dialoge des Sokrates überliefert hat, seltsam unspektakulär. In diesen Gesprächen geht es um ganz alltägliche Menschen, Dinge oder Ereignisse, die uns vertraut erscheinen. In diesen sokratischen Gesprächen werden Menschen geschildert, die auf die ihnen gestellten Fragen zunächst auf eher trivial erscheinende Weise zu antworten versuchen. Unter der Oberfläche dieser scheinbar trivialen Gesprächsbeiträge verbergen sich jedoch meist tiefgründige philosophische Probleme. So finden wir in diesen Dialogen existenzielle Fragen ebenso diskutiert wie Fragen der theoretischen und praktischen Philosophie oder Fragen nach den Wesensbestimmungen des Guten. Vor allem letztere sollen hier unser Thema sein. Der Komplexität der in den sokratischen Dialogen geführten Gespräche gerecht zu werden, ist in der Regel eine Herausforderung.
Unterschiedliche Problemstellungen sind in den sokratischen Dialogen eng miteinander verwoben und erwecken beim Leser unwillkürlich den Eindruck einer entweder fehlenden oder leicht chaotisch anmutenden Technik der Gesprächsführung. Verwirrend ist auch die Quellenlage. Zwar wissen wir, dass Platon die sogenannten sokratischen Dialoge teils als Ohrenzeuge aus dem Gedächtnis, teils aus zweiter Hand aufgezeichnet hat, doch ist ebenso klar, dass diese Aufzeichnungen - wie erwähnt - auch Platons Gedankenwelt widerspiegeln. Ohne die von Platon aufgezeichneten Gespräche, die teils aus der Erinnerung, teils aus Berichten rekonstruiert wurden, wüssten wir so gut wie nichts über die Lehrtätigkeit dieses Philosophen.
Aber auch ohne die schriftlichen Rekonstruktionen seiner Reden war Sokrates zu Lebzeiten einem Publikum bekannt, das sich nicht für philosophische Fragen interessierte und dessen Kenntnis seiner Person entweder auf Gerüchten beruhte oder beispielsweise auf dem Inhalt einer Komödie des Dichters Aristophanes (450-380 v. Chr.), der Sokrates zur zentralen Figur einer dieser Komödien machte („Die Wolken“/
αἱ νεφέλαι/ hai nephélai). Es ist nicht auszuschließen, dass dieses komisch-spöttische Werk das Publikum im späteren Prozess gegen Sokrates teilweise negativ beeinflusst hat. Aber auch unabhängig von dem zweifelhaften Ruhm, den ihm diese Komödie einbrachte, war Sokrates den politischen Machthabern in Athen als eher kritischer Zeitgenosse bekannt. Sokrates wandte sich an die Menschen auf den Straßen und Plätzen Athens und verwickelte sie in oft lange Diskussionen.10. Der Inhalt dieser öffentlich geführten Gespräche und das Interesse der daran teilnehmenden Männer Athens bildeten den Kern der späteren Anklage, auf deren Grundlage ein Gerichtsverfahren stattfand, in dem Sokrates wegen Gottlosigkeit und Verführung der Jugend angeklagt wurde. Sokrates wurde in diesem Prozess zum Tode verurteilt und vollstreckte dieses Urteil schließlich an sich selbst („Schierlingsbecher“).
Alle, die in den folgenden Jahrhunderten in der Philosophie Rang und Namen erlangten, beriefen sich auf das moralische Vorbild, das dieser Philosoph den Menschen durch sein Leben und seinen Tod gegeben hatte und dessen philosophisches
